Umbruch, legendäre Zeiten

Aldric A. · Kapitel 3 von 3

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Umbruch, legendäre Zeiten

Ende einer Ära

All die Männer in der Nordwacht wussten, dass es dazu kommen würde, nur hatte Niemand so früh schon mit dem Angriff gerechnet. War der Pass so früh bereits passierbar? Die Kundschafter behaupteten er sei noch geschlossen. Nun, so konnte man sich irren.

Sal lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln.

„Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mir einmal die Zeit nicht reicht?“,

murmelte er, und strich Valin durch die dichten, braunen Haare.

„Sal… du verabschiedest dich. Denkst du, du wirst sterben?“

Das war viel zu offensichtlich um ignoriert zu werden, und die Frage war eigentlich überflüssig. Doch manche Dinge mussten angesprochen werden…

„Nein. Ich weiß es. Dass die Nordmänner jetzt schon kommen kann nur eines bedeuten. Und eines führt zum anderen. Ich könnte natürlich fliehen. Ich könnte mich verstecken. Doch das würde die Sache nur aufschieben. Ich hoffe nur, dass mein Freund Recht hatte. Wenn die Sterne richtig stehen, dann müsste die Nordwacht stehen bleiben.“

„Wovon redest du…?“

„Der königliche Astronom. Aber das ist nicht dein Problem. Du musst auf Vincas aufpassen. Nur gemeinsam werdet Ihr das Ganze in Ordnung bringen können, ich habe alles getan was in meiner Macht stand um Euch diese Möglichkeit zu geben. Und nun los, die Männer versammeln sich schon. Schnapp dir deine Klingen und ab mit dir nach unten. Im Falle eines Kampfes hat der Herr der Feste den Oberbefehl. Na los, lauf!“

Es war wieder ein Befehl, und diesmal wollte Valin sich dagegen stellen. Er wollte Sal noch Dinge fragen… aber er konnte nicht. Als hätte er keine Kontrolle über seinen Körper griff er nach seinen Klingen, und ging zur Tür. Ein letzter Blick zurück wurde geworfen, und Sal gesehen, wie er auf den Boden starrte.

„Wir müssen zu unseren Pferden.“

Beschloss einer der Gardisten, und der andere nickte.

„Nein.“

„Aber…“

„Ich sagte nein. Und solange mein Vater nichts anderes befiehlt, ist mein Wort für Euch Gesetz.“

So beendete die Prinzessin die aufkommende Diskussion, und gönnte sich noch ein Stück frisches Brot. Vincas wusste nicht so Recht was er von der Situation halten sollte. Die Nordstämme griffen an, und er wollte nicht in der letzten Reihe stehen, wenn sie ankamen. Den ersten Angriff würden sie mit Sicherheit abwehren können…

„Vincas, richtig?“

„Ja?“

„Dein Meister hat gesagt du sollst bei uns bleiben?“

„Er ist nicht mein Meister, er ist mein Mentor! Und ja, hat er…“

„Kommt auf das Gleiche raus. Achte seinen Befehl. Die Barbaren werden die Festung nicht stürmen, sondern versuchen an ihr vorbei zu kommen, richtig?“

Einer der Gardisten beantwortete die Frage bevor Vincas auch nur zum Sprechen ansetzen konnte:

„Ja. Das war ihre Taktik in den letzten Jahren. Sie brauchen keine Versorgungslinien, da sie wissen dass wir hier ohnehin mehr zu essen haben, und es sie zu viele Männer kosten würde die Festung einzunehmen.“

„Dann wird es also ein Kampf auf offenem Felde. Wir werden auf die Zinnen steigen, von dort haben wir eine gute Übersicht.“

 

„Formation annehmen!“

Rief der Herr der Festung, der auf einem Ross versuchte der Söldner draußen Herr zu werden. Alle hatten unterschiedliche Taktiken und Manöver gelernt, viel Zeit zum gemeinsamen Üben ist ihnen nicht vergönnt gewesen. Vincas stand auf der Mauer, neben einem der Gardisten. Sie ließen ihn nicht mehr neben die Prinzessin, aber das war jetzt auch verständlich.

„Vincas?“

Der Ruf kam von unten, und Vincas wusste wer da rief. Valin schien auf dem Weg nach draußen zu sein, zu der Formation… aber nun ist er stehen geblieben, und sah zu Vincas hoch. Für gewöhnlich würde ihn um diese Zeit die Sonne blenden, doch der Himmel war grau und wolkenverhangen.

„Valin! Komm hoch!“

„Ich muss zum Fel…“

Dann fiel Valin ein, dass Sal gesagt hatte, er müsse auf Vincas aufpassen. Und solange der Herr der Feste keinen anderen Befehl gab, würde er sich an den von Sal halten. So wie er sich verabschiedet hatte konnte Valin das nicht einfach beiseiteschieben. Außerdem musste er Vincas davon berichten. Immerhin war Sal doch sein Onkel!

„Gut, ich komme!“

„Ist dein Freund ein Angsthase?“,

fragte die Prinzessin, und Vincas bedauerte es zutiefst ihren Stand zu kennen. Einer einfachen Abgesandten hätte er gerade eine Antwort verpasst, die sie nicht so schnell verdaut hätte. Ganz gleich wie viele Gardisten um sie herum ständen. Aber eine Prinzessin… DIE Prinzessin…

„Sprecht nicht so von ihm. Er hat alles, seinen Status, seine Familie und sein Erbe aufgegeben, nur um sich für den Frieden einzusetzen. Hat sich einem Duell gestellt, von der wusste dass er es nicht gewinnen konnte… nur für eine Idee. Nennt ihn nicht wieder einen Angsthasen.“

Vincas ist nie gut darin gewesen seinen Zorn oder sonstige Gefühle zu verbergen, und sich so zu beherrschen war für ihn bereits eine große Leistung. Die Prinzessin hielt aber selbst scheinbar nicht viel vom höfischen Protokoll, und ließ ihm diese recht ruhig vorgetragenen Worte unkommentiert durchgehen. Bedeutete sogar ihren Gardisten mit einem Kopfnicken Vincas nicht gleich in seine Schranken zu weisen.

„Vincas… hast du Sal gesehen? Er muss nach mir herausgekommen sein, er…“

„Er steht schon lange dort.“,

merkte Vincas an, und zeigte auf die Linien der Söldner, die sich zu einer Mauer verdichteten. Sie mussten die Nordmänner aufhalten, ehe diese den Ausgang des Passes passieren konnten – sonst würden sie einfach an der Armee vorbei in das Königreich hineinrennen können. Und selbst einer könnte ein Dorf oder eine Stadt in Brand stecken… das Problem an dieser Taktik: Man konnte die Angreifer nicht von der Mauer der Feste aus abschießen. Bestenfalls vom Ausguck aus, aber da passten nur zwei Männer hin… allerdings wurde die Stellung auch genutzt. Bogenschützen mussten sich auch auf dem offenen Feld, hinter den Nahkämpfern aufstellen. Vincas sah die Probleme, die sich dem kleinen Heer aus Söldnern stellten. Zu viele Unterschiede. Wenn man der ganzen ersten Reihe Turmschilde in die Eine, und Piken in die andere Hand drücken würde, dann könnte man eine sichere Frontlinie errichten. So wie sie da standen… sah das nach einem heillosen Durcheinander aus. Valin fiel das auch auf, und er bekam Mitleid mit dem Herrn der Festung der versuchte wenigstens ein gewisses Maß an Ordnung in die Formation zu bringen…

Und dann kamen sie. Erst Schatten, dann Silhouetten, dann konnte man die Männer erkennen. Damals, in Sonnfeld, hatte Sal nicht gelogen. Sie waren tatsächlich größer als die Meisten aus dem Königreich. Was er nicht erwähnt hatte, war dass die Nordlinge sich scheinbar nicht groß um Rüstungen kümmerten. Man konnte keine einzige Plattenrüstung ausmachen. Dafür aber Äxte. Und Hämmer. Meist sogar einfach in Paaren geführt, ohne Schild.

„Bebt… bebt etwa der Boden?“

Die Prinzessin war dadurch scheinbar durchaus verunsichert.

„Ja. Die Nordmänner sind groß und schwer, wenn sie rennen dann erzittert die Erde nun mal. Das machten sich Baumeister zunutze, und haben lange runde Tunnel unter den Pass gegraben, an deren Ende sie Leder trommelartig gespannt haben. So kann man die Horde schon bemerken, bevor man sie sieht. Und jeder Augenblick ist wichtig, wie Ihr seht.“,

beantwortete ein Gardist die Frage, und deutete auf die Schlachtformation. Das Chaos war nun halbwegs beseitigt, aber manche schienen Angst zu bekommen, und sich abdrehen zu wollen. Sie wurden aber sofort zurück auf ihre Plätze geschubst… noch kam es zu keiner Fahnenflucht.

„Was… sie halten inne?“,

fragte Vincas, und schaute auf die Horde. Tatsächlich, die Nordmänner blieben stehen… außerhalb der Reichweite der Bögen, wie es sich herausstellte. Ein einzelner von ihnen löste sich aus der Masse, und kam auf die Armee zu. Er rief etwas, und obwohl die Worte sogar auf die Entfernung laut und deutlich klangen, konnten weder Vincas noch Valin sie verstehen. Im Heer verstand sie scheinbar auch Niemand, denn alle sahen sich nur gegenseitig an, scheinbar ratlos. Dann löste sich eine Figur aus der ersten Reihe, und trat vor. Valin war nicht überrascht zu erkennen, dass es Sal war.

„Ist das nicht euer Mentor?“

„Ist er. Und er hat wohl gewusst, dass das passiert… was auch immer ‚das‘ ist.“

„Wie meinst du das?“

Vincas wandte sich ruckartig zu Valin um, und erhielt seine Antwort…

„Er hat sich verabschiedet. Eben, in der Kammer. Hat gemeint, er könne ohnehin nicht wirklich weglaufen.“

„Das… macht keinen Sinn.“,

meinte Vincas, und schüttelte den Kopf. Dann rief Sal etwas, genauso laut wie der Barbar, und scheinbar auf dessen Sprache. Dann wandte er sich zu dem Heer, und rief:

„Das ist ein Duell. Er fordert mich heraus, und ich nehme an. Niemand soll sich einmischen. Sollte er sterben, werden sie augenblicklich angreifen. Sollte ich sterben, ziehen sie sich vorerst zurück und werden morgen angreifen.“

„Wer ist euer Mentor, dass er die Sprache kennt und von ihnen zum Duell herausgefodert wird?“

„Ein geachteter Mann… und ein Meister mit den Zwillingsklingen. Außerdem mein Onkel…“,

gab Vincas trocken zurück, und erklärte damit das Gespräch für beendet. Aller Augen ruhten auf Sal und dem Barbaren, wie sie aufeinander zuschritten. Sal zog seine Klingen, und der Barbar ließ seine Zwillingsäxte kreisen. Valin und Vincas hatten selten, aber doch ein paar Mal gesehen wie Sal kämpfte. Es war etwas Erschreckendes darin, wie leicht er die Klingen wirbeln ließ, und allen Schlägen, Hieben und Stößen auswich… oder sie parierte. Sogar ohne hinzusehen. Seine Kämpfe waren von Anfang an entschieden, die Widersacher konnten tun was sie wollten, sie fielen. Die Klingen trafen immer ihr Ziel. Aber konnte man eine so gewaltige Axt überhaupt parieren? Konnte man einem Mahlstrom aus zwei solcher Äxte überhaupt lange genug ausweichen? Würde der Hüne den Schmerz von Schnitten überhaupt wahrnehmen? Ja. Auf alle Fragen. Sal bewies, dass er nicht umsonst dem Orden der Doppelklingen angehörte, und dass das Duell tatsächlich eine der Stärken des Ordens war. Eine Drehung jagte die Nächste, ein Wirbel aus Mantel und Stahl, dem man mit den Augen kaum folgen konnte. Bald blutete der Nordmann aus so vielen Wunden, dass man es selbst von den Zinnen aus gut erkennen konnte. Doch ihm stand nicht der Sinn danach, aufzugeben. Seine Äxte schnitten durch die Luft, mit Wucht geführt und voller wilder Stärke suchten sie ihr Ziel.

Und sie fanden es. Kein Schrei war zu hören, als eine Axt Sals Bein erwischte, und er fiel. Mit einer Hand bewahrte Sal sich davor vollständig auf den Boden zu schlagen, mit der anderen parierte er noch einen nachfolgenden Hieb. Der Nordling schien nicht viel von dem ritterlichen Ideal zu halten seinen Gegner wieder auf die Beine kommen zu lassen, und schlug wieder zu. Sal ließ sich fallen, streckte seine Klinge empor… was ihn nicht davor bewahrte, dass die rechte Axt des Barbaren ohne Erbarmen herabfuhr und sein Leben auslöschte. Doch die Klinge des Söldners hatte aber auch nicht die Parade zum Ziel, sondern war auf die Kehle des Feindes gerichtet. Ein letzter Schlag, der den Gegner mit ihm in den Tod befördern sollte... die Klinge, die stets und immer ihr Ziel fand, tat ihrem Herrn einen letzten Dienst und traf. Der Nordling blieb ein paar Augenblicke stehen, dann brach er neben Sal zusammen. Der Himmel erwies den Duellanten die letzte Ehre, und ließ ein Donnergrollen erschallen das tausendfach an den Wänden des Nordpasses wiederhallte.

„Nein.“

Vincas sah mit weit geöffneten Augen auf die Szene, die sich ihm bot… und schüttelte den Kopf. Was vorging verstand er so wenig wie die Meisten, aber eines wusste er mit Bestimmtheit: Sal war für ihn mehr ein Vater gewesen, als sein richtiger Vater es jemals gewesen ist. Auch wenn der Söldner oft auf Reisen war, auch wenn die Gespräche mit ihm selten lang gewesen sind, so ist er doch der Ankerpunkt seines Lebens gewesen. Jemand der immer Rat wusste, der alles erklären konnte, der alles kannte und immer weiterwusste. Nun war er tot. Weg. Auf immer…

„Nein.“

Doch diesmal kam das Wort Vincas nicht leise über die Lippen, sondern voller Ingrimm. Seit sie aus Sonnfeld, seiner Heimat, geflohen waren hatte Vincas nie viel darüber gesprochen, nie Briefe zurück geschrieben, nichts. Er hatte allen Gram tief vergraben, doch nun war es zu viel. Sein Onkel… Sal… getötet von einem Wilden.

„Nein! So nicht!“,

rief Vincas, ältester seiner Generation im Hause Rothe, und löste sich zornerfüllt von der Zinne an der er stand. Die Barbaren würden dafür zahlen. Bluten. ER würde sie dafür bluten lassen. Und die Göttin würde ihm helfen. Doch Vincas war nicht der Einzige, dem Sal etwas bedeutet hatte. Valin verdankte ihm sein Leben… ihm und Vincas. Er hatte ein Leben geschenkt bekommen, und das nicht nur was die Zeit anging die er zu verleben hatte. Dank Sal hatte er eine Aufgabe im Leben bekommen, nachdem sein vorheriges Leben in Sonnfeld zugrunde gegangen ist. Und Sal hatte nie etwas als Gegenleistung verlangt. Nie… bis vor wenigen Minuten. So trat auch Valin zurück, und stellte sich Vincas in den Weg.

„Valin… tritt zur Seite. Ich werde herabsteigen, durch das Tor gehen, an unserer Streitmacht vorbeischreiten und diese Barbaren zerschneiden bis das sie Staub sind. Sie haben Sal getötet, Valin! Deinen Mentor! Meinen Onkel. Lass mich vorbei.“

Vincas unterdrückte seinen Zorn so gut er konnte – Valin war nicht sein Feind, und das wusste er. Aber er wollte vorbei. Er musste.

„Vergiss es.“,

entgegnete Valin ihm, so entschlossen er nur konnte. Sonderlich gut gelang es ihm nicht, aber er wollte Sals Bitte erfüllen. Er musste.

„Vergiss es, Vincas. Ich habe Sal versprochen dass ich das nicht tun würde. Es war sein letzter Wunsch, und den werde ich nicht ignorieren.“

Die Worte wirkten, und der Ärger wich aus Vincas‘ Gesichtszügen. Zwar nicht vollständig, aber nun dominierte die Verständnislosigkeit seine Miene.

„Seinen letzten Wunsch?“

Valin überlegte wie er es Vincas am besten erklären konnte, dass Sal ausgerechnet Valin erklärt hatte er habe sich um Vincas zu kümmern… und ihn vor den Pfaden der Göttin fernzuhalten. Glücklicherweise wurde er aus der brenzligen Lage befreit.

„Seht doch… sie ziehen sich zurück!“

Die Prinzessin zeigte auf die Streitmacht der Nordlinge, die sich tatsächlich in langsam und ruhig auf dem Rückzug befanden.. Sie hatten sich wohl dafür entschieden erst morgen anzugreifen. Ihren gefallenen Duellanten hatten sie natürlich mitgenommen. Vincas sah ein, dass es sinnlos war sich jetzt noch auf die Feinde stürzen zu wollen und senkte die Schultern. Seine Rage wich der zurückgehaltenen Trauer, und er senkte den Blick. Valin sagte nichts, denn er wusste was gerade in Vincas vorging… also legte er ihm einfach eine Hand auf die Schulter, und beide traten zurück zu den Zinnen. Sie schauten auf die sich zurückziehenden Nordlinge, auf die noch immer in Formation stehenden Söldner und auf Sal. Niemand sah die eine, einsame Träne die Vincas Wangen herunterrollte… aber Valin wusste das sie da war. Und er fühlte sich schuldig… schuldig, weil er keine vergoss.

 

„Er ist wirklich tot, nicht wahr?“

Es war bereits Nacht, und die beiden Lehrlinge lagen in ihren Betten. Die neue Kammer war bescheidener als die vorherige, kleiner, und hatte keinen Kamin… die Kälte kroch ihnen in die Knochen, und machte die miserable Stimmung nicht gerade besser. Sie hatten den gesamten Rest des Tages nicht mehr miteinander gesprochen, doch irgendwann kann man einfach nicht mehr schweigen.

„Ja…“,

antwortete Valin leise. Die Frage hatte ihn nicht verwundert, er selbst konnte kaum glauben dass Sal tatsächlich tot war. Irgendwo in seinem Inneren rechnete er damit dass der Söldner gleich die Tür aufreißen würde um sie zu überraschen… aber er verstand dass er das nie wieder tun würde. Er würde ihnen nie wieder ihre Fehler auf die Nase binden, er würde sie nie wieder für eine Narretei schelten und ihnen nie wieder aufzeigen wie groß der Unterschied zwischen Schein und Sein war.

„Ich wusste dass wir in einen großen Konflikt ziehen… dass es Tote geben würde. Aber irgendwie... habe ich mir nie IHN unter den Gefallenen vorgestellt.“

„Ich auch nicht. Keiner der Männer in der Feste hätte ihn besiegen können… ‚der geschickte Sal‘ nennen sie ihn nicht umsonst. Nannten…“

„Ja. Und doch hat es am Ende nicht gereicht. Die ganze Geschicklichkeit, die gesamte Erfahrung und alle Weisheit die er hatte haben ihn nicht retten können. Bloß weil dieser Nordling aus puren Muskeln bestand. Rohe Stärke ohne Ende hat gereicht um den größten Mann zu töten den ich kannte.“

„Möge er Ruhe finden…“

„Und Frieden.“

Eine Weile lagen sie da, versunken in ihren Erinnerungen. Die Söldner hatten ein kleines Fest veranstaltet, weil sie so gut davongekommen sind. Nur die Mitglieder der Doppelklingen hatten sich herausgehalten und einen Gedenkabend veranstaltet… sie achteten Sal sehr, aber Vincas und Valin hatten schnell gemerkt dass diese Söldner Sal eigentlich nie wirklich gekannt haben. Die Prinzessin hat sie dann gehen lassen. Sie war nicht so weltfremd wie Vincas es vermutet hatte, und hatte durchaus ein gewisses Maß an Mitgefühl. Auch wenn sie es gut zu verstecken wusste.

„Valin… was meintest du mit Sals letztem Wunsch?“

Die Frage musste ja kommen… Valin hatte genug Zeit gehabt sich auf sie vorzubereiten. Doch er hatte es nicht.

„Er hat gemeint, wir könnten das Ganze nur gemeinsam in Ordnung bringen, und ich soll deswegen auf dich aufpassen.“

„Auf mich aufpassen?“

„Ja. Er glaubte an die Geschichten um die Göttin, und wollte nicht dass du ihren Pfaden folgst.“

„… wieso? Wenn das Buch die Wahrheit berichtet…“

„Ich weiß nicht. Aber er schien ziemlich schlecht von dieser Göttin zu denken. Vielleicht ist ja einer seiner Freunde mal ihren Pfaden gefolgt? Keine Ahnung.“

„Möglich, möglich. Deswegen hast du mich auf der Mauer aufgehalten?“

„Ja. Das mit dem Aufpassen bezog sich auch auf dein Leben, nehme ich an. Und ich wusste nicht was passieren würde wenn du wirklich das Schlachtfeld betreten hättest. Aber dein Tod war fast gewiss.“

Vincas schwieg ein paar Augenblicke, und seufzte dann resignierend.

„Ja, gut möglich. Ich habe mich da zu sehr hineingesteigert. Habe sogar damit gerechnet, dass die Göttin sich mir zuwenden würde.“

Das hatte Valin nicht gewusst, und es gab ihm zu denken. Würde Vincas sein Leben wirklich einem Buch anvertrauen? Dem Versprechen Stärke zu bekommen?

„Tu das bitte nie wieder. Sal hat uns doch gelehrt uns über jeden unserer Schritte im Klaren zu sein… lass dich nicht unüberlegt zu etwas hinreißen. Erst recht nicht, wenn ich mal nicht da bin um dich aufzuhalten.“

„Ich werde es versuchen. Liegt wohl im Blut meines Vaters… aber, Valin, sag… was meinte Sal sollten wir in Ordnung bringen?“

„Irgendwas. Das Ganze. Was auch immer das Ganze sein soll. Du kennst ihn doch, er verrät seinen Plan erst, wenn es schon vorbei ist. Aber er hat noch etwas von einem Astronomen gesagt, und davon dass die Nordwacht verschont werden würde.“

„Wovor? Vor den Nordlingen?“

„Glaub mir, ich konnte aus seinem Gerede genauso wenig schlau werden. Wir werden es wohl sehen wenn es soweit ist.“

„Mhm. Was denkst du sollten wir morgen machen? Ich meine… unser Mentor ist tot. Wir haben keinen Befehlshaber, sozusagen. Aber ich habe nicht vor mich einem der anderen dort unten unterzuordnen. Sie haben nicht…“

„Dasselbe Format. Ja, ich weiß was du meinst. Im Vergleich zu Sal sind sie ein Witz, und noch nicht mal ein lustiger. Ich würde sagen wir kümmern uns vorerst um den Auftrag den er uns gegeben hat.“

„Hm?“

„Die Gesandte begleiten. Vielleicht können wir mit ihr zusammen nach Weißthron reisen. Zu zweit könnte das gefährlich werden.“

„Ich habe es dir noch nicht gesagt, hm?“

„Was?“

„Die Gesandte, das ist die Prinzessin.“

„… ja, klar.“

„Nein, ernsthaft. Lass dir das Ganze mal durch den Kopf gehen. Und das Alter passt auch.“

Nach ein paar Überlegungen musste Valin zugeben, dass an dem Gedanken etwas dran war.

„Hm. Die Prinzessin also? Nun, da haben wir dann unseren Oberbefehlshaber. Sal ist ja ohnehin auf königlichen Befehl hin hierher beordert worden, oder?“

„Ich glaube ja. Hat er das nicht damals erwähnt? Doch, glaube schon.“

„Na also. Wir sollten früh aufstehen, bevor die noch wegreitet. Immerhin wollen die Stämme ja morgen angreifen.“

„Hast Recht. Eine Mütze Schlaf sollten wir uns gönnen… und morgen sehen wir, wie es weitergeht. Gute Nacht, Val.“

„Nacht, Vincas.“

Doch einschlafen konnten beide eine lange Zeit nicht.

Tag der Veröffentlichung: 09.04.2013

 

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Aldric A.

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