Timur
Die Herzogin
Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand, sah er
die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten heruntergeschritten, und ihre
Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die ihn begleitete, von sich wies. Er
schritt die Reihen des vergoldeten Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu.
Sie aber bog ab, ehe er sie erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr
Gesicht zu sehen. Der Schein ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu
verlassen.
Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.
Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen
und Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit
seiner Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er
legte einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der
Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß der
Vers ihr gefiele.
Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der
vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.
Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie
zu sammeln.
Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk
für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern dünkte
ihn zu hoch.
Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor
entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer
inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von
seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig die
Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen.
Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor
Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue
des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den
Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn verhöhnte, im
gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr Gesang dröhnte erzen
durch die lange Gasse.
Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in
die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und
breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen
singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel, daß er,
von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich auf den
Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn prallend ins Dunkel zurück.
Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse,
aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen
begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein
letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer und
schlechten Dichter.
Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer Grimasse
und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham und rief:
„Sohn einer Hure.“ Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein Messer in den
Leib.
Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen,
hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß Arme
und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die Weiber im
ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und sandten ihm
Einladungen hinunter.
Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein
Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter.
Villon sagte: „Ich habe kein Blut an mir,“ und wusch sich zufrieden die
Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten Mönch
zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu beiden Seiten
der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen stürzten in die
Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der königlichen Gärten. Sie
überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach allen Seiten. Hinter Statuen und
Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.
Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er fand
die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu schreien.
Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er hatte es
nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein exaltierte. Es
geht Sterben ohne Sinn von mir aus — dachte Villon, indem er die Tür zu den
Tierställen aufbrach.
Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende
Augen an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer
Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem
Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er
behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.
Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem
Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen
sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare Signal
hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt.
Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das
Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich bis an
die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die Antilope, mit
langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am Morgen nach dem
Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter färbe und kleines
Glück sich über den Park ergieße.
Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo
sie würfelten.
Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach
dem anderen der Herauskommenden ab.
Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie schlugen
ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen Gesichts in
einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände waren feucht und
überschimmelt, es gab kein Licht.
In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein
Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der
Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise
und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein
Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen. Ihm
wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag sammelte sich
auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt, das ihn weich
dahintrieb, erfüllte ihn ganz.
Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand
ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf ließ er
die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem Kopf, worauf
die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten.
„Man interessiert sich für Sie.“
„Sie?“
„Nein . . .: man.“
Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron
und verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.
„Sie werden wohl verurteilt,“ sagte der Herzog leutselig; „obwohl es mich
ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem Grunde
aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St. Romacle?
Ja?“
Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln
über sein bebendes Gesicht.
„Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein
alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?
Villon nickte.
„Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein Frauenkloster
aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und Wein. Wollen
Sie?“
Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er
zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere, erschrak
er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er fragte sich,
ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel, tapfer und einen
großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor Freude und sagte:
„Ich kann und will.“
Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im
trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er gern
täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend, lehnte er
wieder ab.
Der Herzog stutzte.
Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: „Kerl,
dann wirst du gehängt.“
Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben.
Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er
Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr.
„. . . oder — — — aufgeknöpft,“ achselzuckte der Herzog.
An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in die
Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel er auf
die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie.
Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch er
stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die Grausamkeit
des Sterbens war gering gegen dies Gefühl.
Es gelang ihm nicht.
Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder: Ja.
Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging.
Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus seiner
Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das Dunkel
hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch schien es
ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den Wahnsinn, die schöne
Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.
Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und
Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht, daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ
er den Turm.
Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor.
Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt
verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen.
Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft hinaus,
bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt er sich an
einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter seiner Last.
Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die gründunkle
Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und fiel auf die
Erde vor Übermaß.
Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter überhell.
Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten Herrlichkeit der
Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt ihm versperrt sei. So
rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er so zerrissen dastand, ein
Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht und wildes Bartwerk. Er
wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn, daß es schallte. Aus einem
Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die leblose Gegend hinausbellte.
Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.
Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage
lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam, in
dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte, blieb er
neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen Wochen war sein
Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid umschloß den
gespannten Körper.
Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er
verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er
kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und
schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber und
Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt zurückkehre. Dann
wartete er.
Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei
entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.
Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch
wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und
Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in das
Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz. Doch
immer sei sein Herz voll Inbrunst.
Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder.
Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen
ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal.
In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.
Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil
gegen die Stadt.
Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und
festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß hineinwachse
und gleichschwingenden Strömen sich füge.
Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam
Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner
Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in sich
sog.
Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt
gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein
unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen.
So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.
Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele
Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte
sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel. Trinkend
und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser Menschen
beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die breite Sicherheit
der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm Wohlgefühl. Er schloß sich
ihnen an.
Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner
Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er
gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers
engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe.
Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen
ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der
Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra hieß,
unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte kurz den
Saal.
Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft.
Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm
Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte.
Kommenden Morgens begann er still das Werk.
Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer Woche
wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch verließ die
Stadt.
Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der
Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter
verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel
Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem
Bogen, nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an
Mansion, staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den
Schrei der Brunst und Stille der Ergebung.
Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend wie
durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk, der
Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm
feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein.
Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht.
Wohlgefühl der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel
der Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für
sich selbst.
Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein.
Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen lagen
im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen.
Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das
hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog
weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich.
Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend
das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt einem
Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen Pfahl
schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem Bereich.
Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab.
Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter
schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in die
Arena.
Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben
Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich
eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone aus
rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst. Und weil
sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen, platzte der
Bauch, dem sie entstieg.
Der König erhob sich Beifall winkend.
Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter ihm eine
der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein geprägt hatte. Es
war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten, wenn sie sprach.
Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon wegen
des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs machte
ihn wieder frei.
Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein Bein
ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er lachte.
Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.
Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm
Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend,
Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen
Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit den
Instrumenten, alle herübergebeugt.
So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle
wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der
Hölle zu reden.
In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge
neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.
Der Vorhang fiel zurück.
Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.
So sah er ihn noch einmal.
Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.
Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse
des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen.
Zwischen Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne.
Sein Herz neigte sich.
Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.
Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an
das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den Körper
von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren seinem
verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten Trompeten zu
einem ehernen Donner.
Dann neigte er auch den Kopf.
Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden.
Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl
ihn ein Ratsherr zum König.
An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und
sah die Sibylle.
„O,“ sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe.
Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre
Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das
Tuch.
Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz
dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den Mund.
Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.
„Ich fürchte mich.“
Villon lachte.
Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge
tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann
Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter Dunst
hängte sich um den Kirchturm.
„Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.“
„Nein.“
Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. „Nimm mich mit. Heirate
mich. Gib mir ein Kind.“
„Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst
eines haben.“
Villon lachte.
Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.
„Fünf Dukaten schenke ich dir.“
„Ich fürchte mich.“
„Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.“
„Ich fürchte mich.“
„Spei auf die Toten.“ Er preßte ihre Brust.
„Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du
mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .“
Er küßte sie mit geschlossenen Augen.
Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die
Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige
Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das
Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu
entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze und
den Himmel.
Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer
offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen.
Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.
Er ließ die Dukaten und den König.
Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte.
Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief, fiel
durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über seine Augen.
Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.
„Wo warst du?“ sagte Barral und lachte.
„Ich lief —“ sagte Villon.
Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal:
„Barral,“ sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn,
„ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen
Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.“
„Ja, mein Freund,“ sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.
Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten
sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie
brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben
lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als
Statuen auf allen Straßen standen.
Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich hervorbrechend,
schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich er aus der
verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn.
Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an.
Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine
über den Wald flatterten.
„Es ist ein schöner Anblick,“ sagte Villon und legte den Arm über Barrals
Schulter.
„Es ist ein Schauspiel,“ sagte Barral.
Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins
Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern, die
heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der
vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in den
Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie faßten
abends rasch einen Plan.
Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den
Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte
vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür des
Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.
Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt,
vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit Barrals
Bauch durchstieß.
Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.
Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne
Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog ihn
aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die
faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit
freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes
vorspielte: „Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .“ Die
schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und
Mond.
Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß
in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont,
Sonne und Meer.
In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er
empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor sich.
Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und sei es,
daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker ausschlug. Er
schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch tieferen Demütigungen
dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.
Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts
als Verachtung für sich.
Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß
er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen
stieß.
In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in seinem
Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine Stimme
erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: „dennoch, mein Armer,
sollst du dem Lichte dich zuführen lassen“ . . . und erwachend, die Augen weit
geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn geführt war, sich
davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der Tür.
Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf.
Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug.
Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: „Laß mich!“
Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu
wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und durchschritt
die Tür.
Aufschwingend stürzte er nach: „Warum,“ schrie er, „warum verfolgst du
mich mit Güte, — — — warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin
hilflos dagegen. Aber ich will es nicht.“
Die Tür war zu.
Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen: „Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an
deinem Tun verzweifelt mich . . .“
Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen.
Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.
Böse und zornig setzte er sich in die Ecke.
Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend wachte:
sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.
Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.
„Ich weigere mich,“ sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß. Die
Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und bestaunten
sich.
„Es ging um deinen großen Kopf,“ sagte einer und stemmte die Hände auf
die Hinterschenkel.
Villon lief wie ein Marder auf und ab: „Wer fällt dem Recht in den Arm?
Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern. Aber
es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.“
Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße.
Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund sein
Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit beiden
Armen und schluchzte in das Fell.
Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne
überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre
Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es Joi-
Novel.
„Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine
Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie
gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn.
Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den
auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein
kastilisches Pferd mit weißen Füßen.
Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.
„Ihr Name?“ fragte die Dame.
„Villon.“
„Villon . . .,“ sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich zusammen,
warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte über den
Pferdehals und ritt davon.
Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei
Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel eine
Amsel zu speisen gab.
Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber
sagte, daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.
Später traf er die Gräfin wieder im Walde.
„Warum kommen Sie nicht?“ fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem
Leder und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen.
„Was soll ich dort?“ sagte er ruhig. „Lassen Sie mich hier, wie es paßt für
mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!“
Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach
aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos.
Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu setzen.
Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog. Doch da der
Zug übermächtig war, folgte er.
Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich
dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall
schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen
blauen Rauch.
„Ich liebe das Tier nicht,“ sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies
bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen
Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen.
Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft
gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte zufriedenes
Gleichgewicht. Als er Villon sah — — und da er ihn nicht liebte und nicht haßte
— — gähnte er, um seine leidenschaftslose Billigung darzutun. Auf Festen sang
Villon Lobas Geist und Gestalt. In verschwiegenen Nächten hin und wieder
schlich er sich zu Küchen und Dienerkammern, Würfeln und Wein und
Geschwätz.
Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er
zog den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam.
Durch den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere
Bewußtsein.
Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm
vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie
erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines
Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem
Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie
herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.
Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr
Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit
gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu schieben.
An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um
sich. Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und
hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer
Lichtung kreiste ihn die Meute ein.
Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick.
Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er
das Vieh zurück und stand blutend vor Loba.
Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu
einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie lächelte ein
wenig und sagte:
„Eilen Sie zurück!“
Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den
Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden und
goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die laut die
Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem Gesicht und
strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung, daß sie ihn ins
Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an.
Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es
keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude.
Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: „Barral, hättest du
Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon — — —“
Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der
Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.
Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht
plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die Angst
seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz drängte
selig nach ihr. Er hatte Mut.
Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und
hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut goldbraun
glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür bewegte. Er sah
ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf, und ganz gefüllt mit
ihrem Bild folgte er ihr.
Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber
einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte eine
große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein scharfes
Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus Quecksilber,
Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton erhielten.
Darauf wagte er es.
Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte sie
auf den Mund.
Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und
denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon vor
sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.
Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er knallte
ihn zu Boden.
Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen.
An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte und
helle Schloß.
Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib.
Zweimal murmelte er: „Bande . . . Bande . . . — — warum, Villon, gabst du
dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin — — — —?“
Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand.
Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief:
„O Joi-Novel, wo bist du nun?“
Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine
Seele nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt
zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das
wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er
aufgerichtet das heimatliche Ufer.
Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die
Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ sie.
Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab wenig
Acht auf Monat und Jahr.
Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre
umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin
und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem Körper,
Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.
In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den
Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher Höfe
und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen Gesichter.
Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und verkommen, geldlos
die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog Ringe von Damenfingern.
Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde sitzend, lässig die
Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am Sattel, deren Kopf eine
Wölfin war.
Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle
Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. „Dein hoher Busen reizt mich,“ sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: „Provenzale!“ Doch er lachte und
wies auf ihre Brust.
Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: „Dein hoher Busen . . .“ Die
Frau wurde rot vor Zorn und schrie: „Ich verstehe dich weniger als einen Berber,
Deutschen oder Sarden.“ Jedoch nahm sie seine Hand und führte ihn in ihr Haus.
Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte, und da sie dies verstand,
entfremdeten sie sich nicht mehr.
Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den Jahren,
die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er sie manchmal,
wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau ihn zu neuem Mut
gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder feig. Einmal prügelte sie
ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere Nacht, und der Hahn schrie vor
Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das Haus.
Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen
hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.
Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller
Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die
nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren, als er
die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon und ließ
sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der unteren Viertel
schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren Zimmern, die sie
später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld und Schmuck, der
Villons Reichtum erhöhte.
Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.
Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis,
die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß
reichte.
In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und in
den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst.
Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag,
und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht, erschien es
ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich eine Klarheit des
Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er gedacht hatte, sein Leben
beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg es ihm steil und seinem Willen
und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.
Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem
gesammelten Geld und verließ die Stadt.
Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm
entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . . nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung auf das
Seither.
Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in
den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den
Zelten.
Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der
Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.
Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.
Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte. Doch
sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich sein Hirn,
aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des Landes und die
Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der Sehnsucht und
besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur sacht unter ihnen
und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin.
Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne
würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf
bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er ihm
in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im
Gottesurteil über ihm sei.
Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe.
Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß,
warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: „Du Hure.“ Doch
niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und
den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch der
sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete sich,
keine Strafe kam.
Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel
er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang
Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe,
überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch
unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.
Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die
Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.
Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des
Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach
streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven
beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht ihn
bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin, daß sie
schrie.
Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender
Gewalt. Er drehte sich.
Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten
Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des
Wegs. Er breitete die Arme hoch.
In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber.
Der Garten begoß sich mit Licht.
Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er
weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die Fürstin
eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr Bild
erlosch hinter Gebüsch.
Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der Höhe
des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die Fürstin
mitnahm.
Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze
Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des
Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel und
erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere Form,
die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn seine
Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah wie
Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von Ventadron.
Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht. Vor
dem Haus aber schrie er plötzlich:
„O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?“
Tief bestürzt sann er nach, aber im Grunde blieb nur das Bild der Herzogin.
Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht. Er kam in Trotz
und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er nicht mehr. Das Gesicht
der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände in den Haaren geringer
Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank zurück, wo er sich ganz
dagegen wehrte.
Noch war nicht seine Zeit.
So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben
verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte er
Gott und abends spie er ihn aus.
Irrend kam er nach Genua.
Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah,
empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug er
nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein wie aus
seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines Wüstlings, den er kannte,
Namen trug, und fuhr nach Marseille.
Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches Land.
Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus. Er
beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung ab, die er
trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten Rindlederschuhen und
nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um ihm nicht über zu sein
im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging alle zweideutige Fracht:
Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen Unterschied. Er begann zu
schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er Bücklinge vor jedermann.
Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden nannten ihn den drohenden
Finger.
Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba,
doch sie erkannte ihn nicht.
Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte
kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die
Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an, er
solle sich beeilen.
Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er sie
von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte vergnügt an ein
schmales baskisches Mädchen, das jung war und in vorgeschriebenen Zeiten ihn
besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis ab und ging grinsend vor
Wonne und Rache.
Im Park murmelte er einmal: „Joi-Novel.“
An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend
löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er
folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem Verdeck,
begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang hingekniet
neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in das Wasser.
Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines kleinen Kindes, der
wieder auftauchte aus dem Wasser, — und sich schüttelnd sprang er nach und
holte es heraus.
Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße
Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend, milder
werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin.
Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.
Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk Carcassonne,
wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf Schloß Gaillac,
und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß Fanjau.
Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit
weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast
stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die
Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser
zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.
Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den
Titel eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen,
Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen.
Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald die
Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich her, indem
er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser überhäufte ihn mit
Nachsicht und Gnade.
Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er
Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste
Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen. Für die
Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger füllte er mit
Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten Abenden der
flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ.
Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.
Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn,
Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner Kavalkaden ritt.
Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb
ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar
mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb, war,
wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich führte aus
einer unbekannten Dunkelheit her.
Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.
Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin.
So kam er nach Paris.
Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten der
Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt.
Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der
Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.
Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter
heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung erfüllte
den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um.
Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab
ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den Orden
des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos. Doch er traf
keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und dennoch durch die
fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke, Schilder, Räume ins
Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst vergehend hinaus.
Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.
Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm.
In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch den
Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die ganze
Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm und,
vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben mußte.
Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm
und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs, dachte,
schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel und
Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen und
Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte er in
den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter grauer
Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen, müden Auges,
fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.
Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag.
Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der
weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war
klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.
Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem
Ende zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die,
der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche
teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich
Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in die
Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen
Instinkt.
Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit
vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken Hand.
Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über
die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel
schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand
herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg,
umgrub die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen
den Hügel hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere,
Körner vor sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere
Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von dem
niemand wußte, woher er kam.
In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit
langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die
braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß
eine Kröte unter dem Holunder.
Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.
Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen
die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später
durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit
satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder
ausspie.
Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden.
Der Abt sprach ihn ohne Buße frei.
Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: „Ich stahl den
Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,“ sagte er und wies hinüber nach den
weißen Mauern.
Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen.
Da brüllte Villon: „Strafe mich!“ und trommelte die Fäuste auf die Brust. Der
Abt verneinte lächelnd.
„Warum?“
„Du hast den guten Willen,“ sagte der alte Mann kühl.
Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die Augenbrauen
gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.
Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum
Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof
durchqueren.
Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er
begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie.
Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre
Haare waren weiß. Es war die Herzogin.
Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum
von ihm nahm.
Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht
aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor.
Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja —
schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich ein und
sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach einiger
Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither.
Er floh nicht.
Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen
Kloster. Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten,
erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen.
Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte,
zurückzukehren. „Weiber und Löwen brüllen nach dir,“ schrie er hinauf nach
Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: „Gib
ihnen Fressen“ und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der
Hand.
Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein
Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die
Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das
Zimmer der Priorin.
Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige
Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen.
Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land, saßen
sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er grub.
Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen
seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen und
verschwanden. Sie wußten ihr Ziel.
Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen.
Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende
Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.
Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er
löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der Taube
um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor eisiger Kälte,
einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden gestreift.
Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte,
Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses
Gefühls überträfe.
Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin
zu verhandeln um eine Orgel. „Es ist dein Fach,“ sagte er und wandte sich zu
den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht.“
Da drehte sich der Abt zurück und sagte klar: „Du sollst.“
Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die dröhnte,
daß Villon nachgebend sich beugte und ging.
Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer Hand
sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf der anderen
Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.
Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn
und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan,
aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus
der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte unter
seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein Augenblick der
Jugend. Und er sagte:
„Als Kind, wie ich Psalter sang . . .“
Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den
Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die Luft.
Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das
Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.
Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.
Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein aus
dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in
weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters. Als
die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an den
Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb Nacht und
Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.
Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und
sah die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde
Abend!
Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter trugen
ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor ihn.
Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung. Er
dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.
Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer
Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der Bückenden
bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und straff vom
Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon einsog und
rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er den Kopf. Aber in
der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut angeschwollen und warf
sich bäumend auf.
Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: „Der Tod der Herzogin
. . . der Tod der Herzogin . . .“ Allein die Worte waren ohne Klang. Sein Schmerz
war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht auf. Er
preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf, daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der Weihrauch, der
schreiende Tod.
Aber es war nicht stark genug.
Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an
das keiner Frau.
In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er
ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie
rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die Gurgel wies.
Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor
Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick um
das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete so
auf den Tod.
Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr verzweifelt,
und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die Befangenheit und
stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf und trat ein. Der offene
Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder Mönch hielt die Vigilie.
Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng hinaus.
Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.
Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: „Du mußt elend sein,“
sagte er.
Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich aufheulend
wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.
Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht.
Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er:
„Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein,
diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann
es sein?“ Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf den
Boden.
„Du hast die Inbrunst,“ sagte der Mönch.
„Sie hilft nicht durch,“ schrie Villon im letzten Zorn sich entgegenstemmend:
„Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte sie mit gleichem
stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich an, aber ich stahl
und tötete.“
„Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,“ sagte der Mönch.
Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich unten
umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine Kutte
schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen Rippen
der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten die
Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er
begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche
sich die Echos blendend zerschlugen.
Es hieß aber, was er sagte: „Fast hast du Gott erreicht.“
Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: „Du hast recht, aber ich will nicht
mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott erkämpfen, gelingt
mir nicht. Du weißt es, wenn du mich kennst. Gott soll zu mir kommen, denn er
kann über mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott soll sich entwickeln in mir, bis
er reif ist. Ich will ihn nicht stören und verhindern, nicht in der Andacht, nicht im
Gemeinen. Die Dinge sollen laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut.
Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.“
Und auch der große Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich
gleiten zu lassen befahl, schien ihm, über das Blut und seine Gesetze hinaus, in
diesem Sinne beschlossen zu sein.
Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz über die Brust. Dann
nahm er Öl und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen.
Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts.
Diesen Ort verließ er. Hier lebte es sich nicht länger.
Er ging durch den frühen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Fluß.
Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris,
so hob er ihn rückwärts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und
Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem großen Abschluß geführt,
darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war.
Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lüstern
mehr war.
Er schob den Blick nach vorn.
Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stieß er die Ruder in das
Wasser und fuhr — — — damit das Leben sich weiterhin über ihn stürze,
solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; daß ein Bauer ihn, buhlend, hinter
einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen wie Elias
in den brennenden Himmel reiße. Denn dies alles, was sich noch vor den
endlichen Abschluß schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am Ziel. Es war
kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine Neugier auf das
Ende.