Ludwig Fugeler, Roman
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Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: „Es ist schade, daß der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.“ Und sie erzählte eine Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe. Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so weit nicht zurückreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerührter Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben? Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war, um ein eigenes Leben zu führen?
Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und Jungen sprach: „Kommet wieder, Menschenkinder,“ und die ihn nun beim Namen rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer, der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen.
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Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser, soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den Weg gewesen wäre. Was mich betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen, mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah, angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: „Nein, das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen. Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.“
Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.
Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein, hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit keinem Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei, ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: „Wir wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein Bruder sein, das wäre das beste.“
Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf, weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für allemal gewesen, das spürte ich.
Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir vier Wochen lang nicht mehr spazieren.
Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem Grund nachzufragen.
Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: „Jetzt weiß ich erst, was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.“
Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte aus ihr heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will, einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann.
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Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut, nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: „Ja, nicht wahr, wir Jungen, wir schaffen es schon,“ oder dergleichen. Ich wußte nicht recht, was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.
Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: „Es hat ihn wieder einmal,“ und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.
Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte, der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig gewöhnt war.