Mnais und Ginevra

Heinrich Mann · Kapitel 2 von 4

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Mnais und Ginevra

Kapitel II

weiße Leinentuch von meiner Bahre.“

 

II.

 

„Nun bin ich draußen, und weiß nicht, wie ich herkam. Ich strich so lange an den

Wänden entlang im Dom, bis ich auf einmal herausschlüpfte. Die Stelle könnte

ich nicht wiederfinden. Ich begreife nicht, was mit mir geschieht, und mir ist

sehr bange. Habe ich nicht eben noch unserem Herrn getrotzt? Jetzt sehe ich

wohl, wie alles unsicher ist und voll von Geheimnissen. Ist denn dies der

Domplatz, auf dem am Mittag die Weißen und die Schwarzen einander

Hohnreden zurufen und die Händler die Bänder und Kuchen feilbieten? Über

den mit stolz gesenkten Augen die anständigen Frauen wandeln? Jetzt ist

Ginevra bange, wenn sie auf diese Quadern hinabstiege, sie möchten unter ihren

Füßen weggleiten, wie Wasser.

Wagen mußt du’s, du willst dich doch nicht auf die Stufen legen, wie eine

Bettlerin. Trägt es mich? O! Es regt sich um San Giovanni her, auf den alten

Gräbern! . . . War’s nicht’s? Ich habe Furcht, ich, die selbst eine Tote bin! Aber

die in jenen Särgen sind Heiden . . . So also ist denen zumute, die wiederkehren.

Alles erschreckt sie, und sie wissen nicht, wozu sie kamen. Ich fühle in mir ein

helles, kaltes Licht, das wacht in der Welt allein. Vom Turm schlägt es ein Uhr.

Allein, ohne Zweck, und wer weiß, wie lange. Erlösche ich nicht, zergehe ich

nicht? Bin ich nicht bloß am Mondlicht entzündet? Ich will in eine dunkle Gasse

huschen, vielleicht ist’s dann aus.

Du bist noch da, Ginevra. Immer an der Mauer hin; — dort geht eine Tür auf.

Wenn sie mich sehen! Da schau, es ist das Haus Messer Tibaldos, und wer

schleicht heraus? Messer Gino, — und durch den Türspalt lugt Madonna Eletta.

Ist nicht Messer Tibaldo nach Pisa? Also hatte ich recht mit Messer Gino und

Madonna Eletta? Ich dachte es gar nicht. Und er, er läuft vor mir davon! Ach ja,

ein Geist. Was ein Geist alles sieht! . . . Da bin ich vor Messer Faustos Haus. Es

ist doch mein Haus, soll ich nicht klopfen dürfen? Wie lange es währt! Mich

friert. Mach auf! O! seine Nachtmütze.“

„Wer klopft?“

„Ginevra, Euer Weib.“

„Wer?“

„Ginevra degli Amieri.“

„Um Gottes willen, entweiche! Verschone mich! Ich schlug dich, ja; aber es

war mein Recht, denn ich war dein Mann. Du darfst mich dafür nicht heimsuchen! Ich will Messen lesen lassen, damit du Ruhe bekommst.“