Pfarre und Schule: Erster Band
Zwölftes Kapitel. Die Gutsherrschaft.
Zwölftes Kapitel.
Die Gutsherrschaft.
Die Kirche war eben ausgelauten und die frommen Leute, die den Nachmittagsgottesdienst beigewohnt, gingen raschen Schrittes zu Hause und freuten sich den ganzen Weg auf die braune Kaffeekanne, die, wie sie recht gut wußten, jetzt in der verschlossenen Röhre stand und zischte und brodelte. Die fröhliche Knabenschaar sprang jauchzend über den grünen Plan und neckte und tollte in muthwilligem sprudelnden Jugendmuthe, während die Mädchen, verschämt unter sich kichernd und lachend, zwei und zwei gar züchtig den Steg hielten, und sich erst da trennten, wo die Pfade links und rechts und gerade aus nach den verschiedenen Theilen des Dorfes hinunter führten.
Auch Fritz, des Jägers Sohn, schritt raschen Schrittes zwischen ihnen hin, aber nicht aus der Kirche kam er, denn die Doppelflinte hing ihm auf der Schulter, und auch nicht freundlich, wie er sonst gewohnt, nickte er herüber und hinüber, sondern mürrisch und augenscheinlich mit recht finsteren, ärgerlichen Gedanken beschäftigt, eilte er, ohne aufzusehn von seinem Pfad, oder das herzliche und oft gerufene »Gott griß Uech« auch nur einmal anders als mit stummem Kopfnicken zu beantworten, rasch den steilen Seitenpfad zum Gut hinunter, über den Hof hin und stand bald darauf im Vorsaal des hohen höchst elegant eingerichteten Gebäudes, das der Eigenthümer des Rittergutes im Sommer regelmäßig, manchmal aber auch sogar den ganzen Winter hindurch bewohnte.
»Ist Herr von Gaulitz zu Hause,« frug er hier einen grämlichen Bedienten, der mit einem ganzen Arm voll Teller gerade aus der Stube kam.
»Bei Tische,« lautete die lakonische, mürrisch genug gegebene Antwort des Alten, der, ohne den »Grünrock«, wie er ihn unten in der Küche titulirte, weiter eines Blickes zu würdigen, langsam und gravitätisch durch die andere Thüre verschwand.
»Das fehlte auch noch,« murmelte Fritz, ging zum Fenster, setzte sich dort auf den Sims und stellte, den Kopf müde an den eingeklappten Laden stützend, die Flinte zwischen seine Knie, wo er sie bequem mit der Hand halten konnte. Der Bediente kam indeß wieder zurück, ging in die Stube, kam nach etwa einer halben Stunde zum zweiten Male heraus und blieb jetzt, nachdem er durch kurze Seitenblicke vergebens gesucht hatte, die Aufmerksamkeit des jungen, geduldig harrenden, aber ganz mit seinen Gedanken beschäftigten Jägersmannes auf sich zu lenken, dicht vor diesem stehen und sagte mit scharfer, näselnder Stimme und mit recht hämischem Tone:
»Der junge Herr hat wohl gar nichts weiter zu thun?«
»Nein,« erwiederte trocken dieser, ohne seine Stellung im Mindesten zu verändern, oder auch nur den Kopf nach dem Frager herumzudrehn.
»Hm – verdammt kurz angebunden,« knurrte der Bediente und maß den Jäger mit tückischem Blicke – »hat wohl heute einmal gefällig Nichts zu betteln von der gnädigen Herrschaft.«
Fritz antwortete Nichts, nur die Finger seiner einen Hand umklammerten den Flintenlauf etwas fester, während er mit der anderen einen raschen Marsch auf dem Fensterbrete trommelte.
»Hat sich auch die Stiefeln wieder nicht abgetreten, der Mosje,« fuhr der Alte, augenscheinlich eine Ursache zum Streit suchend, fort, »und schmiert die fettige Mütze an der weiß und sauber lackirten Wand herum – wir sind hier nicht in der Schenke.«
»Wären wir's,« fuhr aber jetzt der heute überdies nicht gut gelaunte Jäger auf, dem die Geduld doch endlich riß – »so solltest Du sehen, Molch Du, wie ich Dir das ungewaschene Schandmaul stopfte.«
»Alle Wetter!« rief der greise Bediente, vor diesem unerwarteten Angriff zurückprallend.
»Was giebt's da wieder?« sagte aber in diesem Augenblicke die Stimme des Gutsbesitzers und Oberpostdirectors von Gaulitz, »könnt Ihr denn nicht die paar Minuten, die Ihr hier zusammenkommt, in Ruh' und Frieden verbringen? – Komm herein, Fritz, und Du Peter bekümmerst Dich um Deine Teller und Schüsseln und treibst Dich künftig nicht auf dem Gange hier herum, wenn Du anderweit zu thun hast.«
Er trat rasch in das Zimmer zurück und der Jägerbursche, der seine Flinte vorher in die Fensterecke gelehnt hatte, folgte ihm dort hinein und blieb auf der Schwelle stehen.
»Laß mir den Alten in Ruh',« redete ihn hier, gleich beim Eintritt, der gestrenge Herr von Gaulitz an – »Du hast fortwährend an ihm herumzuhäkeln.«
»Halten zu Gnaden,« platzte Fritz heraus – »der alte Schuft peinigt mich, wo er mich sieht, bis auf's Blut, weil ich seinen Sohn Karl bei Schulmeisters –«
»Ich verbitte mir in meiner Gegenwart alle Schimpfworte,« sagte der Herr scharf und streng, »und Ruhe jetzt – ich habe nicht Deine Anklagen hören, sondern Dir nur die Wiederholung der Excesse verbieten wollen. Ich habe Dich wegen zweierlei rufen lassen.«
»Eure Gnaden zu Befehl,« sagte der Jäger, der nur mit Mühe den gewaltsam aufdrängenden Unmuth verbiß.
»Zuerst,« fuhr der Oberpostdirector fort, »hat der Herr Pastor Scheidler heute erst und zwar wiederholt Klage über Dich geführt, daß Du die Kirche nicht allein regelmäßig versäumst, sondern Deine Frechheit sogar noch so weit treibst, mit der Flinte auf dem Rücken unter seinen Fenstern vorüber zu gehen.«
»Herr Oberpostdirector.«
»Ruhe jetzt – ich will Dich nicht erst darauf aufmerksam machen, wie es schon um Deiner Seelen Heil willen nothwendig wäre, daß Du die Predigt anhörtest und in Dein sündhaftes Herz aufnähmest – Dein Schulmeister hätte Dich das schon von Kindheit auf lehren müssen, wenn der Religionsunterricht nicht gerade durch die Lehrer auf wahrhaft traurige Weise vernachlässigt würde. Nur ermahnt möchte ich Dich hiermit haben, in Gottes und Christi Namen, seinem Rufe zu folgen – meide die Schenke und andere böse Gelüste, die der Versucher Dir entgegen halten könnte und blicke hinauf zum Herrn, der da ist die Liebe und die Herrlichkeit – Amen!«
Der Jäger erwiederte kein Wort und sah nur still und finster vor sich nieder, Herr von Gaulitz aber ging mit andächtig gefalteten Händen ein paar Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor Fritz Holke stehen, sah ihm fest in's Gesicht und fuhr fort:
»Das Andere, wegen dessen ich Dich zu sprechen verlangte, ist die Wilddieberei – der junge Poller hat heute Morgen ein krankes und ein verendetes Reh im Walde gefunden und ist zwei fremden Burschen mit Büchsen begegnet, die sich, wie er mich versichert, nicht einmal sehr vor ihm gescheut hätten, sondern so ruhig ihre Straße gegangen wären, als ob sie auf den gesetzlichsten Wegen wandelten. Das muß mir anders werden, Fritz, oder Ihr, Dein Vater und Du und ich, wir bleiben keine guten Freunde.«
»Halten zu Gnaden, Herr Oberpostdirector,« sagte Fritz jetzt, als der gestrenge Herr schwieg und finster nach ihm hinüberschaute – »die Wilddieberei im Holze i s t schlimm, und der Vater und ich wissen das alle Beide gut genug, wir liegen aber auch Tag und Nacht im Holze und an den Holzrändern herum und thun unser Bestes, dem Uebel zu steuern. Ganz es zu heben ist aber uns zweien nicht möglich, das Revier ist zu groß, und die Rausche, die es noch dazu in zwei Theile schneidet, macht es manchmal zur Unmöglichkeit, an allen bedrohten Stellen zugleich zu sein. Wären es übrigens ordentliche Wilddiebe, die regelmäßig hinausgehen und ihr Reh todtschießen, so bliebe das immer schlimm genug, sie thäten aber nicht so großen Schaden und ließen sich auch endlich ausspüren und aufheben, oder doch wenigstens verscheuchen, so aber laufen die Bauern selber mit alten Schrot- und Communalflinten, in die sie klares Zeug laden, draußen herum, knallen auf Alles, was ihnen vorkommt und flicken Rikke und Kalb an, daß es später im Walde elendiglich verkommen muß. Schneidet man dann einmal so einem Burschen den Weg ab und kann er zuletzt gar nicht mehr fort, so wirft er seine alte Flinte, die des Aufhebens gewöhnlich nicht werth ist, in den nächsten Busch und leugnet nun Stein und Bein, selbst einen Schuß gehört zu haben; er ist meistens auch auf seinem eigenen Grund und Boden, und weiß recht gut, daß sich solcher Art nichts gegen ihn ausrichten läßt.«
»Das ist ja eine recht erfreuliche Botschaft,« sagte der Oberpostdirector mürrisch – »da halte ich zwei ausgelernte Jäger, einen alten und einen jungen auf meinem Gute, und muß nun hören, daß die mir ganz aufrichtig und ungenirt melden, die Wilddieberei nehme so überhand, daß es i h n e n selbst zu arg würde. Ei zum – mit Verlaub, mein Bursche, i c h soll wohl hinausgehen und Euch die Wilddiebe forttreiben, damit Ihr bequemer schlafen könnt.«
»Bitt' um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte Fritz, »das Holz hat fünf Stunden im Umfang und die Rausche nöthigt schon, daß Einer gewöhnlich an jedem Ufer bleiben muß. Eure Gnaden wissen dabei recht gut, wie es die Holzdiebe schon einmal im vorigen Jahre meinem Vater gemacht haben, den sie, weil er allein zwischen sie kam, an einen Baum banden, und die ganze Nacht in der Kälte stehen ließen. In diesem Jahre aber, und nach den Vorfällen in Berlin und Wien, ist mit den Leuten noch weit weniger auszukommen als früher. Heute Morgen traf ich zum Beispiel unten in der Rauschenmühle ein paar Bauern, die mir ganz rund heraus erklärten: die Leute aus der Stadt, die sie zu Abgeordneten wählen wollten, hätten sie versichert, auf ihren eigenen Feldern und in ihren eigenen Gehölzen seien sie nicht allein berechtigt zu jagen, sondern es würde auch in kürzester Zeit ein Gesetz herauskommen, das es ihnen in Wirklichkeit zuspräche, und nächstens gingen sie daher selbst in's Holz und schössen todt, was ihnen in den Weg käme. Ich möchte nun gleich bei Eure Gnaden anfragen, wie ich mich in einem solchen Falle zu verhalten habe, und ob es da doch nicht besser wäre, wenn wir noch ein paar Mann zum Forstschutz herbekämen.«
»Forstschutz? – Das fehlte mir auch noch,« rief der Oberpostdirector, der indessen seinen Geschwindmarsch auf und ab ununterbrochen fortgesetzt hatte, und nun jetzt vor dem Jägersmanne mit finsteren Blicken stehen blieb – »noch mehr Faulenzer ernähren, um die anderen in ihrem Müßiggange zu bestärken, nicht wahr? – Nein, dafür giebt's andere Mittel, wer sich auf meinem Reviere blicken und beim Wilddieben ertappen läßt, dem schießt Du eine Ladung Schrot auf den Pelz. Zum Henker, man muß der Canaille nur einmal zeigen, daß man Ernst macht. Das verwünschte Nachgeben hat schon viel zu viel Unheil angerichtet. Uebrigens habe ich von unserem Ministerium die Nachricht, daß es nach Sockwitz, wo sich erst neulich bedauerliche Zeichen von Anarchie kund gethan, eine Compagnie von der Linie verlegen wolle; das wird die Kerle schon Jesum Christum erkennen lassen.«
»Euer Gnaden,« warf hier der Jäger ein, und spielte verlegen mit dem Genickfängergriffe, der ihm am Gürtel stak – »es ist das mit dem Schießen so eine eigene Sache; todt kann man doch die Menschen eines gestohlenen Hasens oder Rehes wegen nicht gut schießen, und krank? – Flick' ich einem Bauer die Beine mit No. fünf oder sechs an, so vergißt er mir das in seinem ganzen Leben nicht und – würde das Alles wahr, was jetzt die Leute – selbst der Diaconus und der Doctor – von Frankfurt reden, dann bekämen sie sogar das R e c h t dazu, und nachher könnte unser Einer gar sehen, wo er bliebe, wenn er das ganze Dorf zum Feinde hätte.«
»Nun jetzt hab ich's satt!« rief eben der Gutsherr, der mit immer wachsendem Staunen und Zorn eine solche Neuerungsrede von den Lippen seines Untergebenen gehört hatte – »Was untersteht Er sich! – Er will hier als Jäger dem wilddiebischen Gesindel wohl auch gar noch die Brücke treten? – und was den Diaconus und den Doctor betrifft, so werd' ich mich nach denen näher erkundigen. Potz Donner und Blitzen, das hat mir noch gefehlt.«
»Aber Euer Gnaden, so war es doch gar nicht gemeint, ich wollte ja nur –«
»Nun ich will Dir's wünschen, daß ich Dich falsch verstanden habe. Jetzt fort, wo Du hingehörst, und daß Ihr mir bald Meldung von einem eingefangenen oder bestraften Wilddiebe macht, oder – ich mache Euch für das verlorene Wild verantwortlich. Wo steckt Dein Vater heute?«
»Er ist heute über der Rausche drüben, die Vorbereitung zur Auction der Stockklaftern und Haufen zu treffen, die wir von den, für die Eisenbahn gelieferten Stämmen übrig behalten haben.«
»Aha – also nicht geschont – nur einmal E i n e m der Bande die Jacke recht tüchtig voll geschossen, und die Uebrigen lassen sich das schon eine Warnung sein – i c h vertret' es.«
Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Bediente trat herein.
»Mein Karl ist draußen, Euer Gnaden, er hätte etwas zu melden.«
»Ich empfehle mich, Euer Gnaden« sagte Fritz, und wollte sich entfernen.
»Soll herein kommen – halt, noch Eins, Holke, wie ist denn das gestern Abend mit dem Flüchtling abgelaufen? – Habt Ihr keine Spur wieder von ihm gefunden?«
»Nicht das Mindeste, bis zu Pastors Obstgarten hatten wir ihn getrieben, denn als wir später die Hunde hinein brachten, wurden die laut, und es ließ sich nicht verkennen, daß etwas darin gewesen war; er muß aber zurückgewechselt sein, denn die ausgestellten Posten haben gar Nichts von ihm gesehen. Uebrigens soll er die jungen Damen, wie ich ganz bestimmt weiß, gar nicht angefallen, sondern nur angeredet haben; Fräulein Sophie Scheidler hat das selbst gesagt.«
Die Thür ging auf, und Karl Poller, der Sohn des alten Bedienten, ein bleicher, hagerer junger Mensch mit grünen Augen und dünnen, fast weißen Haaren, trat mit einer tiefen Verbeugung ein, und blieb dann, die Mütze in der Hand drehend, auf der Schwelle neben Fritz Holke stehen. Er that, als wenn er den Jägerburschen gar nicht sähe.
»Nun, Karl, wie ist's? – richtige Fährte?«
»Alles in Ordnung,« grinzte, mit widerlichem Lachen der Angeredete, »der Fuchs steckt richtig im Loch drinnen, ich hab' ihn nicht allein gehört, sondern sogar mit leibhaftigen Augen gesehen.«
»Wahrhaftig? – gut! – herrlich! – dann dürfen wir aber ja keine Zeit verlieren, ihn abzufangen – ruf' mir den Gerichtsschreiber herauf, Karl, rasch – er soll im grünen Zimmer auf mich warten –«
»Sehr wohl, Euer Gnaden,« erwiederte der Bursche, und schwenkte mit rascher Bereitwilligkeit rechts um, blieb jedoch noch einmal stehen und sagte zögernd –
»Bis Dunkelwerden möchten wir aber doch wohl damit warten – ich weiß nicht, die Bauern haben in letzter Zeit ganz andere Reden geführt wie früher.«
»Von denen haben wir Nichts zu fürchten,« lachte der Gutsherr höhnisch, »die hat mir der Pastor so unter der Fuchtel, daß sie sich hüten werden, ein Wort in meine Gerichtsbarkeit hinein zu werfen, doch es mag sein, also nach Dunkelwerden. Allons, marsch!«
Der Bleiche glitt wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus, Fritz aber, der zuerst bei dem tölpischen Jagdvergleich desselben verächtlich die Nase gerümpft hatte, konnte doch nicht umhin, der späteren Verhandlung, die jedenfalls irgend ein wichtiges Ereigniß betraf, aufmerksamer zu horchen. Herr von Gaulitz ließ ihn jedoch nicht lange über das, was er bis dahin nur zu errathen gesucht hatte, in Zweifel.
»Siehst Du?« – sagte er, als sich die Thür hinter dem Burschen schloß – »die haben bessere Nasen, als Ihr Jäger mit allen Euren Treibern – die wissen, wo der Flüchtige zu Bau gegangen ist!«
»Wer? – Der, den wir aus dem Walde getrieben?« rief Fritz erstaunt.
»Allerdings, und heute Abend soll er ein sichereres Quartier haben, als sein jetziges ist. Du aber, Fritz, magst ebenfalls in der Nähe bleiben, bis sie den Gefangenen eingebracht haben; nicht etwa, daß ich glaubte er würde sich zur Wehr setzen, oder daß ich irgend eine andere Gewaltthat befürchtete, aber – es ist doch besser. Nach Dunkelwerden sollen sie ihn bringen, und jetzt geh einmal indessen hinauf zum Pastor, und bestell' dort, ich ließe ihn bitten, zum Kaffee herunter zu kommen, seine Tochter, die heute bei uns gegessen hat, bleibt auch noch unten – ich hätte etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen.«
»Sehr wohl, Euer Gnaden –«
»Also Holke!«
»Zu Befehl, Euer Gnaden!«
»Haltet mir die Bauern unter; find ich oder Jemand Anderes wieder ein angeschossenes oder verendetes Stück im Walde, ohne daß der Thäter, wenn nicht bestraft, doch angezeigt wäre, so könnt Ihr Euch Beide freuen – Du und Dein Vater –«
Der Jäger erwiederte Nichts weiter darauf, sondern verbeugte sich nur, und verließ das Zimmer.
Als sich der Oberpostdirector gerade wandte, um in den Speisesaal zurück zu kehren, trat der alte Poller mit einer riesigen Kaffeemaschine herein, und hinter ihm her kam die Wirthschaftsmamsell mit zwei Körbchen voll Gebackenem.
»Ist der Bote noch nicht aus der Stadt zurück?« frug Herr von Gaulitz diese.
»Nein, Euer Gnaden,« lautete die Antwort, »er wird auch wohl vor Dunkelwerden gar nicht hier sein können.«
»Wer war denn das Mädchen, welches da eben über den Hof ging? – Hat der Gerichtshalter etwas herüber sagen lassen?«
»Nein, Euer Gnaden, es war das Mädchen der Frau Kommerzienräthin Schütte, die sich hat erkundigen lassen, ob die gnädige Frau heut' Nachmittag zu Hause blieben, und ob sie störten, wenn Sie ein Bischen herüber kämen.«
»Herr, Du mein Gott!« seufzte der Oberpostdirector halblaut vor sich hin – »das wird ein angenehmer Nachmittag werden – nun fehlte mir nur noch unser tägliches Brod – der Literat Strohwisch.«
Das Mädchen, dem die Worte nicht entgangen waren, lächelte und verschwand gleich darauf mit ihrem Backwerk im anderen Zimmer, wo indessen die Damen um den großen runden, mit weicher Damastdecke überhangenen Eichentisch Platz genommen hatten.
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.