Napoleon

Carl Sternheim · Kapitel 3 von 5

PDF-Seiten

Napoleon

Napoleon

 

NAPOLEON wurde 1820 zu Waterloo im Eckhaus, vor dem sich die

Steinwege nach Nivelles und Genappes trennen, geboren. Sein Kinderleben

verließ historischen Boden nicht.

Über die durch Hohlwege gekreuzten Flächen, auf denen des Kaisers

Kürassiere in Knäueln zu Tode gestürzt waren, gingen seine Soldatenspiele mit

Gleichalterigen. Sie lehrten ihn ewige Gefahr, Wunden und Sieg.

Zwölf Jahre alt, nahm er von Kameraden beherrschten Abschied, sprang zum

Vater in die Kalesche und fuhr nach Brüssel hinüber, wo er vor ein Gasthaus

abgesetzt wurde. In der Küche des Lion d’or lernte er Schaum schlagen, Fett

spritzen, schneiden und schälen. Gewohnter Überwinder der Kameraden auf

weltberühmter Walstatt, ließ er auch hier ganz natürlich die Mitlernenden hinter

sich und war der erste, der die Geflügelpastete nicht nur zur Zufriedenheit des

Chefs zubereitete, sondern auch nach den Gesetzen zerlegte.

Er selbst blieb von allen Speisenden der einzige, den der Vol-au-vent nicht

befriedigte, doch nahm er Lob und ehrenvolles Zeugnis hin, machte sich,

siebenzehnjährig, auf den Weg und betrat an einem Maimorgen des Jahres 1837

durch das Sankt Martinstor Paris.

Als er von einer Bank am Flußufer die strahlende Stadt und ihre Bewegung

übersah, wurde ihm zur Gewißheit, was er in Brüssel geahnt: Nie würde er aus

den allem Verkehr fernliegenden Küchenräumen jene enge Berührung mit

Menschen finden, die sein Trieb verlangte. Tage hindurch, solange die ersparte

Summe in der Tasche das Nichtstun litt, folgte er den Kellnern in den

Wirtschaften gespannten Blicks mit inniger Anteilnahme; verschlang ihre und

der Essenden Reden, Lachen, Gesten. An einem hellen Mittag, da eine Dame

Trauben vom Teller hob, den ihr der Kellner bot, trat er stracks in die Taverne

auf den Wirt zu und empfahl sich ihm durch Gebärden und flinken Blick als

Speisenträger.

Nun brachte er Mittag- und Abendmahl für alle Welt herbei. Es kam von beiden Geschlechtern jedes Alter und jeder Beruf zu seinen Schüsseln und

sättigte sich. Unermüdlich schleppte er auf die Tische, fing hungrige Blicke auf

und satte, räumte er ab. Nachts träumte er von malmenden Kiefern, schlürfenden

Zungen und ging anderes Morgens von neuem ans Tagwerk im Bewußtsein

seiner Notwendigkeit.

Erst allmählich sah er Unterschiede des Essens von schmatzenden Lippen ab.

Er kannte den gierigen, weitgeöffneten Rachen des Studenten, durch den

unsortierte Bissen in ein niegestopftes Loch fielen, unterschied den Vertilger

eines nicht heißhungrig ersehnten, doch regelmäßig gewohnten Mahles von

jenem Überernährten, der ungern zum Tisch sich niederließ und gelangweilt

Leckerbissen kostete und zurückschob. Er prägte sich die kauende, trinkende

Menschheit in allen Abstufungen fest und bildhaft ein.

Durch Kennerschaft wurde er ihr Berater und Führer; wies den Hungrigen

feste Nahrung, bediente die ewig Satten mit Schaum und Gekröse; von ihm zu

allen Tischen lief ein Band des Verständnisses. Hob der Gast nur die Karte, fiel

von Napoleons Lippen erlösend der gewünschten Speise Name.

Jahrelang blieben die seine Lieblinge, deren leibliche Not die Kost stillen

sollte. Ein saftiges Stück Fleisch, von kräftigen Zähnen gebissen, schien ihm die

gelungenste Vorstellung. Doch machte er Unterschiede zwischen den Sorten.

Ließ er Kalb und Lamm im Hinblick auf ihre festere Zusammensetzung gelten,

war ihm Wild und Geflügel wenig sympathisch. Von Fischen, Austern und

Verwandtem hielt er der lockeren Struktur wegen nicht das Geringste. Inbegriff

guter Nahrung war ihm das Rind. Unwillkürlich sah er beim Hin- und Heimweg

die Begegneten auf die Beschaffenheit ihrer Muskulatur hin an. Die erschienen

ihm wohl bereitet, die über straffem Knochenbau gedrängte Materie trugen. Die

Mageren verachtete er, und die mit losem Fett Gepolsterten waren ihm verhaßt.

Einem gut aufgesetzten Körper folgten seine Blicke zärtlich und zerlegten ihn

augenblicklich in gigots, selle, côtes und Kotelettes. In der Einbildung streute er

Pfeffer und Salz hinzu, garnierte, schnitt und servierte das Ganze mit passendem

Salat; dann lächelte das junge Gesicht, und hingerissen, ahnte er nicht, in

welcher Zeit er lebte; unterschied Sommer und Winter, Trockenheit und Regen,

Überfluß und Notdurft nicht und wußte nur: dies freut den Gast.

Immer hitziger wurde sein Trieb, dem zu Bedienenden sättigende Kost zu

bieten. Gewürz und Zutat sah er nur in dem Sinn, wie sie die bestellte Speise fest

und ausdauernd machen möchten. Es bildete sich in seine Vorstellung der Raum

des leeren Magens, in den er wie aus Betonklötzen die Nahrung baute.

Ging der Gesättigte, der schlappen Schrittes gekommen, wuchtig zur Tür

hinaus, hing Napoleons Blick an dem Schreitenden, als sei dessen Lebendigkeit

sein Werk. Er brauchte das Bewußtsein schöpferischer Tat, um vor sich bestehen zu können und steigerte es allmählich zur Überzeugung, ohne ihn und seine

Pflege sei die Lebensarbeit der Betroffenen nicht möglich. Diese festzustellen,

merkte er die Namen der Gäste; nahm an ihrem Vorwärtskommen teil.

 

*

Es geschah, als er am freien Tage durch die Wege der Versailler Parks schritt, in

der Einbildung, er habe gerade eine riesige Wurst mit den Höchstwerten

menschlicher Nährstoffe gestopft und schnitte den Wartenden Scheiben herunter,

daß aufschauend sein Auge zu einem jungen Weibe fiel, das am entblößten

Busen ein Kind hängen hatte. Gebannt wurzelte Napoleon am Boden und prägte

sich in aufgetane Sinne das Bild rosiger, geblähter Rundheiten an der Frau und

dem Säugling ein. War das eine Apotheose seiner Träume von kraftvoller

Nahrung und ihrem besten Verbrauch! Er hätte an die Nährende niederfallen und

durch Umschlingung ihres und des Kindes Leibes an dem erhabenen Vorgang

teilnehmen mögen.

Das geschaute Bild verließ ihn nicht und veranlaßte ihn, flüssigen Stoffen

gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken; dann aber hob es den Wert der Frau,

der bis heute ihrer geringen Lust zum Essen wegen für seine Welt nicht groß

gewesen war, sich jetzt aber unter einem anderen Gesichtspunkt auf das beste ins

große Tableau tafelnder Menschheit einordnete. Zum ersten Mal besah er das

Mädchen an der Anrichte, dem er bisher nur den kräftigen Gliederbau hatte

bestätigen müssen, und immer eindringlicher, als prüfe er es auf gewisse ihm

nun einleuchtende Möglichkeiten. Er fand, sie nähme als Nahrung zu viel

leichtes Zeug, belade sich mit Geblasenem und Aufgerolltem, das im Magen zu

einem Nichts zusammenfiele, warnte sie vor Klebrigkeit und Süßem und

forderte sie eines Tages geradezu auf, mit ihm irgendwo ein Mahl zu nehmen,

das bis ins kleinste von ihm zusammengestellt, in seinem Wert für sie erörtert

werden solle. Das Mädchen nahm des Mannes Kauderwelsch für einen

Umschweif, willigte ein, und sie gingen an einem der nächsten Tage gemeinsam

ein Stück über Land und traten in einen Gasthof ab.

Dort verschwand Napoleon und erklärte zurückkommend der schmollenden

Suzanne, er habe in der Küche selbst bis ins Kleinste vorgesorgt. Mit einem

Ragout vom Hammel in einer Burgunderweinsauce beginne man und gehe, alle

falschen Vorspiegelungen verschmähend, geradezu auf ein wundervolles,

halbblutiges Rindslendenstück zu, an das er englische Gurken und Zwiebeln

habe braten lassen.

Als das Essen aufgetragen war, wies er sie, die Bissen langsam zu kauen und

ohne Zukost von Brot zu schlucken. Er ruhte nicht, bis das letzte Teilchen auf

der Schüssel vertilgt war und befahl ihr und sich selbst ein Gläschen Schnaps zu besserem Bekommen an.

Da nach Tisch sie draußen im Gras lagen, breitete er Arme und Beine von sich

und riet ihr, ein Gleiches zu tun. Er sei ein schmächtiger Bursch gewesen und

nur durch vernünftige Nahrung und angemessene Verdauung sein Gewebe fest

und kräftig geworden. Dabei ließ er durch Beugung die Muskeln der Arme und

Waden zu kleinen Bällen schwellen, worauf sie, in der Eitelkeit verletzt, auch

ihre Glieder spielen ließ und ihn zur Prüfung der festen Beschaffenheit einlud.

Doch bestritt er alles von vornherein, meinte, es sei bei ihrer bisherigen

Ernährung gar nicht möglich und forderte sie auf, in Zukunft nach seinen

Vorschriften zu leben. Dann werde, was nicht da sei, kommen.

Er gefiel ihr. Dieser nüchterne Sinn machte Eindruck auf sie, und sie bemühte

sich, seine Erwartung zu erfüllen. Bei den nächsten Ausflügen blieb sie plötzlich

stehen, bäumte den Arm auf und ließ seine Hände die Anschwellung fühlen.

Doch kam durch Wochen nichts als ein Schnalzen von ihm, das ihr immerhin

bedeutete, sie sei auf rechtem Weg. Bis eines Tags beim Versuch, sich ein

gelöstes Schuhband zu knüpfen, sie ihm ein so mächtiges Rückenstück

entgegenhob, daß eine runde Anerkennung seinen Lippen entfuhr. Gleich lag sie

an seiner Brust; bot ihm den Mund zum Kuß.

Der Besitzer der Taverne starb, und Napoleon wurde Inhaber des

Speisehauses. Er konnte nun schalten, wie er wollte, und entfernte vollends alle

Spielereien von der Karte. Die gleichbleibende Kundschaft, er selbst und

Suzanne waren gewichtig auftretende Personen geworden, die eine Rede

deutlich in den Mund nahmen. Es gab in seinen Räumen kein Getuschel, sondern

zu schallenden Worten dröhnendes Lachen. Ein forsches Zugreifen und

Fortstellen. Überzeugte Meinungen und Entschlüsse für kühne Taten.

Napoleons Vaterunser und Einmaleins hieß: in allen Molekülen drängende

Kraft. Von Suzannes Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug, rechnete er,

es müsse nach Menschenermessen ein Herkules werden.

 

*

Der Ruf des Hauses hatte sich verbreitet. Einer rühmte es dem andern und

brachte ihn zu einem Versuch mit. Schließlich reichte der Raum nicht, die Gäste

zu fassen. Einen freiwerdenden Stuhl besetzte sofort ein anderer Hungriger.

Große Tagesumsätze wurden erzielt und immer bedeutendere. Verglich aber zum

Jahresabschluß der Wirt Einnahme und Ausgabe, kam kaum ein Guthaben zu

seinen Gunsten heraus. Anfangs, bevor er das Ziel seines großen Rufs erreicht,

ließ er es gehen; als aber dieser über ganz Paris feststand, begann die schlechte

Abrechnung ihn zu wurmen. Er war nun dreißig Jahr alt, hatte große Pläne, und

schien Reichtum auch nicht seine letzte Absicht, mußte er doch mit dem übrigen kommen. Nochmals nahm er die Bücher gründlich vor und stellte fest, der

geforderte Preis war in Anbetracht der hervorragenden Beschaffenheit und

Menge der gereichten Speisen zu niedrig. Da ihm aber einleuchtete, der

Konkurrenz wegen könne er einen Preisaufschlag nicht eintreten lassen, stand er

vor der Entscheidung, alles beim alten zu lassen oder die Qualität des Gebotenen

zu verschlechtern. Treu seinen bisherigen Grundsätzen entschloß er sich zu

ersterem, stand aber den Essenden jetzt nicht mehr mit alter Unbefangenheit

gegenüber. Bei jedem Filet, das der Kellner mit schönem Schwung zum Gast

niedersetzte, stellte er den Vergleich zwischen Ware und erzieltem Preis an und

kam bald dazu, daß ihn eine Platte, je besser sie gelungen und je reichlicher sie

serviert wurde umsomehr in qualvolle Erregung versetzte. Besonders konnte er

den Blick von einem Gast nicht wenden, der mit dem Gebotenen anfangs nicht

zufrieden, die Bedienung und die Küchenbrigade durch anfeuernde Reden zur

höchsten Leistung für ihn angespornt hatte und nun wahre Fleischtrümmer

vorgesetzt bekam, die er mit Mengen alles Erreichbaren würzte. Dazu warf er

Napoleon triumphierende und anerkennende Blicke zu, die diesen anfangs

erbitterten, schließlich zu heller Empörung brachten. Der Vielfraß war ein

Kanzleibeamter, von dem nie ein besonderes Verdienst verlautet hatte, und der

Herr des Gasthauses fragte sich ergrimmt, mit welchem Recht, für welches

bedeutende Vorhaben der Betreffende eigentlich solche Anforderungen für

seinen Magen stellte. Man wisse schließlich zu welchem Ende, schlänge ein

Thiers, ein Balzac solche Mengen in seine Därme. Dieser Durchschnittsbürger

aber schweife in geradezu widerlicher Weise aus, garniere er den faulen Bauch

täglich mit solchen Prachtfleischstücken. Überhaupt begann der Wirt des Veau à

la mode seine Stammgäste auf ihre Verdienste hin anzusehen und stellte vor

seinem Gewissen fest, keiner habe durch Erfolge die Sorge vergolten, die man

jahrelang an seiner Ernährung genommen. Infolgedessen folgte er ihrem

Schlingen von nun an mit noch scheeleren Blicken, und als das Maß seines

Grolls aufs Höchste gestiegen war, brüllte er eines Tages dem Hauptkoch zu, der

über ein Tournedos ein volles achtel Pfund Butter goß, ob er von Gott verlassen

sei und ihn durchaus ruinieren wolle.

Über all das hatte er schlaflose Nächte, bis er zu fester Anschauung sich

durchgerungen hatte, die lautete: Es hat die Mahlzeit das Äquivalent zu sein der

durch die tägliche Arbeit verausgabten Kräfte. Und so stellte er den Blick seiner

Kundschaft gegenüber neu auf Feststellung dieser Tatsache ein und fand, er

könne ruhigen Gewissens mit der Beschaffenheit und dem Maß der Portionen

herunter gehen und leiste noch immer ein Mehr in den Magen der Speisenden.

Auch Suzanne gegenüber, die ihm ein Mädchen geboren hatte und noch in

derselben Stellung bei ihm war, nahm er jetzt diesen Standpunkt ein. Auf Grund seiner Erziehung war sie gewöhnt, ihren und ihres Kindes Körper gehörig mit

ausgesuchter Eßware zu stopfen. Jetzt wies er sie hin, es sei Schande, den

ungeheueren Nahrungsmengen, die sie genösse, ein so winziges Maß an

Leistung gegenüberzustellen. Sie möge Leib und Geist mehr tummeln oder ihren

Eßverbrauch einschränken.

Damit aber hatte der Prozeß in ihm kein Ende. War gegen Mitternacht das

Geschäft vorbei, das Haus leer, blieb er am Herd zurück und begann, schmorend

und bratend, Versuche mit Surrogaten zu machen, die er den Speisen beimischte,

von der innigen Überzeugung geführt, er habe das Recht und die Pflicht, es den

Verbrauchern gleichzutun, die auch an Stelle wirklichen persönlichen Wertes für

das Menschengeschlecht falsches Vorgeben, hohle Gesten und Phrasen gesetzt

hatten.

Langsam begann er danach, seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis

umzusetzen. Äußerlich blieb alles, Name und Anrichtung der Speisen, beim

alten. Bedachte er aber, wie ein Stück Fleisch durch Klopfen und Lockern der

Atome angeschwollen, durch Beimischung scharfer Gewürze Kiefer und

Gaumen jetzt weniger durch Kauen als durch Beize beschäftigte, schmunzelte er

und trieb die entdeckte Kunst zu immer größerer Vollendung. Nun hatte er zwar

am Schluß des Jahres die Genugtuung eines außerordentlichen Überschusses,

fühlte aber, ihn befriedigten die Grundsätze, nach denen er heute Wirt sei, weder

in Bezug auf die Beschaffenheit der Gäste mehr, noch hinsichtlich der Mittel, die

er anwandte, ihre Erwartungen zu erfüllen.

An einem Sonntagabend lief dicht vor seinen Augen die Wendeltreppe zu den

Räumen im ersten Stock des Restaurants ein Persönchen empor, das mit

Rockrüschen und Volants wie ein Quirl über seiner Stirn hüpfte. Die Beine in

weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, und bei jedem

Satz federte der Körper hoch auf in den Gelenken. Dazu flogen Haare, Federn,

Pelzwerk um den Kopf, und ein empörtes Hundekläffen kam von ihrem

vermummten Busen her. Mit einem Sprung schwang sie sich oben zu zwei

Herren an den Tisch und rief klingenden Stimmchens: »Hunger!« Napoleon, der

auf Zehen vor sie getreten war, durchfuhr’s, hier sei seine ganze Speisekarte fehl

am Ort, und während Röte sein Antlitz malte, schlug das Herz Generalmarsch in

hastiger, aussichtsloser Erregung, was er diesem Püppchen bieten könne.

Als Madame Valentine Forain stellte sie einer der Herren vor, und Napoleons

Unruhe wuchs zur Verzweiflung, als er hörte, er habe die berühmte Tänzerin vor

sich, die seit Wochen Paris bezaubere. »Stillen Sie meinen Hunger mit Luft,«

sagte sie, »die den Leib nicht beschwert. Sie sehen aus, als verstehen Sie Ihre

Kunst. Diesem süßen Ungeheuer,« sie wies auf das safranrote

Hundeschnäuzchen, das aus einer Spalte ihrer Taille schnüffelte, »reichen Sie ein Schälchen zerkleinerter Kalbsmilch.«

Einen Augenblick blieb Napoleon auf dem Gang zur Küche im Dunkeln an

einen Pfeiler gelehnt, als habe er einen Schlag gegen die Stirn bekommen und

müsse sich erst zu neuem Leben sammeln. Gleich aber schoß die Stichflamme

der Erkenntnis in ihm hoch, hier gelte es die Zukunft, und schon spürte er den

aus den Kämpfen der letzten Wochen gesammelten Willen zu etwas gänzlich

Neuem als ein Lichtmeer über sich fluten. An den Herd er glitt, schnitt, mischte,

quirlte; hob es in kleinster Kasserole nur eben ans Feuer, nahm’s fort, als der

erste Wrasen stieg, und mit vier Sprüngen die ganze Treppe nehmend, servierte

er das Schüsselchen in seiner frühesten Hitze: Taubenpüree mit frischen

Champignons.

Sie kostete, murmelte, schluckte und schlug ein Paar kornblumenblaue Augen

lächelnd zu ihm auf. Er stürzte in die Küche zurück, setzte den Herd in größere

Glut und ließ über eine Handvoll Spargelspitzen, die er den jüngsten Sprossen

abgeschnitten, heißen Dampf schlagen, in dem er sie gar kochte. Im letzten

Augenblick gab er eine Schwitze von Sahne und Sellerie über das Ganze. Als

drittes und letztes Gericht bot er frische, geschälte Wallnüsse mit Himbeeren à la

crême. Dem Hündchen aber hatte er Trüffeln an die Kalbsmilch getan.

Nun stand er unauffällig in der Nähe, sah, wie nach wenigen Bissen von jeder

Platte schon die ganz sanfte Röte auf ihrer Haut lag, der Körper sich tiefer in die

Kissen des Sofas drückte und aus ihrem Munde ein Fauchen, winzige Tropfen

Feuchtigkeit aus den Augen kamen, ansagend, das zarte Leibchen ziehe

hingegeben jetzt Kraft aus dem Genossenen. Keiner der Herren sprach in diesen

Augenblicken, da auf dem Antlitz der Frau ein andächtiges Lächeln lag, mit ihr,

als sei es ausgemacht. Zitternden Zwerchfells lachte Napoleon, schütternden

Leibes in heller Seligkeit für sich dazu, bis ihm die Augäpfel in Tränen

schwammen. Er war mit ihm eins und lobte Gott in der Höhe.

Die Begegnung wurde geänderten Lebens und neuer Ziele Anfang. Als er am

gleichen Abend heimkehrend den kräftigen Leib Suzannes in den Bettkissen

fand, schnitt er der Schlafenden eine angewiderte Grimasse. Wütend deckte er

ein freiliegendes Rundteil von ihr zu, schloß die Augen und träumte in Wolken

duftiger Seide und Band die behende Gestalt der Tänzerin. Vor seinem geistigen

Auge prüfte er die schlanken Arme, eine schmale Hand, ihre ganze zierliche

Erscheinung und stellte fest, wie wenig fleischliche Person die Begnadete sei,

und wie geringer Kost sie bedürfe zu künstlerischer Leistung, durch die sie eine

Nation zum Entzücken hinriß. Für welche Tat aber sei der Leib neben ihm derart

aufgemästet, zu welchen Fortschritten brauche er seine täglichen mächtigen

Rationen? Mit was für Gesindel habe er, Napoleon, sich eigentlich bis über sein

dreißigstes Jahr hin abgegeben, und welch steilen Weg müsse er bis zu lohnendem Ziel noch ersteigen! Er fühlte, keine Minute sei zu verlieren, und

alles Heil ruhe im Anschluß an die verehrte Gastin. So widmete er ihr vom

zweiten Erscheinen an sein Trachten und Vermögen. Dachte die Stunden bis zu

ihrem Kommen nichts, als was er ihr vorsetzen, wie er ihre Erwartungen

übertreffen müsse. Lief morgens vom Markt in Hallen und Krämereien; suchte,

tüftelte das Frischeste, Zarteste und Rarste heraus. Zur Vorstellung ihres

winzigen Kerns in einer Hülle von Tüll und Tand dichtete er aus Schaum,

Krusten, Farce und Saucen das assoziierende Speisengebild; schabte, preßte in

Tücher, seihte und überquirlte wohl ein dutzendmal, bis das Gekochte

schwebend gleich einer Wolke zum Teller niedersank. Dann sah er es entzückt

zwischen zwei leuchtenden Zahnreihen auf einer schmalen Zunge zergehen.

Einst gönnte sie ihm ein Wort der Anerkennung. Ihm schien’s ein Rauschen

und hallte ihm lange im Ohr. Zum Schluß riet sie, das Stadtviertel des soliden

Bürgers eiligst zu verlassen und jenseits des Flusses, mitten im Herzen des

vornehmen Paris, ein Restaurant zu schaffen, das trotzdem bis heute jeder

entbehrte, der höchste Anforderungen an Küche und Keller zu stellen gewillt sei.

Sie würde mit Freunden kommen; wolle seiner außerordentlichen Kunst

Verkünderin sein.

 

*

So geschah’s. Nachdem er in einer Seitenstraße bei der Oper das passende Lokal

gefunden, verkaufte er mit Nutzen die alte Wirtschaft, ließ die Wände der

gemieteten Räume mit weiß silbernen Malereien zieren, die zu dem reichen

Silber, der Wäsche der Tischreihen stimmten. Ein roter Teppich deckte den

Boden. Kraft eines Schlagwortes, das irgendwo auf und über die Boulevards

flog, wußte Paris plötzlich von der Existenz des Chapon fin, und daß der Kenner

eines gewählten Bissens dort auf seine Rechnung käme. Vier Wochen nach

Eröffnung ging die beste Welt regelmäßig bei Napoleon ein und aus, als habe sie

nie einen anderen Ort des Stelldicheins gekannt. Der Ruhm seiner Küche beruhte

auf der Vorzüglichkeit der leichten Platten. Man konnte wohl ein Châteaubriant,

ein Selle de chevreuil so gut wie anderswo bekommen, doch wies der maitre

d’hôtel den Gast mit Augenzwinkern auf die Spezialität des Hauses:

Muschelgerichte, Ragouts und Purées in Pfännchen; Überraschungen in

winzigen Schälchen und Kasserolen. Der Gast folgte und war regelmäßig

zufriedengestellt.

Denn was der Herr des Hauses für die Tänzerin erdacht, vervollkommnete,

vermehrte er von Tag zu Tag. Schalentiere ließ er aus den Krusten, Geflügel vom

Knochen brechen, nahm vom Tier das Gekröse, von den Gemüsen die Spitzen.

Frikassierte und mischte die verblüffendsten Gegensätze, verband das Widerstrebende in Saucen von Sahne, kostbaren Eiersorten, Pilzen und

duftenden Essenzen. Das letzte Geheimnis seines Erfolges aber war die »kurze

Hitze«, in der die Speisen garwerden mußten. Der oberste Grundsatz hieß: was

zu lange Feuer gerochen, ist für den Ruch verdorben.

Nach wie vor blieb Valentine die erste, die jede neue Schöpfung kosten mußte.

Zwischen ihr und dem Patron webte nun eine schöne Vertraulichkeit, geboren

aus den Blicken dankbarer Anerkennung, mit denen die Essende nach jeder von

ihm selbst angerichteten Platte Napoleon beschenkt hatte. Allmählich lernten die

Augen sich auch sonst suchen, nach dem lauten Scherzwort eines Gastes etwa,

einer unzarten Bemerkung von irgendwoher, bei jedem Vorkommnis. Und

fühlten, wie es in der Blicktiefe des anderen ein Geheimnisvolles gab, durch das

das eigene Schauen wie an feinen Häkchen schmerzvoll süß haranguiert wurde.

Dazu fuhr die Frau mit freundschaftlicher Würde fort, ihm Beobachtungen und

Anregungen mitzuteilen, die sie aus sich selbst und von anderen zur

Vervollkommnung des Betriebes nahm. Auch fragte sie ihn, legte er ihr die

kostbare Pelzhülle um die Schultern, letzthin nach dem praktischen Erfolg, und

er war glücklich, ihr von Mal zu Mal eine höhere Summe als erzielten Gewinn

zuflüstern zu können.

Die Gefährtin seiner Lehrjahre und ihr Kind hatte er mit einer Summe

abgefunden und aus seiner Nähe verbannt. Anfangs sah er sie noch hin und

wieder, dann aber stand sie plötzlich im Schrank seiner Erinnerungen als

Gleichnis der Hausmannskost und kleinbürgerlicher Umstände.

 

*

Auf den Rat seiner Gönnerin widmete er der Zufriedenheit jener Frauen

besondere Aufmerksamkeit, die in kostbaren Toiletten nach dem Theater in

Begleitung von Lebemännern aßen. Er merkte sich irgend ein Besonderes, eine

Laune der Betreffenden und spielte das nächste Mal vertraut freundschaftlich

darauf an. Das Luxusgeschöpf sieht sich vom ernsten Mann ernst genommen,

errötet vor Vergnügen und wird seine treue Kundin. Neben dieser Kategorie und

ihrem Anhang stellte er sich vor allem den Diplomaten und Staatsmännern zur

Verfügung, indem er ihnen, kamen sie mit wichtigen Gesichtern von einer

Sitzung, um zu einer Sitzung zu gehen, ein stilles Eckchen anwies, wo sie

ungestört blieben, nicht duldete, daß ein Kellner sich näherte und sie durch

ausgesuchte Leckereien der Bürde ihrer Verantwortlichkeit für Augenblicke

enthob. Da er aber fühlte, es ging ihm im Umgang mit den Spitzen der

politischen Abteilungen aus Unkenntnis ihres Wirkens und Wollens die nötige

Sicherheit noch ab, lud er sie in ein abgelegenes Zimmer, durch dessen Wand er

von seinem Kontor ihre Gespräche hören, ihre Mienen beobachten konnte. Da lernte er alsbald, durch welche Spitzfindigkeiten und Umschweife aus Eifersucht

und Ehrgeiz der Handelnden strittige Fragen zwischen politischen Parteien des

Vaterlandes oder den verschiedenen Nationen, aus ihrem logischen Gelenk

gerissen, zu Entscheidungen wurden, die Zwischenfälle, Krisen und ein

Mißtrauensvotum für das Ministerium hervorriefen. Er sah den Führern

Frankreichs ihr Stirnrunzeln, das ironisch überlegene Lächeln und die knackende

Handbewegung ab, die ein Ultimatum bedeutet, und hörte sich vollkommen in

die inner- und außerpolitischen Strömungen hinein. Bald konnte er es wagen,

dem eintretenden Minister, Attaché oder Abgeordneten eine so treffende

Anmerkung zur gerade wichtigen Affaire zuzuraunen, daß der einen

bedeutenden Eindruck von ihm bekam und weitergab. Aber auch die

vollkommene Kenntnis des galanten und des Geschäftslebens verschaffte sich

Napoleon durch seine Horchspalte, sah er verliebten Paaren, feilschenden

Geldleuten mit angespannter Aufmerksamkeit zu, bis die in der Erregung

aufgesperrten Kiefern sich krampften. Am erregendsten blieb es stets für ihn,

verließ ein Teil des Paares für Augenblicke das Zimmer, und der

Zurückbleibende, sich allein glaubend, verlor alle Haltung, wurde Mensch mit

seinen Hoffnungen und Sorgen, zählte in der Brieftasche die Barschaft oder

suchte durch Prüfung der zurückgebliebenen Kleidungsstücke des anderen auf

dessen wirkliche Lebensumstände zu schließen. Kurz, der Wirt des Chapon fin

wurde ein Kenner, der ins Unterbewußtsein der Menschheit hinabsah.

Binnen Jahresfrist lag Paris zu seinen Füßen. Er beherrschte es durch die

vollkommenste Kenntnis seines Magens als ein gütiger Fürst und lächelte, als

man ihn erst zaghaft und vereinzelt, dann ganz allgemein König Napoleon im

Gegensatz zum Kaiser nannte. Rührung und Glück aber ergriff ihn, als Valentine

das erstemal seine Hand suchte und drückte. Das war Beweis nicht nur

geschäftlichen Erfolges, sondern auch des erreichten gesellschaftlichen

Ansehens, da die Gefeierte einen sozial unter ihr Stehenden nicht vor aller Welt

so ausgezeichnet hatte. Nun wuchs er von Tag zu Tag mehr in eine überlegen

menschliche Haltung hinein, die veranlaßte, daß selbst der höchstgestellte Gast

ihm die Hand gab, ihm gutgelaunt auf die Schulter klopfte.

Für den Mann der Provinz vollends ward es bei der Rückkehr in die Heimat

Glanzstück des Berichts der in der Hauptstadt erlebten Abenteuer, konnte er

nicht nur bemerken: Ich habe beim »König« gespeist, sondern hinzusetzen: der

mich auf die Schulter schlug und fragte: »Nun, Baron, wie wär’s mit einer Boule

au jus tutu?«

 

*

Als er von einem fremdländischen Herrscher das erste Ritterkreuz erhalten, dessen violette Rosette er am gleichen Abend im Knopfloch trug, forderte

Valentine ihn auf, sie am nächsten Tag um fünf Uhr nachmittags aufzusuchen. Er

erschien nach schlafloser Nacht, dem ruhelosesten Morgen, und fand sie im

Raum auf der Erde, wo sie mit dem Hund balgte. Sie sprang hoch, steckte das

entfesselte Haar auf und saß gleich in einem niedrigen Sessel so nah ihm

gegenüber, daß er das vergötterte Antlitz dicht vor sich hatte, es zum erstenmal

andächtig sich einprägen konnte. Sie machte keine Bewegung und ließ ihn sich

vollends sattsehen. Dann gab sie die Hand, die er inbrünstig küßte. Sie war selbst

einfacher Herkunft und ehrte die Tüchtigkeit, die ihm seinen außerordentlichen

Platz verschafft. Umgehend nur mit Männern vornehmster Geburt, fesselte sie an

ihn das Band etwa gleicher Vergangenheit; bei ihm durfte sie Gefühle

voraussetzen, die ihren Freunden fremd waren. In die Erzählung der Mühsale auf

dem steilen Weg zum Erfolg vertieften sie sich, sprachen mit kräftig eindeutigen

Worten und genossen in vollen Zügen mit kicherndem Sichlustigmachen die

Schadenfreude, die sie irgendwie für eine Welt empfanden, über die sie heute

jeder auf seine Art herrschten. Napoleon kramte vor ihr seine kleinen

Geheimnisse, alle Mittel aus, mit denen er sich in das Vertrauen der oberen

Tausend geschlichen, erzählte von seiner durchsichtigen Kontorwand. Sein

Vertrauen erwidernd, gab sie ihm die Hauptdaten ihres Aufstiegs, nannte drei,

vier Männer, denen sie als Frau und Künstlerin verpflichtet war, und zeigte,

alsbald vor ihm tanzend, durch welche choreographischen Einfälle sie

nacheinander die Menge bezwungen hatte. Sie schwebte und bog sich ohne

Ziererei vor ihm, und da sie im leichten Hausrock war, wurde er durch Zufälle

von Rock- und Kleiderfall entzückt. Zum Schluß einen Csardas von

hinreißendem Rhythmus stampfend, kam sie aus der entfernten Ecke des

Zimmers auf den Zehen gegen ihn, bei jeder Taktsenkung das Bein wie einen

bohrenden Pfeil gegen sein Antlitz streckend.

Bei seinem zweiten Besuch ward sie mit reizender Natürlichkeit seine

Geliebte. Diese Frau, die den Männern bisher das Bild eines buntschimmernden

Vogels von phantastischer Seltenheit hatte geben müssen, blasierter Ungeduld zu

genügen, war an seinem Hals das schlichte, schlanke Mädchen aus dem Volk

voll naiver Hingabe. Es bedurfte nichts Außerordentlichen von seiner Seite, die

Sehnsucht der Umarmten zu stillen.

Doch blieb bei dem mannigfachen Glück, das sie einander gaben, die

gassenbübische Art, mit der sie alle offizielle Welt verhöhnten, höchster Genuß.

Napoleon besonders war darin unerschöpflich. Größen der Geldwelt, Sterne der

Wissenschaft und Kunst stellte er blitzschnell in gedrängter Plastik hin und

knickte dann mit witzigem Einfall das Pathos ihrer Geste. Berühmte politische

Personen ahmte er nicht nur in Tonfall und Haltung nach, sondern auch, wie er in der Betroffenen Art mit riesigem Wortschwall durchsichtige Tatsachen in ein

Chaos verwirrte. Während sie vorgebeugt aus den Kissen ihm zusah, führte er

dramatische Szenen auf zwischen den Botschaftern zweier Staaten etwa, in

deren Verlauf die beiden, sich über eine unsagbare Nichtigkeit unsagbar albern

und aufgeblasen unterhaltend, allmählich anstelle der verbindlichsten

Umgangsformen eine immer steifere Haltung, schroffere Bewegungen setzten,

bis sie schließlich wie zwei schmollende Gockel hochmütig auseinanderstelzten.

Er erzählte, mit welchen Torheiten und Zufällen sich das Schicksal der

Gesetzesvorlagen in den verschiedenen Kommissionen, die nach den offiziellen

Sitzungen bei ihm fortgetagt, meist entschieden hatte; sie gab ihm Einsicht in

abertausend Spitzfindigkeiten, die die auf die Liebe gestellte Frau der

Gesellschaft anwendet, sich ihre Launen und ihre Lust, am öffentlichen Leben

teilzunehmen, zu erfüllen. Wie oft habe sie selbst ihre Gönner in hohen

Stellungen aus Eigensinn zu unsinnigen, folgenschweren Entschlüssen bestimmt

und den Reportern, die ihr das Haus einliefen, noch dazu phantastische Lügen

aufgebunden! So reinigten sie sich, das Thema unaufhörlich variierend, innerlich

von dem Respekt, den proletarische Herkunft ihrer Jugend auferlegt hatte, und

wurden lächelnde Verächter der feinen Lebensformen und des guten Tons, den

sie wie den Stil in einem Drama von Corneille oder einer Molièreschen Komödie

agierten, während ihnen aus ihrer Liebe ein herzliches Wort, eine menschliche

Bewegung gleichnishaft dazu immer gewärtig war.

Im Geschäft dehnte Napoleon die Herrschaft, die er über Franzosen besaß, auf

die übrige Welt aus. Er hatte London, Petersburg und Wien gesehen,

Verbindungen angeknüpft und befestigt, manche Anregung mit heimgenommen.

Sein Haus wurde an der Themse und Donau berühmt, bei Sacher und Claridge

fand man Platten »Au Chapon fin«. Es scheiterte auch sein Vormarsch an die

Newa nicht wie der seines unsterblichen Namensvetters. Als der fünfzigste

Geburtstag vor der Tür stand, war sein Ruhm über zwei Erdteile verbreitet, der

größere Teil der zivilisierten Menschheit aß streng nach seinen Einfällen und

Vorschriften. Er besaß ein fürstliches Einkommen und hatte die kluge, ihn immer

anfeuernde Frau an der Seite, zu der die Beziehungen nicht legitimiert waren, die

er aber leidenschaftlich und zärtlich liebte.

Da man vierzehn Tage vor seinem Fest vom Krieg mit Preußen zu sprechen

begann, und die Gäste stürmischer seine Meinung wollten, blieb er lächelnd

ruhig und verneinte jede Möglichkeit eines Ausbruchs von Feindseligkeiten. Er

wußte aus besten Quellen, kein ernsthafter Politiker glaube wirklich an den

Krieg; er war gewiß, es handle sich wieder einmal um die Prestigefrage, das

sattsam bekannte Händeknacken und schmollende Gockeltum. Aber auch als die

Regierung unter einem frivolen Vorwand die Schiffe hinter sich verbrannt hatte, blieb Napoleon in tiefster Seele ruhig. Er, der wußte, hohe Politik wird gemacht,

um ein paar Dutzend Ehrgeizigen in jedem Land Vorwand für eine Karriere zu

geben und ihren Heißhunger nach öffentlichem Bekanntsein und Sensationen,

mit denen ihr Name verknüpft ist, zu befriedigen, war überzeugt, man werde

unverzüglich diesen Wichtigtuern Genugtuung geben, indem man sie mit Titeln,

Orden und sonstigen Auszeichnungen von überallher so reichlich fütterte, daß

sie satt werden mußten. Was den Frieden bedeutete. Einen Willen der Völker

stellte er nicht in Rechnung. Er hatte gelernt, es wird mit ihnen kurzerhand nach

Gutdünken der Regierung verfahren. Sie sind es seit ewig gewohnt, wissen und

wollen nichts anders. Sagen heute zu schwarz schwarz und morgen zu schwarz

weiß. Es genügt, ihnen zuzurufen: Das Vaterland ist in Gefahr! Sie fragen

niemals: Durch wen im letzten Grund? Lassen sich bewaffnen, morden jeden

Beliebigen als Erbfeind, erst zögernd, dann, aus Gewohnheit, mit Überzeugung

und Hochrufen. Valentine gab ihm recht. Sie verspottete alles, Regierende und

Regierte. Verbreitete Erzählungen, die die Albernheit der Diplomaten in ein

fabelhaftes Licht setzten, militärische Maßnahmen des Generalstabs dem

Gelächter preisgaben. Beide griffen mit Wollust nach jedem Gerücht, in dem

sich irgendeine großartige Dummheit manifestierte, fütterten, hätschelten es und

waren vor Freude außer sich, akzeptierten es selbst diejenigen mit feierlichem

Ernst, die aus ihrer übergeordneten Stellung heraus seine Sinnlosigkeit sofort

hätten einsehen müssen. Mehr als der Friede gab der Krieg ihnen unablässig

Gelegenheit, die blöde Einfalt der Welt auf Schritt und Tritt zu erkennen und

sich über sie zu erheben. Die einfache Tatsache, daß sie durch Einsicht in

politische Zusammenhänge die Lügenhaftigkeit aller Vorwände für den Krieg

einsahen, gab ihnen vollkommen innere Unabhängigkeit von ihm.

So konnten sie sich, während ringsum alle Welt immer tiefer in das verwirrte

Auf und Ab der Geschehnisse verstrickt wurde, auf Grund einer wirklichen

Überlegenheit entschieden von den Menschen trennen. In ihre Seele trat das

Bewußtsein höherer Bestimmung, das sich in den Antlitzen malte. Sie lebten

jetzt und webten auf Wolken hoch über dem gemeinen Volk. Lächelten

unbetroffen erhaben zu allen Unglücksfällen und Exzessen, die die Folgezeit in

unaufhörlichem Aufeinander brachte. Die vollendete Katastrophe des

Vaterlandes führte sie auf den höchsten Gipfel innerer Erhebung. Es lagen

ringsum nicht nur die Mitbürger ihrer erkannten Weisheit, Napoleon und

Valentine lagen einander und jeder sich selbst bewundernd und andächtig zu

Füßen.

 

*

Eines Tages trat auf in Paris, was man die Kommune nannte. Sie zerschlug die Spiegelscheiben des Chapon fin, zertrümmerte alles Gerät im Innern und setzte

Valentine und Napoleon, jeden für sich, ins Gefängnis. Als es nach Wochen

Napoleon durch einen Zufall gelang, sich zu befreien, erfuhr er, die Gefährtin

seines Lebens sei, an die Wand gestellt, erschossen. Ihm fielen die Beine unter

dem Leib fort, und tagelang schleppte er sich aus Gassen in Felder an

Flußrändern entlang, ohne Licht und Finsternis scheiden zu können. Das erste

Bewußtsein von sich empfing er durch einen Stoß vor die Brust, den ihm ein

deutscher Landwehrmann gab. Doch schwand es wieder, bis eines Nachts, da er

auf einer Pritsche lag, Erinnerung an Valentine ihn überfiel. Sie war rosa und wie

eine tanzende Guirlande anzusehen, die sich immer enger um ihn schlang und

ihm endlich die erste Träne, dann Tränenströme aus den Augen schnürte. Nun

sank er hin, aufgelöst in ein unendlich weiches und warmes Weh. Lange

erschütterte es seine Glieder und hüllte die Welt in feuchte Schleier. Es trat aber

der Vergleich seiner elenden jetzigen Lage und alles Gewesenen hinzu und

erfüllte ihn mit Haß gegen die Menschheit und den Schöpfer. Tiefer kroch er in

sich hinein und häufte Anklage auf Anklage gegen die Welt. In einer dunklen

Nacht stand er plötzlich vor den mit Brettern vernagelten Fenstern seines Lokals

— noch hafteten einige goldene Buchstaben des Schildes — und in das Loch

plötzlich riesengroßer Erkenntnis fiel die Summe fünfzigjährigen Lebens: ein

blankes Nichts und Einsamkeit.

Trotz und Empörung stachelten ihn zu neuem Tun. Gegen die Ungunst der

Verhältnisse wollte er sofort versuchen, Mittel zu neuem Anfang zu schaffen, des

gleichen Abends aber legte er sich irgendwohin nieder, spürend, es leide seine

Natur nicht, daß man sie um das bestehle, was ihr vor allem notwendig sei:

ungestörte, hingebende Trauer um Valentine. So suchte er sich einen Platz, der

ihm nur das tägliche Brot gab. Früh am Nachmittag aber schon schloß er sich in

seine Kammer ein, stopfte Fenster und Schlüssellöcher, legte sich aufs Bett und

begann, die Frau von den Toten heraufzudichten. Nachdem er sie zuerst bis in

die kleinste Einzelheit körperlich vor sich wieder hergestellt, ging er sein Leben

mit ihr vom frühesten Anbeginn an durch. Um keinen Augenblick ließ er sich

betrügen, repetierte die einzelne Situation so oft, bis sie in lebendiger

Wahrhaftigkeit vor ihm stand. Jene erste, da sie mit Rockrüschen und Volants

wie ein Quirl über seiner Stirn die Treppe hinaufgehuscht war. Die Beine in

weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, er sieht sie im

Gelenk flitzen, und da — das aber hat er damals nicht gesehen — erscheint

blitzend am Knie die goldene Strumpfbandschnalle. Wahrhaftig, als Wirklichkeit

dauerte, vor lauter Schauen und Staunen hatte sein Bewußtsein sie nicht gefaßt.

Und heute erstand sie das erstemal zum Leben, beschworen durch seine

unwiderstehliche Zärtlichkeit. So drang er inständig weiter in Erinnerung ein und entriß ihr, mit Hingebung und Andacht um ein Nichts und den Bruchteil

einer Sekunde kämpfend, so viel Nichtgespürtes und Nichterfahrenes, daß er ein

völlig neues, reicheres Leben mit der gestorbenen Freundin führte.

Als er bei jener Epoche angekommen war, in der sie ihr irdisches Leben

beendet hatte, brachte er sie leicht über die Klippe des leiblichen Todes handelnd

und redend in die jetzige Zeit hinüber und sah sie Stellung nehmen zu seinem

augenblicklichen Dasein. Er müsse, da die Verhältnisse sich allmählich wieder

zur Ordnung fügten, den sinnenden Zustand aufgeben, an äußeres Fortkommen

und eine neue bedeutende Einstellung zu neuen Umständen denken.

Hatte ihm der Krieg nicht tiefere Einblicke in Fragen der Ernährung,

Möglichkeiten der Rohstoffverarbeitung gegeben, als jede Situation vorher?

Welche außerordentlichen Aufschlüsse hatte die zweckmäßige oder

unzweckmäßige Ernährung eines Heereskörpers, der Bevölkerung einer

belagerten Stadt, welche Klarheit vor allem das Befinden des eigenen Körpers

nach dieser oder jener leiblichen Zumutung ihm verschafft! Das eine mindestens

war zur Evidenz klargeworden: Weit über die Notdurft hatte der Mensch vor

dem Krieg gegessen und getrunken. Es schien Napoleon fernerhin ein Unding,

das bisher übliche Mittagsmahl von sechs oder sieben Platten, ein Abendessen

von fast gleichem Umfang zu servieren. Millionen hatten größere

Arbeitsleistung, höheren Schwung bei einem Stück Brot und wenigen Kartoffeln

bewiesen als Generationen vorher bei einer täglichen Unzahl von Gerichten. Es

schien ihm hohe Pflicht, die gewonnenen Erkenntnisse dem Publikum sofort

praktisch zu demonstrieren.

Er gab Valentine vollkommen recht. Sie habe nicht nur dem eigenen Leib nie

mehr als das Notwendige zugemutet, sondern sei auch Anlaß gewesen, daß er

den Gästen das Leichteste und Verdaulichste geboten. Doch in viel zu viel

Platten auf einmal. Von jetzt ab müsse er in zwei, drei Gerichte

zusammendrängen, was der Magen zur Speisung des Organismus brauche, und

ihm zugleich die volle Wollust eines reichlichen Mahles vermitteln.

Während er also die am Leben gebliebenen Gönner aufsuchte und zu seiner

Unterstützung vermochte, während die so lange leer gebliebenen Räume seines

alten Heimes allmählich in strahlenden Stand gesetzt wurden, unterrichtete er

sich methodisch über die wissenschaftliche Zusammensetzung der

verschiedenen Nahrungsmittel, über ihren Gehalt an Eiweiß, Kohlehydraten und

Fett. Er machte Tabellen und Exempel über Exempel und errechnete an

glückseligen Tagen eine neue ideale Speisenkarte, auf der er jeden, auch den

verführerischsten Namen einer Platte, sofort durch arithmetische Zahlen ersetzen

konnte; aus der man mittels zweier Speisen einen ausreichenden Nenner

sämtlicher für die Ernährung wichtigen Stoffe erzielen konnte. Hatte aber anfangs Notwendigkeit, die gewollten Einheiten in ein Gericht unterzubringen,

vielleicht auf dessen gastronomische Vollkommenheit gedrückt, ging jetzt auf

Spaziergängen Napoleons Phantasie der erklügelten Platte von allen Seiten zu

Leibe, wie ihre Schmackhaftigkeit und Anrichtung auf die höchste Höhe zu

bringen sei. Und da ihm ein über das andere Mal die Hitze des Entdeckerglücks

ins Gesicht stieg, fixierte er endgültig die Gerichte, mit denen er künftige

Menschen aus der Schwächung durch den Krieg zu frischem Leben führen

wollte.

 

*

Der Erfolg an der wiedereröffneten Stelle war nicht so überraschend und

bedeutend wie das erstemal. Schon nach wenigen Tagen stellte der Wirt fest, er

hatte es mit lauter Unbekannten zu tun, die nicht Empfehlung, sondern Zufall

und Laune zu ihm geführt. Der riesige Kreis seiner alten Gäste war vom

Erdboden verschwunden. Doch stählte diese Erkenntnis seine Kräfte, da ihm

einleuchtete, es brachten die Neulinge auf Grund liebgewordener Gewohnheiten

keine Voreingenommenheit mit. So verließ er Monate die Küche nicht, wo er mit

Anspannung aller Kräfte die gewonnenen Grundsätze in die Tat umsetzte. Vor

allem mußte er die Köche von der Richtigkeit seiner Ansichten überzeugen, daß

die nötige Herzenslust zur Arbeit ihnen nicht fehlte. Erst als unten die Wirtschaft

geregelten Gang ging, betrat er die Räume des Restaurants wieder und suchte

Fühlung mit den Gästen.

Vom Ton zwischen ihnen und den Kellnern ward er zuerst betroffen. Es gab

keine Unterhaltung über die zu wählenden Speisen, nicht einen Scherz, kein

interessiertes Hin und Wider. Kurze Kommandos flogen. Der Bedienende,

geneigten Hauptes stumm, machte kehrt. Man aß schnell, ließ sich nicht mit

Behaglichkeit nieder. Kaum, daß man die Kissen drückte. Zur Verdauung gab

sich niemand Zeit. War der letzte Bissen genossen, fuhr der Gast in die Höhe

und verschwand. Rote Köpfe, fettgeränderte Lippen, müde Scheitel, die sich in

die Sofarücken lehnten, Hände, mit geschwollenen Adern aufs Gedeck gebreitet,

sah Napoleon nicht mehr. Es wehte nicht der Atem einer allgemeinen

glückseligen Sattheit nach Tisch und des Dankes gegen Gott und den Wirt durch

den Raum. Steif und gereizt fast saß der Kauende und vermied, auch nur von

sich fortzusehen. Das war nicht ein geänderter Kundenkreis, das war das Gesicht

einer anderen Welt, erkannte Napoleon.

Es war klar: andere Ideale herrschten in neuen Menschen. Der Krieg hatte die

Machthaber von ehemals vernichtet. Es saßen nicht mehr die Glieder alter

Familien an seinen Tischen, die in oft jahrhundertelangem Ringen Ansehen und

Vermögen an sich gebracht und es zu brauchen wußten; er bediente nicht mehr die dreifache Aristokratie des Adels, ererbten Reichtums und des Geistes. Hier

trat eine Rasse auf, die durch den Umsturz aller Verhältnisse an die Oberfläche

gespült, behend zugegriffen und in der allgemeinen Verwirrung, bei einer

sentimentalen Erschlaffung der Besitzenden, sich übermäßig und skrupellos

bereichert hatte. Den Sack voll Gold, saßen sie unkundig seines Verbrauchs,

gierig, die Allüren der Wissenden sich anzueignen, elend und leer mit der

einzigen Geste schweigender Abwehr. Stumm und in der Bewegung beherrscht,

konnten sie für unterrichtet gelten. Sprachen sie, wurde ein Wirken der Glieder

notwendig, klappten sie zu völliger Ohnmacht zusammen.

Nachdem er aber eingesehen, die Zurückhaltung der Gäste sei in einem

Zuwenig begründet, ließ er seine beherrschte Unterwürfigkeit und ging langsam,

doch eindringlich zum Angriff gegen die maskierte Gesellschaft vor. Wie ein

Dieb brach er in gepanzerte Unnahbarkeit, legte ein harmloses Sätzchen als

Köder vor und amüsierte sich göttlich, ließ der geschmeichelte Heraufkömmling

sich aufs Eis überkommener Begriffe locken und legte eine geradezu

erbarmungswürdige Blöße an den Tag. Hatte er hinter undurchdringlicher Maske

jemandes Vertrauen gewonnen, ließ er den Getäuschten das eigene

Selbstbewußtsein ausbreiten, das sich fast immer stützte auf alberne, mit

Emphase vorgetragene Gemeinplätze über den Krieg, Heldentaten, die der

Betreffende irgendwie während des Feldzugs vollbracht haben wollte; dann

kamen Napoleons Einwürfe aus dem Schatz des Herkommens, Namen

ausgezeichneter Menschen der Vergangenheit, bedeutender Erfindungen,

irgendeiner Geistesgroßtat. Am höchsten hüpfte sein Herz vor Freude, konnte er

durch einen einzigen Kulturbegriff, den er wie einen spitzen Pfeil dem Gegner in

die Parade flitzte, diesen bis auf die Haut entlarven.

Nun fing des Abends im Bett ein Gekicher an, das grausamer und

schonungsloser war, als jenes einstige Lachen mit Valentine über Narrheiten

einzelner Zeitgenossen vor dem Krieg. Hier fand Napoleon eine ganze Welt

närrisch; ihren einzigen Ehrgeiz, Geldgewinn und Beurteilung des Menschen

nach seiner Eignung dazu, über das Maß abgeschmackt und kahl. Während seine

Geschäfte noch gut gingen, sah er schon die Kluft sich auftun zwischen einer

modernen, rein merkantilen Weltauffassung und dem eignen Universalismus.

Mit Ergriffenheit spürte er, wie zum erstenmal er hier von Valentine sanft sich

schied. Er wußte, auch für die schrecklich veränderte Welt hätte sie nur

gutmütigen Spott gehabt, in ihm aber kam von Tag zu Tag stärkere Empörung

herauf, die ihn schließlich völlig beherrschte.

Ihm schien jetzt, die fröhliche Überlegenheit, die mit dem fortschreitenden

Alter Valentines immer friedlicher und harmloser geworden war, hätte ihn schon

in der letzten Zeit ihres Lebens gereizt. Hatte sie nicht schließlich, nachdem man sich gehörig ausgelacht, immer eine Entschuldigung, irgendeine Güte für den

Verspotteten gehabt? Er war durchdrungen, sie würde es heute nicht anders

machen, ja sie möchte zur Nachsicht noch viel geneigter sein, und zürnte ihr

darum. Je mehr seine Abneigung gegen das Publikum wuchs, je hassenswerter

ihm die Erscheinungen wurden, um so mehr schob er Valentine den

unbeugsamen Willen zu, alles zu begreifen und zu vergeben. Es begann ein

täglicher Kampf, unaufhörliche Auseinandersetzung mit der Welt einerseits und

dem lebendigen Bild der geliebten Frau auf der anderen Seite, der ihn zermürbte

und elend machte. Doch blieb allen Einwendungen gegenüber sein dumpfer Haß

schließlich siegreich. Jahre hindurch hatte er nun nichts mehr von

Freundlichkeiten und Lieblichkeiten des geselligen Lebens bei sich gesehen. Es

war der Sinn für Blumen und brillante Überraschungen, Tollheiten und geistreich

Unvorhergesehenes geschwunden, nicht mehr gab es die über das

Mannesbewußtsein als Spenderin alles Glücks erhöhte und angebetete Frau.

Kein Lachen herrschte mehr und kein Verschwenden, nicht Laune und

Überlegenheit. Wohin er hörte: Geschäfte. Ziffern, wohin er sah. Das Dach des

Hauses schien auf ihn zu stürzen, als eines Tages ein Gast, kühl und korrekt, an

dem er mit witziger Bemerkung sich gerieben, ihm ein Goldstück als Trinkgeld

anbot.

Da lief das bis zum Rand gefüllte Gefäß über. Von jenem Abend bis zum

andern Morgen grub sich eine Falte zwischen seine Brauen, die Lippen preßten

sich aufeinander. Er hatte fortan nicht nur keine Teilnahme für die gute

Bedienung der Gäste, sondern genoß mit Schadenfreude ein Glück, sah er in

irgendeinem Antlitz Enttäuschung über die angerichtete Speise. Schnell ward

sein geänderter Sinn den Kellnern, Köchen offenbar. Sorgfalt und Gewissen floh.

Immer häufiger gab es unzufriedene Gesichter der Essenden. Unbewegter Miene

schlürfte der Wirt jedes Quentchen Wut, dessen Ausdruck er erhaschte, und

berauschte sich daran. Ganz nach vorn wuchs sein Gesicht. Stechenden Blicks,

geblähter Nase schnüffelte er sich in das Empfinden der neuen Welt; trank, wie

bitter es schmeckte, sie völlig aus und spürte zum anderen Male deutlicher und

als Entscheidung: in dreißig Millionen Narren besaß die Nation nur noch einen

Sinn: das Geld, und jeder, dem der Erwerb wie immer geglückt war, war im

eigenen und im allgemeinen Urteil Person. In Napoleons Auffassung aber war er

ein Räuber, ein Scheusal, das die Anarchie der Vernunft während des Krieges

benutzt hatte, den durch Überlegenheiten und Mühsale in Generationen

erworbenen Familienbesitz des Landes an irdischen und himmlischen Gütern zu

zerstören. Es kamen die Häuptlinge der neuen Geldaristokratie zu ihm. Fett,

frech und verlegen stümperten sie mit ihren Weibern Geselligkeit.

In Napoleons Hirn stieg wie ein Bläschen zuerst der Gedanke an Gift, das ihnen zwischen die Speisen zu mischen sei. Bald machte er sich im Denken

breiter, und endlich beherrschte er sein Trachten ganz. Von irgendwoher hatte er

sich das ansehnliche Quantum Arsenik verschafft, das ihm nun seit Tagen in der

Tasche brannte: es wie ein harmloses Gewürz in die Teller zu streuen,

abzuwarten, bis die Wirkung, die in den Eingeweiden wühlte, ins Auge brach.

Glut stieg ihm ein über das andere Mal in die Haare, bis er fühlte, im nächsten

Augenblick widerstände er dem ungeheueren Verlangen nicht mehr.

Da riß er die Tür zur Gasse auf, und barhäuptig im Galopp, als wälzten sich

Lavaströme auf seinen Fersen, entlief er der Straße, dem Stadtviertel, der

Bannmeile von Paris; sank draußen ins Feldgras, schluchzte, daß die Knochen

bebten, schluchzte sich und die Erde naß.

Er zog die Landstraßen entlang, durch Märkte und Städte. Blieb aus Zufall

irgendwo Monate, Jahre als Aufwärter, Hausknecht, Gelegenheitsarbeiter. Sein

Weltbild wurde auf gleicher Basis runder und mannigfaltiger. Überall sah er die

vom Kampf ums Dasein betäubten Massen, von rücksichtslosen Unternehmern

an Kessel und Maschinen geschmiedet, Waren verfertigen, für die aus

schließlichem Mangel an Absatz, so rechnete Napoleon, über kurz oder lang

durch neue Kriege mit neuen Hekatomben zerfleischter Menschen neue

Abnehmer in zu erobernden Provinzen gewonnen werden mußten.

Hellen Bewußtseins trat er aus diesem Lauf der Geschicke aus. Den Gedanken

an Erwerb riß er mit allen Wurzeln aus seiner Seele, erlaubte sich keinen Besitz

über die Notdurft. Das von aller Welt gesonderte Dasein gab ihm Person und

Überlegenheit; der Mangel an Eigentum, Unabhängigkeit und freie Bewegung.

Von einem Tag zum andern hatte er durch einen einzigen Entschluß Verfügung

über sich und die Welt nach allen Seiten gewonnen, und ein erlöstes Lachen trat

in sein Gesicht. Jetzt, wo er auch stand und ging, war er bloßer Zuschauer der

menschlichen Komödie, an der er, weil durch eigene Qual nicht mehr verbunden,

gutmütige Kritik übte. Da war es, daß er sich dem vergessenen Andenken

Valentines wieder offiziell und innig vermählte, der er, wie er sich nun gestand,

während seine Vernunft ihre Einflüsse bekämpfte, ahnend nachgefolgt war.

Eines Tages stand er vor jenem Eckhaus, an dem sich die Steinwege nach

Nivelles und Genappes treffen; in dem er geboren war. Niemand kannte ihn dort.

Alles Verwandte war tot. Als zwölfjähriger Knabe war er hier fortgegangen, der

Wiedergekehrte zählte fünfundsechzig Jahre.

Aber im Wirtshaus wußte man seine Geschichte. Erzählte Grandioses,

Historie von ihm. Mehr war den Erfolgen dieses heimischen Napoleon die

allgemeine Teilnahme und Bewunderung zugetan, als dem Korsen. Man wies

ihm, der sich nicht zu erkennen gab, gerahmte Zeitungsnachrichten, in denen es

hieß, wie ganz Außerordentliches von ihm in verschiedenen Zeitläuften ausgerichtet war — »und angerichtet,« wie ein Witziger hinzufügte. Länder samt

ihren Fürsten, die zivilisierte Welt von West nach Ost habe schließlich ihm, dem

vlämischen Bauernsohn, einmütig zu Füßen gelegen. Mit nachdenklichem,

gerührtem Erstaunen hörte Napoleon die mannigfachen Erzählungen und

entsann sich der Kreuze und Sterne an rot und grünen, an gestreiften Bändern,

die irgendwo in einer Schublade lagen.

 

*

Am Rand des unvergleichlichen Wälderkranzes, der Brüssel einsäumt, liegt in

einer Talsenkung an der Straße von Quatre-bras nach Waterloo das Schlößchen

Groenendael; ein weißes, einstöckiges Haus aus dem Empire. In vergangenen

Zeiten eine Abtei, wurde es im neunzehnten Jahrhundert Wirtshaus, in das die

besseren Bürger Brüssels auf Ausflügen einkehren. Dort ganz nah der Stätte

seiner Geburt, nahm Napoleon einen Platz als Kellner. Seine Jahre, die

schwachen Füße erlaubten ihm angestrengten Dienst nicht mehr. Hier war im

Winter nichts, im Sommer an Wochentagen wenig zu tun. Nur Sonntags mußte

er sich ein wenig tummeln. Doch nahmen die Gäste seiner viel Rücksicht und

blickten mit neugieriger Erwartung ihm entgegen, trug er das hochbeladene Brett

auf sie zu. Jeder hatte ein Wort für ihn, dem er freundliche Empfindung

unterlegte, alle Anrede begann mit Umschreibung und Entschuldigung fast.

Nicht, was er brachte, er selbst, wie er’s ausführte, blieb Gegenstand

teilnehmender Aufmerksamkeit, gutmütigen Staunens, und stand das

Gewünschte auf dem Tisch, strahlte ihm alles Verwunderung und Anerkennung

zu. Aber auch Napoleon selbst lachte in heller Befriedigung über das ganze

Gesicht. Der Wirt mit seiner Familie merkte das Gefallen der Gäste an dem alten

Mann, behandelte ihn mit Rücksicht und ließ ihn ungestört und ungescholten

seine Tage hinbringen.