
Marthe und ihre Uhr
Während der letzten Jahre seines Schulbesuchs wohnte der Erzähler in einem kleinen Bürgerhaus der Stadt, worin von Vater, Mutter und vielen Geschwistern nur eine alternde, unverheiratete Tochter namens Marthe zurückgeblieben war, da die Eltern und zwei Brüder gestorben und die übrigen Schwestern ihren Männern in entfernte Gegenden gefolgt waren. So blieb Marthe allein im elterlichen Haus, wo sie sich durch das Vermieten des früheren Familienzimmers und eine kleine Rente spärlich durchs Leben brachte, ohne sich viel daraus zu machen, dass sie nur sonntags ihren Mittagstisch decken konnte, denn ihre Ansprüche waren durch die strenge, sparsame Erziehung ihres Vaters gering geblieben. Obwohl ihr in der Jugend nur die gewöhnliche Schulbildung zuteilgeworden war, hatte das Nachdenken ihrer einsamen Stunden sie zu einer für Frauen ihres Standes ungewöhnlich hohen Bildung geführt, und Mörikes gerade erschienener Maler Nolten machte einen solchen Eindruck auf sie, dass sie ihn immer wieder las, mal ganz, mal einzelne Partien, je nachdem, wie es ihr gefiel.






