Old Surehand II
Drittes Kapitel: Ein Korsar
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
»So kommt!«
Beide stiegen in dasselbe Boot, welches Jenner zum Schiff gebracht hatte, und ruderten dem Lande zu. Sie waren kaum von dem Fahrzeuge abgestoßen, als sich auf demselben eine possierlich rührende Scene abspielte.
Peter Polter war vor- und auf den Maate zugetreten.
»Forster, John Forster, alter Swalker, ich glaube gar, du bist Maate geworden!« rief er aus.
Der Angeredete sah dem schwarzgebrannten und jetzt vollbärtigen Mann verwundert in die Augen.
»John Forster -? Alter Swalker -? Du -? Der nennt mich du und weiß meinen Namen, obgleich ich ihn nicht kenne. Wer bist du, he?«
»Heigh-day, kennt der Kerl seinen alten Steuermann nicht mehr, von dem er doch so manchen guten Hieb auf die Nase bekommen hat und - was der Teufel!«
Er trat auf Perkins zu, den er erst jetzt von Angesicht zu sehen bekam.
»Da ist ja auch Master Perkins, oder wie der Mann hieß, den ich damals in Hoboken auf der "Swallow" herumgeführt habe, und der mich dann zum Lohn dafür bei Mutter Thick fast unter den Tisch getrunken hat!«
Auch dieser sah ihn staunend an. Es war kein Wunder, daß sie ihn nicht erkannten. Die ganze Schiffsmannschaft stand um die Gruppe, und Peter fuhr voll Freude von einem zum andern.
»Da ist der Plowis, der Miller, der Oldstone, der krumme Baldings, der --«
»Steuermann Polter!« rief da einer, der es endlich herausgebracht hatte, wer der riesenhafte Fremde sei.
»Polter - Polter, - Hurra, Peter Polter - juch, in die Höhe mit dem alten Kerl, hoch, hoch, hurra!«
So rief, schrie und brüllte es durcheinander; sechzig Arme streckten sich aus; er wurde gefaßt und emporgehoben.
»Hol-la, hol-la, hol-la,« begann einer mit kräftiger Baßstimme; »hol-la, hol-la,« fielen die andern im Marschtakte ein; der Zug setzte sich in Bewegung und »hol-la, hol-la«wurde der beliebte Mann mehrere Male rund um das Deck getragen.
Er fluchte, wetterte und schimpfte; er bat, ihn doch herabzulassen; es half nichts, bis endlich der Maate sich unter herzlichem Lachen in das Mittel legte und ihm zum freien Gebrauche seiner Arme und Beine verhalf.
»Steig herab vom Throne, Peter Polter, und komm vor nach dem Kastell. Du mußt erzählen, wo du herumgesegelt bist, du alter Haifisch, du!«
»Ja, ja, ich will, ich will ja erzählen; so gebt mich doch nur endlich frei, Ihr verteufelten Jungens!« rief er und schlug mit den gewaltigen Armen um Sich, daß die Leute wie schwache Kinder zur Seite flogen.
Unter lautem Lachen und jubeln ward er von der lustigen Rotte Korah, Dathan und Abiram nach dem Vorderdeck gestoßen, geschoben und gezogen und mußte dort wohl oder übel wenigstens in kurzen Umrissen seine Erlebnisse zum besten geben.
Dabei wurde natürlich der Dienst nicht im geringsten versäumt. Der Maate erfüllte den ihm gewordenen Auftrag, und die für die laufenden Arbeiten nötigen Männer sonderten sich von der fröhlichen Gruppe ab, obgleich sie gern bei dem fröhlichen »Tau« gewesen wären, welches Polter abzuwickeln hatte.
Die Jäger waren stille Zeugen dieser Scene gewesen. Sie gönnten dem braven Seemann, den alle liebgewonnen hatten, den Triumph und machten es sich auf dem Deck so bequem, wie es die ihnen ungewohnten Umstände und Verhältnisse gestatteten.
Der Indianer war noch nie auf einem Schiffe gewesen. Er hatte sich auf die Büchse gestützt und ließ sein Auge langsam und gleichgültig über die ihm fremde Umgebung gleiten. Aber wer ihn kannte, der wußte, daß diese Gleichgültigkeit ein tiefes Interesse verbergen sollte, dem selbst der kleinste Gegenstand nicht entgehen konnte.
Es war noch nicht die Hälfte der anberaumten Stunde vergangen, so wurden drüben am Quai die Proviant- und Munitionsvorräte aufgestapelt, welche der Lieutenant bestellt hatte. Sie wurden in Booten abgeholt und an Bord gewunden. Als Parker zurückkehrte, war man mit dieser Arbeit fertig und der Dampfer rauschte auch bereits heran, um die »Swallow« in das Schlepptau zu nehmen. jetzt war Kapitän und Mannschaft vollständig in Anspruch genommen, doch als die hohe Reede erreicht war, der Dampfer sich verabschiedet hatte und die Segel gehißt und gestellt worden waren, konnte man sich einer ungestörteren Unterhaltung hingeben.
Was die beiden Lieutenants miteinander zu besprechen hatten, war schon während ihrer Abwesenheit vom Schiffe erledigt worden. Jetzt trat Parker zum Steuer, an welchem Peter Polter neben Forster stand.
»Ihr seid Peter Polter?« fragte er ihn.
»Peter Polter aus Langendorf, Kapt'n,« salutierte der Gefragte in strammer, dienstlicher Haltung, »Hochbootsmannsmaat auf Ihrer englischen Majestät Kriegsschiffe Nelson, dann Steuermann auf dem Vereinigten-Staaten Klipper "Swallow" -«
»Und jetzt Steuermann par honneur auf demselben Schiffe,« fügte der Lieutenant hinzu.
»Kapt'n. « rief Polter erfreut und schickte sich an, eine Dankesrede zu halten, der Kommandeur aber winkte ihm abwehrend zu.
»Schon gut, Steuermann! Was meint Ihr zu dem Kurs, den der "l'Horrible" eingeschlagen haben wird?«
Peter Polter merkte recht gut, daß der Lieutenant diese Frage nur aussprach, um seine seemännische Umsicht einer kleinen Prüfung zu unterwerfen. Er fühlte sich vollständig in seinem Elemente und antwortete daher kurz, wie es sich einem Offizier gegenüber schickt:
»Wegen Mangel an Proviant nach Acapulco.«
»Werden wir ihn bis dahin erreichen?«
»Ja, der Wind ist günstig, und wir segeln mehr Knoten als er.«
»Wollt Ihr Euch mit Forster in das Steuer teilen?«
»Gern.«
»So seht gut nach Kompaß und Karte, damit wir strikte Richtung haben!«
Er wollte sich abwenden, wurde aber durch eine ganz unerwartete Frage Peters davon abgehalten-
»Nach Acapulco oder Guayaquil, Sir?«
»Warum Guayaquil?«
»Um ihn zu überholen und von vorn zu nehmen.
Er ist uns dann Sicherer, weil er die Verfolger nur hinter sich vermuten kann.«
Parkers Augen blitzten auf.
»Steuermann, Ihr seid kein übler Maate. Ihr habt recht, und ich werde Euch ohne Zögern folgen, obgleich er auf den Gedanken kommen kann, von Acapulco aus uns auf der Sandwich-Route zu entgehen.«
»So müssen wir zwischen dem Süd- und Westkurs kreuzen, bis wir ihn haben.«
»Richtig! Legt zwei Strich nach West hinüber, Forster. Ich werde alle Tücher hissen. Meine Instruktion lautet ungesäumt nach New York zurück, und der Handel mit dem "l'Horrible" kann nur als kurzes Intermezzo gelten.«
Er sprach das so gelassen, als sei der Weg um Kap Horn bis New York und die Wegnahme eines Piraten eine ganz alltägliche Kleinigkeit. Dann trat er zu der Gruppe der Jäger, welchen er sein Willkommen aussprach und dann ihre Plätze anweisen ließ. Der Indianer schien ihn sehr zu interessieren.
»Hat Winnetou nicht Sehnsucht nach der Heimat der Apatschen?« fragte er ihn.
»Die Heimat des Apatschen ist der Kampf,« lautete die stolze Antwort.
»Der Kampf zur See ist schlimmer, als der Streit zu Lande.«
»Der Häuptling des großen Kanoe wird Winnetou nicht zittern sehen!«
Parker nickte; er wußte, daß der Indianer die Wahrheit gesprochen habe.
Die Aufregung, welche der Tag mit sich gebracht hatte, legte sich allmählich, und das Leben am Bord kam gar bald wieder in das gewöhnliche, ruhige Gleis. Tag verging um Tag; einer glich so vollständig dem andern, daß die an die unbeschränkte Freiheit der Prairie gewöhnten Jäger nach und nach an der Langeweile zu leiden begannen.
Die Breite von Acapulco lag schon seit gestern hinter ihnen und Parker befahl, herumzulegen, um beide Kurse, nach Guayaquil und den Sandwichsinseln, im Auge behalten zu können.
Eine sehr stramme Brise hatte sich erhoben und die Sonne sank zwischen kleinen, aber dunklen Wölkchen im Westen.
»Werden morgen eine ganze Handvoll Wind haben, Kapt'n,« meinte Peter Polter zu Parker, als dieser auf einem Spaziergange über das Deck am Steuer vorbeikam.
»Wäre gut für uns, wenn uns dabei der Kaper in die Hände liefe. Er vermag im Sturm nicht zu manövrieren wie wir.«
»Segel in Sicht!« ertönte es da vom Masthead herab, wo einer auf dem Ausguck saß.
»Wo?«
»Nordost bei Nord.«
Im Nu war der Lieutenant oben und nahm dem Manne das Glas aus der Hand, um das gemeldete Segel zu beobachten. Dann kletterte er in sichtbarer Hast herab und trat auf das Quarterdeck, wo Jenner ihn erwartete.
»Hand an die Brassen!« ertönte sein Befehl.
»Was ist's?« fragte Jenner.
»Ist nicht genau zu sehen, jedenfalls aber ein Dreimastenschiff wie der "l'Horrible". Wir sind kleiner und unter dem Blendstrahle der Sonne; er hat uns also noch nicht gesehen. Ich werde die Segel tauschen.«
»Wie?«
Parker lächelte.
»Eine kleine Einrichtung, die ganz geeignet ist, einen auf größere Entfernung hin unsichtbar zu machen. Hinauf zu den Raaen!«
Wie die Katzen waren die wohlgeschulten Matrosen sofort oben.
»Weg mit Klüver-, Stangen- und Vorstangensegel. Refft und beschlagt!«
Im Nu wurde das Kommando ausgeführt. Das Schiff lief nun mit halber Geschwindigkeit.
»Das schwarze Tuch. Gebt acht!«
Einige dunkle Segel wurden auf dem Deck parat gehalten.
»Tauscht um das Haupt-, Fock- und Bugsegel!«
In wenigen Minuten befand sich dunkle Leinwand an Stelle der lichten. Die "Swallow" war jetzt für das nahende Schiff unsichtbar.
»Maate, leg um nach Südwest bei Süd!«
Die "Swallow" ging jetzt langsam vor dem andern Fahrzeuge her. Ihre sämtliche Besatzung hatte sich auf dem Deck versammelt. Parker aber stieg wieder empor, um zu beobachten. Es war über eine halbe Stunde vergangen und die Dunkelheit brach herein, als er wieder herabkam. Sein Gesicht drückte innige Befriedigung aus.
»Alle Mann an Deck!«
Dieses Kommando war eigentlich gar nicht nötig; die Leute standen schon alle um ihn herum.
»Jungens, es ist der "l'Horrible". Paßt auf, was ich euch sage!
Mit gespannter Erwartung drängten sie sich näher.
»Ich will den Kampf Bord gegen Bord vermeiden. Ich weiß, daß keiner von euch sich fürchtet, aber ich muß ihn unbeschädigt haben. Er hat sich außer Völkerrecht gestellt und soll als Räuber behandelt werden. Wir werden ihn mit List nehmen.«
»Ay, ay, Kapt'n, so ist's recht!«
»Wir haben Neumond und die See ist schwarz. Wir treiben bloß mit dem Hauptsegel vor ihm her; er muß uns für notleidend halten, wird beidrehen und uns als gute Prise betrachten.«
»So ist's!« klang es zustimmend.
»Ehe er uns ansegelt, setzen wir die Boote aus. Der Maate behält die "Swallow" mit nur sechs Mann. Wir andern gehen fertig zum Entern in die Boote, und während er vom Back sich mit dem Schiff beschäftigt, steigen wir vom Steuer auf sein Deck. Jetzt macht euch fertig!«
Es war ein gewagter Plan, den der kühne Mann entworfen hatte, aber er traute den Umständen und seinem guten Glücke, welches ihn bisher noch nie verlassen hatte.
Während die "Swallow" in langsamer Fahrt durch die Wogen strich, schoß der "l'Horrible" mit seiner gewöhnlichen Geschwindigkeit vorwärts. Es war Nacht geworden, kein Segel zu erblicken gewesen und die Besatzung fühlte sich vollständig sicher. Sanders hatte soeben eine Unterredung mit seiner Gefangenen gehabt, resultatlos wie immer, und schickte sich nun an, die Ruhe zu suchen, als plötzlich aus ziemlicher Entfernung ein matter Schuß ertönte.
Schnell war er an Deck. Ein zweiter Schuß ließ sich hören; ein dritter folgte.
»Notschüsse, Kapt'n,« meinte der lange Tom, der in seiner Nähe stand.
»Wäre es hinter uns, so könnte es eine Kriegslist sein, vor uns aber ist das ganz unmöglich. Jedenfalls ist es ein verunglücktes Fahrzeug ohne Masten, sonst hätten wir vor Abend seine Segel sehen müssen. Constabel, eine Rakete und drei Schüsse!«
Die Rakete stieg empor und die Schüsse krachten. Die Notzeichen des andern Fahrzeugs wiederholten sich.
»Wir kommen näher, Tom; es wird eine Prise, nichts weiter.« Er zog das Nachtrohr an das Auge. »Schau, dort liegt es; es trägt nur ein altes Hauptsegel. Die Luft ist etwas steif, aber ich werde beidrehen, um mit ihm zu sprechen!«
Er gab die nötigen Befehle; die Segel fielen; das Schiff drehte sich herum und trieb dann in geringer Entfernung neben der "Swallow" her.
»Ahoi, welch ein Schiff?« tönte es herüber.
Fast die ganze Besatzung des "I'Horrible" hatte sich nach Backbord gedrängt.
»Vereinigte-Staaten-Kreuzer. Was drüben für eins?«
»Vereinigte-Staaten-Klipper "Swallow" Lieutenant Parker,« ertönte es statt von drüben an der Steuerbordseite des "l'Horrible".
Eine wohlgezielte Salve krachte mitten unter die Briganten hinein, und dann stürzte sich eine Schar dunkler Gestalten auf sie, die einen Ueberfall für unmöglich gehalten hatten und nicht einmal notdürftig bewaffnet waren. Parker hatte seinen Plan ausgeführt, die Boote ausgesetzt und war von der unbeobachteten Seite an den "l'Horrible" gekommen, den er enterte.
Nur eine einzige Person hatte das Nahen der Kähne bemerkt - die Miß Admiral. Kaum hatte der Kapitän die Thür hinter ihr verschlossen, so richtete sie sich trotz ihrer Fesseln unter unsäglicher Mühe empor und trat an die Wand der Koje, in welcher sie einen langen, scharfkantigen Nagel entdeckt hatte. Schon mehrere Nächte lang hatte sie gearbeitet, um an demselben ihre Banden zu durchreiben, und heut, so weit war es bereits gediehen, mußte sie frei von ihnen sein. Schon befand sie sich in voller Thätigkeit, als die drei Schüsse ertönten; dann vernahm sie das Rauschen nahender Ruderschläge.
Was gab es? Einen Ueberfall? Einen Kampf? Die Rettung Notleidender? Jeder dieser Fälle war geeignet, ihr Vorhaben zu unterstützen. Fünf Minuten fürchterlicher Anstrengung machten ihr die Hände frei und schon fielen die Bande auch von ihren Füßen, als droben auf dem Verdeck Revolverschüsse krachten und sich das Getrampe eines entsetzlichen Faustkampfes erhob. Sie fragte sich nicht nach der Ursache desselben; sie wußte, daß Sanders noch oben sei. Mit einem kräftigen Tritte sprengte sie die Thür zur Kajüte auf und riß von den an der Wand hängenden Waffen so viele herunter, als sie brauchte, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Dann warf sie einen forschenden Blick durch die Steuerbordluke hinaus auf das Wasser. Drei Boote hingen an einem Tau, welches man unvorsichtigerweise bei Einbruch der Nacht nicht eingezogen hatte.
»Ueberfallen,« murmelte sie. »Von wem? Ha, das ist die Strafe! Der "l'Horrible" ist wieder verloren, und ich werde diesen Sanders selbst an das Messer liefern. Noch sind die Gefangenen nicht übergetreten! Ich werde sie befreien und dann fliehen. Wir befinden uns unter der Breite von Acapulco. Komme ich unbemerkt in ein Boot, so bin ich in zwei Tagen am Lande!«
In einer Ecke der Kajüte stand ein kleiner Handkoffer. Sie nahm einen Teller voll Biskuits und zwei Flaschen Limonade auf, die auf dem Tische standen; dann öffnete sie das geheime Fach und entnahm ihm seinen Schatz, den sie auch im Koffer verbarg. Nun schlich sie sich nach oben bis zur Luke, um zu rekognoszieren. Die Räuber waren überfallen und auf das Hinterdeck gedrängt; sie mußten unterliegen.
Rasch tauchte sie wieder unter das Deck, begab sich nach dem Kielraum und riß -den Riegel von der Luke, die ihn verschloß.
»Seid ihr wach?« fragte sie die gefangene vorige Bemannung des "l'Horrible".
»Ja, ja. Was ist oben los?«
»Die Piraten sind überfallen. Seid ihr gefesselt?«
»Nein.«
»So eilt nach oben, und thut eure Schuldigkeit! Doch, halt, wenn der schwarze Kapitän diesen Abend überlebt, so sagt ihm, die Miß Admiral läßt ihn grüßen!«
Sie sprang voraus, eilte in die Kajüte zurück, ergriff den Koffer und stieg an Deck, Sie erreichte unbemerkt den Regeling. Die eine Hand zwischen die Angriffe des Koffers steckend, wollte sie sich an dem Tau zu den Booten hinabturnen; da wurde sie gefaßt. Peter Polter hatte sie gesehen, sprang herbei und packte sie von hinten.
»Halt, Bursche!« rief er. »Wohin willst du mit diesem Koffer segeln? Bleib noch ein wenig da!«
Sie antwortete nicht, gab sich aber alle Mühe, sich ihm zu entreißen, vergeblich. Gegen seine Riesenkraft konnte sie nicht aufkommen. Er hielt sie so fest, daß sie sich nicht rühren konnte, und rief einige Kameraden herbei, von denen sie gebunden wurde. Freilich ahnten sie noch nicht, was für einen Fang sie da gemacht hatten.
Sanders war durch den Ueberfall in eine fürchterliche Ueberraschung versetzt worden, hatte sich jedoch rasch gesammelt.
»Herbei zu mir!« schrie er, zum Hauptmaste springend, um für sich und die Seinen eine feste Position zu gewinnen.
Die Untergebenen folgten seinem Rufe.
»Wer Waffen trägt, hält stand; die andern durch die Hinterluke nach den Enterbeilen!«
Es war der einzige Rettungsweg, den diese Worte vorschrieben. Während die wenigen, welche zufälligerweise mit Waffen versehen waren, sich dem andringenden Feinde entgegenwarfen, eilten die übrigen nach unten und kehrten im Handumdrehen zurück, mit Dolch und Enterbeil bewaffnet.
Obgleich der erste Angriff seine Opfer gefordert hatte, waren die Räuber der Besatzung der "Swallow" an Zahl noch weit überlegen, und es entspann sich ein Kampf, der um so fürchterlicher war, als seine Einzelheiten und das Terrain nicht zu überblicken waren.
»Fackeln herbei!« brüllte Sanders.
Auch dieser Befehl wurde ausgeführt. Kaum aber verbreitete sich der Schein des Lichtes über die blutige Scene, so fuhr der Kapitän zurück, als habe er ein Gespenst erblickt. War's möglich? Grad vor ihm, den Tomahawk in der Rechten, das Skalpmesser in der Linken, stand Winnetou, der Häuptling der Apatschen, und an seiner Seite wehte das weiße, mähnenartige Haar von Sam Fire-gun.
»Die weiße Schlange wird ihr Gift hergeben!« rief der erstere, warf die im Wege Stehenden auf die Seite und faßte Sanders an der Kehle. Dieser wollte den Feind abschütteln; es gelang ihm nicht; auch der Colonel hatte ihn ergriffen; er fühlte sich emporgehoben und zu Boden geschmettert, dann vergingen ihm die Sinne.
Die Ueberrumpelung war über die Räuber gekommen wie ein wirrer, angstvoller Traum; die Ueberraschung hielt ihre Kräfte gefangen, und der Fall ihres Anführers raubte ihnen sowohl den Zusammenhalt als auch den letzten Rest von Mut.
In diesem Augenblicke öffnete sich die Luke und spie die gefangene Mannschaft des "l'Horrible" aus. Der erste, den der vorderste von diesen Leuten erblickte, war Lieutenant Jenner.
»Hurra, Lieutenant Jenner, hurra, drauf auf die Halunken!« schrie er.
Ein jeder raffte von den umherliegenden Waffen auf, was ihm in die Hand kam; die Räuber gerieten zwischen zwei Treffen; sie waren verloren.
Zwei standen, Rücken an Rücken, mitten unter ihnen; wer ihnen zu nahe kam, büßte mit dem Tode. Es waren Hammerdull und Holbers. Da drehte der letztere den Kopf zur Seite, damit er von dem Gefährten verstanden werde.
»Dick, wenn du denkst, daß dort der Schuft, der Peter Wolf steht, so habe ich nichts dagegen.«
»Der Peter - verdammter Name, ich bringe ihn niemals fertig. Wo denn?«
»Dort an dem Hickorybaum, den diese wunderlichen Leute Mast nennen.«
»Ob Mast oder nicht, das bleibt sich gleich. Komm, altes Coon, wir fangen ihn lebendig!«
Noch ein andrer hatte Letrier bemerkt, nämlich Peter Polter, der Steuermann. Dieser hatte Messer, Revolver und Enterbeil zur Seite gethan und eine Handspeiche ergriffen, die ihm geläufiger war. Jeder Hieb mit derselben streckte einen Mann nieder. So hatte er sich eine Strecke in den dicht zusammengedrängten Haufen der Räuber hineingekämpft, als er Letrier erblickte. Im nächsten Augenblicke stand er vor ihm.
»Mille tonnerre, der Jean! Kennst du mich, Spitzbube?« fragte er.
Der Gefragte ließ den erhobenen Arm sinken und wurde leichenblaß, er hatte einen Gegner erkannt, dem er nicht zur Hälfte gewachsen war.
»Komm her, mein junge, ich will dir sagen, was die Glocke geschlagen hat!«
Er faßte ihn beim Schopf und bei den Hüften, riß ihn empor und schleuderte ihn mit solcher Macht an den Besan, um welchen das Handgemenge jetzt tobte, daß es laut krachte und er wie zerschmettert und zermalmt zur Erde stürzte. Die beiden Jäger kamen zu spät.
Nun endlich sahen die Piraten ein, daß nicht die leiseste Hoffnung mehr für sie vorhanden sei, und streckten die Waffen, obgleich sie auch dadurch ein Anrecht auf Gnade nicht erlangen konnten.
Ein vielstimmiges Hurra scholl über das Deck; die "Swallow" antwortete mit drei Kanonenschüssen; sie hatte ihren Ruf gerechtfertigt und ihren bisherigen Ehren eine neue, größere hinzugefügt. - - -
Und jetzt, Gentlemen, machen wir einen dritten Sprung; es ist der letzte, aber dafür auch der größeste, denn er führt uns aus dem Stillen Meere nach dem Atlantischen Ocean, nämlich nach Hoboken, der Schwesterstadt von New York. Dort giebt es, grad so wie hier, auch eine liebe, gute Mutter Thick, die von den bei ihr verkehrenden Seeleuten hoch verehrt wird und das Gesicht eines jeden kennt, der einmal bei ihr gewesen ist. Die Gleichheit der Namen ist nichts Auffälliges, denn der amerikanische Seemann pflegt jede wohlbeleibte Wirtin gern "Mutter Thick" zu nennen. Von dieser Hobokener Wirtin war der Steuermann Peter Polter stets ein besonderer Lieblingsgast gewesen.
An dem Tage, den ich meine, beschäftigte sich die allgemeine Unterhaltung in ihrem Lokale mit den politischen und kriegerischen Neuigkeiten des Tages. Der Aufstand der Südstaaten hatte von Tag zu Tag an Ausdehnung gewonnen, und das Glück war den Sklavenbaronen bis jetzt in auffälliger Weise treu und günstig gewesen. Nur sehr vereinzelte kleine Episoden von geringer Tragweite ließen ahnen, daß der Norden sich die Zuneigung der wetterwendischen Göttin wohl noch erobern werde, und je seltener diese Ereignisse waren, mit desto größerem Jubel wurde die Kunde von ihnen von denjenigen aufgenommen, deren Ansichten mit der ebenso humanen, wie thatkräftigen Politik des Präsidenten Abraham Lincoln übereinstimmten.
Da öffnete sich die Thür; einige Seeleute traten ein, welche sich ganz augenscheinlich in einer angenehmen Aufregung befanden.
»Holla, ihr Mannen, wollt ihr hören, was es für eine Neuigkeit giebt?« fragte einer von ihnen, indem er um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, mit der gewichtigen Faust auf den ihm am nächsten stehenden Tisch schlug, daß es krachte.
»Was ist's -? Was soll es sein -? Was giebt's -? Heraus damit; erzähle!« rief es von allen Seiten.
»Was es giebt, oder vielmehr, was es gegeben hat? Nun, was denn anders als ein Seegefecht, ein Treffen, welches seinesgleichen sucht.«
»Ein Seegefecht - ein Treffen -? Wo - wie - wann - zwischen wem?«
»Wo? - auf der Höhe von Charlestown. Wie? - verteufelt wacker. Wann?- den Tag weiß ich nicht, vor ganz kurzem jedenfalls. Und zwischen wem? -ratet einmal!«
»Zwischen uns und den Rebellen!« rief einer.
Alles lachte. Der Angekommene lachte mit und rief:
»Schau, was du für ein kluger und gescheiter Junge bist, so etwas Schwieriges sofort zu erraten! Daß es zwischen uns und dem Süden sein muß, das ist ja so flüssig wie Seewasser; aber wie die Schiffe heißen, he, das wird deine Weisheit wohl nicht so schnell finden!«
»Welche sind es? Wie heißen sie, und wer hat gesiegt?« klang rund umher die stürmische Aufforderung.
»Was das Widderschiff "Florida" ist ---«
»Die "Florida" ist's gewesen?« unterbrach ihn Mutter Thick, indem sie sich mit ihren dicken Armen durch die Gäste Bahn brach, um in die unmittelbare Nähe des Berichterstatters zu gelangen. »Die "Florida" ist das neueste, größte und stärkste Fahrzeug des Südens und soll mit seinem Teufelssporn vollständig unwiderstehlich sein. Es ist aus lauter Eisen gebaut. Wer hat es gewagt, diesen Leviathan anzugreifen?«
»Hm, wer? Ein kleiner Lieutenant mit einem ebenso kleinen Schiffe, der noch dazu nur ein Klipper ist und sich um Kap Horn herum müd gesegelt hat. Ich meine die "Swallow", Lieutenant Parker.«
»Die "Swallow" - Lieutenant Parker -? Unmöglich! Gegen die Florida können zehn Linienschiffe nichts ausrichten, wie soll es da einem Klipper in den Sinn kommen, ein solches Ungeheuer - -«
»Stopp!« fiel da Mutter Thick dem Sprecher in die Rede. »Sei still mit deinem Klipper, von dem du nichts verstehst. Ich kenne die "Swallow" und auch den Parker, der mehr wert ist als alle deine zehn Linienschiffe zusammengenommen. Ein guter Seemann weiß, daß die Größe allein keinen Ausschlag giebt; es kommen vielmehr eine Menge andrer Umstände in Betracht, die es dem kleinen David möglich machen, den großen Goliath zu Fall zu bringen, wie es ja auch sogar in der Bibel zu lesen ist. Aber die "Swallow" ist ja in den Gewässern von Kalifornien, he?«
»Gewesen - gewesen, hat aber Ordre erhalten, um das Kap nach New York zu gehen. Sie muß ein ganz vertracktes Fahrzeug sein; ihr habt ja doch alle die Geschichte von dem "l'Horrible" gehört, den der schwarze Kapitän von der Reede von San Francisco weggenommen hatte und den der Parker so prachtvoll wieder holte. Beide, die "Swallow" und der "l'Horrible", haben von da an zusammengehalten, sind vom Süden herauf, an Brasilien vorüber und bis auf die Höhe von Charlestown gesegelt und da auf die "Florida" gestoßen, die sofort die Jagd auf sie begonnen hat. Parker hat das Kommando der beiden Segler gehabt, den "l'Horrible" scheinbar zur Flucht auf die hohe See hinaus dirigiert und der "Swallow" die Stangen und Spieren nebst dem Segelwerke heruntergenommen, so daß es geschienen hat, als sei sie von Sturm und Wetter so fürchterlich mitgenommen, daß sie lahm gehe und der "Florida" in die Hände fallen müsse.«
»Ja, ein Teufelskerl dieser Parker!« meinte Mutter Thick. »Weiter, weiter!«
»Das Widderschiff hat sich wirklich täuschen lassen und ist der "Swallow" bis in die Untiefen von Blackfoll gefolgt, wo es sich festgeritten hat. Nun erst hebt Parker die Stangen und Spieren, zieht die Leinwand auf, ruft den "l'Horrible" herbei und beginnt ein Bombardement auf den hilflosen Koloß, welches ihm den Rest gegeben hat. Einer der ersten Schüsse hat ihm das Steuer fortgenommen; es ist sogar zum Entern gekommen und dabei teufelsmäßig blutig hergegangen; aber die "Florida" liegt auf dem Grund, und die beiden andern sind bereits unterwegs und können jeden Augenblick hier Anker werfen.«
»Beinahe unglaublich! Wo hast du es her?«
»Hab's auf der Admiralität gehört, wo man es sicher schon seit längerer Zeit wüßte, wenn die Telegraphen nicht von den Rebellen zerstört worden wären.«
»Auf der Admiralität? Dann ist's auch wahr, und ich will es dem armen Jenner vom "l'Horrible" gönnen, daß es ihm auf diese Weise gelungen ist, die Scharte wegen des schwarzen Kapitäns so leidlich auszuwetzen.«
»Ja, das ist nun endlich einmal eine Kunde, die das Herz erfreut und die Seele erhebt,« meinte die Wirtin. »Hört, Jungens, ich werde euch ein Gratisfäßchen anstecken lassen; trinkt, so lange es euch schmeckt, auf das Wohl der Vereinigten Staaten, des Präsidenten, der "Swallow" und - und -und - -«
»Und auf das Wohl von Mutter Thick!« rief einer, das Glas erhebend.
»Hoch, vivat Mutter Thick!« antwortete es von allen Ecken und Enden.
»Hoch, Mutter Thick, vivat, alte Schaluppe!« rief auch eine dröhnende Baßstimme unter der geöffneten Thür.
Alle wandten sich nach dem Manne um, welcher eine so außerordentlich kräftige Kehle besaß. Kaum aber hatte die Wirtin ihn erblickt, so eilte sie mit einem Ausrufe der freudigsten Ueberraschung auf ihn zu.
»Peter, Peter Polter, tausendmal willkommen in Hoboken! Wo kommst du denn her, alter junge? Aus dem Westen?«
»Ja, tausendmal willkommen in Hoboken,« antwortete er. »Komm, ich muß dich wieder einmal in meine Arme quetschen; gieb mir einen Kuß! Halte-là, heigh day, - heda, ihr Leute, laßt mich doch einmal hindurch. Komm her an meine Weste, mein Bijou!«
Er warf die im Wege Stehenden wie Spreu auseinander, faßte die Wirtin bei der umfangreichen Taille, hob sie trotz ihrer Schwere zu sich empor und drückte ihr einen schallenden Schmatz auf die Lippen.
Sie litt diese Liebkosung trotz der vielen Zeugen so ruhig, als sei dieselbe etwas ganz Alltägliches und Selbstverständliches, dann wiederholte sie die schon einmal ausgesprochene Frage nach dem Woher.
»Woher? Na, woher denn anders als auf der "Swallow" um Kap Horn herum!«
»Auf der "Swallow"?« rief es aus aller Lippen.
»Ja, wenn es euch recht ist, ihr Leute.«
»So wart Ihr auch mit gegen die "Florida"?«
»Versteht sich! Oder meint ihr etwa, daß der Peter Polter aus Langendorf sich vor der "Florida" fürchtet?«
»Erzählt, Master, erzählt! Was seid Ihr auf dem Schiffe? Ist es schon hier oder - -«
»Stopp! Euch fahren ja die Fragen aus dem Munde, wie die Jodler dem Schiffsjungen, wenn er Prügel bekommt. Ich werde euch meine Leine ganz nach der richtigen Ordnung abwickeln. Ich bin der Peter Polter aus Langendorf, Hochbootsmannsmaat auf ihrer englischen Majestät Kriegsschiff "Nelson", dann Steuermann auf dem Vereinigten-Staaten-Klipper "Swallow", dann deutscher Polizeilieutenant in der Prairie, nachher wieder Steuermann und zwar par honneur auf der "Swallow", und bin nun jetzt ---«
»Gut, gut, Peter,« fuhr ihm Mutter Thick dazwischen, »das hat nachher auch noch Zeit; vor allen Dingen aber komme ich mit meinen Fragen; die sind notwendiger als alles andre. Du hast mir von Valparaiso aus einen Brief geschrieben, in dem so viele Namen und Geschichten und Schreibfehler vorkamen, daß ich es mir anfänglich gar nicht zurechtlegen konnte. Wie steht es mit all den Leuten, die bei dir waren? Wo sind sie jetzt? Wie war es mit dem Wallerstein, dem Heinrich Sanders und Peter Wolf? Was ist's mit dem "l'Horrible" und dem schwarzen Kapitän? Ich denke, ihr suchtet ihn im Westen, und doch hörte ich, daß ihn die "Swallow" zur See gefangen hat! Habt ihr den Sam Fire-gun, oder wie er hieß, getroffen und war es auch der richtige Onkel? Wie steht es mit dem deutschen Polizisten? Und in welcher Gegend habt ihr denn eigentlich ---«
»Bist du bald fertig, Alte,« rief lachend der Steuermann, »oder hast du noch genug Atem, um in dieser Weise noch einige Stunden fort zu schwadronieren? Heilige Flattuse, hat dieses Frauenzimmer ein Schnatter-und Plapperwerk! Gieb einen vollen Krug her; eher bekommst du keine Antwort! Vorher aber will ich diesen Gentlemen die Geschichte mit der "Florida" erzählen. Das andre ist nicht für jedermann; das sollst du drin in der andern Stube hören.«
»Nicht einen Tropfen bekommst du, bis ich wenigstens nur ein klein wenig weiß, woran ich bin!«
»Neugierde, die du bist! So frage noch einmal, aber einzeln und kurz!«
»Der Wallerstein? wo ist er?«
»Auf der "Swallow".«
»Der Polizist?«
»Auf der "Swallow".«
»Der schwarze Kapitän?«
»Auf der "Swallow" gefangen.«
»Der böse Jean?«
»Auch.«
»Der Onkel Sam Fire-gun?«
»Ist auch da.«
»Lieutenant Parker?«
»Natürlich auch, aber verwundet.«
»Verwundet? Mein Gott, ich hoffe doch nicht, daß -«
»Papperlapapp! Ein paar Schrammen, weiter nichts; er wird für einige Zeit Urlaub nehmen müssen. Es ging ein wenig heiß her auf der "Florida", aber wir haben da drinnen in der verdammten Prairie noch ganz andre Dinge durchmachen müssen. Zum Beispiel mein Pferd, der Racker, war ein wahrer Dämon von einem satanischen Drachen und ich kann heut noch nicht sagen, ob ich mir nicht einige Schock Knochen aus dem Leibe herausgeritten habe. Doch, du wolltest ja f tagen!«
»Wo ist die "Swallow"?«
»Sie kreuzt bei widrigem Winde draußen vor dem Lande; der Forster steht am Steuer. Unterdessen ging der Kapt'n auf einem Dampfboote mit mir herein, um seine Meldung zu machen, während ich hier auf ihn warte.«
»Du wartest auf ihn? Hier bei mir? So wird er hier vorsprechen?«
»Versteht sich! Ein braver Seegaste kehrt zu allererst bei Mutter Thick ein, wenn er in New York vor Anker geht. Und in einer Stunde ist die "Swallow" im Hafen, da kommen noch andre auch herbei, der Pitt Holbers-«
»Pitt Holb - -«
»Der Dick Hammerdull -«
»Dick Hammerd - -«
»Der Colonel Fire-gun -«
»Colonel Fire-gun -«
»Der Wallerstein, Treskow, der kleine Bill Potter, Winnetou, der Häuptling der Apatschen und -«
»Winnetou, der Häupt - - «
Die Namen blieben der guten Mutter Thick im Munde stecken, so überrascht war sie, eine so interessante Gesellschaft von Männern bei sich zu sehen. Plötzlich aber besann sie sich glücklicherweise auf ihre Pflicht als Wirtin.
»- ling der Apatschen,« fuhr sie daher in ihrem Ausrufe fort. »Aber, da stehe ich und faulenze, und in einer Stunde habe ich die Sirs zu bedienen! Ich eile, ich fliege, ich gehe, Peter, um mich auf sie vorzubereiten. Erzähle einstweilen diesen Leuten hier die Geschichte von der "Florida", die ihr auf den Grund gebohrt habt!«
»Ja, das werde ich, aber sorge dafür, daß ich immer etwas im Kruge habe, denn ein Seegefecht muß auch in der Erzählung feucht gehalten werden!«
»Keine Angst, Steuermann,« wurde er von den andern getröstet; »wir werden Euch schon mit begießen helfen!«
»Schön, gut! Also hört, ihr Mannen, wie es mit der "Florida" zuging: Wir hatten den Aequator und nachher die Antillen längst hinter uns, doublierten den Finger vor Florida und näherten uns dann Charlestown. Natürlich hielten wir uns so weit wie möglich in die See hinaus, denn Charlestown gehört den Südstaaten, die ihre Kaper und Kreuzer weit hinausschicken, um jeden ehrlichen Nordländer wegzufangen.«
»War der "l'Horrible, mit?«
»Versteht sich. Er war von Anfang an uns stets in unserm Kielwasser gefolgt, weshalb wir immer nur halbe Segel nehmen durften, da wir besser fuhren. So kamen wir glücklich und ungesehen vorwärts und hatten endlich auch Charlestown hinter uns, weshalb wir wieder mehr auf das Land zuhielten.«
»Da traft ihr nun auf die "Florida"?«
»Wart's ab, Grünschnabel! Da stehe ich eines Morgens am Steuer - ihr müßt nämlich wissen, daß ich vom Kapt'n die Stelle eines Steuermanns par honneur bekam, wie ich euch schon vorhin sagte - und denke eben an Mutter Thick und was für Freude sie haben werde, wenn ich wieder einmal bei ihr sein darf; wir segeln ein weniges voraus, während der "l'Horrible" uns mit voller Leinwand folgt, da ruft der Mann vom Ausguck:
»Rauch Nordost bei Ost!«
Ihr könnt euch denken, daß wir sofort alle Mann auf Deck waren, denn mit einem Dampfer, wenn er die feindliche Flagge trägt, ist nicht gut spaßen. Der Kapt'n ist auch sofort oben am Masthead und zieht das Rohr; dann schüttelt er den Kopf, steigt wieder herab und läßt ein Reff legen, damit der "l'Horrible" in Sprachweite an uns komme. Als dies geschehen ist, ruft er hinüber:
»Dampfer gesehen, Lieutenant?«
»Ay, Sir!«
»Was wird's für einer sein?«
»Weiß nicht,« antwortete Lieutenant Jenner; »das Fahrzeug hat weder Mast noch Rumpf; es geht tief, sehr tief, Sir.«
»Wird eins von den südstaatlichen Widderschiffen sein. Wollt Ihr ihm aus dem Wege gehen?«
»Ich thue, was ihr thut.«
»Gut; sehen wir uns den Mann ein wenig an!«
»Well, Sir; aber wir sind um das Zehnfache zu schwach.«
»Schwächer, aber schneller. Wer kommandiert?«
»Ihr.«
»Danke! Wir lassen ihn heran; zieht er die feindliche Flagge, so flieht Ihr langsam vor ihm in die Lee; ich sorge dafür, daß er sich an mich hält und führe ihn auf den Sand. Dann kommt Ihr und laßt ihn Eure Kugeln schmecken!«
»Well, Well! Noch etwas?«
»Nein!«
Darauf ziehen wir die großen Segel auf, nehmen das kleine Werk samt Stangen und Spieren herab, so daß es aussieht, als hätten wir im Sturm Havarie erlitten und könnten nicht von der Stelle, und lassen den Mann auf Schußweite an uns herankommen. Er giebt das Signal zum Hissen der Flagge; wir ziehen die Sterne und Streifen, er aber läßt die südstaatlichen Fetzen sehen. Es war das neue Widderschiff "Florida", mit Doppelpanzer und einem Spießhorne, mit welchem es die beste Fregatte in Grund und Boden rennen kann.«
»Und an den habt Ihr Euch gewagt?«
»Pah, ich bin der Peter Polter aus Langendorf und habe mich mit den schuftigen Ogellallahs herumgehauen. Weshalb sollte ich mich da vor so einer Blechkanne fürchten? Ein gutes Holzschiff ist besser als so ein Eisenkasten, von dem man sich nicht einmal einen elenden Zahnstocher herunterschlitzen kann. Unser Admiral Farragut sagt auch so.
Also er fordert uns auf, uns zu ergeben, wir aber lachen und schießen unter seinen Kugeln vorüber. Er wendet, um uns nachzukommen und uns den Sporen in das Holz zu rennen; ich werfe das Steuer herum und weiche ihm aus; er wendet abermals; ich halte von ihm ab; so geht es unter Wenden und Ausweichen fort, bis er in die Hitze kommt und die Klugheit vergißt. Seine Kugeln haben uns nichts gethan; sie gehen über uns hinweg; er aber ist uns unbesonnen bis in die Nähe der Küste gefolgt und läuft dort auf eine Sandbank, an der wir vorüberschlüpfen, weil wir nicht so tief in Wasser gehen.«
»Bravo, hallo; die "Swallow" soll leben!«
»Ja, sie soll leben, Jungens, trinkt!«
Nachdem er selbst einen unvergleichlichen Zug gethan hatte, der den Boden des Kruges zum Vorschein brachte, fuhr er fort:
»Jetzt gehen wir an seinen Stern, und während seine Mannen sich alle im Raume unter dem Wasserspiegel befinden, schießen wir ihm das Steuer weg, so daß er vollständig verloren ist. Der "l'Horrible" kommt auch herbei; die "Florida" kann sich nicht verteidigen; sie scheuert sich im Sande wund; das Wasser dringt ein; wir helfen nach - dann streicht sie die Flagge. Sie muß sich ergeben; wir nehmen ihre Leute an Bord, und kaum ist dies geschehen, so legt sie sich auf die Seite: die Wogen haben sie gefressen.«
»Holla, so ist's recht. Dreimal hoch die "Swallow"«
»Danke euch, Jungens, aber vergeßt auch den "l''Horrible" nicht; er hat das Seinige auch gethan.«
»Schön. Ein Hoch dem "l'Horrible". Stoßt an!«
Die Krüge klirrten zusammen. Da ertönten draußen einige Salutschüsse, ein Zeichen, daß ein Schiff in den Hafen laufe, und gleich darauf vernahm man ein vieltöniges Stimmengewirr und ein Rennen durch die Straße, als ob ein außerordentliches Ereignis bevorstehe. Peter Polter erhob sich, trat an das Fenster und öffnete dasselbe.
»Holla, Mann, was giebt's hier zu laufen?« fragte er, indem er einen Vorübereilenden beim Arme erfaßte.
»Eine frohe Botschaft, Master: Die "Swallow" läuft soeben in den Hafen, welche das famose Rencontre mit der "Florida" gehabt hat. Alle Schiffe haben augenblicklich gewimpelt und geflaggt, um den tapfern Kapitän zu ehren, und jedermann eilt, die Landung zu betrachten.«
»Danke, Master!«
Er schlug das Fenster zu und bemerkte im Umdrehen, daß sämtliche Gäste auf die erhaltene Auskunft hin sofort ihre Plätze verlassen hatten und sogar das Freibier vergaßen, um der Landung des berühmten Schuners beizuwohnen.
»Immer lauft,« lachte er; »werdet nicht gar viel zu sehen bekommen. Der Kapt'n ist schon am Lande, und die vom Bord gehen, das sind keine echten Seegasten, obgleich sie mitgemacht haben, daß es gewettert hat. Ich bleib bei meiner Mutter Thick, wo ich den Mr. Parker erwarten muß.«
Es verging doch eine geraume Zeit, ehe der Genannte kam, und noch hatte er die Thür nicht verschlossen, so nahte sich ein lärmendes Rufen und jauchzen dem Hause. Eine Menge Volkes kam vom Hafen her, voran diejenigen Männer, welche von der "Swallow" an das Land gegangen waren. Sie traten gleich hinter Parker in die Stube, und das Volk drängte hinter den Helden des verwegenen Seegefechtes her, daß der Raum die Gäste gar nicht zu fassen vermochte. Die resolute Wirtin, welche unterdessen mit ihren Vorbereitungen zu Ende gekommen war, wußte sich schnell zu helfen. Sie öffnete das Ehrenzimmer, schob sich mit den Erwarteten hinein und verschloß dann die Thür, die Bedienung der andern ihrem Personale überlassend.
»Welcome, Sir!« lautete ihre freudige Anrede zu Parker, der ihr als alter Bekannter freundlich die Hand reichte.
Auch die andern wurden mit einem herzlichen Handschlag begrüßt. Sie mußten Platz nehmen und brauchten bloß zuzugreifen, so umsichtig war in der kurzen Zeit für alles Wünschenswerte gesorgt worden.
»Mutter Thick, du bist doch die trefflichste Brigantine, der ich jemals in die Arme gesegelt bin!« rief der Steuermann. »In dieser armseligen Prairie gab's nichts als Fleisch, Pulver und Rothäute; auf der See ging es auch knapp her, da wir zu viel hungrige Magen geladen hatten, bei dir aber ißt und trinkt sich's wie beim großen Mogul oder wie der Kerl heißen mag, und wenn ich nur eine Woche hier vor Anker liege, so lasse ich mich hängen, wenn ich nicht einen Schmeerbauch habe, wie da dieser fette Master Hammerdull.«
»Ob fett oder nicht, das bleibt sich gleich,« meinte dieser, wacker zulangend, »wenn man nur einen guten Bissen zwischen die Zähne bekommt. Ich hab's nötiger wie ihr andern alle, denn seit ich meine alte, gute Stute in Francisco lassen mußte, bin ich vor Sehnsucht nach dem lieben Viehzeug ganz vom Fleisch gefallen. Ist's nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?«
»Wenn du denkst, Dick, daß dich die Stute dauert, so habe ich nichts dagegen. Es geht mir ja mit meinem Tier ganz ebenso. Wie ist's bei dir, Bill Potter?«
»Bei mir? Wo mein Pferd steckt, ist mir sehr gleichgültig, hihihihi; die Hauptsache ist, daß mir's bei Mutter Thick gefällt.«
»So ist's recht,« stimmte die Wirtin bei; »greift zu, so viel und lang es euch beliebt. Aber vergiß dabei auch dein Versprechen nicht, Peter!«
»Welches?«
»Daß du erzählen wolltest.«
»Ach so! Na, wenn du tüchtig einschenkst, so soll es mir auf einige Worte mehr nicht ankommen, die ich zu reden habe.«
Während er kauend von den erlebten Abenteuern berichtete, saß Winnetou an seinem Platze und sprach den ihm ungewohnten Speisen der Bleichgesichter mit höchster Mäßigkeit zu. Den Wein rührte er gar nicht an. Er wußte, daß das "Feuerwasser" der schlimmste Feind seines Volkes gewesen war; darum haßte und verschmähte er es. Seine Aufmerksamkeit war auf die lebhafte Unterhaltung gerichtet, welche die andern in jenem halblauten Tone führten, der stets ein Zeichen von der Wichtigkeit des Gegenstandes ist.
»Wie war es auf der Admiralität?« fragte Sam Fire-gun den Lieutenant.
»Ganz nach Erwartung,« antwortete dieser, der den einen Arm in der Binde trug, wie auch die andern verschiedene Zeichen der Verwundung aufzuweisen hatten. »Ernennung zum Kapitän und Beurlaubung bis nach vollendeter Genesung.«
»Was wird mit der "Swallow"?«
»Sie hat gelitten und geht zur Reparatur in die Trockendocks.«
»Und unsre Gefangenen?«
»Auch wie ich dachte.«
»Das heißt?«
»Sie werden gehängt, wie es Korsaren nicht anders zu erwarten haben.«
»Korsaren? Sanders behauptet doch, den "l'Horrible" nur deshalb genommen zu haben, um für die Südstaaten Kaperei zu treiben. Kommt er damit nicht durch?«
»Nein, denn er hat keinen Kaperbrief. Und wenn er einen hätte, so ist er eben der schwarze Kapitän, welcher wegen seines früheren Sklavenhandels und der dabei betriebenen Piraterie aufgehangen wird.«
»Und die "Miß Admiral"?«
»Wird auch gehängt. Auch alle Gefangenen, welche Sanders behilflich waren, den "l'Horrible" zu nehmen, und dann, als wir ihn enterten, nicht getötet wurden, sondern mit dem Leben davon kamen, werden höchst wahrscheinlich denselben Tod erleiden, denn sie sind als Seeräuber zu betrachten. Sie werden mit ihrem Schicksale wohl nicht so zufrieden sein wie ihr mit der Nachricht, welche ich euch von der Admiralität bringe.«
»Also eine gute?«
»Eine sehr gute. Erstens wird die große Summe, die wir bei der "Miß Admiral" fanden und mit der sie fliehen wollte, als unsre Prise betrachtet, die uns gehört. Zweitens soll eine sehr hohe Belohnung dafür ausgesetzt werden, daß wir den "l'Horrible" dem schwarzen Kapitän wieder abgenommen haben. Und drittens haben wir ganz bedeutende Prisengelder für unsern Sieg über die "Florida". Sie liegt zwar jetzt auf dem Grunde, wird aber später gehoben werden. Dieses Geld teilen wir unter uns, und es wird dabei auf jede Person so viel kommen, daß -«
»Auf mich nicht,« unterbrach ihn Sam Fire-gun.
»Warum nicht?«
»Weil ich natürlich kein Geld nehme, was mir nicht gehört.«
»Ihr habt es aber verdient!«
»Nein. Ich bin nur Gast auf Euerm Schiffe gewesen; die Prisengelder gehören der Bemannung.«
»Ihr waret nicht Gast, sondern Kombattant, und habt also Teil daran.«
»Mag sein; aber ich nehme nichts. Ich habe Sanders die Anweisungen wieder abgenommen, die er mir im Hide-spot stahl. Die eine hatte er zwar schon verkauft, aber nur wenig davon ausgegeben; ich bin also vollständig zufriedengestellt. Winnetou nimmt erst recht nichts, und was meine braven Trapper betrifft, so wird es ihnen auch nicht einfallen, Eure Seegasten um ihre Prisengelder zu bringen. Wir haben es im Gegenteile nur Euch und ihnen zu verdanken, daß wir wieder zu unserm Gelde gekommen sind. Sag einmal, Dick Hammerdull, willst du das Geld haben?«
»Ob ich es haben will oder nicht, das bleibt sich gleich, das ist sogar ganz egal; aber ich nehme es nicht,« antwortete der Dicke. »Was sagst denn du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?«
Der Lange erwiderte gleichmütig:
»Wenn du denkst, daß ich es nicht nehme, Dick, so habe ich nichts dagegen. Es wird's überhaupt keiner von uns nehmen. Und wenn man es uns etwa mit Gewalt aufnötigen will, so bekommt Peter Polter meinen Anteil, und wenn es auch nur wäre, um ihm Lust zu machen, wieder einmal zu uns nach dem Westen zu kommen. Ich sehe ihn gar zu gern zu Pferde sitzen.«
»Laßt mich in Ruhe mit euern Pferden!« rief da der Steuermann. »Lieber laß ich mich zerstampfen und Schiffszwieback aus mir machen, als daß ich mich noch einmal auf so eine Bestie setze, wie der Traber war, auf welchem ich dieses letzte Mal zu euch gesäuselt kam. Weiter will ich euch nichts sagen, denn was ich noch sagen könnte, mag lieber unausgesprochen bleiben, so übel ist mir dabei zu Mute gewesen!«
»Hast's auch nicht nötig, wieder den Westmann zu imitieren,« sagte Parker. »Ich habe auf der Admiralität erwähnt, was wir dir verdanken und wie brav du dich gehalten hast. Man wird bei der nächsten Vakanz an dich denken und dir einen Posten anvertrauen, auf den du stolz sein kannst.«
»Ist's wahr? Wirklich? Ihr habt bei den hohen Gentlemen an mich gedacht?«
»Ja.«
»Und man will mir einen solchen Posten geben?«
»Es wurde mir ganz bestimmt versprochen.«
»Ich danke, Sir, ich danke Euch! Ich werde also Karriere machen! Heisa hurra, hurra! Der Peter Polter ---«
»Was hast du denn so gewaltig zu schreien, alter Seelöwe?« unterbrach ihn die Wirtin, welche soeben zur Thür hereintrat.
»Das fragst du noch?« antwortete er. »Wenn ich ein Seelöwe bin, muß ich doch brüllen! Und ich habe auch allen Grund dazu. Weißt du, alte Mutter Thick, ich soll nämlich für meine großen Verdienste Admiral werden!«
»Admiral?« lachte sie, »das glaube ich wohl, denn du hast das Zeug dazu, und ich gönne es dir. Wie steht es denn aber mit deinem neuen Berufe, auf den du so stolz bist und an dem du von ganzer Seele hängst?«
»Neuer Beruf? Welcher denn?«
»Westmann, Waldläufer, Biberjäger ---«
»Schweig! Kein Wort weiter, wenn du es nicht ganz und gar mit mir verderben willst! Wenn ich mich auf ein Pferd setze, weiß ich nie, wohin es laufen wird. Stehe ich aber auf den Planken eines guten Schiffes, so kenne ich den Kurs genau und kann nicht aus dem Sattel fallen. Also Westmann hin, Westmann her; ich habe ein Haar drin gefunden und bleibe der alte Seebär, der ich stets gewesen bin!«
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