Rittmeister Brand und Bertram Vogelweid, Zwei Erzählungen
Bertram Vogelweid.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen blieb.
Sollte das der berühmte französische coup de foudre sein? fragte sich Bertram.
Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte, zu bemerken. Ihm wurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und ihm leise zuflüsterte:
»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben, sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen nach Trzebinia.«
»Warum nach Trzebinia?«
»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:
»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.
»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...
»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« – Carolus hauchte es nur; er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fand ihn gar zu herzig in seinem sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem interessanten Gesichtchen.
»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«
»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.
»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«
»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt, ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet haben.«
»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo ich will.«
»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse, mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket abgeschickt ist.«
»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster Gelegenheit – machen Sie sich gefaßt.«
»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt – Sie fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«
»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«
»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« –
»Nach Hotin.«
»In Bessarabien?«
»Meine Güter sind in der Nähe.«
»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig Pfund – ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen geboten worden.
Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie edel und gelehrt. Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht widmen.
Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...
Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der Welt.
Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die Wittwe seufzte.
Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau. Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere Plätze angewiesen haben.
Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der Reisegefährtin ihr Flacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.
»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise vorstrecken, Vogel.«
»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«
Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der Verlegenheit zu helfen.
»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«
Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatte eine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an die Thür des Coupés.
Nun gilt’s dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.
XVI.
Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte, Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste Schicksal trifft sie, beugt sie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und prangendem Gefieder.
Und die Dorfleute, die nicht nur gegen dieses, sondern gegen jedes Thier die naivste Grausamkeit ausüben, sind beinahe durchwegs gutmüthig und haben eine freundliche Würde und eine angeborene Höflichkeit in ihrem Benehmen. Fast alle, denen Bertram begegnete, grüßten ihn, er dankte aufs freundlichste, nahm sich vor, die Landessprache eifrig zu studieren und träumte von künftiger Popularität. Dann dachte er an das Duett, das jetzt im Waggon, den er verlassen hatte, gesungen werden dürfte, klopfte lachend auf das in seiner Brusttasche untergebrachte Päckchen, und sang nach der ins Heitere übersetzten Melodie von: Der gute Kamerad:
»Was immer auch daraus entsteh’,
Ich hab’ eine That gethan, Juchhe!
Eine bessere find’st du nit, Juchhe!«
So lustig ging’s eine Weile fort, dann begann ihm sehr heiß zu werden. Die Sonne brannte – wie glühende Liebe! rief er laut. Ich liebe dich, o Mädchen – du Königliche! Ich kenne dich kaum und kenne dich doch. Du imponierst mir, und ich fühle mich doch zu deinem Beschützer berufen.
Die Hitze wurde drückend, einige Müdigkeit stellte sich ein, aber seltsam – ging’s nicht zu wie im Märchen? im Augenblick, in dem er sich das zum Bewußtsein brachte, wurde er von einem raschen Gefährt ereilt, das plötzlich neben ihm anhielt:
»Wohin, Herr Vogelweid?« ertönte vom Kutschbock herunter die Stimme Gerhart des Retters.
»Zur Station, Herr Graf.«
»Da bringe ich Sie hin. Kommen Sie.«
So las er ihn zum zweitenmal von der Straße auf: »Sie machen aber sehr weite Spaziergänge,« sagte er. »Mir scheint, daß Sie es schon nöthig haben, sich von der durchaus nicht litteraturfreien Atmosphäre in Obositz zu erholen. Ja, der Zug der Zeit. Uns hat er noch nicht ergriffen.«
»Sie sind ihm entronnen. Sie gehören gewiß zu den wahrhaft, den vom Buche zum Leben Vorgeschrittenen.«
»O, ich bitte, wir haben uns vom Buche durchaus nicht ganz emancipiert. Meine Frau liest sogar recht viel und auch ernste Sachen.«
Wenn er sagte: »Meine Frau,« nahm seine Stimme einen ganz eigen lieben Ausdruck an, und ein schönes Leuchten brach aus seinen dunkeln Augen. »Meine Frau,« Zärtlichkeit und Ehrfurcht, freudige und stolze Liebe verkündete sich dabei unwillkürlich und unbewußt in seinem Blicke. Heil dir, dachte Bertram, du braver Mensch bist auch ein glücklicher Mensch:
»Das Fräulein Gertrud von Weißenberg,« sprach er plötzlich, »hat große Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Gemahlin.«
»Das wäre mir nie aufgefallen.«
»Groß, wenn auch nicht so groß, schlank, wenn auch nicht so schlank ... und das Gesicht« ..
»Nun ja, ein Gesicht hat jede. Was aber die Ähnlichkeit betrifft« ...
»Sie liegt in dem Eindruck, den die ganze Erscheinung hervorbringt. Edelste Anspruchlosigkeit, die schönste Ruhe, die vollkommenste Natürlichkeit ist beiden Damen eigen.« Er schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich: »Wie sich wohl die Zukunft des Fräuleins gestalten wird?«
»Nicht besonders heiter.«
»Warum? warum sollte sich das Fräulein nicht glücklich verheirathen?«
»Weil wir vor lauter Geldgier dumm geworden sind, wir Männer; wer heirathet heutzutage ein armes Mädchen?«
»Ich wüßt’ wohl einen, der sich selig preisen würde« ... platzte Bertram heraus. Hätt’ er doch geschwiegen! Der Graf sah ihn von der Seite unangenehm fragend in einer Weise an, die ihn verwirrte, er bereute gesprochen zu haben und – redete weiter: »Sie glauben also nicht, daß sie ihn nehmen würde?«
»Ich glaube nicht.«
»Also nicht.« – Er war so bestürzt, daß der Graf ihn besorgt fragte:
»Was ist Ihnen?«
Die Antwort blieb aus, und im nächsten Augenblick wurde die Aufmerksamkeit beider durch ein wildes Schreien und Fluchen, das sich in der Ferne hören ließ, in Anspruch genommen. Gerhart gab den Pferden die Zügel und fuhr die jetzt ziemlich steil ansteigende Straße rasch hinauf. Inmitten der Anhöhe sah man ein mit Brettern beladenes Fuhrwerk halten, dem zwei armselige, alte Mähren vorgespannt waren. Unfähig, ihre schwere Last weiter zu schleppen, hatten sie ihr nachgegeben und den Wagen in ein Rinnsal gleiten lassen, in dem er nun quer über dem Wege stand. Der Lenker des unglücklichen Gespanns schlug drein in sinnloser Wuth mit dem Peitschenstiel, den Fäusten, den Stiefelabsätzen, und die Gäule senkten ihre Köpfe zur Erde, rührten sich nicht mehr, ließen die Mißhandlungen ihres Peinigers in stumpfer Verzweiflung über sich ergehen.
Gerhart hielt knapp bei ihnen an. Er war dunkelroth und biß die Zähne zusammen: »Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Vogel,« sagte er und winkte seinem Kutscher, der sofort absprang. Er schien zu wissen, um was es sich handelte, und schob einen Stein hinter eines der Wagenräder. Auch Gerhart sprang ab, ging mit drohenden Worten auf den Fuhrmann zu, entriß ihm die Peitsche und schleuderte sie zur Erde. Einen Augenblick war’s, als wolle der Mensch sich zur Wehre setzen; als er aber sah, daß der Graf und der Diener die Stränge ihrer Pferde zu lösen begannen, und errieth, daß man ihm zu Hülfe kommen wollte, zog er den Hut und brach in jämmerliche Klagen aus.
Nach wenigen Minuten waren die kräftigen Pferde den erschöpften vorgespannt und zogen das Gefährt den Berg hinauf.
Bertram blieb sitzen und sah ihnen nach.
Ein gutmüthiger Mensch, der Graf. Da half er gequältem Gethier aus der Noth, ihm aber hatte er ganz gelassen einen Stachel ins Herz gebohrt, mit seinem zweifelnden Blick und mit seinem grausamen: Ich glaube nicht.
Als Gerhart nach einer Weile zurück kam und die unterbrochene Fahrt fortsetzte, sagte er: »Sehen Sie, dieser Fuhrmann ist ein armer Teufel; ich weiß nicht, was mit ihm geschieht, wenn seine Pferde umstehen, und dennoch schindet er sie zu Tod. Die Armuth ist eben nicht sparsam.«
Es war spät am Nachmittag, als Bertram heimkehrte; die Schatten wuchsen und die Sonne sank, und das Vesperbrot war, wie Simon Befehl hatte Herrn Vogel zu melden, auf der Terrasse serviert.
Dort fand Bertram die Baronin in peinlicher Erwartung, ruhelos auf und ab wandelnd. Sie empfing ihn mit einem unterdrückten Aufschrei.
»Ach Sie! Endlich, Vogelweid! Was bringen Sie? Erlösung? Befreiung ... Bin ich gerettet?«
Als er alles bejahte, kannte ihr Dank keine Grenzen. Eine Sechzehnjährige hätte ihn nicht heißer empfinden, und kindlicher ausdrücken können, als Bertram die verfänglichen Briefe an Carolus und die Photographie mit der Widmung hervorzog und ihr überreichte.
Wie hatte diese Frau sich und ihre Gefühle konserviert. So etwas wäre unmöglich in der Stadt.
»Ich will nicht ungestraft gefehlt, geirrt haben,« sagte sie. »Ich werde ehrlich Buße thun; ich habe das Bedürfniß, zu sühnen, Vogelweid.«
Über die Art, in der das geschehen sollte, konnte sie ihm im Augenblick keine Aufklärung geben, denn Hugo kam eben in Begleitung Meisenmanns herbei. Der Freund und die Gattin bereiteten dem Herrn des Hauses einen Empfang, auf den er nicht gefaßt gewesen war.
»Hugo! Hugo! mein Alter! Ich hab’ dich noch nicht gesehen, seitdem du im Feuer gewesen bist und Menschenleben gerettet hast. O, ich weiß – ich weiß, du Braver!« rief Bertram ihm begeistert entgegen, und die Gattin schwebte im wuchtigen Fluge auf ihn zu und lag an seiner Brust und weinte auf seine lichtblaue Piquéweste »Thränen der Wiedergeburt.«
Ihr Mann fand das schön gesagt und gut gegeben, ersuchte sie aber Maß zu halten: »Du warst am Vormittag schon gerührt, Bertherl, das ist hinreichend, auch für eine so liebe und treue Frau wie du.«
»Treu?« – die Baronin zuckte zusammen wie eine verwundete Taube.
»Nun, vielleicht nicht? Ich bitte dich, Bertherl, mache dich nicht interessant. Wir wollen jausen ohne Interessantmacherei und ohne Rührung. Solche Sachen verderben einem nur den Appetit.«
»Vor meiner Rührung brauchen Herr Baron sich nicht zu fürchten,« sprach Meisenmann mit forciertem Humor. »Haben unter anderen einen deutschen Juden aus dem Feuer gezerrt. Ich an Ihrer Stelle hätte ihn tiefer hineingeworfen.«
»Sie Meisenmann? Wie macht das ein Theoretiker? Ich bin neugierig. Sie müssen es mir zeigen bei nächster Gelegenheit.«
Der Professor rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Nächste Gelegenheit? Was für eine Gelegenheit meinen?«
»Wir werden ja sehen, sie kommt.«
»Wenn man sie herbeiführen will, kommt sie freilich.«
»Ohne Sorge! Ich werde nicht extra Feuer legen, damit Sie Juden hineinwerfen können.«
Sieglinde und Gertrud kamen, die erstere aufgelöst in Verlegenheit, im scheuen Blick die Frage: Was sagen Sie zu meinen Gedichten? die zweite sehr ernst und noch stiller als gewöhnlich. Bertram glaubte zu bemerken, daß Meisenmann sie schon einigemale triumphirend angesehen habe, und war voll Indignation und hätte ihm gar zu gern zugerufen: Sie nimmt dich nicht; mich nicht und dich ebensowenig.
Etwas freier athmete er, als Hugo und Meisenmann sich zu Hagen verfügten und er allein blieb mit den Damen. Die Baronin und Sieglinde fingen an zu flüstern und einander gegenseitig aufzumuntern: » D u , Lindchen, d u !« »Um Gotteswillen, nein, d u , Mama!« Die liebende Mutter gab nach. Sie räusperte sich, sie hielt eine kleine Rede, in der sie ihren sehnlichen und den nicht minder sehnlichen Wunsch ihrer Tochter ausdrückte, Bertrams Urtheil über die Gedichte Lindchens in Erfahrung zu bringen.
»Gedichte?« Er mußte sich besinnen. »Gedichte – ja so!«
»Mama, Mama, Herr Vogelweid hat ganz vergessen ...« klagte Lindchen tief gekränkt.
»Nein, Baronesse, ich habe nicht vergessen, ich habe ge–geblättert, sagen wir, in den Gedichten, die Sie mir geschickt haben ...« Erbarmungslose, die einen Überfütterten noch stopft, wollte er hinzusetzen, aber die ängstlich gespannten Mienen der Mutter und der Tochter, die demüthig sehnsüchtige Erwartung, mit der beide Damen zu ihm empor schmachteten, entwaffnete ihn. Diese Dilettanten! sie haben alle Aspirationen, machen alle Leiden des echten Künstlers durch – nur was dabei herauskommt, ist anders. »Vor allem, Baronesse,« wendete er sich an Sieglinde, »was haben Sie vor mit Ihren Gedichten?«
»Drucken lassen« – sie stöhnte es fast, und er seufzte, wurde aber nicht grimmig, sondern sprach in weichem, zuredendem Tone:
»Sehen Sie sich um in der Welt. Wohin Sie blicken, überall begegnen Sie den allgemeinen, unaufhaltsamen Fortschritten ...«
»Unserer Litteratur!« fiel Bertha begeistert ein.
»– Der Socialdemokratie, Frau Baronin.«
»Ach ja,« versetzte sie und lächelte ihn höchst unsicher an.
»Wir gehen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung entgegen. Lösung der wirtschaftlichen Fragen heißt der nächste Schritt zum Ziele, und er liegt, wie man sagt, in der allgemeinen Verstaatlichung. Meine unmaßgebliche Meinung ist nun, daß der Übergang zu dieser breiten Straße des Heiles uns wieder auf jetzt ganz verlassene Fußpfade führen wird, zum Beispiel – zur Hausindustrie.«
»Ach ja,« wiederholte die Baronin und gab ein heuchlerisches: »Ganz recht!« dazu, um zu verbergen, daß sie ihn durchaus nicht begriff.
»Eilen Sie uns voran, Baronesse! Streben Sie keine fabriksmäßige Vervielfältigung Ihrer Dichtungen an, verschmähen Sie die kapitalistische Bücherproduktion durch den Verleger – singen Sie, ein liebliches Vögelchen, Ihre zarten Lieder den Eingeborenen von Obositz, zirpen Sie, ein trautes Heimchen, am häuslichen Herde.«
XVII.
Als man sich am Abend trennte, nahm Bertram Abschied von seinen Wirthen für den ganzen morgigen Tag, den er in Vogelhaus zubringen wollte. Lieber auch räumlich von der Unerreichbaren getrennt sein, als in ihrer Nähe schmerzvoll hangen und bangen. Er ging allein seinen Zimmern zu; der Freund, der ihn sonst geleitete, die Dienerschaft, die heute bis zum Morgen gewacht, hatten sich früher als gewöhnlich zur Ruhe begeben. Die Lampen waren gelöscht, vor der Mondesscheibe lagerte eine langgestreckte Wolke, ein träumerisches Halbdunkel herrschte, eine schöne Stille, Balsam für den geräuschesmüden Stadtbewohner. Jeder Blick durch die hohen Fenster des Ganges in den Garten bot Erhebung, wirkte sanft und beschwichtigend. Leise wie ein angefachtes Fünkchen begann die erloschene Hoffnung wieder zu glimmen. Quälst du dich nicht mit Hirngespinnsten, du Narr? fragte er sich. Waren die Worte, die dich unglücklich machen, auf dich gemünzt, oder beziehst du sie nur auf dich, krankhaft empfindlicher Thor? Muß der Graf an mich gedacht haben, als er sagte: Ich glaube nicht? Er dachte vielleicht an:
»Meisenmann!« rief Bertram wonnig mit wahrem Entdeckerjubel aus. Zu seinem Schrecken antwortete eine Stimme aus der Tiefe des Querganges:
»Ich bin’s, bitte.« Simon trat hervor. Der junge Herr Baron schickte ihn, er ließ den Herrn Doktor bitten, zu ihm zu kommen.
»Jetzt? jetzt gehe ich schlafen, und Hagen soll auch schlafen gehen. Sagen Sie ihm das von mir.«
»Er schläft aber nicht, er schreibt und liest die ganze Nacht.«
»In dem Zustand, mit dem Auge?«
»Ach Gott ja! ’s is schaudriös. Gehen Sie zu ihm, bitte, auf den Herrn Doktor wird er hören, auf uns hört er nicht, auf mich und den Meisenmann.«
»Ein schrecklicher Kerl, ein Tyrann,« murmelte Bertram, folgte dem Alten widerwillig und trat verdrießlich bei Hagen ein, der ihn verdrießlich empfing und anbrummte:
»Ist dir’s endlich gefällig?«
Er saß mit verbundenem Kopfe in einem großen Lehnstuhl unter der grell leuchtenden Hängelampe und sah elend aus. Auf einem Tische neben ihm waren die neuesten Werke der modernsten nordländischen, französischen und deutschen Unsittenschilderer recht zur Schau ausgelegt. In einer Hand hielt der Jüngling Juvenals Satiren, in der andern einen Rothstift.
Das Zimmer befand sich in greulicher, in gewollter Unordnung. Die Möbel und einen Theil des Fußbodens bedeckten Bücher, Schriften, Cigarrenkistchen, Waffen, Fecht- und Turngeräthe; an den Wänden hingen, mit Nägeln befestigt, schamlose Photographien. Auf einem Schranke neben der Thür lag eine Pistole; der Hahn war gespannt, das Zündhütchen aufgesetzt.
Komödiant! dachte Bertram und sprach mit eisigem Spotte: »Ich muß dir doch den Gefallen thun, dir zu betätigen, daß ich dich gefunden habe, im Juvenal lesend. Das Grellste hast du wohl mit Strichen versehen, damit niemand zweifeln könne, daß du’s verstanden hast. Mir freilich wäre nie ein Zweifel gekommen, bei den Erfahrungen, die du schon gemacht haben mußt, im Kaffeehaus oder in der Zuckerbäckerei.«
Bei dem letzten Worte fuhr Hagen zusammen, Zorn und Schrecken verzerrten sein Gesicht.
»Verzeih’, wenn ich dich ärgere, ich sollte dir dankbar sein, weil du dir so viele Mühe gegeben hast, mir zu Ehren dein Zimmer zu dekorieren.«
»Dir zu Ehren, ja just, was der sich einbildet!«
Bertram deutete auf die Bilder an der Wand: »Die wirst du doch nicht da lassen, wenn du deine Mutter erwartest, oder ...«
Hagen hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu: »Gieb deiner Beredsamkeit Urlaub, ich frage nicht nach deinen Moraltrotteleien, ich frage ...«
»Hast du meine Novelle gelesen?« unterbrach ihn nun Bertram seinerseits. »Ja, denn, ich habe sie gelesen, leider.« Er rückte einen Sessel an den Tisch und setzte sich.
Hagen spielte den Gleichgültigen und den Höhnischen, aber die Kniee zitterten ihm. »Hast du wirklich die Gnade gehabt?«
»Die Gnade, ganz richtig. Wie du weißt, bin ich nicht hierher gekommen, um mich mit dem Lesen dilettantischen Pfuschwerkes zu beschäftigen, sondern um mich vom Lesen zu erholen und von der Litteratur überhaupt. – Saubere Erholung ..« Er hielt inne, er würgte tapfer die Klagen hinunter, die sich ihm auf die Zunge drängten. »Genug davon. Trotzdem hab’ ich, wie gesagt, deine Novelle gelesen.«
»Großartig! Nicht zu glauben! Und was meint der patentierte Kritiker? Hab’ ich Talent?«
»Vielleicht ja, möglicherweise hast du Talent.«
Ein häßliches, rechthaberisches Lächeln verzog die blutlosen Lippen Hagens. »Wie mühsam er das herausquetscht! Einen Jungen loben, thut ihnen gar zu weh, den Alten. Kann dir nicht helfen ... Ich hab’ Talent, und weiß es, und wollte dich nur zwingen, es zuzugeben.«
»Und dann? was weiter? Talente laufen zu Hunderten auf der Gasse herum. Pferde, Hunde, Ferkel haben Talent. Talent, mein Lieber, ist viel und – nichts. Was du daraus machst, und was dieses ‘Du’ für ein Ding ist, darauf kommt’s an! Zuerst mache du d i c h , dann wirst du vielleicht etwas machen aus deinem Talent.«
»Ist mir zu hoch, die Weisheit.«
»Streck’ dich! am Ende langt’s.«
»Wenn man eine gute Novelle geschrieben hat.«
»Wer spricht von einer guten Novelle? Die deine ist elend, als Vorwurf, als Komposition, Charakterzeichnung, Stilprobe. Man muß scharf hinsehen, um eine Spur von Talent darin zu entdecken. Kein anderes als ein Ferkeltalent natürlich. Nun, auf ein Adlertalent machst du ja keinen Anspruch.«
»Du bist beleidigend.«
»Wenn die Wahrheit beleidigt.«
»Richtig! die hast du gepachtet ... Moraltrottel!« das eine Wort murmelte er nur, dann schrie er wieder: »Bleib’ bei der Stange! Mag die Novelle sein, wie sie will, Talent verräth sie. Empfiehl mir einen Verleger.«
»Da steht er,« erwiderte Bertram und deutete auf den Ofen.
»Das würde dir in den Kram passen. Wir kennen euch, ihr doktrinären Zöpfe. Aus dem Weg die Werke der Neuen! Du irrst, wenn du glaubst, daß ich dir aufsitze. Geh zum Teufel. Ich werde meinen Weg allein machen. Ich werde mir selbst einen Verleger suchen.«
»Wirst ihn auch finden, wenn du Unglück hast. Brauchst dich nur an den Rechten zu wenden, der besorgt alles, den Widerspruch provozierenden Tadel, das aller Würde hohnsprechende Lob. Irgend eine Zeitung sagt dann wohl: Dergleichen wurde noch nie gewagt – und der Erfolg ist da. Freilich giebt es nur eine Entschuldigung für das Jagen nach solchem Erfolg – den Hunger.«
Während er sprach, verfolgte er aufmerksam in den bewegten Zügen des Jünglings den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten. Es ging viel vor in diesem Werdenden, und so viel Sensationen, so viele Zügel, an denen ein Mensch gefaßt werden kann.
»Hagen,« begann Bertram von neuem und jetzt in versöhnlichem Tone, »ich habe diese Entschuldigungen gehabt. Nicht etwa, daß ich schnöden Erfolgen nachgejagt wäre, aber dafür, daß ich einen Beruf ergriff, zu dem ich nicht berufen war. Die Zwangslage, in der ich mich befand, kann allein verzeihlich machen ...«
»Und weißt du, Alleswisser, ob ich nicht auch in einer Zwangslage bin?«
»Oho, hast du etwas versprochen, dein Wort verpfändet? Gesteh! hab’ in Kuckucksnamen Vertrauen zu mir.«
»Ich hab’ nur zu viel.« Seine Stimme versagte, die Spannung, in der er sich künstlich erhalten hatte, ließ plötzlich nach. Er weinte, er schluchzte heftig, leidenschaftlich. Sein schmächtiges Körperchen wand sich in Schmerz und in ohnmächtiger Wuth über den weibischen Ausbruch, den er verachtete und dem er nicht Einhalt thun konnte.
Bertram hätte gern Mitleid mit ihm gehabt und brachte es nicht zuwege. Ach, wenn einem jemand unsympathisch ist, wo bleibt da die Güte, die vielgerühmte, die allumfassend, unendlich, ewig gegenwärtig sein soll? Bertram war angst und bang um den Jungen, aber ein warmes Gefühl für ihn konnte er sich nicht abringen. Guter, starker Mensch, schlag’ an dein Herz, nicht einen Funken Erbarmen schlägst du heraus, wenn es ihn nicht freiwillig giebt.
»Ich bin der ärmste Teufel,« rief Hagen, »ich stehe ganz allein in der Welt. Gertrud verabscheut mich, der Vater versteht mich nicht, die Mutter zieht mir diese Gans von einer Sieglinde vor. Auf dem Gymnasium bin ich verhaßt ... Das freilich ist mir Wurst. Ich kann ohnehin ins Gymnasium nicht mehr zurück. Hier kann ich auch nicht bleiben; wohin soll ich? Aus der Welt!«
»Warum kannst du denn nicht aufs Gymnasium zurück?«
»Weil ich Schulden hab’, zum Teufel. Beim Zuckerbäcker.«
Bertram brach in Lachen aus: »Beim Zuckerbäcker? Der blasierte Decadent sitzt beim Zuckerbäcker und stopft sich mit Kuchen, der Übermensch ist eine Naschkatz! Einen Lutschbeutel hast du doch auch, der liegt vielleicht als Merkzeichen im Juvenal?«
»Lache du ... Elende Possen zu reißen, wenn dein Freund ins Unglück gerathen ist, paßt für dich.«
»Es wird nicht groß sein, das Unglück.« –
»Woher vermuthest du das? Meinen Alten darf ich’s nicht klagen, sie haben ohnehin schon Schulden für mich gezahlt. Sie hinter seinem, und er hinter ihrem Rücken, und ihm habe ich mein Ehrenwort geben müssen, nichts mehr auf Rechnung zu nehmen. Und jetzt schreibt mir dieser verfluchte Zuckerbäcker Brief auf Brief ... Hilf du mir,« er faltete die Hände, »ich werde dir ewig dankbar sein.«
Bertram blickte finster vor sich hin: »Wieviel bist du schuldig? Antworte! Zehn Gulden? Zwanzig Gulden?«
»Zwanzig! Ein solcher Bettel brächte mich doch nicht in Verlegenheit.«
»Einen Bettel nennst du das? Ich habe in meinem ganzen Leben nicht zwanzig Gulden für Backwerk ausgegeben.«
»Andere Verhältnisse, mein Lieber,« versetzte Hagen hochmüthig.
»Bilde dir noch etwas ein auf deine ekelhafte Genäschigkeit. Also nochmals: wieviel bist du schuldig?«
»Zweihundert Gulden.«
»O du Entsetzlicher! Um zweihundert Gulden hat dieser Mensch Backwerk gegessen und Likör getrunken.«
»Ich habe auch traktirt,« sagte Hagen kleinlaut.
Abermals bestand Bertram einen schweren Kampf mit sich selbst und abermals ging er siegreich aus ihm hervor. Es hatte große Selbstüberwindung gekostet.
Aber durfte er zögern? Er durfte nicht. Er besann sich, wie mächtig es ihn ergriffen hatte beim Anblick von Vogelhaus: Was könnte ich für dich thun, du Treuer? Wie würd’ ich die Stunde segnen, die mir eine Antwort brächte auf diese Frage. Nun war die Stunde unerwartet schnell gekommen, nun konnte er etwas thun für seinen Freund.
Er stand auf: »Gieb mir die Rechnung. Ich werde zahlen, nicht deinetwegen, deines Vaters wegen. Es thät’ ihm zu weh, wenn er erführe, daß er einen Sohn hat, der sein Ehrenwort bricht. Wenn du aber glaubst, daß ich mein Geld umsonst gebe, irrst du. Ich geb’ und nehme.«
»Was nimmst du?«
»Dein Manuskript –«
»So hättest du doch Verwendung dafür?« rief Hagen mißtrauisch.
»Jawohl. Und diese Photographien.«
»Das ist Erpressung.«
»Jawohl, Erpressung und Gewalttätigkeit.« Er nahm die Bilder von der Wand und riß sie in Stücke. Er that’s ganz ruhig, und Hagen ließ es ohne Einsprache geschehen, lehnte den Kopf zurück, streckte die Beine weit aus und lag da wie ein Todter.
Der Arzt kam, nach seinem Patienten zu sehen, fand ihn erschöpft und etwas fieberhaft, und wollte bei ihm wachen.
Bertram verließ das Zimmer. Beim Weggehen hatte er aber einen Diebstahl begangen. Er hatte die Pistole abgespannt und sie mit sich genommen.
XVIII.
Er ging zu Bette, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge um Hagen hielt ihn wach. Nach einer Stunde stand er auf und begab sich zu ihm hinüber, um nach seinem Befinden zu fragen. Es war gut; der Ungerechte schlief den Schlaf des Gerechten, und dieser ängstigte sich um das saubere Früchtchen, das ihn sicherlich auslachen würde, wenn es davon wüßte. Bereuen konnte er seine nächtliche Wanderung aber nicht, denn er brachte Seelenruhe von ihr heim.
In aller Gottesfrühe, nach einigen Stunden kurzer, köstlicher Rast, war er auf dem Wege nach Vogelhaus. Unaufhaltsam hatte er vorwärts eilen wollen, aber die Schönheit des Gartens hielt ihn fest. Eine wahrhaft vollendete Schönheit.
Auf einer Brücke, die über das klare und wasserreiche Bächlein führte, das den Garten durchschlängelte, blieb Bertram stehen. Er legte die verschränkten Arme auf das Geländer und versank in die Wonne still bewundernden Schauens. Zwischen den Bäumen und Baumgruppen auf den welligen Wiesen eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die Berge und Wälder. Ein Blick voll Frieden. Wohnt er auch wirklich dort? Er wohnt, wohin du ihn träumst, und das ist in der Natur ewig und immer – die Ferne. Tritt näher, du siehst den Kampf.
Ein Knistern des Kieses, das Geräusch nahender Schritte, weckte ihn aus seinen Betrachtungen. Er wendete den Kopf und erblickte Gertrud, die langsam auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, sie wandelte unter dem Schutze eines großen Sonnenschirms, dessen breiter Spitzenrand ihr Gesicht verdeckte, und fuhr zusammen bei dem freudigen Gruße, den Bertram ihr zurief. Sie wäre ihm offenbar gern ausgewichen, konnte es aber nicht mehr thun, ohne geradezu die Flucht zu ergreifen. So entschloß sie sich denn, ihren Weg – noch langsamer als vorhin – fortzusetzen.
Sie scheint nicht angenehm überrascht durch meine Anwesenheit, sagte sich Bertram – ich störe sie – worin nur? Warum steht sie so früh auf? Sie dichtet! Ohne Zweifel, sie dichtet. Man kann nicht anders in diesem Milieu. Sie geht vielleicht ins Fischerhaus, um dort zu dichten.
Merkwürdig! Als ihm der Einfall kam, da war’s, als ob eine Mauer niedergefallen wäre, die zwischen ihm und ihr gestanden hatte. Sie Dichterin, er Journalist: er fühlte sich beinahe auf dem gleichen Fuße mit ihr. Beinahe, nicht ganz. Sie war ihm doch noch zu fremd und – »eine Würde, eine Höhe« ...
Er setzte den Hut, den er feierlich abgenommen hatte, wieder auf, ging ihr entgegen und wand dabei, wie man beim Waschen thut, eine seiner Hände um die andere, was immer etwas sehr Verbindliches hat. Vor ihr angelangt, neigte er sich mit einer gewissen freundlich erwartungsvollen Spannung und sagte: »Nun, mein gnädiges Fräulein ... und was schreiben denn Sie?«
Gertrud war betroffen: »Ich?«
»Sie! – Sie werden doch auch schreiben.«
»Nein, gewiß nicht.«
Nun war e r betroffen. »Ist das möglich? Und warum nicht?«
»Warum? – weil ich kein Talent habe,« gab sie mit großer Gelassenheit zur Antwort und zuckte ein wenig die Achseln.
»Kein Talent?... Eine Dame von heute ohne Talent zur Schriftstellerei?« Die niedergesunkene Mauer richtete sich sogleich wieder auf, und die Geliebte stand ihm wieder so hoch wie je, und er hätte das Knie vor ihr beugen mögen und ausrufen: »Verzeih’, Erhabene, daß ich dich anbete!«
Zum ersten Male während ihres Gespräches hatte sie die Augen zu ihm erhoben und sah ihn mit einem Gemisch von Verlegenheit und Muthwillen flüchtig an: »Ich wäre vielleicht so gut wie andere im Stande gewesen, mir poetisches Talent zuzutrauen, wenn mich nicht eine Autorität bei Zeiten aus der Gefahr gerettet hätte.«
»So sind Sie, mein gnädiges Fräulein« – das kam mit einem Anflug von Wehmuth heraus – »doch auch in Gelegenheit gewesen, sich an eine Autorität in dergleichen Dingen zu wenden?«
»Jawohl, wie ich in Gelegenheit gewesen bin, bei Blumenmacherinnen und Stickerinnen anzufragen: Ist meine Arbeit etwas werth und könnt’ ich Geld dafür bekommen? Was versucht man nicht alles, wenn man jung ist und voll Selbstvertrauen.«
Und arm, ergänzte er in Gedanken.
Nun kamen sie an dem Weg vorüber, der zur Straße nach Vogelhaus führte. Bertram ließ ihn links liegen und schritt weiter, an der Seite seiner holden Begleiterin. Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, aber ihm ging dabei das Herz auf; die Scheu, die Gertrud bei jeder neuen Begegnung mit ihm zu überwinden hatte, war verschwunden bis auf die letzte Spur, da wagte er’s, da sprach er die Frage aus, die ihm schon so lang auf der Seele brannte:
»Was haben Sie gegen mich gehabt, Furcht oder Abneigung? Eines dieser beiden Gefühle war ich so unglücklich, Ihnen einzuflößen.«
»Das erste,« erwiderte sie ohne Zögern.
»Du lieber Gott, wer ist schuld? Wer hat mich verleumdet?«
»Niemand; bei uns wird nur Ihr Lob gesungen, ich habe aber meine Privatempfindung.«
»Und die ist Furcht?«
»Ich staune, daß Sie darüber staunen. Wenn man grausam sein kann wie Sie, wenn man arme, vielleicht feinfühlige Menschen an den Pranger stellen und dazu lachen kann ... denn Sie lachen, wenn Sie Ihre Feuilletons schreiben ...«
»Längst nicht mehr. Ich schwitze, schwitze Blut! Und was die armen, feinfühligen Menschen betrifft – die sich ohne Berechtigung an die Öffentlichkeit drängen, die haben eine dicke, eine Rhinozeroshaut; denen geschieht nichts, aber die Pfeile meines Witzes stumpfen sich ab an ihnen; haben Sie noch nicht bemerkt, wie stumpf meine Pfeile geworden sind?«
Sie waren beim Teiche angelangt, sie standen im Schatten hoher Bäume und dichter Gebüsche. Gertrud hatte ihren Sonnenschirm auf die Achsel fallen lassen, er bildete einen lichten Hintergrund zu ihrem schönen Kopfe, mit den reichen, braunen Haaren, die zusammengewunden einen schweren Knoten im Nacken bildeten. Einzelne von ihnen, dem Zwang entschlüpft, kräuselten sich auf dem Scheitel und an den Schläfen und schimmerten zart und goldig. Sie trug ein schwarzes Morgenkleid, und aus der Tasche guckte grellroth mit goldenem Schnitt ein Elzevirbändchen, auf das Bertram langsam und zagend mit dem Zeigefinger wies:
»Mein gnädigstes Fräulein, ich besorge, Sie lesen meine letzte Novelle.«
»Ja, auf Empfehlung der Tante.«
»Hm! Wenn Sie eine Nichte hätten, würden Sie ihr die Novelle auch empfehlen?«
»Ich weiß noch nicht, ich bin noch nicht sehr weit.«
»O, dann lesen Sie auch nicht weiter! Lernen Sie mich nicht von meiner schlechtesten Seite kennen, von der schriftstellerischen. Ich habe bessere Seiten, ich schwör’s. Damit ist allerdings nicht viel gesagt, denn meine Romane ...« Er blickte ihr fest ins Gesicht, »elend, nicht wahr?« Sie erröthete und wendete sich ab, plötzlich aber wich die leichte Verlegenheit, von der sie ergriffen worden war, einem heitern, fast übermüthigen Ausdruck:
»Ich darf’s nicht sagen,« sprach sie. »Sie könnten sonst glauben, daß ich Repressalien gebrauche.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er.
»Erinnern Sie sich vielleicht einer gewissen Anna Mimona?«
»Ja, nicht ganz ohne Gewissensbisse. Anna Mimona –«
»Das war ich.«
Er prallte zurück bis an den Rand des Teiches.
»Geben Sie acht!« rief sie erschrocken, und er blieb stehen und starrte sie an.
»Nähmaschine!« schrie er auf. »O, dann ist alles verloren, dann fürchten Sie mich nicht nur, Sie hassen mich auch. Nähmaschine!... Das können Sie mir nie und nimmer verzeihen!«
»Ich kann es freilich nicht mehr, weil ich es längst gethan habe. Ihr Rath war ja gut, aber befolgen konnte ich ihn nicht. Um eine Nähmaschine zu kaufen, braucht man Geld, und ich hatte keines.«
»Sie hatten keines. O ich roher, gedankenloser Dummkopf! Und ich habe die Gedichte nicht einmal gelesen.«
»Mit welchem Pathos Sie das sagen! Wie Gräfin Orfina.«
»Jetzt aber will ich’s thun und mit dem innigsten Interesse, mit Andacht! Ich bitte um Ihr Manuskript, mein gnädiges Fräulein.«
»Das kann ich Ihnen nicht geben, es existirt nicht mehr.«
»Haben Sie’s vernichtet? Ja? – Ewig schade!«
»Doch nicht: das Manuskript ist fort, der Inhalt ist da. Sie können ihn in Sieglindens Gedichten wiederfinden.«
»So? Schreibt sie ab?«
»Niemals – es fällt ihr eben dasselbe ein: das alte Lied, das in jedem jungen, aufknospenden Herzen erklingt.«
»Ich gäbe alles darum, es von Ihnen singen zu hören.«
»Unmöglich, ich bin keine Dichterin mehr.« Das hatte sie lachend gesagt, wurde aber bald wieder ernst und vertraute ihm, daß sie das Haus ihrer Verwandten zu verlassen gedenke.
»Wegen Hagens, diesem jungen Laster!« rief Bertram. Sie antwortete nicht, er gerieth in Bestürzung, und Funken tanzten ihm vor den Augen.
»Oder – verzeihen Sie einem ängstlichen, aufgeregten Menschen, den ein Hirngespinnst um den Schlaf bringt, denken Sie vielleicht – nein, Sie denken nicht daran, Frau Meisenmann zu werden?«
»Gewiß nicht,« erwiderte sie, »es ist ja auch undenkbar. Sie finden mich auf dem Wege zur Fischerhütte, da bin ich am frühem Morgen ruhig und ungestört. Ich will an eine alte Frau schreiben, bei der wir gewohnt haben, meine Mutter und ich, die nimmt mich gern wieder auf.«
»Nach Wien also wollen Sie? Und was dort?«
»Eine Stelle suchen oder – mein guter Onkel giebt mir die Mittel dazu,« – wieder flog ein Ausdruck von Heiterkeit wie ein Sonnenstrahl über ihre Züge: »oder eine Nähmaschine kaufen.«
Helllodernde Liebe flammte in Bertram auf und funkelte ihm aus den Augen – eine andere Sprache fand er nicht; nach einer Pause erst wiederholte er voll des innigsten Mitleids: »Eine Stelle wollen Sie suchen, mein gnädiges Fräulein?«
»Schwer zu finden, ich weiß. Es giebt ja Bonnen, Gouvernanten und Gesellschafterinnen in Hülle und Fülle. Aber ein Mangel herrscht, wie ich höre, an guten Krankenwärterinnen. So gedenke ich mich denn zur Krankenwärterin auszubilden.«
»Dann etablire ich mich im Spital!« rief er aus.
»Sie scherzen –?« fragte Gertrud befremdet: »Mir war mit allem ernst, was ich Ihnen gesagt habe.«
Bertram wollte sich entschuldigen, sie ließ ihm dazu keine Zeit:
»Auf Wiedersehen,« sagte sie, neigte den Kopf und trat in die Fischerhütte.
Er war entlassen und ging und verwünschte sich einmal wieder. Was für eine Taktlosigkeit hatte er begangen! Wenn er ihr mißfiel und sie es ihn fühlen ließ, geschah ihm recht.
Unterwegs begegnete er Herrn Meisenmann und einigen Bauern, denen der Agitator fleißig vordeklamirte. Sie hörten ihm aufmerksam zu und ließen den Gruß Bertrams unerwidert.
In Vogelhaus war’s schön und herrlich, und doch – mitten in seinem lieben Eigenthum, schon nah dem Ziele, dem er in leidenschaftlichem Bemühen jahrelang entgegen gestrebt hatte, wußte der neue Herr: all das Errungene ist werthlos, und nie werde ich seiner froh, wenn ich nicht auch D i e erringe, die mir so unsagbar lieb geworden ist.
Als er am Abend nach Obositz zurückkehren wollte, kamen von dort zwei Phaetons einhergerollt. Den ersten kutschirte Hugo, und im Wagen saßen Bertha und Sieglinde, den zweiten kutschirte der Retter, und im Wagen saßen die liebenswürdige Reisegefährtin und Gertrud.
»Wir sind da, um dich abzuholen, Ausreißer!« rief Hugo.
»Und um Sie als Grundherrn willkommen zu heißen, ‘bei uns zu Lande auf dem Lande.’ Annette von Droste, nicht wahr?« sprach die Baronin, indem sie sich aus der Wagendecke wickelte.
»Ja – ich glaube.« Sehr dankbar, wenn auch etwas zerstreut, empfing Bertram alle seine Gäste im Vogelhaus, als aber Gertrud die Schwelle überschritt, sprach er leise und glückstrahlend: »Segen meinem Hause!«
XIX.
Der Besuch der Nachbarn wurde von Weißenberg und seinem Gast am folgenden Nachmittag erwidert. Als ihr Wagen über die Grenze fuhr, begann der Freiherr Vergleiche zwischen Obositz und Luchov anzustellen, die alle zu Gunsten Luchovs ausfielen:
»Obwohl die Bevölkerung ärmer ist als bei uns, hat sie fast keine Steuerrückstände und hat ein hinreichend dotirtes Armenhaus und Spital und eine gut organisirte Feuerwehr und einen Veteranenverein, der nicht wie der unsere drei Viertel seiner Einnahmen auf Landpartien verjubelt. Das Beste von allem aber ist: Gerhart hat Einfluß auf die Leute, während meine Obositzer lieber zu Grunde gehen, als einen Rath von mir befolgen würden. Und doch ist nie etwas geschehen, wodurch ihr Mißtrauen sich rechtfertigen ließe. Meine Eltern und Großeltern waren gute und hülfreiche Herren. Das Gut Luchov geht seit Generationen von einer Hand in die andere; warum ist gerade hier die Bevölkerung rechtschaffen, fleißig, nüchtern, warum erhält und entwickelt sich gerade hier die Kultur, während ringsum alles verwildert? Ja, warum? Wie kommt das Goldkorn in den Kies, in die Quarzgänge? Naturerscheinung, und die Kulturgeschichte ist Naturgeschichte.«
Am Ende des Dorfes bog ein breiter Weg, der zum Schloßgarten führte, von der Straße ab. Das Thor stand offen, und an einem der Pfeiler war eine Tafel mit einer böhmischen Inschrift angebracht.
»Schau,« nahm Weißenberg wieder das Wort. »Da steht: Hier wohnt der Vorsteher des Ortes Luchov. Gerhart ist zum Bürgermeister gewählt worden, nachdem er kaum einige Jahre hier zugebracht hatte. Einstimmig gewählt. Ich kann meine Wahl nicht durchsetzen, mich wollen sie nicht. Und sie könnten doch wissen, daß ich es ehrlich mit ihnen meine. Beweise dafür haben sie genug.«
Die zwei Kinder, die Bertram schon auf der Eisenbahn gesehen hatte, kamen mit offenen Armen auf Hugo zugelaufen, als er aus dem Wagen stieg: »Der Vater und die Mutter sind im Dorf, werden aber bald kommen,« sagte das Knäblein und schwenkte den breiten Strohhut vor Hugo, vor Bertram, vor dem Kutscher, begrüßte auch die Pferde, die er beim Namen anrief und erkundigte sich nach dem Befinden der Hunde in Obositz.
Indessen hatte Bertram einen Handschlag mit dem kleinen Mädchen gewechselt, das auf die Frage, ob es ihn noch kenne, antwortete: »O ja, du bist ein Vogel und ich,« sie warf sich in die Brust, »bin die Tochter des Bürgermeisters. Da kommt er schon und die Mutter auch.«
»Lauft ihnen entgegen, Kinder,« sagte Hugo. Aber der kleine Junge stellte sich der Schwester, die schon davonstürmen wollte, mit ausgespreizten Beinen in den Weg und redete eifrig mit einer wahren Richtermiene auf sie ein:
»Du darfst nicht, du weißt recht gut. Du siehst doch, daß der Vater mit dem Leschka spricht. Wir dürfen nicht zu ihm, wenn er mit einem großen Menschen spricht,« wandte er sich erklärend an Weißenberg.
»Das nenn’ ich Kinderzucht,« meinte der. »Ja, ja, da könnt’ ich was lernen. Mein Junge war seinerzeit auch ein lieber Kerl. Weiß Gott, wie’s kommt, daß er sich so kurios herausgewachsen hat.«
Der Graf und die Gräfin wurden von einem bäuerlichen Ehepaar, einem stattlichen Greise und einem hochgewachsenen, spindeldürren Weibe, begleitet. In dem Mann erkannte Bertram einen der Bauern, die er gestern auf dem Wege nach Vogelhaus in Gesellschaft Meisenmanns getroffen hatte; die Frau war eine unheimliche Erscheinung, mit ihrem wie aus Citronenholz geschnittenen Gesichte und dem stechenden Blick ihrer dunkeln Augen.
Gerhart grüßte seine Gäste, blieb aber am Thor stehen und ließ sich nicht stören in seiner Verhandlung mit dem Bauern. Die Gräfin eilte auf Weißenberg und Bertram zu, und das Weib folgte ihr, unaufhörlich sprechend in gleichmäßig klapperndem Tone. Plötzlich vertrat die Alte ihr den Weg, streckte die Rechte aus, streichelte ihr die Wange, sagte dabei etwas, das sich offenbar auf die Kinder bezog, und hastete davon.
Die Gräfin hatte die unerwünschte Liebkosung ruhig erduldet, deutete mit einer Bewegung des Kopfes nach der Forteilenden und sprach zu Weißenberg: »Antisemitischer Wahnsinn, importirt aus Obositz. Die Leschkova hat mir eben empfohlen, auf meine Kinder acht zu geben, damit sie nicht einem Ritualmorde zum Opfer fallen und er, Leschka, will, daß alles daran gesetzt werde, den einzigen Juden, den wir im Dorfe haben, den kleinen Handelsjuden Moschko, der seit zehn Jahren unangefochten hier haust, um sein Wohnungsrecht zu bringen. Gerhart hat zu thun, dem Herrn Gemeinderath, hinter dem schon eine Partei steht, den Kopf zurecht zu rücken.«
»Schad’ um die Müh. Sie ist verschwendet. Einen Bauern kriegt unsereins nicht herum.«
»Mein Mann hat schon so manchen herumgekriegt,« erwiderte die Gräfin mit ruhiger Sicherheit, und Bertram sah sie bewundernd an. »Mein Mann,« das hatte sie mit demselben beglückten Stolze, mit eben solcher Zärtlichkeit gesagt, mit denen e r sagte: »Meine Frau.«
Nach zehn Ehejahren war die Zuneigung dieser beiden Menschen noch warm und begeistert wie junge Liebe und durch die Zeit vertieft, durch Treue geheiligt worden.
»Dein Meisenmann säet Drachenzähne,« sprach Gerhart, der nun auch herbeikam, zu Weißenberg. »Er predigt Deutschenhaß und Antisemitismus. Wann kriegen wir ihn endlich einmal fort aus unserer Gegend, wann zieht er als Professor in das goldene Prag?«
»Im Herbst, denk’ ich.«
»Erst?« Die Gräfin zuckte die Achseln. »Nein, lieber Freund, daß Sie den nicht hinausgeworfen haben, als er sich bei Ihnen um unsere Gertrud bewarb, verzeih’ ich Ihnen nie.«
»Je nun, sie könnt’s schlechter treffen. Er hat sie sehr gern und ist ein guter Mensch.«
»Ein guter Mensch, der Böses thut.«
»Ach was! Deklamirt gegen die Deutschen und gegen die Juden und würde doch keinem ein Haar krümmen.«
»Werden die Leute, die er verhetzt, ebenso platonisch hassen?« fragte Gerhart. »Ich glaube, daß sie sehr aufgelegt sind, zu Knütteln und Beilen zu greifen. Das bedenkt er nicht, der Maulheld, oder macht sich kein Gewissen draus. Ein roher Kerl, der aus eigenster Überzeugung selbst dreinschlägt, ist mir lieber.«
»Mit einem solchen kann ich dir auch aufwarten; hab’ erst neulich meinen Heger vor ihm retten müssen, der ein paar Holzdiebe arretirt hatte und den er dafür zur Rechenschaft zog. Er ist ein ehemaliger Schlossergeselle, zieht hier herum und verbreitet die sozialistischen Lehren auf dem Lande. Ich kenn’ ihn seit Jahren; er war ein tüchtiger Arbeiter, bis er ein Rednertalent in sich entdeckte. Das ist das einzige, das er jetzt ausübt, und wo seine Zunge nicht ausreicht, hilft er mit den Fäusten nach.«
Der Graf führte seine Gäste in den Garten, der hübsch angelegt war, sich aber an Größe und Schönheit mit dem Obositzer nicht vergleichen konnte. Vor zwei Jahren hatte ein Wirbelsturm hier gehaust und die schönsten Bäume ihrer Kronen, viele auch der Hauptäste beraubt.
Bertram wurde immer schweigsamer. Schadenfeuer, Deutschenhaß, sozialistische Agitation, Wirbelsturm – das waren freilich Dinge, an die er nicht gedacht hatte, als er noch in seiner Bratröhre saß und den Aufenthalt auf dem Lande für die reine Idylle hielt.
Aus dem Garten ging man in den Meierhof und in die Stallungen; die Fütterung war vorbei, den Rindern die Streu zum Nachtlager zurecht gemacht, der Boden wurde gekehrt, die Barren wurden gereinigt. Beaufsichtigt oder nicht, verrichteten die Leute emsig und ruhig ihre Arbeit, und Bertram bewunderte die Sauberkeit und Ordnung, die nach vollendetem Tagewerk allenthalben herrschte.
»Es bleibt noch manches zu wünschen übrig,« erwiderte der Graf, »und, glauben Sie mir, lernen können Sie bei uns nichts. Wir sind selbst Schüler, wir richten uns, so viel wir können, nach der Wirthschaft in Obositz. Da steht unser Vorbild.« Er klopfte Weißenberg liebreich und respektvoll auf die Schulter.
Der lehnte ab: »Den Mechanismus hab’ ich in leidlichen Stand gesetzt, aber mein Werk ist todt, weil ich die Menschen nicht gefunden habe, die auf meine Absichten eingehen; im Gegentheil, mit wenigen Ausnahmen lauter Gegner, offene und geheime. Abgetrotzt muß ihnen werden, was sie mir leisten sollen. Dir thun deine Leute was zu lieb, mir zu leid, was sie können!« Er kam wieder auf seine Naturerscheinung zurück, und man sah wohl, daß Gerhart ihm nicht recht gab, sich aber schwer entschloß, dem verehrten Manne zu widersprechen.
»Daß deine Obositzer nicht viel taugen, ist ausgemacht,« sagte er. »Vielleicht hat gerade die Großmuth ihrer früheren Herren, die ihnen materiell nützte, ihnen moralisch geschadet. Du, Lieber, Bester, bist in vielem zu gut und nachgiebig.«
»Aha, ich verstehe, das heißt schwach.«
»Verzeih, ja, in vielem – in anderem wieder – wie soll ich sagen? – zu empfindlich. Bist halt vom alten Schlag, hast noch Erinnerungen an eine Zeit, in der der Grundbesitzer der Herr gewesen ist. Das merken diese Menschen, die sich nicht mehr beugen und unterordnen wollen. Bei mir ist’s anders, ich bin hier von allem Anfang an ein Gleicher unter Gleichen gewesen. Manches, das dir rücksichtslos erscheint, kommt mir selbstverständlich vor. Sie haben mich zum Bürgermeister gewählt, ja, aber wer weiß, ob sie mich wieder wählen, wenn meine Zeit um ist? Ihre Interessen liegen mir am Herzen wie die meinen, sie
s i n d die meinen, wie die meinen die ihren sind – trotzdem: der Klassenhaß, der
Argwohn wurzeln schon zu tief in den Gemüthern. Meine Treuesten wissen nicht, was sie antworten sollen, wenn ein Sozialist – ich achte jeden uneigennützigen! – sie fragt: Warum wählt ihr einen Grafen?«
Die Gräfin hatte sich mit den Kindern ins Haus begeben und ließ nach einer kleinen Weile die Herren zur Jause rufen. Aber Gerhart, der eben angefangen hatte, eine nöthig gewordene Grenzregulirung mit Weißenberg zu besprechen, ersuchte Bertram, einstweilen allein voraus zu gehen.
Der Salon, in dem die Hausfrau ihn empfing, war behaglich eingerichtet, spiegelhell und geräumig. Die bunten, doch geschmackvollen Cretonnetapeten und Draperien erinnerten Bertram an Turgenjews Schilderung des Gastzimmers Frau Shipjagins, und zugleich fiel ihm ein, daß er hier das Widerspiel der Gattin des russischen Staatsmannes vor sich habe. Einen größern Kontrast zwischen ihrem gemachten Wesen und dem der lieben Frau, die ihn jetzt einlud, am Tische Platz zu nehmen, konnte es nicht geben.
»Die Herren sprechen von Grenzregulirung. Da finden sie kein Ende, und wir wollen nicht auf sie warten. Nehmen sie eine Tasse Thee?« fragte sie.
Aber er wünschte ihrem Beispiel und dem der Kinder zu folgen und bat um ein Glas Milch. »Ich muß wenigstens im kleinen alles Nervenaufregende vermeiden.«
»Wenn Sie das nur auch im großen könnten.«
»Freilich, wenn! Aber Sie wissen, Frau Gräfin, ein Jahr lang muß noch gesündigt werden auf meine Nerven, ein Jahr lang muß ich noch frohnen, widerstrebend, verzweifelnd, aber ich muß!«
»Durchaus?«
»Durchaus. Ich darf meine Zeitung, meine alte Nährmutter, nicht sitzen lassen.
Es wäre eine Treulosigkeit.«
»Dann thun Sie’s nicht,« versetzte die Gräfin rasch. »Wie schwer es Ihnen auch falle, thun Sie’s nicht.«
Er hob den Kopf, den er hatte sinken lassen, und blickte ihr in die Augen. Einen andern Rath, als den, treu zu sein, kann nicht geben, wer so ehrliche Augen hat. Alles echt an der Frau und klar wie der Tag. Wieder kam die Ähnlichkeit zwischen ihr und Gertrud ihm in den Sinn, eine rein geistige Ähnlichkeit. Er konnte nicht umhin, der Gräfin diese überraschende Beobachtung mitzutheilen und ihm schien, als ob ein Lächeln voll gutmüthigen Spottes ihre Lippen umspiele, als sie sprach:
»Mein Mann hat mir schon gesagt, daß Sie das finden.« Dabei blickte sie ihm fest und freundlich ins Gesicht, und schon war er im Begriff sein Herz vor ihr auszuschütten, als Weißenberg und Gerhart eintraten.
Die beiden Kinder hatten wie auf Verabredung ihre Sessel immer näher an Bertram herangerückt. Auf einmal legte sich ein kleiner Arm um seinen Hals, und Gretl flüsterte ihm zu:
»Du sollst später zu uns kommen.«
»Komm’ nur,« ergänzte Hans, »wir haben einen Rutschberg, da kannst du mit dem Dackerl fahren, er fährt auch gern.«
»Ich komme gewiß,« erwiderte Bertram und drückte den kleinen Arm an seinen Mund und hatte antizipirte Vatergefühle. In der Nähe dieser Frau, dieser Kinder, im Frieden dieses Hauses wehte eine Atmosphäre der Lauterkeit, der Gesundheit, die einzuathmen Heilung und Segen war.
Beim Abschied küßte er der Gräfin die Hand, schüttelte die Gerharts viele-und vielemale und erschöpfte alle Beredsamkeit, über die er zu verfügen hatte, mit den Worten:
»O Herr Graf, o Frau Gräfin, o Seelencurort Luchov!«
XX.
Die erste Stunde nach Sonnenuntergang war angebrochen. Mild und klar die Luft, alle Farbentöne gedämpft und harmonisch, alle Schatten durchsichtig. Aber schon vertiefen sie sich, wie heiterer Frieden in feierliche Wehmuth übergeht, wenn sich in Erinnerung verwandelt, was seliges Genießen war. Hochsommerabend. Kein jubelvolles Wachsen der Tage mehr, die Höhe ist überschritten, nun kommt die Wende.
Die Freunde hatten während ihrer Heimfahrt lange schweigend nebeneinander gesessen. Auf einmal sprachen beide fast zugleich, und sie mußten so ziemlich denselben Gedanken verfolgt haben, denn Weißenberg sagte:
»Ich bin auch ein glücklicher Mensch,« und Bertram sagte:
»Es wäre höchste Zeit für mich, glücklich zu werden.«
»Meine Frau ist eine Frau allerersten Ranges,« begann Hugo von neuem, und Bertram erwiderte mit plötzlicher Heftigkeit:
»Und wenn ich nicht auch eine Frau allerersten Ranges bekomme, wenn deine Nichte mich verschmäht, bin ich ein ärmerer Teufel, als ich je war. ‘Wer die Schönheit hat gesehen mit Augen’« ..
Weißenberg verschränkte die Hände über dem Magen und sprach: »Ob ich’s nicht vorausgesehen habe! Ich hätte sie wegschicken sollen. Hab’ mir noch gedacht, schick’ sie weg.«
»Das k o n n t e s t du dir denken? Du wußtest, er muß sie lieben und hättest sie aus dem Wege räumen mögen? Du hättest mir das anthun können? Du, du!« Er schüttelte den Kopf wie einer, der die bitterste, die schmerzlichste Enttäuschung erlebt hat.
Weißenberg drückte sich in die Ecke des Wagens und sah ihn von der Seite an: »Wenn du sie nicht gesehen hättest, würdest du sie schwerlich geliebt haben, mein ich.« Und jetzt fiel er aus dem Ton des weichen Vorwurfs in den der Anklage; »Du bist unrettbar verliebt. So unvernünftig redet ein sonst Vernünftiger nur, wenn er unrettbar verliebt ist.«
»Und wenn ich’s bin?«
»Und wenn sie’s wird und dich nimmt – du bist nicht reich, und sie bekommt von uns nur ein ganz kleines Heirathgut – dann hast du dich sehr geirrt, wenn du auf ein sorgenfreies Leben in deinem Vogelhaus gehofft hast. Dann geht die Müh’ und Plag’ erst recht an.«