Mnais und Ginevra
Ginevra degli Amieri
I.
Ich bin erwacht und fürchte mich fast, die Augen zu öffnen, und fühle ein
fremdes, weites Dunkel um mich her. Messer Faustos Atem? Nichts — nur eine
betäubende Stille, wie der lange Nachhall langsamer, unhörbarer Schritte . . .
Warum sind meine Hände gefaltet? Ich schlafe nie auf dem Rücken und mit
gefalteten Händen. Leise die Lider gelöst: das Fenster bei meinem Bett, es ist
fort. Wo bin ich!
Das, worauf ich gelegen habe, ist umgefallen, wie ich so hastig aufsprang.
Was ist es? Kein Bett: eine Bahre! . . . Die Ungeheuer! Sie erheben sich grau aus
der Nacht und blicken von Turmhöhe aus weißen Augen. Ach, es sind Pfeiler,
und aus langen Fenstern kommen eckige, weiße Stücke Mondes darauf. Hilf
Himmel, ich bin im Dom! Und bin, nun weiß ich’s wieder, gestorben!
. . . Es klirrte etwas, deucht mich, als ich vor Schrecken nochmals auf die
Bahre sank. Meine Spangen! Aber es sind nur die mit den Amethysten. Er hat
sich gehütet, mir die anderen mitzugeben, die mit den Karfunkeln. Habe ich
etwa mein Kreuz am Hals? Nein! Das große Edelsteinkreuz! Das ist zu stark! Ich
will . . . Jesus, ich bin im Zorn ausgeschritten und wage mich nun nicht mehr
zurück. Wie ich mich fürchte! Ich hätte nie gedacht, ich würde zu diesen Toten
gehören — die wiederkehren, Einen Schritt noch, Ginevra? Hilfe! . . . Eine
Gestalt, ich sah sie deutlich, flog durch die Luft auf mich zu . . . Nein, es ist der
Kruzifixus an der Kanzel; und er hält ganz still. Nur die Dunkelheit bewegt alles.
Aber die Kniee sind mir unsicher geworden; ich will mich setzen, unter seine
gekreuzten Füße, auf das Ende der Bank.
Ich habe, was mir geschieht, verdient, o Herr. Das ist wohl wahr; denn ich
lästerte dich! Aber gib auch du zu, die Liebe ist hart! Warum mußte ich Raniero
lieben, da es doch Sünde und ganz unnütz war? Du weißt, auch wenn du mich
am Leben gelassen hättest, ich würde mich doch ihm nie gewährt haben. Obwohl
andere dergleichen tun: und du strafst sie weniger schwer als mich, die so
tugendhaft war . . . Willst du mir wohl sagen, was dies alles sollte?
Ich warte.
Im irdischen Leben heißt’s immer: Das werden wir jenseits erfahren; und:
Darüber reden wir droben. Nun sprich! . . . Ich wußte wohl, du würdest nichts
vorbringen können zu deiner Rechtfertigung. Du hast mir zu viel auferlegt, du
darfst dich nicht wundern, daß ich versagte. Hatte ich doch genug an Messer
Fausto, meinem Mann, und seinen Schlägen, und daß er mir meine Tugend nicht glaubte! Immer: „Du liebst ihn!“ Ich sagte: „Nein! Schlage mich, aber ich liebe
ihn nicht!“ Wäre das Nein wenigstens die Wahrheit gewesen! Leider war es Ja . .
. Er darauf: „Mich liebst du auch nicht! Was liebst du denn?“ Und ich: „Ich liebe
dich, wie ich es dir schulde, — und liebe auch die Stirnkettchen, die Messer
Ugos hübscher Sohn verfertigt.“ „Ihn, den Sohn liebst du!“ „Nein! Ich habe ihn
niemals gesehen!“ Und so war es. Aber ich hatte mit Absicht von Messer Ugos
Sohn gesprochen, verführt durch einen seltsamen Kitzel, weil ich wußte, nun
werde Messer Fausto mich nochmals schlagen. Denn er schlug mich, sobald ich
nur den Namen irgendeines Mannes aussprach. Warum aber tat ich es, mußte es
tun, und drängte mich heran zum Schmerz? Das erkläre, Herr, warum du so viel
Leiden bestimmtest für eine Unschuldige!
„Ich will dir die Ketten für die Stirn kaufen,“ sagte Messer Fausto, als er vom
Schlagen müde war. „Damit du mir keine Hörner daransetzest. Du mußt gerecht
sein: ich tue, was ich kann.“ Ich antwortete: „Gewiß. Ich werde es niemals tun.“
Und ich wollte es auch nicht. Damit in der Frühe, wenn ich zur Heiligsten
Annunziata ging, die Madonna Eletta den Finger ausstreckte und sagte: „Seht die
Heuchlerin! Sie hat mich mit dem Gino ins Gerede gebracht, und sie selbst
schläft mit dem Raniero!“ — Es ist schon wahr, daß ich es von ihr gar nicht
wußte. Aber was wußte denn sie von mir? Und redete doch, hinter meinem
Rücken. Wäre es wahr gewesen, was sie sagte, ich hätte mich so schwarz gefühlt
wie die Mohrin hinter mir, Herr, die meinen Gobbo, den Papagei, trug. So aber
hing mein Brokat (und um den beneidete sie mich doch nur) über den Malen, die
mein Mann mir geschlagen hatte, und ich war eine Gerechte. Und Don Vinante,
mein Beichtvater, wußte es wohl, und außer Messer Fausto, meinem Mann, den
die Eifersucht irr machte, zweifelte keiner an meiner Tugend, und allen, die
sündigten, durfte ich mitten ins Gesicht sehen. Und wenn Raniero im Hof der
Kirche stand und falsche Seufzer ausstieß, ging ich hoch vorbei, den Blick
gradaus, und hatte einen großen, starren Genuß: „Du wirst dennoch nie erfahren,
daß ich dich liebe! Die Liebe ist hart; aber ich bleibe standhaft, du gewinnst
nichts. Du bist böse, bist dazu eingesetzt, mich zu verderben. Ich hasse dich! . . .
Ja, das dachte ich, o Herr. War das nicht recht und löblich?
Zu Hause mußte ich mich dann wieder sehr quälen. Warum? Heißt das
gerecht? Für so viel guten Willen? Ich nahm meine große Puppe aus der Truhe
und drückte sie ans Herz. „Verzeih,“ sagte ich zu ihr, „daß ich dich schon zwei
Jahre nicht mehr ansah!“ Du weißt, Herr, ich hatte sie noch nicht zwei Jahre
weggelegt; und sie war vom Fest in Venedig und war mitten auf der Piazza
ausgestellt gewesen in der Tracht, wonach alle Frauen das ganze Jahr sich
richten sollten. Mein Vater besuchte gerade die Filiale seiner Bank, und er kaufte
die große Puppe für eine Menge Geld. Ich machte alle Mädchen neidisch mit ihr und liebte sie darum sehr . . . Nun aber war alles anders, an die neidischen
Mädchen dachte ich nicht mehr; wie ich die Puppe an mich zog, fühlte ich’s, als
würfe sie mir beide Arme um den Hals; mir ward ganz heiß, ich herzte sie immer
und sagte: „Du kommst nicht aus Venedig vom Markt, du sollst von Raniero
kommen! Ich habe dich von ihm, du bist sein Kind, hörst du, das will ich, das
soll sein!“ Und dann sprang die Angst vor der Sünde in mir auf, und ich warf die
Puppe mit dem Gesicht auf die Erde, und mich mit dem Gesicht aufs Bett, daß
wir einander nicht mehr sähen, und jammerte in das Kissen hinein: „Nein, ich
will nicht, ich will kein Kind von ihm!“ Und klagte bis in die Nacht. Und Messer
Fausto, mein Mann, kam und schlug mich wieder — und hatte auch recht. Ich
schrie wohl, damit er aufhörte: „Warum haben wir keine Kinder!“ Aber ich
wußte doch, das sei Gottes Sache.
Was sollte ich tun? Muß man denn einen Menschen lieben, wie diesen
Raniero? Einen gewöhnlichen Angestellten in der Bank meines Vaters. Einen,
der die Geschäfte versäumt, auf den Wiesen am Mugnone im Grase steht,
stundenlang, wie ein Storch, und dann, ganz blaß, bis vor mein Haus schleicht?
Einen, der schon längst fortgeschickt wäre, wenn ich nicht für ihn gebeten hätte,
oder vielmehr für die alte Mutter, die von ihm lebt. Denn das tat ich, Herr, und
war es nicht fromm und barmherzig von mir, für meinen Feind zu bitten? Nun
erkläre mir aber: wenn mein Bruder sich so anstellen würde in unserem
Bankhaus, ich würde ihn verachten! Und diesen muß ich lieben! Soll er doch
verdienen und eine Frau nehmen, wie es sich geziemt. Aber auf mich hat er es
abgesehen! Und fordert meinen Mann zum Zweikampf heraus. Denn das hat er
getan, Herr, und es ist eine solche Albernheit, daß sogar du gelacht haben mußt:
wenn du Art und Figur Messer Faustos bedenkst.
Und dann hat er ihn auch noch verschont! Herr, du magst sagen, was du willst,
aber es ist natürlich, daß ich wünschte, nun möchte es einmal um sein. Messer
Fausto hatte mich blau geschlagen; ich wünschte, mögen sie sich gegenseitig
umbringen. Dann aber: Nein, nur Raniero! Denn ich kann es dir schwören, Herr,
bei deinen eigenen Wunden: nicht Messer Fausto wollte ich tot sehen! Er kam
auch zurück; es war nichts geschehen; und ich kriegte Ohrgehänge und eine
Straußenfeder mit lauter Edelsteinen geziert, die konnte ich zur Kirche tragen.
Aber alle wußten schon, wenn sie meine Geschenke erblickten, dann war ich
geschlagen worden . . . Und da dachte ich, das ist wahr: Warum hat Raniero
nicht lieber zwei Kerle geschickt, die ihn anfallen? Und ich habe sogar den Don
Vinante beredet, daß er in seiner Unschuld etwas angerichtet hat, daß Messer
Fausto vor San Frediano hinaus mußte. Und das ließ ich dem Raniero berichten
durch einen Bettler, der nicht sagen durfte, wer ihn schickte, und ließ ihn in
verdeckten Worten zu einem Streich auffordern.
Da sieh nun, Herr, wie weit du es mit mir getrieben hast! Eine Gattenmörderin
und auf dem Rade, so hätte ich enden können! Wenn ich nicht deine Mutter
angefleht hätte, als Messer Fausto vor der Stadt und in Leibesgefahr war: die hat
das Schlimmste verhütet. Ich aber schwur damals in der Not, es möge daraus
werden, was immer, Schande und Tod: — ich wolle doch, so lange ich lebe, dem
Raniero nicht angehören. „Die Liebe hat mich so elend gemacht; ich will mich
an ihr rächen!“ Ich war von Sinnen, und die beiden Tauben, die vor meinem
Fenster einander liebkosten, die ergriff und erwürgte ich! Und als ich’s tat fühlte
ich meine eigene Kehle unsichtbar umklammert und schloß die Augen und
mußte mich an die Fensterbank stützen, ich wäre sonst umgefallen.
Wie nun Messer Fausto zurückkehrte und es der heilige Samstag vor Ostern
war und aus dem Tor des Domes der Festhall kam wie eine Wolke mit Engeln
darauf, da sprach es hinter meinen gesenkten Lidern, und, Herr, ich konnte nichts
dafür: „Sie feiern ihn, der die Liebe ist und sich hat kreuzigen lassen. Er will,
daß auch ich lieben und dafür sterben soll. Und ich sträube mich nicht. Aber
ruchlos und abscheulich ist’s, daß er aufersteht und auch das von mir erheischt.
Wer glücklich tot ist, der sollte es bleiben dürfen und endlich in Sicherheit sein
vor der Liebe und dem, der die Liebe ist!“
Mit diesen Gedanken war ich dicht vor das Tor gelangt, und plötzlich
erweiterte es sich wie ein Mund, ich fühlte seinen Atem auf meiner Stirn
brennen, und eine ungeheure Stimme, eine Orgelstimme, schrie: „Du sollst
sterben und wiederkehren vor allen anderen und zugleich mit mir. Schon morgen
sollst du wiederkehren, sollst sehen, wie alle meinem Auferstehen zujauchzen,
das du gelästert hast. Bei deinem aber soll dich frieren, und du sollst große Reue
haben!“
Alle müssen es gehört haben, so laut ward es geschrien! Warst du das, Herr?
Wohl; denn du hast’s wahrgemacht. Dann erkläre mir aber, was eine Frau zu
bereuen hat, die ihren Mann nicht betrügen und seine Geschenke nicht verlieren
und von den Leuten nicht mit Fingern gezeigt werden wollte. Sollte ich etwa
Schande und Armut auf mich laden, weil es irgendeinem Menschen einfiel, mich
zu lieben? Zwar liebte auch ich ihn. Warum aber bestimmtest du dies so? Und
vergingst dich dadurch gegen die bürgerlichen Regeln? . . . Heute ist Ostern, und
wir sind beide auferstanden; nun erkläre diese Dinge!
Aber du schweigst. Du hältst nur den Kopf auf die Schulter geneigt und siehst
mich kaum, so tief sind deine Lider herabgelassen Hörst du’s wenigstens, wenn
ich gegen deine Füße klopfe? Ach nein; du seufzest nur und legst den Kopf auf
die andere Schulter. Mich hast du hierher bestellt, und du selbst schläfst lieber
noch etwas!
Wie ich verlassen bin und abgeschieden von allem, allem. Mich friert; ich habe keinen Mantel und nichts, wohinein ich mich hüllen kann; nur das große,