Torquato Tasso: Ein Schauspiel

Johann Wolfgang von Goethe · Anhang

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Torquato Tasso: Ein Schauspiel

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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

The Project Gutenberg eBook, Torquato Tasso, by Johann Wolfgang von Goethe

 

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Title: Torquato Tasso

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: December 9, 2003 [eBook #10425]

Language: German

 

***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***

 

E-text prepared by Andrew Sly

 

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Torquato Tasso

Ein Schauspiel

Johann Wolfgang von Goethe

 

Personen

Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara.

Leonore von Este, Schwester des Herzogs.

Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano.

Torquato Tasso.

Antonio Montecatino, Staatssekretär.

Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.

 

Erster Aufzug

(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)

 

Erster Auftritt

Prinzessin. Leonore.

Prinzessin.

Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,

Und siehst dich selber an und lächelst wieder.

Was hast du? Lass es eine Freundin wissen!

Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.

Leonore.

Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt.

Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen

Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt.

Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen,

Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand; Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen

Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt.

Prinzessin.

Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,

Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden:

Ich setze sie Virgilen dankbar auf.

(Sie kränzt die Herme Virgils.)

Leonore.

So drück' ich meinen vollen frohen Kranz

Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne—

(Sie kränzt Ariostens Herme.)

Er, dessen Scherze nie verblühen, habe

Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil.

Prinzessin.

Mein Bruder ist gefällig, dass er uns

In diesen Tagen schon aufs Land gebracht;

Wir können unser sein und stundenlang

Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen.

Ich liebe Belriguardo; denn ich habe

Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,

Und dieses neue Grün und diese Sonne

Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.

Leonore.

Ja, es umgibt uns eine neue Welt!

Der Schatten dieser immer grünen Bäume

Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.

Die Blumen von den Beeten schauen uns

Mit ihren Kinderaugen freundlich an.

Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus

Schon der Zitronen und Orangen ab.

Der blaue Himmel ruhet über uns

Und an dem Horizonte löst der Schnee

Der fernen Berge sich in leisen Duft.

Prinzessin.

Es wäre mir der Frühling sehr willkommen,

Wenn er nicht meine Freundin mir entführte.

Leonore.

Erinnre mich in diesen holden Stunden,

O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.

Prinzessin.

Was du verlassen magst, das findest du

In jener großen Stadt gedoppelt wieder.

Leonore.

Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich

Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.

Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr

So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,

Und Teile seine väterliche Freude.

Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert

Von allen seinen aufgehäuften Schätzen

Reicht an Ferraras Edelsteine nicht.

Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,

Ferrara ward durch seine Fürsten groß.

Prinzessin.

Mehr durch die guten Menschen, die sich hier

Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden.

Leonore.

Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt. Ein edler Mensch zieht edle Menschen an Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut.

Um deinen Bruder und um dich verbinden

Gemüter sich, die eurer würdig sind,

Und ihr seid eurer großen Väter wert.

Hier zündete sich froh das schöne Licht

Der Wissenschaft, des freien Denkens an,

Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung

Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind

Der Name Herkules von Este schon,

Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr.

Ferrara ward mit Rom und mit Florenz

Von meinem Vater viel gepriesen! Oft

Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.

Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt,

Und Ariost fand seine Muster hier.

Italien nennt keinen großen Namen,

Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.

Und es ist vorteilhaft den Genius

Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk,

So lässt er dir ein schöneres zurück.

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt

Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.

Prinzessin.

Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du.

Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück.

Leonore.

Das du, wie wenig andre, still und rein

Genießest. Drängt mich doch das volle Herz,

Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle;

Du fühlst es besser, fühlst es tief und—schweigst. Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,

Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei

Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr:

Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack, Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß

Am Großen, das du wie dich selbst erkennst.

Prinzessin.

Du solltest dieser höchsten Schmeichelei

Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.

Leonore.

Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein

Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.

Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück

Auch ihren Teil an deiner Bildung geben;

Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,

Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt

Vor allen großen Frauen eurer Zeit.

Prinzessin.

Mich kann das, Leonore, wenig rühren,

Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,

Und was man ist, das blieb man andern schuldig. Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten,

Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter;

Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn

Ihr keine beider Töchter jemals gleich,

Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,

So hat Lucretia gewiss das Recht.

Auch kann ich dir versichern hab' ich nie

Als Rang und als Besitz betrachtet, was

Mir die Natur, was mir das Glück verlieh.

Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen,

Dass ich verstehen kann wie sie es meinen.

Es sei ein Urteil über einen Mann

Der alten Zeit und seiner Taten Wert;

Es sei von einer Wissenschaft die Rede,

Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,

Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt:

Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt,

Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen.

Ich höre gern dem Streit der Klugen zu,

Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust

So freundlich und so fürchterlich bewegen,

Mit Grazie die Rednerlippe spielt;

Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms,

Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff

Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit, Von einem klugen Manne zart entwickelt,

Statt uns zu hintergehen uns belehrt.

Leonore.

Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung,

Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn

Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,

Der uns die letzten lieblichsten Gefühle

Mit holden Tönen in die Seele flößt.

Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich,

Ich halte mich am liebsten auf der Insel

Der Poesie in Lorberhainen auf.

Prinzessin.

In diesem schönen Lande, hat man mir

Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen

Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich

Gar viele sind, so sucht man unter ihnen

Sich seltner eine Freundin und Gespielin,

Als man dem Dichter gern begegnen mag,

Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,

Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen,

Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.

Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns

Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt

Uns für den Schatz erkennte, den er lang

Vergebens in der weiten Welt gesucht.

Leonore.

Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen,

Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief. Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst,

Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.

Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;

Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;

Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, Sein Busen nimmt es gleich und willig auf:

Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt,

Und sein Gefühl belebt das Unbelebte.

Oft adelt er, was uns gemein erschien,

Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.

In diesem eignen Zauberkreise wandelt

Der wunderbare Mann und zieht uns an,

Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen:

Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen

An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.

Prinzessin.

Du hast den Dichter fein und zart geschildert,

Der in den Reichen süßer Träume schwebt.

Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche

Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.

Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen

Wir hin und wieder angeheftet finden,

Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien

Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle

Für holde Früchte einer wahren Liebe?

Leonore.

Ich freue mich der schönen Blätter auch.

Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er

Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.

Bald hebt er es in lichter Glorie

Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend

Wie Engel über Wolken vor dem Bilde;

Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach

Und jede Blume windet er zum Kranz.

Entfernt sich die Verehrte, heiligt er

Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat.

Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,

Füllt er aus einem liebekranken Busen

Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:

Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt

Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach—

Prinzessin.

Und wenn er seinen Gegenstand benennt,

So gibt er ihm den Namen Leonore.

Leonore.

Es ist dein Name wie es meiner ist.

Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre.

Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich

In diesem Doppelsinn verbergen kann.

Ich bin zufrieden, dass er meiner auch

Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt.

Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,

Die sich des Gegenstands bemeistern will,

Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig

Den Anblick jedem andern wehren möchte.

Wenn er in seliger Betrachtung sich

Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch

An meinem leichtern Wesen sich erfreun.

Uns liebt er nicht,—verzeih dass ich es sage!—

Aus allen Sphären trägt er, was er liebt,

Auf einen Namen nieder, den wir führen,

Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen

Den Mann zu lieben, und wir lieben nur

Mit ihm das Höchste, was wir lieben können.

Prinzessin.

Du hast dich sehr in diese Wissenschaft

Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,

Die mir beinahe nur das Ohr berühren

Und in die Seele kaum noch übergehn.

Leonore.

Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen,

Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt?

Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte;

Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl.

Die Liebe zeigt in dieser holden Schule

Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind:

Es ist der Jüngling der mit Psychen sich Vermählte, der im Rat der Götter Sitz

Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft

Von einer Brust zur andern hin und her;

Er heftet sich an Schönheit und Gestalt

Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet

Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.

Prinzessin.

Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten, Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt:

Wir würden seinen Scherz zu tragen haben,

Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.

 

Zweiter Auftritt

Die Vorigen. Alphons.

Alphons.

Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,

Und treff' ihn—hier sogar bei euch nicht an.

Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?

Prinzessin.

Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.

Alphons.

Es ist ein alter Fehler, dass er mehr

Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.

Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm

Der Menschen flieht und lieber frei im stillen

Mit seinem Geist sich unterhalten mag,

So kann ich doch nicht loben, dass er selbst

Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen.

Leonore.

Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst,

Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.

Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch

Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.

Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte,

Schien mir sein Werk vollendet anzukünden.

Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern,

Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt,

Ein würdig Opfer endlich darzubringen.

Alphons.

Er soll willkommen sein, wenn er es bringt,

Und los gesprochen sein auf lange Zeit.

So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme,

So sehr in manchem Sinn das große Werk

Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt

Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.

Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,

Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor,

Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;

Unwillig sieht man den Genuss entfernt

In späte Zeit, den man so nah geglaubt.

Prinzessin.

Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,

Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.

Nur durch die Gunst der Musen schließen sich

So viele Reime fest in eins zusammen;

Und seine Seele hegt nur diesen Trieb,

Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen.

Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,

Die reizend unterhalten und zuletzt

Wie lose Worte nur verklingend täuschen.

Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit

Von einem guten Werke nicht das Maß;

Und wenn die Nachwelt mit genießen soll,

So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen.

Alphons.

Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken,

Wie wir zu beider Vorteil oft getan!

Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:

Und bist du zu gelind, so will ich treiben.

Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht

Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn.

Dann soll das Vaterland, es soll die Welt

Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.

Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon,

Und er wird in das Leben eingeführt.

Ein edler Mensch kann einem engen Kreise

Nicht seine Bildung danken. Vaterland

Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel Muss er ertragen lernen. Sich und andre

Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn

Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. Es will der Feind—es darf der Freund nicht schonen; Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte,

Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann.

Leonore.

So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun,

Wie du bisher für ihn schon viel getan.

Es bildet ein Talent sich in der Stille,

Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

O dass er sein Gemüt wie seine Kunst

An deinen Lehren bilde! Dass er nicht

Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!

Alphons.

Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,

Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.

Das ist sein Fall, und so wird nach und nach

Ein frei Gemüt verworren und gefesselt.

So ist er oft um meine Gunst besorgt,

Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele

Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher,

Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja,

Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter

Aus seinem Dienst in einen andern geht,

Dass ein Papier aus seinen Händen kommt,

Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei Und Tücke die sein Schicksal untergräbt.

Prinzessin.

Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen,

Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann. Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte, Sich einen Fuß beschädigte, wir würden

Doch lieber langsam gehn und unsre Hand

Ihm gern und willig leihen.

Alphons.

Besser wär's,

Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich

Auf treuen Rat des Arztes eine Kur

Versuchten, dann mit dem Geheilten froh

Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.

Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie

Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade.

Ich tue, was ich kann, um Sicherheit

Und Zutraun seinem Busen einzuprägen.

Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen

Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt

Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen;

Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich

Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken,

So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;

Und da man alles üben muss, so üb' ich,

Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:

Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei.

Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe

Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet

Auf einen Augenblick Antonio sehen;

Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse

Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben;

Das alles nötigt mich zur Stadt zurück.

Prinzessin.

Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?

Alphons.

Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen

Hinüber nach Consandoli! Genießt

Der schönen Tage ganz nach freier Lust.

Prinzessin.

Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte

Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?

Leonore.

Du führst uns gleich Antonio hinweg,

Der uns von Rom so viel erzählen sollte?

Alphons.

Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme

Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück:

Dann soll er euch erzählen und ihr sollt

Mir ihn belohnen helfen, der so viel

In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht.

Und haben wir uns wieder ausgesprochen,

So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig In unsern Gärten werde, dass auch mir,

Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen,

Wenn ich sie suche gern begegnen mag.

Leonore.

Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.

Alphons.

Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.

Prinzessin (nach der Szene gekehrt).

Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam

Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen

Auf einmal still, wie unentschlossen, geht

Dann wieder schneller auf uns los, und weilt

Schon wieder.

Alphons.

Stört ihn, wenn er denkt und dichtet, In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln.

Leonore.

Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.

 

Dritter Auftritt

Die Vorigen. Tasso.

Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet). Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,

Und zaudre noch, es dir zu überreichen.

Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet,

Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte.

Allein, war ich besorgt, es unvollkommen

Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun

Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern

Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen. Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen,

So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!

(Er übergibt den Band.)

Alphons.

Du überraschest mich mit deiner Gabe

Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest.

So halt' ich's endlich denn in meinen Händen,

Und nenn' es in gewissem Sinne mein!

Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.

Tasso.

Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen;

Denn euch gehört es zu in jedem Sinn.

Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet,

Sah ich die Züge meiner Feder an,

So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein.

Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung Den innren Wert und ihre Würde gibt,

Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch.

Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe

Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt,

So hatte mich das eigensinn'ge Glück

Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen;

Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben

Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an,

So trübte bald den jugendlichen Sinn

Der teuren Eltern unverdiente Not.

Eröffnete die Lippe sich zu singen,

So floss ein traurig Lied von ihr herab,

Und ich begleitete mit leisen Tönen

Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.

Du warst allein, der aus dem engen Leben

Zu einer schönen Freiheit mich erhob;

Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,

Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich

Zu mutigem Gesang entfalten konnte;

Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält,

Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu.

Alphons.

Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob,

Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.

Tasso.

O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle,

Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe!

Der tatenlose Jüngling—nahm er wohl

Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung Des raschen Krieges—hat er die ersonnen?

Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held

An dem beschiednen Tage kräftig zeigt,

Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut,

Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft,

Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst,

Das alles eingeflößt als wärest du

Mein Genius, der eine Freude fände, Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen

Durch einen Sterblichen zu offenbaren?

Prinzessin.

Genieße nun des Werks, das uns erfreut!

Alphons.

Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!

Leonore.

Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!

Tasso.

Mir ist an diesem Augenblick genug.

An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb; Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch,

Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck.

Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht,

Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.

Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis,

In dem sich meine Seele gern verweilt.

Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink,

Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack; Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.

Die Menge macht den Künstler irr' und scheu:

Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt,

Nur der allein soll richten und belohnen!

Alphons.

Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,

So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen.

Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt,

Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,

Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht,

Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.

(Auf die Herme Virgils deutend.)

Hat es der Zufall, hat's ein Genius

Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen:

Was ehret ihr die Toten? Hatten die

Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;

Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,

So gebt auch den Lebendigen ihr Teil.

Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug—

Der grüne Zweig gehört dem Leben an.

(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.)

Leonore.

Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz, Den schönen unverwelklichen, dir bietet!

Tasso.

O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein,

Wie ich nach dieser Stunde leben soll.

Alphons.

In dem Genuss des herrlichen Besitzes,

Der dich im ersten Augenblick erschreckt.

Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält). Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso,

Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.

Tasso.

Die schöne Last aus deinen teuren Händen

Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.

(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)

Leonore (applaudierend).

Es lebe der zum ersten Mal bekränzte!

Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!

(Tasso steht auf.)

Alphons.

Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,

Die auf dem Kapitol dich zieren soll.

Prinzessin.

Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen;

Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.

Tasso.

O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,

Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken, Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß

Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft

Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze

Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!

Leonore.

Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt

Des Manns, der in den heißen Regionen

Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne.

Tasso.

Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden,

Die nur um Heldenstirnen wehen soll.

O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt

Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher

Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben

Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!

Alphons.

Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert

Der holden Güter dieses Lebens schätzen;

Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben

Mit Willen nicht, was er einmal besaß;

Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein.

Tasso.

Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft

Im Busen fühlen, die ihm nie versagt.

Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück Verlässt sie mich, die angeborne Kraft,

Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,

Hat das Entzücken dieses Augenblicks

Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst?

Es sinken meine Knie! Noch einmal

Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir!

Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg!

Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht,

Ich ein erquicktes neues Leben fühle.

Prinzessin.

Wenn du bescheiden ruhig das Talent,

Das dir die Götter gaben, tragen kannst,

So lern' auch diese Zweige tragen, die

Das Schönste sind, was wir dir geben können.

Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt,

Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.

Tasso.

So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn!

Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen, Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.

Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert

Kein Auge mich ans unverdiente Glück.

Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen

In seinem reinen Spiegel einen Mann,

Der wunderbar bekränzt im Widerschein

Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe

Elysium auf dieser Zauberfläche

Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage:

Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling

Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt?

Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst?

Ich warte lang' und denke: Käme doch

Ein andrer und noch einer, sich zu ihm

In freundlichem Gespräche zu gesellen!

O säh' ich die Heroen, die Poeten Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!

O säh' ich hier sie immer unzertrennlich,

Wie sie im Leben fest verbunden waren!

So bindet der Magnet durch seine Kraft

Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,

Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.

Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben

War der Betrachtung zweier Männer heilig,

Und Alexander in Elysium

Eilt, den Achill und den Homer zu suchen.

O dass ich gegenwärtig wäre, sie,

Die größten Seelen, nun vereint zu sehen!

Leonore.

Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden,

Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst.

Tasso.

Es ist die Gegenwart, die mich erhöht,

Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt.

Prinzessin.

Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,

Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern.

(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.)

Alphons.

Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde.

Antonio!—Bring ihn her—Da kommt er schon!

 

Vierter Auftritt

Die Vorigen. Antonio.

Alphons.

Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst

Und gute Botschaft bringst.

Prinzessin.

Sei uns gegrüßt!

Antonio.

Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen

In eurer Gegenwart mich neu belebt.

Vor euren Augen find' ich alles wieder,

Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden

Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht;

Und so bin ich belohnt für jede Sorge,

Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten,

Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben

Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr.

Leonore.

Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne.

Du kommst nur eben, da ich reisen muss.

Antonio.

Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde, Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg.

Tasso.

Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe

Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.

Antonio.

Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je

Aus deiner Welt in meine schauen magst.

Alphons.

Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet,

Was du getan, und wie es dir ergangen,

So hab' ich doch noch manches auszufragen,

Durch welche Mittel das Geschäft gelang.

Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt

Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt

An deinen eignen Zweck dich führen soll.

Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt, Der hat in Rom gar einen schweren Stand:

Denn Rom will alles nehmen, geben nichts;

Und kommt man hin, um etwas zu erhalten,

Erhält man nichts, man bringe denn was hin,

Und glücklich, wenn man da noch was erhält.

Antonio.

Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,

Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht;

Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan

Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen,

Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.

Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich.

Der Greis, der würdigste, dem eine Krone

Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,

Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann,

Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt

Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.

Alphons.

Ich freue seiner guten Meinung mich,

Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl,

Vom Vatikan herab sieht man die Reiche

Schon klein genug zu seinen Füßen liegen,

Geschweige denn die Fürsten und die Menschen. Gestehe nur, was dir am meisten half!

Antonio.

Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts.

Er sieht das Kleine klein, das Große groß.

Damit er einer Welt gebiete, gibt

Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.

Das Streifchen Land, das er dir überlässt,

Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen. Italien soll ruhig sein, er will

In seiner Nähe Freunde sehen, Friede

Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht

Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,

Die Türken da, die Ketzer dort vertilge.

Prinzessin.

Weiß man die Männer, die er mehr als andre

Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn?

Antonio.

Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,

Der tätige sein Zutraun, seine Gunst.

Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,

Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe,

Die er vor Jahren als Gesandter schon

Gesehen und gekannt und oft gelenkt.

Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick

Als wie der Vorteil seines eignen Staats.

Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn

Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er

Im stillen lang' bereitet und vollbracht.

Es ist kein schönrer Anblick in der Welt,

Als einen Fürsten sehn, der klug regieret,

Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,

Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt,

Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.

Leonore.

Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal

Recht nah zu sehn!

Alphons.

Doch wohl um mit zu wirken

Denn bloß beschaun wird Leonore nie.

Es wäre doch recht artig, meine Freundin,

Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen

Die zarten Hände mischen könnten—Nicht?

Leonore (zu Alphons).

Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.

Alphons.

Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.

Leonore.

Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!

Verzeih' und störe meine Fragen nicht.

(Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan?

Antonio.

Nicht weniger noch mehr, als billig ist.

Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht

Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst

Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor

Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat

Als wackre Männer dienen, und erfüllt

Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.

Tasso.

Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst

Sich seines Schutzes auch? Und eifert er

Den großen Fürsten alter Zeiten nach?

Antonio.

Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,

Den Staat regieren, Völker kennen lehrt;

Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom

Verherrlicht und Palast und Tempel

Zu Wunderwerken dieser Erde macht.

In seiner Nähe darf nichts müßig sein!

Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.

Alphons.

Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald

Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt

Noch hie und da uns Hindernisse streuen?

Antonio.

Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich

Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe

Auf immer dieser Zwist gehoben wäre.

Alphons.

So lob' ich diese Tage meines Lebens

Als eine Zeit des Glückes und Gewinns.

Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß

Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag

Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone

Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen

Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen

Geflochten dir sie um die Stirne legen.

Indessen hat mich Tasso auch bereichert:

Er hat Jerusalem für uns erobert

Und so die neue Christenheit beschämt,

Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel

Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht.

Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt.

Antonio.

Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte

Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.

Tasso.

Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst,

So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt

Mit eben diesem Blicke schauen könntest.

Antonio.

Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen

Alphons unmäßig ist, und du erfährst

Was jeder von den Seinen schon erfuhr.

Prinzessin.

Wenn du erst siehst, was er geleistet hat,

So wirst du uns gerecht und mäßig finden.

Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen

Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt,

Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen.

Antonio.

Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss.

Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt?

Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz

Auf Ariostes Stirne?

Leonore.

Diese Hand.

Antonio.

Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön,

Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde.

Wie die Natur die innig reiche Brust

Mit einem grünen bunten Kleide deckt,

So hüllt er alles, was den Menschen nur

Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann,

Ins blühende Gewand der Fabel ein.

Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand

Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn

Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie

In seinen Liedern und persönlich doch

Wie unter Blütenbäumen auszuruhn,

Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten, Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt

Vom losen Zauberspiel der Amoretten.

Der Quell des Überflusses rauscht darneben,

Und lässt uns bunte Wunderfische sehn.

Von seltenem Geflügel ist die Luft,

Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt;

Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt, Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke

Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen,

Indes auf wohl gestimmter Laute wild

Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint

Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält.

Wer neben diesem Mann sich wagen darf,

Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz.

Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle,

Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort,

Noch, was ich sage, wohl bedenken kann;

Denn alle diese Dichter, diese Kränze,

Das seltne festliche Gewand der Schönen Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.

Prinzessin.

Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß,

Der wird das andre nicht verkennen. Du

Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen,

Was wir gefühlt und was nur du erkennst.

Alphons.

Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch,

Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.

Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne

Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl.

(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.)

 

Zweiter Aufzug

(Saal.)

 

Erster Auftritt

Prinzessin. Tasso.

Tasso.

Unsicher folgen meine Schritte dir,

O Fürstin, und Gedanken ohne Maß

Und Ordnung regen sich in meiner Seele.

Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich

Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse

Die neu erregten Zweifel deiner Brust.

Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt

Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,

So wird ein neuer Tag um mich herum,

Und alle Bande fallen von mir los.

Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,

Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt;

Sein Wesen, seine Worte haben mich

So wunderbar getroffen, dass ich mehr

Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst

Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.

Prinzessin.

Es ist unmöglich, dass ein alter Freund,

Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte,

Im Augenblick, da er uns wieder sieht,

Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.

Er ist in seinem Innern nicht verändert;

Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben,

So stimmen sich die Saiten hin und wider,

Bis glücklich eine schöne Harmonie

Aufs neue sie verbindet. Wird er dann

Auch näher kennen, was du diese Zeit

Geleistet hast, so stellt er dich gewiss

Dem Dichter an die Seite, den er jetzt

Als einen Riesen dir entgegen stellt.

Tasso.

Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob

Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt,

Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich

Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen,

Der als ein großes Muster vor uns steht.

Wir können uns im stillen Herzen sagen:

Erreichst du einen Teil von seinem Wert,

Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss.

Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,

Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt,

Es waren die Gestalten jener Welt,

Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer

Um einen großen, einzig klugen Mann

Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,

Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.

Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust

Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;

Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr

Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete,

Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,

Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.

Prinzessin.

Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen, Wie Held und Dichter füreinander leben,

Wie Held und Dichter sich einander suchen

Und keiner je den andern neiden soll?

Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,

Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle

Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen. Begnüge dich aus einem kleinen Staate,

Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,

Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.

Tasso.

Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,

Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?

Als unerfahrner Knabe kam ich her,

In einem Augenblick, da Fest auf Fest

Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre

Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's!

Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze

Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,

Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht

So bald zum zweiten Mal bescheinen wird.

Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen,

Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit.

Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;

Man rief: Sie alle hat das Vaterland,

Das eine, schmale, Meer umgebne Land,

Hierher geschickt. Zusammen bilden sie

Das herrlichste Gericht, das über Ehre,

Verdienst und Tugend je entschieden hat.

Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,

Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!— Und dann eröffneten die Schranken sich;

Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde, Da drängten sich die Knappen, da erklang

Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd, Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub,

Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd

Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.

O lass mich einen Vorhang vor das ganze,

Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass

In diesem schönen Augenblicke mir

Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde.

Prinzessin.

Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten

Zu Müh' und Streben damals dich entflammten,

So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit

Der Duldung stille Lehre dir bewähren.

Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen

Mir damals priesen und mir manches Jahr

Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.

Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen

Der letzte Widerhall der Freude sich

Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen Und manchen traurigen Gedanken leiden.

Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild

Des Todes vor den Augen, deckte mir

Die Aussicht in die immer neue Welt.

Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ

Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben

Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken.

Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen. Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt

Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,

Da kam Lucretia voll frohen Lebens

Herbei und führte dich an ihrer Hand.

Du warst der erste, der im neuen Leben

Mir neu und unbekannt entgegen trat.

Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat

Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.

Tasso.

Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel

Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz

Geblendet, und von mancher Leidenschaft

Bewegt, durch stille Gänge des Palasts

An deiner Schwester Seite schweigend ging,

Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald,

Auf deine Fraun gelehnt erschienest—mir

Welch ein Moment war dieser! O vergib!

Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn

Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt,

So war auch ich von aller Phantasie,

Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe

Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.

Wenn unerfahren die Begierde sich

Nach tausend Gegenständen sonst verlor,

Trat ich beschämt zuerst in mich zurück

Und lernte nun das Wünschenswerte kennen.

So sucht man in dem weiten Sand des Meers

Vergebens eine Perle, die verborgen

In stillen Schalen eingeschlossen ruht.

Prinzessin.

Es fingen schöne Zeiten damals an,

Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino

Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre

Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden.

Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr

Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben, Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau.

Tasso.

Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage,

Da sie von hinnen schied, vermochte dir

Die reine Freude niemand zu ersetzen.

Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft

Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!

Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur

Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein?

Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm

Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren

Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen? Und war die eine Frau, so trefflich sie

Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih!

Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte, Dir etwas sein zu können. Wenig nur,

Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat

Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,

Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.

Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft

Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste,

Beleidigte den Mann, den du beschütztest,

Verwirrte unklug was du lösen wolltest,

Und fühlte so mich stets im Augenblick,

Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.

Prinzessin.

Ich habe, Tasso, deinen Willen nie

Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden, Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester

Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß,

So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum

In einen Freund dich finden.

Tasso.

Tadle mich!

Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann,

Die Frau, mit der ich wie mit dir

Aus freiem Busen wagen darf zu reden?

Prinzessin.

Du solltest meinem Bruder dich vertraun.

Tasso.

Er ist mein Fürst!—Doch glaube nicht, dass mir Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe.

Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein,

Und für den Edeln ist kein schöner Glück, Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen.

Und so ist er mein Herr, und ich empfinde

Den ganzen Umfang dieses großen Worts.

Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht, Und tun, wenn er gebietet, mögen auch

Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.

Prinzessin.

Das ist der Fall bei meinem Bruder nie,

Und nun, da wir Antonio wieder haben,

Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.

Tasso.

Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.

Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich

Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt,

Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt.

Doch—haben alle Götter sich versammelt,

Geschenke seiner Wiege darzubringen—

Die Grazien sind leider ausgeblieben,

Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,

Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,

Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn.

Prinzessin.

Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel.

Du musst von einem Mann nicht alles fordern,

Und dieser leistet, was er dir verspricht.

Hat er sich erst für deinen Freund erklärt,

So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst.

Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir,

Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen.

Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst!

So haben wir Lenore lang besessen,

Die fein und zierlich ist, mit der es leicht

Sich leben lässt; auch dieser hast du nie,

Wie sie es wünschte, näher treten wollen.

Tasso.

Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich

Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.

So liebenswürdig sie erscheinen kann,

Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten

Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch

Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun,

So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.

Prinzessin.

Auf diesem Wege werden wir wohl nie

Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad

Verleitet uns, durch einsames Gebüsch,

Durch stille Täler fortzuwandern; mehr

Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt, Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,

In seinem Innern wieder herzustellen,

So wenig der Versuch gelingen will.

Tasso.

O welches Wort spricht meine Fürstin aus.

Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn,

Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?

Da auf der freien Erde Menschen sich

Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten;

Da ein uralter Baum auf bunter Wiese

Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,

Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige

Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;

Wo klar und still auf immer reinem Sande

Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing;

Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange

Unschädlich sich verlor, der kühne Faun,

Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh;

Wo jeder Vogel in der freien Luft

Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend, Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.

Prinzessin.

Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei;

Allein die Guten bringen sie zurück.

Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:

Die goldne Zeit, womit der Dichter uns

Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,

So scheint es mir, so wenig als sie ist;

Und war sie je, so war sie nur gewiss,

Wie sie uns immer wieder werden kann.

Noch treffen sich verwandte Herzen an

Und teilen den Genuss der schönen Welt;

Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund, Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.

Tasso.

O wenn aus guten, edlen Menschen nur

Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,

Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt,

Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist.

Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen

Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

Prinzessin.

Willst du genau erfahren, was sich ziemt,

So frage nur bei edlen Frauen an.

Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.

Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer

Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,

Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. Und wirst du die Geschlechter beide fragen:

Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Tasso.

Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?

Prinzessin.

Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,

Und euer Streben muss gewaltsam sein.

Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln, Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut

Auf dieser Erde nur besitzen möchten,

Und wünschen, dass es uns beständig bleibe.

Wir sind von keinem Männerherzen sicher,

Das noch so warm sich einmal uns ergab.

Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch

Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt,

Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot. Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz

Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten,

Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe

Der Busen einer Frau bewahren kann;

Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden

In euren Seelen lebhaft bleiben wollte;

Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,

Auch durch den Schleier dringen könnte, den

Uns Alter oder Krankheit überwirft;

Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,

Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte: Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen, Wir feierten dann unsre goldne Zeit.

Tasso.

Du sagst mir Worte, die in meiner Brust

Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.

Prinzessin.

Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.

Tasso.

Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder

Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen, So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben

Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen,

Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln, Verlassen wirst du uns, es ist natürlich;

Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.

Prinzessin.

Für diesen Augenblick seid unbesorgt!

Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer.

Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben.

Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte; Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,

So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft

Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.

Tasso.

O lehre mich, das Mögliche zu tun!

Gewidmet sind dir alle meine Tage.

Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich

Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst

Das reinste Glück, das Menschen fühlen können; Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir.

So unterscheiden sich die Erdengötter

Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal

Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,

Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,

Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber

Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht

Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,

Vernehmen unser Flehen kaum und lassen,

Wie wir beschränkten armen Kindern tun,

Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen.

Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,

Und wie die Sonne, trocknete dein Blick

Den Tau von meinen Augenliedern ab.

Prinzessin.

Es ist sehr billig, dass die Frauen dir

Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht

Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.

Zart oder tapfer, hast du stets gewusst,

Sie liebenswert und edel vorzustellen;

Und wenn Armide hassenswert erscheint,

Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.

Tasso.

Was auch in meinem Liede widerklingt,

Ich bin nur einer, einer alles schuldig!

Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild

Vor meiner Stirne, das der Seele bald

Sich überglänzend nahte, bald entzöge.

Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,

Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne;

Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:

Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde,

Erminies stille, nicht bemerkte Treue,

Sophronies Großheit und Olindes Not,

Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,

Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind.

Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte

Zu bleiben und im stillen fortzuwirken,

Als das Geheimnis einer edlen Liebe,

Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

Prinzessin.

Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,

Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?

Es lockt uns nach und nach, wir hören zu,

Wir hören und wir glauben zu verstehn,

Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln,

Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.

Tasso.

Welch einen Himmel öffnest du vor mir,

O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind, So seh' ich unverhofft ein ewig Glück

Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.

Prinzessin.

Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,

Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:

Doch andre können nur durch Mäßigung

Und durch Entbehren unser eigen werden.

So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe, Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!

 

Zweiter Auftritt

Tasso (allein).

Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen?

Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein!

Vernahmen diese Säulen was sie sprach?

Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen

Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt

Die Sonne sich des neuen Lebenstages,

Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.

Hernieder steigend hebt die Göttin schnell

Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis

Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!

Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!

Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,

Und dieses Glück ist über alle Träume.

Der Blindgeborne denke sich das Licht,

Die Farben wie er will; erscheinet ihm

Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.

Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,

Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke

Mit vollen Händen übermäßig reichen,

Und forderst wieder, was von mir zu fordern

Nur eine solche Gabe dich berechtigt.

Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen

Und so verdienen, dass du mir vertraust.

Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte?

Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?

Weiter: Teil 2 von 3