Pfarre und Schule: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 12 von 16

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Pfarre und Schule: Zweiter Band

Zehntes Kapitel. Die Verabredung.

Zehntes Kapitel.

Die Verabredung.

 

Der Abend brach an, die Sonne sank hinter den glühenden Gipfeln der Bäume in ihr rosenbestreutes Bett und hier und da funkelte einer der klaren blitzenden Sterne nach dem andern von dem mattblauen Himmelsgewölbe nieder.

Auf dem Hofe des Rittergutes zu Horneck sah es ziemlich still und leer aus, die Knechte waren noch in der Schenke oben, oder saßen in der Gesindestube – die Mägde melkten die Kühe, um recht bald fertig zu sein, und den Tanz nachher nicht zu versäumen, und die Brennerei und andere Gebäude standen fest verschlossen. Nur im Zimmer der Herrschaft brannte helles Licht und eine laute Stimme schallte manchmal von dort herüber über den stillen Hof, daß Eines oder das andere vom vorübergehenden Gesinde wohl einen Augenblick stehen blieb, zuhorchte, dann mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging.

Die breite steinerne Treppe, die, von zwei Seiten und in der Mitte zusammenlaufend, zur Eingangsthüre der herrschaftlichen Wohnung hinaufführte, stieg jetzt ein Mann hinauf, der wohl schon eine Viertelstunde unten im Schatten der Kastanien gestanden und der Stimme gelauscht hatte. Er blieb auch auf den Stufen noch einige Male stehen, und schien überhaupt gar nicht so recht entschlossen, ob er weiter gehen oder vielleicht gar lieber wieder umkehren solle. Endlich entschied er sich aber doch wohl für das erstere, sprang schnell die noch wenigen Stufen hinauf, öffnete rasch die Thüre und sah gerade wie von dem Schlüsselloch links – nach derselben Stube hinein, aus der das laute Sprechen tönte, eine dunkle Gestalt blitzesschnell zurück und der in die Gesindestuben niederlaufenden Treppe zufuhr.

»Poller!« rief aber der eben Gekommene, und der junge Bursche, der hier so unversehens beim Horchen ertappt worden, wandte sich rasch um und blieb stehen.

»Poller – pst!« wiederholte aber der Erstere, »auf ein Wort!«

»Hallo, Krautsch,« sagte mit überraschter, aber unterdrückter Stimme der Horcher, und kam mit geräuschlosen Schritten auf diesen zu – »was zum Teufel führt Dich denn eigentlich hierher – laß Dich nur um Gottes Willen nicht – und besonders h e u t e nicht von dem gnädigen Herrn blicken, der ist schon wüthend genug auf Dich wegen Deines Wilddiebstahls, eine Sünde, die Du einmal nicht lassen kannst, und heute kämst Du ihm außerdem gerade recht.«

»Nu, was giehts denn grade hinte an en Sonndag?« frug Krautsch – »hot he sich mit Jemand gezankt?«

» M i t Jemand? – nein, die, welche Ursache hätte gegen ihn zu zanken, thut den Mund nicht mehr auf, so gut sie auch sonst die Zunge zu brauchen wußte!«

»Was? – habt' Ihr ene Leiche im Haus?« rief Krautsch erstaunt.

»Nein, fürchte Dich nicht,« lachte Poller – »'s ist nur die neue Frau von Gaulitz, die jetzt Schläge kriegt nach Noten.«

»De Frau von Gaulitz Schläge? – Papperlapapp,« sagte ungläubig der Mann – »ja, wenn unse Eeener verheirath' is, und seiner Olen eimal ene im Vertrauen sticht – aber die gnädige Frau von Gaulitz –«

»– Wird von dem alten Schuft mißhandelt, daß es eine Art hat,« ergänzte Karl Poller in nicht gerade ehrerbietiger Weise des Freundes Rede – »Die Geschichte spielt übrigens schon ein paar Monate – ja seiner ersten Frau, einer wirklichen Dame, hat er's nicht besser gemacht, und da braucht sich die jetzige, seine frühere Haushälterin, denn auch nicht zu wundern, daß es ihr nicht besser geht – na, v e r d i e n t hat sie's – wenn auch nicht gerade um ihn.«

»Verdient? – wie so?« frug Krautsch neugierig.

»Hm,« meinte Poller wichtig – »das sind Familiengeheimnisse, die besser ›unter uns‹ bleiben – man hat auch seine Rücksichten zu nehmen. – Aber was führt Dich eigentlich auf's Schloß her, willst Du wirklich den gnädigen Herrn selbst sprechen.«

»Ne, ich danke,« brummte der Wilddieb, »där mechte mer schiane uf de Hucke steigen – ich wulle Dich sprächen – he Karl, wie stiahts denn egentlich mit meiner Geschichte – han ich was zu ferchten, un is es verleicht besser, ich bin emal Morgens ganz wegg?«

»Besser j e d e n f a l l s ,« erwiederte ihm vorsichtig Poller – »außerdem liegt der Wilddiebstahl nicht allein gegen Dich vor, sondern ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß, der Teufel mag errathen woher, noch eine andere Klage gegen Dich aufgetaucht ist, die – doch Du wirst schon wissen, was ich meine.«

»Dunnerwetter!« rief, aber mit ganz leiser, erschreckter Stimme der Bursche – »das wiare en schiane Geschichte, aber Mosje Poller, in där stiaken mer nich alleene drin – zu d ä r sein noch angere Personen nethig, die nachens eben so dusemang fortmachen kennten wie unser Ener.«

»Sprich nicht so laut,« flüsterte Poller – »ich weiß wohl, es ist eine verfluchte Bescheerung und ich werde Dich darin nicht im Stiche lassen; ich kann's aber am besten noch abwarten, denn h i e r sitz ich an der Quelle, und bin jeden Augenblick im Stande, zu erfahren, wie die Sachen stehen. Ist's nachher Zeit, nun zum Henker noch einmal, dann müßt's ja keine Eisenbahnen geben, und so viel, daß man nicht gerade gleich v e r h u n g e r t , nun dazu wird wohl noch Rath werden.«

»Here, bei dem Ve r h u n g e r n ,« flüsterte Krautsch, »fällt mer en verflucht guder Gedanke in – wie wärsch denn nu, wenn mer –«

»Pst!« sagte Poller, und horchte aufmerksam nach der Thür herüber, hinter der der Lärmen gerade von Neuem auszubrechen schien – »jetzt geht's wieder los, na der klopft seine eine Hälfte in der Nacht noch windelweich – so einen Mann wünscht' ich mir auch, wenn ich eine Frau wäre – alt, geizig wie ein Harpar, häßlich wie die Nacht, ein Tyrann wie ein Tiger und ein frommer Betbruder dabei, der so voller Bibelverse steckt, wie ein alter Käse voller Maden.«

»Jetzt sagt s i e wuhl was?« flüsterte Krautsch, hinüberhorchend.

Poller erwiederte Nichts, sondern schlich nur, während im Innern die klagende Stimme der Frau laut wurde, vorsichtig wieder auf seinen alten Platz zur Thüre, und legte erst das Auge und dann das Ohr so dicht als möglich an das Schlüsselloch an.

»Ich bitte Dich um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gaulitz, schlage mich nicht mehr,« flehte die Frau, »was habe ich Dir denn zu Leide gethan, daß Du Alles das, was Du mir früher geschworen, so ganz vergessen hast, und mich jetzt wie eine Verbrecherin behandelst – wohl b i n ich schuldig und heute – heute seh' ich ein, was ich an i h r begangen, aber Du wahrlich solltest doch der letzte Mann auf der weiten Gotteswelt sein, der mich darum mißhandelte.«

»Hinaus mit Dir – hinaus und in die Gesindestube hinunter, wohin Du gehörst,« rief aber jetzt, durch diesen Vorwurf wohl um so mehr gereizt, da er so sicher gezielt war, daß er das schlummernde Gewissen des Mannes im innersten Herzen traf, der Oberpostdirector – »in die Gesindestube mit Dir und –«

»Hülfe!« schrie die Frau, und ehe Poller, der in diesem Augenblicke gerade versucht hatte, einen Blick in das Innere zu gewinnen, im Stande war, zurückzufahren, flog die Thür auf und traf den Horchenden mit solcher Gewalt an die Stirn, daß er rücklings zur Erde geschleudert wurde. Krautsch behielt eben noch so viel Zeit, sich in die Fensterbrüstung zu drücken. Poller aber fühlte sich, ehe er im Stande war, wieder in die Höhe zu springen und zu entfliehen, in der kräftigen Faust des Oberpostdirectors, der den Stock, den er eben in der Hand hielt, derb auf Kopf und Schultern niederfallen ließ und den armen Teufel so lange bearbeitete, als er nur noch einen Arm möglicher Weise rühren konnte.

»So – Canaille!« rief er endlich, als er erschöpft inne halten mußte, »da –« und er stieß ihn verächtlich mit dem Fuße von sich – »das hast Du für's Horchen und ich will Dich lehren, Deine Ohren wieder an Zimmerthüren zu legen, hinter denen ich spreche – thust Du's, dann sei versichert, daß ich Dich Jesum Christum noch besser erkennen lehre.«

Damit trat er zurück, warf die Thüre hinter sich mit aller Gewalt in's Schloß und ließ den Mißhandelten fast bewußtlos vor Schmerz und Wuth auf der Erde liegen.

Dieser raffte sich endlich mit leisem Stöhnen und einem bitteren, zwischen den Zähnen hervorgemurmelten Fluch auf und wandte sich, als ob er die hintere Treppe hinunter gehen wollte, Krautsch aber glitt in diesem Augenblicke aus der Fenstervertiefung vor, faßte den Freund am Arm und zog den nicht Widerstrebenden, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, zur vordern Thür hinaus, die steinerne Treppe, dem Thore zu, hinunter, und vor das Gut, in den dicht daran stoßenden in dieser Abendzeit sonst von keinem Menschen betretenen Obstgarten hinaus.

»Nun, was hast Du? – was soll?« knurrte Poller endlich, mürrisch und erzürnt genug, als sein Freund hier, und an der höchstgelegensten Stelle, von wo aus sie nach allen Richtungen hin das Nahen eines Dritten leicht erblicken konnten, stehen blieb und lauschte, ob sie auch wirklich allein und von Niemandem behorcht seien – »was soll die Allfanzerei, Gott verdamm mich, ich fange an, es satt zu kriegen, vor dem ›gestrengen Herrn‹ da drinn Versteckens zu spielen. Hol' ihn der Teufel, ich will mich nicht weiß brennen, aber geniren würd' ich mich, die Sonne auf mich niederscheinen zu lassen, wenn ich ein so niederträchtiger und hundsföttischer Schurke wäre wie der Herr Oberpostdirector.«

»Willst Du Dich rächen,« flüsterte ihm Krautsch leise und vorsichtig in's Ohr. Poller fuhr rasch nach ihm herum, und schaute ihm fest und fragend in das schlau blinzende tückische Angesicht.

» O b ich's will,« sagte er nach einigen Secunden, »aber wie? – weißt Du ein Mittel? – v e r r a t h e n darf ich ihn nicht – ich stecke selbst zu verdammt tief mit in alle den Geschichten, sonst gäb' es Nichts leichteres auf der weiten Gotteswelt, als d e n Burschen Hals über Kopf in's Zuchthaus zu schicken.«

»Zuchthaus?« meinte Krautsch verächtlich – »da sägst Du dernach aus, so 'ne hohe Perschon in's Zuchthaus zu kriegen, als ob die nich Winkelzige genug kennten, drim herim zu gehn – ene Krahe hackt der angeren de Oogen noch lange nich aus, un wo mer sich hier nich selber hilft, da husten Enen die Angeren erscht recht was – ne Poller, aber ich weeß Der en Mittel – machst De mit?«

»Nun heraus mit der Sprache – erst muß ich's jedenfalls wissen, ehe ich 'was Bestimmtes dazu sagen kann – he?«

»Ich habe schonst oben im Hause davon angefangen, als der Spektakel losgung – Du meentest doch 'was von Verhungern –«

»Hm – und weiter.«

»Nun siehst De,« fuhr Krautsch eben so leise fort – »wir zwee Beede haben das Heifige gerade nich – wenn mer aber so en Platz wißten, wo mer mit eenem Ruck – verstehst De mich – so was zesammen derwischen kennten. –«

»Nun? –«

»Nu? – ih nu, denn meen ich, mer ließen uns de Zeit nicht lange währen, en griffen zu. – Merkst De n o c h nix?«

»Hm – nun sprich aus,« sagte Poller sinnend, und seinen Freund dabei etwas mißtrauisch von der Seite anschauend.

»Da is weiter nischt mehr groß auszesprechen,« brummte aber der Bursche – »wenn De mich alleweile noch nich verstiahst, so hast'n Brät vorm Kopp – Willst es aber absolut deitsch haben, so kannst' es ooch kreihn – wie viele Geld hat der Postdirecter neilich mit heeme gebracht?«

»Wie viel? – hm – wenn wir B e i d e es hätten, könnten wir für unser künftiges Leben zufrieden sein.«

»Na also, un w o r u m kennen wir Beede das n i c h etwa kreihn? Das mecht ich wissen. –«

»Das geht nicht,« sagte Poller nach kurzem finsteren Brüten – »am Tage ist das Zimmer, wo das Geld liegt, fest und sicher verwahrt, und liegt so von den übrigen Wohnungen umgeben, daß an ein Einbrechen gar nicht zu denken wäre, und in der Nacht schläft jetzt, seit es auf dem Gute ist, der Oberpostdirector selbst darin, und hat immer zwei geladene Pistolen neben sich über dem Bette hängen. Das Einzige wäre –«

»Nu – 'raus mit das Eenzige.«

»Das Einzige wäre, wenn er einmal wieder in dieser Zeit sein gewöhnliches Reißen bekäme und das Bett den Tag über hüten müßte; d a n n ging es allenfalls, dann sind wir, ich und mein Alter, die einzigen Personen, die zu ihm hinein dürfen, und nachher – Gift und Tod, das müßte eine Wonne sein, dem alten schurkischen Geizhals den so heilig gehaltenen Mammon von der Seele reißen zu können, und d a s wäre allerdings eine Rache. Ich glaube, er ließ, wenn ihm die Wahl gegeben würde, zehntausendmal lieber sein Leben als sein Geld, und verdammt will ich sein, wenn er es da nicht auch ganz richtig taxirt. – Wart Bursche, den Karl Poller hast Du nicht umsonst wie einen Hund geschlagen und getreten, und gedenken thut Dir's der, so lange er ein Glied rühren und einen Plan ausbrüten kann.«

»Also wenn er im Bette liggt, nachens kennten mer ankommen?« frug Krautsch.

»Die Leute wären nur immer noch zu sehr im Weg,« brummte Poller leise vor sich hin – »wenn man nachher etwas auffinden könnte, sie alle hinten nach den Scheunen hinzulocken.«

»Hm, das wäre nu grade keene Kunst niche,« lachte der Mann – »en kleen Bischen Feier in's Untertenne mißte ungeheier schiahn aussähn – nachens sterzten se sicher Alle hinger.«

»Brandstifter?« sagte Poller erschreckt – »alle Wetter nein – das geht doch nicht – da steht Kettenstrafe drauf und zehn oder funfzehn Jahre mit einer Kette am Bein Straßen zu kehren – nein, damit wäre der Spaß doch ein Bischen zu theuer erkauft.«

»Papperlapapp!« sagte mit heiserem Lachen Krautsch, »wenn mer sich derwischen läßt, so hat mer's nich wegen Brandstiften, sondern wegen's d'Erwischen lassen verdient – mer werd aber nich so dumm sin – m i r kommen weck, davor sin mer sicher.«

»Ich weiß doch nicht – die Sache ist mir zu gefährlich, das will ich gerade nicht sagen, klingt aber zu bös und – könnte Einen in verdammte Verlegenheiten bringen – ich will mir's lieber noch eine Weile überlegen – wir können morgen wieder einmal darauf zurückkommen.«

»Zurückkommen?« brummte Krautsch ärgerlich – »wenn se mich v o r - und die angere Geschichte rauskreihn, nachens, dächt' ich, sprächen mer Beede nich sehre mehr von Zerickkommen, un da mer nu noch da sin, wär's meiner Six de rechte Zeit. Nu, Poller, machst De mit?«

»Du willst das Feuer anlegen, und mich nachher – laß einmal sehen – ja – an der Blutbuche neben der kleinen Waldwiese treffen und wenn wir dann im nächsten Dorf leicht einen Wagen kriegen könnten, der uns auf den Bahnhof bis Tagesanbruch führte –?«

»Na ob – ich bin en merkwirdiger Feierwerker – aber wie wärsch denn, wenn mer die Sache gleich morgen machten? da han se ja Treibjagd uff'n Feldern.«

»Nein morgen geht es noch unter keiner Bedingung – den Tag würd' ich schon bestimmen – also D u besorgtest das, und nachher?«

»Dann theelen mer.«

»Gleiche Hälften?«

»Nu verstäht sich – worum denn niche?«

»Hm – ja, versteht sich – – – ich will mir die Sache doch lieber noch einmal erst überlegen.«

Poller wollte sich abwenden, um zum Schloß zurückzugehen, Krautsch frug ihn lachend, ob er sich vielleicht noch eine zweite Tracht Prügel und einige Fußtritte holen wolle – der Oberpostdirector scheine gerade dazu in der rechten Laune gewesen zu sein. – Poller ging mit untergeschlagenen Armen bis ans Thor des Obstgartens, blieb da stehen, kehrte wieder zurück und flüsterte dann mit dem ihn lächelnd Erwartenden wohl noch eine halbe Stunde auf das Angelegentlichste zusammen, dann glitt er leise und vorsichtig wieder in das Thor des Schloßhofs hinein, dessen kleine Pforte noch aufstand und erreichte auch, ohne vermißt zu sein, die Stube, die er mit seinem Vater theilte, während Krautsch durch den Obstgarten hinging und am anderen Ende desselben über die niedere Lehmmauer stieg, die ihn von der in's Dorf hineinführenden Straße trennte.