Timur

Kasimir Edschmid · Kapitel 3 von 3

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Timur

Der Bezwinger

Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut

fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine erste Jagd.

Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim Hadschi berlas

salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten am Fluß spielte

er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß sie an, schwamm durch

den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt einen Wirbel durch die

Landschaft Kesch.

Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab

verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er zusammengezogen

und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das Haus, aus dessen

Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs sich zu mit einem

Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte Spione um sein Zelt,

die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses Oheims. Sie lobten seine

Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft seiner Lenden. Stets

beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten sie keine Änderung des

Gesichts zu melden, das größer nur und undurchsichtiger sich zusammenschloß.

Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi

berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang. Der

fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der Dolch des

Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie, Hadschi berlas

blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die Posten deckten außen

die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind die Augen vor Angst,

durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der Wächter den Dolch in die

Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie ein Emir, erkennend, daß

Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und ihn nicht findend, er sei der

Tote.

Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine

Veränderung.

Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den

Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine seidene

Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.

Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe.

Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die

Lauernden vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer

ruhigen Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und

ging schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten,

trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei, die

Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er, bis er eine Lampe sah.

Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem

Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine Lanze.

Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß er sie der Frau

durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in den Hals des Oheims,

die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau dazunehmend, erstieg er einen

Turm, ließ die eisernen Rasseln sich knirschend drehen und stellte sich auf die

Galerie.

Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und

rief sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die

Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen.

Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die

Stadt ihm zu: „Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.“

Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft,

schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die

Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen

Chan. Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den

Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil.

Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit der

Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner Beischläferinnen

schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir dieser Landschaft

zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein Haus hinein neben die

Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte die Fahne der Macht vor

die Tür.

Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den

Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.

Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.

Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben

sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab,

erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten brachten.

Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts.

In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten.

Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt,

zwei Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren

unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen

sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da brach

die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der Pferde, verwirrt

in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald an die Äste.

Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um

Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie

schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des

Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer

Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang,

schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von den

Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab und

gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner achtete. Er

hinkte und bewegte die linke Hand nicht. Er ließ mit siebzig aufgestellten

Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er einen abgeleiteten

Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte in die Ebene. Sie

schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab der Feldherr sein Amt

ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die Mitte der Schläfen

saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel feuerte.

Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den

Steppen, zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die

Reiter trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit

Kindern und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die

Geten zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den

Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte das

Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen in die

Kniehöhle und warfen sie in die Sonne.

Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie

machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten

täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.

Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die

Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen seine

Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers wechselte der

Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser. Axalla führte

die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und trieben Pferde

zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla mit Gebeten.

Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der Überfälle. Axalla sagte:

„Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein Aussehen ist besser als deine

Frage,“ und ließ ihn hinausführen.

Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt.

Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür.

Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund

brausend auf: „Teile das Heer.“

Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:

„Wer bist du?“

„Genug, dich zurechtzuweisen.“

Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor

dem Unterführer, aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr als

zwei Köpfe größer als er.

Er öffnete wieder den Mund: „Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.“

Da schlug Axalla schäumend auf die Trommel, Wachen führten den Mann,

gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und aß weiter.

Am Abend öffnete sich das Zelttuch unter einer drängenden Schulter. Der

Unterführer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei.

Axalla fuhr an den Dolch.

Aber der Eingetretene sagte: „Bekümmere dich nicht. Ich könnte dich

zwingen, denn deine Macht geht nicht über mich,“ und er wies, die Zähne

fauchend, die gelösten Arme. „Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum rate

ich nur. Teile die Geschwader.“

„Wer bist du?“, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch

schon zusammen.

Am Morgen schied Axalla das Heer.

Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rücken,

die die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie

zusammen.

Axalla sah den Unterführer nie wieder. Die zwei Säulen der Geschwader

lockerten sich. Georgien wurde überrannt. In einem Halbkreis stießen die

Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der

Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstöcke aus und setzten die Männer auf die

Stäbe. Über Georgien wälzten sie eine Flamme, die die Städte erstickte und die

Reisfelder fraß. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender Hufe.

Sie ritten, eine lange glänzende Masse, durch die Engpässe am Rand des

Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie sägten

einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg nachts auf

mit den Zähnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die Weiber auf den

Sätteln und verließen die Pferde nicht.

Ein einziger Wink holte sie alle zurück.

Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier

Winden gegen Samarkand zurück. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander

antrabten. Ein Schneesturm überfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der Stadt,

sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf Stunden.

Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene.

In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen tausendfach gegen das Haus schleudernd.

Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten löste sich da ein einfacher

Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf. Er hinkte und konnte die linke

Hand nicht gebrauchen, zwei Köpfe höher als alle.

Da erkannten ihn alle plötzlich. Sie schrien: „Timur Chan“ und warfen sich

auf den Bauch brüllend vor Wonne. Er stand auf und stieß den Finger nach

diesem und jenem: „Dich kenne ich . . . dich kenne ich.“

Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham,

aber er ließ ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken.

So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts.

Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare.

Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die

Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mühe, die Hände

reichten nicht aus.

Timur sagte: „Was ist es . . .“ und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis

auf den Tisch.

Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur

Nacht. Später rief Yakou heraus, daß sie Guines hereinführten; er erschien, aus

dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf sich

auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grüßte ihn. Guines schrieb

die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fraß die Nägel

seiner Hand.

Timur änderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht

noch schlugen sie Pflöcke ein. Tausend Unterführer wurden in die Sonne hinein

gepflockt. Der Fürst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache Tataren rückten

an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren berauscht am Abend

vom Anfang der Stadtgärten bis wo das Auge das Ende der Ebene faßte.

Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel.

Timur hielt Abrechnung über zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefaßt

entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt hatte.

Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wälzten sich einzelne heraus, auf

dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er hatte nur einen

Wink.

Monate hindurch ordneten die Führer. Timur schickte einen Vortrupp gegen

die Grenzen. Er blieb einen Monat länger als ein halbes Jahr, das er ihm gesetzt.

Der Führer sagte: „Wir konnten nicht rascher als der Wind.“ Timur griff in den

Bauch ihrer Pferde, fühlte Fett zwischen zwei Fingern und ließ sie enthaupten.

Dann zog er gegen Moscow.

Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie wußten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war

dreimal größer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung. Der

Fürst von Tanais zog einen Bogen nach rückwärts ab, als es noch dunkelte. Am

Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hügel, an den die Feinde sich

lehnten.

Brüllend rückten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flügel entgegen und trennte

ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den

Massen, sie erkannten ihre Flügel nicht mehr. Ungarische Reiter der Moscower

durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas.

Da brach ein weißer Glanz auf dem Hügel auf. Der Fürst von Tanais bohrte in

die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen stählerne

Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde wie

in Faschinenkörbe. Klatschend spickten sie die hellen Bäuche.

Die weiße Flut vom Hügel schoß tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach

Timur zurück, die nackten Säbel zerhieben die Flanke der Brüllenden. Die Ebene

dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Säbel in die linke Hand und

schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang müßten sie

Scharten aus den Säbeln schleifen. Timur sah zu.

Axalla wälzte einen Haufen Gefangener heran.

Er zog einen Bogen mit der Hand: „Sklaven“.

Timur schüttelte den Kopf:

„Du hast zuviel jüdisches Blut, Axalla.“

Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das

Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und schoß

nach einem Moscowerfürsten. Der Pfeil flog in seine Hüfte, sein Pferd machte

einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand auf dem

Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er:

„Blutiger Hund“ . . .

Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schuß

um sich selbst.

Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lächeln.

Sie schlachteten stundenlang des Abends.

In der Frühe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein

Roß und jagte los. Hinter ihm, daß sie die Spitze seiner Mütze über den Staub

noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten über den flachen Hügel, der

sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stieß, und über ihn hinaus in Tag und

Nacht. Fünf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten Chinas. Beobachtet

stündlich erreichten sie wenige Wochen darauf Juen-min-Juen.

Sie nächteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den Palast führte, ein Zelt mit unendlichen Gemächern, größer als Samarkand.

Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Führern, in einen Saal.

Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten. Der Hof

stand um einen Pavillon aus Gold. Gedämpfte Musik, feierlich, und entfernte

Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der König stand hinter

einem Schirm.

Plötzlich stoben alle Musikanten in die höchste Harmonie ihrer Instrumente,

der Hof lag gefällt auf dem Bauch, über erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn,

stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein Ju-schi in

weißlichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen.

Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst

vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Händen der

Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund.

„Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber

außerdem Pässe am Fluß Tachij.“ Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem

Fuß hüpfend, das Ju-schi auf der Hand.

Der König verlor keinen Strahl Würde aus seinem Gesicht. Er ließ die vor

Schreck eingehakte Musik ausklingen und ließ dem Sohn Yakous, indem ein

Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Güte sei es gewesen, daß er seither das

kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel gezogen.

Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten

Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den König.

Sie trabten zurück, verließen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und

drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blähten sich aus

den Pferdeweichen.

„Sind es die gleichen Pferde?“ fragte Timur.

„Die gleichen,“ sagte Zeinabdeddin.

Timur ließ sich eine Fontäne bauen von gefangenen persischen Künstlern.

Die Abende wanderte er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall des

Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch

zurück zwischen die Schultern.

Im Frühjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit

fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, stürzten zusammen, sie trabten,

die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich aus Westen in

der Wüste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader, breite Schenkel

bogen sich um klopfende Bäuche. Pferdehälse strotzten von jagendem Blut. Sie

hatten den Wind im Rücken und schwiegen. Sie stauten sich in den Hordas von

Baschir.

Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos, Bogen über den Rücken, über das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden

Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wälzten die Steppen blank. Die Weiber auf

den Sätteln, schienen sie, zweiköpfig in der Dämmerung reitend, gegliedert bis

ins Unsichtbare. Ihre Gäule wuchsen mit wiehernden Hälsen in den Himmel

hinein.

Über gelben glühenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die

chinesische Mauer, die nackt und weiß vor dem Horizont hinstrich.

Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Pässe und stürmten in

chinesische Rücken. Vor den Angreifern glühte die Mauer vor Sonne, die Hufe

der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von Pfeilen. Ein

Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von Flitschpfeilen, so

zerrissen in die Luft, daß kein Rest des Körpers übrigblieb. Über die Mauer

rennend, durchschwammen sie einen Strom und rieben die anziehenden Heere

auf in einem heißen Tag.

Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er den

gefangenen König haben wolle, „es hat Zeit,“ sagte Timur und ritt. Es war eine

Nacht voll Hitze, und die Körper faulten schon auf der Sandsteppe. Der Mond

fehlte.

Über den weithin getürmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine

Helligkeit wie Gas, ein grünliches Weben, das sich zäh an den Boden klammerte,

als ob es nicht sich heben könne. „Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,“

sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht.

Sein Auge trat groß und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der

Wölbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem

halben Bogen und der mit Gestirn dünn übergossene Horizont.

Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing

verdorrt um einen Zügel gehakt.

Sie ritten über einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus,

ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen

stieß an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen.

Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick

vorüber. Sie ritten näher an den Platz und trabten hinein.

Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnüren, in bronzenen Krügen

standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten.

In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fünf Kreise

geteilt, auf dem Rasen die fünf Frauenlager des Königs, in der Mitte jedes

Trupps eine Königin. An einen Ast gelehnt stand Axalla träumerisch mit halb

geschlossenen Augen und wachte, daß kein Mann Timurs beste Beute packte.

Timur ließ sich die Lieblingsfrau zeigen.

Er schleifte ein Bein nach, die Hüften wiegend in torklem Reitergang, schritt

er dicht vor sie, „du heißt?“ fauchte er.

„Miser Ulek,“ sagte sie und fiel nicht nieder.

Er ließ seinen Kopf bis auf die Berührung der Haut vor den ihrigen

schweben. Sein Geruch strömte über sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig, aber

die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen.

„Du hast den König getrieben zu dem Zug gegen mich.“

Sie fletschte die Zähne.

Laut stieß ihr Timur ins Gesicht „warum . . .“, aber, nicht zitternd vor dem

Rollen, gab sie zurück: „Er sollte herrschen über dich“.

Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen

tanzten kleine weiße Blasen, sie legte den Kopf schräg.

Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Haß.

Er ließ ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: „Dein Lager

kann in mein Frauenhaus geführt werden. Ich nehme dich als fünfte große Frau.

Du sollst später die Residenz dieser neuen Provinz haben.“

Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand

ruhig, während ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die Hände

hoch, stieß die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das Haupt

zurück, auf seine Füße und biß sie vor Lust.

Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hüften davon, sie war eine

Kurdistane von kleinem Fuß.

Timurs Auge wölbte sich in die Braue zurück. Sie ritten über das

Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und

rissen die Ringe aus den Ohren.

Gegen Morgen kamen sie an das Zelt.

Timur schlief jedoch nicht.

Nach einer Stunde öffneten Hände außen den inneren Vorhang, der

chinesische König trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand,

aufgestanden, ihm gegenüber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der

Gefangene das Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder.

Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann:

„Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von

zwölf Jahren durchlaufen . . .“

Timur deutete auf den Pfühl.

Der König schüttelte den Kopf:

„. . . ich war der glücklichste König. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte Ruhe.

Du scheinst glücklicher als ich.“

Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen die

Äpfel breit aus den Höhlen und stierten in Nichtbegrenztes:

„Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hängen so viele Dinge an mir, die ich

zusammenraffte, daß sie schon in meinem Schlaf sich lösen. Sie fallen

auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist mehr

Qual als du ahnst, kleiner König.“

Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm

gegenüberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick, verwöhnt

von Frauen und trotzig auf seine Jahre.

Der König trat mit dem Fuß zurück, hob den Kopf und sagte wie in die Stille

redend:

„Ich ließ in zweihundert Städten Priester um die Feuer der Sonne gehen und

kupferne Pauken schlagen, daß ich siege. Ich tat es nicht.“

Er trat nun, das Gesicht umändernd, wieder vor und sah lächelnd zu Timur:

„Was beweist es?“

Und: „Was beweist es . . .?“ warf dieser ihm in den Mund zurück.

„Nichts für dich,“ sagte der König, auf jedem Wort ruhend, „aber zwei

Dinge: Daß dein Sieg ein Irrtum ist und falsch — oder daß die Bestimmung des

Gottes in mir ist, daß ich mich neige zur Prüfung.“

Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brüllte: „Nein. Schwächling.“

Seine Stimme rollte durch das Zelt, daß die Vorhänge flogen.

Der König aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht.

Dann sagte er: „Du leidest unter deinem Tun. Warum?“

Timur antwortete kalt, die größte Dienstbarkeit, die so hohe Häupter wie er

mit Gott hätten, sei, daß kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle, borge

er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine Bestimmung,

in so großen Kriegen zu sein.

„Woher weißt du das?“

Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut stürzte in sein Gesicht,

daß es strahlte durch die Dämmerung des Zeltes:

„Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.“

Nun senkte der König den Kopf. Er stand zitternd. Bleich.

Dann fragte er: „Wer bist du, der du so hoch dich türmst?“

„Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.“

Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner

Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf.

Ein Beben überlief den König kurz.

Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf

die Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke auf

seine Brust.

Timur nickte kurz.

Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers

noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners zeigte,

er lächelte und hob ihn auf.

Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte

ihn auf den Mund.

Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte

die Portiere, sie zu öffnen.

„Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem

Menschen,“ sagte Timur verhalten.

Über die Schulter lächelnd antwortete der König: „Fürchte nicht, daß der

Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.“

Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des

halben Mondes hing vor ihnen.

Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten

an. Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine

Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und

zerhieben ihn.

Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete

nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus den

zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog die Hände

aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte die trübe Sonne

über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den Leichnam, ohne zu fallen. Ihr

Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur, hielt eine Weile, öffnete den Mund

mit einem leisen Ton und rief dann:

„Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.“ So blieb sie stehen, zunen

Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.

Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: „Die Krone

des Glücks fiel von seinem Haupt.“ Sie legte die Hände rund aneinander und

preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die Chinesin,

deren gebrochener Blick sie nicht empfand.

Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf.

Er maß die beiden einige Zeit.

Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.

Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus

seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek.

Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten. Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in Orgien.

Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor Hitze und

Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum Schlachten, und

sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit, bis ihnen die Mägen

platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla und Yakou erhielten

chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten überschwemmt von Stoff,

Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.

Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines

Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige.

Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst von

Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte:

„Nimm die Leitung, Ssasijeddin.“ Da erhob sich Timur und verwies es ihm, auch

wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen Mann

nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring.

An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer

Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum

Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu

antworten.

Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie ritten

weiter.

In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber dieser

entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: „Gift.“ Da weinte Miser Ulek,

umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es blieb in der Haut.

Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu nehmen und in das

seiner Töchter zu führen.

Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die

Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten:

Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur

einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad

übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen

leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme

wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen Saal.

Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert

Beischläferinnen hinter ihr.

In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie an

das Frauenhaus Zeinabdeddins.

Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben.

Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall

seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf zurück zwischen die Schultern . . .

Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei

Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen.

Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.

Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See.

Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In der

Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den Leoparden,

doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins Kreuz schoß, er

wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd, das bäumte. Sie hob sich

gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die Pupillen erloschen. Geschlossenen

Auges, grau im Gesicht, sagte sie: „Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.“

Timur spannte den Bogen auf sie.

Sie sah ihn an: „Ich warne zweimal.“ Er schüttelte sich in kaltem Gelächter.

Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe

sitzend, sagte sie in halbem Ton: „Du fällst noch heut in Unglück an einer

weißen Stute.“ Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann sagte

er:

„Geh zurück in das Haus meiner Töchter.“

Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner

Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie.

Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous

Sohn. Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der

Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch Timurs

Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff in den fetten

Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie auf die Erde mit

einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann sah er sich nach

Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. „Es ist nicht deine

Schuld,“ sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: „Du bist bewährt.“

Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China,

die ihn Jahre entfernte.

Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich

zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem

geviereckten Holz kurz aufblickend: „Komme wieder.“ Sie kam mit jungen

Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden

Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend, zerdrückte er

eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn. Er achtete sie nicht,

sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:

„Wie lange hast du das zweite Gesicht?“

„Immer.“

„Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?“

Sie nickte.

„Miser Ulek sprach dagegen?“

„Sprach dagegen.“

Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick.

Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine

Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: „Warum

warnst du mich?“

„Ich muß.“

Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.

Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: „Ich muß. Es ist

genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,“ und langsam weinten ihre Augen über die

Wangen.

„Nein,“ sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der

nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.

Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf

glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn

wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.

Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen

Pfühl, und er nahm sie mit.

Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet,

zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau auf

dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit Eisenspitzen,

entkam er wie eine wilde Sau stiebend.

Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: „Du siegtest wieder nicht.“ Sie

sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer

Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so ruhig.

„Es ist noch nicht das Ende,“ sagte er.

Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen,

er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus der

Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die

Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum

zweitenmal den Zug.

Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete

Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer Sturm

um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er Willen

aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind.

Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ

ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen.

Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: „Was sagtest du

Schlechtes? Es gelang.“

Sie lächelte: „Das Blut steht dir überm Mund. Du darfst nicht weiter.“

Aber sein Kopf barst vor Plänen:

„Gelbe Mücke, was hält mich auf?“ Und er schlug mit der Hand in die Luft.

Aber unerschüttert im Lächeln sagte sie: „Ich.“

Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er ließ es und schickte sie weg. Er

ging zur Fontäne, umkreiste sie und ließ die Chinesin wieder holen:

„Ich war stärker als deine Voraussage,“ er hob die Stimme, doch sie blieb

dumpf.

„Ja,“ sagte sie, „du hast mein Gesicht überschritten, aber ein Pfeil steht auf

deine Stirn gezückt. Hier ist das Ende.“

„Wann?“ schrie Timur und lachte wie ein Pferd.

Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Stoß sich aufwerfend wie aus Kratern,

zischte sie: „. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan.“ — Dann sank sie auf

den Boden, ausgelöscht von Ohnmacht.

Dies war über ein Jahr.

Beim Tisch der Feldherren legte Timur plötzlich die Regierung auf das Haupt

Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht.

Die Nacht sprach er mit Guines.

Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die

ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: „Glaubst du an

mich?“ Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in die Knie.

„Ja,“ stöhnte er. Timur lächelte.

Am Morgen verließ ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als säßen Geister in

seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft, ausschlagend. Der

Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie sich im Kreise.

Die Hufe gingen durch Tage und Nächte in gleichem Aufschlag über der Steppe,

der Reiter zählte den Aufschlag, so ritten sie.

An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif

waren vor Schweiß, warf sie in die Sonne und stürzte in das Wasser. Der Gaul

soff keuchend mit den roten Nüstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah in den

Himmel, lachte, brüllte, schwieg, übte sich im Scheibenwerfen und Jagen und

zwang einen Vorüberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die Dunkelheit.

Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weißer Schaum flockte aus den

mahlenden Kiefern des Tieres.

Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wälder von

Aprikosen und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er schoß ihn. Speisend

traf er Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Geräten in Gärten und Hainen. Ihre Frauen

waren spitzbrüstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen.

Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht

kroch die Frau eines Führers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die Nacht

noch löste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten glänzend

in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren Gurgel. Der

riß einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rücken, daß er die Hände

in die Luft krallte und verzuckte.

Der Tatar ließ die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf seinem

Sattel lebte acht Sonnenaufgänge und Mondsicheln lang die spitzbrüstige Frau,

bis er sie einer anderen Jurte ließ.

In der Nähe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des

zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Münzen und ritt geschmückt in die

Stadt. Auf den Straßen erhob sich Aufsehen über ihn, die Chinesen lachten,

lachten über die Hosen, aus denen Schweiß rann und die Kette an seinen Ohren

aus Smaragden.

Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich schlafen.

In der Nacht entriß ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter drohenden

Gesichtern, griff den Knopf einer Tür, lief dem Dieb, im Hemd gekleidet, nach,

erschlug ihn auf der Straße, kehrte zurück und legte sich nieder. Das Murren

einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend, fehlte ihm nichts,

aber er war allein.

Der Tatar überkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an den

Rand der Wüste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen, die

am Tag Bilsenkraut pflückten, in Angst vor Löwen und Panthern ersterbend,

deren Gebrüll nachts in tobenden Wellen über die Gegend jagte.

Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den

Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei Tage

berauschte.

Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd,

trabte in die Wüste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang schlafend

überstürzten ihn Träume von Schlachten und Weibern. Fiebernd schrie er, daß

sein Gebrüll das der Tiere überschäumte. Ströme schlugen aus seinem

berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Löwen prallten zurück und Panther

winselten vor Wut.

Erwacht, durcheilte er die große Ebene bis zu einem rötlichen Gebirg. In der

Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender Treppen,

wie eine Leiter steil und glänzend von Rot. Die Menschen der Dörfer wiesen

ihm Pfade, die um das Gebirge führten und sagten ihm, daß bei den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Fluß werfe und zerschlage.

Er stieg die Treppen und fiel nicht.

Oben, wo der Wirbel weißlich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an den

Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer stand er

in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn herumriß, daß die

Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter fließendem Wasser.

Zurücktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer

kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die Blicke

begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm und riß die

Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, daß es hielte, und schleifte ein

Stück.

„Was willst du?“

„Dich.“

„Woher kommst du?“

„Ich suche dich.“

Sie blieben hier.

Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. Über die Ebene

wellte sich blonder Weizen. Trauben überspannten die Pavillons.

„Es ist gut, so zu leben,“ sagte nach Tagen die Chinesin.

Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel,

weiße Flammen, spannten.

Der Tatar lachte: „Auf kurze Ruhe.“

Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vögel tanzten durch die Pfützen im Kies

nach blitzendem Regen.

Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den Pistazien

des Gartens stehend: „Du darfst nicht weiter,“ und schloß zum erstenmal wieder

die Augen.

Da griff er aus dem Gebüsch eine grüne Schlange, hielt sie an die Zunge, die

ihr Zahn sofort durchstieß. „Wo ist das Stärkere? Ich suche es die ganze Zeit.“

Die Zunge schwoll, gebläht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und füllte

am Ende den Mund an, daß kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf

begann, bläulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und stemmte

sie zurück.

Seine Augen stiegen aus den Höhlen, es schien einen Augenblick, als sauge

er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schuß Blut in seinen Kopf,

und abgetötet lief die Schwellung ab.

In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, während der

Duft der Gärten sich über die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hörte nicht auf sie

und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel dem Schlaf.

Auf der Veranda dann zog sich ein Geräusch durch die Klettertrauben. Der

Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel

durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel

zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren.

Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das helle

Kleid über ihre festen gelben Brüste, auf denen die lakierten schwarzen Warzen

saßen, und zog sie in seine Umarmung.

„Ich liebe dich,“ stammelte die Chinesin ersterbend: „Ich liebe dich zu sehr.“

Die Hufschläge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus

dem Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte,

den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren.

Der Tatar ritt durch die unendlichen Gärten der Birnen und Granatäpfel,

durch die Dörfer und die Städte. Eine Dunstwolke umhüllte ihn, sein Pferd

rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes

Haar verfilzt hing ihm um das wüste Gesicht.

Am Abhang eines Bergstocks hing auf übergeneigtem Gestein eine Stadt.

Zwei Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, ließen sie ihn

ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung der

Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straßenräubern. Der Tatar trank mit ihnen und

schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht.

Ausrückend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog.

Sie plünderten sie aus. Der Tatar ließ den Führern die Augen ausstechen und

sandte sie zurück zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurück, wo sie

geblendet worden seien.

Sie kamen wieder, Yakou wütend bei ihnen mit einem Heer. Die Räuber

warfen sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der große Tatar unter

ihnen nahm die Verteidigung in die Hand.

In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den

Mauern, bauten große Bogen, pfählten die Köpfe und pfeilten sie den Tataren

hinunter in ihr Lager.

Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und

schoß im selben Abzug wie Yakou, daß die Granitblöcke sich knirschend in der

Luft trafen und zermalmten.

Yakou ließ säumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die

Felswand, die Stadt zu unterhöhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte,

warfen die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom schoß

rauschend aus dem Felsen und spülte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus

dem sie mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen.

Ein Geschwaderführer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem aus einem zugehängten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf

sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde

hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein.

Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um.

Die Stimme hinter dem Vorhang rief:

„Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gruß . . .“

„Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.“

„Ein Gefangener.“

„Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich bin

nur einer.“

„Prahle nicht.“

„Du bist ein Tatar. Verräterei machte dich groß. Ich war treu.“

„Ich hau dich entzwei.“

„Mach es kurz,“ sagte Yakou stolz und riß die Brust auf.

Der Vorhang schwankte unter einer dürren Hand, die hakend zog

sekundenlang. Dann fiel er.

Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht.

Yakou fiel in die Knie: „Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.“

Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren eindrängen

und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun daran. Timur saß

zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er, umschwenkend, zu Yakou:

„Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr hättet mich erreicht?“

Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen

lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das

Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten das

Geschrei, das sei der Chan.

Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die

erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die

Kleider.

Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden

Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine Frau,

sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen jubelnden

Geheuls wogte.

Timur hielt sein Pferd.

Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete

sich groß auf.

Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.

Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer

gewaltiger anzog. Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan.

Die Zeit war um.

Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs

Stirn und fiel von ihr nieder.

Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen.

Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine Schenkel

umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen Bewegung die

Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs wie ein Fels.

Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den Pfeil

deutend, leis:

„Gebt ihn ihr.“

Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die

Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel

bleich um, ohne Ton.

. . . Timur trabte auf Samarkand.

Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu töten,

ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig überstreichen und

barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen. Am gleichen Tage,

wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der bepfauten Tiara erhob,

gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins verbannende Mission.

Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner

Pläne.

Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig

geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der

Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen

Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.

Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch die

Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen

geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine

Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und

Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit blänkernden

Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie raubten die

türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des Propheten durch

Keulenschläge zum Martyrium.

Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die

sich erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie

ritten.

Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er

gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm

Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach

Monaten sich schloß.

Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte als

die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.

Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien.

Miser Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß,

geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und

bat Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein. Sie

wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich auch

tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu sagen,

daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag durch

aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.

„Du bist stolz,“ sagte einer der Turkmanen.

Timur sagte: „Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu sagen.“

Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit.

Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten

die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt.

Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein Unterhändler

ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen Feldherren

machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader Tataren

zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den Einwohnern

selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre Toten zu speisen,

Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen,

deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur:

„Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.“

„Ich weiß es zu belohnen,“ sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind

des Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks,

dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und brach

ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in den

Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der Hand, daß

er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte lächelnd aus seiner

Jugend hinaus in die Gruft.

Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre

gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl

siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch den

Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander.

Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin

stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust.

Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch die

Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.

Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall

Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte der

drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er erstaunt

stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm Keser den

abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße.

Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit

Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt.

In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend,

noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam

eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer

Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der Stirn

und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die Chinesin, die neben

ihm stand, duckte sich schreiend nieder.

Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn

gegen Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines

Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je

mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße Wolke,

in den Hain zurückschlug.

Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den

Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: „. . . genug,

genug . . .“ und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle und sie sagte,

weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über sie hin. Hinter ihnen

standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht wie ein Segel flüsterte

sie: „Preis für feige Offiziere, heulende Maus“. Aber Timur schüttelte die

filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg.

Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen.

Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er, seine

Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:

„Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?“

Ihre Lippen formten „zu viel“, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine

ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte Zeichen,

und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe zurückzuwerfen über

ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach.

Sie schwieg.

Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der

Mond.

In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht.

Ein Bote wurde in das Zelt geführt.

Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und

kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte ihm

ein Pferd.

Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte.

„Ich werde das Geschenk in Ehren halten,“ sagte der Feldherr.

Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:

„Ich lösche es morgen wieder aus.“

Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des

Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger als die

Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend über

Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den Gärten am

Meer.

Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre

Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie

Satteldecken. Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule.

Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem

Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten vor das

Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und Musikanten

trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche.

Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal

lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die

hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben.

Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in

seinem Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach

die Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die

Haare verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die

Wand kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den

Teppichen lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster,

sang eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.

Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den

sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum Verweilen,

am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen.

„Ich habe eine halbe Stunde für dich,“ sagte er. „Was hast du getan in der

Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen, welche

Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte gesprengt . . . Hast

du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche Heere hast du geordnet,

Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit für dich ist knapp, sie soll

gerecht sein.“

Der Sohn schlug die Augen nieder.

„Nichts,“ sagte Timur. „Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich

gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze

erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt wie

ein Grieche.“

Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:

„Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht

tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?“

„Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.“ Timur trat herabgebückt vor zu

dem in den Hüften Schaukelnden: „Gut. Aber . . .“ er zog den Mund zusammen,

daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen aus

dem Innern stieg:

„. . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts

gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der Seele?

Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche Zacken

der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich muß es

vergießen, um daran zu steigen wie keiner.“

Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich

der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die Wüste

Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches Kinderauge

lauerte.

Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.

Dann öffnete er das Zelttuch und sagte:

„Das wäre die Strafe, weil du unnütz lebtest. Aber weißt du, daß du nicht

mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, daß ich dir dies sagte . . .“ Der

Jüngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen Garten mit

Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit zerpflückten Locken

auf einem Rosenbeet überwand.

Die Mondköpfe Timurs grüner Paniere rollten über Flüsse und die toten

Arme des Meeres. Palästina füllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit

aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben

schräg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich weiß vor

ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter.

Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben, sich

schüttelnd, zurück in die heißen wogenden Wüsten. Sie überritten die Städte der

Küste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwärme über Damaskus. Schlugen

Mameluken, hingen Männer auf an den Füßen, Weiber an den Brüsten.

Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand schoß, betrat der ägyptische Fürst

weinend den Boden der Flucht. Die Mondköpfe stürmten die Stadt. Sie glühte auf dreißig Parasangen, daß die Nacht hell wurde.

Ein dunkler Punkt in den roten Dämpfen stand gegen den Himmel der junge

Fürst und schaute auf seine Stadt, bis die Türme und Kuppeln krachend

zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dämmen in den Nil.

In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen

letzter Abkömmling sie war, daß er die eigene Nachhut überfiel, abfiel von

Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht an, sie

saß auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb, vergittert,

unter dem Gepäck.

Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in

blauer Filzkleidung das Zelt betretend.

„Die Chinesin,“ keuchte Timur. Dann brüllte er auf. Aber sofort sich

packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging über seine Rede

hinweg. Sich schüttelnd verfolgte er den ägyptischen Fürsten drei Tage, bis er

ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er vorbeigeführt.

Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewählten

Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen stürzten

vor ihnen her auf der Spur.

In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur riß dem Schach selbst die

Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei Prinzen

aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Blaß mit roten

Rändern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm.

Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur riß

ihm mit dem Säbel den Unterarm ab. „O daß ich sterbe . . . o daß ich sterbe . . .“

stöhnte der Junge, der seine Brüder rächen wollte. Timur gab ihn zum Sterben.

„Auch du hast deinen Oheim getötet,“ sagte die Chinesin.

„Gott wollte das,“ sagte Timur stolz. „Was will der Fant?“

Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Fürsten

stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine große Fürstin.

Aus Versehen führten sie die Wachen zuerst in das Zelt des wachthabenden

Emirs. Timur ließ dem Emir Stockschläge auf die Sohlen geben, denn sie war

seines Geblüts und er ehrte sie im Zorn noch, daß sie nicht im Haus eines

Untergebenen weile.

Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht

erwähnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach

Vereinbarung über einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen Residenz,

die sie, Timurs Zügen folgend, nie besuchte, auf der Straße erstechen ließ, weil

er vergaß, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu machen. Sie wurde zu

tausend Balischen Gold verurteilt.

Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt.

Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die Flamme

seiner Pläne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr geschenkt,

den Raum verließ.

Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zähen Katze, das in ihr schlief,

verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie erscholl,

rief sie, schön noch mit bleichen Lippen: „Ich bin bereit.“

Kein anderes Weib als die Chinesin kam fürder auf Timurs Pfühl.

In einem Tale stiller Gräser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und

jagte Schwäne auf den Teichen.

Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und rüstete

den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die Feldherrn kamen in

das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit Leinen, die Fontäne

knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne auf, die aus entfernten

Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein Kleines das letzte Drittel seiner

Windrose. Aus allen Provinzen Asiens fielen Heere in die Ebene, erstiegen die

Gebirge und strömten in die Tiefländer.

In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie

Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee nackt

liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften und ließen

lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur ließ ihren

Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme gebreitet, ab.

Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere

tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren

Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.

Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte

feuchten Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten

wie Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.

Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische

Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: „Was kommen sie, bin ich müde?“, und

sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.

Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.

Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer,

daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet

von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine

Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.

An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das

Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg

herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die

Ströme.

Timur warf die Geschwader um Dehli.

Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des

Stroms Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das

stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die

Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit Harnischen,

schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat.

Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen

glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die

Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend zurück.

Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern.

Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln

knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los,

brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht.

Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen

die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den Gangesarm.

Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel.

Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei

Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen ins

Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und, selbst die

Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren.

Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie

aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den Worten,

die er ihn lehrte:

„Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich

danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein

Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor

deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die

Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und ein

Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger Wandersmann

verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir frei. Aber ich

höre auf, laß es genug sein.“

Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll

Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser entronnen

war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.

Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: „Knabe . . .“ Weiter kam ihm

kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie.

Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.

Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das Wasser

einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas aus den

Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten den Fluß in

Brand.

Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner

Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines

Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.

So wuchs er über alles.

Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden

Umarmung wühlte sie sich die Nacht an seine Brust.

Allein es war noch nicht die Zeit.

Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die

ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr

sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines

Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung zu.

Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er ordnend

durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine Augen sicheren ruhigen Glanz.

Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan,

breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll

Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen trugen.

Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob die Hand, bog

sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.

Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd

zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: „Vierzig Jahre führe

ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe in Verdruß,

daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht groß genug, um bis

ans Ende mitzugehen.“

Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund

war geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das

Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. „Einsam,“ sagte Timur,

„aber am Ziel.“

„Leben wir,“ sagte die Chinesin: „Es ist überstanden.“

Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den

ganzen auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um

die die gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die

Halbbogen zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der

Fluß zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in

die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel.

Am Morgen ging Timur vor das Zelt.

Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene

aufstieg.

Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden

brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm.

Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt, das

Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.

Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne

eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern

zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen blutgierig

wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.

Da begriff die Chinesin.

Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie

ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille

Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer

Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die Flüsse,

die Paläste, Samarkand. „Leben wir. Laß das Unnötige.“ Sie zog den Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht rann und

sie verstummte.

Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf:

„Ich gehe bis an das Ende.“

„Gott hemmt dich in mir.“

„Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.“

Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: „O daß ich

dich tötete . . . o daß ich dich tötete.“

Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und,

vor ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne:

„Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.“

Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie

kehrte, die Hände senkend, sich um.

Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen,

erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und heller

wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein Gesicht,

aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit hinein in die

roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen aussandten, die schon den

letzten Horizont entzündeten.

Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem

Gesicht.

Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie

aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte

ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab den

Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten, durchbraust

von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein unsterbliches Gesicht

glänzend wie Gold.

 

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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.