Puppets of destiny

Antonia Stober · Kapitel 1 von 1 · Teil 3/3

PDF-Seiten

Puppets of destiny

Puppets of destiny

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

„Lächeln, Prinzessin. Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen müsste ich dir genau jetzt einen Rettungsring zuwerfen, damit du in deinem Meer aus Gedanken nicht ertrinkst!“, bemerkte Sonja trocken, kritzelte etwas auf ein weißes Blatt, was vermutlich den Rettungsring darstellen sollte und hielt es in die Kamera. Isa lachte und griff scherzhaft nach dem imaginären Rettungsacker ihrer Freundin.

„Du kannst mich jetzt an Land ziehen!“, bemerkte sie und streifte mit einem kurzen Blick den oberen Rand ihres Bildschirms, in dessen Ecke ihr Briefkasten schon wieder drängelte. „Immer gerne doch. Aber zurück zu deiner Bemerkung, wen willst du am Samstag in einer Staubwolke zurücklassen?“ Isa seufzte hörbar und verdrehte theatralisch die Augen. Wie schaffte es Sonja bloß immer sie so ernst zu nehmen? Die Verbindung zu ihrem Kamerapartner ist unterbrochen worden und muss erst wieder aufgebaut werden. Bitte haben sie Geduld

„Soll das jetzt ein Witz sein?“, schnaubte sie ärgerlich und starrte auf ihr jetzt schwarzes Kamerafenster, wo noch vor wenigen Sekunden ihre Freundin in die Kamera gegrinst hatte. Das war mal wieder typisch für ihren PC. Immer, wenn es darum ging, machte er Zicken. Nun mussten sie ihr überaus wichtiges Gespräch wohl oder übel in eine Message verlegen Sonne__ 20.27: Schätzchen, es wäre dringend Zeit für einen neuen Computer, anstatt deine Reithosensammlung zu vergrößern Isa96 20.27: Ich werde es melden

Sonne__ 20.28: Gut, wäre ja nicht das erste Mal, dass unsere Kamerakonferenz unterbrochen worden wäre. Also nun sag schon, wen lässt du am Samstag in einer Staubwolke zurück? Isa96 20:30: Einen Vorteil hat das Ganze – jetzt kann ich wieder ungestört singen. Ich habe soeben erfahren, dass ich am Samstag gegen René reite, im A-Springen

Sonne__ 20.30: Von Alex, schon klar. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. An dein Niveau kommt er nicht heran Isa ärgerte sich. Eigentlich sollte das nicht so rüberkommen, als hätte sie Angst vor dem Zusammentreffen in der Prüfung. Sie wollte daraus keinen Wettkampf machen. Außerdem war jede Konkurrenz ernst zu nehmen. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass sie schlechter ritten als man selbst, sonst würden sie nicht in derselben Klasse starten. Bei manchen war das nur der Verdienst des hervorragend ausgebildeten Pferdes, aber Isa blieb im Rahmen der normalen Verhältnisse.

Isa 96 20.32: Ich mach mir keine Sorgen, im Gegenteil. Endlich kann ich mir selbst ein Bild von seinem reiterlichen Talent machen <<Alex>> 20.32: He, du sollst dich nicht jetzt schon vor Angst verkriechen. René ist ein ganz Lieber, am Samstag werdet ihr die Möglichkeit haben euch näher kennenzulernen. Isa blieb der letzte Ton ihrer gesummten Melodie im Hals stecken. Was sollte denn das nun wieder heißen? Stand auf ihrer Stirn „suche Freund“ geschrieben, in leuchtenden Druckbuchstaben? Aus Angst, sie hätte sich verlesen, überflog sie erneut die Nachricht. Versuchte Alex ernsthaft sie mit seinem besten Freund zu verkuppeln, den sie nicht einmal kannte, und andersherum genauso? Isa96 20.32: Klar, das nächste Traumpaar der Reiterszene Was für Ideen aus Langeweile entstehen konnten, die dem Erfinder auch noch realistisch erschienen. Ein weiterer Beweis dafür, wie leicht sich Menschen blenden lassen konnten. Das war wie mit der Liebe – Liebe machte einfach blind. Man verdrängte das Schlechte und hob das Gute, Überraschende in den Vordergrund und merkte dabei selbst nicht, wie hart auf die Nase fliegen konnte. Danach hat man nichts außer der Enttäuschung.

Isa96 20.35: Sonja, wenn ich das gerade Recht verstehe, will mich Alex doch tatsächlich mit seinem besten Freund Sonne__22.35: Mit René?

Die große Verwunderung von Sonja konnte man deutlich aus dem Satz herauslesen. Isa stellte sich vor ihrem Inneren Auge vor, wie die grünen Augen ihrer Freundin vor Überraschung immer größer wurden und einen fast kindlich aufgeregten Ausdruck annahmen. Isa96 22.37: Nein, mit seinem Pferd! … natürlich mit René! <<Alex>> 22.37: Ja, das könnte doch passen. Ihr würdet doch perfekt zueinander passen und René braucht mal wieder eine Freundin

Isas Hände gefroren vor Erstaunen auf der Tastatur. Wie unverschämt offen und gleichzeitig spottend konnte ein Mensch eigentlich sein? Sie wusste nicht genau, ob Alex sie auf den Arm nahm oder ob das Gerede sein voller Ernst war – obwohl, er war bekannt für seine spontan-verrückten Aktionen. Ohne es zu wollen musste Isa herzlich lachen. So etwas lächerliches, sie kannten sich überhaupt nicht. Ein Wort miteinander gewechselt hatten sie schon gar nicht. Sie erinnerte sich lediglich an das verschwommene Bild von ihm am Jubiläum – tolle Voraussetzungen für den Beginn einer wunderbaren Beziehung.

Isa96 22.40: Du willst mich veräppeln, oder? Sonne__ 22.40: Ach was, das ist ja ein Ding! Ihr kennt euch doch überhaupt nicht… außerdem ist er doch ein paar Jährchen älter als du

Isa überlegte einen Moment. René war im Moment noch siebzehn, wurde jedoch im August achtzehn. Sie war vierzehn – das wären vier Jahre.

Isa96 22.41: Er ist vier Jahre älter. Aber das ist nicht schlimm, das Alter würde für mich keine Rolle spielen. Doch wieso reden wir überhaupt darüber, wenn es nur ein Hirngespinst von Alex ist? <<Alex>> 22.43: …und Thommi würde sich sehr über eine nette Freundin freuen

Sonne__ 22.43: Vier Jahre spielen keine Rolle? Naja, scheint wohl Ansichtssache zu sein. Wieso wir darüber reden? Schon mal daran gedacht Schätzchen, dass René von der Idee vielleicht mehr halten könnte als du?!

 

4. Kapitel

„So, fertig!“

Schnell stieg Isa vom Stuhl herunter und betrachtete die eingeflochtene Mähne von La Rouge

, an der sie gerade noch die letzten Verschönerungen zu Ende gebracht hatte, da sich in der Nacht ein paar Zöpfe gelöst hatten. Obwohl es erst fünf Uhr morgens war, fielen bereits die ersten Sonnenstrahlen durch die Stallfenster und verliehen dem rötlichen Fell der jungen Stute einen schimmernden Teint. „Hättest du stillgehalten wären wir schon längst fertig gewesen“, flüsterte Isa und klopfte La Rouge

beruhigend den Hals.

Die junge Stute war am frühen Morgen schon sichtlich aufgekratzt, scharrte mit dem Vorderhuf und schnaubte aufgeregt. Ihre Ohren waren aufmerksam gespitzt und ihren braunen Augen entging nichts. Isa lachte nur über das Lampenfieber ihres Pferdes. „Wo hast du die Transportgamaschen von Conquest

hingelegt?“

Isa rollte entnervt mit den Augen, legte die Mähnengummidose in die Putzbox und verschloss diese geräuschvoll. La Rouge zucke daraufhin kurz zusammen und schnaubte. „Die liegen in der Sattelkammer. Bring die von Lady

und Rouge

auch mit, bitte.“

Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief Luft, um sich zu beruhigen. Eigentlich war sie an den Turnierwochenenden die Ruhe in Person. Kein Wunder – nach einer gewissen Zeit der Erfahrung konnte einen nichts mehr erschüttern und man wusste, wie man sich organisieren musste ohne, dass die Zeit knapp wurde. Doch sie hatte sich bereiterklärt Tatjana mitzunehmen. Und diese hatte nichts Besseres zu tun, als sich aufzuspielen und in den Mittelpunkt zu drängen. Schon jetzt bereute Isa ihren Entschluss, wie sollte sie dann die einstündige Autofahrt überleben? Im Nachhinein fuchste sie es wieder, dass sie nie Nein sagen konnte. Das war dann wohl die Quittung dafür. „Nicht aufregen, Prinzessin“, drang Sonjas Stimme an ihr Ohr und sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter.

Isa nickte kurz und machte La Rouge

sorgsam ihre roten Transportgamaschen fest. Die Stute beäugte ihre nun gut geschützten Beine, wandte ihren Blick dann jedoch wieder dem Geschehen auf der Stallgasse zu, wo Tatjana gerade versuchte Conquests

Schweif fertig einzuflechten und Sonja Lady

ruhig aus dem Stall in den Transporter führte. Die routinierte Stute schritt mit noch etwas steifen Beinen die Rampe hinauf und wieherte herausfordernd, weil ihr noch keiner ihrer beiden Turnierkollegen folgte. Isa verkniff sich ein Grinsen, als sie aus den Augenwinkeln beobachtete, wie Conquest

ärgerlich mit dem Schweif schlug und so ein Einflechten unmöglich machte. Anscheinend war er genauso genervt von Tatjana wie seine Besitzerin.

„Wenn du fertig bist führ ihn nach draußen, damit wir langsam fahren können“, rief Isa über die Schulter ihrer Reitkollegin zu und verließ mit La Rouge die Stallgasse. Die Hufeisen klapperten auf dem Beton und unwillig schlug die Stute mit dem Kopf. Das Laufen mit dem ungewöhnlichen Beinschutz war ihr noch immer nicht ganz geheuer. Als sie Ladys schokoladenbraunen Kopf aus dem Transporter erblickte blieb sie noch einmal kurz stehen, entschied sich dann aber doch für den Weg zu ihrer Boxennachbarin über die Rampe.

-----------------------

„Hast du heute ein Glück, dass du zwei Turniertrottel dabei hast! Ich kann Conquest

für dich abreiten, wenn du willst.“

Isa schluckte ihre hässliche Bemerkung tapfer herunter und versuchte sich zu entspannen. Seit fast einer geschlagenen halben Stunde saß sie auf dem Beifahrersitz neben ihrem Vater und wurde von Tatjana, die sich auf der Rückbank neben Sonja ausgebreitet hatte, unermüdlich zugetextet. Das Radio hatte sie schon vor einer kleinen Weile ausgestellt, da Tatjanas laute Stimme alles übertönte. „Bitte den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt verlassen“, informierte sie die weibliche Stimme des Navigationssystems. Schnell warf Isa einen Blick aus dem Autofenster und lächelte. Sie hatten die Autobahn bereits verlassen und wurden nun über Bundes-und Landstraßen immer näher zum Ziel geleitet. In der Ferne liegende Ortschaften, Bäume und Sträucher hatten die ewigen Autobahnleitplanken und den strömenden Gegenverkehrt abgewechselt und boten ein etwas freundlicheres Bild. Nun konnte es nicht mehr lange dauern – was für ein Glück. „Sonja ist nicht mein Turniertrottel, sondern mein geistiger Beistand und Glücksbringer!“, korrigierte Isa und schnippte einen Fussel von ihrer Jogginghose, die sie über ihre weiße Turnierhose gezogen hatte, damit diese vor ihrem Start nicht dreckig werden konnte. „Du reitest gut, auch wenn sie nicht dabei ist. Dein Pferd kann auch eine Verweigerung oder einen Abwurf kassieren, obwohl sie auf der Zuschauertribüne sitzt oder am Eingang auf dich wartet und dir die Daumen drückt.“

Isa begann bereits wieder zu kochen. Sie wusste genau, dass Tatjana Recht hatte. Schließlich ritt sie und nicht Sonja. Doch jeder hatte eine andere Methode sich sicherer zu fühlen und an etwas zu glauben, was einem Glück brachte. Jüngere Teilnehmer sahen in einem Kuscheltier ihren Talisman, ältere in ihren Freunden - andere brauchten auch gar keinen.

„Hauptsache du reitest so, wie du es für richtig hältst“, murmelte sie so leise, dass Tatjana es nicht hören konnte. „Ach übrigens, wir werden Alex heute sehen. Er hat mir geschrieben, dass er auch am Start ist und René ebenfalls. Soviel ich weiß, reitet ihr zusammen das A-Springen“, redete Tatjana weiter und ihre Miene nahm einen wichtigen Ausdruck an, als sie anfing von Alex und René zu sprechen.

„Kannst du uns nicht einmal etwas erzählen, was wir nicht schon wissen?“, maulte Sonja sichtlich genervt und warf Isa einen entschuldigenden Blick zu.

Sie wusste genau, dass Isa nichts mehr hasste, als sich vor ihren Starts über irgendetwas aufzuregen. Das konnte sich schnell auf das Pferd übertragen und dann war es bereits zu spät. Doch sie nahm an, dass ihre Freundin auch schon vor ihrer bissigen Bemerkung Tatjana am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre. „Immer mit der Ruhe, Mädchen. Schaut mal, da ist bereits der Weg zum Turnierplatz ausgeschrieben, wir müssten gleich da sein“, wechselte Herr Berger gekonnt das Thema und lenkte die Blicke der Mädchen auf den hölzernen Pfeil am Straßenrand, der die Turnierteilnehmer in die richtige Richtung lotste. Isa warf ihrem Vater einen dankbaren Seitenblick zu und sah im Außenspiegel den schwarzen BMW ihrer Mutter, der dicht hinter ihnen nach links abbog und ihnen mit Conquest

im Hänger folgte. Da sie seit neuestem immer mit drei Pferden aufs Turnier fuhren, reichte der Platz im normalen Anhänger nicht mehr aus. Natürlich wäre ein großer Pferdetransporter mit Fahrerkabine weit aus praktischer, aber da stellten sich ihre Eltern quer.

----------------------

„Wir bitten die Teilnehmer zu einer Ehrenrunde im Galopp, Anfang rechts!“, knarrte es aus dem Lautsprecher. Die ersten Takte der Musik erklangen und Isa wendete rechts ab, galoppierte La Rouge

sauber aus dem Schritt an und setzte sich an die Spitze der Abteilung. Sie stellte sich in die Bügel, verkürzte die Zügel, nahm sie in eine Hand und winkte mit der Rechten den Zuschauern zu, die am Rand des Springplatzes standen und sie klatschend begleiteten. Die goldene Schleife am Zaumzeug flatterte leicht und die Stute galoppierte kraftvoll unter ihrer Reiterin. Mit erhobenem Kopf, geblähten Nüstern und gespitzten Ohren umrundeten sie die Bahn. Als das junge Tier etwas heftiger wurde und seine Galoppsprünge verlängern wollte hielt Isa es gekonnt zurück. Schließlich sollte die Ehrenrunde kontrolliert und geordnet geritten und nicht als Wettrennen unter den Siegerpferden gesehen werden. Als die Musik langsam abklang holte Isa La Rouge

in den Schritt zurück und verließ den Springplatz. Überschwänglich klopfte sie ihrem Pferd den verschwitzten roten Hals.

„Euer drittes gewonnenes E-Springen!“, empfing sie ihre Mutter strahlend und bot dem Siegerpferd ein Leckerli auf der flachen Hand an.

„Sie entwickelt sich prächtig. Das Geld, das wir in sie investieren, scheint sich zu lohnen. In der Ehrenrunde wird sie auch immer ruhiger. Der Platz an der Spitze gefällt ihr wohl“, bemerkte ihr Vater und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Isa grinste. Die Turnierleute und ihr Kaffee, das war eine Sache für sich. Sie selbst konnte es nicht nachvollziehen, wie man das dunkle Gebräu als schmackhaft bezeichnen konnte. Jedoch fand sie es jedes Mal wieder lustig zu beobachten, dass sich die Leuten, kaum dass sie sich auf dem Turniergelände befanden, erst einmal einen Kaffee holten. Dann lief jeder mit einer weißen, dampfenden Tasse durch die Gegend. Einige behaupteten, er würde die Nerven beruhigen, im Winter diente er allerdings mehr zum Wärmen. „Dass sie in der Ehrenrunde ruhiger wird ist noch untertrieben. Schau dir doch mal die anderen verrückten Turnieresel an, die schon länger dabei sind als Rouge

. Die rennen los, als wäre jemand hinter ihnen her, buckeln was das Zeug hält oder gehen auf die Hinterbeine!“, kommentierte Isa den Satz ihres Vaters und nahm dankbar die Wasserflasche entgegen, die Sonja ihr reichte.

Gierig und in großen Zügen trank sie diese leer. Dafür, dass es erst zwölf Uhr war, war es unerträglich heiß. Die Sonne strahlte kraftvoll von einem wolkenlosen Himmel auf den Turnierplatz herab und brachte die Teilnehmer in ihren Turnierhosen und Lederstiefeln gehörig zum Schwitzen. Schnell zog Isa ihre weißen Handschuhe und ihren Helm aus. Eine Strähne, die sich aus ihrem Haarnetz gelöst hatte, klebte an ihrer Schläfe und auf ihrer Stirn glitzerten ein paar Schweißperlen. La Rouge

spielte unruhig mit den Ohren, warf ihren Kopf nach oben und stampfte empört mit dem Huf, als eine Pferdebreme sie belästigen wollte.

„Der Geruch deines Schweißes ist für die Breme eben unwiderstehlich, nimm es als Kompliment!“, scherzte Isa und stieg vom Pferd.

Am Hänger wartete bereits Tatjana auf sie und nahm La Rouge

in Empfang. Während sie sie am langen Zügel grasen ließ sattelte Isa sie ab, löste die Gamaschen und verstaute beides wieder in der Sattelkammer.

„Da du dich heute im Auto bereits selbst zum Turniertrottel ernannt hast, darfst du sie jetzt noch ein bisschen an der Hand grasen lassen und danach wieder verladen, für heute ist sie fertig. Wir gehen schon einmal zum Essen, du kannst dann nachkommen!“, meinte Isa trocken und zog Sonja mit sich. Wenn Tatjana schon mit ihnen fuhr, konnte sie sich ruhig ein bisschen nützlich machen, anstatt wehrlose Springreiter anzuflirten oder ihre fraglichen Turnierkontakte zu pflegen. Als sie am Auto vorbeiliefen lag bereits eine blaue Schleife für den vierten Platz in der E-Dressur auf dem Armaturenbrett. Da das Essinger Turnier jedes Jahr gut besucht war und die Startfelder sehr groß waren, waren für heute Morgen nur drei Prüfungen angesetzt worden. Allein im E-Springen waren es vierzig Starter gewesen, gegen die sich Isa und La Rouge

durchgesetzt hatten.

„Eigentlich bräuchte mein Vater auf gar keine Autoaustellung mehr gehen, hier sind auch alle verschiedenen Typen und Modelle vertreten“, meinte Sonja mit einem Blick auf die vielen Autos, die sie auf dem Weg zum Zelt begleiteten.

Aus den dazugehörigen Hängern hingen Schweife in allen Farben heraus und hin und wieder ertönte ein schrilles Wiehern über das Gelände und ein Pferd wandte seinen Kopf kurz von seinem Heu zu ihnen ab. Schon von Weitem erklang lautes Stimmengewirr, Musik und Hundegebell vom Zelt zu ihnen herüber. Der Duft von Pommes und Hähnchen lag in der Luft. Isa atmete tief ein und lächelte. Sie hatte sich vom ersten Moment an in die Turnieratmosphäre verliebt. Schon als sie mit sieben Jahren ihre erste Führzügelklasse geritten war, war sie begeistert von der Stimmung, die überall herrschte. Der Geruch von Pferdeschweiß, Feierlichkeit und Nervosität schien so nah, dass man meinte sie greifen zu können. Die Mädchen drückten sich an der langen Schlange vor der Frauentoilette, vorbei an den Verkaufsständen, die allerlei Pferde-und Reiterzubehör anboten, zum Zelt durch und schauten sich nach Isas Eltern um, die ihnen eigentlich einen Platz hatten freihalten wollten. Sie ließen ihre Blicke über die vielen Köpfe und Bierbänke schweifen.

„Schau mal rechts von dir!“, wisperte Sonja ihrer Freundin zu und grinste.

Isa wandte ihren Kopf in die besagte Richtung und runzelte die Stirn. „Hast du sie gefunden? Ich hab Hunger und muss unbedingt vor der A-Dressur mit Lady etwas essen“, jammerte sie und schaute entnervt auf ihre Uhr.

Sie sollten so langsam zum Essen kommen, damit sie genügend Zeit hatte Lady warmzureiten. Obwohl diese auch schon routiniert war gehörte sie zu der Sorte von Pferd, die ihre Zeit benötigten um sich zu lösen und zu lockern.

„Deine Eltern nicht, aber dafür jemand anderen.“ Vorsichtig drehte Isa ihren Kopf nach rechts, wo Sonjas Blick verweilte. Sie sah ein blondes Mädchen, das mit dem Rücken zu ihnen saß und sich lebhaft mit zwei Jungen unterhielt. Ab und an mischte sich ein älterer Herr mit Cowboyhut in ihr Gespräch ein. Jetzt drehte sich einer der Jungen in ihre Richtung. Isa wandte schnell den Blick von ihnen ab, damit ihr Starren nicht zu auffällig wurde, doch in dem völlig überfüllten Zelt hätte das sicherlich niemand mitbekommen.

„Isabella.“

Sonja begann zu kichern, als Alex mit seinem typischen Grinsen auf der Bierbank saß und sie entdeckt hatte. Sofort drehte sich die Blondine zu ihnen herüber und musterte sie kurz. Das musste also Alex‘ Freundin Stefanie sein, schoss es Isa durch den Kopf. Bisher kannte sie nur ihr Bild in Facebook, das ihr bei gelegentlichen Profilbesuchen aufgefallen war. Sie hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengesteckt, nur ein paar Strähnen ihres Seitenscheitels, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, fielen ihr in das schmale Gesicht. Nun waren auch die Übrigen am Tisch auf sie aufmerksam geworden und schauten zu ihnen herüber. Der zweite Junge am Tisch blickte teils neugierig teils gelangweilt zu ihnen herüber. Sein Blick blieb an Isa hängen, deren Gesicht sofort die Farbe einer langsam reifenden Tomate annahm. Sie schaute zu Boden, um dem Augenpaar auszuweichen, das auf sie gerichtet war. Vorsichtig linste sie in seine Richtung, um ihn genauer zu betrachten. Wie sehr er sich verändert hatte, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Seine Haare waren dunkler geworden, fast dunkelbraun. Seine Gesichtszüge traten stärker heraus, er war kräftiger und größer geworden. Sie hatte zwar nur ein verschwommenes Bild vor Augen von damals, doch plötzlich kam es ihr so vor, als hätte er sich so sehr verändert, dass jetzt eine völlig andere Person am Tisch saß, als damals am Jubiläum. Für ein paar Sekunden hatte sie den Mut seinem Starren standzuhalten, doch als er es merkte, wandte er sich wieder ab und nahm das Gespräch mit der Blondine erneut auf. Erst jetzt bemerkte Isa das dauernde Grinsen von Alex und musste sich selbst ein Lachen verkneifen. „Dahinten sind deine Eltern!“, bemerkte Sonja trocken aus dem Hintergrund und zog Isa an der Hand mit sich fort, dabei musste sie sich stark zurückhalten, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Der Anblick von Alex‘ Grinsen, Renés Starren und Isas Reaktion war zu köstlich gewesen.

Isa folgte ihrer Freundin und das komische Gefühl von vorhin wich einem großen Hunger. Sie sollten sich langsam beeilen, damit nachher noch genügend Zeit blieb.

---------------

„Steilsprung frei!“, schrie Isa quer über den gesamten Abreiteplatz und ritt Conquest

energisch darauf zu.

Der schöne Apfelschimmel neigte beim Warmreiten zum Bummeln, da er sich immer wieder von den vielen altbekannten Eindrücken und Gerüchen ablenken ließ. Gehorsam verlängerte er seine Galoppsprünge und steigerte das Grundtempo, als seine Reiterin vermehrten Druck mit den Schenkeln ausübte. Er erblickte die blau-weißen Holzstangen, die vor ihnen auftauchten und zog etwas an. Isa gab ihm eine kurze Parade, damit er richtig an den Hilfen blieb. In Gedanken zählte sie die Galoppsprünge und saß tief im Sattel ein. Genau als Conquest

die Vorderbeine an die Brust zog gab Isa die Hand vor und ging in den leichten Sitz, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, ruhig und in perfekter Haltung, um ihr Pferd nicht aus der Balance zu bringen. Nach dem Sprung nahm sie ihn wieder etwas zurück, ritt noch einen Zirkel, dann parierte sie zufrieden zum Schritt durch. Sanft strich sie Conquest

über den Hals, der entspannt auf dem Gebiss kaute und mit den Ohren spielte. Herr Berger, der neben dem Steilsprung stand, um gefallene Stangen wieder aufzubauen oder den Sprung zu erhöhen, nickte leicht und kam langsam auf sie zu. „Sehr schön. Pass auf, dass du die Sprünge mit genügend Schwung angehst, dass er dir davor nicht stehenbleibt.“ Isa nickte und strich die orangefarbene Schabracke glatt. „Ich muss schon sagen, mit deinem Orange stichst du definitiv aus der Pferdemenge heraus, mein Junge!“, bemerkte ihre Mutter, die hinzugekommen war und tätschelte dem Wallach ebenfalls den Hals. Isa hatte Conquest

dunkelorange bandagiert. Dazu trug er passend eine Ohrenkappe und Schabracke in derselben Farbe, die zudem mit seinem Namen bestickt war. Die kräftige Farbe stand gut im Kontrast mit seinem grau-weißen Fell. Mit dieser Kombination hoben sie sich von den übrigen Pferden auf dem Abreiteplatz ab, und davon gab es genügend. Ein Pferd nach dem anderen flog über die Probesprünge, wurde abgaloppiert oder warmgetrabt. Alle warteten darauf, dass ihre Startnummer von den Vorstartern in die Prüfung geschickt wurde.

„Vorsicht!“, schrie Isa plötzlich und riss Conquest

zur Seite.

Ein brauner Wallach galoppierte knapp an ihnen vorbei, die Steigbügel klirrten bereits, als sie sich trafen und Conquest

legte drohend die Ohren an und schlug mit dem Schweif. Das andere Pferd keilte ärgerlich aus und traf glücklicherweise nur einen Grasbüschel, der in hohem Bogen durch die Luft geschleudert wurde und irgendwo auf dem Boden landete.

„Sorry“, murmelte der Reiter und drehte sich schnell in ihre Richtung, um sich zu vergewissern, dass nichts passiert war. „Dein Pferd hat ihn nicht getroffen!“, knurrte Isa ärgerlich und rollte mit den Augen.

War es zu viel verlangt, wenn man den anderen nicht in die Quere kommen sollte?

„Du solltest deinem Pferd ein rotes Band in den Schweif flechten, wenn es schlägt“, bemerkte sie noch, dann wandte sie sich wieder ihren Eltern zu, die nichts sagend dabei gestanden waren. Der andere Reiter nickte ihnen noch kurz zu und ritt langsam und vorsichtig im Schritt wieder davon. Dabei rückte er seine Reitkappe etwas weiter nach oben, sodass man sein Gesicht erkennen konnte. René. Isa senkte den Blick auf Conquest’s

Mähne. Wenn das nicht ein schlechtes Zeichen für ihre neue Bekanntschaft war.

„Hübsches Pferd“, murmelte sie so leise, dass es niemand hören konnte.

Langsam ritt sie zum Ausgang, da ihre Nummer bald in die Prüfung geschickt werden würde, da sie als fünfte an der Reihe war und die ersten beiden Reiter bereits im Parcours gewesen waren. „Startnummer 33 kann sich auf den Weg machen!“, rief einer der Vorstarter und Isa trabte langsam vom Abreiteplatz. „Viel Glück Isa. Denk dran, vier Strafpunkte sind schon okay!“, schrie ihr jemand hinterher.

Als sie sich kurz umdrehte erkannte sie Alex, der neben René stand und grinste, wie immer, dann ritt sie durch das Tor auf den Platz, das ihr aufgehalten wurde und stellte sich vor den Richtern zum Grüßen auf.

„Eine gleichmäßige und harmonische Runde für Isabella Berger und ihrem Holsteiner Conquest of paradise

, die wir mit einer Grundnote von sieben Komma drei belohnen, abzüglich null Komma fünf für den Fehler an Sprung Nummer sieben. Es bleibt eine Endnote von sechs Komma acht.“ Isa klopfte ihrem Pferd den Hals und trabte vom Platz, begleitet von der Stimme des Ansagers, der bereits den nächsten Starter vorstellte. Sie hätte es eigentlich wissen müssen, dafür ritt sie Conquest schon lange genug. Ausgerechnet am vorletzten Sprung hatte ihr Schwung für den weiten Oxer nicht ganz gereicht und Conquest

hatte mit der Hinterhand die oberste Stange abgeräumt. Wenn sie Glück hatten bekamen sie noch eine grüne Schleife. „Gut gemacht“, vernahm Isa eine weibliche Stimme am Rand des Abreiteplatzes.

Sie brachte ihr Pferd zum Stehen, das noch immer heftig atmete und entdeckte Sabine, Renés Mutter.

„Danke. Die Strafpunkte gehen aber auf mein Konto“, meinte Isa und streichelte erneut Conquests

schweißnasses Fell.

„Der war aber auch ziemlich gewaltig gebaut für ein A!“ Isa nickte und ritt im Schritt wieder weiter, weil sie den ganzen Verkehr aufhielt und ihr Pferd unmöglich verschwitzt bei der Hitze stehenlassen konnte, als Sabine sich zu René wandte, der darauf wartete, dass der vor ihm gestartete Teilnehmer seine Runde beendete und er einreiten konnte.

„Gib ihn mir, ich führe ihn trocken, dann kannst du dir die anderen noch ansehen. Ich glaube sowieso nicht, dass ihr noch platziert werdet, die Wertnoten wurden gut vergeben“, bot Herr Berger seiner Tochter an, reichte ihr eine Wasserflasche und nahm Conquests

Zügel.

Schnell bahnte sich Isa einen Weg zu den Zuschauertribünen und setzte sich zu Sonja und Tatjana, die Platz für sie auf der schmalen Bierbank gemacht hatten. Gerade galoppierte René auf dem Zirkel und wartete auf sein Startzeichen.

„Hättest du mehr Druck ausgeübt, wärst du ziemlich weit vorne dabei gewesen!“, fing Tatjana an ihre Kommentare auszupacken. „Das kann dir ja nie passieren, bei deinem Mördertempo“, stichelte Sonja und grinste.

Beleidigt hielt Tatjana eine bissige Bemerkung zurück und starrte auf den Platz. Isa blendete Tatjanas „Ratschläge“ aus und konzentrierte sich auf René, der inzwischen auf den dritten Sprung, eine Mauer, aus einer engen Wendung zugaloppierte. Dark temptation

stieß sich kräftig mit der Hinterhand ab und flog mit einem riesen Satz über das Hindernis. René nahm nach der Landung sofort wieder die Zügel des großen dunkelbraunen ein gutes Stück kürzer und versuchte das Tempo etwas zu vermindern, um passend an den bevorstehenden gelb-grünen Steilsprung zu kommen. Sein leicht unruhiger Oberkörper war ihm dabei keine allzu große Hilfe, doch er zwang dem Wallach weiterhin den Kopf an die Brust. Dieser nahm es ihm nicht übel, da er den Reitstils seines Reiters gewöhnt war und versuchte bei der kleinsten Zügellockerung nach vorne zu stürmen. René verhielt ihn gekonnt und ließ ihm in der Flugphase ausreichend Kopffreiheit, um richtig taxieren zu können. „Ein schneller, jedoch gleichmäßiger Ritt für das Paar. Stiltechnisch noch einiges zu verbessern. Es bleibt eine Grund und Endnote von …“

Beim Applaus der Zuschauer erschrak der junge Braune und setzte zur Flucht nach vorne an. René, der sein Pferd gerade in einen ruhigen Schritt gebracht hatte, hatte Mühe die Kontrolle über das Tier zu halten und versuchte es zu beruhigen. Erst, als der Lautsprecher und der Applaus verebbten ließ sich Dark temptation

in den Trab und schließlich in einen unruhigen Schritt zurückholen.

„Mist, jetzt habe ich nichts verstanden!“, ärgerte sich Isa, als das Ergebnis im Knacken des Lautsprechers und dem schrillen Wiehern eines Pferdes auf dem Abreiteplatz unterging. Sonja stand auf und zog ihre Freundin hoch, während Tatjana sitzenblieb, um einen Springreiter vor ihr anzuschmachten, der lässig am Gelände lehnte.

„Komm, wir schauen zu Conquest

und fragen deinen Vater, vielleicht hat er das Ergebnis mitbekommen.“

„Aber die übrigen Starter…“, fing Isa an und wich einem kleinen Hund aus, der mit seiner hilflosen Besitzerin an der Leine vorbeidrängte und alles und jeden anbellte, was ihm vor die Linse kam.

Die junge Frau lächelte ihnen entschuldigend zu und versuchte mit einem „Schluss, Bella!“ das Tier zur Vernunft zu bringen. Doch dieses hatte bereits etwas Neues entdeckt und strebte einem heruntergefallenen Pommes zu, das jemandem in der Eile und dem Gedränge heruntergefallen sein musste.

„…kannst du dir sparen. Schwing du dich lieber auf dein Pferd, falls deine Nummer noch zur Platzierung hereingerufen wird!“, bestimmte Sonja und fächerte sich mit der Starterliste in ihrer Hand etwas Luft zu.

Isa seufzte und schritt mit steifen Beinen ihrer Freundin hinterher, die bereits zügig vorausgegangen war. Conquest

döste gerade mit Herrn Berger unter einem kleinen Baum und hatte das hintere Bein angewinkelt, als die Mädchen zu ihnen kamen.

„Soll ich dir gegenhalten?“, fragte eine spöttische Stimme, als Isa gerade dabei war ihren linken Fuß in den Bügel zu stellen.

Alex schlenderte gemütlich zu ihnen herüber, die Hände in den Hosentaschen.

„Bitte, wenn du dich nicht bremsen kannst!“, antwortete Isa und biss die Zähne zusammen.

Aus irgendeinem Grund reagierte sie gereizt auf den höhnischen Gesichtsausdruck von Alex. Ein Glück, dass sie René nach seinem Ritt noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, aber der würde sich nach seinem Auftritt auf dem Abreiteplatz sicher keine dumme Bemerkung erlauben, denn Alex hatte ihm sicher von dem kleinen Schlagabtausch zwischen ihnen beiden erzählt, sonst teilte er mit seinem besten Freund auch alles.

Elegant schwang sie sich in den Sattel und Alex trat zurück. Isa spürte für einen kurzen Moment seinen Blick auf ihr ruhen und wurde wieder an die Situation beim Mittagessen im Zelt erinnert. „In Kürze kommen wir zur Siegerehrung. Wir bitten alle Teilnehmer mit einer Wertnote von sechs Komma acht und besser sich bereitzuhalten!“, verkündete der Lautsprecher, als das letzte Paar kopfschüttelnd vom Platz ritt.

Isa entglitt ein Lächeln und klopfte Conquest

zufrieden den noch immer leicht verschwitzen Hals. Dieser quittierte dies mit einem leisen Grunzen, dann ließ er den Kopf wieder sinken.

„Eine grüne Schleife, Glückwunsch Biene.“ „Danke“, murmelte Isa und versuchte abzuschätzen, ob die Bemerkung ernst gemeint war, ließ davon aber wieder ab, als die ersten Takte der Eurovisionshymne den Beginn der Siegerehrung ankündigten.

Isa kitzelte Conquest

leicht mit den Sporen und überredete ihn zu einem langsamen Trab.

„Wir kommen zur Siegerehrung des Stilspringens der Klasse A, geritten um den großen Preis von Klinger GmbH unter der obersten Leitung von Richter Reinhardt Gruber . Die Ehrenpreise werden von der Turnierleiterin Andrea Bergmaier überreicht!“ Alle zur Platzierung hereingerufenen Reiter bewegten ihre Pferde in ruhigem Schritt zwischen den Hindernissen und warteten darauf aufgerufen zu werden. Zwischendurch unterbrach ein schrilles Wiehern die angespannte Stille, ein Auto mit Anhänger und Turnierhelfern fuhr durch den hinteren Eingang herein und einige Hindernisse wurden für die nächste Prüfung entweder erniedrigt oder erhöht. Aus den Augenwinkeln beobachtete Isa René, der links von ihr ritt und versuchte sein aufgeregtes Pferd unter Kontrolle zu halten, das beim Anblick des Geländewagens auf die Hinterbeine ging.

„Gut geritten“, sagte sie, als Dark temptation

wieder mit allen Vieren auf dem Boden stand und sich darauf beschränkte ängstlich zu dem Gefährt herüber zu blicken. René sah überrascht in Isas Richtung, konzentrierte sich dann sofort wieder auf sein Pferd.

„Danke, ebenfalls.“

Nach dieser wortkargen Antwort zuckte Isa die Schultern und wandte sich von dem Paar ab. Normalerweise kam man mit Reitern derselben Prüfung besonders gut ins Gespräch, wenn es darum ging einzelne Ritte zu besprechen, für René schien das jedoch nicht zu gelten. Wie Alex auf die Idee kommen konnte sie beide zu verkuppeln, wenn sie nicht einmal in der Lage waren ein Gespräch von mindestens fünf Minuten zu führen, war Isa schleierhaft. Sie versuchte sein Verhalten damit zu entschuldigen, dass sein Pferd seine vollkommene Aufmerksamkeit forderte, doch so Recht wollte ihr das nicht gelingen. Die Fortsetzung der Siegerehrung unterbrach ihren Gedankengang schließlich endgültig. „Mit einer Wertnote von acht Komma vier gewann Cat deluxe

unter Marianne Holzner diese Prüfung. Herzlichen Glückwunsch und einen kräftigen Applaus für das Paar!“ Unter höflichem Klatschen galoppierten Reiterin und Pferd nach vorne und parierten vor dem Richter und der Turnierleiterin durch. Ausschließlich die Reiter vom eigenen Verein bekamen den meisten und ehrlichsten Applaus, weil ihre Fangemeide auf dem hofeigenen Turnier am größten war - es sei denn, man brachte sich als Gastreiter seinen eigenen Fanclub mit.

Isa und Conquest

warteten geduldig, bis alle anderen vor ihnen platziert wurden. Immer wieder trabten oder galoppierten Pferde nach vorne, Hände wurden geschüttelt, Glückwunsche überreicht, Applaus gespendet und Rosetten angesteckt. Als René an vierter Stelle aufgerufen wurde hob Isa überrascht den Kopf. Trotz seinem unruhigen Oberkörper und der teils etwas heftigen Zügelführung wurde er mit einer Grund- und Endnote von sieben Komma sechs belohnt, was ihn auf den vierten Platz und ihm eine blaue Schleife brachte. Dark temptation

schlug nervös mit dem Kopf, weil ihm die angesteckte Rosette am Zaumzeug zu stören schien und ging ein Paar Tritte rückwärts. ------------

„Auf deinen vierten Platz, Prost!“

Alex hob sein Weizenglas hoch und prostete den anderen am Tisch übermütig zu.

„Prost, Spinner“, stimmte René ein und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.

Isa wollte ebenfalls nach ihrer Limonade greifen, zog ihre Hand aber schnell wieder zurück, als die anderen keine Anstalten dazu machten. Während Sonja still neben ihr stand, war Tatjana vollkommen in ihrem Element und flirtete René dermaßen von der Seite an, dass einem übel werden konnte – zeitweise hatte sie einen Arm um seine Taille gelegt, stellte sich auf Zehenspitzen, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern oder schenkte ihm ein Lächeln nach dem anderen. Isa kochte innerlich vor Wut. Überall musste sich diese Person wichtigmachen und in den Vordergrund drängen, als hätte sie Angst, man könnte sie übersehen oder nicht bemerkten, was bei der Lautstärke ihres Lachens jedoch kaum möglich war. Stefanie, die Freundin von Alex, schien das auch nicht entgangen zu sein. Gereizt schwieg sie vor sich hin und setze ein säuerliches Gesicht auf, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. Selbst als Alex sein Gesicht zu ihr drehte, um ihr einen Kuss zu geben, schob sie ihn entnervt weg und steckte ihre Hände in die Hosentaschen. Alex zog die Stirn kraus und sah seine Freundin von der Seite an. „Lass es einfach!“, gab diese patzig zurück, drehte sich um und stiefelte aus dem Zelt.

„Autsch! Geht’s in deiner Beziehung immer so zu?“, fragte Tatjana scherzhaft und lachte.

„Die hat dich viel zu fest im Griff!“, bemerkte René und setzte erneut sein Glas an.

Isa blickte zu Alex und wartete auf seine Antwort. Dass Tatjana überhaupt noch im Blick hatte, was sich außer René am Tisch noch so abspielte.

„Ach, du hast doch keine Ahnung. Wann hattest du bitte das letzte Mal eine Beziehung, die länger andauerte als zwei Wochen?“ „Gar nicht. Deshalb passiert mir nie so etwas wie dir!“, gab René zurück und lachte, Tatjana stimmte mit ein. Alex ging nicht weiter darauf ein. Anscheinend war er die Bemerkungen seines besten Freundes bereits gewöhnt. Vielleicht wollte er ihm deshalb eine feste Freundin verschaffen, damit er endlich damit aufhörte. Aber man konnte beim besten Willen nicht den Amor spielen oder die Glücksfee. Die Liebe spielte ihr eigenes Spiel, schrieb ihre eigenen Bücher. Sie war weder bestechlich noch beeinflussbar, kam und ging, wann es ihr passte, ohne anzuklopfen oder Lebewohl zu sagen und war der überraschende Gast, der alles aus dem Konzept brachte und man nicht wusste, wie lang er bleiben würde. Egal wie sehr man sich gegen sie wehrte, gewinnen konnte man nicht. Und die, die verzweifelt nach ihr in Clubs, Bars oder auf der Straße suchten wurden erst fündig, wenn sie es aufgaben, denn Liebe konnte man nicht erzwingen. Mit der Liebe war es so, als baute man eine Sandburg – wenn jemand drauftrat viel alles in sich zusammen und war zerstört.

„.. nur gut, dass es genügend Sand gibt!“, murmelte Isa gedankenverloren und lächelte.

Als ihr bewusst wurde, dass sie ihre Gedanken zu laut ausgesprochen hatte und somit alle verwirrten Blicke auf sich gezogen hatte, versuchte sie schnell das Thema zu wechseln. „Was hat Stefanie denn?“

Alex zuckte die Achseln und nahm wieder einen Schluck aus seinem immer leerer werdenden Weizenglas.

„Keine Ahnung, die ist heute den ganzen Tag schon leicht zickig.“ „Entweder sie hat keine Lust mehr auf dich oder sie hat ihre Tage!“, gab René seinen Kommentar dazu ab und erntete ein übertriebenes Lachen von Tatjana.

Isa schüttelte den Kopf. Was wollte Tatjana mit ihrem aufgesetzten Getue erreichen? Wollte sie sich einfach nur wichtigmachen oder René wirklich gefallen? Im Moment erinnerte sie eher an eine traurige Figur die verzweifelt versuchte, cool zu wirken, um Anerkennung zu bekommen – wie armselig. Man sollte sich für niemanden verändern, denn wenn sie einen so nicht akzeptierten wie man war, hatten sie einen nicht verdient!

Sie haben Puppets of destiny zu Ende gelesen

Antonia Stober

Bücher wie dieses

Nach dem Buch

Seiten, die zu dieser Ausgabe gehören, hier zum Nachschlagen.