Puppets of destiny
Puppets of destiny
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Antonia Stober
Dieses Buch widme ich all meinen Freunden, die mir in der
schweren Zeit sehr geholfen haben und einfach immer für mich da
waren. Danke <3
Vorwort
Wie lange kann man ein menschliches Gehirn umgehen und ihm das unaufhaltsame Ende eines unerfüllbaren Traumes enthalten? Auch wenn man es ständig mit neuen Hoffnungen zum Durchhalten zwingt – irgendwann realisieren wir, dass es keinen Sinn mehr hat weiterzukämpfen, seine gesamte Energie in etwas zu stecken, was nie wahr werden würde.
Manche Menschen fragen immer: Ist Liebeskummer wirklich so schlimm wie man immer sagt? Es ist noch schlimmer. Man trägt in sich einen unvorstellbaren Schmerz, der einem nicht genommen werden kann. Nichts scheint mehr lebenswert. Jeden Tag denselben Kummer, man ertrinkt in seinen eigenen Tränen und verschließt sich den anderen Menschen gegenüber. Die schlaflosen Nächte zählen zu den schlimmsten. Man liegt Ewigkeiten wach, lauscht der Stille und hört sein eigens Schluchzen. Und irgendwann blickt man aus dem Fenster in den Sternenhimmel und wünscht sich das Unerreichbare wieder herbei. Immer und immer wieder.
Der Mensch ist wie ein Uhrwerk. Im gleichmäßigen Rhythmus arbeiten wir die verschiedenen Punkte unseres Tages ab. Unser Herz schlägt zuverlässig wie ein Zeiger. Wir stehen auf, ziehen uns an, gehen ins Bad, essen etwas und verlassen dann in aller Hast das Haus um unseren Verpflichtungen nachzugehen. Sei es die Arbeit oder die Schule.
Wir sind einfach und leicht berechenbar. Unser Tagesmuster wiederholt sich jeden Tag, das Leben wird eintönig. Doch wenn irgendetwas Ungewöhnliches passiert, wirft es uns völlig aus der Bahn, wir kommen aus dem Takt und unser Ablauf bricht zusammen. Wir tun Dinge, die unerklärlich sind, haben uns und unsere Gefühle und Gedanken nicht mehr im Griff, werden leicht zum Opfer von Verletzungen und Enttäuschungen. Wir können nicht voraussehen, wie unser Körper reagieren wird…und doch ist es ein aufregendes Gefühl in die Welt voller Ungewissheit, Überraschungen und Abenteuer einzutauchen, uns einfach treiben zu lassen, wie ein Floß von den Bewegungen des Meeres. Auf diesem Weg werden wir begleitet von Gefühlen – schlechten wie guten. Wir werden um Erfahrungen reicher und sehen, was Abwechslung ist und kommen aus unserem Alltagstrott heraus. Doch wenn man einmal beschlossen hat in diese Welt einzusteigen, kommt man so schnell nicht mehr heraus. Wir können nicht wieder flüchten, sobald etwas nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir können vor unseren Ängsten und Gefühlen nicht wegrennen, denn sie holen uns irgendwann wieder ein. Wir müssen lernen, mit der jetzigen Situation umzugehen, ob wir daran scheitern liegt an uns selbst. Es dauert lange, bis man aus diesem Gefühlschaos wieder herauskommt – manche schaffen es, andere nicht. Unsere Gefühle fahren Achterbahn, es geht hinauf und auch wieder hinunter, unsere Gedanken fahren Karussell. Diesen Zustand nennt man Liebeskummer. Einige haben es schon durchgemacht, andere stecken mitten drin und dem Rest ist er noch vorenthalten worden. Doch es trifft uns alle einmal…jeden holt er ein und zieht ihn in seinen Bann…irgendwann.
Ich fühle, wie etwas Salziges meine Wangen hinunterläuft und im selben Moment vernehme ich ein klagendes Geräusch – mein eigenes Schluchzen. Die Tinte auf dem Blatt Papier verläuft und mein Herz hört immer noch nicht auf zu bluten. Die Tränen rollen immer schneller und unkontrollierter, das Schluchzen wird lauter, der Schmerz immer größer, die Gefühle immer stärker, die Gedanken immer wilder…
1. Kapitel
Ärgerlich klappte Isabella ihr Biologiebuch zu und wischte sich mit dem Handrücken ein paar Schweißperlen von der Stirn. Sie stützte den Kopf in die Hände, starrte auf den noch schwarzen Bildschirm ihres Laptops und war einen flüchtigen Blick auf ihren Wecker, der auf ihrem Nachttisch aus hellem Buchenholz stand. Genervt rollte sie mit ihren blauen Augen.
„Jetzt habe ich den halben Nachmittag mit dieser blödsinnigen Lernerei verbracht!“
Wie sie diesen Stress und diese Hektik vor den Sommerferien doch hasste. Anscheinend waren Lehrer nicht sehr begabt in Sachen Organisation, sonst würden sie wohl schlecht alle Klassenarbeitstermine in die letzten drei Wochen quetschen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Lehrer wirklich so faul waren. Monate und Wochen davor keine einzige Arbeit und dann kam alles wie eine riesen große Ozeanwelle, es war wie die Ruhe vor dem großen Sturm. Welcher normale Mensch konnte sich schon bei über dreißig Grad im Schatten in einem Zimmer aufhalten und versuchen, den trockenen Schulstoff in sein Gehirn zu bekommen, ohne wahnsinnig zu werden? Es wurde Zeit, dass die Ferien endlich anbrachen. Sie war durch und durch Ferienreif – ruhige und erholsame Ferien waren genau das, was Isabella jetzt brauchte. Wo man den ganzen Tag einfach spontan planen konnte, ohne dass man sich überlegen musste, wann man noch Zeit hatte, die Hausaufgaben zu machen oder für eine Arbeit zu lernen. Schnell lenkte Isabella ihre Gedanken in eine andere Richtung. Da sie schon den halben Nachmittag für die Schule geopfert hatte, wollte sie die restliche kostbare Zeit, die ihr noch blieb, nicht auch noch dafür verschwenden darüber nachzudenken, warum das Leben ungerecht war.
…warum das Leben ungerecht war!
Bei diesen Worten musste Isabella schmunzeln. Ihrer Meinung nach hörte sich das so an, als müsste man sich über alles und jeden beschweren, doch eigentlich hatte sie gar keinen Grund dazu. Sie war eine Schülerin, die sich nicht viel Sorgen um ihre Noten im Zeugnis machen musste, hatte zwei eigene Pferde und verständnisvolle Eltern – was wollte sie mehr? Ihr Leben was so gut wie perfekt – abgesehen von ein paar Rissen. Aber die Aussicht auf sechs freie Schulwochen, in denen sie die ganze Zeit ihrem Lieblingshobby nachgehen konnte, machte das wieder wett. So riss sie sich nun ein letztes Mal zusammen, stopfte das grüne Schulbuch in ihre Schultasche, um es nicht noch weiter in ihrer Optik zu haben und fuhr ihren Laptop hoch. Als das leise Startsignal erklang und das angenehme Surren einsetzte, entspannte sie sich sofort. Immer, wenn sie im Internet war, konnte sie so richtig abschalten und in eine virtuelle Welt eintauchen – eine Welt voller unbegrenzter Möglichkeiten, eine Welt voller bunter Farben und klangvoller Musik, gewürzt mit einer Portion herausfordernden und freundlichen Chatnachrichten und nicht zu vergessen, den ironischen Bemerkungen.
Ja, die liebe Ironie, unser ständiger Begleiter. Isabella seufzte. Es gab so viel Menschen, die Ironie nicht verstanden oder herauslesen konnten. Dabei war doch Ironie genau das, was die vielen langweiligen und eintönigen Chats zu etwas besonderem machten, die uns die Laune am Chatten erhielt und uns immer wieder ein kleines Lächeln entlockte, wenn man den eigentlichen Sinn entdeckt hatte.
Sie loggte sich schnell in ihren Account und wartete geduldig, bis ihr zuverlässiger, schon etwas älterer Laptop die Seite geladen hatte. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Holzplatte herum, als der Ladevorgang ständig stoppte.
Isabella schloss für einen kurzen Moment die Augen und musste lächeln, als sie an die Worte ihrer Mutter dachte: „Ich möchte nicht wissen, was du ohne die Erfindung des Computers machen würdest, du bist ja schon süchtig.“ Aber ihre Mutter verstand das nicht. Im Chat konnte sie Kontakt zur Außenwelt aufnehmen und so erfahren, was die neuesten Gerüchte waren, wer mit wem zusammen war oder andere bedeutende Dinge, die für Teenager unglaublich wichtig waren, für Erwachsene jedoch völlig unverständlich. . Wenn man den ganzen Tag bei den Pferden war, konnte man ja schlecht auf dem Laufenden in allen möglichen Bereichen sein und genau deshalb musste das Internet herhalten.
Konnte man das schon als Sucht bezeichnen? Nein – wenn, dann war das der Drang nach Informationen oder freundschaftlichen Gesprächen, die sie jeden Tag aufs Neue an den PC trieben. „Herzlich willkommen Isa96. Sie haben zwanzig neue Nachrichten!“
Die hohe Frauenstimme der Community holte Isabella aus ihren Gedanken und ihr Blick richtete sich erneut auf den Bildschirm. Ein blinkender Briefumschlag rechts oben in der Ecke machte sie höflicher weise auf ihren vollen Briefkasten aufmerksam. „Du bist so aufdringlich, dass es schon fast an Unverschämtheit grenzt“, bemerkte Isa leicht grinsend und öffnete schnell ihren Briefkasten, damit dieser aufhören konnte, unentwegt zu blinken. Mit geübtem Blick überflog sie die Absender der Nachrichten und pickte sich die wichtigsten heraus.
Sie hatte ihr eigenes Spezialsystem, was die Reihenfolge anging. Als erstes wurden all die Nachrichten beantwortet, die von ihren engsten Freunden waren, erst dann kamen die übrigen, die sich im Nachhinein immer als völlig unnötig herausstellten – Messages aus Langeweile, die keinen bestimmten Hintergrund besaßen, die so leer waren, dass man locker hätte durchsehen können. Ein plötzliches Vibrieren in ihrer Hosentasche hielt Isa davon ab, die erste Message zu beantworten. Geschickt zog sie ihr Handy heraus und schaute auf den Display: Sonja leuchtete in großen Druckbuchstaben auf und ein Kontaktbild, das sie beide im letzten Sommer zeigte, wurde eingeblendet.
„Hey Sonja, was gibt’s?“, meldete sich Isa und begann auf einem Blatt Papier herumzukritzeln.
Das war eine der Angewohnheiten, die ihre Mutter nicht gerne sah. Jedes Mal, wenn sie fertig mit Telefonieren war, hatte sie fast einen halben Notizblock oder unzählige kleine Zettel verbraucht. Frau Berger beklagte sich immer, dass nie ein Blatt Papier da war, wenn man es wirklich brauchte. Neuerdings hatte sie schon begonnen, einzelne Blöcke in der Nähe des Telefons zu verstecken, damit sie nach dem Telefonat nicht mit unerkennbaren Zeichnungen übersät waren.
„Hey Isa. Muss es denn einen bestimmten Hintergrund haben, damit ich meine beste Freundin anrufen kann?“ Isa verkniff sich grinsend eine Antwort. Natürlich gab es für Sonjas Anruf einen triftigen Grund. Wenn sie anrief, ohne dass sie es vorher verabredet hatten, steckte immer etwas dahinter – dachte sie jedenfalls.
„…aber du hast ja Recht – ich bräuchte ein Date mit deiner kreativen Ader“, gab Sonja nach einer kurzen Pause zu. In ihrer Stimme schwang ein komischer Unterton aus Belustigung und Hilfe mit. Isa war für einen kurzen Moment ziemlich verwirrt. Von was für einer kreativen Ader war hier die Rede und für was brauchte Sonja ihre Hilfe? Ihr Blick wanderte hilfesuchend durch ihr Zimmer in der Hoffnung, hier die Antwort auf den Hilferuf ihrer Freundin zu finden. Ihr Blick blieb an ihrem Wandkalender hängen. Natürlich – Sonja hatte bald Geburtstag.
„Hoffentlich finde ich noch einen freien Termin für dich, denn meine kreative Ader ist sehr gefragt!“, zwitscherte Isa in den Hörer und wartete auf die Reaktion von Sonja.
„Also Isa, ich bitte dich. Da ich fast in der Blüte der Jugend stehe und mich rechtzeitig angemeldet habe, verlange ich einen Ehrentermin!“
Blüte der Jugend? Isa begann zu kichern. Sonja hatte vielleicht eine Ausdrucksweise! Doch gleichzeitig beneidete sie ihre Freundin darum. Bald würde sie ihren sechzehnten Geburtstag feiern. Isa mit ihren schlappen vierzehn konnte da nicht mehr mithalten. „Ich werde versuchen es möglich zu machen“, stimmte Isa zu und versuchte möglichst ernst zu klingen, was gleichzeitig einen erneuten Kicheranfall bei Sonja hervorrief. Kaum zu glauben, dass sie zwei Jahre älter war, als sie selbst. „Aber mal im Ernst. Was schwebt dir denn vor?“, versuchte Isa das Thema wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Am anderen Ende der Leitung räusperte sich Sonja, dann hörte man leises Knacken.
„Ich habe mir gedacht, dass wir vielleicht originelle Geburtstagseinladungen verteilen, handgemacht versteht sich. Ich finde das verbindlicher als eine mündliche Einladung.“ Isa nickte. Das war eine nette Idee und bestimmt lustig, sie umzusetzen.
Obwohl sie noch keinen festen Termin ausgemacht hatten, an dem sie die Karten entwerfen und eine Gästeliste zusammenstellen wollten, begann Isa sich Gedanken über das Design zu machen. Der sechzehnte Geburtstag war etwas ganz Besonderes, deshalb konnten die Karten ruhig einmal aufwendiger sein. Schnell machte sie sich ein paar Notizen, um ihre Ideen festzuhalten. Dabei fiel ihr Blick auf eine Collage, die sauber eingerahmt an ihrer Wand hing, direkt über ihrem Schreibtisch, sodass Isa sie gut betrachten konnte. Auf jedem Foto waren wunderschöne Erinnerungen mit Sonja festgehalten. Unmerklich musste Isa lächeln. Sie konnte sich noch genau an die erste Zeit nach dem Umzug und im neuen Reitstall erinnern. Sie kannte niemanden – fühlte sich allein. Die Älteren schienen alle Mitglied in einer großen Gemeinschaft zu sein, zu der sie keinen Zugang hatte. Auch wenn im Stall noch unzählige andere Reitschüler und Reiter waren, so hatte sie sich doch immer ausgeschlossen gefühlt.
Doch dann hatte sie Sonja kennengelernt und seitdem hatte sie nicht nur einen festen Platz im Leben, sie wusste auch, was das Wort Freundschaft
wirklich bedeutete. Es war nicht nur einfach ein Wort – es war ein Gefühl, dass Vertrauen und Geborgenheit ausstrahlte. „Eine Tür hat sich in meinem Leben geschlossen, dafür öffnete sich ein Fenster“.
So nannte Isa dankbar im Nachhinein die Zeit nach ihrem Umzug.
Das erneute Aufleuchten ihres Briefkastens lenkte ihre Gedanken wieder aus der Vergangenheit in die Realität zurück. Neugierig öffnete sie die Nachricht
<<Alex>> 16.22: Hallo Isa-Bienchen
Isa lachte laut auf. Alexander schaffte es doch immer, ihren Namen ins Lächerliche zu ziehen. Bei dem Wort Bienchen flogen lauter Bilder der Erinnerung an ihr vorbei – Bilder der wundervollen Vergangenheit vor zwei Jahren.
Es war im September 2008. Ihr Reitverein feierte sein fünfzig jähriges Jubiläum. Zu dem Anlass war am Abend davor ein buntes Reiterprogramm auf die Beine gestellt worden und am Tag darauf das Jubiläumsturnier. Sie hatte sich, gemeinsam mit einer ehemaligen Freundin aus dem Reitstall, für das Kostümreiten gemeldet. Als Verkleidung wählten sie „Die Biene Maja“.
Vor ihrem Auftritt standen sie, bereits umgezogen, in der Menge der Zuschauer und beobachteten die Ritte der Konkurrenz. Isa erinnerte sich noch an den Abend, als wäre es gestern gewesen. Sie hatte auf einmal ihren Namen im Publikum vernommen und sich verwundert umgedreht, um die Person ausfindig zu machen. Doch bei der Anzahl von Leuten war das schlicht unmöglich gewesen, bis ihre Freundin sie auf einen etwas älter aussehenden Jungen hinwies, der sie grinsend anstarrte -Alex. Isa96 16.24: *summ summ* Hallo Alex wie geht’s? <<Alex>> 16.24: Schon wieder am Summen, du Biene? Gut und selbst?
Isa96 16.25: Klar, ich mach den ganzen Tag nichts anderes. Schulstress eben und was machst du?<Alex>> 16.26: René ist da. Erinnerst du dich noch an ihn?</font>
Isa stutzte. Sie ließ ihre Bilder erneut Revue passieren, doch wer war René? Ihre Stirn in Falten gelegt schrieb sie weiter. Isa96 16.30: Nein, sollte ich denn?
<<Alex>> 16.30: Vom Jubiläum, er saß hinter mir, Isa-Bienchen Dunkel konnte sich Isa an einen Jungen erinnern, der unscheinbar hinter Alex auf der Bank saß und ihnen nicht einen einzigen Blick während des ganzen Gesprächs geschenkt hatte, geschweige denn ein Wort. Warum also sollte sie sich dann noch an ihn erinnern können?
Isa96 16.31: Wenn du den meinst, der hinter die auf der Bank saß, dann ja. Aber kaum noch
<<Alex>> 16.31: Ja, genau der. Einen Gruß soll ich dir von ihm ausrichten
Isa96 16.31: Danke, Gruß zurück. Ich muss dann mal wieder, viel Spaß euch beiden noch
Ohne auf eine weitere Antwort Alex‘ zu warten, loggte sie sich aus und klappte ihren Laptop herunter. Alex hatte vielleicht Probleme. Warum sollte sie sich an seinen vermutlich besten Freund erinnern, wenn sie noch nie etwas mit ihm zu tun hatte? Sie kannte Alex ja selbst noch nicht so lange. Nach dem Jubiläum war der Kontakt genau so plötzlich abgebrochen, wie er seit einiger Zeit wieder bestand. Das schien aber Alex‘ Art zu sein – kommen und gehen, von einem Punkt zum anderen springen.
„Sehr sprunghafter Charakter“, analysierte Isa. Gleich darauf schüttelte sie den Kopf und brach in schallendes Gelächter aus. Es kam häufig vor, dass sie sich als Hobbypsychologin versuchte und dazu gehörte, ihrer Meinung nach, auch das Charakterisieren von Personen dazu. Doch sie kannte Alex viel zu wenig, um so etwas überhaupt durchführen zu können. Das Einzige was sie von ihm wusste war, dass er eine Freundin hatte, was allerdings sein Familienstand im Chat verriet, und dass er selbst Pferde hatte und ritt. Mit diesen Angaben konnte sie ja nicht einmal einen Steckbrief vervollständigen.
„Schön geritten. Das reicht für heute. Reite noch ein bisschen Schritt.“
Zufrieden und erschöpft klopfte Isa den schokobraunen, verschwitzen Pferdehals und gab ihrer Stute genügend Zügel, damit sie sich strecken konnte. Liebevoll betrachtete sie das wunderschöne Tier unter ihr, das gerade schnaubte und gierig nach einem kleinen Grashalm schnappte – Lady
, Isabellas ganzer Stolz.
Schnell strich sie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf beim Springtraining gelöst haben muss. Ihr blaues T-Shirt klebte am Körper, genauso die Reithose. Ihre Füße schienen in den Lederreitstiefeln zu kochen.
„Du bekommst nachher eine Dusche, mein Schatz. Die hast du dir wirklich verdient!“, bemerkte Isa.
Bei diesen sommerlichen Temperaturen kam jeder ins Schwitzen, obwohl es bereits auf sechs Uhr zuging. Lady
atmete immer noch heftig, ihr Fell glänzte vor Schweiß und ihr muskulöser Hals war mit weißem Schweiß bedeckt. Während ihre Trainerin sich daran machte die Hindernisse wieder tiefer zu stellen, beschloss Isa noch eine gemütliche Schrittrunde im Gelände zu drehen. Sie lenkte Lady
mit leichtem Schenkeldruck vom Hof auf einen asphaltierten Feldweg, der in den Wald führte. Im Schatten der Bäume empfing sie angenehme Kühle. Hin und wieder schlug Lady
mit dem Schweif, um lästige Fliegen und Insekten zu vertreiben. Als die Stute plötzlich ihren schönen Kopf hob und die Ohren spitze, hielt Isa an und drehte sich im Sattel um. „Darf man euch Gesellschaft leisten?
Ein großes schwarzes Pferd tauchte mit einer ebenso langbeinigen Reiterin trabte auf dem Grasstreifen zu ihnen nach vorne und parierte erst an ihrer Seite durch. Der Wallach schnaubte Lady
freundlich an, doch dann wandte er seine Aufmerksamkeit lieber den saftig aussehenden Grashalmen am Wegrand zu. „Ich denke das ist genehmigt. Anstrengendes Training gehabt?“, fragte Isa neugierig, als sie das verschwitze Pferd musterte. Die Reiterin schüttelte den Kopf und trieb ihr Pferd vermehrt vorwärts, da es am Überlegen war, einen kurzen Stop an dem frischen Grün einzulegen.
„Nein, wozu auch… wir haben uns im Gelände vergnügt“, sagte sie und lächelte Isa freundlich zu, doch diese meinte hinter dem Lächeln einen Schmerz entdeckt zu haben.
Tiziana zählte mit Isabella zu den besten jungen Reitern im Stall, doch anders als Isa hatte sie nicht die Möglichkeit mit einem eigenen Pferd im Sommer ihr Können unter Beweis zu stellen und unzählige Turniererfahrungen zu sammeln und Preise einzuheimsen. Der Besitzer, dem der Oldenburger Wallach gehörte, hatte zwar nichts dagegen, aber leider weigerte sich Cabarello beharrlich den Pferdeanhänger mit nur einem Huf zu betreten. Isa wusste, dass er bei seinem früheren Bereiter nicht gerade sanft behandelt wurde und schon allein deshalb sehr schreckhaft war, doch Tiziana hatte so viel Geduld und Liebe in das Pferd investiert, dass seine ängstlichen Anfälle nur noch Seltenheit waren. Das einzige was sie bisher nicht in den Griff bekommen hatte, war das Betreten des Pferdeanhängers. So startete sie nur für das Heimturnier, das jedes Jahr im September abgehalten wurde. Tiziana betonte zwar immer, dass es ihr nichts ausmachen würde, doch so ganz glaubte Isa ihr das nicht. Wer so viel Ehrgeiz und Feingefühl besaß musste doch auch die Möglichkeit haben es zu beweisen. Aber anscheinend beschränkte sich Tiziana auf den Erfolg in den Trainingsstunden. „Aber wie ich sehe hast du wieder hart trainiert. Ich habe dich ein bisschen beobachtet, bevor ich losgeritten bin. Respekt, du bist wirklich gut indem was du tust. Du und Lady
harmoniert wirklich hervorragend. Diese Saison scheint dir ja richtig zu liegen. Erst heute Morgen habe ich den Turnierbericht von letzem Sonntag gelesen. Du machst ja richtig Schlagzeilen!“ Isa wurde rot. Es erfüllte sie jedes Mal aufs Neue, wenn sie ein so großes Lob erhielt. Und das auch noch von einer vier Jahre älteren. Sie trainierte hart dafür und besaß auch den nötigen Ehrgeiz, um das durchzuziehen. Doch auch an Talent und Feingefühl mangelte es ihr nicht. Jeden Tag aufs Neue war sie ihren Eltern dafür dankbar, dass sie ihr einen so weiten Horizont geöffnet hatten. „Ja, das letzte Wochenende war schon ein Erfolgserlebnis. Vier Starts – vier Siege.“
„Und wir haben erst Juli, die Saison ist noch lange nicht beendet. Wenn du weiter so absahnst kannst du am Ende des Jahres einen ganzen Raum mit den gewonnen Rosetten und Pokalen diesen Sommers füllen. Wie läuft es mit deiner Kleinen? Den Zeitungsberichten zufolge scheint sie ja deine zweite Geheimwaffe zu sein“, scherzte Tiziana und klopfte ihrem Cabarello freundlich den Hals.
Isa musste bei dem Gedanken an ihr Nachwuchspferd lächeln. Lady war zwar erst sechs und somit im besten Alter, doch ihre Eltern hatten ihr letzten Herbst die vierjährige Hannoveranerstute La rouge
gekauft, die seit ein paar Wochen ihre ersten Turniererfahrungen sammelte und bereits ein paar Mal ganz vorne bei der Siegerehrung lief. Ihre hervorragende Abstammung und der Exterieur versprachen eine erfolgreiche Karriere, was die ersten Turnierstarts bereits bestätigten.
„Sie beweist ungeheuer viel Talent für ihr Alter. Natürlich ist sie noch etwas unsicher, aber das wird sich mit der Zeit schon legen“, erzählte Isa und Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Dann ist sie die perfekte Nachfolgerin für Conquest
. Sind seine Turnierstarts eigentlich schon gezählt?“ Neben Lady
und La rouge
besaß Isabella noch ein drittes Pferd - den fünfzehnjährigen Holsteinerwallach Conquest of paradise
. Er war Isas erstes Pferd gewesen und mit ihm stieg sie auch in die oberen Turnierklasse auf. Heute war er ein „alter Hase“ im Turniergeschehen. Mit ihm startete Isa ausschließlich in Springprüfungen. Wegen seines Alters und seinen errungenen Erfolgen hatte Isa entschlossen, in Zukunft ein bisschen kürzer zu treten mit dem Wallach und ihn langsam auf sein Leben als Rentner und Freizeitpferd vorzubereiten.
„Diese Saison ist er schon noch voll dabei, sozusagen als Abschluss seiner großartigen Karriere. Aber nächstes Jahr starte ich nur noch vereinzelt mit ihm und werde ihn nur noch leicht trainieren. Bis in zwei bis drei Jahren wird er dann gar nicht mehr starten, denke ich.“ „Super, dann können wir gemeinsam ausreiten gehen“, schlug Tiziana vor und grinste.
Isa nickte.
„Klar doch, dann machen wir die Wiesen unsicher!“ Inzwischen tauchten vor ihnen bereits wieder die weitläufigen Koppeln des Stalles auf. Die Hitze nahm etwas ab und es dämmerte langsam. Das Surren der Mücken begleitete die zwei Reiter den Rest des Weges.
2.Kapitel
Es war bereits dunkel, als Isa ihren Laptop hochfuhr und sich in den Chat einloggte. Die sonst so erschreckende Eingangsnachricht hörte sie diesmal gar nicht. Müde lehnte sie sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Es war ein anstrengender aber dennoch erfolgreicher Tag gewesen. Nur noch wenige Wochen, dann würde sie von der Schule den ganzen Sommer über befreit sein. Vor ihrem inneren Auge sah sie einen weiten, makellosen Sandstrand – frei von jeglichen Touristen. Die Sonne strahlte von einem azurblauen Himmel, kein Wölkchen trübte die Sicht. Sie hörte das Rauschen des Meeres und sah weiße Schaumkronen auf den Wellen tanzen, die nach und nach an den Strand schlugen und sich im Sand verliefen. Die Hufe des Pferdes donnerten durch den Sand, ein Geschmack von Salz lag ihr auf der Zunge. Sie stützte sich auf den Pferdehals, vergrub die Hände in der Mähne und genoss das Gefühl zu fliegen. Der Wind wehte ihre Haare nach vorne, ein Möwenkreischen durchbrach das Donnern der Brandung. Doch plötzlich war der Strand eingezäunt, der Sand ging ins gräuliche über und um den Zaun herum versammelten sich immer mehr Menschen. Ihre freie Haltung verwandelte sich in eine konzentrierte. Vor ihr tauchten bunt gestrichene Hindernisse auf, sie trug Turnierkleidung und das typische Urlaubsbild von Meer und Strand verschwamm nach und nach. Sie gab die Hilfen zum Absprung und schon stieß sich der kräftige, aber dennoch sportliche Pferdekörper vom Boden ab, zog die Vorderbeine an die Brust und flog über die Tribbelbarre. Noch im Genuss des Augenblicks und des Gefühls von Freiheit hielt sie nach dem nächsten Sprung Ausschau – einem einladenden Wassergrabens. Seine Wasseroberfläche schimmerte im Licht der Sonne. Sie saß tief ein, gab eine kurze Parade. Sie spürte wie das Pferd unter ihr seine Galoppsprünge verkürzte, nochmal Kraft sammelte und dann in die Höhe schnellte. Sie war süchtig nach dem Gefühl fliegen zu können, mit dem Pferd den Horizont zu erobern, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das hohe Piepen einer neueingetroffenen Nachricht riss Isa endgültig aus ihren Tagträumen und holte sie schlagartig in die Realität zurück. Müde rieb sie sich die Augen und griff mit einer Hand nach einem Käsebrot, dass sie sich in der Küche kurz zurechtgemacht hatte. Herzhaft biss sie hinein und öffnete die Chatnachricht.
<<Alex>> 21:29: Du hattest heute nicht zufällig Springstunde? Isa rollte mit den Augen. Hatte alle Welt keine Zeit mehr, um Hallo
zu sagen?
Isa96 21:29: Hallo erst mal, so viel Zeit muss sein Ja, um 16.00 Uhr, wieso?
<<Alex>> 21.32: Dann haben wir dich gesehen. Respekt, sieht richtig gut aus
Verwundert blickte Isa auf und schob sich den Rest des Käsebrötchens in den Mund. Soweit sie sich erinnern konnte hatte sie heute keine direkten Zuschauer gehabt, wenn man von den anderen Reitern absah, die hin und wieder einen Blick auf den Platz hinunterwarfen, wenn sie auf den Weg zu ihren Pferden waren. Isa96 21:33: Wer ist denn bitteschön wir
? Wo hast du dich denn versteckt? Hinter einem Baum!? Über ihren eigenen Witz lachend öffnete sie ihre Playlist und klickte wahllos auf irgendeinen Titel. Schon erklangen die ersten Töne von Only girl
von Rihanna. Als richtigen Fan konnte sie sich nicht bezeichnen, denn einen bestimmten Lieblingssänger oder eine Band hatte Isa eigentlich nicht. Müsste sie aber eine top ten aufstellen mit ihren meistgehörten Künstlern, würde Rihanna sicherlich unter den ersten fünf stehen.
<<Alex>> 21:34: Erfolg scheint dir ja mächtig zu Kopf zu steigen René und ich bezeichne ich als Wir
. Nein, wir sind nur kurz vorbeigefahren und haben jemand Springen sehen, da bist du mir gleich eingefallen Isa96 21:40: Das sei mal so dahingestellt. Ihr hättet ruhig Hallo sagen können und nicht heimlich vorbeifahren… ich beiß schon nicht Isa lachte befreiend. Sie wusste selbst nicht warum, aber gerade durchströmte sie ein so intensives Glücksgefühl, dass sie meinte, sie könne danach greifen. Die Aussicht auf einen großartigen Sommer lag vor ihr, es lief alles perfekt. Sie wusste zwar nicht woher das plötzliche Interesse von Alex kam, aber das war ihr egal. Sie mochte ihn auf Anhieb, obwohl sie sich gerade fragte, ob er etwas Bestimmtes wollte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er etwas im Hinterkopf hatte und sie später vor vollendete Tatsachen stellen würde – so viel verriet ihr ihre ausgeprägte Menschenkenntnis. „Want you to make me feel like i’m the only girl in the world“, sang sie laut mit, als der mitreißende Refrain ertönte. In ihren Gedanken übersetzte sie sich den Songtext und musste lachen.
Ich will, dass du mir das Gefühl gibst, als wäre ich das einigste Mädchen auf der Welt.
Die Liebe – sie war das, worum sich fast jedes Lied drehte. Sie war die Verkörperung der Musik, sie beherrschte die Melodie und die Menschen selbst. Sie brachte Glück, Schmerz und Trauer zugleich. Sie konnte einem das Gefühl geben frei zu sein, das Unmögliche zu schaffen, aber sie konnte einen auch in ein tiefes Loch stürzen, in wilde Verzweiflung. Die Liebe war das beste Beispiel dafür, dass etwas zwei Gesichter haben konnte.
Isa96 21:45: Für was brauche ich die Liebe, wenn ich das perfekte Glück bereits dreifach besitze? Das Gefühl frei zu sein und fliegen zu können habe ich auch, wenn das Pferd vor dem Sprung anzieht und darüber segelt. Und das Gefühl alles zu schaffen, in den Horizont aufzusteigen, kein Limit zu kennen … das verspüre ich jeden Tag und es fühlt sich gut an
<<Alex>> 21:45: Bist du unter die Dichter gegangen, Isa? Vergiss niemals die menschliche Liebe von der eines Tieres zu unterscheiden. Ein Mensch kann dir eine ganz andere Liebe zeigen… nicht wahr?!
Isa biss sich auf ihre Unterlippe. Fing sie jetzt auch schon an ihre Gedanken ins Internet zu stellen, damit sich jeder ein Bild darüber machen konnte? Solche impulsive Handlungen aus Gedankengängen heraus kannte sie eigentlich nicht von sich. Sie war stets bemüht darauf zu achten, den Menschen nicht zu viel von sich zu erzählen, zumindest wenn es sich nicht um enge Freunde handelte. Was war in sie gefahren? Normalerweise gab sie ihre momentane Gefühlslage nicht einfach so preis und schon gar nicht an jemanden wie Alex, der den Zusammenhang überhaupt nicht verstand und wieder Witze auf ihre Kosten machte. War ja klar, dass er wieder darauf anspielte…
Isa96 21:47: Jedem das Seine
<<Alex>> 21:48: ..und mir das Meine
Damit war für Isa das Gespräch beendet. Sie wollte sich nicht noch mehr in Verlegenheit bringen. So etwas besprach man mit seiner besten Freundin und nicht mit einem Vertreter des anderen Geschlechts. Sie zwang sich noch zu einem kurzen Grinsen und einem Abschiedsgruß.
Isa96 21:48: Schlaf schön
Nachdem sie sich ausgeloggt und den Laptop heruntergefahren hatte blieb sie noch eine Weile auf dem Schreibtischstuhl sitzen. Sie blickte sich in ihrem Zimmer um. Ihre Müdigkeit hatte sich wohl für eine kleine Weile verabschiedet, denn sie fühlte sich putz munter. Das Käsebrötchen war aufgegessen, der PC ausgeschaltet – was sollte sie jetzt noch tun? Schlafen konnte sie noch nicht, dafür ging ihr das Gespräch mit Alex nicht aus dem Kopf. Sie stand langsam auf und ging zum Fenster, das immer noch offen war. Die angenehm kühle Luft half ihr sich ein bisschen zu entspannen, die Gedanken eine Weile aus ihrem Kopf zu verbannen. Der Himmel wurde langsam dunkler, die bunten Farben der untergehenden Sonne verschwanden immer mehr. Das Rosa hatte sich längst in ein tiefes orange verwandelt, das langsam aber sicher hinter den Bäumen verschwand und darauf wartete, am nächsten Morgen wieder aufzustehen. Die ersten Sterne konnte man bereits schwach erkennen. Der Mond stand sichelförmig am Nachthimmel und hatte die Sonne abgelöst. Nun war er an der Reihe auf die Erde herabzuschauen und den Menschen das Gefühl von Geborgenheit zu geben. Die letzten Grillen zirpten in den vereinzelten hohen Gräsern der Nachbargärten. Gärten, wo die Menschen noch keine Zeit gefunden hatten den Rasen zu mähen. Die Stille legte sich mehr und mehr über das Dorf. Im Schein der angehenden Straßenlaternen konnte Isa die Umrisse einer mit Kreide gemalten Straße auf dem Bürgersteig erkennen, die von Kindern gemalt worden war.
Sie wusste nicht wie lange sie vor dem offenen Fenster gestanden hatte, aber langsam begann sie in ihren Boxershorts und dem T-Shirt zu frösteln. Schnell schloss sie es und warf einen sanften Blick auf ihre zwei Meerschweinchendamen Emsi
und Flora
, die bereits in ihrem völlig zerknabbertem Holzhaus saßen. „Gute Nacht“, flüsterte sie.
Eines der Meerschweinchen antwortete mit einem entsetzen Quicken, dann war alles still.
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„Noch fünf Minuten!“
Entspannt legte Isa den Stift auf das Pult und lehnte sich zurück. So schwer wie sie befürchtet hatte war die Biologiearbeit gar nicht gewesen. Vorsichtig warf sie einen Blick auf die zweite Tischhälfte, die durch eine hölzerne Trennwand abgetrennt war. Ihr Tischnachbar machte einen recht verzweifelten Eindruck und kaute nervös auf seinem Bleistift herum. Schnell löste Isa ihren Blick von ihm und ging ihre Arbeit noch einmal durch. Hatte sie auch alle Aufgaben bearbeitet? Bei einem so breitgefächerten Thema wie Genetik konnte einem schon einmal ein kleiner Fehler unterlaufen. Schnell überflog sie das Kreuzungsschema und die dazugehörige Erklärung, die sie ordentlich daneben geschrieben hatte. Gerade als sie überprüfen wollte, ob sie keine der mendlischen Regeln verwechselt hatte, erklärte die Lehrerin das Ende der Stunde und forderte alle Schüler auf, die Arbeiten vorne auf das Lehrerpult zu legen. Mit einem guten Gefühl im Bauch stand Isa auf und verließ kurz darauf den Raum.
„Na, wie war das Training gestern?“, rief Sonja und kam auf Isa zu, die auf einer in der Sonne stehende Bank saß. Isa lächelte unmerklich, als sie das fröhliche Gesicht ihrer besten Freundin entdeckte. Sie wusste zwar nicht wie Sonja es anstellte, aber sie war immer gut gelaunt und betrachtete alles von der lustigen Seite. Sie war die Garantie für Spaß und konnte jeden mit ihrer guten Laune anstecken. Sogar die Schule oder das frühe Aufstehen schafften es nicht ihr das Lächeln aus dem Gesicht zu reißen. Da Sonja aber zwei Klassen höher ging als sie selbst sahen sie sich nur in der großen Pause.
„Super, wenn wir am Samstag im Parcours genauso sicher sind ist mir eine Platzierung sicher. Kommst du heute auch in den Stall?“, fragte Isa und knabberte an ihrem Schinkenbrot. „Klar, du brauchst doch meinen geistigen Beistand“, scherzte sie und fing an zu kichern.
„Stimmt, wie konnte ich es ohne dich gestern nur aushalten!“, feixte Isa und lachte.
Für fast sechzehn konnte man Sonja wirklich noch nicht halten wenn man bedachte, was sie manchmal für Aktionen und Sprüche ablieferte. Da war Isa die Vernünftigere von den Beiden, ohne Frage. Aber ein bisschen Verrücktheit verlieh dem Leben eben doch etwas mehr Spaß.
Doch auf der anderen Seite verstand sie ihre Freundin auch nicht. Sie hatte so viel reiterliches Talent und warf es einfach leichtfertig weg. Anders wie Isa besaß Sonja kein eigenes Pferd und bekam keine teuren Privatstunden. Wie auch den Rest ihres Lebens betrachtete Sonja die Reiterei als Vergnügung. Den Ehrgeiz wie Isa ihn hatte besaß sie nicht. Hauptsache das Reiten machte Spaß, mehr wollte sie nicht. An Turnieren war sie überhaupt nicht interessiert. Sie fühlte sich im Gelände wohler als in der Reitstunde beim Training. Sooft Isa versuchte sie zu überreden sich für ein Turnier zu nennen stieß sie auf ein klares nein
.
„Du sag mal“, fing Isa zögernd an“, erinnerst du dich noch an Alex?“ „Also wenn du den meinst, der dich am Jubiläum so frech angequatscht hat, dann ja. Ich dachte ihr hättet keinen Kontakt mehr miteinander?“
Ja, das dachte Isa auch.
„Naja… wir schreiben seit ein paar Tagen wieder miteinander, er hat sich bei mir gemeldet“, gab Isa zu und wickelte eine Haarsträhne um ihren Finger.
Sonja setzte sich aufrecht hin und beobachtete ihre Freundin. Worauf wollte Isa hinaus? Sie beschäftigte sich doch sonst nicht mit den Leuten, die sie plötzlich anschrieben, sonst hätte sie nichts anderes mehr zu tun. Besorgt sah sie sie an. Isa biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte eben kein Talent ihre Besorgnis und Gedanken vor anderen geheim zu halten. Wenn sie es ihnen nicht selbst erzählte konnte man es an ihrer Körperhaltung ablesen, zumindest gelang es Sonja jedes Mal. Sie wusste ja selbst nicht warum sie so ein komisches Gefühl dabei hatte wenn sie bedachte, dass Alex und sie fast ein halbes Jahr keinen Kontakt mehr hatten und aus heiterem Himmel bestand er wieder. Ihre ausgeprägte Menschenkenntnis wollte ihr unterbewusst irgendetwas sagen. Es war wie eine Stimme die ihr leise etwas zuflüsterte und sie konnte nicht verstehen was es war. Aber auf der anderen Seite genoss sie auch die Albernheiten mit ihm und freute sich wenn er ihr schrieb, auch wenn es noch so komisch war. „…und worüber schreibt ihr?“, unterbrach Sonja die peinliche Stille und sah ihre Freundin fragend an.
Isa zwang sich zu einem unbefangenen Lächeln. „Nichts Interessantes. Er ist gestern mit René am Springplatz vorbei gefahren und die beiden haben mich gesehen. Außerdem hat er gestern gesagt, ich solle die Liebe eines Tieres nicht mit der eines Menschen verwechseln!“
„Moment, noch mal auf Anfang. Redest du von René Hofer?“, fragte Sonja ungläubig und lachte.
Isa war verwirrt? Woher kannte Sonja René und wieso hatte jeder schon einmal von ihm gehört nur sie nicht? Daran, dass sie ihn am Jubiläum gesehen hatte, konnte sie sich dunkel bis gar nicht mehr erinnern.
„Also ich wusste zwar, dass du schon immer in deiner Welt gelebt hast, aber dass das Leben so an dir vorbeizieht hätte ich nicht gedacht“, bemerkte Sonja trocken und lachte, doch Isa konnte einen ernsten Blick in ihren froschgrünen Augen erkennen. „Was soll denn das wieder heißen? Du weißt, ich hasse Rätsel.“ Unterbewusst musste sich Isa eingestehen, dass Sonja Recht hatte, zumindest ein bisschen. Die Hauptrolle in ihrem Leben hatten schon immer die Pferde und die Reiterei gespielt und das würde auch immer so bleiben. Alles was sich außerhalb dieses Geschehens abspielte nahm sie zwar zur Kenntnis, doch es geriet sehr schnell in Vergessenheit. Das Reiten war eben der Hauptinhalt ihres Lebens und füllte sie fast komplett aus, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Ihr Platz war nun mal in der Reiterszene und nicht in einer Mädchenclique, wo sich Gerüchte schneller als eine Grippe verbreiteten.
„René Hofer ist der Sohn von Thomas. Du weißt schon, er gibt im Reitstall dienstags Erwachsenenreitstunde. Ich hatte doch eine Zeit lang bei ihm Unterricht… und René war damals des Öfteren im Stall. Du müsstest ihn eigentlich von Turnieren kennen“, informierte Sonja sie und biss in ihren rotbackigen Apfel.
Isa durchforstete ihr Gedächtnis, konnte jedoch nichts finden. „Naja, musst du vielleicht nicht. René startet nur bis E, nicht mehr ganz deine Klasse.“
Nicht mehr ganz! Isa rollte mit den Augen. Zwischen einem Stil L und einem einfachen E-Springen war schon ein größerer Unterschied als nur ein bisschen. Genauer gesagt lagen Welten dazwischen. Nicht nur allein die Höhe sondern auch der Parcours war Grund verschieden. Die Anreitwege waren nicht mehr so lang, es gab engere Wendungen und kniffligere Kombinationen und Sprungfolgen. Ein Reiter ohne größere Erfahrung war in einem L völlig überfordert und verloren. Außerdem war die Konkurrenz bedeutend größer und die Namen der Starter nicht mehr so nichtssagend wie in der Einsteigerklasse. „Ich weiß zwar immer noch nicht was so besonders an ihm sein soll, aber naja…“