... und hätte der Liebe nicht, Weihnächtliche Geschichten
... und hätte der Liebe nicht
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... und hätte der Liebe nicht 5
Der Mitsünder 38
Wie Frau Heilemann auf ihre Kosten kam 56
Kein Raum in der Herberge 68
Fräulein Marie 81
... und hätte der Liebe nicht
Es ist etwas Sonderbares um die Erinnerung. Sie kommt und ist da und stellt
alte Zeiten vor Deine Seele; längst vergangene, liebe Gestalten treten vor Dein
Auge, und Du siehst Orte, die fern, fern liegen und hörst Töne, die lange
verklungen sind, noch einmal. Und es wird Dir warm ums Herz, und Du
wunderst Dich, wie es Dir gerade heute kam.
Und Du merkst: es ist ein Rüchlein von Goldlack und von Reseda an Dir
vorbeigestrichen, das hat Dir den sonnigen Garten heraufgerufen, in dem Du als
Kind gespielt hast. Es hat die liebe alte Frau, die Dein Geplauder so herzlich
anhörte, auf den buchsbaumgefaßten Steigen zu Dir herkommen lassen, und Du
hast ihre Hand auf Deinem Kinderhaupt gefühlt und bist ein Weilchen zu Hause
gewesen.
Oder Du hast in der großen Stadt, in allem Lärm des Marktes, ein Obstweib
Stachelbeeren verkaufen sehen, und nun redet Dein Begleiter umsonst auf Dich
ein, denn Du siehst Dich mit den Geschwistern, fast unter Lebensgefahr, an den
alten Stadtmauern in Deiner Heimat herumklettern, um die kleinen, grüngelben
Beeren, die dort wild wachsen, zu holen. Du siehst Dich wieder das Kleid dabei
zerreißen, es war schwarz und weiß karriert, und siehst alle die erschreckten
Gesichter um Dich herum, auch das der alten Nähkarline, die gerade des Weges
kam, und hörst ihr altes Sprüchlein, daß die Jugend zu ihrer Zeit anders gewesen
sei. Aus einem Flöckchen rosa Seide, aus einem brodelnden Linsengericht, an
dem Du in der Küche vorbeigehst, aus dem Seifenschaum in der Waschküche,
aus Pfeifengeruch und aus den Tönen einer Mundharmonika, die ein Büblein im
Vorbeigehen bläst, kann Dir die Erinnerung, wenn Du sie nur zu Wort kommen
lässest, Wintertage und Sommernächte, Ferienfreuden, vergoldeten, verklärten
Schuljammer, Gespielen der Kindertage und alte, getreue Wächter, die über
Deine Jugend gesetzt waren, vor die Augen weben. Und sie steht daneben, wenn das Bild fertig ist, und lacht Dich an: War es nicht so, ganz so? – Sie lacht nicht
immer.
Heute, das war nichts zum Lachen, was sie mir erzählte. Aber schön war es
doch. Ich will versuchen, ob man es wiedersagen kann.
Es ist mir aus einer großen, hornenen Schnupftabaksdose aufgestiegen, die in
der Eisenbahn ein breitschultriger Bauer in schneeweißen Haaren aus der Tasche
zog und benutzte. Er bot sie auch mir an, und als ich lächelnd dankte, sagte er
gutmütig: »Na, na, das putzt den Kopf aus, das schadet niemand nichts.«
Nachher sah ich zum Fenster hinaus. Es war Nacht draußen, aber ich sah in
eine dämmerige Christtagsstube hinein. Es brannte nur ein einziges Lichtlein am
Baum; man konnte gerade genug sehen, um einen Gabentisch, der schon von
Kinderhänden beschlagnahmt war, ein aufgeschlagenes Klavier und ein großes,
altes Sofa, auf dem zwei alte Leute saßen, zu unterscheiden. Ich sah auch ein
Kind, das ich wohl kannte; ein halbwüchsiges Mädchen. Es saß in einem
Winkel, in dem auf einem Tischlein allerlei Mappen und Hefte lagen, und hatte
seitdem, bis das Tageslicht völlig verlöscht war, eifrig in einem der Hefte
gelesen. Nun, in der Dämmerung, drangen die Stimmen der alten Leute an das
Kindesohr und ließen es still aufhorchen. Die Alten dachten, wie es schien, nicht
an ihre jugendliche Zuhörerin; sie gingen ihre eigenen Pfade, die führten in eine
ferne Zeit zurück.
Der hohe, schmale Mann mit dem feinen Fältchengesicht und der Brille vor
den Augen bot der aufrechten, zierlichen Frau, die des Kindes Großmutter war
und der unter dem silberig glänzenden Scheitel die Augen so gütevoll und
lebendig in die Welt hinein sahen, die Dose. Es war eine schildkrötene Dose, viel
zierlicher, als die meines Bauern, aber sie machte auch einen leisen Knack beim
Öffnen und Schließen, wie diese.
Die Großmutter nahm mit spitzen Fingern, dann sagte sie, offenbar ein vorhin
angefangenes Gespräch neu aufnehmend: »Aber wir können nichts tun, als
liebhaben. Alles andere versagt nach und nach. Und wenn wir, die wir uns gen
Sonnenuntergang neigen, zurückschauen, es reut uns nichts, als die Stunden, in
denen uns die Liebe gefehlt hat.« Dann schwiegen wieder die beiden alten Leute,
bis ein tiefer Seufzer die freundliche Frau rasch aufblicken ließ. »Nun, nun,«
sagte sie fast heiter, »Sie, mein lieber Freund, ich dächte, Sie hätten sich nicht
viel vorzuwerfen. Ich, wenn mich mein rasches Temperament allzu häufig
fortriß, dachte oft mit Sehnsucht an Ihre Sanftheit und Milde; aber ich mußte mich verbrauchen, wie ich mich hatte: mit dem Alter ist's auch wohl besser
geworden.«
Ihr Gegenüber schwieg noch immer; da, wohl im Bestreben, ihn zum Reden
zu bringen, fuhr sie fort: »Ich denke, wenn Sie so allein an stillen Abenden in
Ihrer einsamen Behausung sitzen, müssen die vielen Kindergesichter zu Ihnen
auf Besuch kommen, denen Sie die Schuljahre hell und freudig gemacht haben.
Wenn man die Kinder lieb hat, das spüren sie aus allem heraus.«
Der alte Herr neigte still den Kopf. »Es kommen auch wohl andere,« sagte er.
»Es sind nicht lauter frohe Augen, die mich ansehen. Ich hätte wohl Lust, Ihnen
etwas zu erzählen, das noch jetzt hier und da Macht hätte, mich zu bedrücken,
wenn ich nicht wüßte, daß unsere Fehler mehr als alles andere die Sprossen sein
sollen, an denen wir emporsteigen dem Bilde nach, das wir erreichen wollen.«
Seine alte Freundin reichte ihm nur herzlich die Hand hin. Dann begann er in
einer etwas zögernden Sprechweise, die ich heute noch wohl vernehme, so, als
müsse er Wort für Wort aus dem tiefen Schacht seines Gemütes heraufholen:
»Das war in meinen sogenannten besten Jahren. Sie wissen es ja, ich bin immer
allein gewesen, seit zuerst meine Mutter und dann die liebe Gestalt, die mit mir
zu zweit hatte sein wollen, aus dem Leben gegangen war. Von da an gehörte all
meine Kraft und auch das, was ich Liebe nannte, meinem Amt. Ich wollte ein
guter Schulmeister sein, und vielleicht bin ich es in mancher Hinsicht auch
gewesen; ich weiß es wohl, einige hielten mich dafür. Denn ich hatte eine Gabe
mitbekommen, die Kinder frisch und kräftig anzufassen und sie, auch die
langsameren unter ihnen, so es irgend möglich war, mitzureißen. Ich selber war
damals nicht so übel mit mir zufrieden.« Er lächelte still. »Das ist für uns
Menschen immer ein etwas gefährliches Stadium, aber solange es währt, fühlt es
sich sehr behaglich an. Ich hatte, solange es etwas Grünes und Buntes draußen
gab, täglich die Hände voll Blumen nach Hause zu tragen, und ich mußte auch
selten allein gehen, es drängte sich immer eine kleine Gesellschaft von Buben
und Mädchen um mich. Das tat mir wohl, es war mir ein Ersatz für eigenes
Familienglück. Allerdings, nach denen, die dabei nicht mitgingen, sah ich mich
nicht besonders um; sie mochten es halten, wie sie wollten. In der Schule, so
schien es mir selber, da war ich unparteiisch und gerecht – ach ja, gerecht. –
Ich war damals an der Schule einer halb ländlichen Vorstadt und hatte Kinder
von zehn bis zwölf Jahren vor mir in den Bänken sitzen. Es waren sehr
verschiedene Elemente unter ihnen: kräftige, gut genährte und sauber gekleidete
Bürgerkinder, Kinder von niederen Beamten, Briefträgern, Straßenbahnschaffnern und viele Fabrikarbeiterskinder. Man konnte an ihnen
allen etwas von dem Elternhaus sehen, aus dem sie herkamen, konnte sehen, ob
sorgliche Mutterhände ihnen das Haar glatt gestrichen und die Kleider geflickt
hatten. Man sah auch mehr; es waren taghelle, frische Kindergesichter dabei, die
kamen wohl aus freundlichen, fröhlichen Heimstätten, und es gab gleichgültige,
scheue, gedrückte Kinder, denen es ersichtlich an Sonne und Liebe fehlte. Ich
weiß wohl noch, ich dachte damals oft, in meiner Schule sollte es sonnig sein,
und ich wollte dazu tun, was ich könnte. Aber das echte Liebhaben ist eine feine
und eine schwere Kunst, und mancher lernt es nur unter Schmerzen, Schmerzen,
die er zufügt, und Schmerzen, die er trägt.
Es kam einmal ein Kind zu mir in die Schule, ein Mädchen, ein mageres,
bleiches Dinglein, lang aufgeschossen für seine elf Jahre. Es hatte auf den ersten
Blick gar nichts Anziehendes, auch die Augen lagen ihm für gewöhnlich in
etwas tiefen Höhlen.
›Schlecht gepflegt und matten Blutes und Geistes,‹ dachte ich. Doch mußte es
mir hier und da auffallen, daß das Kind irgendeine sonderbare Antwort gab, die
vielleicht vom Pfad des rechten Schulwissens abwich, aber dafür von etwas wie
eigenen Wegen redete, auf denen der junge Geist ins Leben dringen wollte. Dann
war allemal das graue Gesichtlein auf Augenblicke von einem dunklen Rot
überflammt, aber es ging immer schnell vorüber. Rechnen, das war ja freilich ein
Hauptfach in der Schule, aber rechnen konnte Elisabeth gar nicht; es half alles
nichts. Ich meinte langmütig zu sein, ich kam mir selber fast übermäßig geduldig
vor, aber manchmal, wenn sie mich so gar unerhellt aus den hilflosen Augen
anschaute, drehte ich mich doch verzweifelt auf dem Absatz herum und sagte zu
den andern: weitermachen; dies hier ist hoffnungslos. Dann sahen wohl die
andern mit schlecht verhehlter Verachtung auf ihre Genossin hin, von der sich
allmählich die Sage bildete, daß sie rettungslos dumm sei.
Das ging fast ein halbes Jahr lang so hin. Von den häuslichen Verhältnissen
des Kindes wußte ich nichts, fragte auch nicht danach. Es waren vierzig
Augenpaare, die aus den Bänken heraus auf mich schauten, und dies hier, ich
muß es gestehen, war keins von denen, die mich besonders interessierten. In
dieser Zeit lag hier und da irgendeine Rarität auf meinem Pult, ein merkwürdig
gezeichnetes Schneckenhäuschen, ein weißgebleichtes Vogelknöchelchen, ein
Stück Baumrinde mit silberig schimmernden Flechten daran.
Ich fragte wohl danach, wer mir das hingelegt habe, ich ließ meine Augen, als
ich keine Antwort bekam, über die Kindergesichter hingehen, um dort eins zu finden, das schelmisch oder verlegen sich niederbeuge. Aber sie sahen mich so
kecklich an, manche mit Lachen, und versicherten, daß sie es nicht gewesen
seien und daß sie ›solches Zeugs‹ auch nicht aufheben würden. Nach Elisabeth
sah ich nicht besonders hin; nur einmal bemerkte ich, daß sie stark mit den
Augen blinzelte, wie sie das hier und da tat, wenn sie in großer Verlegenheit
wegen irgendeines Nichtkönnens war. Aber es fiel mir nicht ein, daß sie es
gewesen sein könnte, die mir die schüchternen Gaben in Heimlichkeit gebracht
habe.«
Der Erzähler strich sich mit der Hand über die Stirn.
»Ich muß blind gewesen sein,« sagte er. »Sonst hätte ich sehen müssen, was
ich nachher mit Leid vernehmen mußte, daß dieses Kindes Herz nach meinem
Herzen stand. Da, einmal – es war im Dezember, der erste Schnee war in der
Nacht gefallen und lag weißglänzend auf den Dächern und auf den Hecken und
Bäumen des Parks, an den unser Schulhaus anstieß – geschah es, daß ich den
Kindern über den freien Tag, der morgen sein sollte, ein Aufsatzthema mit nach
Hause gab, das mir der sonnige Wintertag eingegeben hatte. Ich hatte mich sonst
so ziemlich an die vorgeschriebenen Stoffe gehalten, die allerlei sachliche
Beschreibungen von Pflanzen, Tieren, Gegenden, kleine Erzählungen aus
Geschichte und Menschenleben und dergleichen verlangten; wir hatten diese
Dinge auch immer gründlich zuvor durchgesprochen. Heute aber kam es mich
an, sie selber die Augen auftun zu lassen.
»Ihr sollt mir irgend etwas über den Winter erzählen, was Ihr wollt. Es ist nur
das eine: Ihr müßt es selber gesehen haben, was Ihr schreibt, sei es dies Jahr, sei
es ein andermal. Und jetzt geht und macht es heute noch, so seid Ihr morgen
frei.« Damit entließ ich meine Schar, mir für heute die gewohnte Begleitung
verbittend, da ich nach der Bahn wollte und Eile hatte. Sie stürmten nicht hinaus
wie sonst. Die ungewohnte Aufgabe mochte ihnen in die Knochen gefahren sein,
ich sah sie die Köpfe zusammenstecken und flüstern und sah in sorgliche
Gesichter.
›Das ist Euch ganz gesund,‹ dachte ich, ›das will ich nun noch öfter tun,‹ und
ich nahm mir vor, beim Korrigieren nicht allzustreng zu verfahren. Wenn es nur
etwas Eigenes war, sollte es schon gut sein, sie sollten nur lernen, selber zu
sehen und sich selbständig auszudrücken; wenn es auch unbeholfen war, das
schadete nichts. Ich war ein wenig gespannt auf den Inhalt der Hefte, die ich am
Morgen nach dem Feiertag wieder einsammelte. Wenn ich auf die Gesichter
mich einigermaßen verstand, – und ich meinte, es zu tun – so waren keine Glanzleistungen zusammengekommen. Eine meiner besten Schülerinnen, ein
blondes Wirtstöchterlein, dem unter dem krausen Haar ein Paar übermütige
Augen immer lachend in die Welt hineinsahen, hatte das Ende des langen Zopfes
im Mund. »Mir ist fast gar nichts eingefallen,« sagte sie, »nur, daß der Christtag
im Winter ist und daß es Schnee gibt.« »Nun, Gretel,« sagte ich lachend, »das ist
immer schon etwas; wir wollen dann sehen, wie Du das erzählt hast,« und sie,
als sie sah, daß ich so grimmig nicht darauf hineinstürze, setzte sich mit einem
Seufzer der Erleichterung an ihren Platz. »Wo ist Elisabeth Hornberg?« fragte
ich, meine Reihen musternd. Niemand wußte, warum sie fehle, und wir
begannen den Unterricht. Da, als wir schon tief in den Bruchrechnungen
steckten, kam sie an, hastig, mit fliegendem Atem, eine ungewöhnte Röte auf
den Wangen. »Ich hatte meinen Aufsatz noch nicht ganz fertig,« sagte sie, und
mir fiel der Blick auf, mit dem sie mich dabei ansah; es war, als ob die Augen
aus den Höhlen heraus wollten und dem blauen Heft nachgehen, das sie in meine
Hand legte, und dann wieder in mein Gesicht hineinfragen: Wirst Du es auch gut
aufnehmen? Ich gäbe vieles, wenn ich diesen Blick verstanden hätte. Aber ich,
als ich während einer Schönschreibstunde, in der die Kinder eine Zeitlang still
beschäftigt waren, mich über die Hefte hermachte, fühlte nur einen flammenden
Zorn, eine ehrliche Entrüstung, als ich Elisabeths Aufsatz überflog. Ich sah nach
ihr hin. Da saß sie und malte ihre Buchstaben – sie war ungeschickt im
Schönschreiben – und sah hier und da auf, zu mir hinüber, wie von einer leisen
Unruhe getrieben.
›Du hast's nötig,‹ dachte ich, und deutete alle Zeichen einer inneren Erregung,
die ich heute wahrgenommen hatte, als Ausflüsse eines bösen Gewissens.
Denn was da in dem Heft stand, sieben Seiten lang, das war kein Aufsatz einer
zwölfjährigen Schülerin – und welch einer mittelmäßigen – das mußten diktierte
oder abgeschriebene Gedanken sein, fehlerhaft abgeschrieben freilich. Das war
das Leiden eines Menschen, darüber, daß die Sonne so spät und so kurz kommt,
und daß sie keine Kraft zu scheinen und zu wärmen hat, und war die Sorge um
all das Leben, das der Schnee zudeckt und das Eis im Bann hält und die
Sehnsucht nach dem Frühling, da alles wieder aufsteht, was jetzt zu schlafen
geht. – Nein, gerade abgeschrieben konnte es nicht sein. Dazu waren die Sätze
zu ungeschickt; es mußte jemand diktiert haben. Ich bezwang mich mühsam.
Aber das konnte ich nicht hindern, daß ich dem Blick der Kinderaugen, die, wie
ich jetzt weiß, mich sehnlich suchten, mit einem vernichtenden, kalten Strahl
begegnete.
Am andern Morgen kam es. Ich sprach zuerst alle andern Hefte durch. Ich war mild dabei und schonend, – ich weiß es jetzt, ich war grausam ohne Maß. Zuletzt
nahm ich Elisabeths Aufsatz. Das Kind saß in sich zusammengedrückt da, es
hatte wohl meinen kalten Blick gesehen und gedacht, daß seine Arbeit verworfen
sei. »Wer hat diesen Aufsatz oder wie man's nennen soll, gemacht, Elisabeth
Hornberg?« Alle Augen richten sich dorthin, wo das bleiche Kind saß. Es kam
keine Antwort, nur ein Blick schoß zu mir her, wie eine Bitte um Erbarmen: lies
es nicht den andern vor. Ich verstand ihn nicht. »Antwort!« Da kam es leise:
»Ich.« Mir stieg der Zorn bis in die Augen. »Du lügst.« Ich sagte es kurz und
kalt. Das Kind zuckte zusammen, wie unter einem Hieb. »Sieh mich an,« sagte
ich mühsam beherrscht. Das Gesichtlein hob sich, es war grauweiß, die
Augenlider blinzelten heftig, kaum daß eines Augenblicks Länge die
wasserblauen Sterne unter ihnen hervorsahen. »Siehst Du, Du kannst es nicht.
Ich bin nicht so dumm, wie Du zu meinen scheinst.« Dann suchte ich, mich zu
fassen. Vielleicht log sie aus Angst, ich wollte nicht so heftig sein. Ich ging
einmal den Mittelgang zwischen den Bänken auf und ab. Dann blieb ich vor
Elisabeth stehen. »Nun sag' mir, Kind, woher hast Du dies? Hast Du es gelesen
oder hat es Dir jemand vorgesagt?« Ich sagte es so ruhig als möglich.
Schweigen, – dann die leise Antwort: »Ich habe es selber getan, es hat mir's
niemand gesagt.« Nun war das Gesicht von dunkler Röte übergossen. Bis jetzt
waren die Kinder als stumme Zuhörer dabei gewesen, nun rief ein Mädchen, das
in Elisabeths Nachbarschaft wohnte: »Sie haben einen Kostgänger, der ist ein
Schreiber und hat viele Bücher, bei dem sitzt sie immer. Der wird ihr's gesagt
haben.« »Still.« Aber ich sah sie doch fragend an: »Ist der's?« Elisabeth hatte,
nachdem das schnelle Rot auf ihren Wangen verflogen war, nun einen Ausdruck,
wie ich ihn sonst so oft an ihr gesehen hatte, und der mich immer an ein
unbewohntes Haus erinnerte, so, als ob alles Leben verschwunden, ausgezogen
sei, und als ob alles ringsum sie gar nichts angehe.
Sie antwortete nicht mehr, sie saß nur da und sah vor sich hin. »Wir wollen
weitermachen,« sagte ich. »Wenn Du dich besonnen hast, Elisabeth, kannst Du
es mir sagen.«
Damit wandte ich mich ab und ließ sie sitzen. Es schien mir unmöglich, daß
ich mich getäuscht habe; dann aber war sie verschlagen, halsstarrig und offenbar
auch nicht in guten Händen. Dabei dumm, mir so etwas vortäuschen zu wollen.«
»Ja, ja,« unterbrach sich der Erzähler, »das ist das selbstzufriedene Stadium,
von dem ich vorhin sagte. ›Wer kann einen täuschen, wie mich?‹ denkt man.
Man muß es teuer zahlen, wenn man davon aufwacht.
Am Nachmittag fehlte Elisabeth. Als sie am nächsten Morgen wieder kam,
ging sie ohne ein Wort der Entschuldigung an ihren Platz und saß dort wie eine,
die damit, daß sie da sitze, alles getan hat, was möglicherweise von ihr verlangt
werden kann.
»Wo warst Du gestern?« Ich fragte es schroffer als ich wollte. Da hob sie die
Augen. Aber ich war blind, ich sah es nicht, ich sah es erst viel später wie in
einem Spiegel, daß sie sagten: ›Ach, was hat es für einen Zweck, Dir Antwort zu
geben? Du glaubst es doch nicht.‹ »Antwort!« »Ich war krank,« sagte sie wie
mechanisch. So sah sie auch aus, elend zum Erschrecken. Es kam mich ein
Mitleid an; vielleicht, nein sicher, litt sie daran, daß sie den Weg zum Geständnis
nicht fand. Dann war sie nicht verdorben.
Aber als ich in der Freiviertelstunde, als die andern hinausgingen, sie
zurückbehielt und sagte: »Willst Du mir's nun sagen, wer den Aufsatz gemacht
hat, Kind? Wir wollen dann wieder gut Freund sein; ich will es Dir verzeihen,«
da stieg aus den tiefen Augenhöhlen etwas empor, vor dem all meine Sicherheit
und meine mitleidige Würde erschrak und sich empörte. Das war kein Kind, was
mich da ansah, das war ein reifer, bitterer Mensch, und der Mensch verachtete
mich.
Da ließ ich die kleine, schmale Hand los und sagte: »Geh.« Und sie ging
hinaus ohne ein Wort.
Nun kam sie noch eine Woche lang. Es war ein ungutes Beieinandersein. Das
Kind, das sonst nicht viel für mich bedeutet hatte, war nun eine Macht
geworden, die mich zwang, mich in Gedanken mit ihm abzugeben, und die mich
bedrückte, so oft ich – und es geschah unzählige Male – dorthin sehen mußte,
wo das schmale Gesicht so gleichgültig vor sich hinsah und nur antwortete,
wenn es gar nicht anders mehr ging.
Da eines Tages fehlte Elisabeth. Es geschah mir schier wie ein Aufatmen, als
ich den leeren Platz sah, aber es währte nicht lang. Ein anderes Kind brachte
einen Zettel mit einer Entschuldigung. »Emil Pfänder« war die kurze Anzeige,
daß Elisabeth Hornberg krank sei, unterzeichnet. »Wer ist das?« »Das ist der
Schneider, bei dem sie in der Kost ist,« wußten einige der Kinder. »Wißt Ihr, was
ihr fehlt?« Sie wußten es nicht, sie hatte keine Freunde, und das letzte Ereignis
hatte noch viel dazu beigetragen, daß sie ganz einsam geworden war. »Hat sie
denn keine Eltern?« Nein, sie glaubten es nicht, sicher wußte es niemand. Da
beschloß ich in mir selbst, sie bald einmal zu besuchen. Vielleicht war das Kind in schlechten Händen, vielleicht bedurfte es nur besseren Einflusses. Ich wollte
versuchen, ihm den zu geben. Ach ja, ich. –
Aber es verging eine Woche, und ich kam nicht dazu, den Besuch zu machen.
Wir sangen in der Schule Weihnachtslieder und lebten in fröhlicher Stimmung.
Wir bereiteten uns zu der alljährlichen Schülerweihnachtsfeier in der Kirche vor,
lernten Gedichte auswendig, und ich half den Kindern sogar in den freien
Stunden beim Schmücken der großen, steinernen Kirchenhallen. Einmal hatten
zwei Mädchen heftige Händel miteinander und gingen mit vertrutzten Köpfen
umeinander herum. Da redete ich schön davon, daß man in dieser Zeit noch
besonders lieb und friedlich sein müsse, sonst störe man den Engelgesang:
Friede auf Erden. Und sie gaben sich die Hände, und wir waren glücklich. Es
war alles so fromm und so weihnachtlich und so warm. Vorher, das sah ich,
reichte es nun nicht mehr. Aber gleich in den Feiertagen, da wollte ich das Kind
besuchen, mit dem noch nicht Friede war. Das würde leicht zu machen sein,
denn ich wollte sehr liebreich sein und so das Eis schmelzen. Ach ja. Dann kam
die Weihnachtsfeier; sie war schön, so kindlich und so ohne alle Reflexion selig
und froh. Ich spürte, ich war doch ein reicher Mann, auch wenn ich keine
Familie hatte, denn ich hatte teil an all diesen Kindern und an der großen Freude,
die aller Welt widerfahren ist.
Als ich aus der Kirche kam, ging ich auf einem Umweg meiner Wohnung zu.
Ich wußte: die Kinder schmückten nun mir ein Bäumchen; wenn ich heimkam,
dann empfing mich Lichterglanz und Gesang und helle Augen und auch Gaben.
Ich wollte mir so gern etwas schenken lassen.
Ach ja, nun bekam ich etwas geschenkt. Als ich zwischen den Gärten der
äußeren Vorstadt hinging, leise vor mich hinsummend, begegnete mir ein
Mensch, der mir auffiel. Er hatte ein kleines, vertrocknetes Gesicht und hatte
anständige, aber abgetragene Kleider an. Er sah mich immer wieder von der
Seite an, und mir war, als grinse er höhnisch nach mir herüber. Das störte mich
in meiner festlichen Stimmung; die wollte ich aber jetzt festhalten. Er trug ein
blühendes Primelstöckchen in der Hand; das konnte man an jenem Tage – es war
nicht kalt – ohne Gefahr des Erfrierens für die zarten rosa Blüten.
»Sie haben da ein hübsches Pflänzlein,« redete ich ihn, da mir das stumme
Anschauen peinlich wurde, an. »Sie bringen das wohl einem Kranken?« Denn er
ging in der Richtung nach dem städtischen Krankenhause zu. Er sah mir
spöttisch in die Augen. »Und Sie, Sie kommen wohl aus der Kirche? Sie haben
da wohl all die frommen Lieder mitgesungen?« »Ja, das habe ich,« sagte ich nicht ohne Würde, denn nun schien mir, als ob ich einen von denen vor mir
hätte, denen der bloße Anblick eines Kirchgängers schon das Blut in Wallung
bringt. »Ja, dann gratuliere ich dazu,« sagte er. »Sie, Sie sind keck, daß Sie
unserm Herrgott so unter die Augen treten mögen. Ich an Ihrer Stelle, ich hätte
das Herz nicht dazu.«
War das ein Narr, oder was war es denn?
»Ich weiß nicht, was Sie meinen, und nicht, was Sie von mir wollen,« sagte
ich steif und sah mein Gegenüber hochmütig an. Da wurde bei dem aus dem
grimmigen Hohn ein ebenso grimmiger Jammer. »O nichts, nur daß das Kind
stirbt, und daß Sie es vorher noch ins Elend hineingedrückt haben. Aber wenn es
dann drüben ist, in dem andern Land, dann soll unserm Herrgott einmal reiner
Wein eingeschenkt werden darüber, was Sie für ein Kinderhüter sind, Sie.«
Mir stand das Herz still. Dies hier war kein Narr. Der hatte eine Schuld bei
mir einzufordern, es geziemte sich nicht für mich, groß und würdig zu sein.
»Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen,« sagte ich. »Wenn ich etwas verfehlt
habe« – ich wußte nichts weiter zu sagen, denn auf einmal sahen mich wieder
die Kinderaugen aus ihren tiefen Höhlen heraus an mit dem Blick, den sie
hatten, als Elisabeth mir das Heft in die Hände legte. Das war noch Vertrauen
gewesen, und eine Bitte: Nimm es auf. Ich aber hatte es zertreten.
Der kleine, vertrocknete Mann wuchs vor meinen Augen und wurde mir ein
Richter.
»Etwas verfehlt? O ja. Wenn ein Kind überhaupt etwas gilt. Sie hatte eine
Liebe zu Ihnen, immer nur: ›Er, er.‹ Das waren Sie. ›Er ist so gut, er ist so fein.‹
Wenn wir unterwegs etwas gefunden haben auf unseren Spaziergängen – und sie
hatte ein Aug' für alles Kleine, Feine, – dann hob sie es sorgsam auf: ›Das bring'
ich ihm.‹ Wenn ich dann fragte: ›Hat's ihn gefreut?‹ dann nickte sie nur so halb
und sagte: ›Ich glaub's schon.‹ Und wenn ich sagte: ›Gelt, Du hast's ihm nicht
selber gegeben,‹ dann wurde sie rot: ›Ich trau' mich ja nicht hin. Ich hab's nur so
hingelegt; aber das tut nichts.‹ Sie hätte den Weg schon noch gefunden, Herr,
aber Sie haben ihr ja nicht geholfen. Aber das ist nicht das Ärgste. Das Letzte,
das.« – Ich wußte, was nun komme. Ich glaubte, es aufhalten zu können, so
fragte ich: »Wer sind Sie denn? Ist Elisabeth Hornberg bei Ihnen untergebracht?«
»Ich?« Es ging aus allem Groll und aller Betrübnis heraus ein kindliches
Lächeln über die verknitterten Züge. »Ich habe nur eine schräge Dachkammer,
bei mir kann man niemand unterbringen. Unten bei den Schneidersleuten hat sie gewohnt; sie hat nur eine Mutter und die ist weit fort als Köchin im Dienst. Aber
ich bin ihr ganz guter Freund, ja das bin ich. Und sie hat mir immer alles gesagt
und mich lieb gehabt und ich sie auch.«
Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck zum Gehen.
»Was steh' ich da und red'? Ich muß zu dem Kind. Sie, Sie haben ja doch kein
Herz für meine Lisabeth. Und sie verlangt nach mir jede Minut', die ich nicht da
bin.«
Aber ich konnte ihn so nicht gehen lassen. Mein Heil und meine Ruhe und
mein Recht zum Leben hing davon ab, daß mir der kleine Mann so nicht ging.
Daß er mir das noch sagte, das, was ich seit ein paar Minuten wußte, wenn ich es
auch nicht begriff. Ich hielt ihn am Ärmel fest.
»Nein, nein, Sie wissen es nicht recht. Ich bin – ich meine es nicht so
schlimm, wie Sie es ansehen.« Ach, wie klein war mein Wissen um mich selber
und um die andern gewesen und war es noch.
Mein Gesichtsausdruck mochte dem kleinen Mann gefallen. So hatte er mich
zu sehen gewünscht, so hatte er mich vor sich haben wollen: aufgeweckt aus
aller Selbstherrlichkeit, in Angst und Schrecken eines bösen Gewissens.
Da wurde er milder.
»Ja, was soll ich sagen? Sie glauben's ja nicht. Sie sagen mir vielleicht auch:
Du lügst. Sie kennen das Kind ja nicht. Was das für Gedanken hatte, sonderbare,
ernsthafte. Wie ein Altes. Ich mußte nur staunen, immer wieder. ›Was Du Dir
zusammendenkst,‹ sagte ich oft. Da sah sie mich an wie aus einem tiefen
Brunnen heraus: ›Ja, denkst Du denn das nicht auch?‹
Ja, und neulich, als sie den Aufsatz machen sollte, da kam sie an, als ob nun
ein Fest hereinbräche. ›Das ist schön, das tu' ich gern.‹ Ich mußte staunen, denn
sie hat sonst oft bis tief in die Nacht über den Aufgaben sitzen müssen, das
Lernen ist ihr schwer geworden.
Den Vormittag über hatte sie der Schneidersfrau bei der Wäsche geholfen.
Aber am Nachmittag, da lief sie hinaus ins Wäldchen dort hinten und kam erst
gegen Dunkelwerden hin nach Hause.
›Na, na,‹ sagte ich, ›nennst Du das Aufsatzmachen?‹ Da guckt mich das Kind
mit Augen an, ganz glänzig und ernst dabei: ›Er hat ja gesagt, man müsse es selber gesehen haben; da hab' ich doch hinaus müssen.‹ Und dann saß sie, bis zu
später Stunde die Schneidersfrau sie ins Bett jagte. Aber sie kam in Strümpfen
noch zu mir heraufgeschlichen: ›Fertig; ich muß es aber noch ins reine
schreiben. Wenn's ihm aber nur auch recht ist. Was meinst Du?‹ – Denn sie hatte
mir das Konzept mit heraufgebracht.
›Was wird's ihm denn nicht recht sein?‹ sagte ich, aber ich mußte ja dennoch
den Kopf schütteln: ›Kind, Kind, wo will das mit Dir hinaus? Hast Du denn
nichts Fröhlicheres gewußt, so mit dem Schlittenfahren und derlei Dingen?‹ Da
schüttelte sie den Kopf, und als ich ihr die Schreibfehler, die reichlich darin
waren, zeigen wollte, sagte sie ängstlich: »Laß, laß, ich muß das selber.«
Und dann – das übrige wissen Sie ja besser als ich, Herr Lehrer.
Ich weiß nur, daß an jenem Tag das Kind nicht heraufkam, und als ich's
endlich nicht mehr aushielt und hinunterging, da fand ich es in einem
Winkelchen sitzen, ganz eng an die Wand gedrückt mit einem Gesicht, als ob
alles Leben darin gestorben sei. Die Schneidersleute waren beide ausgegangen,
wohin, weiß ich nicht mehr. Da nahm ich das Kind mit zu mir hinauf. Aber es
klapperte vor Frost mit den Zähnen und hatte Kopfweh. ›Laß nur, ich will ins
Bett gehen, es wird bis morgen besser,‹ sagte es. Und ich erfuhr an jenem Tag
nichts von der bösen Geschichte.
Am andern Tag schlich sie wieder in die Schule. Die Schneidersfrau ist so
unrecht nicht. Sie kam sorgenvoll zu mir herauf. ›Es muß etwas nicht recht sein
mit dem Mädchen,‹ sagte sie. Aber wir bekamen nichts heraus. Ich sah es schon,
ich mußte warten; aber es tat mir weh, das Kind hatte sonst ein liebes Vertrauen
zu mir.
Jetzt weiß ich's freilich wohl: es schämte sich so bitterlich vor mir, daß ihm
das von Ihnen widerfahren war. Es wollte es allein tragen. Erst als die Krankheit,
die wohl schon lange in ihm gesteckt ist, zum Ausbruch kam – es ist eine böse
Darmentzündung, Herr Lehrer, und sie stirbt daran – da, im Krankenhaus hat sie
es mir gesagt. Ich wollte in der Nacht noch zu Ihnen ins Haus dringen, ich war
so grimmig, daß ich es nicht aussagen kann, so jammerte mich das Kind. Aber es
hielt mich mit seiner heißen Hand fest und sagte erregt: ›Laß, laß, er glaubt es
doch nicht. Du darfst nicht hingehen.‹ Sie kam in eine solche Aufregung, daß ich
es ihr versprechen mußte, daß ich nicht zu Ihnen gehe. Aber in meinem Herzen,
da hab' ich's mir gelobt, daß Sie es doch noch glauben sollen.«
Und nun wandte sich der kleine Mann, als sei die Sache abgetan, zum Gehen. Der Abend war vollends hereingebrochen, und er hatte keine Zeit und keine
Ruhe mehr zum Reden.
Aber ich ließ ihn nicht. »Nehmen Sie mich mit,« sagte ich flehentlich. »Sie
sehen es doch, daß ich das Kind sehen muß. Es darf nicht so aus dem Leben
gehen, so nicht.«
Er sah mich zuerst feindselig an; dann, als besänne er sich, nickte er ein
paarmal mit dem Kopf.
»Es mag Ihnen nicht wohl sein dabei, ich seh's schon,« sagte er.
»Versprechen kann ich nichts; aber kommen Sie einmal mit.«
Bei mir zu Hause, das wußte ich, warteten die Kinder mit dem Baum und mit
ihren fröhlichen Herzen. Aber was konnte das helfen? Ich konnte nie wieder mit
ruhigem Herzen vor ihnen stehen, wenn das eine, das ich verwundet hatte,
hinging, um mich vor Gott zu verklagen, daß ich der Liebe und des Vertrauens
unwert gewesen sei, die zu mir gewollt hatten.
Das Bett des kranken Kindes stand allein in einem kleinen Zimmer neben dem
großen Saal. »Wir haben es vor einer Stunde hier hereingestellt,« sagte die
Schwester, »es ist besser so.«
Ja, ja, ich wußte schon, warum. Ich blieb an der Tür stehen, ein großer
Wandschirm verbarg mich vor Elisabeths Augen. Ich sah sie durch einen Spalt.
Sie lag mit offenen Augen und sah glücklich aus, wie ich sie nie gesehen hatte.
Ihr Freund setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. »Siehst Du die Blumen?«
sagte er. »Sie gehören Dir, Du darfst sie dann mit heimnehmen und pflegen.«
Sie nickte leise. »Du mußt nicht mehr fortgehen,« sagte sie.
»Die Schwester bringt mir ein Bäumlein mit Lichtern, das mußt Du auch
sehen. Sie ist so lieb.«
Er wollte es freilich auch sehen. »Ich gehe nicht mehr fort,« sagte er. »Solange
Du mich da haben willst, bleibe ich.« Wie zärtlich konnte er reden. Er hatte eine
Stimme wie eine Mutter, wenn er mit dem Kinde sprach. Dann aber schien er
sich meiner zu erinnern. Er wurde unruhig. »Du, Liesekind,« sagte er, »es
möchte Dich jemand sehen. Jemand –« Er zögerte, es wurde ihm nicht leicht, es
auszusprechen, aber um des Kindes willen sagte er es dennoch: »Jemand, der
Dich lieb hat.«
Wie dankte ich ihm das Wort, heute noch tue ich es.
Das Kind machte große Augen. »So jemand weiß ich nicht. – Oder – die
Mutter?«
»Nein, Liesekind, die Mutter kann erst nach dem Feste kommen; es ist jemand
anderes.«
Es war ein schweres Stück, ich begriff es wohl. Sollte ich leise hinausgehen
und mein Elend mitnehmen? Aber ich konnte es nicht. Sie starb noch heute, die
Schwester hatte es gesagt, und ich sah es auch wohl. Sie durfte nicht so
fortgehen, nicht so.
Da faßte der kleine Mann beide Hände des kranken Kindes und sagte: »Sei
lieb, Kind, es ist einer – ich, ich bin ihm so bös gewesen, aber er dauert mich
jetzt so.«
Da ging ein angstvolles Erschrecken über das Kindergesicht: »Er?«
Das war eine harte Strafe, daß ich das sehen mußte.
»Ja, Kind, aber er glaubt es Dir jetzt, es tut ihm –«
Ich wartete nicht länger, ich konnte es nicht mehr, ich trat an das Bett, um aus
dem Munde dieses Kindes einen Trost oder eine schwere, schwere Last zu
empfangen.
»Verzeih mir, Elisabeth.« Ich wußte sonst nichts zu sagen.
Der Sonnenschein von vorhin war aus dem Gesichtchen weggewischt, es sah
zum Erschrecken ernst und elend aus. Die Augen, die mich eine Sekunde lang
voll angesehen hatten, gingen zu ihrem Freunde hin, als wollten sie sagen: Hilf
mir. Der drückte ihr nur still die Hände. »Sei gut, Kind, sei lieb,« flüsterte er. Es
brach eine Schönheit, die nur die haben, die lieben, aus seinem Runzelgesicht
heraus.
»Verzeih mir,« sagte ich noch einmal. Hier war nichts zu erklären, hier hatte
ich keine Würde und kein Amt, es war nur das eine zu sagen: Verzeih mir.
Da nickte Elisabeth, ernst und schwer, und sah mich voll an; wie ein reifer
Mensch einen andern Menschen ansieht, dessen Schuld und dessen Kummer er
sieht und begreift – und dem er helfen kann.
»Ja,« sagte sie leise, wie aus tiefen Gedanken heraus, dann noch einmal: »Ja.«
Sonst nichts. Aber sie zog die eine ihrer heißen Hände aus denen ihres Freundes
und gab sie mir.
Dann kam eine große Bangigkeit und Atemnot, und ich mußte gehen. Als ich
durch die nächtlichen Gassen schritt, sah ich hinter den Fenstern da und dort die
Christbaumlichter brennen, und ich dachte daran, wie ich vor einer Stunde noch,
denn viel länger war es nicht her, so froh in den heiligen Abend hineingegangen
war, und was ich nun mit mir herumtrage. Zu Hause fand ich das Bäumchen und
allerlei Geschenke, und die Haushälterin fragte vorwurfsvoll, wo ich denn
gesteckt habe, die Kinder seien dagewesen, und ob ich denn das nicht wisse? Als
sie mich wieder allein ließ, zündete ich ein einziges Lichtlein an und saß bei
seinem kleinen Schein, lange saß ich so. Ich merkte nicht, wie es verlöschte, ich
hatte mit mir selber zu tun.
Ich wußte wohl, es geschah kein Wunder, das mir das Kind zurückgab, damit
ich es aufs neue gewinne durch geduldige Liebe und durch neues Vertrauen. Ich
durfte seine Augen nicht aufleuchten machen, ich mußte sie immer wieder vor
mir sehen in Bitterkeit, in suchendem Flehen und zuletzt in dem tiefen, schweren
Ernst, mit dem sie mir das Geschenk der Verzeihung gaben.
Aber ich selber lebte noch. Das Amt war noch nicht von mir genommen, so
unwert ich mich dessen fühlte zu dieser Stunde und von da an noch oft. Es saßen
noch Kinder vor mir, und ich konnte noch lernen – und ich wollte es –, sie zu
lieben und mich von ihnen lieben zu lassen. Ich konnte das köstlichste Gut, ihr
Vertrauen, suchen und ihnen das meinige geben, und wenn ich ein scheues,
hilfloses Gesichtlein vor mir sah, dann sollte der Schmerz, den mir die
Erinnerung machte, eine warme, helle Flamme der Liebe in mir anzünden, die
bis auf den Grund ging und die helfen konnte. Ich konnte noch einmal Teil an
der großen Freude bekommen, die allem Volke widerfahren ist. Sie ist Liebe,
und ich hatte sie nötig, denn ich war in mir selber arm geworden.«
Der Erzähler schwieg, und das Kind, das mit klopfendem Herzen zuhörte, sah,
wie seine alte Freundin still nach seiner Hand griff und sie drückte.
Das Lichtchen am Christbaum war herabgebrannt, nun flammte ein
Tannenzweiglein auf. »Der Baum brennt!« rief das Kind unwillkürlich. Da stand
der alte Herr auf und drückte die Funken aus.
»Bist Du immer dagewesen, Kind?« fragte die Großmutter.
»Ja,« sagte das Kind und kam heran, denn es wollte dem lieben Mann nahe
sein, der zu dieser Stunde sein Herz dargelegt hatte, wie es im Fehlen und Bluten
und Lieben gewachsen war.
Es mußte ihm etwas Liebes tun, aber es wußte nicht, was; das tat ihm weh,
und der alte Herr sah ihm die Not auf dem Gesicht an beim flackernden Lichte
der Straßenlaterne, die gerade unter dem Fenster brannte.
»Was ist Dir, Kind?« fragte er gütig.
Da konnte es das Kind nicht mehr bezwingen.
»Ich möchte Dich liebhaben,« sagte es.
»Das tu Du, das darfst Du wohl,« sagte die Großmutter.
Da legte das Kind seine Hand in die große, feine Hand des alten Herrn und
schmiegte sich dicht an ihn, und er küßte es zart und lieb auf die Stirn; dann ging
es hinaus und hatte ein Glück und eine Freude im Herzen. –
Solche Dinge kann die Erinnerung erzählen, solange der Zug klappernd durch
die Nacht fährt, und im Wagen Geschrei und Geschwätz und Qualm ist und
draußen leise die Flocken fallen.