... und hätte der Liebe nicht, Weihnächtliche Geschichten

Fräulein Marie

 

Es war ein mächtiger Baum. Er reichte vom Fußboden bis zur Decke und

streckte seine Äste weit in der Runde um sich her. Sein Stamm steckte in einem

Holzkasten, in dessen Innerem eine Spieluhr verborgen war, und wenn die

Musik spielte »Stille Nacht, heilige Nacht«, so fing der Baum an, sich um sich

selbst zu drehen, langsam und schwerfällig, immer rundherum, immer

rundherum. »Wie ein verrückt gewordener Tanzbär,« sagte der Stationsmeister,

der auf einen Augenblick hereingekommen war, um ein Glas Pilsner zu trinken.

Aber Fräulein Marie zuckte nur die Achseln und warf dem Stationsmeister einen

Blick zu, der ungefähr heißen konnte: »Was versteht denn so ein alter Junggesell

und Familienfeind von einem Christbaum? Man läßt ihn reden, weil man muß.«

 

Fräulein Marie hatte den Baum selbst geschmückt mit einer Unzahl von

großen farbigen Glaskugeln, wohl faustgroße Kugeln, und mit Goldfäden, die

über die grünen Zweige herunterfielen, wie das aufgelöste Haar einer Riesin. An

jedem Astende saß ein elektrisches Lämpchen und wartete auf die Dämmerung,

wo es aufflammen würde mit hellem Licht. Es war ein großartiger Baum. Er

stand etwas im Wege, denn der Raum in der Bahnhofwirtschaft war nicht

besonders groß, aber das schadete weiter nichts, das war heute wohl in mancher

Familienstube auch nicht anders. Als der Baum geschmückt war, tat sich

Fräulein Marie auch noch festlich an: eine blaue Sammetbluse, und einen

vergoldeten Anhänger um den Hals an einem Kettchen, und das hochblonde

Haar steckte sie kunstvoll auf mit drei Kämmen und einem Band aus

Stahlperlen. Herr Riemenschneider sah sie befriedigt an, als sie von ihrer

Kammer herunterkam und sich noch eine weiße Schürze um den schlanken Leib

band, lang und breit und mit Spitzen daran.

 

»Sie ist ein anstelliges Mädchen,« sagte er zu seiner Frau, die am Schenktisch

stand und Schinken aufschnitt. »Gefällig und anständig dabei, grad so die rechte Mitte, und sie stellt etwas vor, das muß man ihr lassen.« Er kniff das eine seiner

beiden kleinen Äuglein zu und sah ihr nach, wie sie mit vier vollen Gläsern und

drei Tellern mit heißen Würstchen den Mittelgang hinunterschritt und

danebenher noch einem alten Stammgast, einem Zigarrenreisenden, zunickte.

»Grad so die rechte Mitte,« konstatierte er noch einmal, ohne zu merken, daß

Frau Riemenschneider ein geärgertes Gesicht dazu machte, weil sie nicht leiden

konnte, daß ihr Mann die Kellnerin so herausstrich.

 

Jetzt aber fuhr der Zug vom Oberland her in den Bahnhof ein, der hatte hier

fünfzehn Minuten Aufenthalt und außerdem brachte er meistens noch eine

Menge Gäste, die auf den Schnellzug warten mußten. Der kam erst in einer

halben Stunde. »Anzünden,« nickte Herr Riemenschneider der Kellnerin zu; da

drückte sie auf einen Knopf an der Wand und die Flämmchen der elektrischen

Lichter sprühten auf, alle miteinander. Als die Gäste vom Zug her eintraten,

funkelte ihnen eine Helle entgegen und ein Glanz, daß sie schier geblendet

waren. Draußen war es schon ziemlich dunkel und es wehte ein naßkalter Wind;

hier drinnen aber war es warm und hell und es roch dabei nach allerlei guten

Dingen, die einem hungrigen Magen wohl anstehen. Herr Riemenschneider rieb

sich die Hände, kurze, dicke Hände, und sah wohlgefällig zu, wie Fräulein Marie

hin- und herging. Flink und gewandt schob sie sich zwischen den Tischen durch

und zeigte weder Hast noch Last. Er brauchte nicht einzugreifen, es ging wie am

Schnürchen. An dem einen runden Tisch in der Ecke saß eine lustige

Gesellschaft ganz junger Herren. Sie trugen die farbigen Mützen und Bänder

noch nicht lang, das konnte man den knabenhaften Gesichtern ansehen, auf

denen kaum hie und da ein leichter Flaum sproßte wie eine erste Frühjahrssaat.

Aber ebendarum wollten sie gern vorstellen, was sie erst werden wollten und

betrugen sich mit Lärmen und Lachen und mit Befehlen so, als ob sie das

männliche Wesen längst gewöhnt seien und bereits eine große Gewandtheit darin

besäßen. Dazu schien es einem von den Schlingeln, einem langen, dünnen

Schlenker mit schwarzen Locken und einem goldenen Zwicker auf der Nase zu

gehören, daß er mit der Kellnerin schön tue, und obgleich er einiges Herzklopfen

dabei verspürte, da er es noch nicht geübt hatte, so faßte er sie doch, als sie mit

einer Weinflasche hereinkam, um die Taille und sagte in angenommen

zärtlichem Ton: »Grüß Gott, Fräulein Fanny! Kennen Sie mich denn nimmer?«

Ein großes Gelächter erscholl von den bewundernden Mitbrüdern und er wollte

gerade fortfahren, seine Vorstellung zu geben, als er seine Hand kräftig auf den

Tisch aufgestoßen fühlte und sehen mußte, daß Fräulein Marie wie eine

Siegesgöttin den Gang hinunterschritt. Der Zigarrenreisende trank ihr zu, als sie

an ihm vorbeikam und sagte wohlgefällig: »So ist's recht, Fräulein Marie. Nur nichts gefallen lassen. So Buben da, was die sich schon herausnehmen.« Sie

lachte ein wenig. »Mit denen werd' ich schon noch fertig.« Aber es war ihr nicht

ganz ums Lachen. Sie wußte nicht recht, was es war, das heut in ihr umging. Sie

spürte den Wunsch, irgend etwas Schönes, Festliches zu erleben; sie hatte ihn

schon vom frühen Morgen an verspürt; seit sie ihr den grünen Tannenbaum in

den Saal hereingestellt hatten, ging er in ihr um. Was es sein sollte, das zu

erleben wäre, wußte sie nicht zu sagen, aber es mußte etwas Frohes sein, etwas

wie ein Glücksgefühl. Sie hatte den Baum geschmückt und dann sich selbst. Als

sie das Musikwerk aufzog und die »Stille Nacht« aus dem Kasten herausklang,

hatte sie eine Art von Heimweh empfunden nach der engen Stube bei ihrer

Großmutter, in der sie als Kind Weihnachten gefeiert hatte, nach dem kleinen

Bäumchen, das auf dem Tisch stand und nach Hutzelbrot, Lebkuchen und der

wortarmen Zärtlichkeit der alten Frau. Aber im ganzen wünschte sie sich doch

nicht zurück, es mußte noch viel Neues kommen, das erst vor ihr lag. Sie hatte

schon am Vormittag ihr »Christkindle« von Herrn und Frau Riemenschneider

empfangen, ohne besondere Feierlichkeit, weil es jetzt gerade ruhig war in der

Wirtschaft: drei weiße Schürzen und zehn Mark. Sie war gerührt, sie hatte in

ihren anderen Stellen nie etwas bekommen und Frau Riemenschneider hatte

auch gesagt, daß man es eigentlich nicht nötig gehabt hätte, aber daß man eben

so sei: fast zu gut gegen die Leute. Aber das festliche Gefühl war dadurch nicht

in ihr Herz gekommen, es mußte noch etwas anderes sein. Seit sie um drei Uhr

einen Augenblick draußen vor dem Haus gestanden war, gerade als das

Festläuten auf den Kirchen anhob, dachte sie von Zeit zu Zeit daran, sie wolle

morgen wieder einmal in die Kirche gehen, daß sie auch wisse, daß Christtag sei.

Die feierlichen Glockentöne waren so groß und voll über die Stadt hingeflogen,

wie ein Zug von Kranichen schwammen sie durch die Lüfte dahin, unbekannten

Ländern zu. Fräulein Marie hatte zwar noch nie Kraniche gesehen, aber sie hatte

schon viel gelesen, darum kam es ihr doch so in den Sinn. Sie dachte, es wäre

schön, mitzufliegen, es hob sich etwas in ihr. Aber da kam gerade ein verspäteter

Mittagsgast, der junge Doktor Holl mit seinem lustigen Gesicht, der lachte, als er

sie dastehen und hinausträumen sah und behauptete, sie habe ganz sehnlich nach

der Konservenfabrik hinübergesehen. Dort war ein Chemiker, der immer sehr

nett mit Fräulein Marie umging und ihr eine Schachtel Pralinées zu Weihnachten

versprochen hatte. Da mußte sie sich wehren und mit der feierlichen Stimmung

war es vorbei.

 

Und nun brannte der Christbaum und die »Stille Nacht« ertönte wohl zum

dreißigsten Mal und Herr Riemenschneider sagte zu einem Gast, der ein

anerkennendes Wort gesprochen hatte: »Ja, ja. Was gemacht werden kann, das wird gemacht. Stimmungsvoll muß es sein. Die Spieluhr mit dem Drehwerk hat

vierzig Mark gekostet und der Baum samt dem Schmuck seine zwanzig Mark.

Gut und gern zwanzig, ohne die elektrischen Lampen. Ja, ja.«

 

Da dachte Fräulein Marie, als sie es hörte, es sei komisch, daß es ihr immer

noch nicht weihnächtlich ums Herz sei und auf was sie denn noch warte? Es

komme doch sicher nichts anderes mehr. Sie hatte es nicht immer so gut gehabt

wie hier. Die Arbeit war nicht gar zu streng und die Behandlung gut, die

Einnahmen auch nicht schlecht. Unterhaltend war es auch hier, wo die Züge

fortwährend ein Ab- und Zuströmen der Menschen brachten und immer etwas

Interessantes. Da beschloß sie, sich die dummen Gedanken aus dem Kopf zu

schlagen. Der ledige Stammtisch in der zweiten Klasse wollte am späteren

Abend einen Weihnachtspunsch trinken und Fräulein Marie war dazu

eingeladen. Das war doch auch ein Vergnügen. Also.

 

Da fuhr eben der Schnellzug in den Bahnhof ein. Es gab ein Gewimmel im

Wirtschaftsraum, Koffer und Taschen wurden zusammengerafft und Mäntel über

den Arm genommen und: »Fräulein, zahlen!« rief es eilig aus ein paar Ecken,

wo die Leute gar zu gemütlich sitzen geblieben waren. Fräulein Marie hatte

genug zu tun, bis der eine Schub von Menschen draußen war und dann wieder,

bis die neuen Gäste, die jetzt wieder auf die Nebenbahn warten mußten,

befriedigt waren. Als es ein wenig ruhiger zuging, sah sie an dem runden Tisch

in der Ecke, da, wo vorhin die jungen Herren gesessen waren, eine ganze

Familie sitzen: einen blonden Mann mit schmalen, feinen Zügen, er hatte zwei

Stöcke neben sich am Tisch lehnen, eine junge Frau mit einem mütterlichen

Gesicht, die in einem Kleid mit sehr unmodernen Ärmeln steckte, wie Fräulein

Marie sogleich sah, und zwei sehr hellblonde Bübchen. Eins davon trug die

ersten Hosen, das sah man deutlich, die Hände steckten in den Taschen und das

Näschen streckte sich sehr unternehmend in die Welt hinein. Das kleinste

Bübchen hatte noch einen Mädelrock an und saß zwischen Vater und Mutter auf

der Eckbank. Ein helles Stimmlein rief: »Guck, Vater, ein Christbaum mit

Lampen dran, 'lektrische Lampen, Vater.« Der Vater lächelte. Da wußte Fräulein

Marie, wer die Leute waren. Sogleich wußte sie es, als sie das Lächeln sah. Das

gab es sonst nicht wieder auf der Welt. Vor sechs Jahren hatte sie es gesehen,

einen ganzen Winter lang, fast Abend für Abend. Es hatte dem jungen

Hilfslehrer gehört, der aushilfsweise den alten, weißbärtigen Reallehrer des

kleinen Städtchens vertrat. Sie war damals ein sehr junges Ding gewesen, nicht

sehr weit von der Schule weg, höchstens drei, vier Jahre. Und er hatte im Lamm

gegessen und seinen Abendschoppen getrunken hinter der Zeitung, im Lamm zu Gussenstadt, wo sie ihre erste Stelle hatte. Ach, was war sie damals für ein

junges Ding gewesen, für ein bescheidenes, einfaches, unerfahrenes. Das Haar

zurückgekämmt, die schweren Zöpfe ganz einfach aufgesteckt. Und ein

Kleidchen an, ein ärmliches, glattes, nur so ein bißchen aufgeputzt mit einem

Krägelchen oder Schleifchen. Aber dem Herrn Hilfslehrer hatte das alles gerade

gefallen. Es waren manchmal Sommergäste nach Gussenstadt gekommen,

modisch gekleidete Damen mit allem Drum und Dran. Über die hatte er nur

gelächelt. »Wenn Sie wüßten, Fräulein Marie, wie gut Ihnen das Einfache steht.

Nie möcht' ich Sie so sehen, so einen Bausch um den Kopf, und eingeschnürt

und mit all' dem Zeug behängt.« Sie hatte damals zweifelhaft den Kopf

geschüttelt. Ihr hatte der städtische Putz so übel nicht gefallen. Wenn sie Geld

dazu gehabt hätte! Aber sie sagte es ihm nicht, sie schämte sich. Er war so gut

und fein und so vornehmen Wesens. Er erzählte ihr von dem, was er las und was

er dachte, er mußte jemand haben, bei dem er sich aussprechen konnte. Er

brachte ihr auch Bücher mit, schöne, wunderbare Bücher. Sie hatte in der Schule

gut gelernt, sie verstand wohl etwas von dem, was sie las. Wenn sie ihm etwas

darüber sagte, das ihn freute, so ging das schöne, seltene Lächeln über sein

Gesicht. Eines Tages merkte sie, daß sie ihn liebe mit ihrem ganzen, jungen

Herzen. Nie hatte er ihr von Liebe gesprochen, auch nur von ferne, weder mit

dem Mund, noch mit den Augen. Aber es war darum doch über sie gekommen,

sie konnte nichts dafür. Er war das Schönste, das in ihr Leben gekommen war,

der Bote aus einer Welt, die gerade nur diesen einzigen Boten zu ihr sandte, um

ihr zu zeigen, wie schön sie sei. Aber an dem Tag, als Marie zu sich selbst sagte,

daß er das Beste für sie sei, teilte er ihr mit, daß er versetzt sei, weit weg von

Gussenstadt, und daß er morgen schon abreise. Sie war ganz stumm

dagestanden. Nun löschte also das Licht aus. »Ich möchte Sie nun noch um

etwas bitten, Fräulein Marie,« hatte er gesagt, eh' er ging. »Wenn Sie doch einen

andern Beruf suchen möchten, das wäre gut für Sie. Nicht daß ich den Ihrigen

herabsetzte, gewiß nicht. Aber es ist mir, er könne Sie nicht befriedigen und das

Gute, Schöne in Ihnen könne sich nicht recht dabei auswachsen.« Da war es ihr

gewesen, als müsse sie morgen schon fort, irgendwohin, sie wußte selber nicht,

wo. In eine Familie, in ein Krankenhaus – oder wo sonst? Aber es riet ihr

niemand dabei und daheim widersetzte man sich auch diesen Mücken, wie man

sie nannte, man brauchte ihren Verdienst, weil die jüngeren Brüder etwas

Rechtes lernen sollten. So blieb sie. Sie war eine Zeitlang wie krank gewesen,

krank am Herzen vor Sehnsucht nach ihm. Aber es hatte sich dann wieder

gemacht. Sie blühte auf und bekam Angenehmes über ihr Äußeres zu hören,

lernte sich anzuziehen und das Haar vorteilhaft zu machen. Manchmal empfand

sie noch einen Stich, wenn ihr die und jene Äußerung von ihm einfiel. Dann dachte sie: so würde ich ihm nicht gefallen. Das war peinlich und sie schüttelte

es ab. Nach und nach vergaß sie es auch, an ihn zu denken. Sie kam in der Welt

herum, verdiente Geld, verstand auch, es auszugeben, blieb so, was man ein

anständiges Mädchen nennt, und wußte sich zu wahren, wo man es anders mit

ihr meinte. Aber Boten aus jener schönen, heimlichen Welt waren seitdem nicht

mehr zu ihr gekommen, wenigstens nicht so nahe her, so ins Herz hinein. Sie

hatte sich vielleicht hier und da nach ihr gesehnt, heute mittag beim Festläuten,

und heute den ganzen Tag, ohne es zu wissen. Und nun saß er dort am Tisch und

weckte mit einem einzigen Lächeln alles auf, was in ihr von dieser inneren Welt

lebte. Wie das brannte! Sie kam sich wie ausgeschlossen vor, und so, mit diesem

Brennen, ging sie umher und bediente die Gäste. Die junge Frau war selber am

Schenktisch gewesen, weil die Kellnerin so beschäftigt war, und hatte sich Milch

geben lassen für die Kinder. Sie selbst und der Mann wollten nichts trinken. Sie

hatten auch nur zehn Minuten Aufenthalt. Das größere Bübchen lief im Saal

umher und kam an den Christbaum, um zu sehen, wie es käme, daß da die

'lektrischen Lampen drauf seien. Es fragte das Fräulein, das gab ihm sogar einen

Lebkuchen. Dafür erzählte er ihr mit seinem hellen Stimmlein, daß sie alle zur

Großmutter führen, und daß dort auch ein Christbaum sei. Und daß er, Martin,

schon den Vater ein bißchen stützen könne, der sei immer krank. Die Mutter

könne es aber noch besser, die sei anders stark. »Martin,« rief die Mutter, da

entsprang er. Also so sah es aus um ihren Freund? Weib und Kind hatte er, und

krank war er. Was mochte das für eine Krankheit sein? Er ging an zwei Stöcken

und sein Bübchen stützte ihn, und seine Frau hatte ein Kleid mit altmodischen

Ärmeln an, wahrscheinlich, weil sie kein Geld zu einem neuen hatte. Das war

sein ganzes Glück? Sie stand eine ganze Weile unter dem Christbaum und sah zu

der kleinen Gruppe hinüber. Es war Zeit für sie, aufzubrechen. Da sah sie, wie

die Frau das kleine Bübchen auf den Fußboden stellte und seine Händchen in

Martins Händchen legte: »Da, führ' dein Brüderlein. Mutter kann nicht, Mutter

muß dem Vater helfen,« sah, wie sie dem Mann den Arm reichte und wie er sich

an ihr aufrichtete und wie sie sich miteinander in langsamen Gang setzten. Und

sah, als alle Anstalten vollbracht waren, wie sie einander für kurze Sekunden in

die Augen sahen, mutig, tröstend, lächelnd, wie aus einem tiefen Meer des

Glücks herauf. Das Herz zitterte ihr vor diesem Anblick. Sie wollte hingehen

und sagen, daß sie da sei. Er würde sie schon noch kennen, trotzdem sie anders

aussah, als damals. Aber sie tat es doch nicht. Sie sah zu, wie die liebe Gruppe

verschwand, und wurde durch ein verwundertes Räuspern von Herrn

Riemenschneider und durch ein Klopfen mit einem Geldstück, das ein

ungeduldiger Gast vollführte, zu ihrer Pflicht zurückgerufen. Der

Zigarrenreisende saß noch da; es war erst eine Viertelstunde her, daß sie den kecken Studenten abgefertigt hatte. Er sagte lachend und vertraulich: »Puh! Gott

behüt' uns!« und nickte mit dem Kopf hinter den Abreisenden drein. Dann hob er

sein Glas: »Prost, Fräulein Marie!« Und sie tat ihm Bescheid, wie er es wollte.

Sie zog die Spieluhr wieder auf, als sie abgelaufen war, denn es kamen immer

wieder neue Gäste, die eine stimmungsvolle Weile hier drinnen verleben sollten

nach dem Willen von Herrn Riemenschneider, und trug Bier und heiße

Würstchen zu den Tischen her und gab Auskunft und lachte, wo es hingehörte,

und nahm an dem Punsch der ledigen Herren teil, »alles in der richtigen Mitte,«

wie Herr Riemenschneider noch einmal konstatierte, »gefällig und doch

anständig dabei.«

 

Als der letzte Gast gegangen war, löschte sie die elektrischen Lampen am

Christbaum aus und ließ das Musikinstrument ablaufen, daß es nun wirklich

»stille Nacht, heilige Nacht« werden konnte. Dann stieg sie in ihr Kämmerlein

unters Dach hinauf und dort droben endlich konnte sie ein stilles Weilchen in die

Welt hinein sehen, in der die Glücklichen von heute abend zu Hause waren, –

nachdem sie sich die Augen zuvor mit seltenen, heißen Tränen ausgewaschen

hatte.