
Wie ein Schatten im Sommer
von Adriana Popescu

Mara kommt zehn Minuten zu spät in die Loge, die Ouvertüre ist schon vorbei: Gespielt wird Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein am Stadttheater von Grünburg. Neben ihr sitzen Rudolf, der Verleger des Tagblatts, dessen Adoptivsohn Andreas und das Ehepaar Lehmann, das sie insgeheim Sparkassen-Lehmann nennt. Während auf der Bühne General Bumm einen Krieg vom Zaun bricht, geht Mara ihr eigenes Leben durch: zehn Jahre Ausbildung, Jahre voller Tourneen durch Kurorte und Badeorte, eine Zeitungskritik, die ihr Spiel bemerkenswert uninspiriert nannte. Draußen bröckelt die Turmruine von Sankt Jakobus auf den Westring. Abendschöns Erzählung folgt der Pianistin bis zu dem Kaffeehaustisch, an dem am Ende nichts mehr zu retten ist.