Timur
Der Gott
Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren hatte.
Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: „Ma“. — Dann losch
sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem Gedächtnis.
Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und lieh ihm wenig
Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am Strand. Gespielen
waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem Bauch und schrie
aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein gesundes Kind.
Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus,
den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und
fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der
französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.
Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der Junge
aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch und minderes
Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und glaubte, das Kind
sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen an. Sie wies es zurück
und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz darauf verfiel es einer
Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es pflegte, sagte es an einem
Morgen: „Ma“.
Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da
zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre
schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf dem
Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel legte und in
dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die Dämmerung. Dann
scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.
Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen
schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt den
Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort. An den
Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und
Kalkgrieß, der Anker hielt nicht.
Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in
der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen hoch
und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.
Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie
bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die Hand wie
eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand bevölkerte sich
mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel brachten, denn viele der
Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf dem Arm seiner Mutter an den
Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein Messer vor ihn hin und sagte: „Rono . . .
Rono — —“.
Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter
Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen von
Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten Spanier ein.
Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta erreichten.
Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima verschlechterte
die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu einer Schwefelquelle, in
der sie badete. Jean François jedoch vertrug die Luft der Höhe nicht und wurde
bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit einiger Dienerschaft hinunter nach
Valparaiso.
Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde
Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt
von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da beschloß
die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie kein Wort zu
wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend redete, nie
wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm ein, und an einem
Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste Oahus entgegen.
Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean
François’ Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission des
Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und nachdenklich,
obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes lag. Jean François
begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte ab, als sie es ihm
deutlich machen wollte.
Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten Jahre
rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die
Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr mit
primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein
Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land.
Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen
wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie stellte ihm
große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben Abend.
Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen
Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang
vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen Haus.
Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der er die
anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.
In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er
verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre dünnen
Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und
wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die Arme
und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.
Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein
und fuhr nach England.
Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in
der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland. Sie
empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten ausgewählte
Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer erhöht ihnen zu,
später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und breiteten das Kapital in
englischen Anlagen aus.
Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der
Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in Cambridge,
züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische Laufbahn. Mit
neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer Beherrschung dicht
um ihn gelegt.
An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England
errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt, sich von
der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener sah, der ihm
den Brief überreichte.
Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute
Zukunft, wie viele sagten.
Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am
brennenden Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz
öffnete sich nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene
Leere bewußt. Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn,
dem Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der
Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt erleben
ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und legte die Sachen
der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm geringer das
Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden.
Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte
Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er
eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen Stuhl. Ihr
Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr Reden war
schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie mit einem Nachbar
anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den Musiksaal strömte, stellte er
sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr. Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: „Ich kenne Sie nicht“.
„Sie sollen es lernen,“ sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp ihr
Knie im Gehn mit dem seinen.
Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen
voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken
grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.
Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie
ihm Geliebte wurde.
In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte, wie
alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.
Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie fragte,
wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte die Achseln.
„Was waren sie, Lieber?“
„Was soll die Frage, die nicht schön ist?“ sagte er langsam.
„Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.“
Da drückte er die Ampel aus und sagte: „Eine Blumenverkäuferin von den
Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .“
Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: „Keine hielt
Sie in dieser Reihe?“
Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen
Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte sie
sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres Mal.
Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich schlinge,
sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den Fenstern heller
werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie streichelte und ihr
Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und edel und weinte, die
Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie.
Er ging den Morgen in die Themse und badete.
Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern.
Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken, aus
und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal.
Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam,
und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn
Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein geöltes
Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem Pferd in die
Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am Morgen kam er mit
einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die Knochen wieder
aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr lähmte der Alp
seine Brust.
Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der
fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht. Am
nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit
dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei.
Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck
über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge hinauf
und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll erdwarm
donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei Stunden des
Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des Clans, damit seine
Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.
Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.
Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.
Er griff es, nahm es und lebte weiter.
Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen
Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein
hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen
ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch Straßen
und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da kamen sie in die
Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer verzogener ineinander.
Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in das sie getreten war, hatte
einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes Licht flammte davor. Die Fenster
waren aus Ölpapier und erleuchtet.
Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat in
einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische
Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.
Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von
Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne
schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach die
Musik.
Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im
Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift und
schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum. Der
Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke. Ihre
Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und glühend.
Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im
Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite und
arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen und
setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen bewegte sich
neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach Essig roch.
Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft strömte
herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter der Luft, die
wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze Straßenfront
gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende des Tisches ein
Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne Augen, Brauen, die sich
romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches Gesicht. Er trug die Kleidung
eines vornehmen Mannes, eine flandrische Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.
Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber.
Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und
warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte ihre
schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr geschmiegt
und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber. Im gleichen
Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des Gegenübers Tasche und
zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames Stück Börse wie einen
Wurm heraus.
Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den Kerl
sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward bleich,
von einigen Tischen scholl Geschrei.
Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit
einem Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den
ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine
leichte Verbeugung Jean François für seine Güte.
Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.
Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als
einen Ausgleich und um — zumal als Ausländer — höflicher Handlung mit
edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.
Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert,
was er nicht selbst hätte erreichen können.
Doch auch der Fremde lächelte.
Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern
ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon zu
spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre. Dann
lächelte er wieder, Jean François’ Erstaunen erwartend.
Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige
Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder, und
sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und
Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der
eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege . . .
„Würden Sie. . .“
Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und
überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter
Supracargo auf einem Schiff, das „Santa Cruz“ hieß.
Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.
Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen
auf seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François
einschlug, sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber
innerlich keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die
Stunden zu treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der
er beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf
keine Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.
Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren
Rockschößen. Sie achteten nicht darauf.
Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. „Sie werden alles finden,“
sagte der Fremde, „aber Sie dürfen nicht zögern.“ Er verabschiedete sich, da er
noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald wiedersehen.
Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn ans Schiff.
Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter
ihnen zusammen wie grauer Schaum.
Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François’ Herz mit
tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich umzog,
trat ein Offizier in seine Kabine, — er wechselte gerade die Hosen, — und bat
um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm:
„Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese
Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt.
Allein es trieb mich so.“
Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er
habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem
Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen
und sagte: „Ich sehe, wer Sie sind.“
Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff Übergetretener,
und von guter Erziehung.
Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean
François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden, bestimmt,
Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach
Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit
Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume,
und in einem falschen Boden standen hunderte Kübel.
Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck auf.
Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er
hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein
bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich tief.
Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das
Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.
Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte,
nannte leise seinen Namen: „D’Aché,“ und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie
stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten Raum.
Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein
Mann geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er
ließ mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war,
dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet
hatte, und der Graf sagte lächelnd:
„Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das
Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe dies
auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie verpflichtet, weil
ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen erwarte.
Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte
uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir
später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.“
Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .
Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.
Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.
Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé. In
den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse großer
Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé hatte eine
Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und rauchte.
Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang mit
warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François und
bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie hetzte ihn
über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen die
Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte:
„Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer
werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.“
Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: „Aber ich liebe das Spiel.“
Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so
lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.
Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.
Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie
gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf vorbei.
Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.
An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst
langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.
Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie
suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen nichts
als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da gab das
Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite.
Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein
mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie
Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren
Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und
grün heranschwellend ans Meer.
Sie warfen Anker.
Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse fetter
eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn, sondern
bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.
In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit
Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob die
Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere grüßten ihn
höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an. Da wuchsen, als
er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene, er berührte seine
Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum folgenden Tag eine
Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas brachen sie vor, bis sie
in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean François befahl, sie
auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.
Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von
ihm.
Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am
letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß eine
Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling in den
Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die Frau.
Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch
in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme kreisend,
davon.
Das Land war Neu-Seeland.
In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die
weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des
Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten Wallung.
Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und ging hinunter.
In der Nacht fiel Frost.
In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen.
Am vierten fuhren sie.
Sie fuhren nördlich.
Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an
Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren.
Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war
leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben und
Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.
Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin
Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus der
Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte.
Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts
Blickfeld blieb.
Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der
Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte.
Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große
Schildkröten schwammen langsam vorüber.
Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische
Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden
Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade
und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins Innere,
das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf denen weiße
Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen ein Fest.
Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten,
da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder nicht
mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer weichen
Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und dem
Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich und
stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick, noch am
Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten Hummerscheeren
in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin und in die Nähe
von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund.
Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine
Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und
weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und
Eingeborene mit Schwänzen.
Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf
Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen Stoff
zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke und kaufte
das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er halbnackt vom Ufer
zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter weichen
Mandolinentönen.
Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.
Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und
sprengte wie ein Geschoß die Schiffe auseinander.
Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.
Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte sich
ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind lief
gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im letzten
Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten nicht, wo sie
waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur aus dem
Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die Gesichter
aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie warfen keine
Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war.
Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das
Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in das
warme Meer.
Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling.
Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen, ging er
ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge. Er wußte
nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste Boot herunter,
sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die Dunkelheit, die ihn anzog, daß
seine Pulse brannten.
Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom
schwachen Geräusch ferner Brandung.
Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er
kam nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht
hinein hob.
Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war
entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen
ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein er barst
nicht.
Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er
eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. — Als sein Boot Sand
unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er
sprang mit einem riesigen Satz hinüber.
Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn.
Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen
erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im Wirbel und
schrie wie in hitzigem Gelächter.
Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen
hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: „Rono . . . . Rono“
— und weiter kein Wort.
Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück.
„Welche Insel?“ rief er mit der Sprache von O-Taheiti.
Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:
„Oahu“, sagten sie und starben schier.
Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. „Oahu“, sagte er und sah sich
um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann fiel es
zurück. Die Blicke faßten alles.
Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie
eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die Kreolin
flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur geheimnisvoll
(auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter Wille.
So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des
Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und
einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand.
Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das
zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte, stieg
eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das Gesicht in den
weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie ein Tier in das Land.
Da stoben die Eingeborenen in den Wald.
Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den Einzug
der neuen spürend, folgte er ihnen.
Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine
Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über den
Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn. Zwischen
Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein Herz klopfte bis
in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz schwoll über den Wald
und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der Blätter in seinen Kammern
mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein wildes Schwein. Es sah ihn an.
Er streichelte es.
Er ging.
Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng
und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge war
paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte.
Vor der Hütte stand ein Mädchen.
Als er kam, kniete sie nieder und flüsterte: „Rono.“
Er trat an sie heran und sagte: „Liebe mich.“
Sie war weiß wie eine Französin mit einem metallischen Schimmer der Haut.
Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf.
Sie hob die Arme. In den Achselhöhlen saß kupferner Flaum. Ihre Haare
waren tiefrot und glatt.
Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Hütte voll
Erleben des zärtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so, als stürbe sie
an ihm.
Er fragte sie, wie sie heiße.
Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua,
weil sie dieser ähnlich war.
Aber nach wenigen Tagen bedrückte es ihn, daß er deren Erlebnis noch
ungelöst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei Wochen
durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur südlichen Küste. Dort hörte er, Kalekua
sei gestorben, und dies erfüllte ihn mit Freude, denn nun schien ihm alles auf
diese Frau übergegangen zu sein.
Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem
schwarzen Lavafelsen, der die Bai überragte.
Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen
hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag
ein Schiff lang draußen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehörte,
die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden
stieß. Sonst kamen keine Schiffe.
Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen hingen
wie tanzende Seile in die See.
An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und führte ihn
stundenweit. Sie bahnten sich durch Farrengestrüpp und Unterholz einen Weg.
Spät kamen sie in eine Schlucht. Kalekua ließ seine Hand nicht frei. Plötzlich,
nachdem sie unter überhängenden Felsen lang gegangen waren, traten sie hinaus.
Über ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Köpfe. Er sah auf der einen Seite
der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstürzte, und trug ihn auf die
andere Seite hinüber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal.
Kalekua sah fragend zu ihm auf.
Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: „Was willst du?“
Sie sagte: „Rono!“ und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten
zurück.
Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte
und gingen scheu zurück.
Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang
entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl. Drei
Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas tief
hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob die Luft
klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl.
Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich
geblaßtem Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und
schien unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer
steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele
wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie
schwebend empfand.
Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem
Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien. Ihr
rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang:
Inoa o Mauae a Para,
He aha matou auanei?
O Mauae, te wahine horua nui,
Wahine maheai pono.
Tuu ra te Ravaia
I ta wahine maheai,
I pono wale ai te aina o orua.
I ravaia te tane.
I mahe ai te wahine.
Mahe te ai na te ohua,
I ai na te puari.
Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie
anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins
Dickicht zurück.
Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch
herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den
Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren
Haaren staken vier weiße Federn.
„Du hast die weißen Federn . . .“
„Es ist das Königszeichen.“ Sie strich über sie.
Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg
nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der
dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald.
Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte seine
Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus breiter
Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den Wald
wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel, schlaflos.
Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam
des Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er
an die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er begriff
nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die seinen.
Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe
Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand
diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.
Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin. Sie
hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den Besitzer zu
und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte ihn. Der sah ihn an
von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich Schiffe und Matrosen am
Strand. Jean François erstaunte, allein seine Sehnsucht ging nach Kalekua. Er
vergaß alles darüber.
Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß,
begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten
gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und der
Küste wimmelten Boote.
Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die
eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war ein
Missionar von den Schiffen.
„Warum tun sie das?“
Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug
ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht.
Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am
Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend
zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten
zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten
Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige
blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, „Rono“
rufend.
Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.
Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte
erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den Himmel
aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch tragen. Er sah
die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden Seiten. Sah
darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand, die Muscheln,
die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen Gehobenheit, wie dies alles zu
ihm gehöre und er sich wieder darein zurückergieße wie an die weißen Glieder
Kalekuas.
Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach
nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten
Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen.
Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er
verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte es
vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe seines
Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der Seele
empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte und
sagte es ihr.
Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: „Sie sind
noch da, streifen und suchen die Königin.“
„Was willst du —.“
Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die
versteckt sei, und zitterte vor ihm.
Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber er
sah in ihre Augen und ließ sie gehen.
Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont.
Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und
erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den Kopf
zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.
Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.
Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste
beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es verächtliches
Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er gekommen sei. Er habe
darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum unterlasse er es,
Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis erkläre sein Tun: daß
so sein Drang und seine Art sei.
Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und
warf ihn ins Admiralschiff.
Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte über
sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den Zustand, in dem
er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins empfand. Er hob eine
Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte den Boden des Hauses
und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand, und unter dieser
Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück.
Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d’Aché
stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über der
Brust. Er kommandierte:
„Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich Sie.
Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie wie eine
Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt. Ich werde
morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die Versicherung
bewundernder Freundschaft.“
Kurz danach kam Kalekua.
Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François
floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden sie
auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben sich
kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.
Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie
früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die
Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François, und er
bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge. Und sah sie fest
an.
Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und
Angst: „Ich will.“
Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit
Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit
Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war.
Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die
Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.
Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen
die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig
erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn
zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm und
flüsterte: „Rono“. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf ihn traf,
ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.
Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie
ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie:
„Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.“
Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus,
kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte:
„Komm.“
Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich.
Die Tür stand offen.
Das Meer brauste blau hinein.
Kalekua sah sich noch einmal um.
Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als die
Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich aufwärts
drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter einem Busch
trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im Gesicht gezeichnet
war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da ging er vor ihnen her.
Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt
war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren den
Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte seine
Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine kleine Terrasse
hinunter.
Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend
um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und
Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren.
Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren
Röhren stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer
spritzte Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund.
Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein
Rücken zitterte.
Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große
Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und
hungerten danach.
Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen
weh. Nirgendwoher kam ein Wind.
Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem
langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt
mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb stehend,
eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß die Schenkel
wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und verkürzt leblos nach
der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen dicht unter dem Hals. Der
Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und trug einen Helm, dessen
Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken hinabzog.
Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang.
Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem
matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas
Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern
verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.
Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua
trat vor ihn. Er fragte: „Kalekua? Am Ziel?“ Sie drehte sich halb und sagte: „Der
Priester, der das Kommende weiß,“ und zog an seiner Hand. Sie waren in einem
runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein Gehäuse, oval und derb
geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe.
Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte:
„Zur Königin.“
Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François
trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des
Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte: „Was ist
Rono?“
Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit
geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der Kopf
zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des
Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort.
Da begann die Stimme wieder. Sagte — wenn er Bekanntes wiederholen
müsse —, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann
Menschen die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da
brach er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme
übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott — — — sagte er, und heulte
erbärmlich.
Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein
Gehäuse, daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab.
Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken.
Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung
ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.
Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein, die
anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel
hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen, und
vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.
Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die
Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber
schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben.
Kalekua drückte ihn gegen die Wand.
Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem
Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich Schäferpfeifen
klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die brannten und einen
Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die Beine wirbelnd,
Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand kleine und dicke
Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen quirlende Takte
darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie rasselten knatternd und
dumpf.
Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich
heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte ihn.
Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem Luft zart
und mild herauf. Sie blieben stehen.
Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund
ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin.
Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle,
ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus
Palmenfächern.
Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die
Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit wunderbaren
hohen Beinen und nackt.
Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien.
Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive.
So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an.
Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre
Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm mit
stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm wie ein
Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut strömte
gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein Hirn, unirdisch
geworden, schrie: Königin.
Er begehrte sie.
Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem
Schrei den Stolz der Königin nieder.
Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.
Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr:
„Liebe mich“.
Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und
Kalekua niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte,
versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr kreiste
dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie ein rascher Mond.
Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis zu
seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang und kam
in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und Figuren
aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend erhitzte und er
küßte sie, die verging.
Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte,
stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte
sein Gefühl.
Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön. Ihre
Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er berührte
ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er fuhr über ihre
jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander. Aber Kalekua stieg.
Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die
Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl
auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten
gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er sie
wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine Nacht aus
dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück.
Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten
aufgeblasene Bäuche und grüne Augen.
Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr
rotes Haar verwirrt und feucht geballt.
Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden. Er
sah sie lange an und ging vorüber.
Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand auf
und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie immer.
Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen durch die
Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der Platane.
Mittags erreichten sie das Meer.
In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie zeigte
Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit verstelle.
Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich sei und Masken über
ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte in Schmerz. Da stieß er
roh in den Mittelpunkt des Gefühls:
„Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere
Glieder an die Brust.“
Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über
der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ Jean
François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht begriff, und
überströmte sie mit Zärtlichkeit.
Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen sitzen.
Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am Abend des
dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die Hütte taumelte, um
die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen schwankte. Jede Linie schob
sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein, ihr Arm, ihre Brust, ihr
Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief er ein. So wartete er auf sie.
Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung
begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht überschwankte
sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz ging. Aber es schlug
nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des seinen ohne Sinn und Ziel.
Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett und
legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war ausdruckslos. Ihre
Federn hatte sie aus den Haaren genommen.
„Kalekua.“
Die Pupille bog sich nach oben.
Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst.
„Die Königin . . .“
„Was —“ Seine Stimme fuhr scharf auf.
Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt
werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin nicht
gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war fort.
Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit
Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine Brust.
Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont. Echos
schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.
Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut
zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen, aber sie
sagte: „Die Königin . . .“ und vertiefte das Auge zu Boden.
Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die
Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab ohne
Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die zurückflutenden ein in
einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt sie erstarrt einen
Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es stundenlang an, bis es ihn
tief bestürzte und er hinunterlief und sie holte. An diesem Morgen begriff er, daß
sie ein fremdes Gefühl in sich trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs.
Denn sie glaubte, daß sie ihn der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die
übermächtig über sie hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er,
ausbiegend vom graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.
Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu erfüllen.
Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der aufglühende Abend, als
sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die Bucht brandrot entflammte. Er
fing kleine Schweine im Wald, damit das Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter
vordringe. Drei Wochen fertigte er an einem Haken, mit dem er einen Haifisch
fing, den Bauch vom Boot aus aufriß mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er
eine Kette machte, damit der Stolz darüber ihre zu Traurigkeit
zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu ihr eines Abends, als ein fernes
Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem Bruder, den er nicht besaß, der mit
Schiffen, wie mit Bauchflossen von Fischen gestalteten, fahre.
Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die
schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier, das
ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das Fleisch
von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und gebleicht von
der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.
Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und
fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.
Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an sie
verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen, Tiger und
den Mond.
Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt. Doch
je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr ihr
Entweichen.
Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum.
Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine
Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks zurückkam
aus dem Wald.
Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das
übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte:
„Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in
den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine Liebe
ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich begehrt, es sei
denn eine wilde Sau zum Fraß.“
Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der
Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte ihm
nicht.
Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich
zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den Triumph
und das Genossene in sich und sagte:
„Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei. Sie gab
wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist. Aber ihr Sinn
ist der einer Schnecke.“
Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht
vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der
Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.
Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und
fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das Erdonnernde
seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in seinem Körper
verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und Umarmung, in
Pausen gespalten, sich erlebt.
Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von
Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte
kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme.
Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in
die Täler. Aber fand sie nicht.
Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er
aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich noch
tödlicher vertiefte.
Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb, die
Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein Ausgleich
gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte, wie jedes
vorherige Dasein — es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu Kalekua, das
alles übertraf und nichtig machte neben sich.
Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens
halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und
ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden heftiger.
Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten Menschlichen in ihr,
das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen hatte, und mit der an
ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit gleichgefühlten Daseins, seine
Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo er ihr irdisches Dasein nicht
mehr erkannte, sondern sie, dies alles zurücklassend, nur noch erkannte und
empfand verbunden und anheimgegeben über das Erkennbare hinausgehenden
Räuschen und Gefühlen.
Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über ihrer
Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls sprang.
Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er folgte
ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben sie, wenn sie die
Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts beugte er sich über
ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes darübergehen.
Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die
wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu
vermischen schienen.
Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah
sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das sie
unsichtbar umscholl.
Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher beseelte)
damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des Horizonts,
Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben herauszuströmen
schien.
So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher
über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte, während
die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.
Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht.
Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit
gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen
Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine
Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens leuchtend
machte wie eine Qualle.
In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch
die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere trug
schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den Himmel.
Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die
vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür.
Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich um und
blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig. Sie schrie:
„Laß mich!“ — und als er den zuckenden Leib fester faßte: „Die Königin . . .
die Königin . . .“ Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das Kinn.
Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor
Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich
Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte. „Rono“,
sagte er.
Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße Kegel
des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine Felswand
miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich hineingebohrt hatte.
Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte sich vor die Hütte.
Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder.
Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan.
Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend
unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit hinaus
fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der zwei
Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott hinauf und
herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus der Hütte
heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur Liebe ein Lächeln
unter den Augen trüge.
Aber Gott war taub.
Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und
blieb still sitzen.
In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie
auf.
Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele
entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend den
Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat sie in ihr
Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang die Kette der
Haifischzähne und küßte sie.
Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den
Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung
ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als wie
Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie zu halten.
Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott.
Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch hörte
er ihre Stimme. „Sie ruft,“ rief sie.
Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.
Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie
über den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und
blässer werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend
wie von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater
verschweben.
Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch jagte
ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der Kette
der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht hatte, und über
ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte, schluchzte er, sich wie an ein
Letztes daran klammernd, daß es ihn entwirren solle:
„Ma . . . Ma —“
Aber auch dies war taub.
Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn,
daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua verstrickt,
daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus ihm entwichen.
Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein Meer. Seine Augen
lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein Gefühl.
Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als
die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte ihr.