Mnais und Ginevra

Heinrich Mann · Kapitel 3 von 4

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Mnais und Ginevra

Kapitel III

„Er hat das Fenster zugeworfen. Wie seine Stimme vor Angst sich brach!

Hätte er mich nicht einlassen sollen? Ich mag ein Geist sein, aber hat er nicht

auch meine Seele geheiratet? Wohl nicht. Wozu aber muß eine Tote

umhergehen? . . . Ich will’s bei meinen Eltern versuchen; es ist nicht weit.

Schon rühren sie sich. Ein Licht wandert durchs Haus. Die Mutter schläft

wieder einmal nicht und wirtschaftet umher. Ihr ist’s wohl leid, daß ich tot bin.

Nun ist der Vater am Fenster, Vater!“

„Du schlechte Tochter! Warum erschrickst du deine arme Mutter. Du mußt

wohl sehr sündig sein und hast darum keine Ruhe gefunden. Morgen sollen die

Teufel gebannt werden aus dir. Aber tu deinen Eltern nichts an! Geh doch zu

deinem Mann! Wir haben dich ihm gegeben und Geld genug dazu, so daß wir dir

nichts mehr schulden!“

„Er hat den Laden angezogen und den Riegel vorgelegt. Die Mutter stand

hinter ihm und rang die Hände. Wie ihr das schrecklich sein muß, daß ihr Kind,

ihr so gehegtes, nun zu den Bösewichtern und irrenden Seelen in die Nacht

hinausgescheucht ist! Aber auch der Vater hat recht; er hat für mich bezahlt, und

ich habe keine Forderung an ihn. So allein ist man: ich wußte das nicht. Ich

dachte, sie könnten mich schlagen, aber ich würde immer ein Bett haben. Sonst

sperrten sie mich ein. Jetzt öffnet mir niemand . . .

O, wo bin ich? Dort schleichen sie schon, die Bösewichter, dort unter dem

Schwebebogen. Sie schleichen hinter einem, den eine Frau umschlingt. Sie küßt

ihn: da greifen sie ihn. Die Frau hält ihn fest, damit sie ihn töten können. O, auch

das war Liebe? Ich will schreien: Hilfe! Nun werden Sie mich — töten? Sie

können’s ja nicht mehr. Sie sehen mich: alle laufen davon. Ich habe einen

Menschen gerettet. War ich dazu gesandt? Guter Mensch, höre! O, auch er läuft.

Ich war ihm so dankbar, ich weiß nicht wofür. Aber er läuft vor mir weg.

Und nun? Was ist dies für ein Haus? Kennst du es, Ginevra? Du gingst mit

Messer Fausto, deinem Manne vorbei, und er behauptete, du habest

hinaufgesehen, und versprach dir Schlimmes. Du hattest es nicht; aber seither

wußtest du, wo Messer Raniero wohnt, Übrigens, jetzt wüßtest du es ohnedies;

die Toten kennen alle Plätze . . . Dahin also sollte ich. Sonst habe ich keine

Zuflucht und keine Bestimmung. Ich will klopfen.“

 

III.

 

„Wer ist es?“

„Mich friert, öffnet mir!“

„Wer seid Ihr?“

„Ginevra.“

„Ginevra ist tot. Geht in Frieden.“

„Sie ist tot, drum kommt sie zu Euch. Lebte sie, sie käme nicht . . . Ihr

schweigt?“

„Ich öffne Euch. Tretet ein und folgt mir über die Treppe. Ich hebe das Licht

ganz hoch, und Ihr seht, Madonna Ginevra, dies Haus ist Euer. Meine alte

Mutter ist taub und sie schläft. Wir sind allein.“

„Aber Ihr geht immer rückwärts vor mir her, Messer Raniero, und laßt mich

nicht aus dem Auge. Nun stellt Ihr die Kerze so hin, daß sie mir ins Gesicht

leuchtet, begebt Euch bis ans Ende das Zimmers und verschränkt die Arme. Ihr

habt Furcht vor mir, auch Ihr! O, ich bin müde, und so kalt.“

„Ich fürchte Euch nicht so sehr, als da Ihr lebtet. Arme Ginevra.“

„Was sagt Ihr? Warum bleibt Ihr also dort hinten? Alles flieht mich, weil ich

gestorben bin. Kann ich dafür, daß ich wiederkehre? Ich habe es nicht gewollt.

Wer das gedacht hätte, früher in den wimmelnden Gassen, im lauen Gedränge

der Kirchen, daß Menschennähe so kostbar werden würde!“

„Wollt Ihr mir die Hand reichen, Madonna Ginevra?“

„Eure Hand ist warm, Verzeiht: Ihr seid gut, daß Ihr mich zu Euch einließt.

Draußen war es schlimm. Wie geht es zu, daß Eltern und Gatte mich

fortschicken, Ihr aber, Messer Raniero, öffnet der Toten, die Euch doch nichts

erwidern kann. Ich habe nie gehört, daß jemand umsonst gibt. Was wollt Ihr?“

„Ich will, Madonna Ginevra, daß Ihr Euch in meinen Stuhl setzt, so, und daß

Eure Blicke alle diese Dinge neu und wohltätig machen. Vielleicht wird sich

leichter leben lassen zwischen den Wänden, die Eure Stimme vernommen

haben? Und dann . . .“

„Warum sprecht Ihr zitternd und werdet so blaß?“

„Und dann laßt es Euch wohl sein im Frieden und kehrt nicht mehr wieder.

Denn lieber will ich Euch missen, als daß Ihr um meinetwillen dieselbe Strafe

erdulden solltet, wie im Pinienwald bei Ravenna jener nackte und immer

gehetzte Geist, der einst eine gegen Liebe grausame Frau war.“

„Das sind Lügen von Messer Giovanni Boccaccio, Ihr müßt ihm nicht

glauben. Was wißt Ihr, ob denen, die wiederkehren, hier nicht doch wohler ist als

drunten, Ihr habt mich ein wenig erwärmt. Dort ist’s nicht gut sein. Mich

schaudert; ich will nicht wieder hinab.“

„Ihr wolltet lieber bei mir bleiben? Madonna Ginevra?“

„Wer hat das gesagt, Messer Raniero? Nur daß Ihr den Dichtern nicht alles

glauben müßt, sagte ich. Aber Ihr seid selbst einer, und Ihr stecktet mir im Hof

der heiligsten Annunziata, während Messer Fausto einen unverschämten Bettler schalt, Verse in die Hand. Warum seid Ihr nicht eifriger im Geschäft?“

„Ihr habt recht, denn die Verse waren schlecht.“

„Sie waren lügenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr teuer

sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoßet, und die darum zugrunde

gehe. Was für Lügen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr eine Sklavin

haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der Wolle gehörte.

Hättet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile, und sie, mir zu

gefallen, verlassen!“

„Was wißt Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was könnt Ihr wissen. Hört

mich an: ich habe Euretwegen so Großes verlassen und verloren, daß niemand

Größers erträumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher, die

von Harnischen glänzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte, das

Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein Reich

mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Sänger und ein Held, dem nichts

verboten dünkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in Kleinmut. Ihr

waret endlich die, die meine Träume übertraf, vor der ich sie, wie meine arme

Magd, verstecken und vertreiben mußte. Ihr schicktet mir das Fieber einer

Begierde, so übermächtig, daß ich mich davor fürchtete, sie zu stillen. Ich fühlte

mich von einem Fluch geschlagen, lag keuchend da und verwünschte Gott, weil

Ihr am Leben waret! Das, Madonna Ginevra, ist Liebe! In mir war’s übervoll

von vielem, das Euch entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust

flöge, wie ein Blütenzweig, den eine Hand niedergebeugt hätte und plötzlich

schnellen ließe; — aber ich war stumm. Und die heißesten Taten, die in mir

geschahen, regten draußen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel Staub auf,

wie ein Hund, der über die Straße läuft. Manchmal trieb ich ein verzweifeltes

Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tüchtig. So forderte ich Euren Mann

zum Kampf — und ließ ihn unversehrt. Denn als ich ihm gegenüberstand,

vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es mir einfallen, an Dinge

Eures Lebens zu rühren. Wie kann ich gegen Euren Willen Euren Mann töten.

Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese lächerliche Beleidigung! Muß nur

einer Eurer Atemzüge langsamer oder schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich

kam mir tot vor, hört Ihr’s? ich, und wie ein kraftloser Schatten. In

Schattenspielen raubte ich Euch, durchjagte mit Euch die Welt, tötete, wessen

Atem Euch nur anwehte. Seht Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut?

Und doch habe ich hier in mancher Nacht gewütet, bis ich selbst, voll Wunden

und röchelnd, dahinsank!“

„Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Tränen abendelang die

große Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte,

habe mich gesträubt und Euch in Sehnsucht gehaßt, bis Messer Fausto mir das Gesicht aus einem Kissen riß und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben

geführt, Messer Raniero. Ich höre Euch zu mit einer Freude, die mich zerreißt.

Ihr seid gewiß noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich wähnte, Euch

fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu verderben. Und ich

habe unsern Herrn gelästert, weil er mir, nur mir die Liebe auferlegt hatte, für

jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch nochmals wiedersehen müssen,

als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben habt Ihr es recht schlecht, und

nicht ich, die schon starb, bin die Unglücklichere? Sagt mir das! Daß Ihr sehr

leidet! Mehr als ich! Dann will ich Barmherzigkeit an Euch üben und Euch lieb

haben!“

„Es ist schön, mit Euch zu leiden, o Ginevra!“

„Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr gebt

es mir! Oder ist es Lust? Ich weiß nicht mehr; ich bin eine irrende Seele.“

„Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nähert, kann ich es erkennen. Ihr waret

ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich weiß nicht, wer

Euch erweckt.“

„Die Liebe, Raniero, erweckt mich.“

„Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich röten, den Abglanz des Ortes,

woher Ihr zurückkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzählt doch, was Euch dort geschah!“

„Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so köstlich

schien, daß das Herz darin zu baden wünschte; und er befahl mir,

zurückzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang

wie Verheißung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig sehe

ich den Himmel und meinen Geliebten!“

„Nun fühle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und . . .

auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefühlt. Ginevra! So ist es Leben

und grenzenlose Erfüllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet immer in

diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, daß Ihr auf Erden seid.“

„Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lästern

und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch dienen,

und Ihr könnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure Sklavin.“

„Hört doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel!“

„Mich töten, wie Eure Sklavin.“

„Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure

verschränkten Hände und haltet nicht Euer goldig überflossenes Gesicht den

Überirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ängstige mich!“

„Ich weiß jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist schwer

und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu lassen;

und kämen immer wieder, so oft die schwere und süße Liebe es will.“

„Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie mir!

Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fühlte, seine ersten und letzten

Schläge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch elender

machen könntet? Hütet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich war von

Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wußte wohl, daß sie in Tod

zurückfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie meine große

Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird wiederkehren, sich mir

jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun zurücktragen, bis zur Nacht; und

will ganz frohen Mutes sein. Auf der Straße sind Kirchgänger, im leuchtenden,

jauchzenden Ostermorgen. Ihr Mädchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den

gleichen Weg wie eine Frau, die in diesem Hause wartet. Sie ist geschmückt, wie

ihr; und wie glücklich immer ihr sein mögt, ihr habt euch ihrer nicht zu schämen.

Kommt herein und nehmt sie mit!“