Pfarre und Schule: Zweiter Band
Achtes Kapitel. Das Geständniß.
Achtes Kapitel.
Das Geständniß.
Nöthig möchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glücklichen Flucht aus den Händen des Gerichts gesehen, zu werfen.
Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der Befreiung zugerufen, »nur an einem Kopf zu klugen Rathschlägen, fehle es in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen« – seiner Ankunft, seines donnernden Wortes hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von außen angeregt, und in Gährung gehalten war, brach aus in e i n e m gewaltigen und deshalb fürchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und Männer des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten Ehrenposten getragen.
Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines Ministerpräsidenten auszufüllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und seine ganze Thätigkeit auf dieß eine kleine Land concentriren würde, anzunehmen. Wohl war er von schönster Hoffnung für ein einiges freies Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute für eben so reif und tüchtig wie Frankreichs heißblütigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen deutschen Parlament die Souverainetät derer zu erklären, die man bis dahin gewagt hatte, U n t e r t h a n e n zu nennen, und die – das viel schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht verhehlen, daß der bei weitem größte Theil der Anregung noch zu sehr und unausgesetzt bedürfe, während wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl niederwarfen, und an Mähne und Nüstern zurückgehalten werden wollten, um nur nicht in ihrem blinden unverständigen Eifer da zu verderben, wo sie zu nützen, da einzustürzen, wo sie zu bauen suchten.
Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wieder einen geordneten ruhigen Gang gehn – denn Frieden mußte im Reiche herrschen, bis die Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne stürzen und die acht und dreißig Scepter mit einem Schlage zerbrechen sollte – so zog er auf seinen fröhlichen Pilgerflug durch das Land aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befördern, denn dessen bedurfte es nicht mehr – es fühlten Alle, daß nur in Einigkeit ihre Kraft lag, – sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen Liebe für das Vaterland zu beseligen, die sie freudig für dieses selbst das eigene Leben opfern ließe.
Eine Zeitlang hörte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hieß es nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der äußeren Vorstädte gegen die schwärmenden Kroatenhaufen gekämpft und wäre dann, als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber doch glücklich nach Berlin entkommen – das Gerücht hatte wenigstens in der Pfarre – vielleicht nach einem Brief aus der Residenz – seinen Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum ersten Mal ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerüttelt hatte, schien vergessen.
Vergessen? – ja, von der großen Menge vielleicht, vor deren Augen Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorüber gezuckt und dann verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, für die keine Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten hätten, daß Gott sein theures liebes Haupt beschützen möge.
So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefühl, dieser heimlichen, heiligen Liebe für den Fernen sein mochten, so verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und Sophie, des Pfarrers Töchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwähnt, was sie doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschüttet hätte. Und dennoch war Marie fast täglich in ihres Vaters Hause, wo besonders in letzter Zeit viel für die Kinder zu nähen und arbeiten gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles Vertrauen zu dem armen leidenden Mädchen gefaßt zu haben, und behandelte sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeit bei ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das ernste, so wehmüthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewußte Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.
Marie, die sich, ihrem äußeren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden schien als früher, und auch durch Sophiens Hülfe anständiger gekleidet ging, brach das Schweigen über den Abwesenden eben so wenig; kein Wort kam, selbst jenen Abend betreffend, über ihre Lippen und was die Herzen in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefühle keine Worte.
In den letzten Tagen des November 1848 war es, daß die beiden Mädchen auch einmal wieder zusammensaßen und an einem warmen Rock für Sophiens Mutter nähten, denn das Haidekraut blühte gar so schön und roth draußen, und das kündete strenge Kälte, der man doch wenigstens begegnen mußte; als der Pastor plötzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat, und der Tochter ankündigte, daß er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem Sohn des Herrn Generalsuperintendenten erhalten habe – es gehe ihm gut, und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn – er bemerkte gleich darauf die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster und verließ mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien zuzuwenden, das Zimmer.
Marie ließ die Hände in den Schooß sinken, saß mehrere Minuten mit todtenbleichen erregten Zügen da, und starrte still und schweigend vor sich nieder.
»Er kehrt nach H o r n e c k zurück!« flüsterte sie endlich leise mit kaum sich bewegenden Lippen – »nach Horneck wo« – sie brach plötzlich ab, barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Händen und gab sich mit so peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, daß man, wie ihr das Herz auch laut und stürmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, hätte nicht das Zittern ihres ganzen Körpers ihr Leben verrathen, die Gestalt selbst mußte einer todten regungslosen Statue gleichen.
Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche – sie stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.
»Weshalb quäle ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit meiner eigenen unbegründeten Furcht,« flüsterte sie endlich und strich sich die Hand fest und schnell über die bleiche, marmorkalte Stirn – »Furcht! – und darf ich da auch noch f ü r c h t e n ? ist mir denn überhaupt auch nur eine H o f f n u n g geblieben? – Er erschrak, als er damals meine Stimme hörte – er verachtet die – Dirne.« – Sie schauderte zusammen, und dicht an die Scheibe gepreßt, daß ihr Hauch das Glas deckte, fuhr sie nach kurzer Pause fort – »Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten? – Darf er mich – darf er mich gerade in diesem Hause? – und warum nicht?« sagte sie plötzlich laut, und richtete sich schnell und fast stolz empor – »klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich mit dem alten traulichen D u anredete, und mich s e i n e arme Marie nannte? – o heiliger Gott, wie gern wäre ich ihm damals an's Herz gesunken und hätte gerufen Franz, Franz, Du hast mir böses schmerzliches Unrecht gethan – unglücklich ist Deine Marie, aber schuldig nie – nie – die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefühl für mich selbst – ich weiß nicht einmal mehr, was ich sprach – Sophiens Name –«.
Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher Husten zwang sie, sich niederzusetzen.
Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte, als er den Husten hörte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam näher, ließ sich, ohne das Mädchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem Sopha nieder und las die Zeitung.
Von diesem Tage an fühlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als sie Abends ihre ärmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten Fieberanfall und mußte am nächsten Tage das Bett hüten; der Vater, der in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen, deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache Kartoffelsuppe, und ließ sie dann mit sich und ihren Gedanken allein, bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem Glase einfachen Bieres gesessen, zurückkehrte.
Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, daß der Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne. Marie war schon um vieles wohler, ging aber doch noch nicht zu ihrer Arbeit hinauf – der Vater stellte sie mehrmals deshalb zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schützte noch peinlichen Kopfschmerz vor und blieb.
So brach der vierte Morgen an – es war der letzte Tag im November und ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in das ärmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf dem einzigen hölzernen Stuhle, der in der Stube stand, saß Marie, und schaute träumend nach den gegenüberliegenden grauen Strohdächern einer langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinüber, als es plötzlich rasch und lebhaft an die Thüre pochte, und sich diese, selbst vor dem einladenden »Herein«, schnell öffnete.
»Fräulein Scheidler!« rief das Mädchen, überrascht von ihrem Stuhle aufstehend.
»Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie!« sagte Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, »Wie geht es Ihnen? – Sie sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus – warum haben Sie sich so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich krank? – Ach, ich wäre so gern schon früher einmal herüber gekommen, aber – aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun, so viel zu besorgen, daß man wirklich manchmal gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht.«
»Ich hörte eben, daß sie Besuch hätten,« sagte Marie leise, »und fürchtete eben zu stören, auch –«
»O nicht im Mindesten, gutes Kind,« unterbrach sie rasch und erröthend das liebe Mädchen, »wir – wir werden Ihre Hülfe überdies vielleicht recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen – ich habe einige recht nothwendige Arbeiten vor.«
»Ich bin wirklich unwohl gewesen,« fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden suchend, fort – »so unwohl, daß ich fürchte, kurze Zeit wohl noch der Ruhe pflegen zu müssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere Arbeit zu unternehmen.«
»O Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen,« bat Sophie – »ja nicht, liebe gute Marie, ich habe ganz fest auf Sie gerechnet – nicht wahr, Sie machen es möglich? –«
»Könnte ich da nicht vielleicht« – sagte Marie zögernd – »die Arbeit zu mir in's Haus bekommen? – Vielleicht ging es hier.«
»Aber Sie haben da – Sie haben da gar keine Bequemlichkeit«, erwiederte Sophie, und warf einen halb scheuen, halb mitleidigen Blick in dem kleinen, leeren, unbehaglichen Gemach umher. –
»Ich kann mich hier niederlegen, wenn mich das Sitzen angreift,« entgegnete das Mädchen – »ich bin ungestörter – und werde schneller arbeiten.«
»Nun gut, wir wollen uns darüber nicht streiten,« beruhigte sie Sophie – »machen Sie das, wie Sie wollen, liebes Kind – aber – kann ich Ihnen nicht vielleicht mit irgend etwas –«
»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach sie, ihre freundliche Meinung verstehend, Marie, »ich habe, durch Ihre Güte, für jetzt Alles, was wir brauchen – und das ist genug – Ihnen geht es gut jetzt – Sie sehen recht wohl und fröhlich aus.«
»Mir geht es r e c h t gut, liebe Marie, ich danke Ihnen,« sagte Sophie freudig – »mein Leben scheint sich auch ganz gut und glücklich zu gestalten – das wenigstens, was meinen Himmel bis jetzt getrübt, ist verschwunden.«
»So?« frug mißtrauisch und schnell des Musikanten Tochter – »plötzlich verschwunden? –«
»Seit gestern,« erwiederte fröhlich lächelnd Sophie auf die Frage – »rathen Sie einmal, Marie, was ich jetzt bin?«
»Was Sie jetzt sind?« wiederholte erstaunt und mit stockenden Herzschlägen Marie – »was Sie jetzt sind? ich begreife die Frage nicht?«
»Nun, die ist doch einfach genug,« lachte Sophie – »blos was ich bin, sollen Sie rathen, und rathen deshalb, weil Sie's eben noch nicht wissen.«
»Nun denn, des Herrn Pastor –«
»Ach lari fari,« unterbrach sie scherzend die Jungfrau – »das will ich nicht wissen, mehr – höher hinauf.«
»Höher hinauf – die Wohlthäterin des halben Dorfes.«
Sophiens Hand lag im Nu auf des Mädchens Lippen.
»Das ist gegen die Abrede,« rief sie rasch, »ordentlich gerathen, aber höher hinauf.«
»Ich bin es nicht im Stande,« sagte Marie mit leiser, eintöniger Stimme.
»Glaub' es,« tönte die fröhliche Antwort, »denn es kommt mir selbst überraschend genug, und so will ich es Ihnen denn rund heraus und einfach sagen, aber – vorher die Hand darauf, Sie sprechen zu keinem Menschen mit einer Sterbenssylbe davon?«
Marie reichte ihr schweigend die Hand.
»Nun denn, wissen Sie, was ich bin? – Ich bin Braut – nun Herr Gott, was erschrecken Sie denn so, das ist doch Nichts so Erschreckliches?«
»Nein – in der That nicht,« erwiederte Marie mit erzwungenem Lächeln – »da wünsche ich – wünsche ich Ihnen recht herzliches Glück – recht herzlichen Segen. Aber – mit wem?«
»Mit wem? nun mit Wahlert –«
»O!« rief Marie, und sprang rasch nach dem Fenster, an dessen Gesims sie sich festhielt.
»Was ist da?« frug Sophie und folgte ihr – »was gab es da?«
»Das Kind dort – wäre – wäre beinahe unter den Wagen gekommen – das unvorsichtige,« sagte Marie und deutete, während es sich wie ein schwarzer Flor um ihre Augen zog, nach der Straße hinunter.
»Welches? Der Knabe da?« frug erstaunt Sophie – »nun seh' Einer den kleinen kecken Kerl an, da steht er noch ganz ruhig und schaut hinter dem Wagen her, als ob gar Nichts vorgefallen wäre – aber ich habe Ihr Versprechen, Marie?«
»Ich will schweigen wie das Grab,« erwiederte die Arme.
»Aber nur nicht so ernst – der Brautstand ist eine fröhliche Zeit, und da muß man auch fröhliche Gesichter um sich haben. Also mit meinem Brautkleide lassen Sie mich nicht sitzen, morgen komm ich wieder herunter und da wollen wir das Nähere darüber besprechen – oder Sie kommen zu mir herauf. – Ach ja, liebe Marie – nicht wahr Sie kommen? Sie haben den Doctor Wahlert ja auch schon früher gesehen und sich selbst für ihn interessirt, weil er die Rechte des armen Mannes so vertrat.«
»Aber Wahlert,« sagte Marie endlich gesammelt, und mit fester, jedoch noch immer leiser, fast furchtsamer Stimme, als ob sie sich scheue, selbst den Namen des, ach so heiß geliebten Mannes auszusprechen – »Doctor Wahlert war ja von seinem Vater, dem Generalsuperintendenten, verstossen – der Vater hatte sich losgesagt von dem Sohne, und wollte ihn nicht wiedersehen, bis er seine politische Meinung geändert habe, und h a t er das gethan?«
»Ei bewahre, mein liebes Kind,« erwiederte ihr freundlich Sophie, »das thut er nie, doch müde ist er geworden des nutzlosen Ankämpfens gegen Menschen, die, wie er uns gestern sagte, aus ihren Schreibstuben heraus oder hinter der Hobelbank vorgesprungen sind, und nun blind in's Geschirr hinein politisiren, und alle befehlen, aber keiner gehorchen wolle – müde ist er's, für ein Volk zu kämpfen, das nicht einmal selbst den eignen Arm zu seinem Schutze erheben will und in einem kleinen Theil ihn unterstützt, in einem anderen ihn anfeindet. Ja seine eignen Freunde sind gegen ihn aufgetreten, weil er nicht die Republik mit Bürgerblut beginnen wollte, sondern sie auf den Volkswillen zu gründen strebte. Er wird ganz traurig, wenn er nur von unseren Verhältnissen reden hört, und will jetzt nach Amerika auswandern.«
»Nach Amerika,« flüsterte leise Marie.
»Sein Vater hat ihm selber den Vorschlag gemacht, den er mit Freuden ergriff – denken Sie sich nur, Marie – ich gehe mit nach Amerika – hätten S i e dazu den Muth?«
Marie konnte sich nicht mehr helfen, sie barg das Antlitz in den Händen und lehnte sich, um nicht zu stürzen, an das Fensterbret.
»Nun s o fürchterlich ist es auch nicht auf der See,« lachte aber Sophie, die in ihrer Fröhlichkeit die Bewegung des armen Mädchens, das sie unbewußt mit furchtbaren Martern quälte, gar nicht verstand – »aber ich stehe hier und plaudere, wo ich schon lange wieder oben sein sollte, sein Sie nicht böse, Marie – aber lieber Himmel, Sie sind wirklich krank – sehn Sie nur, wie blaß – nein ich schicke Ihnen das Kleid herunter, und dann schneiden wir es hier zusammen zu. Adieu Marie – auf ein frohes Wiedersehn.«
Sie sprang, noch einen Gruß zurückwinkend, die steile dunkle Treppe flüchtig hinab, und Marie blieb in dem kalten leeren Gemach still und allein zurück.