Pfarre und Schule: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 14 von 17

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Pfarre und Schule: Erster Band

Elftes Kapitel. Des Musikanten Tochter.

Elftes Kapitel.

Des Musikanten Tochter.

 

Kraft und Hennig stiegen die Stufen der Treppe hinunter, und befanden sich gleich darauf im wirren Getreibe des Schenklebens, das sie in lauten fröhlichen Massen umtobte.

Sie blieben einen Augenblick neben der Gartenthüre stehen und überschauten die Menge, die hier, der wunderherrlichen Frühlingsluft froh, theils um einzelne Tische saß, theils langsam in den Gängen auf- und niederschlenderte, oder auch kurze Zeit nach dem kleinen Orchester hinüber horchte, das Märsche, Walzer, Rutscher und Galopps spielte, und aus den gewöhnlichen Dorfmusikanten bestand, die auch Abends beim Tanz den lustigen Reigen aufgeigten.

Nur manchmal schien sich die Aufmerksamkeit dem Orchester ganz und fast ungetheilt zuzuwenden, und das war stets, wenn ein einzelner Mann, unser alter Bekannter, mit seiner Tochter auf die Bank trat und auf seiner Violine, nicht Marsch oder Tanz, aber doch so eigenthümliche Weisen und mit für Horneck so unerhörter Geschicklichkeit spielte, daß den Bauern, nach ihrer eigenen Bestätigung, »Maul und Nase« aufstand, und sie manchmal nicht wußten, ob er an der linken Hand fünf oder zehn Finger hätte.

Kraft und Hennig waren aber noch viel zu sehr mit der eben verlassenen Conferenz beschäftigt, um das rege Leben um sich her viel zu beachten; sie schritten dicht an Haus und hinter den Hecken hin, die hier einen schmalen Raum des Gartens von den übrigen offenen Theilen abschied, um in's Freie hinaus den Weg zu gewinnen, an der engen Gartenpforte aber, die hier nach dem Felde hinauslief, fanden sie ein solch' wirres Menschengedränge, daß sie, um dem zu entgehen, wieder rechts einbogen, und endlich gerade unter der Stange anhielten, die hier zum Sternschießen errichtet war, und neben der ein paar noch unbesetzte Bänke standen.

»Mir thut es in der Seele weh,« brach Kraft endlich das Schweigen, »daß gerade hier von Horneck aus ein Schritt geschehen soll, über den die Feinde des freien Lehrerstandes triumphiren werden. ›Seht Ihr,‹ höre ich sie schon rufen, ›sie selber wollen es nicht – sie selber sehen ein, daß durch ein Losreißen von der Kirche die Schule selbst gefährdet sei – sie selber fühlen, daß sie der Aufgabe nicht gewachsen sind‹.«

»Und wo bedürften sie einen besseren Beweis für ihre hochmüthige Behauptung – »die Lehrer seien noch nicht reif zur Emancipation«,« seufzte Hennig – »diese Adresse wird ihnen eine furchtbare Waffe gegen uns in die Hand geben.«

»Das wolle Gott nicht,« rief Kraft – »das wird aber auch nicht geschehn – ja wenn wir hier nur etwas für uns selbst, für die materielle Verbesserung des Schullehrerstandes erringen wollten, wenn hier nicht das Interesse des ganzen Deutschlands mit in's Spiel käme, dann Freund, dann möchten Sie Recht haben, die Uneinigkeit würde dann unser Verderben sein, so aber ist die Sache gewaltiger, als Sie uns Allen jetzt hier vorkommt, und bricht sich endlich schon von selber Bahn. Die Adresse dauert mich auch deshalb nur der Leute wegen, die sie unterzeichnet, nicht um der guten Sache selbst willen, denn um die stände es schlimm, vermöchte eine kleine Conferenz unbedeutender Schulmeisterlein an ihrer Basis zu rütteln, ihre Grundpfeiler zu untergraben.«

»Aber es ist eine Schaufel voll Erde unter dem Fundamente weggenommen,« seufzte Hennig, »wieder und wieder und immer wieder eine, und wer weiß, ob der Bau nicht dennoch endlich schmetternd nachstürzt.«

»Ich glaube nicht,« sagte Kraft, und starrte die gefalteten Hände fest zwischen seine zusammengedrückten Knie gepreßt, gerade vor sich nieder – »ich glaube nicht, denn nach dem, was ich bis jetzt von der ganzen Erregung Deutschlands in den Zeitungen gelesen habe, müßte ich mich sehr irren, wenn nicht gerade die Schule zuletzt das sein wird, wonach sich die liberale Partei gezwungen sieht zu greifen, um ihre Hoffnungen zu realisiren; und daß so etwas dann nicht unter den jetzt zwischen Schule und Kirche bestehenden Verhältnissen geschehen k a n n , versteht sich, möcht' ich sagen, von selbst.«

»Ich begreife nicht recht, wie Sie das meinen,« sagte Hennig.

»Sehen Sie, lieber Freund,« sagte der alte Schulmeister, leiser noch fast als vorher und in der früheren Stellung verharrend, fort, »ich habe nicht viel mehr in den Funfzigen zu suchen, und Manches in der Welt gesehn und erlebt – denn ich war die neun und zwanzig Jahre keineswegs in einem Striche fort Schulmeister, und meine Lebensbeschreibung gäbe gewiß gar interessanten Stoff zu einem recht starken dickbändigen Romane, wenn – ich als Schullehrer nur damit herausrücken dürfte – doch das ist Nebensache, w i e ich meine Erfahrungen gesammelt – es ist das einzige, was ich auf dieser Welt sammeln konnte, die aber sagen mir dafür auch Manches, was andere Leute erst durch bittere Enttäuschung zu lernen haben und – sie lügen selten. Doch zur Sache. Ich war vor drei Tagen in der Residenz und durch frühere Schulkameraden sah ich mich plötzlich in das ganze tolle Gewirr der jetzigen politischen Bewegung hinein versetzt – hörte ihre für Freiheit und Einheit schwärmenden Reden, sah den Jubel, der die jungen Herzen in aller Wonne frisch erkeimender Hoffnungen erfüllte, und kann wohl gestehen, daß ich alter Kerl im ersten Augenblick selbst mit hineingerissen wurde in den wirbelnden Rausch der jungen Ideen und Pläne. Der Sieg, den das Volk auf den Barrikaden Berlins gegen die bis dahin für unbesiegbar gehaltenen Bayonette erkämpft hatte, riß noch kaltblütigere Leute, als ich sonst gewöhnlich bin, in seinem Taumel mit fort; ich fühlte aber endlich wieder Grund, stemmte die Strömung, sah, wohin dies urplötzliche und tolle Durchbrechen aller Banden und Dämme führen müsse und werde – und watete langsam wieder an's stille Ufer zurück, von da aus den Verlauf der Sache besser und unparteiischer betrachten zu können.«

» R e p u b l i k ! ging der Ruf durch die Versammlungen; d a s Vo l k i s t r e i f u n d h a t s e i n e K e t t e n z e r b r o c h e n – f o r t m i t d e r Ty r a n n e i ; d i e Vo l k s s o u v e r a i n e t ä t a l l e i n i s t d i e M a c h t , d i e w i r a n e r k e n n e n – einstimmig wurden alle Beschlüsse angenommen, denn wer sich als Einzelner der Masse entgegen gestellt hätte, wäre, wenn er recht gut weg kam, einfach hinausgeworfen – selbst beim Abstimmen wurden die, die sich durch Handaufheben vielleicht als eine sehr geringe Majorität herausstellten, ausgelacht und verhöhnt – das war ein Vorspiel zur Volkssouverainetät. Wenn übrigens die Massen noch keinen parlamentarischen Takt besitzen, so läßt sich das gewiß mit der Neuheit ihrer jetzigen Verhältnisse entschuldigen – was thut es, wenn sie beim Abstimmen manchmal beide Hände in die Höhe heben, in gemäßigteren Vereinen die Galerien füllen und die Redner der Gegenparthei nicht zu Worte kommen lassen, etc., das muß sich erst abschleifen, und eben so, wie unsere junge Preßfreiheit manchmal ausarten und hinten ausschlagen wird, wie ein tolles lebensfrohes Fohlen, so wächst sie doch mit der Zeit zu einem edlen Renner heran, der zwar seinen Reiter, den Geist, in Sturmesflug über die weite Flur dem schönen Ziele entgegenträgt, aber eben keine Seiten- und Bockssprünge mehr macht.«

»Nur die Volkssouverainetät, lieber Hennig, die, die kann ich noch nicht anerkennen – das Volk h a t seine Ketten gebrochen, ja, wie der entfesselte Leu steht es ingrimmig brüllend da und weist seinen früheren Kerkermeistern die fürchterlichen Fänge, und wäre er jetzt in einer Wildniß, so möchte er in Gottesnamen mit der neugewonnenen Kraft toll und rücksichtslos in die Welt hineinstürmen, das Echo mit dem Laut seiner gewaltigen Stimme erwecken und die gigantischen Stämme erzittern machen, wenn er sich in übermüthiger ausgelassener Lust dagegen wirft, um die eisernen Pranken in das zähe Holz zu schlagen. So aber befinden wir uns gegenwärtig mit eben diesem Leuen mitten in einer civilisirten Stadt, und so lange er eben nur noch ruhig dasteht und seinen Feind anstarrt, mag das gehen, beim ersten Seitensprung aber wird er in irgend einen Porcellan- oder Spiegelladen hineinfahren, eine Menge Leute, ohne sich selber zu nützen, zum Tode erschrecken, kaum glaublichen Schaden anrichten, das Oberste zu Unterst kehren, endlich selbst die um ihre Sicherheit besorgt machen und gegen sich aufbringen, welche sich erst über die Freiheit des schönen stolzen Thieres gefreut haben, und sich doch noch zuletzt in irgend einer Sackgasse oder engen Bahn des ihm f r e m d e n Terrains, auf's Neue umstellt, gefangen und – Gott wolle verhüten, daß ich Wahrheit rede – gar besser bewacht finden als früher.«

»Aber die Fürsten,« warf Hennig ein, »werden sich jetzt doch, nach dem Siege in Berlin, gezwungen sehen, überall nachzugeben – was können die kleineren machen, da die Freiheit in den größeren gesiegt hat?«

»Ich bin kein Politiker, lieber Hennig«, erwiederte ihm Kraft, »ich kann auch nicht sagen und vorher bestimmen, welchen Einfluß diese gewaltigen Ereignisse auf das übrige Deutschland haben werden, mir nur ist es so ängstlich zu Sinn, daß ich selbst keine Rettung in dem geängstigten Erfolge finden kann. Sehen Sie sich unsere Bauern hier in Horneck, in Buchstetten, in der ganzen Umgegend an, gehen Sie Dorf für Dorf, Flecken für Flecken durch, und sagen Sie mir dann, wie viele Leute Sie gefunden haben, die im Stande wären, auch nur zu begreifen, was für Freiheiten in ihre Hände gelegt wurden. Es thut mir leid, daß ich's sagen muß, aber unser Bauer, wie er j e t z t ist, paßt nur für das Joch, in dem bis dahin sein Nacken steckte – er ist von Herzen gutmüthig, aber dabei störrisch und hartköpfig, mißtrauisch bis zum äußersten Grad – kriechend höflich gegen die, in deren Händen die Gewalt liegt, übermüthig bis zum Ekel gegen die Untergebenen und rücksichtslos unverschämt, wo er sich im Rechte glaubt oder weiß. Der Tagelöhner dagegen, der Knecht und Häusler ist von Jugend auf in einem Zustande heraufgewachsen, der ihn nur nothdürftig an seine k ö r p e r l i c h e Bildung, an seine geistige fast gar nicht denken ließ. Das Bischen Schreiben und Lesen, was dem Jungen bis ins zwölfte, dreizehnte Jahr eingeprägt wurde, hat der Flegel, wenn er sechszehn alt ist, fast schon wieder vergessen, und wahrlich, es ist ihm auch nicht zu verdenken, wenn man sieht, wie er von Morgens früh bis spät in die Nacht das ganze Jahr hindurch arbeiten und schaffen muß, um nur das Bischen Leben elend genug zu fristen. Abends ist aber der Körper so ermüdet und angegriffen, daß von Lesen, Schreiben oder Denken gar keine Rede mehr sein kann. Ist es da also möglich, hier bei den erwachsenen jungen Burschen und alten Leuten noch einmal mit Schulunterricht, und schlimmer als Schulunterricht mit der Belehrung dessen anzufangen, was sie eigentlich sein sollten, um dem Zwecke freier Männer zu genügen? – Nein, d i e Zeit ist versäumt, denn was wir den K i n d e r n nicht lehren d u r f t e n , das können wir jetzt den Alten auch nicht mehr in die Schädel zwingen. Ja früher, da wäre der Augenblick gewesen, uns aber waren die Hände gebunden, das Beispiel hatten wir alle Tage vor Augen – wir sahen, wie die Schwalbe ihren Jungen das Fliegen und ihre Kräfte zu prüfen lehrte, u n s aber, den denkenden mit Vernunft und Seele begabten Menschen war das, wenn auch nicht v o m , doch d u r c h das hohe Consistorium untersagt – den Fluch dieser Verdummung erndten wir jetzt, und mit bitterer Erfahrung würden wir es bezahlen müssen, wären wir thöricht genug zu glauben, ein Volk könne aus solcher Knechtschaft, wie wir sie eben abgeschüttelt, gleich mit e i n e m kühnen Sprung zu der herrlichsten aber gerade durch ihre Einfachheit auch schwierigsten Regierung, der S e l b s t r e g i e r u n g gelangen. Unsere Tagelöhner und Häusler, unsere Knechte und Bauern sind eben Menschen, die noch kein eigenes Urtheil haben und sich deshalb so lange von anderen Menschen werden leiten und bei der Nase herumführen lassen, bis die heranwachsende Generation einmal mit frischen lebendigen Geisteskräften und klarem Bewußtsein ersteht, d a s aber ist jetzt u n s e r e Aufgabe, eben die heranwachsende Generation und mit ihr das ganze künftige, und Gott wolle es fügen, e i n i g e Deutschland, ist in u n s e r e Hände gegeben, daß wir den Saamen in das fruchtbare Erdreich streuen und in unseren eigenen Kindern die fröhliche herrliche Erndte aufkeimen und reifen sehen.«

Der Mann hatte sich bei den letzten Worten hoch aufgerichtet und sein über Hennig hinschweifender Blick hing wie begeistert an den blaßrothen Abendwolken, die von der untergehenden Sonne mit zartem Rosenhauch übergossen, wie sehnsüchtig und liebend ihr nachzustreben schienen in das Gluthenmeer ihres leuchtenden Grabes.

»Hallo Schulmeester un keen Ende,« lachte da plötzlich eine derbe aber gutmüthige Stimme, und Meinhardt, ein Bauer aus Horneck, derselbe, der am Sonnabend Nachmittag Klage beim Pastor gegen den alten Lehrer geführt, trat aus einer der nächsten Gruppen auf die beiden Männer zu – »hul mich diasar und jäner, wu mer hiar hintrett, trett mer uff'n Schulmeester, 's kriwwelt und wimmelt urdentlich von em. Aber lieb is mer'sch, daß ich Uech finge, Herr Hennig, Ihr kennt mer en großen Gefallen duhn.«

»Wäre der Herr Pastor das nicht vielleicht eher im Stande?« frug Hennig, der den Auftritt vom vorigen Morgen noch zu frisch im Gedächtniß hatte, nicht ohne Bitterkeit.

»Ach papperlapapp!« brummte der Bauer und kratzte sich unter der Mütze den dicken Schädel, »der Pastor sieht ooch durch en Brät – wenn en Loch drinne is – aber – Ihr hatt recht – ich han's gestern dumm angefangt, aber main verwetterter Junge hatte de Schuld – Jimine, wie han ich en ooch gekeilt – na, der lügt mer nich mehr de Hucke vull – doch – was ich nuch sagen wolle, Schulmeester – mein Junge war en Strick geweest – der Alte hatte'n gar nich so gehaun, Müllers Gottlieb warsch gewäsen, bei dem meine Krete dreuge Aeppel gemaust hatte – nu, Recht iss'n geschähn – ich wülle, se hatten em de Hingerpastete so waich gekluppt wie en Bingel Flachs – un nu han ich dem Schulmeester Unrecht gethan, un ich han em en ganzen Kurb vull Wirschte un Speck un Eier nuff geschickt – un den Jungen ooch; an den soll er sich nu noch en ganz besonderes Plaisir machen, un wenn er en halwes Dutzend Schtecken uff'm verschlaiht, ich han nischt derwidder.«

»Aber was kann ich dabei thun?« sagte Hennig kopfschüttelnd, denn mit innerem Weh durchzuckte ihn der Gedanke, wie Unrecht nun dem armen alten Lehrer gestern in Gegenwart dieses Mannes, in Gegenwart seines eigenen Schülers, und wie sich nun herausstellte, so ganz grundlos und unschuldig geschehen sei – »gekränkt habt Ihr den alten Mann durch Worte und That – glaubt Ihr d a s jetzt wieder durch Geschenke ungeschehen machen zu können?«

»Ne –« sagte der Bauer und kratzte sich immer bedenklicher den blonden struppigen Kopf – »ne, un desserwägen sullt Ihr mer en Bischen mit uf's Rad steigen, daß mer nich umkippen. – Ihr hatt's Maulwerk uff der richt'gen Ställe, un da megt ich uech bitten, den Schulmeester en Bischen ummen Bart rim zu gehn, bis er widder gut is – den Jungen sill er prügeln bis er blau un schwarz sicht, un wenn sich meine Ole das Maul noch e Mol värbrennt, dann kreiht se eens druff – nich wahr Schulmeester, Ihr sidd so gut?«

»Ich will mein Möglichstes thun, ihn davon zu überzeugen, daß es Euch von Herzen leid thut, ihn so ungerechter Weise beschuldigt zu haben –«

»Rächt so, Schulmeester!« rief der Bauer – »Ihr sidd en ganzer Kerl, un Eier Schade sills ooch nich sin – verstanden? Aberscht Herr Je – was kläwet Jär denn hiar in dar Ecke? – Das Mächen fengt grade widder an zu singen – Dunnerwetter! die singt schiane, da is unsen Vursänger, unsen Karl Gottlob saine Stimme Haberstroh dagegen – kommt Schulmeester – weeß Heppchen, 's geht grade los – ich will nur oben 'rim gähn, un mei Bier runger holen.«

Und damit schüttelte der Bauer dem jungen Lehrer noch einmal herzlich die Hand, nickte dem anderen vertraulich zu, und drängte sich rasch durch die Menge nach der Stelle hin, wo des alten Musikanten Tochter eben ein kleines, wehmüthig klingendes Lied, aber mit so süßer, schmelzender und glockenreiner Stimme sang, daß die beiden Freunde selbst ihre Unterhaltung darüber vergaßen und erstaunt den wunderlieblichen Tönen lauschten.

Das Mädchen war zwar noch in dasselbe ärmliche Gewand gekleidet, wie wir sie im zweiten Kapitel mit ihrem Vater gefunden, aber sie ging jetzt im bloßen Kopf, das dunkle volle Haar glatt auf der weißen Stirn gescheitelt, und den Shawl fest und dicht um ihre Schultern gezogen, daß er den oberen, zerrissenen Theil ihres Gewandes vollkommen verhüllte, und schlank und zart stand so die edle Gestalt des armen Kindes an den einen Pfeiler des niederen Orchesterdaches gelehnt, und schaute, als sie das kleine Lied beendet, still und schweigend vor sich nieder.

»Das sin immer so kurze Dinger,« sagte da ein reicher Bauer aus Horneck, der dicht daneben an seinem Tische saß, und mit tiefem Athemzug den schäumenden Bierkrug eben von den Lippen genommen hatte – »wenn mer äben glaubt es sille recht ordentlich lus gähn, dann is es g'rade widder aus – weeß de Jungfer nischt langes?«

»Ja – en langes Lied, mit recht viele Värsche« – fielen hier noch ein paar andere junge Bauerburschen ein – »daß mer ooch de Melodie behalten kann – un nich so traurig.«

»Sing doch einmal die ›Fahrt in's Heu‹, Marie,« stieß sie der Vater an – »das hören sie gerne.«

Marie schüttelte leise mit dem Kopfe –

»Nu? – wolln mer noch en Bischen?« frug der Bauer.

»Die Ballade, Vater!« flüsterte die Tochter – während dieser die auf das Knie gestellte Geige stimmte. –

»Ach, das langweilige Ding,« brummte der Alte, Marie trat aber einen Schritt von ihm zurück, hüllte sich fester in ihr Tuch, und schien entschlossen zu sein; das Publicum wurde dabei ungeduldig und Meier, der wohl einsah, daß er sich fügen mußte, nahm die Violine in die Höh', und stimmte nach kurzem Vorspiel eines jener reizenden schottischen Volkslieder an, die erst nur einzeln zu uns herüber geklungen sind und das Herz mit so süßer, schmerzlicher Wehmuth erfüllen. Die Tochter lauschte den Tönen erst mehrere Secunden lang und ihre Hand folgte fast unwillkührlich dem Tact des Liedes, bis sie endlich am Schlusse des Vorspiels mit anfangs leiser, dann aber immer bewegterer und schwellenderer Stimme einfiel:

Es steht am Meeresstrande

Eine stille bleiche Maid,

Barfuß im kalten Sande

Mit flatternd dünnem Kleid.

Und auf die schaumzersprühten

Und krausen Wogen aus

Streut sie zerpflückte Blüthen

Aus einem frischen Strauß.

Und wie mit den empfangenen

Die Welle naht und flieht,

Singt sie mit unbefangenen

Tönen ein leises Lied:

»Mein Lieb, in Meeresgründen,

Komme, o komm zu Licht,

Der Strauß hier mag Dir's künden,

I c h bin's! – Hörst Du mich nicht?

I c h bin's, in Windeswehen,

In Sturmgeheul und Graus

Schaut ich, nach Dir zu sehen,

Mir bald die Augen aus.

Die Leute spotten meiner,

Ich sei im Geist verwirrt,

Weil ich hier harrend Deiner,

So lang' umhergeirrt.

Sie wissen's nicht, die Thoren,

Daß so, wie wir geliebt,

Und so, wie wir geschworen,

Es keine Trennung giebt.

So komm, laß mich nicht länger

Vom Frost durchschauert hier,

Wo's mich nur bang' und bänger

Hinunter zieht zu Dir.

O, höre Lieb mein Flehen,

Schon netzt die Fluth den Fuß,

Sende in Sturmeswehen

Treuer Liebe den Gruß!

Ha! – klang nicht aus dem Grimme

Des Meers der theure Laut? –

Das – das war seine Stimme!

Hier ist – hier kommt die Braut!«

Am stillen öden Strande,

Vom Fluthenstrom umzischt,

Am Muschelkies und Sande

Bricht sich der Wellen Gischt.

Doch auf den schaumzersprühten,

Und krausen Wogen hin,

Treibt, zwischen Blum' und Blüthen

Die todte Sängerin!

Marie schwieg, als sie das Lied vollendet, und nahm den Blick nicht auf von dem Boden, an dem er haftete. Einzelne der Zuhörer applaudirten, und Hennig war von dem einfachen Liede so ergriffen worden, daß er fühlte, wie ihm die großen hellen Thränen in die Augen traten – er bückte sich unter irgend einem Vorwande, sie heimlich weg zu wischen, denn er schämte sich – wußte er doch selbst nicht weshalb – seiner Schwäche.

Aus der, vor dem Orchester stehenden Schaar von jungen Leuten bog sich aber plötzlich unser alter Freund Strohwisch, der bis dahin mit seinen papageigrünen Glacehandschuhen sehr zur Belustigung der überall in den Obstbäumen hängenden Hornecker Jugend aus Leibeskräften applaudirt hatte, so weit, als es ein dicht vor ihm stehender dicker Bauerbursche gestattete, nach dem Mädchen vor und flüsterte:

»Bravi, bravi mein holdes Kind, – ganz vortrefflich – aber viel zu traurig – ich bin selbst humoristischer Schriftsteller und weiß den Werth eines heiteren Liedes zu schätzen – singen Sie uns einmal etwas Lustiges – bitte meine Holde, etwas Lustiges!«

»Ja wahrhaftig, was Lustiges!« stimmten eine Menge Ladenschwengel aus der Stadt, mit rothen Gesichtern und noch viel rötheren Fäusten, ein – »bitte Mamsell, was Lustiges!«

»Sehn Sie, mein Fräulein, einstimmig angenommen,« lächelte Feodor und holte dabei ein Blatt Papier aus der Rocktasche – »hier haben Sie etwas Lustiges – Melodie: ›Ich bin der Doktor Eisenbart‹, ein wunderhübscher Text – pikant witzig – die Menge muß es bringen.«

»'Raus mit das Lustige!« rief der kleine Bauer, der dicht vor Strohwisch stand, »'raus dermit, juchhe!« und den Hut schwang er dabei in der Luft, sprang in die Höh und kam gerade wieder auf Feodors einem Hühnerauge nieder, daß dieser laut aufschrie und mit dem emporzuckenden Knie dem dicken Burschen dermaßen unter den letzten Rückenwirbel fuhr, daß er ihn jählings bis dicht an das Orchestergeläude ansandte.

Das Gedränge ließ aber keine Zeit zu weiteren Erörterungen – die Menge war augenscheinlich fest entschlossen »was Lustiges« zu hören und da auch der Wirth nicht weit von dem Orchesterplatz auf einen Stuhl trat und mit den Armen nach dem Mädchen hinübertelegraphirte – denn überschreien ließ sich der Lärmen nicht, – da drang auch Meier selber in die Tochter und fuhr sie endlich, da sie sich immer noch weigerte, mit rauher unfreundlicher, aber nichts destoweniger unterdrückter Stimme heftig an:

»Donnerwetter, dumme Liese – was stehst Du da und läßt den Kopf hängen wie eine geknickte Levkoye – siehst Du nicht was der Wirth da drüben herüber winkte? Willst Du etwa, daß wir heut Abend hungrig zu Bett gehn sollen? Dunkel wirds auch schon – das fehlte noch, daß D u Dich an zu zieren fingest – da – hier ist der Wisch, Du wirst's wohl eben noch lesen können, - na – wird's?« – Und ein häßlicher Fluch entfuhr seinen Lippen und färbte die Wangen des bleichen Kindes mit höherer Röthe. Der Alte hatte aber indessen die Geige genommen, das Lied präludirt und der Gesang des Mädchens fiel in die absichtlich schrill und komisch gehaltenen Töne des Instruments mit einem Wohllaut ein, der die Worte des faden Liedes Lügen strafte, und von ihren Lippen klang, als ob es wäre auf einer Orgel gespielt worden.

Eine ganze Menge Verse mußte das arme Kind der rohen Zuhörerschaar vorsingen, und nach jedem Refrain jauchzten und jubelten sie, und zugleich stellte sich bei ihr selber der alte fatale Husten wieder ein und gab dem Fleck auf ihren Wangen eine eigene fliegende Röthe. Endlich war das Lied beendet, rauschender Applaus schallte ihr von allen Seiten entgegen, und mit ängstlicher Verbeugung, das Tuch noch fester um sich herziehend, stieg sie die schmalen Stufen herunter, um das Papier dem Eigenthümer wieder zurück zu geben.

Freund Strohwisch stand aber noch immer in wüthenden Applaus versenkt, seinen linken Glacehandschuh hatte er schon im wahren Sinn des Worts geopfert, denn das papageigrüne Leder war, wie ob solcher Behandlung verzweifelt, auseinandergefahren.

»Bravi, bravi – excellentissime!« schrie er dabei kirschroth vor Freude und sein Hut, der ihm grad oben auf dem kurzen struppigen Haar saß, zog sich durch eine eigene Bewegung der Stirnmuskeln, bis fast dicht auf die buschigen Brauen hernieder, so daß seine Augen unter dem Rande wie eine Schildkröte, die sich eben in ihr Schild zurückgezogen hat, hervorsahen. –

»Hier mein Herr!« flüsterte Marie und reichte ihm den zerknitterten Zettel. –

»Ah – vortrefflich – vortrefflich – außgeßeignet« – rief rasch, und sich galant gegen das arme Kind verbeugend, der Ritter im afrikanischen Burnus – »Sie haben wirklich entschiedenes Talent zum Heiteren, mein Fräulein – erlauben Sie, daß ich vielleicht –«

Unter der Hand glitt sie ihm fort und zwischen den Männern hin dem Hause zu, in dessen jetzt schon dunklen Räumen sie verschwand, und Hennig, der, seit er zu dem Stand getreten war, lautlos den Tönen des fremden Mädchens gelauscht hatte, wandte sich langsam nach seinem Gefährten um und verließ mit diesem die Menge.

»Das arme Kind« brach Kraft endlich das Schweigen – »scheint auch bessere Tage gesehen zu haben – es ist gar hartes und saueres Brod den Leuten etwas vorzusingen und zu spielen, wenn's Einem gleich gar nicht wie singen und spielen um's Herz ist – wenn mich das ungewisse Abendlicht nicht getäuscht hat, so ist die Arme auch noch dazu krank, oder wenigstens schwach und leidend, was für eine gottvolle Stimme sie hat; o wie müßte die singen können, wenn's ihr so recht aus voller jubelnder Brust herausquölle und nicht – durch ein kaltes, todtes Maschinen- und Räderwerk herausgetrieben würde.«

»Kraft« sagte Hennig und legte seine Hand auf dessen Arm – »ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich das letzte Lied ergriffen hat.«

»Das l e t z t e ? Das fade humoristisch sein sollende Ding?« sagte der alte Schulmeister erstaunt.

»Ergriffen« fuhr Hennig fort »weil ich mich dabei des Gedankens nicht erwehren konnte, es sei so, als ob man eine Leiche schlage.«

»Das soll in Rußland noch manchmal vorkommen, wenn der zur Knute Verurtheilte unter den Streichen stirbt und die ihm zugetheilte Quantität doch empfangen muß« erwiederte Jener zusammenschaudernd – »brrrr, mir läufts eiskalt dabei über den Rücken hinunter – das ist ja ein fürchterlicher Vergleich!«

»Das arme Mädchen sollte etwas ›Lustiges‹ singen, weil der langweilige Gesell vor ihr wahrscheinlich eins seiner eigenen Produkte, oder irgend etwas Aehnliches vorgetragen wünschte, und wenn ihr auch das Herz vor innerem Weh zu brechen drohte, die Lippen mußten dem wässrigen Liede Worte geben. – Heiliger Gott, ich fühle ordentlich, wie ihr das in die Seele schnitt.«

»Auch mir fiel der ernste Ausdruck des Mädchens bei dem Liede auf« sagte Kraft, »aber ich schrieb ihn mehr der gleichgültigen Gewohnheit des täglich Vorkommenden zu. – Doch – alle Wetter – was giebt es da? – – Wahrhaftig, des Doctor Levi Stimme, der wahrscheinlich wieder eine seiner Philippiken gegen Gott und die Welt vom Stapel laufen läßt?«

»Der Doctor scheint es allerdings zu sein« rief Hennig – »hier muß aber etwas Ernstes vorgefallen sein – das Volk ist so aufgeregt, wie ich es noch nie gesehen.«

Die Männer schritten rasch einem dichten Menschenknäul näher, der durch immer neu hinzuströmende Massen mit jedem Augenblick mehr anzuschwellen schien. Aus diesem aber drang ihnen bald in verworrenen Stimmen der Ruf entgegen – » D a s M i n i s t e r i u m h a t a b g e d a n k t« und Einer jauchzte es dem anderen zu, Einer nahm von den Lippen des Anderen die willkommene Kunde; denn was die Herzen der Jugend mit lauter jubelnder Siegeslust erfüllte, das fachte selbst in den Herzen der älteren Männer freudige, kaum geträumte Hoffnungen an. Es war für sie, für ihr Land das erste Zeichen der siegreichen Revolution und mit dem Sturz der verhaßten glaubten sie nun auch eine bessere Zeit erwarten zu dürfen.

Ein Mann aber vor allen Uebrigen schien förmlich außer sich vor lauter Jubel und Siegeslust, und das war der Doctor Levi. – Vor dem Tanzsaal, in der zweiten Abtheilung des Gartens, hatte er sich in die auszweigende Gabel eines knorrigen Apfelbaums geschwungen, und mit seiner weitgellenden, dünnen, lispelnden Stimme, welche von der telegraphenartigen Bewegung der Arme würdig accompagnirt wurde, schleuderte er seine Ideenfülle in die, über solchen Eifer fast noch mehr als über die Nachricht erstaunte Schaar der Bauern hinaus. Ueber die erduldete Schmach sprach er, die bis jetzt den Namen Deutschlands geschändet hätte, über die kommende Größe Deutschlands jubelte er, über seine Einigkeit und seinen Sieg, über den Phönix, der aus der lodernden Gluth der Knechtschaft erstanden sei, und sich nun in erneuter Jugendschöne dem freien reinen Aether entgegenschwingen werde.

Die Bauern verstanden keinen Satz davon, aber die Worte Sieg, Knechtschaft, erduldete Schmach etc. etc. gaben ihnen einen ungefähren Begriff von dem, was eigentlich gemeint sei, und ein lautes donnerndes Hurrah – sie hatten sich lange nicht so herzhaft schreien hören – füllte jede Pause, in der der kleine hitzige Mann für einen Moment rasten mußte, um nur wieder Athem zu schöpfen und frische Kräfte zu sammeln.

Von dem Lärmen angelockt, strömten immer mehr Männer und auch Frauen aus dem Dorfe herbei und die Versammlung wuchs so von Minute zu Minute. Unterdessen geschah aber in Horneck selber etwas, das seiner Bewohner Interesse noch fast mehr in Anspruch nahm als selbst die Ministerkrisis, da es den Leuten gewissermaßen vor der eigenen Thüre passirte, und sie selber mithandelnde Personen oder doch Zuschauer sein konnten. Dazu muß ich aber etwas weiter ausholen und will deshalb ein anderes Kapitel beginnen.