Mnais und Ginevra

Heinrich Mann · Kapitel 1 von 4

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Mnais und Ginevra

Ginevra degli Amieri

I.

 

Ich bin erwacht und fürchte mich fast, die Augen zu öffnen, und fühle ein

fremdes, weites Dunkel um mich her. Messer Faustos Atem? Nichts — nur eine

betäubende Stille, wie der lange Nachhall langsamer, unhörbarer Schritte . . .

Warum sind meine Hände gefaltet? Ich schlafe nie auf dem Rücken und mit

gefalteten Händen. Leise die Lider gelöst: das Fenster bei meinem Bett, es ist

fort. Wo bin ich!

Das, worauf ich gelegen habe, ist umgefallen, wie ich so hastig aufsprang.

Was ist es? Kein Bett: eine Bahre! . . . Die Ungeheuer! Sie erheben sich grau aus

der Nacht und blicken von Turmhöhe aus weißen Augen. Ach, es sind Pfeiler,

und aus langen Fenstern kommen eckige, weiße Stücke Mondes darauf. Hilf

Himmel, ich bin im Dom! Und bin, nun weiß ich’s wieder, gestorben!

. . . Es klirrte etwas, deucht mich, als ich vor Schrecken nochmals auf die

Bahre sank. Meine Spangen! Aber es sind nur die mit den Amethysten. Er hat

sich gehütet, mir die anderen mitzugeben, die mit den Karfunkeln. Habe ich

etwa mein Kreuz am Hals? Nein! Das große Edelsteinkreuz! Das ist zu stark! Ich

will . . . Jesus, ich bin im Zorn ausgeschritten und wage mich nun nicht mehr

zurück. Wie ich mich fürchte! Ich hätte nie gedacht, ich würde zu diesen Toten

gehören — die wiederkehren, Einen Schritt noch, Ginevra? Hilfe! . . . Eine

Gestalt, ich sah sie deutlich, flog durch die Luft auf mich zu . . . Nein, es ist der

Kruzifixus an der Kanzel; und er hält ganz still. Nur die Dunkelheit bewegt alles.

Aber die Kniee sind mir unsicher geworden; ich will mich setzen, unter seine

gekreuzten Füße, auf das Ende der Bank.

Ich habe, was mir geschieht, verdient, o Herr. Das ist wohl wahr; denn ich

lästerte dich! Aber gib auch du zu, die Liebe ist hart! Warum mußte ich Raniero

lieben, da es doch Sünde und ganz unnütz war? Du weißt, auch wenn du mich

am Leben gelassen hättest, ich würde mich doch ihm nie gewährt haben. Obwohl

andere dergleichen tun: und du strafst sie weniger schwer als mich, die so

tugendhaft war . . . Willst du mir wohl sagen, was dies alles sollte?

Ich warte.

Im irdischen Leben heißt’s immer: Das werden wir jenseits erfahren; und:

Darüber reden wir droben. Nun sprich! . . . Ich wußte wohl, du würdest nichts

vorbringen können zu deiner Rechtfertigung. Du hast mir zu viel auferlegt, du

darfst dich nicht wundern, daß ich versagte. Hatte ich doch genug an Messer

Fausto, meinem Mann, und seinen Schlägen, und daß er mir meine Tugend nicht glaubte! Immer: „Du liebst ihn!“ Ich sagte: „Nein! Schlage mich, aber ich liebe

ihn nicht!“ Wäre das Nein wenigstens die Wahrheit gewesen! Leider war es Ja . .

. Er darauf: „Mich liebst du auch nicht! Was liebst du denn?“ Und ich: „Ich liebe

dich, wie ich es dir schulde, — und liebe auch die Stirnkettchen, die Messer

Ugos hübscher Sohn verfertigt.“ „Ihn, den Sohn liebst du!“ „Nein! Ich habe ihn

niemals gesehen!“ Und so war es. Aber ich hatte mit Absicht von Messer Ugos

Sohn gesprochen, verführt durch einen seltsamen Kitzel, weil ich wußte, nun

werde Messer Fausto mich nochmals schlagen. Denn er schlug mich, sobald ich

nur den Namen irgendeines Mannes aussprach. Warum aber tat ich es, mußte es

tun, und drängte mich heran zum Schmerz? Das erkläre, Herr, warum du so viel

Leiden bestimmtest für eine Unschuldige!

„Ich will dir die Ketten für die Stirn kaufen,“ sagte Messer Fausto, als er vom

Schlagen müde war. „Damit du mir keine Hörner daransetzest. Du mußt gerecht

sein: ich tue, was ich kann.“ Ich antwortete: „Gewiß. Ich werde es niemals tun.“

Und ich wollte es auch nicht. Damit in der Frühe, wenn ich zur Heiligsten

Annunziata ging, die Madonna Eletta den Finger ausstreckte und sagte: „Seht die

Heuchlerin! Sie hat mich mit dem Gino ins Gerede gebracht, und sie selbst

schläft mit dem Raniero!“ — Es ist schon wahr, daß ich es von ihr gar nicht

wußte. Aber was wußte denn sie von mir? Und redete doch, hinter meinem

Rücken. Wäre es wahr gewesen, was sie sagte, ich hätte mich so schwarz gefühlt

wie die Mohrin hinter mir, Herr, die meinen Gobbo, den Papagei, trug. So aber

hing mein Brokat (und um den beneidete sie mich doch nur) über den Malen, die

mein Mann mir geschlagen hatte, und ich war eine Gerechte. Und Don Vinante,

mein Beichtvater, wußte es wohl, und außer Messer Fausto, meinem Mann, den

die Eifersucht irr machte, zweifelte keiner an meiner Tugend, und allen, die

sündigten, durfte ich mitten ins Gesicht sehen. Und wenn Raniero im Hof der

Kirche stand und falsche Seufzer ausstieß, ging ich hoch vorbei, den Blick

gradaus, und hatte einen großen, starren Genuß: „Du wirst dennoch nie erfahren,

daß ich dich liebe! Die Liebe ist hart; aber ich bleibe standhaft, du gewinnst

nichts. Du bist böse, bist dazu eingesetzt, mich zu verderben. Ich hasse dich! . . .

Ja, das dachte ich, o Herr. War das nicht recht und löblich?

Zu Hause mußte ich mich dann wieder sehr quälen. Warum? Heißt das

gerecht? Für so viel guten Willen? Ich nahm meine große Puppe aus der Truhe

und drückte sie ans Herz. „Verzeih,“ sagte ich zu ihr, „daß ich dich schon zwei

Jahre nicht mehr ansah!“ Du weißt, Herr, ich hatte sie noch nicht zwei Jahre

weggelegt; und sie war vom Fest in Venedig und war mitten auf der Piazza

ausgestellt gewesen in der Tracht, wonach alle Frauen das ganze Jahr sich

richten sollten. Mein Vater besuchte gerade die Filiale seiner Bank, und er kaufte

die große Puppe für eine Menge Geld. Ich machte alle Mädchen neidisch mit ihr und liebte sie darum sehr . . . Nun aber war alles anders, an die neidischen

Mädchen dachte ich nicht mehr; wie ich die Puppe an mich zog, fühlte ich’s, als

würfe sie mir beide Arme um den Hals; mir ward ganz heiß, ich herzte sie immer

und sagte: „Du kommst nicht aus Venedig vom Markt, du sollst von Raniero

kommen! Ich habe dich von ihm, du bist sein Kind, hörst du, das will ich, das

soll sein!“ Und dann sprang die Angst vor der Sünde in mir auf, und ich warf die

Puppe mit dem Gesicht auf die Erde, und mich mit dem Gesicht aufs Bett, daß

wir einander nicht mehr sähen, und jammerte in das Kissen hinein: „Nein, ich

will nicht, ich will kein Kind von ihm!“ Und klagte bis in die Nacht. Und Messer

Fausto, mein Mann, kam und schlug mich wieder — und hatte auch recht. Ich

schrie wohl, damit er aufhörte: „Warum haben wir keine Kinder!“ Aber ich

wußte doch, das sei Gottes Sache.

Was sollte ich tun? Muß man denn einen Menschen lieben, wie diesen

Raniero? Einen gewöhnlichen Angestellten in der Bank meines Vaters. Einen,

der die Geschäfte versäumt, auf den Wiesen am Mugnone im Grase steht,

stundenlang, wie ein Storch, und dann, ganz blaß, bis vor mein Haus schleicht?

Einen, der schon längst fortgeschickt wäre, wenn ich nicht für ihn gebeten hätte,

oder vielmehr für die alte Mutter, die von ihm lebt. Denn das tat ich, Herr, und

war es nicht fromm und barmherzig von mir, für meinen Feind zu bitten? Nun

erkläre mir aber: wenn mein Bruder sich so anstellen würde in unserem

Bankhaus, ich würde ihn verachten! Und diesen muß ich lieben! Soll er doch

verdienen und eine Frau nehmen, wie es sich geziemt. Aber auf mich hat er es

abgesehen! Und fordert meinen Mann zum Zweikampf heraus. Denn das hat er

getan, Herr, und es ist eine solche Albernheit, daß sogar du gelacht haben mußt:

wenn du Art und Figur Messer Faustos bedenkst.

Und dann hat er ihn auch noch verschont! Herr, du magst sagen, was du willst,

aber es ist natürlich, daß ich wünschte, nun möchte es einmal um sein. Messer

Fausto hatte mich blau geschlagen; ich wünschte, mögen sie sich gegenseitig

umbringen. Dann aber: Nein, nur Raniero! Denn ich kann es dir schwören, Herr,

bei deinen eigenen Wunden: nicht Messer Fausto wollte ich tot sehen! Er kam

auch zurück; es war nichts geschehen; und ich kriegte Ohrgehänge und eine

Straußenfeder mit lauter Edelsteinen geziert, die konnte ich zur Kirche tragen.

Aber alle wußten schon, wenn sie meine Geschenke erblickten, dann war ich

geschlagen worden . . . Und da dachte ich, das ist wahr: Warum hat Raniero

nicht lieber zwei Kerle geschickt, die ihn anfallen? Und ich habe sogar den Don

Vinante beredet, daß er in seiner Unschuld etwas angerichtet hat, daß Messer

Fausto vor San Frediano hinaus mußte. Und das ließ ich dem Raniero berichten

durch einen Bettler, der nicht sagen durfte, wer ihn schickte, und ließ ihn in

verdeckten Worten zu einem Streich auffordern.

Da sieh nun, Herr, wie weit du es mit mir getrieben hast! Eine Gattenmörderin

und auf dem Rade, so hätte ich enden können! Wenn ich nicht deine Mutter

angefleht hätte, als Messer Fausto vor der Stadt und in Leibesgefahr war: die hat

das Schlimmste verhütet. Ich aber schwur damals in der Not, es möge daraus

werden, was immer, Schande und Tod: — ich wolle doch, so lange ich lebe, dem

Raniero nicht angehören. „Die Liebe hat mich so elend gemacht; ich will mich

an ihr rächen!“ Ich war von Sinnen, und die beiden Tauben, die vor meinem

Fenster einander liebkosten, die ergriff und erwürgte ich! Und als ich’s tat fühlte

ich meine eigene Kehle unsichtbar umklammert und schloß die Augen und

mußte mich an die Fensterbank stützen, ich wäre sonst umgefallen.

Wie nun Messer Fausto zurückkehrte und es der heilige Samstag vor Ostern

war und aus dem Tor des Domes der Festhall kam wie eine Wolke mit Engeln

darauf, da sprach es hinter meinen gesenkten Lidern, und, Herr, ich konnte nichts

dafür: „Sie feiern ihn, der die Liebe ist und sich hat kreuzigen lassen. Er will,

daß auch ich lieben und dafür sterben soll. Und ich sträube mich nicht. Aber

ruchlos und abscheulich ist’s, daß er aufersteht und auch das von mir erheischt.

Wer glücklich tot ist, der sollte es bleiben dürfen und endlich in Sicherheit sein

vor der Liebe und dem, der die Liebe ist!“

Mit diesen Gedanken war ich dicht vor das Tor gelangt, und plötzlich

erweiterte es sich wie ein Mund, ich fühlte seinen Atem auf meiner Stirn

brennen, und eine ungeheure Stimme, eine Orgelstimme, schrie: „Du sollst

sterben und wiederkehren vor allen anderen und zugleich mit mir. Schon morgen

sollst du wiederkehren, sollst sehen, wie alle meinem Auferstehen zujauchzen,

das du gelästert hast. Bei deinem aber soll dich frieren, und du sollst große Reue

haben!“

Alle müssen es gehört haben, so laut ward es geschrien! Warst du das, Herr?

Wohl; denn du hast’s wahrgemacht. Dann erkläre mir aber, was eine Frau zu

bereuen hat, die ihren Mann nicht betrügen und seine Geschenke nicht verlieren

und von den Leuten nicht mit Fingern gezeigt werden wollte. Sollte ich etwa

Schande und Armut auf mich laden, weil es irgendeinem Menschen einfiel, mich

zu lieben? Zwar liebte auch ich ihn. Warum aber bestimmtest du dies so? Und

vergingst dich dadurch gegen die bürgerlichen Regeln? . . . Heute ist Ostern, und

wir sind beide auferstanden; nun erkläre diese Dinge!

Aber du schweigst. Du hältst nur den Kopf auf die Schulter geneigt und siehst

mich kaum, so tief sind deine Lider herabgelassen Hörst du’s wenigstens, wenn

ich gegen deine Füße klopfe? Ach nein; du seufzest nur und legst den Kopf auf

die andere Schulter. Mich hast du hierher bestellt, und du selbst schläfst lieber

noch etwas!

Wie ich verlassen bin und abgeschieden von allem, allem. Mich friert; ich habe keinen Mantel und nichts, wohinein ich mich hüllen kann; nur das große,