Umbruch, legendäre Zeiten

Aldric A. · Kapitel 1 von 3

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Umbruch, legendäre Zeiten

Prolog: Sternenklar

Aldric A.

 

Umbruch

 

oder - legendäre Zeiten

Prolog: Sternenklar

Von richtig alten Männern sagt man oftmals, sie seien unglaublich konservativ, würden Neuerungen nicht begrüßen und an Altem festhalten. Im Falle des königlichen Astronoms stimmte dieses Vorurteil vollkommen. Seinen weißen, langen, vollen Bart trug er offen und unverhohlen, obwohl ein solcher deutlich gegen die neue, am Hofe gängige Mode ging – aber das war ihm egal. Ihm konnte es auch egal sein, denn im Gegensatz zu den meisten anderen königlichen Dienern musste er nicht ständig am Hof herumstolzieren. Nein, er hatte seinen kleinen, wenngleich feinen Turm auf einem Hügel gleich außerhalb von Weißthron, der Hauptstadt, und eine Hütte am Fuße des Hügels. Ein wenig Bewegung schadet nicht, hatte er sich wohl einer der Astronomen vor ihm gedacht, und seitdem ist die Hütte nicht verschoben worden. Der jetzige Astronom hatte nie viel davon gehalten am Abend einen Hügel hochsteigen zu müssen, aber Tradition war Tradition, daran hielt er sich. Meckern darf man, aber ändern? Bloß nicht.

So saß er also in dem großen Brokatsessel am gewaltigen Teleskop, und starrte in den finsteren Himmel hinein. Für gewöhnlich musste er nur die Bahnen der Himmelsgestirne überprüfen, und schauen wie lange die Jahreszeiten wohl andauern würden. Er machte seine Arbeit gewissenhaft, sah jeden Tag nach um die Berechnungen zu überprüfen. Doch nicht heute. Heute war er nämlich nicht alleine in seinem Turm. Ein wesentlich jüngerer Mann stand neben seinem Sessel, und wartete auf die Worte des Greises. Der junge Mann hatte keine Schmerzen in den Knochen vom Aufstieg zum Turm, ja, er war nicht einmal außer Atem. Die Jugend von heute… kein Anstand mehr. Er könnte ja wenigstens so tun als ob.

Der Blick wurde vom Teleskop abgewandt, und auf das Blatt überführt, welches der Alte in der Hand hielt. Natürlich mit einem leichten Räuspern, das in Husten überging… der junge Mann wünschte ihm nicht einmal eine rasche Besserung. Tse. Als ob er wüsste, dass es am Alter liegt.

„Hmhm.“,

grummelte der Alte, und strich sich gedankenverloren über der langen Bart. Dann sah er prüfend den jungen Mann an und wandte sich wieder dem Teleskop zu. Der Jüngling war sein Schüler. Die letzten Monate hatte er den Alten in dessen Hütte besucht und von ihm das Errechnen der Bahnen gelernt. Hatte sich stundenlang mit Himmelskarten befasst, überraschend schnell dazugelernt und sich oft als fähig erwiesen. Nun war es an der Zeit ihn seiner großen Prüfung zu unterziehen. Der Greis hat ihm alle Unterlagen gegeben die nötig waren, und dann einen Tag Zeit gelassen um die Position von fünfzig Gestirnen vorherzusagen. Ausnahmsweise enttäuschte der Schüler diesmal nicht durch seinen fehlenden Anstand, sondern durch Fehler. Der Stern war nicht dort, wo der Jüngling ihn angegeben hatte.

„Hrrrm.“,

lautete das Fazit, und der nächste Stern wurde überprüft. Wieder falsch. Aber das waren die Bahnen, die schwieriger zu berechnen waren. Es gab auch einige, die konnte der Greis bestimmen ohne überhaupt in die Unterlagen schauen zu müssen. Und so kontrollierte er die. Der Schüler hatte ziemlich genau gerechnet, und das Ergebnis sah sehr gut aus. Ein Blick ins Teleskop…

„Hm?“

Der Stern war nicht dort, sondern daneben. Da, wo er eigentlich überhaupt nicht sein sollte. Erneut ein Blick in die Unterlagen des Schülers. Ausgangsposition, Vektor, Geschwindigkeit, voraussichtliche Bahnneigung… alles richtig. Der Alte brauchte keinen Abakus um eine solch banale Rechnung zu überprüfen. Alles richtig. Und doch…

„Meister?“

„Ja, ja, hetz mich nicht. Reich mir mal den zwölften Sternkatalog.“

Der Schmöker wurde angeschleppt, und landete auf dem Tisch neben dem Alten. Die nötige Stelle wurde aufgeschlagen und die Werte überprüft. Alles richtig. Aber der Stern war nicht dort!

„Gah!“,

rief der alte und setzte nach einer kurzen Pause hinzu:

„Unmöglich.“

„Was habt Ihr?“

„Der Stern, er ist nicht da wo er sein soll. Hast du mein Teleskop verstellt?“

„Nein, ganz bestimmt nicht!“

„Meh.“,

erwiderte der Greis, und überprüfte die anderen Sterne. Alle waren woanders… die Gestirne drehten sich in eine neue, andere Richtung! Unerhört. Nicht einmal die Sterne hatten genug Anstand um mit derlei Späßen zu warten bis der Astronom tot war. Eine Frechheit!

„Ich werde mir das von daheim ansehen. Mein Teleskop dort hast du bestimmt nicht angefasst.“

Soviel dazu. Eigentlich war der Schüler ja ganz fleißig und ordentlich… ein solcher Ausrutscher lag eigentlich nicht in dessen Natur. Ein Blick aus den strengen Augen offenbarte, dass der junge Mann sich gerade zutiefst betreten fühlte. Na, zeigte er doch mal ein wenig Anstand! Gerade wollte er den Schüler entlassen, da stockte der Alte. Der Bart wurde wieder gekrault und die kleine Mütze vom Kopf genommen. Konnte das sein? Hatte…? Unmöglich, völlig unmöglich. Energisch wurde wieder das Sternrohr ergriffen, und der Stern gesucht an dem man es festmachen könnte. Der Nordstern, ein Stern der sich nie verschob. Wenn er auch woanders war, dann stimmte das Teleskop nicht. Falls aber doch, dann…

„Dieser räudige Windhund. Ich hätt‘ es wissen müssen.“

„Wie bitte?“

Der Greis lehnte sich zurück. Der Nordstern ist nicht gewandert. Die anderen Sterne sind es. Das Firmament verschob sich.

„Kleiner, ein Rat für die Zukunft… habe immer die richtigen Freunde. Ich habe einen, den lernte ich vor vielen, vielen Jahren kennen. Ein Kämpfer, sagen manche. Einer der Besten. Ich sage, er ist ein Gelehrter. Er hat mir gesagt, ich soll ihm eine Nachricht zukommen lassen, wenn der Himmel was sehr, sehr seltsames zeigt. Ich habe ihm erklärt, da oben gibt es nichts seltsames, nur ein paar Kometen hin und wieder. Er hat nur gelacht. Jetzt sehe ich, was er gemeint hat…“

„Was denn?“

„Die Sterne, mein Junge. Die Sterne sind gewandert. Auf neuen Pfaden gewandert! Das ist seit den Aufzeichnungen von vor… wie lange? Vierhundert Jahren glaube ich... Ja, seit vierhundert Jahren nicht passiert. Er wusste, dass das kommt. Woher? Und was hat das zu bedeuten?“

„Meister… habe ich bestanden?“

„Du bist gut im Katalogisieren, Junge. Rechnen kannst du auch, aber das werde ab jetzt ich übernehmen, denn wir müssen herausfinden was das alles zu bedeuten hat. Wenn die Sterne ihre Richtung ändern, dann müssen wir schnellstens herausfinden wozu das führt… und anderen Bescheid geben, damit sie herausfinden können woran das liegt.“

„Woran hat es denn damals gelegen?“

„Lernt Ihr jungen Leute das nicht mehr zu Beginn eurer Lehren an der königlichen Akademie? Das weiß doch jeder! Vor vierhundert Jahren… da… da… hm.“

Der Greis brummte etwas unverständliches, lehnte sich zurück und kratzte die faltige Stirn.

„Ich muss es... verdrängt haben. Ist ja auch egal, wir müssen uns um das Hier und Jetzt kümmern. Den Rest erledigt Sal schon. Hol mir eine Brieftaube, ich muss eine Nachricht an ihn schreiben. Und an den Königshof. Die Sterne bewegen sich… ah, das wird nicht gut. Gar nicht gut.“