Mensch und Erde, Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden

IV. Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.

IV.

 

Der Mensch als Schöpfer der

 

Kulturlandschaft.

 

Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte, wo sie

bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall unter die

Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf ihre Methode und ihre

Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens gründlicher geprüft wurde, lief

einmal wirklich Gefahr auf einen Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem

monumentalen Werk „Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte

des Menschen“, wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische

Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie es im

engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm bereits Strabo

gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in dem Interregnum der

deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und Ritters Tod, einsetzte, das

historische Element dieser Wissenschaft sogar überwuchern lassen, so erreichte

die naturgemäß folgende Reaktion eines umgekehrt etwas einseitig

naturwissenschaftlichen Betriebs der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg

Gerland in Straßburg die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine

Naturwissenschaft, die Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen,

denn sie sind Sondergegenstand der historischen Disziplinen.

 

Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre Weckruf,

der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und ernsthaft

methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere Nachachtung in

Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit auch in der übrigen Welt

erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F. v. Richthofen, unter dessen Banner

die Geologie die ihr gebührende Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament

zu dienen, erklärte sich rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der

Geographie.

Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis

darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit, bloß mit

Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe, sobald sie den Menschen

in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt dann sogleich menschliche Willkür in

die Betrachtung ein, man muß dann bald mit den Methoden des Naturforschers,

bald mit denen des Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt

das nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht von

ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung zugewiesen mitten

inne zwischen den naturwissenschaftlichen und den geschichtlichen Fächern.

Wäre die Erde nichts weiter als ein Naturkörper, so wäre selbstverständlich die

Erdkunde thatsächlich reine Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich

das landerfüllte Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die

ihm tief eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem

Schiedsspruch verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich

naturwissenschaftliche Disziplin, indessen mit integrierenden historischen

Elementen.

 

Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben

der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie nicht

mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen die Flaggen aller

seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das Adersystem, wie es erst seit

kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres Geschlechts zu einem Ganzen

zusammenschließt, unablässig seinen Segensdienst leiste. Ohne den Menschen

würden die Ozeane wieder rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren

und Plesiosauren zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder

wüstenhafte Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre

kalten Pfade zögen.

 

Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der gewaltigsten

Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets wieder die Spur der

Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen des Verkehrs in jenem

Geäder der großen Seestraßen auch sind, in dem die Schiffe gewissermaßen die

Blutkörperchen vertreten, — diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der

Kartograph zieht sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das

Netz der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder weiteren

Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von Eisenbahnen

neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der Gesittungshöhe des

bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen solchen Bildern des

wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den nach einem Punkt

zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie sich um unsere Handels-und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten, gegenüber den bloß vom

Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen durch die unabsehbaren Grasfluren

des tropischen Afrika, auf denen die schwarzen Träger in langem Karawanenzug

nur einzeln hintereinander ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder

gar gegenüber den Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich

noch heute wie seit grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von

neuem mühsam durch das Dickicht bricht!

 

Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je mehr sich

dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von ihm bewohnte Land seine

Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr übrig bleibt von dessen

ursprünglichem Antlitz als das Relief des Bodens. Das großartigste Schauspiel

fast urplötzlicher Umwandlung von Wildland in Kulturland haben uns im Laufe

der Neuzeit Nordamerika und Australien geboten. Während noch im vorigen

Jahrhundert das große Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel

bis über den Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern

rauschte, im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des

Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur dem Wild zu

statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen Hufschlag der Büffel,

und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der ungehobenen Gold- und

Silberschätze, folgte, bis an das pazifische Küstengebirge mit seinen riesigen

Mamutbäumen und der noch völlig toten herrlichen Hafenbai am Goldenen

Thor, — da ist jetzt der Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein

Viertel der Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen

an Stelle der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt

spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen Gruben

fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies, in deren

Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die Industriebezirke

kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt, daß er bis zum Meer die

größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken dahingleiten läßt, das

großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien verflicht das Mississippithal

mit der atlantischen Küste wie mit den kanadischen Seen, wo Chicago als ein

Seehafen mit Weltverkehr mitten im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs;

selbst durch die vorher in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer

des fernen Westens zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale

Eisenstraße zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich

kennenden atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen

Salzsee von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde

verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches Dasein

fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts zur stolzen Königin

der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New York, der merkantilen

Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten Stadt der Welt nächst London,

wo vormals an der Hudsonmündung die Wigwams eines Indianerdörfchens

standen. Noch rascher, erst seit 1788, ist Australien aus einer gottvergessenen

Armutsstätte des Hungers und Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne

Fruchtbäume und Melktiere, ja bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch

ohne jagdbares Wild, durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer

beneidenswerten Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch

wurde daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer

selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen vermöchten,

durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere Getreide- und

Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich unter dem australischen

Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen nicht mit einem Tropfen Wasser

die Zunge lechzten, hat Moseskunst Quellen angeschlagen oder sammeln tief

ausgebrochene Felscisternen die Regenwasser umgebender Höhen, um jene

ungeheuern Schafherden zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens

so seidenweich auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom

Schafesrücken eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme

sich gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil, der

bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun mit blühenden

Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber noch schneller und höher

emporgekommen wie San Francisco, denn diese vornehme Kapitale der

Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und wird Dank seiner

unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte Australiens bleiben, wenn

längst auch die letzte Goldader Viktorias ausgebeutet worden.

 

Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von

daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind, Schaf,

Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also Australien

überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand angethan, und zwar ein

so gut wie ganz europäisches. Doch auch unsere Ostfeste hat nicht ganz

unähnliche Verwandlungswunder in seiner Kulturscenerie erlebt. Javas

Bedeutung für den Welthandel beruht fast allein auf dem Massenertrag an

ursprünglich ihm fremden Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines

Kulturlandes, wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen

Vulkane und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem

seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland, aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem

ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen Perus,

die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken. Die nächst Java

ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte unter der Hand seiner

englischen Herren das prächtige Urwaldkleid seines Südgebirges großenteils ein,

um in unseren Tagen sogar zweimal umgekleidet zu werden: zuerst überzog man

den gerodeten Waldboden mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor

dem verheerenden Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die

Sahara heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große Wüste

wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt worden; man

erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern Ägyptens aus der

Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern bis zur Ptolemäerzeit ganz

fremd geblieben zu sein und hat seinen das Verkehrswesen Nordafrikas

umgestaltenden Einzug in die ganze Sahara und darüber hinaus sicher erst im

Gefolge der Ausbreitung des Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind

auch sonst bei der Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach

mit beteiligt gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit

schlanken Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie

christliche Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen

begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um so

bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne den

Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um uns aber

bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen in die vegetativen

Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu gedenken, daß die

Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds puritanisches

Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so weinreichen Kleinasien, das

Christentum hingegen den Anbau der Rebe nach Möglichkeit förderte, schon um

den Weihekelch des Abendmahls rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der

der Göttin heilige Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst

wanderte der Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser

Mönchsorden um den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes

Gefilde während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu

den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald uns nur

bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden Ort ein

Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach der Ordensregel gar

nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare Wildnis den Anblick der Urzeit

bot, damit alsbald dort mit Rodung, Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo

jetzt die Thüringer Eisenbahn uns so gemächlich durch die grünen Fluren des

Saalthals an Weingeländen und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine

versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen auf

benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn — die Porta Coeli ward damals als

Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich durch einen

hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung der alten Mönche in

helles Licht gerückt werden; man verstand früher nie, warum in Frankreich der

auch dort weit und breit geschätzte Borsdorfer Apfel pomme de porte heißt, —

nun wissen wir den Grund: die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem

Klostergut Borsdorf unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine

Geschmacksvarietät einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald

Pfropfreiser derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und

nur die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar

gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die

rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in einem

stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen.

 

Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und

Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile

durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese auch

dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte geschehen

lassen. Nicht e i n Erdteil wird vermißt unter den Darleihern von Zuchttieren,

Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am schwächsten ist Afrika vertreten,

nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie Calla und Pelargonien; Australien

schenkte uns in seinem Eucalyptus einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der

durch die energische Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks

u. a. in den pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens,

zur Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn, die

Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner die eigenartig

fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave nebst Opuntie; am

meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa zufolge seines breiten

Landanschlusses im Osten sowie der bequemen Schiffahrt über das Mittelmeer

stets im engsten Bunde gestanden hat durch Wanderungen der Völker und durch

Warenaustausch. Jeder Hühnerhof stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar,

innerhalb deren nicht selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In

vor- oder doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens

und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß und

Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus die Kirsche.

Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein europäischer

Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China gekommene Seidenzucht tausend

emsige Hände beschäftigt; nur die Weinrebe, die im Poland so reizend sich von

Ulme zu Ulme schlingt, darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so

heimisch er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen am

tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen Mittelalter durch

Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das Land, „wo die Citronen

blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, ist Italien noch in Cäsars

Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine, die schon durch ihren Namen „Apfel von

Sina“ ihre chinesische Heimat verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische

Kauffahrtei des 16. Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.

 

Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren,

brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen, etwa

nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht mehr bloß

Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze Schiffsladungen

von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und halb Europa

verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren Humusboden

verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige, labende Frucht

schaffen läßt, — nein, unser eigenes Vaterland offenbart uns das eindringlich

genug.

 

Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen

Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland

zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den

Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man

bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn auch der

Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt, sonst meist nur

eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um ein einsames

Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit Auslage gen

Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte sich schon

reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen solid gebauten

Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta, des heutigen

Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme, man redete in

germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war ein wichtiger

Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen umschmückten

Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser ihren Sitz auf, um

von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen Freigermanien zu

überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen lag noch überwiegend

im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen und wohl auch stellenweise

von offenem Wiesenland unterbrochen wurde, wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als den von Gras und Kraut.

Städte sah man gar keine, kaum geschlossene Dorfschaften, gewöhnlich bloß

verstreute Blockhäuser, um sie her wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder

Ziegen, ein grunzendes Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen

Baumgarten. Holzäpfel und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der

in malerischem Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe

war an ihrem dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem

helleren Grün der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den

nur sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich

ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten im

Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende Raubvögel

ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch wohl weidende

Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich, neben Hirsch und Reh

sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das Geäst der Bäume und das

Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur Seite drängen, um sich Bahn zu

schaffen; in kleinen Gruppen durchzog das Geschwister des amerikanischen

Bison, der Wisent, Niederungs- wie Bergwald, in größeren Herden weideten

Renntiere die grauen Flechten des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern

führten Biber ihre Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und

Zitterpappeln.

 

Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der

Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem

Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau und der

innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur Großindustrie,

dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das kündet

Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche einnehmenden

Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten Flüssen, der Fülle von

Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen, den See- und Stromhäfen, den

Leuchttürmen und Deichbauten längs der Küstenlinie, dem umfassendsten

Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur annäherungsweise haben sich Reste

altgermanischer Landschaft noch erhalten auf den höchsten Zinnen unserer

Gebirge und in den Mooren, soweit diese noch nicht der Brandkultur

unterworfen wurden, oder durch Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund

einer am Kanalgezweig in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten.

Der Urwald ist, wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst

geworden, also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche

Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat

besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt, die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen, von denen

einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der Stauferzeit stammen

mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses keine Gnade bei der

Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist nur noch als seltenes Relikt

der Vorzeit an schwerer zugänglichen Stellen, so an der jähen Granitwand des

Harzes, die vom Hexentanzplatz zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam

nach und erlag daher, allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich

geeigneten Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher

Ausrottung. Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während

des Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen Forsten

unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird zuletzt in der

Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und Bär wurden in den

Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein kleines Häuflein an der

untersten Mulde und in dem benachbarten Stück des Elbthals oberhalb

Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts sind dem merkwürdigen Nager

unsere Gewässer durch Befahrung und industrielle Anlagen zu unruhig

geworden.

 

Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende Eingriff

des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung der Pflanzen-

und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen Beschäftigung, teils auf

Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten. In beiden Richtungen stellt sich

die Wasser- und die Waldfrage in den Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch

einen Augenblick verweilen.

 

In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in lichtloser

Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung an die Oberfläche

herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen zu wandeln, wo sonst der

Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen Sumpfgelände gilt es im

Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu entledigen, um dann mitunter den

allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen. Letzteres war der Fall in Ägypten; in der

Deltaflur des Nil war nicht zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter

Ackerbauer, dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem

Volksgewimmel, das zur Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung

führte. So zogen die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und

Dammbauten aus dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der

nachmals in Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet

weiter hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz

ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter

Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene Deltaboden lag

doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde deshalb nicht mehr vom

Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil, man mußte das Wasser durch

Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche Kanäle leiten, die zugleich der

Schifffahrt wie der Felderbefruchtung dienten. Das war es, was das uralte

Sumeriervolk und seine Nachfolger in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit

mühevollerer Leistung stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser

Kulturboden von keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird,

verlor er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende

Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete. Babylonien

versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs Nimrud, der einzige

turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten Stadt des Altertums, auf eine

sonnendurchglühte Ebene, der nun das Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker

so schaffensfroh heraufholten. Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren

erstorbene Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk

kommt. Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über

rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das Siegeswort

Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den festen Wall der

Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die Chauken, ein kaum

menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal zur Flutzeit vom

einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige in ihren auf

künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten, da hat der goldene

Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten, fette Wiesen, besten

Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und Hunderte von Kanälen

durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und Entwässerung das gesegnete

Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser zum Meer geleiten muß, denn

reichlich ein Viertel der Niederlande, der ganze Raum von der Südersee bis zur

Schelde, liegt tiefer als der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester

Kulturboden sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht

meliorierend umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.

 

Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem

Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt, am

Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen durch

Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt; ja

Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf ähnlicher Höhe

wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings 18000 Hektar

ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte von zur Zeit 14000 zu

ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore erschwert wurde, hat

der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der aus ihnen gespeisten Bäche

beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche Reservoire ab für den Niederschlag:

Regen- wie Schmelzwasser speicherte sich in ihnen wie in einem Schwamm auf

und erhielt die Gewässer selbst bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher

unserer Gebirgsbäche, der jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden

durch sein Felsenthal niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst

unweit seines Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.

 

Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung des

Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines Landes führen

müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja ganz von seiner

Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch ihre Bewohner zum

waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden und trotzdem eins der

regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest vom Golfstrom her

Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese Wälder antreffen, oder irische

Viehtriften, englische Feldflur und Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem

Waldland die unerläßliche erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht

geklärten Boden zu Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne

Verständnis für die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen

Waldmitgift! Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das

Beispiel der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden

Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in Cisternen

oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu gute komme, so

beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten Erdräumen das als

Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch das grüne Dach des

lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen verheerenden Ablauf zumal

im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer die südlicheren Länder ums

Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn zufolge fahrlässiger

Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen Wald niedertropft auf

moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie in tausend Kanälchen ins

Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind sie hin die schiffbaren Flüsse der

Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit? Im Süden vielfach zu tobsüchtigen

Fiumaren geworden, liegen sie in der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen

dagegen bei winterlichen Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers

immer neue, immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für

den Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch das

nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur Versumpfung der

Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina geworden; das Fett des Bodens,

besonders die kostbare Roterde, die aus der oberflächlichen Auflösung des

palästinensischen Kreidekalks durch den Regen zurückblieb und in der

Terrassenkultur der Israeliten sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall

pflegsamer Bodenbehandlung, beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von

denen die Bücher des alten Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.

 

Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das Aussehen

jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser. Immer höher

klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in seinen Dienst zu

zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund auszudehnen. Boden wie

Wasser sind beide längst die Schemel seiner Macht, und sie werden es von Tag

zu Tag mehr. Aus der mechanischen Kraft des Flußgefälles holen wir uns

elektrisches Licht, Triebkraft für unsere Maschinen und übertragen sie vom

Gebirge in die Niederung. Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort

tunnelieren wir sie; wir durchstechen Landengen und lassen im künstlich

erschlossenen Wasserweg Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis

erheischt. Ja wir lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in

der Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der

Telegraphie.

 

Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen loslöst

von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer inniger und

umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf dieser Erde, immer

glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer Kräfte, stets jedoch bleibt sie das

Grundmaß menschlichen Schaffens.