Old Surehand II
Drittes Kapitel: Ein Korsar
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
»So komm!«
Sie nahmen ihren Weg durch das dichteste Gewühl und suchten sich ein entfernt liegendes Schankhaus, wo sie sich ein separates Zimmer geben ließen. Hier konnten sie ungestört verhandeln.
»Also du hast unsern "l'Horrible" erkannt?« fragte Sanders.
»Sofort, Kapitän.«
»Weißt du, wer ihn jetzt befehligt?«
»Nein.«
»Und weißt du, wer ihn morgen um diese Zeit befehligen wird?«
»Jedenfalls derselbe wie. heut.«
»Nein.«
»So tritt ein Dienstwechsel ein?«
»Allerdings. Der heutige muß "aus der großen Tasse trinken" (* Wird ersäuft.), und an seine Stelle wird ein gewisser Sanders treten oder, wenn du lieber willst, der schwarze Kapitän.«
»Hm, das ist kein übles Luftschloß, Kapitän.«
»Luftschloß? Ich sage dir, daß es in Wirklichkeit so sein wird.«
Jean Letrier lächelte.
»Dann wird die Miß Admiral natürlich wieder Segelmeister?« meinte er, auf den mutmaßlichen Scherz eingehend.
»Gewiß.«
»Und fegt mit der neunschwänzigen Katze das Verdeck wie vor alten Zeiten?«
»Oder auch nicht. Dieser Panther wird gezähmt; darauf kannst du dich verlassen!«
»Und der treue Jean Letrier, welche Stelle wird der haben?«
»Wird sich schon etwas Passendes finden lassen.«
»Schade um das hübsche Kartenhaus!«
»Und wenn es nun kein Kartenhaus, sondern ein festes, sichres und unumstößliches Gebäude wäre?«
Letrier war wirklich betroffen von dem ernsten, zuversichtlichen Tone seines Herrn. Er blickte demselben forschend in das Gesicht und brummte:
»Hm, in der Welt ist manches Unmögliche möglich, wenigstens für unsereinen.«
»Allerdings. - Höre, Jean, was ich dir sagen werde!«
Er erzählte ihm, was er an den Brettern der Branntweinbude erlauscht hatte, und fügte die Vermutungen und Schlüsse bei, zu welchen ihn das gehörte Gespräch berechtigte. Jean staunte.
»Teufel! Diesem Frauenzimmer ist wahrhaftig so etwas zuzutrauen.«
»Sie wird es ausführen, darauf kannst du dich verlassen.«
»Und wir?«
»Sagte ich dir nicht, daß ich heut abend den "l'Horrible" befehligen werde?«
»Gut! Sie wird sich aber wehren.«
»Pah! Ich bin früher ihr Vorgesetzter gewesen und werde es auch jetzt sein. Sie ist noch immer die Alte. Ein Schiff zu stehlen! Mitten aus dem Hafen von San Francisco heraus! Es ist kolossal! Aber uns kommt es vortrefflich zu statten. Welch ein Glück, daß wir sie gesehen und trotz ihrer Verkleidung erkannt haben!«
Während sie in eifrigem Gespräche bei einander saßen, wurden in der Wohnung der Frau de Voulettre Anstalten zu einer glänzenden Soiree getroffen. Die Delikatessen aller Länder, die Weine aller Zonen waren vertreten, und die Dame des Hauses, welche von ihrer Spazierfahrt schon längst zurückgekehrt war, machte sich mit den letzteren persönlich sehr viel zu schaffen. Sie öffnete eine Anzahl der Flaschen, schüttete in jede derselben ein feines, weißes Pulver und versiegelte sie dann sorgfältig wieder.
Der Abend nahte heran; es wurde dunkel, und aus den Fenstern ihrer Wohnung glänzte eine Lichtflut, welche den Schein der Straßenlaterne weit überstrahlte.
Die Gäste, auch der Kommandeur des Panzerschiffes nebst den geladenen Offizieren der andern Fahrzeuge hatten sich bei ihr eingefunden und schwelgten in den gebotenen Genüssen. Eine ganze Menge nobler Flaneurs und gewöhnlicher Leute belagerte das Portal, um einen kleinen Blick in das geschmückte Innere zu werfen oder den Geruchssinn an den ausströmenden Wohlgerüchen zu weiden.
Unter ihnen befanden sich zwei Männer in Matrosentracht. Sie standen schweigend nebeneinander und warfen höchst gleichgültige Blicke auf die andern. Ihr Augenmerk schien vorzugsweise auf eines der erleuchteten Fenster gerichtet zu sein. Lange, lange harrten sie. Da endlich wurde der Vorhang herabgelassen, der Schatten einer erhobenen Hand strich einigemal hinter demselben auf und nieder; dann verlöschte das Licht.
»Das ist das Zeichen,« flüsterte der eine.
»Komm!« antwortete der andre.
Sie schritten fort und bogen in das Gäßchen, welches am Tage Sanders und Jean betreten hatten. An der Gartenpforte stand ein Koffer, neben ihm eine männliche Gestalt. Es war hier so dunkel, daß man die Einzelheiten nicht genau zu erkennen vermochte, doch war so viel zu sehen, daß der Mann kaum die Mittelgröße erreichte und einen mächtigen, dunklen Vollbart trug. Es war die Frau von Voulettre, die sich wieder verkleidet hatte. Der Koffer enthielt ihre kostbaren nautischen Instrumente.
»Ist der Wagen bestellt?« fragte der Mann mit dem dunklen Vollbarte kurz.
»Ja,« lautete die Antwort.
»Vorwärts!«
Seine Stimme klang befehlend, als sei er das Kommandieren von Jugend auf gewöhnt. Die Männer faßten den Koffer und schritten voran. Er folgte ihnen. An der Ecke einer Straße stand ein Wagen. Der Koffer wurde auf den Bock desselben gehoben; die drei stiegen ein, und das Gefährte rollte im Trabe zur Stadt hinaus. Im Freien angekommen, hielt es an. Die Fahrgäste stiegen aus, ergriffen den Koffer wieder und wandten sich, während der Wagen zurückkehrte, dem Strande zu.
Sie hatten denselben noch nicht erreicht, so ertönte hinter einem Busche eine Stimme.
»Halt, wer da!«
»Der schwarze Kapitän.«
»Willkommen!«
Eine Schar dunkler Gesellen eilte herbei und umringte ehrfurchtsvoll den bärtigen Mann.
»Die Boote in Ordnung?« fragte er.
»Ja.«
»Die Waffen?«
»Alles recht.«
»Fehlt jemand?«
»Keiner.«
»Dann come on; ich nehme den ersten Kahn!«
Der Koffer wurde eingehoben, die mit Lappen sorgfältig umwickelten Ruder eingelegt, und die Fahrzeuge setzten sich in eine vollständig geräuschlose Bewegung.
Zunächst strebten sie grad auf die Höhe hinaus, dann legten sie scharf nach Steuerbord über und näherten sich auf diese Weise von der Seeseite aus mit außerordentlicher Vorsicht dem mitten in tiefer Dunkelheit liegenden "l'Horrible", an dessen Spriet und Stern nur je eine einsame Schiffslaterne brannte.
Sie waren jetzt so nahe an das Fahrzeug herangekommen, daß man sie bei der gewöhnlichen Aufmerksamkeit ganz sicher bemerken mußte. Der, welcher sich Kapitän genannt hatte, stand aufrecht am Steuer und hielt sein scharfes Auge forschend auf die dunkle Gestalt des Schiffes gerichtet. Es war ein Moment, in dem sich alles entscheiden mußte und der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Da ertönte der halblaute, heisere Schrei einer Möwe.
Die Leute in den Booten atmeten auf; es war das mit dem langen Tom verabredete Zeichen, daß an Bord alles gut gehe. Einige Taue hingen am Hinterteile herab.
»Legt an, und dann hinauf!« ertönte das leise Kommando.
Einige Augenblicke später standen sämtliche Männer am Deck. Tom hatte sie erwartet.
»Wie steht es?« fragte der Bärtige.
»Gut. Ich und die Unsrigen haben die Wache. Die andern schmausen unten in der Vormarskoje oder liegen schon betrunken am Boden.«
»Hinunter! Doch schont sie. Sie werden gefesselt und in den Raum geschlossen; später müssen sie zu uns schwören. Je mehr Arme wir bekommen, desto besser für uns.«
Dieser Befehl wurde schnell und ohne allen Lärm ausgeführt. Die nichts ahnende und vom Grog berauschte Mannschaft wurde leicht überwältigt, gebunden und in dem Kielraum geborgen. Dann zog man den Koffer empor, welcher in die Kapitänskajüte getragen wurde, und löste die Boote, die man mitgebracht hatte, von den Tauen. Sie konnten schwimmen - das Schiff befand sich vollständig in der Gewalt der Korsaren.
Jetzt versammelte der Schwarzbärtige seine Leute um sich und wies jedem seine Stelle an.
»Wir stechen in See. Schmiert die Ankerwinde und die Takelrollen mit Oel, damit kein unnötiges Geräusch entsteht. Kommandieren darf ich nicht, sonst hört man mich da drüben auf dem Panzerschiffe; aber ich hoffe, daß jeder weiß, was er zu thun hat!«
Die Mannschaft verteilte sich. Der Kommandeur eilte von Ort zu Ort, um seine Befehle leise auszusprechen; der Anker hob sich, die Segel rollten empor und der günstige Wind begann, sie zu blähen. Das prachtvolle Schiff gehorchte dem Steuer; es legte sich langsam herum, teilte die widerstrebenden Wogen und schoß der offenen See entgegen.
Da erst erscholl von dem Decke des Panzerschiffes ein Schuß - ein zweiter - ein dritter. Man wußte dort, daß die Offiziere des "l'Horrible" an das Land gegangen waren, hatte, allerdings zu spät, die Bewegung des Schiffes bemerkt, mußte natürlich sofort etwas Ungewöhnliches oder gar Gesetzwidriges vermuten und gab nun durch die drei Alarmschüsse das Zeichen zur allgemeinen Aufmerksamkeit.
Der neue Befehlshaber des "l'Horrible" hatte sich auf das Quarterdeck begeben. Der lange Tom stand an seiner Seite.
»Horch, Tom, sie haben bemerkt, daß wir uns davonmachen!« sagte er.
Der Angeredete warf einen forschenden Blick empor zu den sich von dem Himmel hervorhebenden Segeltüchern.
»Wird ihnen nichts helfen. Sie haben die Augen zu spät aufgethan. Aber -Ihr kennt meinen Namen, Sir?«
»Ich dächte, der schwarze Kapitän müßte ihn doch kennen; bist ja mit mir genugsam herumgesegelt.«
»Der schwarze Kapitän - mit Euch? Nichts für ungut, Sir, ein tüchtiger Offizier seid Ihr, das habe ich schon in der kurzen Zeit bemerkt, aber der Schwarze, der seid Ihr nicht, den kenne ich.«
»Pah, ich werde es aber sein.«
»Wird nicht gut gehen. Die Leute wollen nur unter ihm dienen, und der Rotmalige, ich meine den Agenten, der uns angeworben hat, versprach uns ja, daß er noch lebe und heut abend am Deck sein werde.«
»Der Rotmalige? Hast du ihn wirklich nicht erkannt?«
»Erkannt -? ihn -? Habe den Kerl in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!«
»Tausendmal schon, Tom; tausendmal, sage ich, hast du ihn oder vielmehr sie gesehen. Besinne dich!«
»Ihn -? Sie -? Donnerwetter, sie - sie -? Sollte - sollte es die Miß Admiral gewesen sein!«
»Sie war es. Und glaubst du nicht, daß sie ganz das Zeug hat, den schwarzen Kapitän zu spielen?«
Der Lange trat überrascht einige Schritte zurück.
»Alle Wetter, Sir - Miß, wollte ich sagen, das ist ja eine ganz außerordentliche Geschichte. Ich denke, Ihr seid aufgehangen worden, als die Rotjacken den "l'Horrible" nahmen!«
»Nicht ganz. Aber höre. du bist an Bord der einzige, der den Kapitän wirklich kennt; du verschweigst, daß ich und der Agent einer und derselbe sind, und läßt sie dabei, daß ich der Schwarze bin. Verstehst du?«
»Vollständig!«
»Nun? Du sollst dich nicht schlecht dabei stehen.«
»Hm, mir ist es sehr egal, ob ein Sir oder eine Miß das Kommando führt, wenn es nur immer eine gute Prise giebt. Ihr könnt Euch auf mich verlassen.«
»Gut. Doch schau, die Lichter im Hafen und auf der Reede werden lebendig. Man schickt sich zur Verfolgung an. Pah, in zwei Stunden sind wir ihnen, selbst bei hellem Tage, aus den Augen.«
Er ließ alle Leinwand aufziehen, so daß das auf der Seite liegende Schiff mit verdoppelter Geschwindigkeit die Wogen teilte, und hing sich mit dem Arme in die Wantensprossen, um die lange entbehrte Genugthuung, den famosen Segler unter den Füßen zu haben, in vollen Zügen zu genießen.
Erst als der Tag zu grauen begann und seine Anwesenheit an Deck nicht mehr notwendig war, stieg er herab und schritt zur Kajüte. Dort stand sein Koffer. Eine Lampe brannte.
»Hm,« machte er, sich mit sichtlicher Befriedigung in dem netten Raume umsehend, »der Jenner ist so übel nicht, wie ich dachte; er hat sich hier ganz prächtig eingerichtet. Doch, ich muß vor allen Dingen sehen, ob mein geheimes Fach noch vorhanden ist, von dem selbst Sanders nichts wußte.«
Er schob einen Spiegel beiseite und drückte auf ein dahinter befindliches und kaum sichtbares Knöpfchen. Ein Doppelthürchen sprang auf und ließ eine Vertiefung bemerken, in welcher allerlei Papiere aufgeschichtet lagen. Er griff nach ihnen.
»Wahrhaftig alles unberührt! Das Versteck ist gut; ich werde es sofort wieder benutzen.«
Er zog einen Schlüssel hervor und öffnete den Koffer. Ein Fach desselben enthielt nichts als Geldrollen und Pakete Banknoten.
Er barg es in das Versteck, verschloß dieses dann und schob den Spiegel wieder vor. Dann entnahm er dem Koffer allerlei Wäsche und Kleidungsstücke, welche in dem Kajütenschranke Platz fanden, und zog dann dieselben kostbaren nautischen Instrumente hervor, welche Lieutenant Jenner bei der Frau de Voulettre gefunden hatte.
»Wenn dieser Lieutenant gewußt hätte, weshalb seine schöne Dame sich mit diesen "langweiligen" Dingen befaßte! Bei allen Heiligen, es ist der beste Coup meines Lebens, den ich heut ausgeführt habe, und ich möchte nur wissen, was Sanders dazu sagte, wenn er hier stände und - -«
»Er sagt Bravo,« ertönte es hinter ihr, während sich eine Hand auf seine Schulter legte.
Entsetzt fuhr sie herum und starrte mit weit aufgerissenen Augen in das Gesicht des soeben Genannten.
»Sa - Sa - Sanders!« stammelte sie beinahe kreischend.
»Sanders!« nickte dieser mit ruhigem, überlegenem Lächeln.
»Nicht möglich! Sein Geist - sein - sein - -«
»Papperlapapp! Glaubt der Segelmeister des "l'Horrible" an Geister?«
»Aber wie - wo - wann - wie kommst du nach Francisco und wie hier an Bord?«
»Das Wie werde ich dir später erklären; das Warum aber weißt du wohl?«
»Nichts, gar nichts weiß ich!«
»Auch von meiner Kasse weißt du nichts, die verschwunden war, als du es vorzogst, mich als elendes Wrack in New-York liegen zu lassen?«
»Nichts.«
»So! Leider bin ich in der glücklichen Lage, mit vollständigen Beweisen vor dir zu stehen. Aber zunächst wollen wir dem Augenblicke Rechnung tragen. Du hast den "l'Horrible" entführt.
Sie schwieg.
»Und dir dazu Leute angeworben Sie schwieg auch jetzt.
»Denen du versprachst, daß der schwarze Kapitän die Führung übernehmen werde.«
Sie rang sichtlich noch unter dem Schrecke, den ihr sein Erscheinen verursacht hatte.
»Um dir Gelegenheit zu geben, dein Wort zu halten, bin ich schon vor euch an das Schiff geschwommen und habe mich an den Sorglienen und Puttingen versteckt, bis ich es an der Zeit fand, mich dir vorzustellen. Du bist wahrhaftig ein ganz verteufeltes Frauenzimmer, wenn auch der rote Agent ein wenig häßlicher sah, als Frau de Voulettre; und weil du deine Sache so gut gemacht hast, werde ich dir, allerdings nur für einstweilen und bis wir abgerechnet haben, deine frühere Stellung als Segelmeister wieder einräumen. Thu' also immerhin den Bart herab; er ist dir lästig und den "Schwarzen" kannst du ja doch nicht imitieren.«
Er hatte in einem ruhigen, überlegenen Tone gesprochen, der ihr das Blut in die Wangen trieb und ihre Augen katzenartig erfunkeln ließ.
»Segelmeister, ich? Und wenn ich dich nun nicht kenne?« zischte sie.
»So kennt mich der lange Tom und Jean Letrier. Sie hängen beide mehr an mir, als an dem grausamen Panther, der sich Miß Admiral nannte.«
»Jean Letrier? Wo ist er?«
»Hier an Bord. Er kam mit mir und spricht oben mit dem langen Tom, um ihm zu sagen, daß ich wirklich anwesend bin.«
»Es wird dir und ihm nichts helfen,« raunte sie ihm grimmig entgegen. »Der "l'Horrible" ist ein Piratenschiff und ich bin sein Kapitän. Wer ohne meine Erlaubnis seine Planken betritt, der büßt es mit dem Tode!«
Sie riß den Revolver von der Seite und schlug auf ihn an. Ein blitzschneller Schlag seines Armes schleuderte ihr die Waffe aus der Hand; dann faßte er sie bei den Schultern und drückte ihre schlanke, geschmeidige Gestalt an die Wand, als sei sie daran angenagelt.
»Miß Admiral, hör', was ich dir ein für allemal sage! Ich werde mit dir abrechnen und hätte dich trotzdem bis auf weiteres in deiner einstigen Stellung als zweiter Offizier gelassen. Doch du hast meinen Tod gewollt, und mein Leben stand in Gefahr, so lang ich dir vertraute. Ich bin Kapitän meines Schiffes, und du - du wirst unschädlich gemacht!«
Ein fürchterlicher Schlag seiner geballten Faust traf ihren Schädel, so daß sie, wie vom Blitze erschlagen, augenblicklich leblos zusammenbrach. Er fesselte sie mit denselben Stricken, mit denen ihr Koffer eingeschnürt gewesen war, und stieg dann nach oben.
Der Morgen war jetzt vollständig hereingebrochen, so daß man mit einem Blicke die Situation zu übersehen vermochte. Die Mannen hatten sich alle am Deck versammelt und einen Kreis um den langen Tom und Letrier gebildet, welche ihnen zu erzählen schienen. Da fiel der Blick des letzteren auf Sanders. Er sprang vor, schwenkte den Südwester und schrie:
»Das ist er, ihr Leute. Vivat, der schwarze Kapitän!«
Die Hüte flogen in die Luft; der Ruf wurde von jeder Kehle wiederholt.
Sanders winkte ihnen gnädig zu und trat mit stolzem Schritt in ihre Mitte. In kurzer Zeit war allen der Eid abgenommen und jeder erhielt ein hoch bemessenes Segelgeld. Die Waffen und Wachen wurden verteilt, die Schiffsordnung einstweilen mündlich bestimmt, und als das alles in Ordnung war, begab sich der Kapitän mit Letrier wieder in seine Kajüte, um nach der Miß Admiral zu sehen.
Die Besinnung war ihr wiedergekehrt, doch schloß sie sofort die Augen, als sie ihn eintreten sah. Er bog sich über sie und fragte:
»Wo ist das Geld, welches du mir raubtest?«
Ihre Lider öffneten sich; ein haßerfüllter Strahl schoß zwischen ihnen hervor auf den Fragenden.
Er wiederholte seine Frage.
»Frag', so oft du willst; eine Antwort bekommst du nicht. « erklärte sie.
»Ganz nach Belieben!« lächelte er. »Ein großer Teil ist natürlich fort; die Frau de Voulettre hat jedenfalls kostspielige Bedürfnisse gehabt; das übrige aber ist hier an Bord, ich kenne dich.«
»Suche es!«
»Das werde ich thun. Und finde ich nichts, so giebt es Mittel, dich zum Sprechen zu bringen. Jean!«
»Kapitän?«
»Das Frauenzimmer bleibt gefesselt wie bisher und erhält ihren Platz in meiner eignen Koje. Ihr Wärter bin nur ich; kein andrer hat bei ihr Zutritt, auch du nicht, und wer den kleinsten Versuch macht, mit ihr zu verkehren, bekommt die Kugel. Uebrigens darf außer dir kein andrer wissen, wo sie sich befindet. - jetzt bring die frühere Mannschaft des "l'Horrible" einzeln an Deck. Ich werde sehen, was aus den Leuten zu machen ist!«
Jean ging. Sanders zog seine Gefangene in die Nebenkoje und verdoppelte hier ihre Fesseln. Er wußte, daß er die Wahrheit gesagt habe: sie hatte keine Macht mehr über ihn. - - -
Sam Fire-gun hatte sich nach den abgehenden Passagierschiffen erkundigt; es ging heute keins in See, auch morgen nicht. Bei dieser Gelegenheit hörte er den Namen des "l'Horrible" nennen. Er wußte, daß dies das Schiff des schwarzen Kapitäns gewesen war, und nahm an, daß dieser, also Sanders, wohl auch erfahren habe, daß der "l'Horrible" hier im Hafen liege. Gewiß übte das eine Anziehungskraft auf ihn aus, und so stellte sich Sam Fire-gun so auf" daß er jeden Menschen, welcher nach diesem Schiffe ging oder von ihm kam, sehen konnte.
Es war Abend geworden; es wurde zehn Uhr und noch später. Sam Fire-gun ging immer noch am Quai auf und ab, um sich keines der abstoßenden Boote entgehen zu lassen. Diese Aufgabe war für eine einzelne Person eine schwierige, wo nicht unmögliche, und in Wirklichkeit wurde auch gar mancher Kahn vom Lande gerudert, ohne daß der aufmerksame Trapper die rechte Zeit fand, den oder die Insassen desselben zu mustern. Es herrschte ringsum tiefe Dunkelheit, welche die Straßenlaternen und Schiffslichter nur spärlich zu durchdringen vermochten, und Fire-gun stand am Ufer, um von dem anhaltenden Patrouillengang ein wenig zu verschnaufen, als grad zu seinen Füßen der Führer eines unbesetzten Bootes bei den zu dem Wasser führenden Stufen anlangte.
»Good evening, Mann, wo kommt Ihr her?« fragte er ihn.
»Von draußen.«
»Von welchem Schiff?«
»Von keinem.«
»Von keinem? Waret Ihr allein spazieren?«
»Fällt mir nicht ein!« antwortete der Schiffer, neben ihm stehen bleibend und seine vom Rudern angegriffenen Arme dehnend.
Der Trapper wurde aufmerksam.
»So habt Ihr jemand gefahren?«
»Wird wohl nicht anders sein, Master.«
»Aber bei keinem Schiffe angelegt und kommt leer zurück. Habt Ihr ihn ersäuft?«
Der Schiffer lachte.
»So ähnlich. Aber wartet noch einige Stunden mit Euren Fragen, dann will ich sie Euch beantworten.«
»Warum nicht eher?«
»Weil ich nicht darf.«
»Und warum dürft Ihr nicht?«
»Weil ich's versprochen hab'.«
Der Mann schien Wohlgefallen daran zu finden, sich nach etwas fragen zu lassen, worüber er nicht bereit war, Auskunft zu erteilen. Der Jäger aber wurde von einem unbestimmten Gefühle getrieben, weiter zu forschen:
»Und warum habt Ihr dies versprochen?«
»Weil, weil - hört, Mann, Ihr fragt verteufelt dringlich - weil sich ein jeder gern ein Trinkgeld geben läßt.«
»Ah so! Also eines Trinkgeldes wegen dürft Ihr nicht sagen, wen Ihr gefahren habt?«
»So ist's.«
»Und Ihr werdet es dennoch sagen, wenn ich Euch ein besseres Trinkgeld gebe?«
Der Schiffer warf einen ungläubigen Blick auf das zerfetzte, lederne Habit des andern.
»Ein besseres? Wird Euch schwer werden!«
»Wie viel bekamt Ihr?«
»Meinen Lohn und einen Dollar obendrein.«
»Bloß?«
»Was, bloß? Euch fallen wohl die Dollars durch den zerrissenen Jagdrock in die Tasche?«
»Dollars? Nein. Geld habe ich nicht, aber Gold.«
»Wirklich? Das ist ja noch besser als Geld!«
Der Fischer wußte aus Erfahrung, daß mancher abgerissene Mineur mehr bei sich trug, als hundert Stutzer miteinander besitzen.
»Meint Ihr? Da seht Euch einmal dies Nugget an!«
Sam Fire-gun trat unter eine Laterne und zeigte dem Fischer ein Stück Waschgold, welches er aus der Tasche gezogen hatte.
»Alle Teufel, Master, das Stück ist ja seine fünf Dollars unter Brüdern wert!« rief der Mann.
»Richtig! Und Ihr sollt es haben, wenn Ihr mir sagt, was Ihr verschweigen sollt.«
»Ist's wahr?«
»Gewiß. Also, wen habt Ihr gefahren?«
»Zwei Männer.«
»Ah! Wie waren sie gekleidet? Jäger?«
»Nein. Mehr wie Seeleute, ganz neues Habit.«
»Auch möglich. Wie sahen sie aus?«
Der Schiffer gab eine Beschreibung, welche ganz auf Sanders und Letrier paßte, für den Fall, daß beide ihr Aeußeres verbessert hatten.
»Wo wollten sie hin?«
»Da hinaus, in die Nähe des "l'Horrible", der dort auf den Ankern reitet.«
»Des "l'Horrible"?« Sam Fire-gun wurde aufmerksamer. »Was sprachen sie unter sich?«
»Konnte es nicht verstehen!«
»Warum?«
»Sie frugen mich, ob ich gelernt hätte, französisch zu reden, und als ich nein sagte, parlierten sie ein Mischmasch, daß mir davon die Ohren klangen.«
»Sie sind's! Wo stiegen sie aus?«
»Draußen im Wasser.«
»Unmöglich!«
»Grad so und nicht anders. Sie sagten, sie gehörten zum Schiff und wären ein wenig durchgekniffen, um sich zu Lande einen Spaß zu machen. Nun wollten sie ihre Rückkehr nicht merken lassen und sind deshalb bis an Bord geschwommen.«
»Und vorher mußtet Ihr ihnen versprechen -«
»Bis einige Stunden nichts davon zu erzählen.«
Ehe Fire-gun eine weitere Frage thun konnte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.
»Mein Bruder komme mit mir!«
Winnetou war's. Er führte ihn einige Schritte abseits und fragte dann:
»Wie heißt das große Kanoe, welches da drüben im Wasser liegt?«
»"l'Horrible".«
»Und wie heißt das Kanoe, auf welchem der Weiße, der sich Sanders nannte, Häuptling gewesen ist?«
»l'Horrible". Es ist ganz dasselbe.«
»Wird der Weiße nicht hinausrudern, um sein Kanoe wieder zu besitzen?«
Sam Fire-gun stutzte und fragte:
»Wie kommt denn mein roter Bruder auf den Gedanken?«
»Winnetou verließ einmal seinen Posten, um nach dir zu sehen. Er kam mit der Fähre herüber, auf welcher weiße Männer waren, welche von dem Kanoe sprachen. Als sie die Fähre verlassen hatten, warteten sie kurze Zeit und stiegen mit andern Männern und einem Koffer in mehrere Boote.«
»Hat mein Bruder alles gehört, was sie sprachen?«
»Sie wollten auf das große Kanoe und die Männer desselben töten, weil der schwarze Häuptling kommen werde.«
»Der schwarze Kapitän?«
»Mein Bruder sagt das Wort; es ist zu schwer für die Zunge des Apatschen.«
»Und sie sind hinaus auf das Wasser?«
»Ja. Sie hatten Messer und Beile im Gürtel.«
Sam Fire-gun überlegte.
»Mein Bruder gehe zurück an seinen Posten; die Jäger müssen kommen, noch ehe der Morgen hereinbricht.«
Der Apatsche folgte der Weisung. Auch der Schiffer hatte sich mit seinem Nugget entfernt, und so blieb der Colonel allein zurück.
Sollte wirklich etwas Ungewöhnliches auf dem "l'Horrible" vorgehen? Winnetou hatte sich jedenfalls nicht geirrt; aber wenn das Schiff wirklich überfallen werden sollte, wie konnten diese Leute von der Ankunft des verfolgten Sanders so genau unterrichtet sein?
Während er noch sann, ertönten draußen auf der Reede drei Schüsse nacheinander, und trotz der späten Stunde belebte sich der Quai innerhalb kurzer Zeit mit einer ganz beträchtlichen Menschenmenge, welche begierig war, die Ursache der Alarmschüsse zu erfahren. Die Dunkelheit gestattete nicht, alle im Hafen und auf der Reede liegenden Schiffe zu unterscheiden, aber die Beweglichkeit der auf ihnen herumgetragenen Laternen war ein sicheres Zeichen, daß irgend etwas Unerwartetes geschehen sei.
Ein von sechs Ruderern bemanntes und von einem Midshipman befehligtes Kriegsboot landete ganz in der Nähe des Jägers. Ein zufällig sich am Lande befindender Steuermann, dem der Midshipman Rede und Antwort zu stehen verpflichtet war, trat auf ihn zu und fragte ihn:
»Was giebt's da draußen, Sir?«
»Der "l'Horrible" sticht mit vollen Segeln in See.«
»Nun, was ist's weiter?«
»Was weiter? Seine sämtlichen Offiziere befinden sich am Lande; es ist jedenfalls irgend ein Schurkenstreich geschehen, und ich habe Ordre, sie sofort zu benachrichtigen.«
»Wer hat die Schüsse abgefeuert?«
»Wir, auf dem Panzermonitor. Unser Kapitän ist bei den Herren vom "l'Horrible". Good night, Sir!«
Er eilte davon, zu Frau von Voulettre.
Sam Fire-gun hatte die Worte verstanden, folgte ihm unwillkürlich und gelangte so an das von der Frau de Voulettre bewohnte Haus. Auch hier herrschte eine ganz bedeutende Aufregung. Die Herrin war seit längerer Zeit spurlos verschwunden und fast sämtliche Gäste lagen betäubt und besinnungslos im Salon infolge eines in den Wein gemischten Giftes, wie die schleunigst herbeigeholten Aerzte aussagten. Mit der Frau de Voulettre war eine wertvolle Sammlung von Seekarten und nautischen Instrumenten verschwunden.
Dies alles hörte der Trapper erzählen. Aerzte, Polizisten und Seeleute flogen aus und ein, und ein riesiges Gedränge war vor dem Hause entstanden. Jetzt befand er sich selbst in Aufregung. Er konnte sich nicht erklären, in welcher Verbindung Sanders mit dieser Frau de Voulettre stehe, aber daß der erstere mit Hilfe der letzteren den "l'Horrible" entführt habe, wurde ihm zur unumstößlichen Gewißheit, obgleich es ihm unmöglich war, die Einzelheiten klar zu durchschauen.
Sollte er die Beobachtung des Apatschen der Polizei mitteilen? Das hätte zu Vernehmungen und Weitläufigkeiten geführt, die seinem Zwecke nur schaden konnten. Es gab nur einen einzigen schnellen und sicheren Weg, den die Polizei jedenfalls ganz von selbst einschlug: Der "l'Horrible" mußte verfolgt werden. Sam Fire-gun beschloß, dies auch auf seine eigene Faust zu thun. Dazu gehörte aber vor allen Dingen Geld zur Miete eines Schnelldampfers, und um dies zu bekommen, mußte er das Eintreffen seiner zurückgebliebenen Leute abwarten, welche den sämtlichen im Hide-spot verborgen gewesenen Goldreichtum mit sich führten. Seine Aufgabe am Quai hatte sich erledigt; er konnte zu Winnetou zurückkehren und sah sich gezwungen, seine Ungeduld zu bemeistern.
Er fuhr nach Oakland über, suchte Winnetou auf und legte sich bei ihm nieder. Winnetou schlief; er aber wachte. Der Gedanke, daß Sanders sich auf der See vielleicht in Sicherheit befinde, während er selbst, der ihm durch die weite Savanne Schritt für Schritt und unter unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen bis hierher gefolgt war, an das Land gebannt blieb und ihn sich entwischen lassen mußte, folterte ihn, so daß er sich ruhelos hin und her wälzte und die Minuten zählte, die ihn noch von den Seinigen trennten.
Die Habe, welche sie mit sich führten, hatte sie aufgehalten und darum war er mit dem Apatschen ihnen vorausgeeilt, um die Verfolgten nicht aus den Augen zu verlieren. Nach seiner Berechnung konnten sie am Morgen eintreffen, und so erwartete er mit fieberhafter Ungeduld den Anbruch des Tages.
Die Sterne kehren sich nicht an die Wünsche des Menschenherzens; sie gehen ruhig ihren ihnen seit Jahrmillionen vorgeschriebenen Lauf; aber endlich gehen sie doch unter, und das siegreiche Licht des Tages wirft seine Strahlenflut über die weite Erde hin. Der Morgen war da. Sam Fire-gun beneidete den Apatschen um seinen festen, ruhigen Schlaf, und überlegte eben, ob es Zeit sei, ihn zu wecken, als Winnetou plötzlich ganz von selbst in die Höhe sprang, mit munteren, scharfen Augen um sich blickte und dann sich wieder lauschend auf die Erde legte. Dann richtete er sich wieder empor.
»Mein Bruder lege sein Ohr an den Boden!« sagte er.
Der Trapper that es und vernahm ein allerdings kaum zu empfindendes Geräusch, welches sich der Stadt näherte. Der Sohn der Savanne hatte es sogar im Schlafe gemerkt. Winnetou horchte nochmals.
»Es nahen Reiter auf müden Pferden. Vernimmt mein Bruder das Wiehern eines Tieres? Es ist das böse Pferd des fremden Mannes, der auf dem großen Wasser gefahren ist.«
Er meinte mit dieser Umschreibung den Dakotatraber, welchen der Steuermann Peter Polter ritt. Sam Fire-gun wunderte sich nicht über den außerordentlichen Scharfsinn des Indianers; er war ähnliches und noch erstaunlicheres längst von ihm gewohnt. Er sprang erwartungsvoll von der Erde auf und beobachtete die Ecke eines Gesträuches, welches die Nahenden noch verbarg.
Nach einiger Zeit kamen sie zum Vorschein. Das war ich mit dem Neffen des Colonels. Hinter uns ritt der Steuermann, welcher wie gewöhnlich außerordentlich viel mit seinem Pferde zu schaffen hatte. Dann kamen die Jäger, Dick Hammerdull, Pitt Holbers, Bill Potter und einige andre. Jeder von ihnen hatte ein oder mehrere Pferde oder Maultiere, welche schwer beladen zu sein schienen, am Leitzügel.
»Seht ihr das Nest da vorn?« rief Peter Polter. »Ich glaube, es ist endlich dieses San Francisco, welches ich von hier aus nicht kenne, weil ich es nur von der See aus gesehen habe.«
»Ob wir es sehen oder nicht, das bleibt sich gleich,« meinte Hammerdull; »aber, Pitt Holbers, altes Coon, was meinst denn du dazu?«
»Wenn du denkst, daß es Francisco ist, Dick, so habe ich nichts dagegen,« antwortete dieser in seiner gewohnten Weise. »Als uns dort am Wasser die Roten überrumpelten und in ihr Lager schleppten, hätte ich nicht gedacht, daß ich diese Gegend einmal zu sehen bekäme.«
»Ja, alte Segelstange,« bemerkte der Steuermann, »wenn damals Peter Polter aus Langendorf nicht gewesen wäre, so hätten sie Euch die Haut heruntergeschunden und Ihr lägt jetzt ohne Fell in Abrahams Schoß. Doch, schaut einmal da nach Luv hinüber! Ich lasse mich kielholen und dann mit Teer und Werg kalfatern, wenn das nicht der Colonel ist und -«
»Und Winnetou, der Apatsche,« fiel ich ein, mein Pferd zu rascherem Laufe antreibend, so daß ich bald neben den beiden Genannten hielt.
»Gott sei Dank, daß ihr endlich kommt!« rief Sam Fire-gun. »Wir haben auf euch gewartet, wie der Büffel auf den Regen.«
»Es ging nicht schneller, Onkel,« antwortete Wallerstein. »Wir sind die ganze Nacht geritten. Sieh unsre armen Tiere an; sie können kaum noch stehen.«
»Wie ist's, Colonel,« fragte ich; »habt ihr sie erreicht?«
»Nur einen Augenblick kamen wir zu spät. Sie sind entwischt.«
»Entwischt? Wann, wie und wohin?«
Sam Fire-gun erzählte das Geschehene. Ein ärgerlicher Fluch entfuhr den Lippen der Trapper.
»Wart ihr auf der Polizei?« erkundigte ich mich.
»Nein; das hätte uns nur Zeit geraubt.«
»Ganz richtig. Es giebt nur einen Weg. Wir mieten sofort einen guten Dampfer und gehen hinter ihnen her.«
»Das war auch meine Ansicht, und darum erwartete ich euch mit Ungeduld. Wir sind ja nicht im Besitz von couranter Münze und müssen schleunigst unser Gold umsetzen.«
»Wird nicht viel helfen!« meinte der Steuermann, im höchsten Grade verdrießlich.
»Warum?«
»Ich mag keinen Dampfer; diese Art von Fahrzeugen sind die miserabelsten, die es giebt. Ein guter Segler findet stets Wind; so eine Rauchschaluppe aber braucht Kohlen und findet sie nicht überall. Dann liegt man vor Anker oder gar faul auf offener See und kann weder vor- noch rückwärts gehen.«
»So laden wir ein hinreichendes Quantum.«
»Mit Verlaub, Colonel, ein guter Jäger seid Ihr, das muß man sagen, aber zum Seemann taugt Ihr nichts. Erst müssen wir den Dampfer haben, und es fragt sich, ob gleich so ein Ding zur Hand liegt. Und, paßt auf, diese Yankees handeln und feilschen einen Tag lang mit Euch, ehe Ihr das Fahrzeug bekommt.«
»Ich gebe, was man verlangt.«
»Meinetwegen! Dann wird Proviant, Munition und Kohle geladen, um eine lange Fahrt aushalten zu können. Das Schiff wird endlich besichtigt, ob es seetüchtig ist, und darüber vergehen Stunden und Tage, so daß der "l'Horrible" das Kap doupliert, ehe wir nur zum Auslaufen kommen. Der Teufel hole ihn!«
Die andern schwiegen. Sie mußten sich gestehen, daß die Worte des braven Seemannes nur zu wohl begründet seien.
»Ich kann das Gesagte wohl kaum bezweifeln,« meinte ich endlich; »aber hier halten und das Meer angucken, das führt zu nichts. Jedenfalls hat er schon genug Verfolger auf der Ferse; das ist ein Trost für uns. Und nach müssen wir auf jeden Fall.«
»Aber wohin?«
Die übrigen sahen den Steuermann fragend an.
»Das ist nicht so leicht gesagt,« entschied dieser. »War der "l'Horrible" gut mit Proviant versehen, so haben sie jedenfalls die Route nach Japan oder Australien eingeschlagen.
Dahinzu ist die See frei und ein Entkommen leicht. War er aber schlecht verproviantiert, so sind sie nach dem Süden, um sich an irgend einem Orte der Westküste mit dem Nötigen zu versehen.«
Die Wahrheit dieser Ansicht leuchtete allen ein.
»So werden wir die darauf bezügliche Erkundigung einziehen. Vorwärts!« ermunterte ich die Leute.
Wir ritten durch Oakland und fuhren über. Drüben angekommen, fragte ich Sam Fire-gun:
»Kennt Ihr ein Haus, welches Nuggets kauft, Colonel?«
Dieser antwortete:
»Bellhourst und Compagnie. Habe schon früher mit diesen Leuten zu thun gehabt, die mich wohl noch kennen werden.«
»Ist's weit zu ihnen?«
»Nein. Ihre Office liegt an unsrem Wege nach dem Hafen.«
Wir erreichten das Gebäude. Der Colonel stieg ab und trat hinein. Nach einiger Zeit kam er zurück. Die ganze Gesellschaft verließ die Pferde und brachte den Goldvorrat, welcher ein bedeutender war, in das Comptoir. Er wurde untersucht und gewogen, und bald befand sich Sam Fire-gun im Besitze einer Summe, welche einen wahren Reichtum repräsentierte.
»Das wäre abgemacht,« meinte er. »Nun soll zunächst ein jeder den ihm gehörigen Anteil erhalten!«
Da trat Hammerdull hervor.
»Ob wir ihn erhalten oder nicht, das bleibt sich gleich, Colonel; aber was soll ich mit den alten Papieren thun? Ich brauche sie nicht, Ihr aber habt sie jetzt nötig. Pitt Holbers, altes Coon, was meinst du dazu?«
»Wenn du denkst, Dick, daß wir dem Colonel die Wische lassen, so habe ich nichts dagegen; ich mag sie nicht. Eine fette Bärentatze oder ein Stück saftige Büffellende ist mir lieber. Dir nicht auch, Bill Potter?«
»Bin einverstanden,« nickte dieser. »Ich esse kein Papier und mein Pferd auch nicht, hihihihi. Der Colonel wird es uns schon wiedergeben, wenn er es nicht mehr braucht.«
»Ich danke euch für euer aufopferndes Vertrauen,« antwortete der Genannte; »doch weiß man ja nicht, wie sich die Verhältnisse gestalten werden. Ich zahle euch aus, was ihr zu bekommen habt; mir bleibt mehr als genug übrig. Brauche ich dennoch mehr, so seid ihr ja immer noch da, wenigstens einige von euch, denn allen werde ich nicht zumuten, mir auf die See zu folgen.«
»Ob ihr es uns zumutet oder nicht, das bleibt sich gleich, Colonel; ich gehe mit!«
»Ich auch!« fiel Holbers ein.
»Und ich!« rief der kleine Potter.
»Und ich - und ich!« schlossen sich die übrigen an.
»Das wird sich ja entscheiden,« drängte Sam Fire-gun die treuen Leute zurück. »Jetzt laßt uns zunächst teilen!«
Gleich noch im Comptoir erhielt ein jeder das ihm Gehörige; dann verließen sie das Haus, stiegen wieder auf und ritten dem Hafen zu.
Außer den hier vor Anker liegenden Segelschiffen waren nur einige schwerfällige Schlepp- oder Güterdampfer zu sehen. Alle leichter gebauten Steamer hatten den Hafen verlassen, um die von den anwesenden Kriegsfahrzeugen auf den "l'Horrible" unternommene Jagd ein Stück weit zu verfolgen. Von den letzteren war nur das Panzerschiff zurückgeblieben, dessen Befehlshaber sich noch immer betäubt am Lande befand.
Es war der rührigen Polizei bereits gelungen, einiges Licht in das Dunkel des nächtlichen Ereignisses zu bringen. Ein Bewohner des Parterre jenes Hauses, dessen erste Etage die Frau de Voulettre inne hatte, war zufälligerweise im Garten gewesen, als drei Männer mit einem Koffer denselben passiert hatten. Auch der Kutscher war ermittelt worden, welcher die drei bis vor die Stadt gefahren hatte. Der Besitzer der am weitesten abgelegenen Schifferhütte hatte sich freiwillig gemeldet, um auszusagen, daß in voriger Nacht mehrere Kähne in seiner Nähe gehalten hätten. Er hatte sie beobachtet und gegen vierzig Männer einsteigen sehen, deren Anführer, von noch zweien begleitet, mit einem Koffer eingetroffen war und auf den Zuruf der ausgestellten Wache mit "der schwarze Kapitän" geantwortet hatte. Der Schiffer oder Fischer war natürlich vorsichtig genug gewesen, seine Anwesenheit nicht kund zu geben.
Diese Aussagen, verbunden mit der allgemeinen Sage, daß der Segelmeister des schwarzen Kapitäns ein Frauenzimmer gewesen sei, und endlich verschiedene in der Wohnung der Frau de Voulettre vorgefundene Papiere und sonstige Anzeichen gestatteten einen beinahe sichern Einblick in den Zusammenhang des erst so undurchsichtigen Ereignisses. Dies alles erfuhren die Jäger von der am Quai auf und ab wogenden Menschenmenge, die sich über die Nachricht, daß der einst so furchtbare Seeräuber mitten aus einem sichern und außerordentlich belebten Hafen ein wohlbesetztes Kriegsfahrzeug geraubt habe, in außerordentlicher Aufregung befand.
Der Steuermann musterte die anwesenden Schiffe.
»Nun?« fragte der Colonel ungeduldig.
»Keins, was für uns paßt; lauter Salztonnen und Heringsfässer, die in zehn Monaten kaum zwei Knoten zurücklegen. Und da draußen -«
Er hielt inne. Jedenfalls hatte er sagen wollen, daß weiter draußen auch kein passendes Fahrzeug zu bemerken sei, aber sein scharfes Auge mußte bei dem Blicke, den er hinauswarf, auf etwas gefallen sein, was ihm die begonnene Rede abschnitt.
»Da draußen - - was ist da draußen?« fragte der Colonel.
»Hm, ich will nicht Peter Polter heißen, wenn ganz da hinten nicht ein kleiner, weißer Punkt zu sehen ist, der nichts andres als ein Segel sein kann.«
»Also hier im Hafen finden wir wirklich kein passendes Fahrzeug?«
»Keins. Diese Holztröge schleichen wie die Schnecken und sind selbst für Geld nicht zu haben. Seht Ihr nicht, daß sie ihre Ladung löschen?«
»Und das da draußen?«
»Müssen es ruhig abwarten. Vielleicht geht es vorüber, vielleicht kommt es herein. Macht Euch keine Hoffnung. Auf ein Kriegsschiff kommen dreißig Kauffahrer, und diese Dinger taugen den Teufel zur Verfolgung eines Kapers, selbst wenn der Patron bereit wäre, uns das Fahrzeug zu vermieten. Der Punkt, daß es in den Grund gebohrt werden kann, wiegt schwer, macht viele Umstände und kostet ungeheures Geld.«
»Und dennoch wird's versucht; es ist das einzige, was uns übrig bleibt. Wie viel Zeit kann vergehen, ehe das Schiff einläuft?«
»Eine Stunde und noch mehr, vielleicht gar zwei oder drei, je nachdem es gebaut ist und befehligt wird.«
»So haben wir Zeit. Finden wir ein Fahrzeug, so gehen wir in See; finden wir keins, so müssen wir allerdings das Resultat der Verfolgung ruhig abwarten, ehe wir uns entschließen können über das, was ferner zu thun ist. Wären wir nur zehn Minuten eher eingetroffen, so hätten wir die Halunken festgehabt. Jetzt laßt uns vor allen Dingen unsre Pferde einstellen und ein Store aufsuchen, um unsre abgerissenen Fetzen mit etwas Besserem zu vertauschen!«
Allerdings sahen sie alle mehr Strauchdieben als ehrlichen Männern ähnlich. Sie begaben sich in ein Gasthaus, wo sie ihre Tiere versorgten und ihren eignen Durst und Hunger stillten; dann traten sie in ein Store, wo sie alles fanden, was ihnen notwendig war.
Darüber war einige Zeit vergangen, so daß sie nach dem Hafen zurückkehrten, um nach dem Segel auszuschauen, welches vorhin zu sehen gewesen war.
Der Steuermann schritt voran. Als er an eine Stelle gelangte, welche einen freien Blick auf den Hafen und die Reede bot, blieb er mit einem lauten Ausrufe der Ueberraschung stehen.
»Behold, welch ein Segler! Da schießt er eben in den Hafen herein wie ein - mille tonnerre, sacre bleu, heiliger Schiffsrumpf, ein Klipper mit Schonertakelage, es ist die "Swallow", die "Swallow", hurrrrrrjeh, juchheisassassassa!«
Er schlug vor Freude die sehnigen Hände zusammen, daß es wie ein Böllerschuß knallte, packte mit dem einen Arme Hammerdull, den Dicken, mit dein andern Pitt Holbers, den Dünnen, und tanzte mit ihnen im Kreise herum, daß die Menge aufmerksam wurde und die Gruppe der Jäger neugierig umringte.
»Ob juchheisassassassa oder nicht, das bleibt sich gleich,« brüllte der sich gegen den unfreiwilligen Tanz sträubende Hammerdull; »laß mich los, du unsinniges Seeungeheuer. Was haben wir mit deiner "Swallow" zu schaffen!«
»Was ihr damit zu schaffen habt? Alles, alles sage ich,« erklärte Peter Polter, die beiden Bedrängten frei gebend. »Die "Swallow" ist ein Kriegsschiff und noch dazu das einzige, welches im Segeln dem "l'Horrible" überlegen ist. Und wer ist sein Kommandeur? Lieutenant Parker, den ich kenne. Ich sage euch, jetzt können uns die beiden Halunken nicht mehr entgehen; jetzt sind sie unser!«
Die Freude des Steuermannes teilte sich allerdings auch den andern mit. Es war ja gar kein Irrtum möglich, denn unter dem Spriete des nahenden schmucken Fahrzeuges breitete eine aus Holz geschnitzte blaue Schwalbe ihre spitzen, vergoldeten Flügel aus. Lieutenant Parker mußte ein kühner, außerordentlich gewandter Seemann sein und sich vollständig auf jeden einzelnen seiner gut geschulten Leute verlassen können, denn er hatte noch nicht ein einziges Reff geschlagen, obgleich er sich schon am Eingange des Hafens befand. Tief auf der Seite liegend, flog das scharf gebaute Fahrzeug unter der schweren Last seiner Segel, wie vom Dampf getrieben, herbei. Ein leichter Rauch stieg an seinem Vorderkastell empor; die üblichen Salutschüsse ertönten; vom Hafen aus wurde die Antwort. Dann hörte man die laute, klangvolle Stimme des Befehlhabers:
»Mann am Steuer, nach Back fall ab!«
Das Schiff beschrieb einen kurzen, graziösen Bogen.
»Die Reffs, Jungens. Laßt los!«
Die Leinwand ließ den Wind fahren und fiel laut schwappend an die Masten. Das Schiff stieg vorn, dann hinten in die Höhe, legte sich tief auf die andre Seite, stand wieder auf und lag dann ruhig auf den breiten Ringen, welche die hereingebrochene Flut gegen die mächtigen Quadern des Quais spülte.
»Hurra, die "Swallow", hurra!« klang es aus tausend Kehlen. Man kannte das prächtige Schiff, oder hatte wenigstens von ihm gehört und wußte, daß es die Jagd aufnehmen werde, auf welche sich die Aufmerksamkeit von ganz San Francisco richtete.
Zwei Männer in Seemannsuniform drängten sich durch die Menge. Sie sahen außerordentlich erregt und angegriffen aus. Der eine trug die Attribute eines Marinelieutenants, der andre die Steuermannsabzeichnung.
Ohne erst zu fragen, sprangen sie in ein leeres Boot, lösten es von der Kette, legten die Ruder ein und schossen auf die "Swallow" zu. Der Befehlshaber derselben stand am Regeling und blickte den Nahenden entgegen.
»Ahoi, Lieutenant Jenner, seid Ihr es? Wo habt Ihr den "l'Horrible"?« rief er herab.
»Schnell ein Tau oder das Fallreep, Sir,« antwortete dieser; »ich muß zu Euch an Bord!«
Die Treppe fiel nieder; die beiden Männer legten an und stiegen empor.
»Perkins, mein Maate,« stellte Jenner seinen Begleiter vor. »Herr, Ihr müßt mir augenblicklich Euer Schiff geben,« setzte er atemlos und in höchster Aufregung hinzu.
»Mein Schiff geben? Wieso - warum?«
»Ich muß dem "l'Horrible" nach.«
»Ihr müßt - - ich verstehe Euch nicht.«
»Er ist mir gestohlen, geraubt, entführt worden.«
Parker blickte ihm in das Gesicht, wie man einen Wahnsinnigen beobachtet.
»Ihr treibt sonderbaren Scherz, Lieutenant!«
»Scherz? Der Teufel hole Euern Scherz! Mir ist es nicht wie Spaß. Vergiftet, vom Arzte gequält, von der Polizei gemartert und von der Hafenbehörde coujoniert, ist es einem nicht wie Fastnacht spielen.«
»Ihr sprecht in Rätseln.«
»Laßt Euch erzählen!«
Mit fürchterlicher Wut, die ihm die Glieder erbeben machte, trug er das Geschehene vor; er befand sich in einer Verfassung, die ihn zu der blutigsten That befähigt hätte, und schloß mit der Wiederholung:
»Wie gesagt, Ihr müßt mir Euer Schiff geben!«
»Das ist nicht möglich, Sir.«
»Was, nicht möglich,« rief Jenner mit funkelnden Augen. »Warum?«
»Die "Swallow" ist mir, dem Lieutenant Parker, anvertraut; ich kann sie nur auf höhern Befehl einem andern überlassen.«
»Das ist schändlich, das ist feig, das ist -«
»Herr Lieutenant - -!«
Jenner fuhr bei dem drohenden Klange dieser Stimme zurück. Er gab sich Mühe, seine Erregung zu bemeistern. Parker fuhr in ruhigerem Tone fort:
»Ich will die Beleidigung als ungeschehen betrachten; der Zorn überlegt nicht, was er spricht. Ihr kennt die Gesetze und die Instruktion ebenso gut wie ich und wißt ganz genau, daß ich das Kommando meines Schiffes aus eignet Macht niemand anvertrauen darf. Doch will ich Euch beruhigen. Ich werde die Verfolgung des "l'Horrible" schleunigst aufnehmen. Wollt Ihr mich begleiten?«
»Ob ich will? Ich muß ja mit, und wenn es durch tausend Höllen geht!«
»Gut! War der "l'Horrible" wohl verproviantiert?«
»Auf höchstens noch eine Woche.«
»So ist ihm nichts andres übrig geblieben, als Acapulco anzulaufen; schon Guayaquil oder gar Lima kann er unmöglich erreichen.«
»So werden wir ihn bald haben. Ihr habt ja mir selbst den Beweis geliefert, daß die "Swallow" dem "l'Horrible" überlegen ist. Zieht die Anker wieder auf, Sir; vorwärts, fort, fort!«
»Nicht so hastig, Kamerad! Allzuviel Eile ist oft schlimmer als allzu langsam sein. Zunächst habe ich hier einige Geschäfte zu erledigen.«
»Geschäfte? Mein Gott, wer kann in solcher Lage an Geschäfte denken? Wir müssen augenblicklich in See stechen.«
»Nein, ich muß augenblicklich an das Land, um meine Instruktionen in Einklang mit unsrer Aufgabe zu bringen. Sodann habe ich nicht den nötigen Proviant; auch Wasser und Munition fehlt; ein Dampfer muß besorgt werden, der mich gegen die Flut aus dem Hafen bugsiert und - - wie viel Kanonen hat der "l'Horrible"?«
»Acht auf jeder Seite, zwei im Stern und eine Drehbasse vorn.«
»So ist er mir im Gefecht überlegen. - Forster!«
»Ay, Sir!« antwortete, näher tretend, der Steuermann, dem von seinem bisherigen Platze aus kein Wort der Unterredung entgangen war.
»Ich gehe zur Meldung an Land und werde bis auf das Quai besorgen, was wir brauchen. Schickt einen Mann dort nach dem Schlepper; er scheint Zeit zu haben und soll sich in einer Stunde vor uns legen. Länger werde ich nicht abwesend sein.«
»Well, Sir!«
»Fällt Euch vielleicht etwas ein, was -nötig wäre?«
»Wüßte nicht, Kapt'n. Weiß ganz genau, daß Ihr selbst an alles denkt!«
Parker wollte sich jetzt wieder an Jenner wenden, als einer der Leute meldete:
»Ein Boot am Fallreep, Sir!«
»Was für eins?«
»Civil, acht Personen, auch ein Indianer dabei, wie es scheint.«
Der Lieutenant trat an den Regeling und blickte hinab und fragte:
»Was soll's, Leute?«
Ich bat in unser aller Namen, an Bord kommen zu dürfen. Es wurde uns gewährt. Als wir uns an Deck befanden, erklärte ich ihm unser Anliegen. Obgleich er eigentlich keine Zeit hatte, hörte er mich ruhig an und gewährte uns dann die Bitte, die Jagd mitmachen zu dürfen. Wir waren acht Personen: der Colonel, sein Neffe, der Steuermann, Holbers, Hammerdull, Potter, Winnetou und ich.
»Laßt euch vom Maate Plätze anweisen!« sagte Parker. Ach gehe zwar jetzt von Bord, aber in einer Stunde lichten wir die Anker.«
»Nehmt mich mit,« bat Lieutenant Jenner. »Ich kann Euch bei Euren Besorgungen unterstützen und würde hier vor Ungeduld vergehen!«