Torquato Tasso: Ein Schauspiel

Johann Wolfgang von Goethe · Anhang

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Torquato Tasso: Ein Schauspiel

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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.

Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken

Sei ewig meine Seele ganz geweiht!

Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!

Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm

In fernen Landen aufzusuchen, reiche Im stillen Hain die goldne Leier mir,

Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:

Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen,

Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie.

O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir

Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug

Die unaussprechliche Verehrung aus.

Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,

Die süßeste, die je von frühem Honig

Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren! Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.

O dass die edelste der Taten sich

Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben

Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu

Und wagte gern das Leben, das ich nun

Von ihren Händen habe—forderte

Die besten Menschen mir zu Freunden auf,

Unmögliches mit einer edeln Schar

Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.

Voreiliger, warum verbarg dein Mund

Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert

Und werter ihr zu Füßen legen konntest?

Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.

Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein

Und unverdient ein solch Geschenk empfangen, Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl

Es habe fordern dürfen. Blicke freudig!

Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt,

Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder

In unbekannte, lichte Zukunft hin!

—Schwelle Brust!—O Witterung des Glücks,

Begünst'ge diese Pflanze doch einmal!

Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen

Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten.

O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe!

Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck

Aus ihren frischen, reichen Ästen breche!

Dritter Auftritt

Tasso. Antonio.

Tasso.

Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt

Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward

Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen!

Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert,

Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand

Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst.

Antonio.

Freigebig bietest du mir schöne Gaben,

Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll:

Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife.

Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen

Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern

Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen:

Lass mich für beide klug und sorgsam sein.

Tasso.

Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt

Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei;

Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt,

Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.

Antonio.

Darüber frage jeder sein Gemüt,

Weil er den Fehler selbst zu büßen hat.

Tasso.

So sei's! Ich habe meine Pflicht getan:

Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht, Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.

Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss, Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein.

Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht

Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt

So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst.

Antonio.

Der Mäßige wird öfters kalt genannt

Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, Weil sie die Hitze fliegend überfällt.

Tasso.

Du tadelst, was ich tadle, was ich melde.

Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,

Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.

Antonio.

Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.

Tasso.

Du bist berechtigt, mir zu raten, mich

Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir

Als lang' erprobte Freundin an der Seite.

Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz

Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung

Und übt sich ingeheim an jedem Guten,

Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.

Antonio.

Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst

Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre.

Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes

Erkennen; denn er misst nach eignem Maß

Sich bald zu klein und leider oft zu groß.

Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur

Das Leben lehret jedem, was er sei.

Tasso.

Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich.

Antonio.

Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten Ganz etwas anders, als ich sagen will.

Tasso.

Auf diese Weise rücken wir nicht näher.

Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan,

Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen,

Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort

Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:

Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst.

Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt,

An andre denkst du, Andern stehst du bei,

Und auf des Lebens leicht bewegter Woge

Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.

Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen?

Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil

An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst? Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest, Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst: Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.

Ich schäme mich der Unerfahrenheit

Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch

Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt.

O nimm mich, edler Mann, an deine Brust

Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,

Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein.

Antonio.

In einem Augenblicke forderst du,

Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt.

Tasso.

In einem Augenblick gewährt die Liebe,

Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht.

Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern.

Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf,

Die gute Menschen zu verbinden eifert.

Und soll ich dir noch einen Namen nennen?

Die Fürstin hofft's, Sie will's—Eleonore,

Sie will mich zu dir führen, dich zu mir.

O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn!

Lass uns verbunden vor die Göttin treten,

Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten,

Vereint für sie das Würdigste zu tun.

Noch einmal!—Hier ist meine Hand! Schlag ein! Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger,

O edler Mann, und gönne mir die Wollust,

Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben!

Antonio.

Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,

Du bist gewohnt zu siegen, überall

Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.

Ich gönne jeden Wert und jedes Glück

Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,

Wir stehn zu weit noch voneinander ab.

Tasso.

Es sei an Jahren, an geprüftem Wert;

An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.

Antonio.

Der Wille lockt die Taten nicht herbei;

Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor.

Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt,

Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone.

Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es

Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich

Oft im Spazierengehn bequem erreichen.

Tasso.

Was eine Gottheit diesem frei gewährt

Und jenem streng versagt, ein solches Gut

Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.

Antonio.

Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu,

So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.

Tasso.

Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde

Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.

Antonio.

Das Glück erhebe billig der Beglückte!

Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst

Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,

Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will,

Er halte gnädiges Geschenk für Lohn,

Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck.

Tasso.

Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug! Ich blicke tief dir in das Herz und kenne

Für's ganze Leben dich. O kennte so

Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht

Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!

Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,

Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.

Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden!

Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen. Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut:

Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,

Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,

Von dem mir die Geschichten nur erzählten;

Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer,

Virgil sich vergleichen darf, ja, was

Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,

Der dreifach diesen Lohn verdiente, den

Die schöne Krone dreifach mehr als mich

Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn

Vor jener Gottheit, die mich so begabte;

Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde

Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.

Antonio.

Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.

Tasso.

Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden;

Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.

Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete, Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden,

Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!

Antonio.

Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut

Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.

Tasso.

Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.

Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?

Ist im Palast der freie Geist gekerkert?

Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden? Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz, Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe

Der Großen dieser Erde nicht erfreun?

Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten Durch Adel nur, der uns von Vätern kam;

Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur

Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem

Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte?

Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,

Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:

Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe

An diesen Marmorwänden haften soll.

Antonio.

Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn! Der übereilte Knabe will des Manns

Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen? Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut?

Tasso.

Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,

Als was ich mir unedel nennen müsste.

Antonio.

Du bist noch jung genug, dass gute Zucht

Dich eines bessern Wegs belehren kann.

Tasso.

Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen,

Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug.

Antonio.

Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,

Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.

Tasso.

Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen;

Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.

Antonio.

Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr

Im frechen Laufe deines Glücks verzog.

Tasso.

Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun.

Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht

Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:

Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht

Das innre Mark, die schmerzliche Begier

Der Rache siedet schäumend in der Brust.

Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir!

Antonio.

Du weißt so wenig wer, als wo du bist.

Tasso.

Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen. Du lästerst, du entweihest diesen Ort,

Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe, Das schönste Opfer, dir entgegen trug.

Dein Geist verunreint dieses Paradies

Und deine Worte diesen reinen Saal,

Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl,

Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.

Antonio.

Welch hoher Geist in einer engen Brust!

Tasso.

Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.

Antonio.

Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.

Tasso.

Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.

Antonio.

Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin.

Tasso.

Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.

Antonio.

Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.

Tasso.

Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.

Antonio.

Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Tasso.

Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.

Antonio.

Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.

Tasso.

Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.

(Er zieht den Degen.)

Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,

Wie ich dich hasse, dich verachten soll.

 

Vierter Auftritt

Alphons. Die Vorigen.

Alphons.

In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?

Antonio.

Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn

Vor einem, den die Wut ergriffen hat.

Tasso.

Ich bete dich als eine Gottheit an,

Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst.

Alphons.

Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an,

Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen? Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn

Der Sitten, der Gesetze kluge Männer

Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.

Tasso.

Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl.

Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich, Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner,

Unedler Mensch, sich gegen mich betragen.

Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg;

Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,

Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht,

Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir

Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier Als einen Wütenden getroffen. Dieser

Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte. Er hat die Glut gewaltsam angefacht,

Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.

Antonio.

Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg!

Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet,

Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt,

Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.

Tasso.

O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort!

Und kannst du jede Silbe, jede Miene

Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!

Beleidige dich selbst zum zweiten Male

Und zeuge wider dich! Dagegen will

Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.

Antonio.

Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;

Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht. Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf

Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei,

Der unrecht hat? Ist eine weite Frage,

Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.

Tasso.

Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage:

Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.

Antonio.

Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn

Gedenken mag.

Alphons.

Antonio!

Antonio.

Gnädigster, Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen!

Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;

Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:

Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder

Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch

Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten.

Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann.

Es waltet über ihm ein schwer Gesetz,

Das deine Gnade höchstens lindern wird.

Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;

Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.

Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,

So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen,

Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick.

Alphons (zu Tasso).

Du hast nicht wohl getan.

Tasso.

Mich spricht, o Herr,

Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei.

Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,

Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge

Mit wohl gewählten Worten mich verletzt,

Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift

Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber

Nur mehr und mehr erhitzt—du denkst es nicht! Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,

Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst,

Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen! Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an— Er warf mir meine Gaben vor die Füße;

Und hätte meine Seele nicht geglüht,

So war sie deiner Gnade, deines Dienstes

Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes

Und dieses Orts vergessen, so verzeih.

Auf keinem Boden darf ich niedrig sein,

Erniedrigung auf keinem Boden dulden.

Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will, Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße,

Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.

Antonio.

Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt

Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt! Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft

Der Dichtung nicht bekannter wäre, die

Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel

Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst,

Ob alle deine Diener diese Tat

So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.

Die Majestät verbreitet ihren Schutz

Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit

Und ihrer unverletzten Wohnung naht.

Wie an dem Fuße des Altars bezähmt

Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.

Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort, Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.

Es bleibt das weite Feld ein offner Raum

Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug:

Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn. Hier diese Mauern haben deine Väter

Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde

Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe

Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;

Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen. Da war kein Ansehn der Person, es hielt

Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück,

Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt.

Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden

In das Gebiet der Sitten rohe Wut

Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,

Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht

Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn

Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft?

Alphons.

Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt, Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören.

Ihr hättet schöner eure Pflicht getan,

Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte;

Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt. Wenn dich Antonio beleidigt hat,

So hat er dir auf irgendeine Weise

Genug zu tun, wie du es fordern wirst.

Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag.

Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,

Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe,

So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.

Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer,

Von dir und mit dir selbst allein bewacht.

Tasso.

Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch?

Antonio.

Erkennest du des Vaters Milde nicht?

Tasso (zu Antonio).

Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.

(Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei!

Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend,

Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen. Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich

Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne.

Doch diesen kenn' ich wohl—Gehorchen will ich, Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte

Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.

War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,

Ich bin als ein Verbrecher angesehn.

Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.

Alphons.

Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst.

Tasso.

Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;

Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;

Ich meine fast, ich müsst' es denken können.

Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,

Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu,

Ich höre nur mein Urteil, beuge mich.

Das sind zuviel vergebne Worte schon.

Gewöhne dich von nun an zu gehorchen,

Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst:

Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde,

Nun überwältigt dich der jähe Fall.

Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne,

Auch willig das Beschwerliche zu tun.

Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,

Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte;

Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande, Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe

Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen.

Alphons.

Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht.

Tasso.

Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken!

Und leider eines herrlichern Geschenks

Verleugnung fordert das Geschick von mir.

Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:

Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde, Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien.

Zu früh war mir das schönste Glück verliehen

Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben,

Mir nur zu bald geraubt.

Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte, Und was kein Gott zum zweiten Male gibt.

Wir Menschen werden wunderbar geprüft;

Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht

Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.

Mit unschätzbaren Gütern lehret uns

Verschwenderisch die Not gelassen spielen:

Wir öffnen willig unsre Hände, dass

Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe.

Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne

Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist

Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche.

Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche

Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?

Geselle dich zu diesem Degen, der

Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen,

Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf

Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung! Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen;

Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst?

Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst? Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.

(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf und trägt ihn weg.)

 

Fünfter Auftritt

Alphons. Antonio.

Antonio.

Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick?

Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend

Sich für ein einzig auserwähltes Wesen

Und alles über alle sich erlaubt.

Er fühle sich gestraft, und strafen heißt

Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke.

Alphons.

Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel.

Antonio.

Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,

So gib, o Fürst, ihm seine Freiheit wieder,

Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.

Alphons.

Wenn es die Meinung fordert, mag es sein.

Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt?

Antonio.

Ich wüsste kaum zu sagen, wie's geschah.

Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt,

Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.

Und seinen Lippen ist im größten Zorne

Kein sittenloses Wort entflohn.

Alphons.

So schien

Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,

Bekräftigt deine Rede mir noch mehr.

Wenn Männer sich entzweien, hält man billig

Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest

Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde

Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:

Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge.

Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich

In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle

Die Ruhe wieder her—du kannst es leicht.

Lenore Sanvitale mag ihn erst

Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen:

Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen

Die volle Freiheit wieder, und gewinne

Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.

Verrichte das, sobald du immer kannst;

Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen. Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,

Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst.

Wir bleiben lieber eine Stunde länger

Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,

Was du begannst; und kehren wir zurück,

So haben sie von diesem raschen Eindruck

Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,

Du willst nicht aus der Übung kommen! Du

Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues. Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt.

Antonio.

Ich bin beschämt und seh' in deinen Worten,

Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!

Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,

Der überzeugt, indem er uns gebietet.

 

Dritter Aufzug

 

Erster Auftritt

Prinzessin (allein).

Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher

Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge

Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah,

Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist.

O dass sie käme! Möcht' ich doch nicht gern

Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,

Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen,

Wie alles steht, und was es werden kann.

 

Zweiter Auftritt

Prinzessin. Leonore.

Prinzessin.

Was bringst du, Leonore? Sag' mir an,

Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?

Leonore.

Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren.

Sie trafen hart zusammen, Tasso zog, Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint,

Als habe Tasso diesen Streit begonnen:

Antonio geht frei umher und spricht

Mit seinem Fürsten: Tasso bleibt dagegen

Verbannt in seinem Zimmer und allein.

Prinzessin.

Gewiss hat ihn Antonio gereizt,

Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt.

Leonore.

Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,

Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.

Prinzessin.

Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink

Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen!

Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,

Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,

Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.

Antonio erschien mir heute früh

Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.

Es warnte mich mein Geist, als neben ihn

Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur

Von beiden an, das Angesicht, den Ton,

Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles;

Sie können ewig keine Liebe wechseln.

Doch überredete die Hoffnung mich,

Die Gleisnerinn: Sie sind vernünftig beide,

Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;

Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?

Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;

Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!

O hätt' ich gleich Antonio gesprochen!

Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;

Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten

Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen;

Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit,

Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete

Von dem geprüften Manne diese Jähe

Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.

Das Übel stand mir fern, nun ist es da.

O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?

Leonore.

Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst

Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier

Ein Missverständnis zwischen gleich Gestimmten; Das stellen Worte, ja im Notfall stellen

Es Waffen leicht und glücklich wieder her.

Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt,

Die darum Feinde sind, weil die Natur

Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.

Und wären sie zu ihrem Vorteil klug,

So würden sie als Freunde sich verbinden:

Dann stünden sie für einen Mann und gingen

Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin. So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst. Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,

Ist beizulegen; doch das sichert uns

Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht.

Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reiste

Auf eine Zeit von hier; er könnte ja

Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort Träf' ich in wenig Wochen ihn und könnte

Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken.

Du würdest hier indessen den Antonio,

Der uns so fremd geworden, dir aufs neue

Und deinen Freunden näher bringen: So

Gewährte das, was itzt unmöglich scheint,

Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.

Prinzessin.

Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen,

Ich soll entbehren; heißt das billig sein?

Leonore.

Entbehren wirst du nichts, als was du doch

In diesem Falle nicht genießen könntest.

Prinzessin.

So ruhig soll ich einen Freund verbannen?

Leonore.

Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.

Prinzessin.

Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.

Leonore.

Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.

Prinzessin.

Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.

Leonore.

Und dennoch rettest du den Freund in dir.

Prinzessin.

Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe.

Leonore.

So warte noch ein größres Übel ab.

Prinzessin.

Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest.

Leonore.

Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.

Prinzessin.

Und soll es sein, so frage mich nicht länger.

Leonore.

Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.

Prinzessin.

Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,

Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt—

Und lass uns für ihn sorgen, Leonore,

Dass er nicht etwa künftig Mangel leide,

Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt

Auch in der Ferne willig reichen lasse.

Sprich mit Antonio; denn er vermag

Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit

Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.

Leonore.

Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr.

Prinzessin.

Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht

Wie's meine Schwester von Urbino kann,

Für mich und für die Meinen was erbitten.

Ich lebe gern so stille vor mich hin,

Und nehme von dem Bruder dankbar an,

Was er mir immer geben kann und will.

Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf

Mir selbst gemacht; nun hab' ich überwunden.

Es schalt mich eine Freundin oft darum:

Du bist uneigennützig, sagte sie,

Das ist recht schön; allein so sehr bist du's,

Dass du auch das Bedürfnis deiner Freunde

Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn

Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen.

Um desto mehr erfreut es mich, dass ich

Nun in der Tat dem Freunde nützen kann;

Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu,

Und gerne will ich für ihn sorgen helfen.

Leonore.

Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle,

Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann.

Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,

Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen. Prinzessin.

So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,

Vor allen andern sei er dir gegönnt!

Ich seh' es wohl, so wird es besser sein.

Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut

Und heilsam preisen? Das war mein Geschick

Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt.

Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks,

Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.

Leonore.

Ich hoffe dich, so schön du es verdienst,

Glücklich zu sehn!

Prinzessin.

Eleonore! Glücklich?

Wer ist denn glücklich?—Meinen Bruder zwar

Möcht' ich so nennen; denn sein großes Herz

Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut;

Allein, was er verdient, das ward ihm nie.

Ist meine Schwester von Urbino glücklich?

Das schöne Weib, das edle große Herz!

Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder;

Er achtet sie und lässt sie's nicht entgelten,

Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.

Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?

Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn?

Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schützen? Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot.

Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, dass sie

Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei.

Leonore.

O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;

Betrachte, was noch einem jeden bleibt!

Was bleibt nicht dir, Prinzessin?

Prinzessin.

Was mir bleibt?

Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die

Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,

Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,

Und in Gesellschaft mancher Leiden musst'

Ich früh entbehren lernen. Eines war,

Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte,

Die Freude des Gesangs; ich unterhielt

Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.

Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst

Das traurige Gefühl zur Harmonie.

Nicht lang' war mir dies Glück gegönnt, auch dieses Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot

Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,

Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.

Leonore.

So viele Freunde fanden sich zu dir,

Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.

Prinzessin.

Ich bin gesund, das heißt: Ich bin nicht krank;

Und manche Freunde hab' ich, deren Treue

Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund—

Leonore.

Du hast ihn noch.

Prinzessin.

Und werd' ihn bald verlieren.

Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,

War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich

Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich

Ins Leben wieder, freute mich des Tags

Und der Geschwister wieder, sog beherzt

Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein.

Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten

Begegneten mir aus der Ferne. Da,

Eleonore, stellte mir den Jüngling

Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,

Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff

Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten.

Leonore.

O meine Fürstin, lass dich's nicht gereuen!

Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,

Der nimmer uns entrissen werden kann.

Prinzessin.

Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche,

Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,

Solange sie auf deinem Herde brennt,

Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,

Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren? Und frisst sie ungehütet um sich her,

Wie elend kann sie machen! Lass mich nun.

Ich bin geschwätzig, und verbärge besser

Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.

Leonore.

Die Krankheit des Gemütes löset sich

In Klagen und Vertraun am leichtsten auf.

Prinzessin.

Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;

Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.

Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen: Er scheide nur! Allein ich fühle schon

Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.

Die Sonne hebt von meinen Augenliedern

Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf, Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr

Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht; Mein erster Blick hinab in unsre Gärten Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.

Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch,

Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!

Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen

Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!

Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner

Zu immer reinern Harmonien auf.

Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein!

Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl

Des hohen Tags, der tausendfachen Welt

Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief

Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt.

Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;

Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte, Und, glücklich eingeschifft, trug uns der Strom

Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:

Nun überfällt in trüber Gegenwart

Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.

Leonore.

Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder

Und bringt dir neue Freude, neues Glück.

Prinzessin.

Was ich besitze, mag ich gern bewahren:

Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum.

Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie

Begierig in den Lostopf fremder Welt,

Für mein bedürfend unerfahren Herz

Zufällig einen Gegenstand zu haschen.

Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn;

Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben

Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.

Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm!

Ich wich und wich und kam nur immer näher,

So lieblich angelockt, so hart bestraft!

Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,

Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist

Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter.

Leonore.

Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann,

So wird die stille Kraft der schönen Welt,

Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.

Prinzessin.

Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite

Bewegt sich so viel Gutes hin und her.

Ach, dass es immer nur um einen Schritt

Von uns sich zu entfernen scheint

Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben

Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt! So selten ist es, dass die Menschen finden,

Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,

So selten, dass sie das erhalten, was

Auch einmal die beglückte Hand ergriff!

Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,

Wir lassen los, was wir begierig fassten.

Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:

Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen.

 

Dritter Auftritt

Leonore (allein).

Wie jammert mich das edle, schöne Herz!

Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt!

Ach sie verliert—und denkst du, zu gewinnen?

Ist's denn so nötig, dass er sich entfernt?

Machst du es nötig, um allein für dich

Das Herz und die Talente zu besitzen,

Die du bisher mit einer andern teilst

Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln? Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?

Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit, Das hast du alles, und du willst noch ihn

Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?

Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.—

Wie reizend ist's, in seinem schönen Geiste

Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück

Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt?

Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,

Du hast das nicht allein, was viele wünschen;

Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast!

Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,

Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks.

Ist Laura denn allein der Name, der

Von allen zarten Lippen klingen soll?

Und hatte nur Petrarch allein das Recht,

Die unbekannte Schöne zu vergöttern?

Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich

Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,

So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.

Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens

Ihn an der Seite haben! So mit ihm

Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!

Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts

Auf dich und nichts der freche Ruf,

Der hin und her des Beifalls Woge treibt:

Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied.

Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.

Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts:

Denn ihre Neigung zu dem werten Manne

Ist ihren andern Leidenschaften gleich.

Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds

Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht,

Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust

Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,

Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß,

Wie sie genoss, wenn sie ihn täglich sah.

Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht

Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:

Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.

So soll es sein!—Hier kommt der raue Freund:

Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können.

 

Vierter Auftritt

Leonore. Antonio.

Leonore.

Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch, Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,

Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,

Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit

Die Hände segnend hebt und eine Welt

Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.

Antonio.

Ich muss den Tadel, schöne Freundin, dulden,

Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon. Es ist gefährlich, wenn man allzu lang

Sich klug und mäßig zeigen muss. Es lauert

Der böse Genius dir an der Seite

Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit

Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal

Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.

Leonore.

Du hast um fremde Menschen dich so lang

Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:

Nun, da du deine Freunde wieder siehst,

Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.

Antonio.

Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!

Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen, Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck

In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;

Allein bei Freunden lässt man frei sich gehen:

Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt

Sich eine Laune, ungezähmter wirkt

Die Leidenschaft, und so verletzen wir Am ersten die, die wir am zärt'sten lieben.

Leonore.

In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich

Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.

Antonio.

Ja, mich verdrießt—und ich bekenn' es gern—

Dass ich mich heut so ohne Maß verlor.

Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann

Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt

Und spät am Abend in ersehnten Schatten

Zu neuer Mühe auszuruhen denkt

Und findet dann von einem Müßiggänger

Den Schatten breit besessen, soll er nicht

Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen?

Leonore.

Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch

Den Schatten gern mit einem Manne teilen,

Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht

Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht.

Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt, Und keiner braucht den andern zu verdrängen.

Antonio.

Wir wollen uns, Eleonore, nicht

Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.

Gar viele Dinge sind in dieser Welt,

Die man dem andern gönnt und gerne teilt;

Jedoch es ist ein Schatz, den man allein

Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,

Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten

Mit gutem Willen niemals teilen wird—

Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen: Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.

Leonore.

Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du

Für seine Mühe, seine schöne Dichtung

Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können. Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,

Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,

In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,—

Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,

Mit einem holden Zeichen nur belohnt;

Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,

Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.

Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,

Das der Verehrer unfruchtbare Neigung

Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld

Aufs leichtste sich entlade. Du missgönnst

Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein

Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss,

Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,

Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.

Antonio.

Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund

Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?

Leonore.

Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen,

Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,

Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise

So sehr wie andre, dass man ihm die Güter,

Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.

Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom

Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.

Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,

Mit dem du deine Freunde dir verbindest,

Ist wirkend, ist lebendig, und so muss

Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.

Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun,

Das auf den Schultern dir, als liebe Last,

Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist

Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.

Antonio.

Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:

Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?

Leonore.

Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht, Und leichter wäre sie dir zu entbehren,

Als sie es jenem guten Mann nicht ist.

Denn sag': Geläng' es einer Frau, wenn sie

Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,

Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme?

Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;

Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,

Du hast, was man dir geben möchte. Jener

Beschäftigt uns in unserm eignen Fache:

Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die

Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.

Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid

Mit etwas Stickerei, das trägt er gern.

Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann

Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,

An seinem Leib nicht dulden, alles soll

Ihm fein und gut und schön und edel stehn.

Und dennoch hat er kein Geschick, das alles

Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,

Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm

An Geld, an Sorgsamkeit. Bald lässt er da

Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie

Von einer Reise wieder, dass ihm nicht

Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald

Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,

Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.

Antonio.

Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.

Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel

Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,

Den Knaben noch als Mann zu spielen, der

Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!

Du müsstest mir verzeihen, schöne Freundin,

Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.

Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,

Und dass er klüger ist, als wie man denkt.

Er rühmt sich zweier Flammen! Knüpft und löst Die Knoten hin und wieder und gewinnt

Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's

Zu glauben?

Leonore.

Gut! Selbst das beweist ja schon,

Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt;

Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten, Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,

Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben

Im holden Traum für seine Freunde lebt?

Antonio.

Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,

Lasst seine Selbstigkeit für Liebe gelten,

Beleidigt alle Freunde, die sich euch

Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen

Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz

Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!

Leonore.

Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,

Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;

Wir wünschen ihn zu bilden, dass er mehr

Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen

Den andern geben könne. Was an ihm

Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.

Antonio.

Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre.

Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,

Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald

Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz

Die Welt in seinem Busen, er sich ganz In seiner Welt genug, und alles rings

Umher verschwindet ihm. Er lässt es gehn,

Lässt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich—

Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke

Die Mine zündet, sei es Freude, Leid,

Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:

Dann will er alles fassen, alles halten;

Dann soll geschehn, was er sich denken mag;

In einem Augenblicke soll entstehn,

Was jahrelang bereitet werden sollte,

In einem Augenblick gehoben sein,

Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.

Er fordert das Unmögliche von sich,

Damit er es von andern fordern dürfe.

Die letzten Enden aller Dinge will

Sein Geist zusammenfassen; das gelingt

Kaum einem unter Millionen Menschen,

Und er ist nicht der Mann: Er fällt zuletzt,

Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.

Leonore.

Er schadet andern nicht, er schadet sich.

Antonio.

Und doch verletzt er andre nur zu sehr.

Kannst du es leugnen, dass im Augenblick

Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,

Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst,

Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt?

Zwar augenblicklich nur; allein genug,

Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht

So wenig seinen Mund als seine Brust.

Leonore.

Ich sollte denken, wenn er sich von hier

Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt'

Es wohl für ihn und andre nützlich sein.

Antonio.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt Ist nicht daran zu denken; denn ich will

Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;

Es könnte scheinen, dass ich ihn vertreibe,

Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen

Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;

Und wenn er sich mit mir versöhnen will,

Und wenn er meinen Rat befolgen kann,

So werden wir ganz leidlich leben können.

Leonore.

Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken,

Das dir vor kurzem noch verloren schien.

Antonio.

Wir hoffen immer, und in allen Dingen

Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn

Wer kann das mögliche berechnen? Er

Ist unserm Fürsten wert. Er muss uns bleiben.

Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,

So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.

Leonore.

So ohne Leidenschaft, so unparteiisch

Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.

Antonio.

Das Alter muss doch Einen Vorzug haben,

Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,

Es doch sich auf der Stelle fassen kann.

Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen,

Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir.

Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde,

Und alles wieder bald im Gleichen sei.

Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur

Von dir erfahre, dass er ruhig ist,

Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart

Das Übel nicht vermehrt. Doch, was du tust,

Das tu' in dieser Stunde; denn es geht Alphons heut' Abend noch zurück, und ich

Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.

 

Fünfter Auftritt

Leonore (allein).

Für diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins:

Mein Vorteil und der deine gehen heut

Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit

Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!

 

Vierter Aufzug

(Zimmer.)

 

Erster Auftritt

Tasso (allein).

Bist du aus einem Traum erwacht, und hat

Der schöne Trug auf einmal dich verlassen?

Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust

Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun

Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,

Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin, Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten? Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht

Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?

Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an,

Du fühlst dich an, und weißt nicht, ob du lebst.

Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,

Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?

Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?

Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?

Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen, Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt:

Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt. Ich ging mit offnen Armen auf ihn los

Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust.

O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,

Wie ich den Mann empfangen wollte, der

Von alten Zeiten mir verdächtig war!

Allein was immer dir begegnet sei,

So halte dich an der Gewissheit fest:

Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!

Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!

Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,

Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht

Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück!

Und hob mein Geist sich da zu schnell empor

Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen

Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,

So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst

Auf ewig das Geschick des Lebens hin.

Ich widmete mich ihr und folgte froh

Dem Winke, der mich ins Verderben rief.

Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt

Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt,

In dieser Stunde selbst erquickt, die mir

Die schwarze Pforte langer Trauerzeit

Gewaltsam öffnet.—Ja, nun ist's getan!

Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst

Auf einmal unter; seinen holden Blick

Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier

Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn.

Das hässliche zweideutige Geflügel,

Das leidige Gefolg' der alten Nacht,

Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt. Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,

Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,

Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?

Zweiter Auftritt

Leonore. Tasso.

Leonore.

Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat

Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?

Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt.

Und deine Sanftmut, dein gefällig Wesen,

Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,

Mit dem du jedem gibst was ihm gehört,

Dein Gleichmut, der erträgt, was zu ertragen

Der Edle bald, der Eitle selten lernt,

Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe—

Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.

Tasso.

Und wenn das alles nun verloren wäre?

Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt, Auf einmal du als einen Bettler fändest?

Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst, Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war.

Es scheint ein Rätsel, und doch ist es keins.

Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut,

Dein Auge, dein Gemüt mit seinem Schein

Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage

Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin.

Ich bin vom Glanz des Tages überschienen,

Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.

Leonore.

Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht, Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir.

Hat die Beleidigung des schroffen Manns

Dich so gekränkt, dass du dich selbst und uns

So ganz verkennen magst? Vertraue mir.

Tasso.

Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst

Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.

Die Knoten vieler Worte löst das Schwert

Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.

Du weißt wohl kaum—erschrick nicht, zarte Freundin— Du triffst den Freund in einem Kerker an.

Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler.

Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.

Leonore.

Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.

Tasso.

Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind,

Dass solch ein Fall mich gleich zerrütten könne? Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief,

Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet.

Lass meine Neider meine Feinde nur

Gewähren! Frei und offen ist das Feld.

Leonore.

Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,—

Ich habe selbst mich überzeugen können—

Und auch Antonio feindet dich nicht an,

Wie du es wähnst. Der heutige Verdruss—

Tasso.

Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur

Antonio, wie er war, und wie er bleibt.

Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit,

Und dass er immer nur den Meister spielt.

Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist

Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle,

Belehrt er dich von manchem, das du besser

Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort,

Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen. Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen,

Der lächelnd dich zu übersehen glaubt!

Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,

Dass ich nur duldend gegenlächeln sollte.

Früh oder spät, es konnte sich nicht halten, Wir mussten brechen; später wär' es nur

Um desto schlimmer worden. Einen Herrn

Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt,

Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister. Frei will ich sein im Denken und im Dichten:

Weiter: Teil 3 von 3