Marthe und ihre Uhr
Marthe und ihre Uhr.
Meiner Mutter
zum
We i h n a c h t a b e n d 1854
Marthe und ihre Uhr.
Während der letzten Jahre meines Schulbesuchs wohnte ich in einem
kleinen Bürgerhause der Stadt, worin aber von Vater, Mutter und
vielen Geschwistern nur eine alternde, unverheiratete Tochter
zurückgeblieben war. Die Eltern und zwei Brüder waren gestorben,
die Schwestern bis auf die jüngste, die einen Arzt am selbigen Ort
geheiratet hatte, ihren Männern in entfernte Gegenden gefolgt. So
blieb denn Marthe allein in ihrem elterlichen Hause, worin sie sich
durch das Vermieten des früheren Familienzimmers und mit Hilfe
einer kleinen Rente spärlich durchs Leben brachte. Doch kümmerte es
sie wenig, daß sie nur Sonntags ihren Mittagstisch decken konnte;
denn ihre Ansprüche an das äußere Leben waren fast keine; eine
Folge der strengen und sparsamen Erziehung, die der Vater sowohl
aus Grundsatz, als auch in Rücksicht seiner beschränkten bürgerlichen
Verhältnisse allen seinen Kindern gegeben hatte. Wenn aber Marthen
in ihrer Jugend nur die gewöhnliche Schulbildung zuteil geworden
war, so hatte das Nachdenken ihrer späteren einsamen Stunden,
vereinigt mit einem behenden Verstande und dem sittlichen Ernst
ihres Charakters, sie doch zu der Zeit, in der ich sie kennen lernte, auf
eine für Frauen, namentlich des Bürgerstandes, ungewöhnlich hohe
Bildungsstufe gehoben. Freilich sprach sie nicht immer grammatisch
richtig, obgleich sie viel und mit Aufmerksamkeit las, am liebsten
geschichtlichen oder poetischen Inhalts; aber sie wußte sich dafür
meistens über das Gelesene ein richtiges Urteil zu bilden und, was so
Wenigen gelingt, selbständig das Gute vom Schlechten zu
unterscheiden. Mörikes »Maler Nolten«, der damals erschien, machte
großen Eindruck auf sie, so daß sie ihn immer wieder las; erst das
Ganze, dann diese oder jene Partie, wie sie ihr eben zusagte. Die
Gestalten des Dichters wurden für sie selbstbestimmende lebende Wesen, deren Handlungen nicht mehr an die Notwendigkeit des
dichterischen Organismus gebunden waren; und sie konnte
stundenlang darüber nachsinnen, auf welche Weise das
hereinbrechende Verhängnis von so vielen geliebten Menschen
dennoch hätte abgewandt werden können.
Die Langeweile drückte Marthen in ihrer Einsamkeit nicht, wohl aber
zuweilen ein Gefühl der Zwecklosigkeit ihres Lebens nach außen hin;
sie bedurfte jemandes, für den sie hätte arbeiten und sorgen können.
Bei dem Mangel näher Befreundeter kam dieser löbliche Trieb ihren
jeweiligen Mietern zugute, und auch ich habe manche Freundlichkeit
und Aufmerksamkeit von ihrer Hand erfahren. — An Blumen hatte
sie eine große Freude, und es schien mir ein Zeichen ihres
anspruchslosen und resignierten Sinnes, daß sie unter ihnen die
weißen und von diesen wieder die einfachen am liebsten hatte. Es war
immer ihr erster Festtag im Jahre, wenn ihr die Kinder der Schwester
aus deren Garten die ersten Schneeglöckchen und Märzblumen
brachten; dann wurde ein kleines Porzellankörbchen aus dem
Schranke herabgenommen; und die Blumen zierten unter ihrer
sorgsamen Pflege wochenlang die kleine Kammer.
Da Marthe seit dem Tode ihrer Eltern wenig Menschen um sich sah
und namentlich die langen Winterabende fast immer allein zubrachte,
so lieh die regsame und gestaltende Phantasie, die ihr ganz besonders
eigen war, den Dingen um sie her eine Art von Leben und
Bewußtsein. Sie borgte Teilchen ihrer Seele aus an die alten Möbel
ihrer Kammer, und die alten Möbel erhielten so die Fähigkeit, sich mit
ihr zu unterhalten; meistens freilich war diese Unterhaltung eine
stumme, aber sie war dafür desto inniger und ohne Mißverständnis.
Ihr Spinnrad, ihr braungeschnitzter Lehnstuhl waren gar sonderbare
Dinge, die oft die eigentümlichsten Grillen hatten; vorzüglich war dies
aber der Fall mit einer altmodischen Stutzuhr, die ihr verstorbener
Vater vor über fünfzig Jahren, auch damals schon als ein uraltes
Stück, auf dem Trödelmarkt zu Amsterdam gekauft hatte. Das Ding sah freilich seltsam genug aus: zwei Meerweiber, aus Blech
geschnitten und dann übermalt, lehnten zu jeder Seite ihr langhaariges
Antlitz an das vergilbte Zifferblatt; die schuppigen Fischleiber, die
von einstiger Vergoldung zeugten, umschlossen dasselbe nach unten
zu; die Weiser schienen dem Schwanze eines Skorpions nachgebildet
zu sein. Vermutlich war das Räderwerk durch langen Gebrauch
verschlissen; denn der Perpendikelschlag war hart und ungleich, und
die Gewichte schossen zuweilen mehrere Zoll mit einemmal hinunter.
— Diese Uhr war die beredteste Gesellschaft ihrer Besitzerin; sie
mischte sich aber auch in alle ihre Gedanken. Wenn Marthe in ein
Hinbrüten über ihre Einsamkeit verfallen wollte, dann ging der
Perpendikel tick, tack! tick, tack! immer härter, immer eindringlicher;
er ließ ihr keine Ruh, er schlug immer mitten in ihre Gedanken hinein.
Endlich mußte sie aufsehen; — da schien die Sonne so warm in die
Fensterscheiben, die Nelken auf dem Fensterbrett dufteten so süß;
draußen schossen die Schwalben singend durch den Himmel. Sie
mußte wieder fröhlich sein, die Welt um sie her war gar zu freundlich.
Die Uhr hatte aber auch wirklich ihren eigenen Kopf; sie war alt
geworden und kehrte sich nicht mehr so gar viel an die neue Zeit;
daher schlug sie oft sechs, wenn sie zwölf schlagen sollte, und ein
andermal, um es wieder gut zu machen, wollte sie nicht aufhören zu
schlagen, bis Marthe das Schlaglot von der Kette nahm. Das
Wunderlichste war, daß sie zuweilen gar nicht dazu kommen konnte;
dann schnurrte und schnurrte es zwischen den Rädern, aber der
Hammer wollte nicht ausholen; und das geschah meistens mitten in
der Nacht. Marthe wurde jedesmal wach; und mochte es im
klingendsten Winter und in der dunkelsten Nacht sein, sie stand auf
und ruhte nicht, bis sie die alte Uhr aus ihren Nöten erlöst hatte. Dann
ging sie wieder zu Bette und dachte sich allerlei, warum die Uhr sie
wohl geweckt habe, und fragte sich, ob sie in ihrem Tagewerk auch
etwas vergessen, ob sie es auch mit guten Gedanken beschlossen
habe.
Nun war es Weihnachten. Den Christabend, da ein übermäßiger
Schneefall mir den Weg zur Heimat versperrte, hatte ich in einer
befreundeten, kinderreichen Familie zugebracht; der Tannenbaum
hatte gebrannt, die Kinder waren jubelnd in die langverschlossene
Weihnachtsstube gestürzt; nachher hatten wir die unerläßlichen
Karpfen gegessen und Bischof dazu getrunken; nichts von der
herkömmlichen Feierlichkeit war versäumt worden. — Am andern
Morgen trat ich zu Marthe in die Kammer, um ihr den gebräuchlichen
Glückwunsch zum Feste abzustatten. Sie saß mit untergestütztem Arm
am Tische; ihre Arbeit schien längst geruht zu haben.
»Und wie haben Sie denn gestern Ihren Weihnachtabend zugebracht?«
fragte ich.
Sie sah zu Boden und antwortete: »Zu Hause.«
»Zu Hause? Und nicht bei Ihren Schwesterkindern?«
»Ach,« sagte sie, »seit meine Mutter gestern vor zehn Jahren hier in
diesem Bette starb, bin ich am Weihnachtabend nicht ausgegangen.
Meine Schwester schickte gestern wohl zu mir, und als es dunkel
wurde, dachte ich wohl daran, einmal hinzugehen; aber — die alte
Uhr war auch wieder so drollig; es war akkurat, als wenn sie immer
sagte: ›Tu es nicht, tu es nicht! Was willst du da? Deine
Weihnachtsfeier gehört ja nicht dahin!‹«
Und so blieb sie denn zu Haus in dem kleinen Zimmer, wo sie als
Kind gespielt, wo sie später ihren Eltern die Augen zugedrückt hatte,
und wo die alte Uhr pickte ganz wie dazumalen. Aber jetzt, nachdem
sie ihren Willen bekommen und Marthe das schon hervorgezogene
Festkleid wieder in den Schrank verschlossen hatte, pickte sie so leise,
ganz leise und immer leiser, zuletzt unhörbar. — Marthe durfte sich
ungestört der Erinnerung aller Weihnachtabende ihres Lebens
überlassen: Ihr Vater saß wieder in dem braungeschnitzten Lehnstuhl;
er trug das feine Sammetkäppchen und den schwarzen Sonntagsrock; auch blickten seine ernsten Augen heute so freundlich; denn es war
Weihnachtabend, Weihnachtabend vor — ach, vor sehr, sehr vielen
Jahren! Ein Weihnachtbaum zwar brannte nicht auf dem Tisch — das
war ja nur für reiche Leute —; aber statt dessen zwei hohe dicke
Lichter; und davon wurde das kleine Zimmer so hell, daß die Kinder
ordentlich die Hand vor die Augen halten mußten, als sie aus der
dunklen Vordiele hineintreten durften. Dann gingen sie an den Tisch,
aber nach der Weise des Hauses ohne Hast und laute
Freudenäußerung, und betrachteten, was ihnen das Christkind
einbeschert hatte. Das waren nun freilich keine teuern Spielsachen,
auch nicht einmal wohlfeile, sondern lauter nützliche und notwendige
Dinge, ein Kleid, ein Paar Schuhe, eine Rechentafel, ein Gesangbuch
und dergleichen mehr; aber die Kinder waren gleichwohl glücklich
mit ihrer Rechentafel und ihrem neuen Gesangbuch, und sie gingen
eins ums andre, dem Vater die Hand zu küssen, der währenddessen
zufrieden lächelnd in seinem Lehnstuhl geblieben war. Die Mutter mit
ihrem milden, freundlichen Gesicht unter dem enganliegenden
Scheiteltuch band ihnen die neue Schürze vor und malte ihnen Zahlen
und Buchstaben zum Nachschreiben auf die neue Tafel. Doch sie hatte
nicht gar lange Zeit, sie mußte in die Küche und Apfelkuchen backen,
denn das war für die Kinder eine Hauptbescherung am
Weihnachtabend; die mußten notwendig gebacken werden. Da schlug
der Vater das neue Gesangbuch auf und stimmte mit seiner klaren
Stimme an: Frohlockt, lobsinget Gott; die Kinder aber, die alle
Melodien kannten, stimmten ein: der Heiland ist gekommen; und so
sangen sie den Gesang zu Ende, indem sie alle um des Vaters
Lehnstuhl herumstanden. Nur in den Pausen hörte man in der Küche
das Hantieren der Mutter und das Prasseln der Apfelkuchen. — —
Tick, tack! ging es wieder; tick, tack! immer härter und eindringlicher,
Marthe fuhr empor; da war es fast dunkel um sie her, draußen auf dem
Schnee nur lag trüber Mondschein. Außer dem Pendelschlag der Uhr
war es totenstill im Hause. Keine Kinder sangen in der kleinen Stube, kein Feuer prasselte in der Küche. Sie war ja ganz allein
zurückgeblieben; die andern waren alle, alle fort. — Aber was wollte
die alte Uhr denn wieder? — Ja, da warnte es auf elf — und ein andrer
Weihnachtabend tauchte in Marthens Erinnerung auf, ach! ein ganz
andrer; viele, viele Jahre später. Der Vater und die Brüder waren tot,
die Schwestern verheiratet; die Mutter, die nun mit Marthen allein
geblieben war, hatte schon längst des Vaters Platz im braunen
Lehnstuhl eingenommen und ihrer Tochter die kleinen
Wirtschaftssorgen übertragen; denn sie kränkelte seit des Vaters Tode,
ihr mildes Antlitz wurde immer blässer, und ihre freundlichen Augen
blickten immer matter; endlich mußte sie auch den Tag über im Bette
bleiben. Das war schon über drei Wochen, und nun war es
Weihnachtabend. Marthe saß an ihrem Bett und horchte auf den Atem
der Schlummernden; es war totenstill in der Kammer, nur die Uhr
pickte. Da warnte es auf elf, die Mutter schlug die Augen auf und
verlangte zu trinken. »Marthe,« sagte sie, »wenn es erst Frühling wird,
und ich wieder zu Kräften gekommen bin, dann wollen wir deine
Schwester Hanne besuchen; ich habe ihre Kinder eben im Traume
gesehen; — du hast hier gar zu wenig Vergnügen.« — Die Mutter
hatte ganz vergessen, daß Schwester Hannes Kinder im Spätherbst
gestorben waren; Marthe erinnerte sie auch nicht daran, sie nickte
schweigend mit dem Kopf und faßte ihre abgefallenen Hände. Die
Uhr schlug elf. —
Auch jetzt schlug sie elf, aber leise, wie aus weiter, weiter Ferne. —
Da hörte Marthe einen tiefen Atemzug; sie dachte, die Mutter wolle
wieder schlafen. So blieb sie sitzen, lautlos, regungslos, die Hand der
Mutter noch immer in der ihren; am Ende verfiel sie in einen
schlummerähnlichen Zustand. Es mochte so eine Stunde vergangen
sein; da schlug die Uhr zwölf! — Das Licht war ausgebrannt, der
Mond schien hell ins Fenster; aus den Kissen sah das bleiche Gesicht
der Mutter. Marthe hielt eine kalte Hand in der ihrigen. Sie ließ diese
kalte Hand nicht los, sie saß die ganze Nacht bei der toten Mutter. — So saß sie jetzt bei ihren Erinnerungen in derselben Kammer, und die
alte Uhr pickte bald laut, bald leise; sie wußte von allem, sie hatte
alles mit erlebt, sie erinnerte Marthe an alles, an ihre Leiden, an ihre
kleinen Freuden. —
Ob es noch so gesellig in Marthens einsamer Kammer ist? Ich weiß es
nicht; es sind viele Jahre her, seit ich in ihrem Hause wohnte, und jene
kleine Stadt liegt weit von meiner Heimat. — Was Menschen, die das
Leben lieben, nicht auszusprechen wagen, pflegte sie laut und ohne
Scheu zu äußern: Ich bin niemals krank gewesen; ich werde gewiß
sehr alt werden. — Ist ihr Glaube ein richtiger gewesen und sollten
diese Blätter den Weg in ihre Kammer finden, so möge sie sich beim
Lesen auch meiner erinnern. Die alte Uhr wird helfen; sie weiß ja von
allem Bescheid.