Puppets of destiny

Antonia Stober · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/3

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Puppets of destiny

Puppets of destiny

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Somit war für Isa das Thema René abgeschlossen – äußerlich. Sie konnte nicht verstehen, warum Sonja so begeistert von ihm war. Er war nur der Sohn eines Reitlehrers der sich im Sommer auf Turnieren sehen ließ, wie sie. Doch innerlich verspürte sie den Drang zu erfahren, wieso Alex seinen besten Freund in ihr Leben gebracht hatte. Die kleine, leise Stimme in ihr sagte, dass es kein Zufall war, dass Alex ihn beiläufig erwähnt hatte. Ihr Gehirn durchforstete noch einmal ihre innerliche Bildergalerie, in der alle Bilder von Personen gespeichert waren, denen sie in ihrem ganzen Leben schon einmal begegnet war. Isa war mehr der Typ der Leute erkannte, wenn sie ihr Gesicht sah. Den Gesichtsausdruck, die Gesichtszüge – das alles konnte sie sich wunderbar einprägen. Das Gesicht spiegelte die Seele eines Menschen wieder. Man konnte anhand seiner Züge und seiner Augen erkennen was er schon alles durchgemacht hatte, man konnte seinen Charakter teilweise erahnen.

„Eine Frage Isa. Beredest du deine Liebesprobleme jetzt schon mit Jungs? Sehr clever, vielleicht bekommst du ja endlich einen Einblick in die männliche Seele und deren Denken!“ Die Bildersuche stoppte und Isa konzentrierte sich wieder auf Sonja. „So ein Quatsch. Liebe, wer braucht schon die Liebe? Ich ganz sicher nicht. Ich habe alles was ich brauche, um glücklich zu sein, denn ich bin es bereits. Ein Junge macht alles nur kompliziert und schmeißt ein ganzes Leben aus der Bahn. Für was brauch ich einen Jungen, wenn ich meinen Pferden ein Ich liebe dich ins Ohr Flüstern kann, wenn ich die schönsten Momente meines Lebens mit ihnen verbringen kann, wenn sie mir alles geben was ich brauche?!“ „Isa, werde erwachsen. Jeder Mensch braucht Liebe in seinem Leben, jedes Mädchen wünscht sich einen Jungen der immer für sie da ist, der sie still in den Arm nimmt, ihr über den Rücken streicht, der merkt wenn etwas nicht stimmt, der ihr die Tränen wegwischt und ein Lächeln ins Gesicht zaubert, für den sie das Beste ist was ihm je passiert ist, für die er immer Zeit hat, dem sie mehr bedeutet als seine Kumpels, dessen Hauptgewinn sie ist… einfach einen Jungen, der sie überalles liebt.“

Isa verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn Sonja sie darauf aufmerksam machte, dass sie die Jüngere von ihnen war, die Unerfahrene. Doch das bedeutete nicht, dass sie von nichts eine Ahnung hatte und nicht wusste was sie glücklich machte. Sie war eben nicht jedes Mädchen. Sie war Isabella Berger – die Glücklichkeit in Person mit einem perfekten Leben. Das ließ sie sich nicht von einem Jungen kaputt machen. Ein Mädchen sehnte sich doch nur nach einem Jungen, wenn sie mit ihrem normalen Leben nicht mehr zufrieden war. Doch ihr Leben war vollkommen! „Ich bin bereits sehr reif für mein Alter und kann selbst entscheiden was ich brauche, um glücklich zu sein und diese Stufe habe ich bereits erreicht. Ich bin eben nicht wie jedes Mädchen die sich nichts sehnlicher wünschen, als einen Freund. Meine kleine Welt ist perfekt. Meine Pferde sind immer für mich da, auch mit ihnen kann ich reden, ihnen vertrauen, mich auf sie verlassen – sie sind die Liebe meines Lebens“, rechtfertigte sich Isa und hatte ganz rote Wangen bekommen.

Doch im selben Moment hatte sie gemerkt, dass sie nicht den richtigen Ton angeschlagen hatte. Aber das war eben ihre Art. Sie hatte manchmal das Gefühl, dass sie niemand verstand, weil keiner so fühlte wie sie. Sonja kannte vielleicht ihre Lebensgeschichte, aber sie selbst zu durchlaufen war etwas ganz anders. Niemand würde je verstehen können, dass ihre Pferde das waren, was sie zum Überleben brauchte – für die männliche Seite war da kein Platz mehr.

„Ich glaube wenn jeder so denken würde wie du, wäre Dr. Sommer arbeitslos“, bemerkte Sonja und warf das Kerngehäuse ihres Apfels in den Mülleimer, der neben der Bank stand. Isa lächelte. Ein Glück, dass Sonja nie sauer sein konnte und immer versuchte, die lustige Seite draus zu ziehen. Sie war die flammenden Verteidigungsreden ihrer Freundin schon lange gewöhnt, aber ihre Sichtweise konnte sie in manchen Beziehungen immer noch nicht richtig nachvollziehen.

„Schätzchen, man merkt, dass dein Herz noch nie verletzt wurde. Ein bisschen Realitiy zum Mitnehmen, bitte!“, konterte Isa und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Als ob dein Herz schon einmal etwas abbekommen hätte. Du lässt ja niemanden ran, nicht einmal auf fünf Meter, du Eisprinzessin.“ Sonja versuchte zu lächeln. Das war genau das Thema, wo sie beide verschiedener Meinung waren und jeder auf seine beharrte. Isa war einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Es würde gleich klingeln. Langsam stand sie auf und zog Sonja von der Bank. Noch drei Stunden Schule, dann hatte sie ihre Stunden für heute abgesessen.

„Los geht’s, die Bildung ruft!“, rief Isa und lachte. Als sie in einer Menge von Schülern langsam zur Eingangstür geschubst wurden, kniff Sonja sie in die Seite. „Schau mal rechts von dir, kennst du den?“

Isa linste in die angegebene Richtung. Ein kräftiger Junge mit kurzen, braunen Haaren, vermutlich in der fünften Klasse, schaute ständig zu ihnen herüber. Als er Isas fragenden Blick auffing schaute er schnell weg und drängte sich ins Schulhaus. „Natürlich kenne ich nicht alle meine Fans“, scherzte Isa und schüttelte den Kopf.

Aber das Leben war wie ein Adventskalender. Jeden Tag öffnete es eine neue Tür und brachte neue Überraschungen mit sich.

 

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„Du sollst den Eistee trinken und nicht meinen Teppich gießen!“, schimpfte Isa und begann mit einem Taschentuch auf dem Fleck herumzureiben.

„Dann hör auf dein Top mit Schokoladeneis zu füttern. Ich wette, es mag lieber Erdbeere.“

Grinsend schaute Isa auf ihr Top, das vorher noch zart rosa war und jetzt mit einem braunen Schokofleck gekennzeichnet war. Fluchend und lachend zugleich ließ sie von dem Teppich ab und rubbelte auf ihrem Top weiter – doch der Fleck blieb.

„Mist. Aber solang die Partyplanungsliste nichts abbekommen hat ist ja alles halb so schlimm.“

Sonja nickte und stellte ihr Glas beiseite. Je näher ihr wichtiger Geburtstag rückte, desto mehr drängte sie mit den Vorbereitungen voranzukommen. Schließlich hatte Isa vorgeschlagen heute Mittag eine Liste mit den Sachen zusammenzustellen, die noch besorgt und getan werden mussten damit man einen Überblick hatte, wo man überhaupt anfangen sollte. Würde es nach Sonjas Partyplänen gehen, bräuchten sie fast ein Jahr für die Vorbereitungen, Unmengen von Dekorationskram, Essen und Getränke. Isa hatte den ganzen Nachmittag nichts anders zu tun, als ihre Freundin wieder sicher auf dem Boden der Realität abzusetzen, wenn diese zu hoch geflogen war. Nicht einmal die Hälfte von dem, was Sonja vorschwebte, war auf die Liste gesetzt worden.

„Ist das mein oder dein Geburtstag?“, beschwerte sich Sonja, als Isa einen weiteren Vorschlag von ihr ablehnte und sich weigerte, ihn auf die Liste zu setzen.

„Wenn deine Eltern unter die Millionäre gegangen sind, es jeden Abend Kaviar gibt, du auf Golf umsteigst und ein Jahr früher mit den Vorbereitungen anfängst hast du vielleicht eine Chance, deine Fantasieparty Wirklichkeit werden zu lassen“, bemerkte Isa trocken und stopfte sich den Rest ihrer Eiswaffel in den Mund. Sonja streckte ihrer Freundin die Zunge raus und warf ein Kissen in ihre Richtung, das Isa jedoch mühelos auffing und in Sicherheit brachte.

„Golf spielt die Mitteschlicht – die Elite reitet!“, belehrte Sonja und grinste.

„Ach ja, ich verlange natürlich, dass dein Chauffeur mich jeden Morgen in die Schule fährt. Sozusagen als Freundschaftsprämie!“ „Bis das der Fall ist, bist du auf dem Höhepunkt deiner Reiterkarriere, hast genau so viel Geld wie Fans und reist von einem Turnier zum anderen. Du wirst ein ganzes Atelier mit Zeitungsberichten und Reportagen aus Reiterzeitschriften und Journalen füllen können und ich bin deine Managerin.“ Sonjas übertriebene Ernsthaftigkeit war der Auslöser des Lachanfalls, der auf diese Bemerkung folgte. Nie konnten ihre Vorstellungen realistisch sein, aber wer träumte schon nicht gerne davon reich und berühmt zu sein?!

Träume – der Stoff, aus dem das Leben geschneidert ist. Wir leben für unsere Träume, damit sie irgendwann einmal Teil unserer Realität sind. Wenn das Verlangen nach etwas so überaus stark ist lassen wir nicht davon ab, wir kämpfen mit allen Mitteln die uns gegeben worden sind, wir halten daran fest und verlieren unser Ziel nie aus den Augen, weil wir uns nichts sehnlicher wünschen, als dass unser Traum einmal wahr wird. Jede Träne die wir um sie vergießen macht uns stärker, lässt uns noch härter kämpfen. Wir verdrängen die kleine Stimme die uns sagt, dass es niemals so sein wird wie man sich es erträumt. Und stirbt die Hoffnung, zerstört es kurzzeitig unser Leben, ein Teil unserer Seele stirbt und innerlich zerbricht etwas in uns. Wir werden niemals aufhören zu Träumen – da der Lebensgeist des Menschens in seinen Träumen liegt, wie ein gut versteckter Schlüssel. Selbst wenn die Realität schöner ist als der Traum, beginnt in uns ein neuer Wunsch zu wachsen.

Während sich Sonja noch immer nicht beruhigt hatte, riss Isa ein plötzliches Vibrieren in ihrer Hosentasche aus ihren wirren Gedankengängen. Umständlich zog sie das rosafarbene Touchhandy heraus und drückte auf die Abnehmtaste. „Hallo Tati“, begann Isa und wollte schon wieder mit dem Kugelschreiber auf der Planungsliste herum kritzeln, doch Sonja nahm ihr zuvorkommend den Stift aus der Hand. Isa lächelte dankbar und konzentrierte sich wieder auf ihre Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung. „Isa, dich sieht man auch kaum noch im Stall!“, drang eine lachende, etwas tiefere Stimme an ihr Ohr, die leicht vorwurfsvoll klang. Isa zog die Augenbrauen hoch. Das war ein sehr schlechter Scherz gewesen. Sie war jeden Tag im Stall – Kunststück, ihre drei Pferde mussten bewegt werden und die vielen Trainingsstunden jeden Tag hatte sie sich nicht nur eingebildet.

„Es liegt wohl eher daran, dass du nie im Stall bist, wenn ich da bin“, antwortete sie trocken und suchte erneut mit der Hand nach dem Kugelschreiber.

Isa war schon wieder leicht genervt. Tatjana schaffte es immer sie schon beim ersten Satz, den sie sagte, zu reizen. Sie hatte so eine Art an sich, die einen schnell auf die Palme brachte. Die beiden kannten sich schon seit Isa in den Reitverein gekommen war. Sie war auch die Freundin, mit der sie am Jubiläumsturnier die „Biene Maja

“ geritten war. Doch in letzter Zeit hatten sie sich ein wenig auseinander gelebt, da Tatjana ihr mit ihren ständigen Sticheleien und der versteckten Eifersucht auf ihre Turniererfolge mächtig zu schaffen machte. Sie war schon immer ein Mensch gewesen, der immer und überall der Beste sein musste und sich auch für etwas Besseres hielt. Doch die vielen und hohen Platzierungen von Isa kränkten sie in ihrer Ehre und so schwang immer ein Ton von Neid in ihrer Stimme mit, der Isa gar nicht gefiel. Sie hasste Leute, die sofort neidisch waren und es nicht einmal zu verbergen versuchten. Anstatt an sich zu arbeiten verschwendeten sie ihre Energie darauf, anderen einen Dämpfer zu versetzen. Doch auf der anderen Seite verband die beiden immer noch etwas, was Isa selbst nicht beschreiben konnte. Vielleicht lag es daran, dass Tatjana mit Sonja die erste war die versucht hatte, sie in die Reitergemeinschaft zu integrieren. Sonja mahnte sie zwar immer davor, dass Tatjana nur mit ihr befreundet war, weil Isa die ganzen Kontakte zu den Turnierleuten hatte und sie nur kommen würde, wenn sie etwas bräuchte, aber Isa war schlau genug, um sich nicht ausnutzen zu lassen – das hatte sie nicht nötig.

„Stimmt. Eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du dieses Wochenende nach Essingen aufs Turnier fährst.“ „Ja, Samstag und Sonntag mit Lady

, Rouge

und Conquest

“, sagte sie und musste unmerklich lächeln, als sie an ihre junge Stute dachte, die so viel Ehrgeiz und Temperament im Parcours zeigte.

„Was hast du gemeldet? Da Quando

aufgrund ihrer Fußverletzung ausfällt und ich meine Nennung streichen musste wollte ich fragen, ob ihr noch Platz im Auto habt für mich“, brachte Tati endlich hervor und klang dabei ganz locker, als wäre es das normalste auf der Welt.

Quandoquina

war eine etwas zu klein geratene Hannoveranerstute mit mittelmäßigem Exterieur und nicht viel besserem Springvermögen. Das einzige, was sie im Parcours kannte, war Tempo. Sie explodierte förmlich unter ihrer Reiterin, galoppierte schlampig und schoss mit einer viel zu hohen Grundgeschwindigkeit durch die Prüfung. Jedoch versuchte es Tatjana immer wieder mit einem leichten Stil A, obwohl ihre Stute nicht einmal einem einfachen E gewachsen war. Isa wurde immer schlecht wenn sie sah, was die beiden für ein unharmonisches Bild boten. Die Stute wehrte sich gegen den Zügel, wenn ihre Reiterin versuchte das Tempo etwas zu drosseln. Sie landete ständig auf der falschen Hand und das Umspringen war ein einziger Kampf zwischen Pferd und Reiter. Sie kam schnell aus dem Takt und trug den Kopf zwischen den Sprüngen so hoch, dass Isa Angst haben musste, Tatjana könnte nicht mehr darüber sehen. Von einem Zeitspringen gar nicht zu reden, da Tatjana ihr Pferd auf Zeit rasen ließ und deren Galoppsprünge viel zu flach wurden. So fiel bei fast jedem Sprung eine Stange, denn Quandoquina war dafür bekannt ihre Hinterhand lustlos herunterhängen zu lassen anstatt anzuziehen. Die Stute hatte weder die Klasse, das Vermögen noch den Ehrgeiz von Isas Pferden. Ein bisschen mehr Dressur konnte den beiden nicht schaden um ihre Haltung und das Tempo zu verbessern, aber für Tatjana gab es nun mal nichts anders als das Springreiten. „Mit Lady

habe ich ein Stil L gemeldet und eine A Dressur. Conquest

geht am Samstag das A Springen und am Sonntag ebenfalls das Stil L. Ich denke, das mit dem Autoplatz geht klar. Dann rutschen wir auf der Rückbank eben alle in bisschen zusammen“, meinte Isa nach einigem Überlegen und Sonja nickte leicht säuerlich, da sie ihre Freundin auf jedem Turnier begleitete und unterstützte und nicht viel für Tatjana übrig hatte.

Aber was tat man nicht alles für seine beste Freundin. „Gut, wann fahrt ihr? Und was ist mit Rouge

?“

„Rouge

habe ich für eine leichte E Dressur und ein E Springen gemeldet. Ich möchte sie langsam aufbauen, damit sie mit den Aufgaben und der Höhe wächst. Ich schätze, wir fahren um sechs weg, da die Dressur schon um halb acht beginnt, aber ich ruf dich nochmal an sobald ich etwas Genaueres weiß!“

„Hört sich gut an. Okay, bis dann, Süße.“

Und schon hatte sie aufgelegt.

 

3. Kapitel

…, deshalb ist Liebe ersetzbar durch das, was einen Menschen im Alltag glücklich macht, was für ihn gleichzeitig Routine und doch Luxus verkörpert. In der Tiefe unserer Seele sehnen wir uns nur nach etwas, was uns das Leben verschönert und Abwechslung bietet. Die Liebe hat tiefe Wurzeln und gibt uns das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Die dunkle Mähne, in die man sich vergraben kann, die gütigen Augen, in denen man versinken kann, der muskulöse Hals, der einem immer Halt bietet – die Liebe meines Lebens!

Zufrieden legte Isa ihren Füller beiseite und überflog die letzten Zeilen noch einmal flüchtig, die ihren Aufsatz gelungen abrunden sollten.

Sie schüttelte den Kopf. Es war wie verflucht. Überall verfolgte einen das Thema Liebe

. Auf der Straße, im Internet und jetzt auch noch in der Schule. Man konnte nicht zum Einkaufen gehen oder den Fernseher anmachen, ohne mit Liebe überhäuft zu werden. Sei es ein Werbeplakat mit einem glücklichen Paar, Liebesrezepte, der Titel und die Handlung eines Kinofilms, Werbung für Babynahrung oder kitschige rote Herzen, die dem Ganzen einen richtigen Eindruck verleihen sollten. Die Medien vermittelten den Menschen jeden Tag, dass man ohne Liebe nicht leben könnte und sie das einzige Ziel sei, was man im Leben erreichen musste – die Liebe seines Lebens zu finden

. Isa war davon überzeugt, dass die steigende Selbstmordrate nur darauf zurückzuführen war, dass die Menschen, durch die Medien und die Umwelt beeinflusst glaubten, ohne Liebe sei ihr Leben verloren.

Sie sah keinen Sinn darin, das Thema in Religion durchzunehmen und endlose Diskussionen zu führen, wie man sie interpretierte. Dazu kamen noch die überaus unpassenden Kommentare der männlichen Seite, aber Jungs waren sowieso noch nicht so weit entwickelt, um anständige Gespräche führen zu können, ganz besonders in diesem Themenbereich.

Und da jeder eine andere Sichtweise der Liebe hatte meinte ihre Religionslehrerin, jeder müsse einen Aufsatz darüber schreiben, was Liebe für einen bedeutete und ob sie ein fester Bestandteil ihres Lebens war.

„Typisch Lehrer, wenn ihnen nichts mehr einfällt, überhäufen sie uns mit unnötiger Arbeit. Als ob ich nicht wüsste, was ich in meiner Freizeit anfangen sollte und Beschäftigung bräuchte. Deshalb bekommen sie auch keinen besseren Einblick in unseren Kopf wenn sie wissen, was wir über die Liebe denken.“

Kaum zu glauben – der Aufsatz hatte eine ganze Stunde ihres wertvollen Nachmittages verschwendet. Eine Stunde, in der sie schon längst hätte im Stall sein können – aber was tat man nicht alles für die Schule.

Um den Hausaufgaben und ihrer Laune etwas Schwung zu geben machte sie das Radio an. Leise summte sie eine ihr unbekannte Melodie mit und öffnete ihren Kleiderschrank. Welche Farben sollte sie heute tragen? Ihr Blick flog kritisch über die große Auswahl. Schließlich entschied sie sich für eine braun karierte Reithose mit dunklem Vollbesatz und dazu passend ihr braunes Top und ein rotes Halstuch mit weißen Tupfen.

Isa war ein Mensch, bei dem die Kleidung immer perfekt farblich aufeinander abgestimmt sein musste. Niemals durften sich die Farben beißen, sie sollten ein harmonisches Bild abgeben und ineinander verschmelzen – optisch gesehen. Ihre mehr als große Auswahl an Reithosen, Westen und Oberteilen ermöglichten ihr diese Freiheit.

Ihre Mutter nannte es immer „perfekt gestylt“, wenn sie ihre Tochter stolz betrachtete. Aber sie war schon immer darauf bedacht einen guten Eindruck zu hinterlassen und achtete streng darauf, dass Isa richtig angezogen war. Sie fand Gefallen daran den Kleiderschrank ihrer Tochter immer wieder mit neuen Sachen zu bestücken. Isa hatte manchmal das Gefühl, dass sie für ihre Mutter eine lebende Modepuppe war, die die neuesten Reitermoden präsentierte. Doch wenn sie sich selbst im Spiegel betrachtete stellte sie fest, dass es ihr selbst gefiel und fand, dass sie eigentlich ganz hübsch aussah – eine schlanke, aber dennoch sportliche Reiterfigur, lange Beine, hellblonde Haare, die sie im Stall immer zu einem Zopf oder Knoten trug, blaue Augen und rosige Wangen. Ihr Lachen ließ ihre Gesichtszüge noch weicher erscheinen, als sie sowieso schon waren. Doch ihr wurde nachgesagt, dass sie beim Reiten äußerst arrogant und zickig war. Sie musste selbst darüber lachen und wischte die Bedenken schnell wieder fort. Wahrscheinlich lag es nur an ihrer überaus konzentrierten Haltung, die kein Geräusch oder kein anderer Reiter stören durfte und an ihrer Genauigkeit. Doch genau diese Charaktereigenschaften hatten sie, zusammen mit ihrem enormen Talent und Ehrgeiz, soweit nach oben gebracht.

“Oh this has gotta be the good life, this has gotta be the good life, this could really be a good life, good life!” Übermütig drehte Isa das Radio lauter und tanzte befreiend durch den Raum. Ihr Zopf wippte im Takt und lachend stimmte sie im Refrain mit ein. Der Rhythmus beherrschte vollkommen ihren Körper und ließ sie durch das Zimmer tanzen, über den Teppich schweben. Eine Welle des Glücks durchströmte ihren Körper und verlieh ihren blauen Augen einen kleinen Glanz, ihren Lippen ein bezauberndes Lächeln.

Als sie sich im Kreis drehte sprangen ihr einzelne Glücksmomente ihres Lebens, die sie sorgfältig auf Bildern festgehalten und eingerahmt hatte, entgegen.

Momente – das ganze Leben bestand doch nur aus kleinen Momenten. An die schönen erinnerte man sich natürlich noch bis ins kleinste Detail, der Rest wurde irgendwo im Hinterkopf behalten und rückte im passenden Moment wieder unmerklich in den Vordergrund. Aber nichts lieb unvergessen. Unser Gedächtnis war wie ein selbstständiges Fotoalbum, das sich jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde von selbst aktualisierte. Es war wie ein kleiner Fotoapparat der ständig Fotos schoss, um jeden Moment ins Herz zu schließen und danach mit genauem Datum und Unterüberschrift einklebte. Wollte man sich an die alte Zeit erinnern, kramte man das Album einfach wieder heraus und ließ die einzelnen Geschehnisse Revue passieren. Jedes Erlebnis bereicherte das Leben, machte einen klüger, ließ einen daraus lernen oder einfach für den Augenblick unbeschreiblich glücklich sein. Das Dasein des Menschen läuft in schwarz-weiß ab, weil wir in der Gegenwart viel zu beschäftigt sind, um den Augenblick zu genießen. Nur die Bilder der Erinnerung verleihen ihm die nötige Farbe.

Mit dem letzten Takt des Liedes wurde Isa auch wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Sie schaltete das Radio aus und schloss langsam die Tür zu ihrem Zimmer. Der Holzparkett quietsche unter ihren Füßen, als sie sich auf den Weg zur Treppe begab. Ihre eine Hand glitt langsam an dem kühlen Geländer hinunter, während sie mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte, streng darauf bedacht nicht auszurutschen. Eigentlich sah es ihre Mutter gar nicht gerne, wenn sie ohne Hausschuhe und nur in Socken durch das Haus lief. Es machte erstens die Socken kaputt und zweitens war die Gefahr auszurutschen wesentlich größer. Schmerzlich erinnerte sich Isa an die Erfahrung, wie sie die Treppen rasant auf ihrem Hinterteil hinunter geschlittert war, da das Parkett frisch gebohnert war und sie mit Socken keinen Halt mehr auf dem glatt glänzenden Untergrund gefunden hatte.

Beruhigt den Weg in das Erdgeschoss ohne weitere Zwischenfälle überstanden zu haben, hastete sie schnell in Richtung Küche, da sie schon wieder etwas später dran war als geplant. An den weiß gestrichenen Flurwänden hingen lauter Turnierbilder von ihr in schönen Rahmen. Sie wusste, dass ihre Eltern mächtig stolz auf ihren Erfolg und ihr Talent waren. Sie unterstützten sie bei allem was sie tat und waren an den Turnierwochenenden nicht mehr wegzudenken. Was sollte sie ohne die Fürsorge ihrer Mutter machen, die sich ständig nach der aktuellen Platzierung erkundigte, ihr sagte, wie viele Starter noch vor ihr lagen, sich darum kümmerte, dass sie ausreichend trank und im Publikum ihren Pokal entgegen nahm, den sie bei der Siegerehrung überreicht bekam, um danach würdevoll die Ehrenrunde anzuführen? Nicht zu vergessen ihr Vater, der tapfer auf dem Abreiteplatz stand und die Sprunghöhe verstellte oder heruntergefallene Stangen wieder auflegte, obwohl er vor Pferden immer noch ein bisschen Respekt hatte, den er allerdings nie wirklich zugeben wollte. Isa lächelte. Jeder Besucher der ihr Haus betrat musste das Schwärmen ihrer Mutter von ihren Erfolgen über sich ergehen lassen und unzählige Bilder und Pokale bewundern. Zugegeben – was die Auswahl der Bilder betraf hatte ihre Mutter einen guten Geschmack. Die Besten, die der Turnierfotograf geschossen hatte, hatte sie sorgfältig ausdrucken lassen und ihnen einen Platz gegeben, wo sie wunderbar zur Geltung kamen. Es erfüllte Isa jeden Tag aufs Neue mit Stolz, wenn sie die Bilder betrachtete, wenn auch nur flüchtig, da sie sie schon in- und auswendig kannte. Doch es erinnerte sie immer daran, wie viel Glück ihr das Leben gönnte.

Sie ließ das Bild, auf dem sie professionell über einen überaus breiten und lagen Wassergraben hinwegsetzte, der im Schein der Sonne glitzerte und mit grünem Buchs eingerahmt war, hinter sich und betrat die Küche – das Reich ihrer Mutter. Gerade als sie auf den Kühlschrank zusteuern wollte, um frische Karotten für ihre Lieblinge mitzunehmen, sah sie auf der steinernen Arbeitsplatte eine ganze Packung mit dem orangenen Gemüse stehen und daneben eine Wasserflasche. Lächelnd verstaute Isa alles in der Stofftasche, die danebengelegen hatte. Ihre Mutter dachte eben an alles. Viel Spaß beim Training, meine Große. Papa und ich kommen dann um sechs Uhr in den Stall.

Gib den Pferden einen Gruß von mir.

Mama

Stimmt, heute Abend wollten sich ihre Eltern mit ihrem Springtrainer und ihrer Dressurtrainerin zusammensetzen, um das weitere Aufbau- und Trainingsprogramm von La Rouge

zu besprechen. Ihr Vater hatte beim Kauf des jungen Pferdes betont, dass er bereit war alles zu tun, um aus der wunderschönen Fuchsstute ein Profipferd zu machen, egal was es koste. Für seine Tochter würde er alles bezahlen. Bei dem übermäßigen Talent des Pferdes konnte man viel daraus machen. Isa seufzte glücklich. Das Leben liebte sie einfach über alles und hatte ihr wundervolle Eltern geschenkt. Schnell war sie einen erneuten Blick auf ihre Armbanduhr. Wenn sie bis sechs Uhr mit dem trainieren von drei Pferden fertig sein wollte musste sie sich ranhalten und durfte keine weitere Zeit verschwenden. Das würde wieder ein anstrengender Nachmittag werden. Doch sie war bereit für den Erfolg an ihr Limit zu gehen, alle Grenzen zu sprengen, um das Unmögliche möglich zu machen.

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„Komm!“

Auffordernd schnalzte Isa mit der Zunge, um Conquest

nicht hinter sich herziehen zu müssen. Der Wallach trottete gehorsam am langen Strick hinter ihr her, seine Hufe klapperten auf der Stallgasse. Sie entließ ihr Pferd in seine Box und beobachtete amüsiert, wie es sich sofort niederlegte und genüsslich wälzte. Das Fell, das noch nass von der kühlen Dusche nach dem harten Training war, trug jetzt eine dicke Sägespäne Schicht. „Hallo, Isabella.“

Erstaunt drehte Isa sich auf dem Absatz herum. Sie war so in den Anblick ihres Pferdes versunken gewesen, dass sie gar keinen um sich herum wahrgenommen hatte.

Vor ihr stand ein Mann mittleren Alters. Er steckte in einer braunen Reithose und Reitstiefeln, die bereits deutliche Gebrauchsspuren aufzeigten. Die Hände hatte er in den weiten Karotaschen seiner Weste vergraben. Er trug einen ebenfalls schon etwas ausgebeulten Westernhut, der überhaupt nicht zu dem typischen englisch reitenden Reiterbild mit Lederstiefeln passte. „Hallo“, erwiderte sie freundlich.

Eigentlich wollte Isa noch einen Namen hinter dem Hallo setzen, doch sie konnte den Mann, der so plötzlich vor ihr stand, nicht zuordnen. Sie fing den Blick aus seinen braunen Augen auf, der neugierig an ihr hängen blieb. Isa fühlte sich etwas unwohl. Sie hatte das Gefühl, dass sie diesen Mann kennen müsste. Er musterte sie wie ein alter Bekannter, der seinen Freund schon lange nicht mehr gesehen hatte.

„Der gute alte Conquest

sieht ja noch richtig gut aus. Und was ich von dir an den Wochenenden sehe gefällt mir. Wie alt bist du jetzt?“ Seine Stimme war angenehm tief und so vertraut. Isa hatte das Gefühl, als wären ihr tausende Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Hoffentlich fiel das nicht zu sehr auf. Anscheinend kannte er sie nicht nur von Turnieren, so meinte Isa zumindest ihr Gefühl deuten zu können.

„Ja, aber das wird seine letzte richtige Saison. Ich bin jetzt vierzehn.“ Der Unbekannte ließ Conquest

an seiner Hand schnuppern und lächelte freundlich. „Vierzehn, wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich hätte dich jedoch älter geschätzt. Deinen Vater habe ich auch schon länger nicht mehr gesehen, richte ihm einen Gruß von mir aus!“, sagte er und holte ein Taschentuch heraus.

Wenn ich doch nur wüsste, von wem ich einen Gruß ausrichten soll

, dachte Isa verzweifelt und kämpfte mit sich, um ihn nicht nach seinem Namen zu fragen. Das jedoch wäre unangebracht. „Vierzehn, dann du doch ein ganzes Stück jünger als mein René“, murmelte er in sein Taschentuch hinein.

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen vor den Augen, als wäre der Vorhang mit einem Ruck zurückgezogen worden, als wären die grellen Scheinwerfer auf einmal angegangen. Verwirrt und immer noch völlig Erstaunt über die Erkenntnis trat Isa einen Schritt rückwärts und übersah dabei eine Wurzelbürste mit Holzrücken, die achtlos auf der Stallgasse liegen geblieben war. Die Bürste rutschte zur Seite und Isa klammerte sich mit den Händen an die Eisenstäbe der Nachbarbox, um nicht zu Boden zu stürzen. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so sehr hielt sie daran fest. Langsam lehnte sie sich mit dem Rücken nach hinten gegen die Boxenwand, um ihren neugewonnen Halt zu sichern.

„Genau wie im Parcours oder im Dressurviereck – immer flott und doch elegant unterwegs, aber Vorsicht, junge Dame!“ Er lächelte Isa ein letztes Mal kurz zu, dann drehte er sich auf dem Absatz um und rauschte die Stallgasse entlang. Isa hielt den Atmen an und schloss vor Erleichterung kurz die Augen als sie hörte, wie die Stalltüre geräuschvoll geschlossen wurde, ein Motor ertönte und Kies unter den Reifen quietschte, bis es letztendlich wieder ganz still war. Ärgerlich biss sie sich auf die Lippe. Was für eine Blamage. Konnte sie nicht besser aufpassen wohin sie trat? Beinahe wäre sie gestürzt. Schlimm genug, dass sie am Anfang total die Orientierung verloren hatte und das ihr so unbekannte Gesicht nicht zuordnen konnte.

Eigentlich war sie nicht der Mensch, der viel an die Vergangenheit dachte oder sich wünschte Vorgänge rückgängig machen zu können. Peinlichkeit war für sie meistens auch ein Fremdwort. Wieso sollte man sich für seinen Charakter schämen? Die Besonderheit zeichnete einen Menschen doch erst aus, ließ ihn aus der Menge hervorstechen, wie eine Rose inmitten einem Feld voller Gänseblumen – unvergesslich. Die Vergangenheit war ein abgeschlossener Vorgang, den man nicht mehr besuchen und ändern konnte. Nur die Erinnerung im Kopf oder im Herzen ließ einen die Momente wieder zurückholen. Momente, die vor Schönheit strahlten und noch einmal wiederholt werden wollen oder Momente, die blass in einer Ecke der Erinnerung eingesperrt waren, da man sie unterbewusst verdrängte und sich wünschte, sie niemals erlebt zu haben. Doch die Erfahrungen der verschiedensten Art machten einen Menschen reicher, ließen ihn reifen und ermutigten ihn aus seinen Fehlern zu lernen, es in Zukunft besser zu machen oder sie schenkten ihm einfach einen Moment vollkommener Zufriedenheit. Schau nach vorne – nie zurück. Die Vergangenheit lässt dich lernen, doch nur die Zukunft schenkt dir Chancen!

Das Leben war im Grunde genommen wie ein Ritt durch den Parcours: man durfte nie nach einem Sprung zurückschauen, ob die Stange liegen geblieben war, sondern musste den Blick immer nach vorne richten, um das nächste Hindernis gut zu erreichen und vor dem Sprung sein Herz vorauswerfen. Man musste auf Zeit reiten, doch immer darauf achten, dass richtige Maß zu finden, seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Perfektion. Spielte man nach den Regeln des Lebens und blieb fair, grüßte man die Gegenwart und pflegte Kontakte mit dem Schicksal und plauderte nebenbei noch mit dem Zufall, konnte nichts mehr schiefgehen.

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„Ich verstehe definitiv nicht, warum du so ein Drama daraus machst“, kicherte Sonja und grinste in die Kamera. Isa rollte mit den Augen. Sie wusste schon, warum sie lieber mit Sonja telefoniert hätte, anstatt im Chatroom mit ihr zu camen. Normalerweise musste sie spätestens dann über ihre Missgeschicke selbst lachen, wenn ihre Freundin bereits dabei war, doch heute hatte sie eindeutig genug davon. Es wurmte sie immer noch, so eine tollpatschige Vorstellung vor Thomas gegeben zu haben. Was sie aber noch mehr nervte war, dass sie nicht wusste, warum sie sich so darüber ärgerte. Sonst war es ihr doch auch vollkommen gleichgültig.

„Das ist alles andere als witzig, ich weiß nicht wieso du so darüber lachen kannst, wenn ich schlecht dastehe. Was wird er jetzt wohl von mir denken!“, fuhr sie Sonja ungewohnt heftig an und öffnete ihre Playlist.

Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen und begann auf ihrer Unterlippe herum zu nagen. Immer wenn sie sich über etwas aufregte war sie eben nicht sie selbst. Doch die Wut siegte über ihr Gewissen und so entschuldigte sie sich nicht. Zum Glück schien Sonja es ihr nicht übel zu nehmen und zwang sich zu einem freundlichen Grinsen.

„Reg dich ab und hör mit den Wahnvorstellungen auf, Prinzessin. Du musst lockerer werden, das Leben ist viel zu kostbar, um sich in so etwas hineinzusteigern und …!“

Weiter kam sie nicht, denn sofort wurde sie von Isa unterbrochen. „Ich steigere mich in gar nichts rein und ich bewerte es auch nicht über. Und glaub mir, ich bin

locker. Das ist aber noch lang keine Entschuldigung für mein dummes Benehmen, wieso passiert das immer mir?“ „Das kann immer passieren, du kannst nicht alles Schritt für Schritt planen, da wäre das Leben total langweilig. Und wegen so einer belanglosen Kleinigkeit rückt dein Bild auch nicht in ein falsches Licht. Glaub mir, Thomas ist nicht so einer, der seine Meinung über einen Menschen schnell ändert, vor allem da dein Auftritt keines Wegs Anlass dazu gegeben hätte. In seinen Augen bist du immer noch das Mädchen, das auf den Turnierplätzen abräumt und eine Menge Talent besitzt, hat er doch selbst gesagt.“ „Vielleicht hast du Recht. Entschuldige, aber dieser Ausrutscher verfolgt mich schon den ganzen Tag“, brachte Isa langsam hervor und verzog ihren Mund zu einem schiefen Lächeln und ärgerte sich schon wieder als sie auf dem Kamerabildschirm sah, wie lächerlich und gequält sie aussehen musste.

Fast schon, wie aufgesetzt. Sie seufzte.

„Hey, dreh deine Boxen ein bisschen runter, mein Trommelfell möchte den heutigen Abend noch überleben!“, brachte Sonja einigermaßen mühsam hervor, bevor sie einen ihrer Lachanfälle bekam als sie sah, wie Isa vor der Webcam ihren Kopf im Takt der fetzigen Musik schwang und ihre Haare wild umherflogen. Nebenbei gestikulierte sie mit ihren Händen und verzog ihren Mund zu den komischsten Grimassen.

„Das Leben ist viel zu kurz, um sich aufzuregen“

Dieser Satz hämmerte mit dem Bass in Isas Kopf und Ohren. Sie ließ ihren Körper gehen, gab sich dem Rhythmus hin und ließ sich mit den improvisierten Bewegungen treiben. Ein Gefühl von endloser Leichtigkeit beherrschte ihren Körper, in ihrem Kopf gab es nur diesen einen Satz und sonst nichts. Sie wurde nicht mehr von ihrem Denken beherrscht, sondern von der Musik. Sie schloss die Augen – tauchte in eine andere Welt ein.

„Isa, komm mal wieder von deiner imaginären Tanzfläche zurück.“ „Gib mir deine Hand und wir tanzen die ganze Nacht, meine Liebe!“, flötete Isa und verzog ihren Mund zu einem breiten Grinsen, öffnete dennoch ihre Augen und stoppe ihre überaus rhythmischen Bewegungen.

Sie erblickte das fragende Gesicht von Sonja auf dem Bildschirm und zuckte lächelnd die Schultern. Jeder Mensch hatte eben eine unentdeckte künstlerische Phase, die irgendwann ans Tageslicht kommen musste.

„Ich habe gerade meine begabte, tänzerische Seite an mir entdeckt, gut nicht?“

„Meinst du das ernst? Sehr mysteriös!“, gab Sonja zurück und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

<<Alex>> 20.00: Servus, am Wochenende in Essingen am Start? Isa stutzte. Sie hatte aufgrund des blinkenden Briefkastens schnell die neue Nachricht geöffnete und eigentlich mit einer Message von Tatjana gerechnet, die sie eigentlich noch anrufen müsste um ihr mitzuteilen, wann sie am Wochenende fahren würden. Stattdessen schrieb ihr Alex. Sofort breitete sich ein unruhiges Gefühl in ihrer Magengegend aus. Hoffentlich wusste er nichts von dem peinlichen Vorfall heute im Stall, solche Sachen erzählten sich ja beängstigend schnell herum.

Isa96 20.05: Servus Klar, jemand muss ja für Sensationen sorgen und der Zeitung etwas zu berichten geben <<Alex>> 20.05: Du weißt schon, dass ich dir auf den Kopf spucken kann, wenn ich auf dem Siegertreppchen stehe, oder?! Isa96 20.06: Wenn ich schon nicht gewinne, reite ich wenigstens den Platz kaputt

„Isa, bist du noch da?“

Isa blickte erschrocken in die Webcam und nickte grinsend. Sie konnte nicht anders, die schlechte Laune von vorher und das flaue Gefühl in der Magengegend war wie weggefegt. Sie wusste nicht ob es an der Anwesenheit von Alex lag, dessen scherzhafte Laune bei jedem Menschen ein Lächeln hervorrief oder ob es der allzu vertraute Turniersmalltalk war, der kurz vor dem Wochenende jedes Mal aufs Neue die Turnierstimmung einleitete. „Alex hat mich gerade angeschrieben“, sagte sie nur und konzentrierte sich wieder auf das Chatfenster. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Sonja verräterisch lächelte und die Augen verdrehte.

„Eisprinzessin, wie war das: ich brauche keinen Jungen um glücklich zu sein?“

Isa erschrak.

„Nicht jeder ist in der Lage eine gute Freundschaft zu erkennen, nicht?“

Sonja streckte ihr die Zunge heraus und verkniff sich einen weiteren Kommentar. Natürlich wusste sie, dass ihre Freundin Recht hatte. Trotzdem war es immer lustig mit anzusehen, wie Isa sofort ihren Schildkrötenpanzer ausfuhr und vorsichtig ihren Kopf darunter durchsteckte, um ihre verteidigenden Kommentare abzufeuern. <<Alex>> 20.10: René wird am Samstag alles geben müssen, um dich von der Spitze zu verdrängen. Endlich einmal ernsthafte Konkurrenz, da macht das Ganze doch erst richtig Spaß Isa96 20.11: Er hat auch das A-Springen gemeldet? <<Alex>> 20.11: Klar, er muss doch unseren Verein würdig vertreten Isa grinste. So etwas nannte sie perfektes Timing. Wenn sie am Samstag ordentlich ritt, konnte sie das Missgeschick von heute wieder wettmachen.

„Den feg ich vom Platz!“, sagte sie laut und kicherte. Doch gleichzeitig wurde sie etwas skeptisch. Seit wann musste sie sich und anderen etwas beweisen? Sie hatte es eigentlich nicht nötig ihren Bekanntheitsgrad auf dem Turnier zu steigern und anderen die Kampfparole anzusagen. Sie gab jedes Mal ihr bestes, ritt konzentriert, sauber und feinfühlig, ging nie ein zu hohes Risiko ein und legte mehr Wert darauf in guter Manier über die Sprünge zu kommen als darüber zu heizen und haufenweise Feuerholz zu sammeln. Trotz ihrem enormen Ehrgeiz behielt sie einen kühlen Kopf und versuchte nicht mit aller Gewalt die beste Zeit zu erreichen, wie Tatjana es immer tat. Die Konkurrenz war überall groß, doch kein Grund sich in die Enge treiben zu lassen. In der Ruhe liegt die Kraft

, lautete das Erfolgsgeheimnis ihres Trainers, das sie sich immer wieder aufs Neue zu Herzen nahm.

„Huch, Isa ist auf Kriegspfad, alle Mann in Deckung.“ Isa wurde erneut aus ihren Gedanken gerissen und verbot sich abermals noch einmal so tief darin zu versinken. Man konnte nicht gleichzeitig chatten, camen und nachdenken – das ging nicht. Wenn man nachdachte, musste man für sich alleine sein, um alles klar erfassen zu können.

Weiter: Teil 3 von 3