Sappho

Franz Grillparzer · Kapitel 3 von 3

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Sappho

Melitta (kommt, einfach aber mit Sorgfalt gekleidet,…

Fünfter Auftritt

Melitta. Sappho.

 

Melitta (kommt, einfach aber mit Sorgfalt gekleidet, Rosen am Busen und in den Haaren. Sie bleibt am Eingange stehen, tritt aber, da Sappho sich nicht regt, näher hinzu).

Hier bin ich.

Sappho (sich schnell umkehrend und zurückfahrend). Ah!—Beim Himmel sie ist schön!

(Wirft das Gesicht in beide Hände verhüllt auf die Rasenbank. Pause.)

Melitta.

Du riefst nach mir!

Sappho.

Wie hat sie sich geschmückt,

Die Falsche! ihrem Buhlen zu gefallen!—

Mit Müh' gebiet ich meinem innern Zorn!—

Welch Fest hat heut so festlich dich geschmückt?

Melitta.

Ein Fest?

Sappho.

Wozu dann dieser Putz? die Blumen?

Melitta.

Du hast wohl oft geschmält, daß ich die Kleider, Mit denen du so reichlich mich beschenkst,

So selten trage, stets auf andre Zeit,

Auf frohe Tage geizig sie versparend.

Das fiel mir heute ein, und weil nun eben

Gerade heute so ein froher Tag, So ging ich hin und schmückte mich ein wenig!

Sappho.

Ein froher Tag? Nicht weiß ich es, warum?

Melitta.

Warum?—Ei nu, daß du zurückgekehrt,

Daß du—ich weiß nicht recht, doch fröhlich bin ich.

Sappho.

Ha Falsche!

Melitta.

Was sagst du?

Sappho (sich fassend).

Melitta komm,

Wir wollen ruhig miteinander sprechen.

Wie alt bist du?

Melitta.

Du weißt wohl selbst, o Sappho,

Welch trauriges Geschick der Kindheit Jahre

Mir unterbrach. Es hat sie keine Mutter

Mit sorglicher Genauigkeit gezählt,

Doch glaub ich, es sind sechzehn!

Sappho.

Nein, du lügst!

Melitta.

Ich?

Sappho.

Sprichst nicht Wahrheit!

Melitta.

Immer, hohe Frau!

Sappho.

Du zählst kaum fünfzehn!

Melitta.

Leicht mag es so sein!

Sappho.

So jung an Jahren und sie sollte schon

So reif sein im Betrug? Es kann nicht sein,

So sehr nicht widerspricht sich die Natur!

Unmöglich, nein! ich glaub es nicht!—Melitta,

Erinnerst du dich noch des Tages, da

Vor dreizehn Jahren man dich zu mir brachte?

Es hatten wilde Männer dich geraubt.

Du weintest, jammertest in lauten Klagen,

Mich dauerte der heimatlosen Kleinen,

Ihr Flehen rührte mich, ich bot den Preis

Und schloß dich, selber noch ein kindlich Wesen, Mit heißer Liebe an die junge Brust.

Man will dich trennen, doch du wichest nicht,

Umfaßtest mit den Händen meinen Nacken,

Bis sie der Schlaf, der tröstungsreiche, löste.

Erinnerst du dich jenes Tages noch?

Melitta.

O könnt' ich jemals, jemals ihn vergessen!

Sappho.

Als bald darauf des Fiebers Schlangenringe

Giftatmend dich umwanden, o Melitta,

Wer war's, der da die langen Nächte wachte,

Sein Haupt zum Kissen machte für das deine,

Sein selbst vergessend mit dem Tode rang

Den vielgeliebten Raub ihm abzuringen

Und ihn errang, in Angst und Qual errang!

Melitta.

Du warst's, o Sappho! Was besäß' ich denn,

Das ich nicht dir, nicht deiner Milde dankte?

Sappho.

Nicht so, hierher an meine Brust, hierher!

Ich wußt' es wohl du kannst mich nicht betrüben, Mit Willen mich, mit Vorsatz nicht betrüben!

Laß unsre Herzen aneinanderschlagen,

Das Auge sich ins Schwesteraug versenken,

Die Worte mit dem Atem uns vermischen,

Daß das getäuschte Ohr, die gleichgestimmte Brust, Von der Gesinnung Einklang süß betrogen,

In jedem Laut des lieblichen Gemisches

Sein Selbst erkenne, aber nicht sein Wort.

Melitta.

O Sappho!

Sappho.

Ja, ich täuschte mich. Nicht wahr?

Melitta.

Worin?

Sappho.

Wie könntest du? Du kannst nicht! Nein!

Melitta.

Was o Gebieterin?

Sappho.

Du könntest—Geh!

Leg diese eiteln Kleider erst von dir,

Ich kann dich so nicht sehn! Geh! Andre Kleider! Der bunte Schmuck verletzt mein Auge! Fort!

Einfach ging stets die einfache Melitta,

So viele Hüllen deuten auf Verhülltes!

Geh! Andre Kleider, sag ich dir! Nur fort!—

Halt, wohin gehst du? Bleib! Sieh mir ins Auge! Warum den Blick zu Boden? Fürchtest du

Der Herrin Aug'? du bist so blöde nicht!

Damals als Phaon—

Ha! errötest du?

Verräterin, du hast dich selbst verraten!

Und leugnest du? Nicht deiner falschen Zunge,

Dem Zeugnis dieser Wangen will ich glauben,

Dem Widerschein der frevelhaften Flammen,

Die tief dir brennen in der Heuchlerbrust!

Unselige, das also war's, warum

Du dich beim Mahle heut so seltsam zeigtest?

Was ich als Zeichen nahm der blöden Scham

Ein Fallstrick war's der list'gen Buhlerin,

Die spinnenähnlich ihren Raub umgarnte;

So jung noch und so schlau, so heiter blühend

Und Gift und Moder in der argen Brust?

Steh nicht so stumm! Soll dir's an Worten fehlen? Die Zunge, die so sticht, kann sie nicht zischen? Antworte mir!

Melitta.

Ich weiß nicht was du meinst.

Sappho.

Nicht? armes Kind! Nun Tränen! Weine nicht!

Die Tränen sind des Schmerzes heilig Recht!

Mit Worten sprich, sie sind ja längst entweiht,

Doch brauche nicht der Unschuld stumme Sprache! So schön geschmückt, so bräutlich angetan!

Fort diese Blumen, fort, sie taugen wenig

Die schlechtversteckte Schlange zu verbergen!

Herab die Rosen!

Melitta (nimmt schweigend den Kranz ab).

Sappho.

Mir gib diesen Kranz,

Bewahren will ich ihn dir zum Gedächtnis

Und fallen frühverwelkt die Blätter ab,

Gedenk ich deiner Treu und meines Glücks.

Was schonest du die Rose an der Brust?

Leg sie von dir!

Melitta (tritt zurück).

Sappho.

Wohl gar ein Liebespfand?

Fort damit!

Melitta (beide Arme über die Brust schlagend und dadurch die Rose verhüllend).

Nimmermehr!

Sappho.

Umsonst dein Sträuben!

Die Rose!

Melitta (die Hände fest auf die Brust gedrückt, vor ihr fliehend). Nimm mein Leben!

Sappho.

Falsche Schlange!

Auch ich kann stechen! (Einen Dolch ziehend.) Mir die Rose!

Melitta.

Götter!

So schützt denn ihr mich! Ihr, erhabne Götter!

 

Sechster Auftritt

Phaon. Vorige.

 

Phaon.

Wer ruft hier?—du Melitta, fort den Dolch!

(Pause.)

Phaon.

Was war hier? Sappho, du?

Sappho.

Frag diese hier!

Phaon.

Melitta, hättest du?—

Melitta.

Die Schuld ist mein,

Ich sprach, wie es der Sklavin nicht geziemt!

Sappho.

Du sollst mit falscher Schuld dich nicht beladen, Zu drückend liegt die wahre schon auf dir.

Weh mir, bedürft' ich jemals deiner Großmut!

(Mit starkem Ton.)

Die Rose von der Brust hab ich begehrt

Und sie verschmähte zu gehorchen!—

Phaon.

Tat sie's?

Bei allen Göttern sie hat recht getan,

Und niemand soll der Blume sie berauben!

Ich selber gab sie ihr, als Angedenken

An eine schöne Stunde, als ein Zeichen,

Daß nicht in jeder Brust das Mitgefühl

Für unverdientes Unglück ist erloschen,

Als einen Tropfen Honig in den Becher

Den fremder Übermut ihr an die Lippen preßt,

Als Bürgen meiner innern Überzeugung,

Daß stiller Sinn des Weibes schönster Schmuck, Und daß der Unschuld heitrer Blumenkranz

Mehr wert ist als des Ruhmes Lorbeerkronen.— Sie weint!—O weine nicht Melittion!

Hast diese Tränen du auch mitbezahlt,

Als du sie von dem Sklavenmäkler kauftest?

Der Leib ist dein, komm her und töte sie,

Doch keine Träne sollst du ihr erpressen!

Schaust du mich mit den milden Augen an

Um Mitleid flehend für die Mitleidlose?

Du kennst sie nicht, du kennst die Stolze nicht!

Schau hin, blinkt nicht ein Dolch in ihrer Hand

Und noch zwei andre liegen tiefversteckt

Dort unter den gesenkten Augenlidern?

(Den Dolch aufraffend, der Sapphon entglitten ist.) Mir diesen Stahl! Ich will ihn tragen

Hier auf der warmen, der betrognen Brust,

Und wenn mir je ein Bild verfloßner Tage

In süßer Wehmut vor die Seele tritt,

Soll schnell ein Blick auf diesen Stahl mich heilen!

Sappho (ihn starr anblickend).

Phaon!

Phaon.

O höre nicht den süßen Ton,

Er lockt dich schmeichelnd nur zu ihrem Dolch! Auch mir ist er erklungen! Lange schon

Eh' ich sie sah, warf sie der Lieder Schlingen

Von ferne leis verwirrend um mich her,

An goldnen Fäden zog sie mich an sich

Und mocht' ich ringen, enger stets und enger

Umschlangen mich die leisen Zauberkreise.

Als ich sie sah, da faßte wilder Taumel

Den aufgeregten Sinn und willenlos

Stürzt' ich gebunden zu der Stolzen Füßen.

Dein Anblick erst gab mich mir selber wieder,

Erbebend sah ich mich in Circes Hause

Und fühlte meinen Nacken schon gekrümmt!

Doch war ich nicht gelöst, sie selber mußte,

Sie selber ihren eignen Zauber brechen!

Sappho (noch immer starr nach ihm blickend).

Phaon!

Phaon.

O hör sie nicht! Blick nicht nach ihr,

Ihr Auge tötet so wie ihre Hand.

Melitta.

Sie weint!

Phaon.

Fort, weinend spinnt sie neuen Zauber!

Melitta.

Soll ich die Teure leidend vor mir sehn?

Phaon.

Auch mich ergreift sie, darum eilig fort!

Eh' sie noch ihre Schlingen um dich wirft.

(Er führt sie fort.)

Melitta.

Ich kann nicht!—Sappho!

Sappho (mit aufgelöster Stimme).

Melitta, rufst du mir?

Melitta (umkehrend und ihre Knie umfassend).

Ich bin es, Sappho! Hier die Rose nimm!

Nimm sie! Mein Leben nimm! Wo ist dein Dolch?

Phaon (herzueilend, die Rose die beide halten wegreißend und Melitten aufhebend).

Dein ist sie, dein, kein Gott soll dir sie rauben!

(Melitten fortziehend.)

Komm! Schnell aus ihrer Nähe! Fort!

(Führt sie ab.)

Sappho (mit ausgestreckten Armen, verhallend). Phaon!

Der Vorhang fällt.

 

Vierter Aufzug Freie Gegend wie in den vorigen Aufzügen. Mondnacht.

 

Erster Auftritt

 

Sappho (kommt, in tiefe Gedanken versenkt.—Sie bleibt stehen.—Nach einer Pause).

Bin ich denn noch, und ist denn etwas noch?

Dies weite All, es stürzte nicht zusammen

In jenem fürchterlichen Augenblick?

Die Dunkelheit, die brütend mich umfängt,

Es ist die Nacht und nicht das Grab!

Man sagt ja doch, ein ungeheurer Schmerz,

Er könne töten?—Ach, es ist nicht so!—

Still ist es um mich her, die Lüfte schweigen,

Des Lebens muntre Töne sind verstummt,

Kein Laut schallt aus den unbewegten Blättern

Und einsam wie ein spätverirrter Fremdling

Geht meines Weinens Stimme durch die Nacht.

Wer auch so schlafen könnte, wie die Vögel,

Doch lang und länger, ohne zu erwachen;

im Schoße eines festern, süßern Schlummers

Wo alles, alles, selbst die Pulse schlafen,

Kein Morgenstrahl zu neuen Qualen weckt,

Kein Undankbarer—Halt!—Tritt nicht die Schlange!

(Mit gedämpfter Stimme.)

Der Mord ist wohl ein gräßliches Verbrechen

Und Raub und Trug, und wie sie alle heißen,

Die Häupter jener giftgeschwollnen Hyder,

Die an des Abgrunds Flammenpfuhl erzeugt

Mit ihrem Geifer diese Welt verpestet,

Wohl gräßlich, schändlich, giftige Verbrechen!

Doch kenn ich eins, vor dessen dunkelm Abstich Die andern alle lilienweiß erscheinen,

Und Undank ist sein Nam'! Er übt allein Was alle andern einzeln nur verüben,

Er lügt, er raubt, betrügt, schwört falsche Eide,

Verrät und tötet! Undank! Undank! Undank!

Beschützt mich Götter, schützt mich vor mir selber! Des Innern düstre Geister wachen auf

Und rütteln an des Kerkers Eisenstäben!

Ihn hatt' ich vom Geschicke mir erbeten,

Von allen Sterblichen nur ihn allein,

Ich wollt' ihn stellen auf der Menschheit Gipfel, Erheben hoch vor allen, die da sind,

Und über Grab und Tod und Sterblichkeit

Ihn tragen auf den Fittichen des Ruhms

Hinüber in der Nachwelt lichte Fernen.

Was ich vermag und kann und bin und heiße

Als Kranz wollt' ich es winden um sein Haupt

Ein mildes Wort statt allen Lohns begehrend

Und er—lebt ihr denn noch, gerechte Götter?

(wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt.) Ihr lebet, ja!—von euch kam der Gedanke

Der leuchtend sich vor meine Seele drängt.

Laß mich dich fassen schneller Götterbote,

Vernehmen deines Mundes flüchtig Wort!—

Nach Chios sprichst du: soll Melitta hin,

Nach Chios, dort getrennt von dem Verräter

In Reue wenden ihr verlocktes Herz,

Mit Liebesqual der Liebe Frevel büßen?

So sei es, Rhamnes, Rhamnes, ja so sei's!

Unsterbliche habt Dank für diesen Wink!

Ich eile zu vollführen.

 

Zweiter Auftritt

Rhamnes. Sappho.

 

Rhamnes.

Was gebeutst du Herrin?

Sappho.

Sie ist mein Werk! Was wär' sie ohne mich?

Und wer verwehrt dem Bildner wohl sein Recht Das zu zerstören was er selber schuf?

Zerstören! Kann ich es? Weh mir, ihr Glück

Es steht zu hoch für meine schwache Hand!

Wenn ihr nach Chios seine Liebe folgt

Ist sie am Sklavenherd nicht seliger

Als ich im goldnen, liebeleeren Haus?

Für das Geliebte leiden ist so süß

Und Hoffnung und Erinnrung sind ja Rosen

Von einem Stamme mit der Wirklichkeit

Nur ohne Dornen! O verbannet mich

Weit in des Meeres unbekannte Fernen

Auf einen Fels, der schroff und unfruchtbar

Die Wolken nur und Wellen Nachbar nennt

Von jedem Pfad des Lebens rauh geschieden,

Nur löschet aus dem Buche der Erinnrung

Die letztentflohnen Stunden gütig aus;

Laßt mir den Glauben nur an seine Liebe

Und ich will preisen mein Geschick und fröhlich Die Einsamkeit, ach einsam nicht, bewohnen!

Bei jedem Dorn, der meine Füße ritzte,

In jeder Qual wollt' ich mir selber sagen:

O wüßt' er es! und: o jetzt denkt er dein!

Was gäb' er dich zu retten! Ach und Balsam

Ergösse kühlend sich in jede Wunde!

Rhamnes.

Du hast gerufen, hocherhabne Frau!

Sappho.

O Phaon, Phaon! Was hab ich dir getan?—

Ich stand so ruhig in der Dichtung Auen,

Mit meinem goldnen Saitenspiel allein,

Hernieder sah ich auf der Erde Freuden,

Und ihre Leiden reichten nicht zu mir.

Nach Stunden nicht, nach holden Blumen nur,

Dem heitern Kranz der Dichtung eingewoben,

Zählt' ich die Flucht der nimmerstillen Zeit.

Was meinem Lied ich gab, gab es mir wieder

Und ew'ge Jugend grünte mir ums Haupt.

Da kommt der Rauhe und mit frechen Händen

Reißt er den goldnen Schleier mir herab,

Zieht mich hernieder in die öde Wüste

Wo rings kein Fußtritt, rings kein Pfad,

Und jetzt, da er der einz'ge Gegenstand

Der in der Leere mir entgegenstrahlt,

Entzieht er mir die Hand, ach und entflieht!

Rhamnes.

O Herrin magst du weilen so im Dunkeln

Beim feuchten Hauch der Nacht, der Meeresluft?

Sappho.

Kennst du ein schwärzres Laster als den Undank?

Rhamnes.

Ich nicht!

Sappho.

Ein giftigers?

Rhamnes.

Nein wahrlich nicht!

Sappho.

Ein fluchenswürd'geres, ein strafenswerters?

Rhamnes.

Fürwahr mit Recht belastet's jeder Fluch!

Sappho.

Nicht wahr? Nicht wahr? Die andern Laster alle Hyänen, Löwen, Tiger, Wölfe sind's,

Der Undank ist die Schlange! Nicht? Die Schlange! So schön, so glatt, so bunt, so giftig!—Oh!—

Rhamnes.

Komm mit hinein. Drin fühlst du dich wohl besser, Mit Sorgfalt ist das Haus dir ausgeschmückt

Und Phaon wartet deiner in der Halle!

Sappho.

Wie, Phaon, harret meiner?

Rhamnes.

Ja, Gebietrin!

Ich sah ihn sinnend auf und nieder schreiten.

Bald stand er still, sprach leise vor sich hin,

Trat dann ans Fenster, suchend durch die Nacht.

Sappho.

Er harret meiner? Lieber, sagt' er es

Er harre meiner? Sapphos?

Rhamnes.

Das wohl nicht!

Doch sah ich ihn erwartend, lauschend stehn

Und wessen sollt' er harren?

Sappho.

Wessen? Wessen?

Nicht Sapphos harrt er, doch er harrt umsonst!

Rhamnes!

Rhamnes.

Gebieterin!

Sappho.

Du weißt zu Chios

Wohnt, noch vom Vater her, ein Gastfreund mir!

Rhamnes.

Ich weiß es!

Sappho.

Löse schnell vom Strand den Nachen Der dort sich schaukelt in der nahen Bucht,

Denn diese Nacht noch mußt du fort nach Chios!

Rhamnes.

Allein?

Sappho.

Nein!

(Pause.)

Rhamnes.

Und wer folget mir dahin?

Sappho.

Was sagst du?

Rhamnes.

Wer nach Chios mit mir—?

Sappho (ihn auf die andre Seite des Theaters führend). Komm!

Vorsichtig sei und leise, hörst du mich?

Geh in Melittens Kammer und gebeut ihr

Hierher zu kommen, Sappho rufe sie.

Doch still daß er dich nicht bemerke.

Rhamnes.

Wer?

Sappho.

Wer?—Phaon!—Folgt sie dir—

(Einhaltend.)

Rhamnes.

Was dann?

Sappho.

Dann bringe

Sie, sei's mit Güte, sei es mit Gewalt, Doch leise, in den losgebundnen Nachen

Und fort nach Chios, auf der Stelle fort!

Rhamnes.

Und dort?

Sappho.

Dort übergibst du sie dem Gastfreund,

Er soll sie hüten, bis ich sie verlange;

Und streng—Nicht strenge mög' er sie mir halten, Sie ist ja doch gestraft genug! Hörst du?

Rhamnes.

Ich eile!

Sappho.

Zögre nicht!

Rhamnes.

Leb wohl o Sappho!

Der Morgen findet uns schon fern von hier.

Zufrieden sollst du sein mit deinem Diener! (Ab.)

 

Dritter Auftritt

 

Sappho (allein).

Er geht!—Noch—Nein!—Ach die Gewohnheit ist Ein lästig Ding, selbst an Verhaßtes fesselt sie!

(In Gedanken vertieft.)

Horch—Tritte—Nein es war der Wind!—Wie bange Pocht mir das Herz in sturmbewegter Brust!

Jetzt Stimmen—Ha sie kommt—Sie folgt so willig!— Sie ahnet nicht, daß sie zum letzten Male—

Fort! Ich will sie nicht sehn!—Ich will, ich kann nicht! (Schnell ab.)

Vierter Auftritt

Melitta. Rhamnes.

 

Melitta.

Hier sagtest du, sei die Gebieterin,

Sie ist nicht da!

Rhamnes (verlegen umherblickend).

Nicht? Nein, fürwahr,—nicht da.

Doch erst vor kurzem war sie hier!—So komm!

Melitta.

Wohin?

Rhamnes.

Sie mag wohl an der Meeresküste

Hinaufgewandelt sein, dort an der Bucht!

Melitta.

Dorthin geht sie ja nie.

Rhamnes.

Vielleicht doch heute!

Melitta.

Und warum heute denn?

Rhamnes.

Warum?—je nu

Weil—daß sie eben mir den Auftrag gab!

Nicht ansehn kann ich sie. Was sag ich ihr?

Melitta.

Du bist so sonderbar! Du kehrst dich ab

Und deine Augen wagen nicht, die Worte,

Die du mir gibst, freiblickend zu bekräft'gen!

Was hast du denn, daß du so bang und ängstlich? Sag mir, wo Sappho weilt, daß ich ihr nahe, Und weißt du's nicht, so laß mich gehn!

Rhamnes.

Halt da!

Du darfst nicht fort!

Melitta.

Warum?

Rhamnes.

Du mußt mit mir!

Melitta.

Wohin?

Rhamnes.

Nach—Komm nur mit zur nahen Bucht,

Du sollst schon sehn!

Melitta.

Ihr Götter, was soll das?

Rhamnes.

Komm Mädchen, Mitternacht ist bald vorüber.

Die Stunde drängt! Mach fort!

Melitta.

Was hast du vor?

Fort soll ich, fort!—An weitentlegne Küsten!

Rhamnes.

Sei ruhig Kind! An weitentlegne Küsten?

Was fällt dir ein? Ist Chios denn so weit?

Melitta.

Nach Chios? Nimmermehr!

Rhamnes.

Du mußt wohl Kind!

So will es die Gebietrin!

Melitta.

Sappho, sagst du?

Fort hin zu ihr!

Rhamnes.

Nicht doch!

Melitta.

Zu ihren Füßen!

Sie hör' und richte mich!

Rhamnes.

Nicht von der Stelle!

Melitta.

Wie Rhamnes du?

Rhamnes.

Ei was, ich kann nicht anders!

Befohlen ward mir's so und ich gehorche.

Melitta.

Laß dich erbitten!

Rhamnes.

Ei was nützt es dir

Wenn auch in meinen Augen Tränen blinken.

Es muß doch einmal sein! Drum Kind, mach fort!

Melitta.

Hier lieg ich auf den Knien! Laß dich erflehn!

—So ist denn niemand, der mich hört und rettet?

Rhamnes.

Umsonst! du rufst das Haus mir wach. Komm mit!

Melitta.

Nein nimmermehr! Erbarmt sich niemand meiner? Fünfter Auftritt

Phaon. Vorige.

 

Phaon.

Das ist Melittens Stimme! Ha Verwegner,

Wagst du's die Hand zu heben gegen sie?

Rhamnes (läßt Melitten los).

Phaon.

So täuschte mich doch meine Ahnung nicht

Als ich dich sah mit leisespähnden Blicken,

Dem Wolfe gleich, in ihre Nähe schleichen.

Doch hast du dich verrechnet grimmer Wolf,

Es wacht der Hirt und dir naht das Verderben!

Rhamnes.

Herr, der Gebietrin Auftrag nur befolg ich.

Phaon.

Wie, Sapphos Auftrag? Sie befahl es dir?

O Sappho, Sappho! Ich erkenne dich!

Doch leider nur zu spät! Warum zu spät?

Noch ist es Zeit, die Bande abzuschütteln

Von mir und ihr; beim Himmel, und ich will's!

Du allzufert'ger Diener fremder Bosheit—

Warum—? Melitta, du siehst bleich, du zitterst?

Melitta.

Oh, mir ist wohl!

Phaon.

Dank du den Göttern, Sklave,

Daß ihr kein Steinchen nur den Fuß geritzt,

Beim Himmel! jede Träne solltest du

Mit einem Todesseufzer mir bezahlen!—

Du scheinst ermattet! lehne dich auf mich,

Du findest nirgends eine festre Stütze!

Blick her Verruchter, dieses holde Wesen,

Dies Himmelsabbild wolltest du verletzen!

Rhamnes.

Verletzen nicht!

Phaon.

Was sonst?

Rhamnes.

Nur—Doch verzeih

Was ich gewollt, ich kann es nicht vollführen.

Drum laß mich gehn!

Phaon (Melitten loslassend).

Bei allen Göttern, nein!

Mich lüstet's eurer Bosheit Maß zu kennen!

Was wolltest du?

Rhamnes.

Sie sollte fort.

Phaon.

Wohin?

Rhamnes.

Nach—das ist der Gebieterin Geheimnis.

Phaon.

Du sagst es nicht?

Rhamnes.

Sie hat es hier verschlossen

Und fest bewahrt es ihres Dieners Brust.

Phaon.

So öffne denn dies Eisen! Dank dir Sappho!

Du gabst mir selber Waffen gegen dich!

(Den Dolch ziehend.)

Verhehle länger nichts, du siehst mich fertig, Die strengverschloßne Lade zu erbrechen!

Melitta.

O schone seiner! Hin nach Chios sollt' ich!

Phaon.

Nach Chios?

Melitta.

Ja, ein Gastfreund Sapphos hauset dort,

Er sollte wohl Melitten ihr bewahren!

Phaon.

Wie, übers Meer?

Melitta.

Ein Kahn dort in der Bucht!

Phaon.

Ein Kahn?

Melitta.

So sprach er, ist's nicht also, Vater?

Rhamnes.

Nicht Vater nenne mich, du Undankbare,

Die frech du die Gebieterin verrätst.

Phaon.

Ein Kahn?—

Melitta (zu Rhamnes).

Was tat ich denn, daß du mich schiltst?

Er fragte ja!

Phaon.

Ein Kahn?—So sei's!—das Zeichen

Ich nehm es an! Von euch kömmt's gute Götter!

Zu spät versteh ich eure treue Mahnung!

Sie ist es oder keine dieser Erde Die in der Brust die zweite Hälfte trägt

Von dem was hier im Busen sehnend klopfte!

Ihr zeigt mir selbst den Weg. Ich will ihn gehn!

Melitta, ja, du sollst nach Chios, ja!

Doch nicht allein!—Mit mir, an meiner Seite!

Melitta.

Mit ihm!

Phaon.

Verlaß dies feindlich-rauhe Land

Wo Neid und Haß und das Medusenhaupt

Der Rachsucht sich in deine Pfade drängen,

Wo dir die Feindin Todesschlingen legt.

Komm! Dort der Kahn, hier Mut und Kraft und Stärke Zu schützen dich, wär's gegen eine Welt! (Faßt sie an.)

Melitta (ängstlich zu Rhamnes).

Rhamnes!

Rhamnes.

Bedenkt doch Herr!

Phaon.

Bedenk du selber,

Was du gewollt, daß du in meiner Hand!

Rhamnes.

Herr, Sapphos ist sie!

Phaon.

Lügner! Sie ist mein!

(Zu Melitten.) Komm folge!

Rhamnes.

Die Bewohner dieser Insel

Sie ehren Sapphon wie ein fürstlich Haupt,

Sind stets bereit beim ersten Hilferuf

In Waffen zu beschützen Sapphos Schwelle.

Ein Wort von mir und Hunderte erheben—

Phaon.

Du mahnst mich recht! Fast hätt' ich es vergessen, Bei wem ich bin und wo.—Du gehst mit uns!

Rhamnes.

Ich Herr?

Phaon.

Ja du, doch nur bis zum Gestade,

Ich neide Sapphon solche Diener nicht!

Wenn wir in Sicherheit magst du zurückekehren, Erzählen was geschehn und—doch genug

Du folgst!

Rhamnes.

Nein, nimmermehr!

Phaon.

Ich habe denk ich

Was mir Gehorsam schaffen soll!

Rhamnes (sich dem Hause nähernd).

Gewalt!

Phaon (vertritt ihm den Weg und geht mit dem Dolche auf ihn zu). So fahre hin denn wie du selber willst!

Geringer Preis für dieser Reinen Rettung

Ist des Verruchten Untergang!

Melitta.

Halt ein!

Phaon.

Wenn er gehorcht!

Rhamnes (der sich auf die entgegengesetzte Seite zurückgezogen hat). O wehe, weh dem Alter,

Daß nicht mehr eins der Wille und die Kraft!

Phaon.

Jetzt Mädchen komm.

Melitta.

Wohin?

Phaon.

Zu Schiffe! fort!

Melitta (von ihm weg in den Vorgrund eilend).

Ihr Götter! Soll ich?

Phaon.

Fort! Es streckt die Ferne

Uns schutzverheißend ihren Arm entgegen.

Dort drüben überm alten, grauen Meer

Wohnt Sicherheit und Ruh' und Liebe!

O folge! Unterm breiten Lindendach,

Das still der Eltern stilles Haus beschattet,

Wölbt, Teure, sich der Tempel unsers Glücks.

(Sie ergreifend.)

Erzitterst du? Erzittre holde Braut,

Die Hand des Bräutigams hält dich umschlungen! Komm mit! und folgst du nicht, bei allen Göttern Auf diesen Händen trag ich dich von hinnen

Und fort und fort, bis an das End' der Welt.

Melitta.

O Phaon!

Phaon.

Fort, die Sterne blinken freundlich,

Die See rauscht auf, die lauen Lüfte wehen

Und Amphitrite ist der Liebe hold. (Zu Rhamnes.) Voraus du!

Rhamnes.

Herr!

Phaon.

Es gilt dein Leben, sag ich dir!

(Alle ab.)

 

Sechster Auftritt

Eine Pause.—Dann erscheint Eucharis auf den Stufen.

 

Eucharis.

Rhamnes!—(Sie steigt herab.) Mir war als hört' ich seine Stimme! Nein, es ist niemand hier! Ich täuschte mich.

Verwirrend scheint ein böser Geist zu walten

Seit Sapphos Rückkehr über ihrem Haus.

Es fliehen ängstlich scheu sich die Bewohner,

Verdacht und Kummer liegt auf jeder Stirn!

Melitten sucht' ich und fand leer ihr Lager,

Einsam irrt die Gebietrin durch die Nacht,

Hier Rhamnes' Stimme und er selber nicht.

O daß erst Morgen wäre!—Horch.

Rhamnes (von weitem).

Zu Hilfe!

Eucharis.

Man ruft!

Rhamnes (näher).

Herbei!

Eucharis.

Ha Rhamnes!

Rhamnes (nahe).

Sklaven Sapphos!

Eucharis.

Er ist ganz atemlos! Was ist denn Rhamnes?

Siebenter Auftritt

Rhamnes eilig. Eucharis.

 

Rhamnes.

Auf, auf vom weichen Lager! Hierher Freunde!

Den Flücht'gen nach. Zu Hilfe!

Eucharis.

Sage doch—

Rhamnes.

O frage nicht! Ruf Sapphon und die Diener!

Eucharis.

Warum?

Rhamnes.

Zu Worten ist nicht Zeit! Geh nur!

Das ganze Haus erwache, eile, rette!

Eucharis.

Was mag das sein?

(Die Stufen hinauf.)

Rhamnes.

Ich kann nicht mehr!—Verräter

Frohlocket nicht! des Meeres fromme Götter

Sie rächen gern so abscheuwürd'ge Tat.

(Es kommen nach und nach mehrere Diener.)

Eilt schnell hinab ins Tal, weckt die Bewohner,

Gebt laut der Not, des Hilfeflehens Zeichen,

O fragt nicht, fort! Und laßt den Notruf tönen!

(Diener ab.)

 

Achter Auftritt

Sappho. Vorige.

 

Sappho.

Welch Schreckenslaut tönt durch die stille Nacht Und greift dem Schlafverscheucher Kummer in sein Amt? Wer hat hier noch zu klagen außer mir?

Rhamnes.

Ich, o Gebieterin!

Sappho.

Du, Rhamnes, hier?

Und wo ist sie?

Rhamnes.

Melitta?

Sappho.

Ja doch!

Rhamnes.

Fort!

Sappho.

Sie fort und du doch hier!

Rhamnes.

Entflohen mit—

Sappho.

Halt ein!

Rhamnes.

Entflohn mit Phaon!

Sappho.

Nein!

Rhamnes.

Es ist so!

Er überwältigte mein schwaches Alter

Und in demselben Kahn, der mir bereitet,

Führt er nun seine Beute durch die Wogen!

Sappho.

Du lügst!

Rhamnes.

O daß ich löge—diesmal löge!

Sappho.

Und wo blieb euer Donner ew'ge Götter!

Habt ihr denn Qualen nur für Sapphos Herz?

Ist taub das Ohr und lahm der Arm der Rache!

Hernieder euren rächerischen Strahl,

Hernieder auf den Scheitel der Verräter,

Zermalmt sie, Götter, wie ihr mich zermalmt!— Umsonst! kein Blitz durchzuckt die stille Luft,

Die Winde säuseln buhlerisch im Laube

Und auf den breiten Armen trägt die See

Den Kahn der Liebe schaukelnd vom Gestade!

Da ist nicht Hilfe! Sappho, hilf dir selbst!

(Die Bühne hat sich nach und nach mit Fackeln tragenden Sklaven und Landleuten angefüllt.)

Ha diese hier! Habt Dank, ihr Treuen, Dank!

Gebt, Menschen! was die Götter mir verweigern! Auf meine Freunde, rächet eure Sappho!

Wenn ich euch jemals wert, jetzt zeigt es, jetzt!

(Unter ihnen herumgehend.)

Du Myron schwurst mir oft und du Terpander,— Gedenkst du Lydias noch des Liedes,—Pheres— Und du Xenarchos—alle meine Freunde!

Hinunter zum Gestad'! Bemannet Schiffe

Und folget windschnell der Verräter Spur!

Denkt, daß ich eurer hier in Qualen harre

Und jeder Augenblick bis ihr zurückkehrt Mir hundert Dolche in den Busen bohrt!

Wer mir sie bringt, wer mir die Wonne schafft

Daß ich die Augen bohren kann in seine,

Ihn fragen kann: Was hab ich dir getan,

(In Tränen ausbrechend.)

Daß du mich tötest?—Nein, nur Wut und Rache! Wer mir sie bringt, er nehme all mein Gold,

Mein Leben—fort! Auf Windesfittich fort!

Ein Landmann.

Mit ihm nur kehren wir zurück.

Sappho.

Ich dank euch,

(Zu den Abgebenden.)

Mein Leben ist gelegt in eure Hand!

Laßt meine Wünsche euren Fuß beflügeln

Und meine Rache stärken euren Arm—

Nur schnell, nur schnell! Bei allen Göttern schnell!

(Diener und Landleute ab.)

Sappho (die Hände über die Brust gelegt).

Sie gehn! Nun ist mir wohl!—Nun will ich ruhn!

Eucharis.

Du zitterst!

Rhamnes.

Weh du wankst!—o Sappho!

Eucharis (die Wankende in ihre Arme fassend).

Götter!

Sappho (in Eucharis' Armen).

O laß mich sinken! Warum hältst du mich?

 

Der Vorhang fällt.

Fünfter Aufzug

Gegend wie in den vorigen Aufzügen. Tagesanbruch.

 

Erster Auftritt

Sappho sitzt halbliegend auf der Rasenbank, unbeweglich vor sich hinstarrend. In einiger Entfernung steht Eucharis; weiter zurück mehrere Sklavinnen. Rhamnes kömmt.

 

Eucharis (den Finger auf dem Munde).

Still! still!

Rhamnes.

Schläft sie?

Eucharis.

Die Augen stehen offen,

Der Körper wacht, ihr Geist nur scheint zu schlafen! So liegt sie seit drei Stunden, regungslos!

Rhamnes.

Ihr solltet sie ins Haus doch—

Eucharis.

Ich versucht' es,

Allein sie will nicht!—Und noch nichts?

Rhamnes.

Noch nichts!

So weit das Auge trägt nur See und Wolken,

Von einem Schiffe nicht die kleinste Spur.

Sappho (emporfahrend).

Schiff? Wo?

Rhamnes.

Wir sahn noch nichts Gebieterin!

Sappho (zurücksinkend).

Noch nicht!—Noch nicht!—

Rhamnes.

Die Morgenluft weht kühl,

Erlaube, daß wir dich in dein Gemach

Sappho (schüttelt verneinend den Kopf).

Rhamnes.

Laß dich erbitten, folge mir ins Haus!

Sappho (schüttelt noch einmal).

Rhamnes (zurückweichend).

Du willst's—Ihr Anblick schneidet mir ins Herz!

Eucharis.

Ei sieh, was drängt sich dort das Volk!

Rhamnes.

Laß sehn!

Eucharis.

Es strömt dem Ufer zu. Mir deucht, sie kommen!

Sappho (aufspringend).

Ha! (Während des Folgenden steht sie in ängstlich horchender Stellung zurückgebeugt.)

Eucharis.

Dort tritt an den Felsen und sieh zu,

Vielleicht erblickst du sie!

Rhamnes.

Wohl, ich will sehn!

(Steigt auf eine Erhöhung des Ufers.)

Eucharis.

Nur schnell, nur schnell! Nun siehst du?

Rhamnes.

Dank den Göttern!

Sie kommen!

Sappho.

Ah!

Rhamnes.

Die waldbewachsne Spitze

Die links dort weit sich ins Gewässer streckt

Verbarg mir vorher den willkommnen Anblick.

Ein Heer von Kähnen wimmelt durcheinander

Mit raschem Ruderschlag dem Ufer zu.

Eucharis.

Und die Entwichnen, sind sie unter ihnen?

Rhamnes.

Die Sonne blendet, ich erkenn es nicht!

Doch halt, da naht dem Ufer schon ein Kahn

Vorausgesendet mit der frohen Botschaft.

Jetzt legt er an!—Der Hirte ist's vom Tal—

Er schwenkt den Stab!—Gewiß sie sind gefangen! Hierher, mein Freund, hierher!—Er kommt heran! (Herabsteigend.)

Eucharis.

Gebieterin, sei ruhig, sei gefaßt!

 

Zweiter Auftritt

Ein Landmann. Vorige.

 

Landmann.

Heil, Sappho, dir!

Eucharis.

Ist er gefangen?

Landmann.

Ja!

Rhamnes.

Wo denn?

Eucharis.

Und wie?

Landmann.

Sie hatten tücht'gen Vorsprung

Und er versteht zu rudern. Fast schon glaubt' ich Wir würden nun und nimmer sie erreichen!

Doch endlich, schon in hoher See, erblickten

Wir seinen Kahn und drauf in rascher Jagd!

Bald ist er eingeholt und schnell umringt.

Wir heißen um ihn lenken, doch er will nicht

Und faßt sein Mädchen mit der linken Hand,

Das blanke Eisen in der Rechten schwingend.— Begehrt ihr was, erhabne Frau?

Sappho (winkt ihm fortzufahren).

Landmann.

Nun denn!

Und schwingt das Eisen drohend gegen uns;

Bis nun ein Ruderschlag, der ihm gegolten,

Das kleine Mädchen an die Stirne trifft.

Sappho (verhüllt sich die Augen mit der Hand).

Landmann.

Sie sinkt, er faßt sie in die Arme, wir,

Den Augenblick benutzend, rasch an Bord

Und greifen ihn und bringen ihn zurück!

Sie steigen schon ans Land! Seht ihr die beiden? Das kleine Mädchen wankt noch taumelnd—

Sappho.

Ha

Nicht hierher!

Rhamnes.

Wohin sonst, sie kommen schon!

Sappho.

Wer rettet mich vor seinem Anblick?—Mädchen!— Du Aphrodite schütze deine Magd!

(Sie eilt dem Hintergrunde zu und umklammert den Altar, ihre Dienerinnen stehen rings um sie her.)

 

Dritter Auftritt

Phaon, Melitten führend. Landleute. Sappho mit ihren Dienern im Hintergrunde.

 

Phaon.

Ha wag es keiner diese zu berühren!

Nicht wehrlos bin ich, wenn auch gleich entwaffnet! Zu ihrem Schutz wird diese Faust zur Keule,

Und jedes meiner Glieder wird ein Arm!

Hierher Melitta, hierher! Zittre nicht,

Dir soll kein Leid geschehn solang ich atme!

Verruchte, konntet ihr dies Haupt verletzen,

Das reine Haupt der Unschuld, und seid Männer? So grausam dacht' ich höchstens mir ein Weib,

Ein schwaches, feiges, aufgereiztes Weib.

Du warst's, der nach ihr schlug, ich kenne dich!

Fort, von mir, fort! Daß ich die Rachegötter

Vorgreifend nicht um ihren Raub betrüge!

Wie fühlst du dich?

Melitta.

Wohl!

Phaon.

O dein Blick verneint,

Dies Zittern, diese Blässe, laut verrät sie

Die erste Lüge, die dein Mund gesprochen!

Versuche nicht den Grimm in mir zu dämpfen,

Zu neuer Glut fachst du die Flammen an!

Hier setze dich auf diesen Rasensitz;

Hier wo dein mildes, himmelklares Auge

Zum ersten Male mir entgegenglänzte

Und wie des Tages goldner Morgenstrahl

Des Schlafes düstre Bande von mir löste

In den mich jene Zauberin gesungen,

Hier wo die Lieb' ihr holdes Werk begann,

Auf dieser Stelle sei es auch vollendet!

Sprecht! Wo ist Sappho!

Melitta.

Phaon, ruf sie nicht!

Phaon.

Sei ruhig! Bin ich nicht ein freier Mann?

Wer gab das Recht ihr meinen Schritt zu hemmen? Noch Richterstühle gibt's in Griechenland,

Mit Schrecken soll die Stolze das erfahren.

Zu Sappho hin!

Ein Landmann.

Du bleibst!

Phaon.

Wer hält mich? Wer?

Landmann.

Wir alle hier!

Phaon.

Ich bin ein freier Mann!

Landmann.

Du warst's, jetzt bist der Strafe du verfallen!

Phaon.

Der Strafe! und warum?

Landmann.

Der Sklavin Raub

Ruft das Gesetz zur Rache wider dich.

Phaon.

Es fordre Sappho Lösegeld für sie

Und zahlen will ich's, wären's Krösus' Schätze!

Landmann.

Ihr ziemt's zu fordern, und nicht dir zu bieten!

Phaon.

Seid ihr so zahm, daß eines Weibes Rache

Geduldig ihr die Männerhände leiht,

Und dienstbar seid der Liebe Wechsellaunen?

Mir stehet bei, denn Unrecht widerfährt mir!

Landmann.

Ob Recht ob Unrecht? Sappho wird's entscheiden!

Phaon.

So sprichst du, Alter, und errötest nicht?

Wer ist denn Sappho, daß du ihre Zunge

Für jene achtest an des Rechtes Waage?

Ist sie Gebietrin hier im Land?

Landmann.

Sie ist es,

Doch nicht weil sie gebeut, weil wir ihr dienen!

Phaon.

So hat sie denn euch alle auch umsponnen,

Ich will doch sehn, wie weit ihr Zauber reicht!

(Gegen das Haus zugehend.)

Zu ihr!

Landmann.

Zurück!

Phaon.

Vergebens dräuet ihr!

Ich muß sie sehen! Sappho, zeige dich!

Wo bist du? oder zitterst du vor mir?—

Ha, dort am Altar ihrer Diener Reihen,

Sie ist es, du entgehst mir nicht!—Zu mir!

(Durchbricht die Menge. Auch der Kreis der Sklavinnen öffnet sich. Sappho liegt hingegossen an den Stufen des Altars.)

Landmann.

Du wagst es, unbesonnen frecher Knabe?

Phaon.

Was willst du an den Stufen hier der Götter?

Sie hören nicht der Bosheit Flehn.—Steh auf!

(Er faßt sie an. Bei seiner Berührung fährt Sappho empor, und eilt mit fliegenden Schritten, ohne ihn anzusehen, dem Vorgrunde zu.)

Phaon (ihr folgend).

Entweichst du mir? du mußt mir Rede stehn!

Ha, bebe nur! Es ist jetzt Zeit zu beben!

Weißt du was du getan? Mit welchem Recht

Wagst du es mich, mich einen freien Mann,

Der niemand eignet als sich selber, hier

In frevelhaften Banden festzuhalten?

Hier diese da in ungewohnten Waffen,

Hast du sie ausgesandt? Hast du sie? Sprich!—

So stumm? der Dichtrin süße Lippe stumm?

Sappho.

Es ist zuviel!

Phaon.

Die Wange rötet sich

Von Zornes heißen Gluten überflammt.

Recht, wirf die Larve weg, sei was du bist,

Und tobe, töte heuchlerische Circe!

Sappho.

Es ist zuviel!—Auf, waffne dich, mein Herz!

Phaon.

Antworte! Hast du diese ausgesandt?

Sappho (zu Rhamnes).

Geh hin und hol die Sklavin mir zurück,

Nur sie und niemand anders ließ ich suchen!

Phaon.

Zurück! Es wage niemand ihr zu nahn!

Begehre Lösegeld. Ich bin nicht reich,

Doch werden Eltern mir und Freunde willig steuern Mein Glück von deiner Habsucht zu erkaufen!

Sappho (noch immer abgewandt).

Nicht Gold verlang ich, nur was mein! Sie bleibt!

Phaon.

Sie bleibet nicht! Bei allen Göttern, nein!

Du selber hast dein Recht auf sie verwirkt

Als du den Dolch auf ihren Busen zücktest,

Du kauftest ihre Dienste, nicht ihr Leben!

Glaubst du, ich ließe sie in deiner Hand?

Noch einmal, fordre Lösegeld und laß sie!

Sappho (zu Rhamnes).

Erfülle was ich dir befahl!

Phaon.

Zurück!

Du rührst an deinen Tod, berührst du sie!

So ist dein Busen denn so ganz entmenscht,

Daß er sich nicht mehr regt bei Menschenleiden! Zerbrich die Leier, gifterfüllte Schlange!

Die Lippe töne nimmerdar Gesang,

Du hast verwirkt der Dichtung goldne Gaben!

Den Namen nicht entweihe mehr der Kunst!

Die Blume soll sie sein aus dieses Lebens Blättern, Die hoch empor, der reinsten Kräfte Kind,

In blaue Luft das Balsamhaupt erhebt

Den Sternen zu, nach denen sie gebildet.

Du hast als gift'gen Schierling sie gebraucht,

Um deine Feinde grimmig zu verderben!

Wie anders malt' ich mir, ich blöder Tor

Einst Sapphon aus, in frühern, schönern Tagen!

Weich wie ihr Lied, war ihr verklärter Sinn

Und makellos ihr Herz, wie ihre Lieder,

Derselbe Wohllaut der der Lipp' entquoll

Er wiegte sich auch wogend in der Brust

Und Melodie war mir ihr ganzes Wesen!

Wer hat dich denn mit Zauberschlag verwandelt? Ha, wende nicht die Augen scheu von mir!

Mich blicke an, laß mich dein Antlitz schauen

Daß ich erkenne, ob du's selber bist,

Ob dies die Lippen die mein Mund berührt,

Ob dies das Auge das so mild gelächelt,

Ob Sappho du es bist, du Sappho?

(Er faßt ihren Arm und wendet sie gegen sich. Sie blickt empor, ihr Auge trifft das seinige.)

Sappho (schmerzvoll zusammenfahrend).

Weh mir!

Phaon.

Du bist es noch; ja, das war Sapphos Stimme!

Was ich gesagt! Die Winde tragen's hin,

Es soll nicht Wurzeln schlagen in dem Herzen!

O es wird helle, hell vor meinem Blick

Und wie die Sonne nach Gewittersturm

Strahlt aus der Gegenwart entladnen Wolken

In altem Glanze die Vergangenheit.

Sei mir gegrüßt, Erinnrung schöner Zeit!

Du bist mir wieder was du einst mir warst,

Eh' ich dich noch gesehn, in ferner Heimat,

Dasselbe Götterbild, das ich nur irrend

So lange für ein Menschenantlitz hielt,

Zeig dich als Göttin! Segne Sappho, segne!

Sappho.

Betrüger!

Phaon.

Nein fürwahr, ich bin es nichts

Wenn ich dir Liebe schwur, es war nicht Täuschung, Ich liebte dich, so wie man Götter wohl

Wie man das Gute liebet und das Schöne.

Mit Höhern, Sappho, halte du Gemeinschaft,

Man steigt nicht ungestraft vom Göttermahle

Herunter in den Kreis der Sterblichen.

Der Arm, in dem die goldne Leier ruhte,

Er ist geweiht, er fasse Niedres nicht!

Sappho (abgewendet vor sich hin).

Hinab in Meeresgrund die goldne Leier

Wird ihr Besitz um solchen Preis erkauft!

Phaon.

Ich taumelte in dumpfer Trunkenheit,

Mit mir und mit der Welt im düstern Streite;

Vergebens rief ich die Gefühle auf,

Die ich in Schlummer glaubt' und die nicht waren, Du standst vor mir ein unbegreiflich Bild

Zu dem's mich hin, von dem's mich fort,

Mit unsichtbaren Banden mächtig zog;

Du warst—zu niedrig glaubte dich mein Zorn,

Zu hoch nennt die Besinnung dich—für meine Liebe. Und nur das Gleiche fügt sich leicht und wohl!

Da sah ich sie, und hoch gen Himmel sprangen

Die tiefen Quellen alle meines Innern,

Die stockend vorher weigerten den Strahl.

Komm her Melittion, komm her zu ihr,

O sei nicht bange, sie ist mild und gütig!

Enthüll der Augen schimmernden Kristall

Daß sie dir blicke in die fromme Brust

Und freudig ohne Makel dich erkenne!

Melitta (schüchtern nahend).

Gebieterin!

Sappho (sie von sich haltend).

Fort von mir!

Melitta.

Ach, sie zürnt!

Phaon.

So wär' sie doch was ich zu glauben scheute?

Komm her, Melittion, an meine Seite!

Du sollst nicht zu ihr flehn! Vor meinen Augen

Soll dich die Stolze nicht beleidigen,

Du sollst nicht flehn! Sie kennt nicht deinen Wert, Nicht ihren, denn auf ihren Knien würde

Sie sonst, die Schuld der Unschuld, stumm dir huld'gen! Hierher zu mir, hierher!

Melitta.

Nein laß mich knien

Wie's wohl dem Kinde ziemt vor seiner Mutter,

Und dünkt ihr Strafe recht, so strafe sie,

Ich will nicht murren wider ihren Willen!

Phaon.

Nicht dir allein auch mir gehörst du an,

Und mich erniedrigst du durch diese Demut.

Noch gibt es Mittel das uns zu erzwingen

Was sie der Bitte störrisch-rauh versagt.

Melitta.

O wär' es auch, mich freut nur ihre Gabe,

Erzwungen wäre mir das höchste Glück zur Last!

Hier will ich knien, bis mir ein milder Blick,

Ein gütig Wort, Verzeihung angekündigt.

Wie oft schon lag ich hier an dieser Stelle

Und immer stand ich freudig wieder auf;

Sie wird mich diesmal weinend nicht entlassen!

Blick auf dein Kind hernieder, teure Frau!

Sappho (steht, das Gesicht auf Eucharis' Schulter gelehnt).

Phaon.

Kannst du sie hören und bleibst kalt und stumm!

Melitta.

Sie ist nicht kalt, und wenn auch schweigt ihr Mund Ich fühl ihr Herz zu meinem Herzen sprechen!

Sei Richter, Sappho, zwischen mir und ihm!

Heiß mich ihm folgen und ich folge ihm,

Heiß mich ihn fliehn—o Götter!—alles—alles!

Du zitterst!—Sappho, hörest du mich nicht?

Phaon (Melitten umschlingend und ebenfalls hinkniend). Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht, Gib uns was unser, und nimm hin was dein!

Bedenke was du tust, und wer du bist!

Sappho (fährt bei den letzten Worten empor und blickt die Knienden mit einem starren Blicke an, wendet sich dann schnell ab, und geht).

Melitta.

Weh mir sie flieht, sie hat ihr Kind verstoßen!

(Sappho ab. Eucharis und Dienerinnen folgen.)

 

Vierter Auftritt

Vorige ohne Sappho und Eucharis.

Phaon.

Steh auf, mein Kind! Zu Menschen flehe nicht,

Noch bleiben uns die Götter und wir selbst!

Melitta.

Ich kann nicht leben, wenn sie mich verdammt!

Ihr Auge war von jeher mir der Spiegel

Vor dem ich all mein Tun und Fühlen prüfte!

Er zeigt mir jetzt die eigne Ungestalt!

Was muß sie leiden die gekränkte Frau!

Phaon.

Du leihst ihr dein Gefühl! Ganz andre Wogen

Erheben sich in dieser Stolzen Brust!

Melitta.

Scheint sie auch stolz, mir war sie immer gütig,

Wenn oft auch streng, es barg die scharfe Hülle

Mir immer eine süße, holde Frucht!

Weh mir, daß ich das je vergessen konnte!

Rhamnes.

Jawohl, weh dir, daß du es je vergessen!

Phaon.

Was zittert ihr, kennt ihr sie gar so mild?

Rhamnes.

Sie zürnte, als sie ging, und ohne Schranken,

Wie ihre Liebe ist ihr Zorn!—Drum weh euch!

Phaon.

Was kann sie drohn?

Rhamnes.

Der flücht'gen Sklavin, Tod!

Phaon.

Wer sagt das?

Rhamnes.

Die Gesetze dieses Landes!

Phaon.

Ich schütze sie!

Rhamnes.

Du? Und wer schützet dich?

Phaon.

Und gähnte hier die Erde vor mir auf,

Und donnerte die See mich zu verschlingen,

Vermöchte sie die Kräfte der Natur

In grauses Bündnis wider mich zu einen,

Fest halt ich diese, lachend ihres Zorns,

Sie selbst und ihre Drohungen verachtend!

Rhamnes.

Verachten? Sapphon! Und wer bist du denn

Daß du dein Wort magst in die Schale legen

In der die Menschheit ihre Ersten wiegt,

Zu sprechen wagst, wo Griechenland gesprochen? Blödsicht'ger, frevler Tor, dünkt sie dir wertlos

Weil ohne Maßstab du für ihren Wert,

Nennst du das Kleinod blind, weil es dein Auge? Daß sie dich liebte, daß sie aus dem Staub

Die undankbare Schlange zu sich hob

Die nun mit gift'gem Zahn ihr Herz zerfleischt,

Daß ihren Reichtum sie an dich vergeudet

Der keinen Sinn für solcher Schätze Wert,

Das ist der einz'ge Fleck in ihrem Leben

Und keines andern zeiht sie selbst der Neid!

Sprich nicht! Selbst dieser Trotz, in dem du nun Dich auflehnst wider sie, er ist nicht dein!

Wie hättest du aus deiner Niedrigkeit,

Von den Vergeßnen der Vergessenste,

Gewagt zu murren wider Hellas' Kleinod?

Daß sie dich angeblickt gab dir den Stolz,

Mit dem du nun auf sie herniedersiehst.

Phaon.

Der Dichtung Ruhm nicht mag ich ihr bestreiten—

Rhamnes.

Du magst es nicht? Ei doch! Als ob du's könntest! Hoch an den Sternen hat sie ihren Namen

Mit diamantnen Lettern angeschrieben

Und mit den Sternen nur wird er verlöschen!

In fernen Zeiten unter fremden Menschen

Wenn längst zerfallen diese morschen Hüllen

Und selber unsre Gräber nicht mehr sind

Wird Sapphos Lied noch von den Lippen tönen, Wird leben noch ihr Name—und der deine!

Der deine ja, sei stolz auf die Unsterblichkeit

Die dir der Frevel gibt an ihrem Haupt!

In fremdem Land bei kommenden Geschlechtern Wenn schon Jahrhunderte, noch ungeboren,

Hinabgestiegen in das Grab der Zeit

Wird es erschallen noch aus jedem Munde:

Sappho hieß die, die dieses Lied gesungen,

Und Phaon heißt er, der sie hat getötet.

Melitta.

O Phaon—

Phaon.

Ruhig! Ruhig!

Rhamnes.

Armer Tröster!

Gebeutst du Ruh' mit unruhvoller Stimme?

Sie kenne ihr Verbrechen und erzittre,

Die Rache wenigstens vermisse Sappho nicht!

Du magst der Dichtung Ruhm ihr nicht bestreiten? Und welchen sonst bestreitest du ihr denn?

Wagst du's an ihrem Herzen wohl zu zweifeln,

Der was er ist nur ihrem Herzen dankt?

Sieh um dich her! es ist kein einz'ger hier

Dem sie nicht wohlgetan, der nicht an sich In Haus und Feld, an Gut und bei den Seinen

Von ihrer Milde reiche Spuren trägt,

Nicht einer dessen Herz nicht höher schlüge,

Wenn er sich Mytilenes Bürger

Wenn er sich Sapphos Landgenosse nennt.

Frag jene Bebende an deiner Seite,

Genossin, scheint's, der Tat mehr als der Schuld, Wie gegen sich die Herrin sie gefunden?

Was hatte wohl die Sklavin dir zu bieten?

Wenn sie dir wohlgefiel, so war es Sapphos Geist, War Sapphos milder, mütterlicher Geist

Der ansprach dich aus ihres Werkes Munde.

O presse nur die Stirn, du strebst vergebens,

Du löschest die Erinnrung nimmer aus!

Und was willst du beginnen? Wohin fliehn?

Kein Schutzort ist für dich auf dieser Erde,

In jedes Menschen fromm gesinnter Brust

Erhebt ein Feind dem Feinde sich des Schönen.

Vorangehn wird der Ruf vor deinen Schritten

Und schreien wird er in der Menschen Ohr:

Hier Sapphos Mörder, hier der Götter Feind!

Und vogelfrei wirst du das Land durchirren

Mit ihr, der du Verderben gabst für Schutz.

Kein Grieche öffnet dir sein gastlich Haus

Kein Gott gewährt dir Eintritt in den Tempel,

Erbebend wirst du fliehn vom Opferaltar

Wenn Priesters Spruch Unheilige entfernt.

Und fliehst du, wird die grause Eumenide,

Der Unterird'schen schwarze Rachebotin,

Die Schlangenhaare schütteln um dich her,

Dir Sapphos Namen in die Ohren kreischen

Bis dich das Grab verschlungen, das du grubst!

Melitta.

Halt ein! Halt ein!

Phaon.

Willst du mich rasend machen?

Rhamnes.

Du warst's als du die Hohe von dir stießest!

Genieße nun die Frucht die du gepflanzt!

Melitta.

Zu ihr!

Phaon.

Wer rettet mich aus dieser Qual!

 

Fünfter Auftritt

Eucharis. Vorige.

 

Eucharis.

Bist du hier, Rhamnes? Eilig komm!

Rhamnes.

Wohin?

Eucharis.

Zu Sapphon.

Rhamnes.

Was—?

Eucharis.

Ich fürchte, sie ist krank.

Rhamnes.

Die Götter wenden's ab!

Eucharis.

Ich folgte ihr von fern

Hinauf zur großen Halle und versteckt

Bewacht' ich all ihr Tun mit scharfem Auge.

Dort stand sie an ein Säulenpaar gelehnt, Hinunterschauend in die weite See,

Die an den Felsenufern brandend schäumt,

sprach- und bewegungslos stand sie dort oben,

Mit starren Augen und erblaßten Wangen

Im Kreis von Marmorbildern fast als ihresgleichen. Nur manchmal regt sie sich und greift nach Blumen, Nach Gold und Schmuck und was ihr Arm erreicht Und wirft's hinunter in die laute See

Den Sturz mit sehnsuchtsvollem Aug' verfolgend, Schon wollt' ich nahn, da tönt ein Klingen durchs Gemach Und zuckend fuhr es durch ihr ganzes Wesen,

Die Leier war's, am Pfeiler aufgehangen,

In deren Saiten laut die Seeluft spielte.

Schwer atmend blickt sie auf und fährt zusammen, Wie von Berührung einer höhern Macht.

Die Augen auf die Leier starr geheftet

Beleben sich mit eins die toten Züge

Und fremdes Lächeln spielt um ihren Mund.

Jetzt öffnen sich die strenggeschloßnen Lippen,

Es tönen Worte, schauerlichen Klangs,

Aus Sapphos Munde, doch nicht Sapphos Worte. Rufst du mir, spricht sie, Freundin? Mahnst du mich? O ich versteh dich Freundin an der Wand!

Du mahnst mich an verfloßne Zeit! Hab Dank!— Wie sie die Wand erreicht und wie die Leier,

Hoch oben hängend, weiß ich nicht zu sagen,

Denn wie ein Blitzstrahl flirrte mich's vorüber.

Jetzt blick ich hin, sie hält das Saitenspiel

Und drückt es an die sturmbewegte Brust,

Die hörbar laut den Atem nahm und gab.

Den Kranz dann, den Olympischen des Sieges,

Dort aufgehangen an dem Hausaltar,

Schlingt sie ums Haupt und wirft den Purpurmantel, Hochglühend so wie er, um ihre Schultern—

Wer sie jetzt sah, zum ersten Male sah,

Auf des Altares hohen Stufen stehend,

Die Leier in der Hand, den Blick gehoben,

Gehoben ihre ganze Lichtgestalt,

Verklärungsschimmer über sie gegossen, Als Überird'sche hätt' er sie begrüßt,

Und zum Gebet gebeugt die schwanken Knie.

Doch regungslos und stumm so wie sie war,

Fühlt' ich von Schauder mich und Graun ergriffen, Ihr lebend toter Blick entsetzte mich,

Drum eilt' ich—

Rhamnes.

Und verließest sie!—Zu ihr!

Doch sieh!—Naht nicht? Sie ist's; sie selber kommt!

 

Sechster Auftritt

Sappho reich gekleidet wie im ersten Aufzuge; den Purpurmantel um die Schultern, den Lorbeer auf dem Haupte, die goldne Leier in der Hand, erscheint von ihren Dienerinnen umgeben, auf den Stufen des Säulenganges und schreitet ernst und feierlich herunter.

Lange Pause.

 

Melitta.

O Sappho, o Gebieterin!

Sappho (ruhig und ernst).

Was willst du?

Melitta.

Gefallen ist die Binde meiner Augen,

O laß mich wieder deine Sklavin sein,

Was dir gehört, besitz es und verzeih!

Sappho (ebenso).

Glaubst du so übel Sapphon denn beraten

Daß Gaben sie von deiner Hand bedarf?

Was mir gehört, es ist mir schon geworden.

Phaon.

O höre Sappho—

Sappho.

Nicht berühre mich!

Ich bin den Göttern heilig!

Phaon.

Wenn du mich

Mit holdem Auge Sappho je betrachtet—

Sappho.

Du sprichst von Dingen die vergangen sind!

Ich suchte dich und habe mich gefunden!

Du faßtest nicht mein Herz, so fahre hin!

Auf festern Grund muß meine Hoffnung fußen!

Phaon.

So hassest du mich also?

Sappho.

Lieben! Hassen!

Gibt es kein Drittes mehr? Du warst mir wert

Und bist es noch und wirst mir's immer sein

Gleich einem lieben Reis'genossen, den

Auf kurzer Überfahrt des Zufalls Laune

In unsern Nachen führte, bis das Ziel erreicht

Und scheidend jeder wandelt seinen Pfad,

Nur manchmal aus der fremden weiten Ferne

Des freundlichen Gefährten sich—erinnernd

(Die Stimme versagt ihr.)

Phaon (bewegt).

O Sappho!

Sappho.

Still! Laß uns in Ruhe scheiden!

(Zu den übrigen.)

Ihr die ihr Sapphon schwach gesehn, verzeiht!

Ich will mit Sapphos Schwäche euch versöhnen, Gebeugt erst zeigt der Bogen seine Kraft!

(Auf den Altar im Hintergrunde zeigend.)

Die Flamme zündet Aphroditens an

Daß hell sie strahle in das Morgenrot!

(Es geschieht.)

Und nun entfernt euch, lasset mich allein

Alleine mit den Meinen mich beraten!

Rhamnes.

Sie will's, laßt uns gehorchen. Kommt ihr alle!

(Ziehen sich zurück.)

Sappho (vortretend).

Erhabne, heil'ge Götter!

Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt!

In meine Hand gabt ihr des Sanges Bogen,

Der Dichtung vollen Köcher gabt ihr mir;

Ein Herz zu fühlen, einen Geist zu denken

Und Kraft zu bilden was ich mir gedacht!

Ihr habt mit reichem Segen mich geschmückt,

Ich dank euch!

Ihr habt mit Sieg dies schwache Haupt gekrönt

Und ausgesät in weitentfernte Lande

Der Dichtrin Ruhm, Saat für die Ewigkeit!

Es tönt mein goldnes Lied von fremden Zungen

Und mit der Erde nur wird Sappho untergehn,

Ich dank euch!

Ihr habt der Dichterin vergönnt zu nippen

An dieses Lebens süß umkränzten Kelch,

Zu nippen nur, zu trinken nicht.

O seht, gehorsam eurem hohen Wink

Setz ich ihn hin den süß umkränzten Becher

Und trinke nicht!

Vollendet hab ich, was ihr mir geboten, Darum versagt mir nicht den letzten Lohn!

Die euch gehören, kennen nicht die Schwäche,

Der Krankheit Natter kriecht sie nicht hinan,

In voller Kraft, in ihres Daseins Blüte

Nehmt ihr sie rasch hinauf in eure Wohnung—

Gönnt mir ein gleiches, kronenwertes Los!—

O gebt nicht zu daß eure Priesterin

Ein Ziel des Hohnes werde eurer Feinde,

Ein Spott des Toren, der sich weise dünkt.

Ihr bracht die Blüten, brechet auch den Stamm!

Laßt mich vollenden, so wie ich begonnen,

Erspart mir dieses Ringens blut'ge Qual.

Zu schwach fühl ich mich länger noch zu kämpfen, Gebt mir den Sieg, erlasset mir den Kampf!

(Begeistert.)

Die Flamme lodert und die Sonne steigt,

Ich fühl's ich bin erhört! Habt Dank ihr Götter!— Du Phaon! Du Melitta! Kommt heran!

(Phaon auf die Stirne küssend.)

Es küsset dich ein Freund aus fernen Welten

(Melitten umarmend.)

Die tote Mutter schickt dir diesen Kuß!

Nun hin, dort an der Liebesgöttin Altar

Erfülle sich der Liebe dunkles Los!

(Eilt dem Altare zu.)

Rhamnes. Was sinnet sie? verklärt ist all ihr Wesen, Glanz der Unsterblichen umleuchtet sie!

Sappho (auf eine Erhöhung des Ufers hintretend und die Hände über die beiden ausstreckend).

Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht! Genießet was euch blüht, und denket mein!

So zahle ich die letzte Schuld des Lebens!

Ihr Götter, segnet sie und nehmt mich auf!

(Stürzt sich vom Felsen ins Meer.)

Phaon.

Halt ein! Halt Sappho!

Melitta.

Weh sie stürzt! sie stirbt!

Phaon (mit Melitten beschäftigt).

Schnell Hilfe, fort ans Ufer! Rettung, Hilfe!

(Einige ab.)

Rhamnes (der aufs Ufer gestiegen). Ihr Götter wendet ab! dort jene Klippe, Berührt sie die ist sie zerschellt, zerschmettert!—Tragt sie vorüber! Weh! Es ist geschehn!

Phaon.

Was kreischest du? Nach Kähnen! Eilet! Rettet!

Rhamnes (herabsteigend). Halt ein! Es ist zu spät! Gönnt ihr das Grab, Das sie, verschmähend diese falsche Erde, Gewählt sich in des Meeres heil'gen Fluten!

Phaon.

Tot?

Rhamnes.

Tot!

Phaon.

Weh mir! Unmöglich, nein!

Rhamnes.

Es ist!—Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen! Es war auf Erden ihre Heimat nicht—

(Mit erhobenen Händen.)

Sie ist zurückgekehret zu den Ihren!

(Der Vorhang fällt.)

 

Ende.

Ende diese Projekt Gutenberg Etextes Sappho, von Franz Grillparzer.

 

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Franz Grillparzer

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End of the Project Gutenberg EBook of Sappho, by Franz Grillparzer

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SAPPHO ***

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