Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer
Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln Von Kapitän James King
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
An demselben Tage verließen wir das Marai und brachten unsere Zelte nebst der Sternwarte an Bord. Der Talisman, der in dem Worte »Tabu« steckte, war kaum hinweggenommen, so stürzten die Eingeborenen in den freigegebenen Bezirk und suchten emsig umher in der Hoffnung, irgend etwas Wertvolles zu finden, das wir etwa zurückgelassen haben könnten. Ich war als letzter am Lande geblieben und wartete auf die Rückkehr des Bootes, das mich abholen sollte. Bald versammelte sich eine Menge Leute um mich her, und ich mußte mich niedersetzen. Sie stimmten dann über unsere Trennung eine Wehklage an, und mir selbst ging es nahe, mich von ihnen loszureißen. Bei dieser Gelegenheit wird man es mir nicht verdenken, wenn ich einen geringfügigen Umstand erzähle, der hauptsächlich mich selbst betrifft. Während unseres ganzen Aufenthaltes in der Bucht hatte ich über unsere Leute das Kommando gehabt und war ebendadurch genauer mit den Eingeborenen bekannt geworden als manche andere, die ihrer Berufsgeschäfte wegen hatten an Bord bleiben müssen. Die Eingeborenen ihrerseits kannten auch mich besser und gaben mir durch ihr Betragen ihre Zuneigung zu erkennen. Vor allem aber zeichneten sich ihre Priester aus, deren grenzenlose Güte und unerschütterliche Freundschaft ich nicht genugsam anerkennen und nicht zu oft rühmen kann. Da ich keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, mir ihre Liebe zu sichern, war ich auch so glücklich gewesen, mir diese in dem Maße zu erwerben, daß sie mir die allerschmeichelhaftesten Anerbieten machten: ich solle doch ihren dringenden Bitten Gehör geben und bei ihnen bleiben. Ich entschuldigte mich damit, daß Kapitän Cook seine Einwilligung nicht geben würde. Allein, dieser Einwendung suchten sie durch den Vorschlag zu begegnen, ich solle mich in das Gebirge flüchten, wo sie mich bis nach Abreise unserer Schiffe verbergen könnten. Hiergegen versicherte ich, daß der Kapitän auf keinen Fall die Bucht ohne mich verlassen würde. Demzufolge begaben sich Terriobu und Ka-u zu Kapitän Cook, für dessen Sohn sie mich hielten, und brachten ihr Gesuch, daß ich bei ihnen zurückbleiben sollte, förmlich bei ihm an. Um ein Anerbieten, das so viel teilnehmendes Gefühl verriet, nicht geradezu von sich zu weisen, erwiderte er, daß er mich zwar diesmal nicht entbehren könne, allein nächstes Jahr, wenn er die Insel nochmals zu besuchen gedächte, würde er sich bemühen, alles nach ihrem Wunsche einzurichten.
Frühmorgens am 4. Februar lichteten wir Anker und segelten in Begleitung der »Discovery« und im Gefolge einer großen Anzahl von Kanus aus der Bucht. Kapitän Cook hatte sich vorgenommen, die noch unbekannte Küste von Hawaii völlig zu untersuchen, wobei er noch einige Hoffnung hatte, irgendwo eine etwas mehr geschützte Reede als die, wo wir bisher gelegen, anzutreffen. Schlug diese Erwartung fehl, so wollte er die Südostseite von Mauwi in Augenschein nehmen, wo laut den Nachrichten einiger Insulaner ein vortrefflicher Hafen vorhanden sein sollte.
Das Wetter war sowohl an diesem als am folgenden Tage sehr still, und wir machten nur sehr langsame Fortschritte nordwärts. Noch immer begleitete uns eine Menge von Kanus, und Terriobu gab dem Kapitän dadurch einen neuen Beweis seiner Freundschaft, daß er ihm ein ansehnliches Geschenk von Schweinen und Früchten nachschickte.
In der folgenden Nacht suchten wir mit Hilfe einer leichten Brise, die vom Lande her wehte, nordwärts weiterzukommen und befanden uns am 6. Februar früh, nachdem wir die westliche Spitze der Insel umschifft hatten, einer tiefen Bucht gegenüber, die die Eingeborenen Tu-ja-ja nennen. Es schien so, als ob wir hier einen sicheren und bequemen Hafen antreffen würden, da im ganzen die Lage gut gedeckt war und sich nordostwärts einige schöne Wasserbäche zeigten. Hiermit stimmte auch Koahs Aussage völlig überein, der bis jetzt den Kapitän Cook noch immer begleitete und uns zu Ehren den Namen »Britanni« angenommen hatte. Wir setzten daher ein Boot aus und schickten den Lotsen mit unserem Britanni als Geleitsmann ab, um die Bucht zu untersuchen, während sich die Schiffe durch Lavieren ebenfalls langsam in die Bucht hineinarbeiteten. Nachmittags überzog sich der Himmel, und die Windstöße vom Lande her wurden so heftig, daß wir alle Segel einziehen und unter dem einzigen Kreuzstagsegel beilegen mußten. Zu Anfang des Sturms verließen uns alle Kanus. Auch rettete der Lotse bei seiner Rückkehr eine alte Frau und zwei Männer, deren Kanu der Wind umgeworfen hatte. Außer diesen Verunglückten befanden sich eine große Anzahl Frauen an Bord, die die Männer in ihrer Hast, sich selber zu retten, zurückgelassen hatten.
Gegen Abend ließ der Sturm etwas nach und gestattete uns, unsere Segel fallen zu lassen. Gegen Mitternacht jedoch setzte er mit solchem Ungestüm wieder ein, daß wir unsere beiden Marssegel dabei einbüßten. Gegen Morgen am 7. Februar heiterte sich der Himmel auf. Wir banden frische Segel an die Stengen und schifften mit gelindem Winde weiter. Indes hatte sich gegen Mittag das Wetter immer noch nicht entschieden, und da wir bis auf 5 Seemeilen von der Küste abgekommen waren, getraute sich keiner von den Eingeborenen, in seinem Kanu zu uns zu kommen. Unsere weiblichen Gäste mußten also, größtenteils wider ihren Willen, noch länger bei uns vorliebnehmen, obgleich sie alle von der Seereise krank waren und viele von ihnen ihre Säuglinge am Ufer zurückgelassen hatten.
Nachmittags näherten wir uns dem Lande, wennschon der Wind noch immer in heftigen Stößen kam. Ungefähr in einer Entfernung von 3 Seemeilen erblickten wir ein Kanu mit 2 Männern, die vermutlich im letzten Sturm verschlagen worden waren. Sie ruderten auf uns zu, und wir legten bei, um sie an Bord zu nehmen. Allein, die Unglücklichen waren von ihrer Anstrengung so erschöpft, daß sie, wofern nicht einer unserer Hawaiier ihnen zu Hilfe in ihr Kanu gesprungen wäre, dieses allein schwerlich an dem Strick, den wir ihnen zuwarfen, hätten befestigen können. Wir hatten Mühe, ihnen an den Seiten des Schiffs hinaufzuhelfen und sie an Bord zu bringen. Auch fanden wir jetzt in demselben Kanu ein Kind von etwa 4 Jahren, das sie unter einem Quersitz festgebunden hatten, wo es nur mit dem Kopf über das Wasser hervorragte. Nunmehr erfuhren wir, daß sie bereits am vorletzten Morgen das Ufer verlassen und seit der Zeit weder Speise noch Trank zu sich genommen hatten. Wir reichten ihnen beides mit der gewohnten Vorsicht und übergaben das Kind der Pflege eines Weibes. Am folgenden Morgen hatten sie sich sämtlich erholt.
Um Mitternacht hatte es indessen einen neuen Sturm gesetzt, in dem unser Fockmast so stark beschädigt worden war, daß wir ihn gründlich ausbessern und zu dem Zwecke nochmals an Land gehen mußten. Jetzt war nur noch die Frage, ob wir nach der Karakakuabucht zurückkehren oder es darauf ankommen lassen sollten, auf einer der benachbarten Inseln einen andern guten Hafen anzutreffen. Jene Bucht war freilich nicht allzu bequem. Zudem hatten wir die dortige Gegend an Lebensmitteln schon ziemlich erschöpft. Andrerseits war es aber nicht rätlich, einer ungewissen Hoffnung zu vertrauen, die fehlschlagen konnte.
Wir näherten uns inzwischen wieder dem Lande, um den Eingeborenen Gelegenheit zu geben, ihre Landsleute von unseren Schiffen abzuholen. Obgleich wir um Mittag nur noch eine Meile vom Ufer entfernt waren, kamen jedoch nur wenige Kanus zu uns, die noch dazu vollgepfropft mit Leuten waren. Es blieb also kein anderer Rat, als ein Boot auszusetzen und unsere Gäste darin an Land zu schicken. Der Lotse begleitete sie und bediente sich dieser Gelegenheit, um die Südseite der Bucht zu untersuchen; er fand aber daselbst gar kein frisches Wasser.
Bei veränderlichem Winde und einer stark nach Norden flutenden Strömung kamen wir nur langsam vorwärts. Am 9. Februar abends um 8 Uhr überfiel uns abermals ein heftiger Sturm aus Südost, und um 2 Uhr des Morgens entdeckten wir mitten in einem der ungestümsten Windstöße Brandungen dicht bei uns, und zwar diejenigen, die wir bereits ehemals etwas nordwärts an der Westspitze der Insel Hawaii wahrgenommen hatten. Es blieb uns gerade noch Raum genug übrig, um sie vermeiden zu können, und hierauf lösten wir einige Kanonen, um der »Discovery« die Gefahr anzuzeigen.
Vormittags ward es ruhig, und wir erhielten Besuch von verschiedenen Eingeborenen. Sie erzählten uns, daß die Stürme großen Schaden angerichtet hätten, und daß mehrere große Kanus zugrunde gegangen wären. Den ganzen Tag hindurch lavierten wir gegen den Wind und waren gegen Abend eine englische Meile von der Karakakuabucht entfernt. Weil es indessen nicht ratsam war, im Dunkeln weiterzufahren, kreuzten wir die Nacht hindurch auf und ab und ließen endlich am folgenden Morgen bei Tagesanbruch die Anker an unserem vorigen Hafenplatze fallen.
Der 11. und 12. Februar gingen damit hin, den Fockmast auszuheben und ans Land zu schaffen. Es stellte sich jetzt heraus, daß der Mastbaum schon ziemlich angefault war und in der Mitte ein so großes Loch hatte, daß vier bis fünf kleine Kohlköpfe darin Platz gehabt hätten. Zum Glück hatten wir noch große Blöcke von rotem Toa- oder Keulenholze an Bord, die wir anfänglich zu Ankerstöcken bestimmt hatten. Diese konnten so bequem zur Ausbesserung des Mastes gebraucht werden, daß wir ihn nicht zu verkürzen brauchten. Um die Zeit nicht ungenützt verstreichen zu lassen, brachten wir die astronomischen Instrumente wieder an Land und errichteten unsre Zelte auf dem Marai. Unsre Wache bestand aus 1 Korporal und 6 Seesoldaten. Die Priester, mit denen wir wieder im besten Einvernehmen lebten, schützten die Stelle, wo wir den Mast hingelegt hatten, alsbald durch das Tabu und pflanzten rund um den Ort ihre Stäbe auf, wodurch sie den Eingeborenen den Zutritt untersagten. Die Zimmerleute und anderen Arbeiter konnten also ihre Geschäfte ungestört und in völliger Sicherheit betreiben. Unter diese Arbeiter gehörten auch die Segelmacher, die den Schaden, den der Sturm an unseren Segeln verursacht hatte, in einem Hause neben dem Marai, das uns zu diesem Zwecke von den Priestern zur Verfügung gestellt wurde, ausbessern mußten.
Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten, nicht wenig über den großen Unterschied zwischen unserer jetzigen und der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein fröhliches Geschrei, kein Gewirr und Getümmel unter den Insulanern. Die ganze Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so großen Anteil an der ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, daß sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken über unsere Wiederkehr hätten entgegeneilen sollen.
Wir überließen uns allerlei Mutmaßungen über diese sonderbare Stille, bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder zurückkehrte. Der größte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir erfuhren, daß Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu oder Bann zurückgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung — oder waren es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher die Vermutung einflößten? —, in dem Betragen der Eingeborenen sei etwas Verdächtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit des Königs sei nur eine Täuschung, damit der König sich desto besser mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten könne. Es werde wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu benehmen habe. Ob dieser Verdacht begründet war, oder ob jene Aussage der Eingeborenen der Wahrheit näher kam, konnten wir nie mit Sicherheit entscheiden. Es war freilich möglich, daß unsere schleunige Wiederkehr ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns zurückgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien am folgenden Morgen und besuchte Kapitän Cook. In seinem Betragen war nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen zurück. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort. Dies sind immerhin starke Beweise dafür, daß sie ebensowenig ein verändertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer Seite erwarten mochten.
Zur Bestätigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor uns der König seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der »Resolution« ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen, als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stieß ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu über die Bucht ausgesprochen, und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie mißlich es ist, aus den Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt, Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie große Schwierigkeiten es hat, bei so vieler Ungewißheit, wo der kleinste Irrtum die übelsten Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Verstoß zu vermeiden.
Bis nachmittags am 13. Februar ging alles ruhig seinen Gang. Gegen Abend gab mir ein Offizier von der »Discovery«, der die Aufsicht über das Wasserfüllen am Lande hatte, Nachricht, daß sich einige Befehlshaber am Bach unweit des Strandes eingefunden und die Insulaner, die zum Fortrollen der Tonnen als Gehilfen unsrer Matrosen gedungen waren, fortgejagt hätten. Ihr ganzes Betragen schiene dabei so verdächtig, als ob sie es bei diesem Unfug nicht bewenden lassen wollten. Auf sein Verlangen gab ich ihm einen Seesoldaten bei, der aber nur das Seitengewehr mitnehmen durfte. Nicht lange nachher kam der Offizier zum zweiten Male und brachte die Nachricht, daß sich die Eingeborenen mit Steinen bewaffnet hätten und sich sehr ungebärdig zeigten. Ich ging also selbst hin und ließ mich von einem Seesoldaten mit seinem Gewehr begleiten. Als wir uns näherten, ließen die Insulaner ihre Steine fallen. Ich sprach hierauf mit einigen der Vornehmen, die nunmehr das zusammengelaufene Volk auseinandertrieben und denen, die sich willig finden ließen, ferner erlaubten, unsern Leuten beim Wasserfüllen behilflich zu sein. Nachdem ich hier alles beruhigt hatte, ging ich Kapitän Cook entgegen, den ich eben in seinem Boot an Land kommen sah, und erstattete ihm Bericht von diesem Vorfalle. Er gab mir Befehl, für den Fall, daß man uns mit Steinen würfe oder sonst angriffe, sofort mit scharfgeladenem Gewehr auf die Feinde Feuer zu geben. Demzufolge beorderte ich den Korporal, die Flinten der Schildwachen statt mit Schrot mit Kugeln laden zu lassen.
Als wir eben zusammen nach den Zelten zurückkehrten, zog ein fortdauerndes Musketenfeuer von der »Discovery« unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Schüsse waren gegen ein Kanu gerichtet, das nach dem Lande zueilte und von einem unserer kleinen Boote verfolgt wurde. Wir vermuteten sogleich, daß ein Diebstahl vorgefallen wäre. Der Kapitän befahl mir und einem Seesoldaten, ihm zu folgen und die Leute, die aus dem Kanu aussteigen würden, gefangenzunehmen. Wir liefen nach dem Ort hin, wo das Kanu landen mußte: aber als wir anlangten, hatten es die Insassen schon verlassen und waren entkommen.
Wir glaubten, die gestohlenen Sachen müßten von Wichtigkeit sein, weil man auf der »Discovery« so ernste Maßregeln getroffen hatte. Auch wußten wir damals noch nicht, daß sie bereits wieder zurückgegeben worden waren. Daher wollten wir die Hoffnung, sie wiederzubekommen, nicht fahren lassen und entschlossen uns, den Flüchtlingen nachzusetzen. Wir erkundigten uns nach dem Wege, den die Entwichenen genommen hatten, und folgten ihnen bis zur Dämmerung 3 Kilometer weit von unsern Zelten. Hier kam es uns so vor, als wenn die Eingeborenen uns mit erdichteten Nachrichten nur immer weiter zu locken suchten; wir machten daher dem Nachsuchen ein Ende und kehrten an den Strand zurück.
Augenblicklich stürzten die Eingeborenen über das Boot her und
plünderten es.
Während unserer Abwesenheit hatte sich ein Auftritt von der ernsthaftesten und unangenehmsten Art zugetragen. Der Offizier, den man in dem kleinen Boot abgeschickt hatte, kehrte schon mit den gestohlenen und wiedererhaltenen Sachen an Bord des Schiffes zurück, als er gewahr wurde, daß Kapitän Cook mit mir den Dieben nachsetzte. So bildete er sich ein, er müsse das an den Strand gezogene Kanu beschlagnahmen. Unglücklicherweise gehörte es dem Paria, der in demselben Augenblick von der »Discovery« her kam und es mit vielen Beteuerungen seiner Unschuld wieder zurückverlangte. Der Offizier weigerte sich, es herauszugeben. Die Mannschaft des andern Bootes, das auf den Kapitän wartete, gesellte sich zu ihm, und jetzt entstand eine Schlägerei, bei der Paria mit einem Ruder einen so heftigen Schlag auf den Kopf erhielt, daß er zu Boden stürzte. Nunmehr fielen die Insulaner, die in ihrer Nähe zusammengelaufen und bisher ruhige Zuschauer geblieben waren, unsere Leute mit einem solchen Steinregen an, daß diese in der größten Unordnung die Flucht ergriffen und nach einer vom Ufer etwas entlegenen Klippe schwammen. Augenblicklich stürzten die Eingeborenen über das Boot her, plünderten es und würden es völlig in Stücke geschlagen haben, wenn nicht Paria selbst, der sich von dem Schlage erholt und ihn schon wieder vergessen zu haben schien, sein Ansehen gebraucht hätte. Er trieb den ergrimmten Haufen fort, winkte unseren Leuten, sie sollten wiederkommen und ihr Boot in Besitz nehmen, und gab zu verstehen, er wolle sich Mühe geben, die davongeschleppten Sachen wiederherbeizuschaffen. In der Tat folgte er ihnen auch, nachdem sie vom Lande abgefahren waren, in seinem Kanu mit eines Seekadetten Mütze und einigen andern erbeuteten Kleinigkeiten nach. Er schien äußerst betroffen und fragte, ob ihn der »Orono« nun töten, oder ob er ihm erlauben würde, wieder an Bord zu kommen. Als man ihm versicherte, er würde freundschaftlich aufgenommen werden, grüßte er den Offizier nach Landesbrauch durch gegenseitige Berührung der Nasen und ruderte dann nach dem Dorfe Kauraua hinüber.
Kapitän Cook war über die Nachricht von diesem Vorfall sehr beunruhigt und sagte, indem wir uns zurück an Bord begaben: »Ich fürchte, diese Leute werden mich zu gewaltsamen Maßnahmen zwingen; denn wir können es nicht zugeben, daß sie sich einbilden, sie hätten einen Vorteil über uns errungen.« Da es indessen Abend geworden war, konnte weiter nichts geschehen, und Kapitän Cook begnügte sich damit, die Insulaner, die sich an Bord seines Schiffes befanden, Männer und Frauen ohne Unterschied, fortjagen zu lassen. Sobald dies geschehen war, kehrte ich an Land zurück.
Weil sich unser altes Zutrauen zu den Eingeborenen durch ihr heutiges Betragen sehr vermindert hatte, verdoppelte ich die Wachen auf dem Marai und befahl, man solle mich rufen, sobald man jemand am Strande lauern sähe. Um 11 Uhr bemerkte man 5 Insulaner, die am Fuße des Marai umherkrochen und sich äußerst vorsichtig uns zu nähern schienen, sich aber, sobald sie sahen, daß sie bemerkt worden waren, aus dem Staube machten. Um Mitternacht wagte sich wieder einer dicht an die Sternwarte. Als die Schildwache jedoch eine Kugel über seinen Kopf hinwegschoß, ergriff er samt den übrigen die Flucht, und wir hatten nun die Nacht über Ruhe. Am folgenden Tage begab ich mich bei Tagesanbruch an Bord der »Resolution«, um die astronomische Uhr zu holen. Schon unterwegs riefen mich einige Leute von der »Discovery« an, daß ihr Boot in der Nacht von der Ankerboje, woran es festgelegen, losgemacht und gestohlen worden sei.
Als ich an Bord kam, fand ich die Seesoldaten sämtlich unter Waffen, und Kapitän Cook war im Begriffe, seine eigene Doppelflinte zu laden. Ich begann, ihm zu erzählen, was in der Nacht vorgefallen war, er unterbrach mich aber sogleich, das Boot der »Discovery« sei verloren, er mache Anstalt, es wiederzubekommen. Zu diesem Zwecke werde er sich eines Mittels bedienen, das in Fällen, wo etwas von Wichtigkeit entwendet worden, noch niemals fehlgeschlagen sei. Er würde nämlich den König oder einige der Vornehmsten an Bord zu bekommen suchen und sie daselbst so lange als Geiseln gefangenhalten, bis er das Boot zurückerlangt hätte. Auch habe er Befehl erteilt, alle Kanus anzuhalten, die sich unterstehen sollten, die Bucht zu verlassen. Denn er sei willens, sich ihrer zu bemächtigen und sie in Stücke schlagen zu lassen, wofern er nicht im guten seinen Zweck erreichen könnte. Demzufolge wurden die Boote beider Schiffe mit Bewaffneten rings in der Bucht umher postiert. Und noch ehe ich das Schiff verließ, hatte man auf einige Kanus, die zu entkommen suchten, Kanonenschüsse abgefeuert.
Zwischen 7 und 8 Uhr verließen Kapitän Cook und ich gleichzeitig das Schiff.
Er nahm in seinem Boote den Leutnant Philipps und 9 Seesoldaten mit, ich aber fuhr in einem kleinen Boote zu unseren Arbeitern am Strande zurück. Kapitän Cook gab mir, ehe wir uns trennten, noch den letzten Auftrag, ich solle die Eingeborenen auf unserer Seite der Bucht besänftigen und ihnen versichern, es würde ihnen kein Leids geschehen; ferner sollte ich meine Leute zusammenhalten und auf der Hut sein. Hierauf fuhr er nach Kauraua, dem Aufenthalt des Königs, ich aber an den Strand. Den Seesoldaten erteilte ich sogleich die gemessensten Befehle, das Zelt nicht zu verlassen, die Gewehre scharf zu laden und immer bei sich zu tragen. Dann ging ich in die Hütten des alten Ka-u und der Priester und erklärte ihnen, so gut ich mich verständlich machen konnte, was jene feindlichen Anstalten, worüber sie schon in große Bestürzung geraten waren, zu bedeuten hätten. Daß uns ein Boot gestohlen worden sei, wußten sie bereits. Ich versicherte ihnen, daß für sie und die Bewohner des diesseitigen Dorfes nicht die mindeste Gefahr bestände, obgleich der Kapitän entschlossen sei, sich das Boot wiederzuverschaffen und die Urheber des Diebstahls zu bestrafen. Diese Erklärung mußten die Priester auf mein Verlangen dem Volke mitteilen und es zugleich ermahnen, sich ohne Furcht, aber ruhig und friedlich zu verhalten. Ka-u fragte mich sehr dringend, ob Terriobu in Gefahr sei. Ich beteuerte ihm das Gegenteil und beruhigte dadurch sowohl ihn selbst als seine Amtsbrüder.
Während der Zeit hatte Kapitän Cook noch unterwegs das große Boot, das an der Nordspitze der Bucht lag, von diesem Posten abberufen und mit sich nach Kauraua genommen. Er stieg mit dem Leutnant und den 9 Soldaten an Land und marschierte dann ins Dorf. Hier ward er mit den gewöhnlichen Ehrenbezeigungen empfangen; das Volk warf sich zur Erde nieder, und man brachte ihm wie gewöhnlich Opfer von kleinen Ferkeln dar. Da noch keiner der Insulaner von seinem Vorhaben das geringste wußte, erkundigte er sich nach Terriobu und seinen beiden Söhnen, ein paar Knaben, die an Bord des Schiffes seine beständigen Gäste gewesen waren. Die Knaben kamen mit den Eingeborenen, die man nach ihnen ausgeschickt hatte, bald zum Kapitän und führten ihn zugleich in die Hütte, in der Terriobu die Nacht zugebracht hatte und soeben erwacht war. Kapitän Cook lenkte das Gespräch auf das gestohlene Boot und merkte bald, daß der König nichts von dem Anschlage gewußt hatte. Die Einladung des Kapitäns, sich mit ihm einzuschiffen und den Tag an Bord des Schiffes zuzubringen, nahm Terriobu an und erhob sich, ihn zu begleiten.
Alles ging nach Wunsch, die beiden Knaben saßen schon im Boote, und die anderen näherten sich dem Ufer, als die bejahrte Mutter der beiden Knaben und eine von des Königs Lieblingsfrauen ihm nachfolgte und ihn mit vielen Tränen bat, er möchte sich doch ja nicht an Bord begeben. Zugleich traten zwei Häuptlinge, die mit ihr gekommen waren, hinzu, hielten den König zurück, bestanden darauf, daß er nicht weiterginge, und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Von allen Seiten näherten sich die Eingeborenen, denen das Kanonenfeuer und die Anstalten in der Bucht vermutlich schon große Unruhe verursacht hatten, und drängten sich an Kapitän Cook und ihren König heran. Als der Leutnant seine Leute mitten im Gedränge sah, wo sie, wenn es schlimm kam, ihre Gewehre nicht hätten gebrauchen können, machte er dem Kapitän den Vorschlag, sie auf den Klippen längs dem Ufer in einer Linie zu stellen. Der Haufe machte ihnen sogleich Platz, und sie postierten sich ungefähr 30 Schritt von dem Orte, wo der König sich niedergelassen hatte und noch voll Schrecken und Bestürzung saß.
Kapitän Cook, der sein Vorhaben nicht aufgeben wollte, drang nach wie vor mit allem Nachdruck in ihn, er möchte sich entschließen, weiterzugehen. Sooft aber sich der König geneigt zeigte, dem Kapitän zu folgen, traten die Häuptlinge hervor und hielten ihn zuerst mit Bitten und Vorstellungen, hernach mit offener Gewalt zurück. Alle waren in der größten Unruhe, und es blieb keine Hoffnung, ohne Blutvergießen den König zu entführen. Als Kapitän Cook dies bemerkte, ließ er sein Vorhaben endlich fahren und sagte zu Herrn Philipps: »Man kann ihn nicht mit Gewalt an Bord bringen, ohne das Leben vieler Eingeborener aufs Spiel zu setzen.«
Der Anschlag, den Kapitän Cook am Lande ausführen wollte, war also mißlungen. Doch war für seine eigene Person kein Schatten von Gefahr vorhanden, bis ein Nebenumstand der ganzen Sache einen anderen Verlauf gab. Einige Kanus hatten sich vom Lande zu entfernen gesucht, die in der Bucht postierten Schiffe hatten Feuer auf sie gegeben, und unglücklicherweise war durch den Schuß ein Häuptling von hohem Range gefallen. Kapitän Cook ging, als er vom Könige zurückkam, ganz gemächlich dem Strande zu, als die Nachricht von diesem Todesfall sich eben im Dorfe verbreitete. Alles geriet sofort in augenscheinliche Erregung. Die Männer schickten ihre Frauen und Kinder fort, legten ihre Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit Spießen und Steinen. Einer trat zum Hohn mit einem Stein und einem langen eisernen Dolch an den Kapitän heran, schwenkte seine Waffen und drohte ihm mit dem Steine. Umsonst rief ihm Kapitän Cook zu, er solle sich ruhig verhalten. Endlich ward er durch den Übermut des Menschen so gereizt, daß er eine Ladung Schrot auf ihn abschoß. Das Schrot prallte ab, und der Schuß tat keine Wirkung. Im Gegenteil, die Eingeborenen wurden verwegener und begannen, die Soldaten mit Steinen zu bewerfen. Ein Häuptling wollte Leutnant Philipps mit dem Dolch erstechen, verfehlte ihn aber und bekam dafür einen Schlag mit dem Flintenkolben. Jetzt tat Kapitän Cook den zweiten Schuß mit einer Kugel und streckte dadurch den vordersten der Insulaner nieder. Dies war gleichsam das Signal zu einem allgemeinen Steinregen, der mit Musketenfeuer von den Soldaten und aus den Booten erwidert ward. Wider alle Erwartung hielten die Insulaner das Feuer mit unerschrockenem Mute aus, und ehe man von neuem laden konnte, fielen sie mit schrecklichem Geheul über unsere Mannschaft her. Und nun erfolgte ein gräßlicher Auftritt voll der äußersten Verwirrung.
Vier Seesoldaten wurden beim Rückzug von den Klippen abgeschnitten und der Wut der Feinde geopfert, drei andere gefährlich verwundet. Der Leutnant bekam einen Dolchstoß zwischen die Schultern, doch hatte er zum Glück seinen Schuß noch aufgehoben und erschoß den Angreifer, als der eben zum zweiten Stoß ausholte. Unser unglücklicher Befehlshaber stand, als man ihn zum letzten Male deutlich sah, am Rand des Wassers und rief den Bootsleuten zu, sie sollten mit Feuern einhalten und ans Land rudern. Einige von unseren Leuten, die dabei waren, behaupteten, man habe, ohne seinen Befehl abzuwarten, angefangen zu feuern, und er sei aufs äußerste bemüht gewesen, allem weiteren Blutvergießen Einhalt zu tun. War dies der Fall, so läßt sich mit vieler Wahrscheinlichkeit behaupten, daß seine Menschlichkeit ihm das Leben gekostet hat. Denn solange er den Insulanern die Spitze bot, wagte es keiner, Hand an ihn zu legen. Als er sich aber umwandte, um den Booten seine Befehle zu erteilen, stieß man ihm den Dolch in den Rücken, und er stürzte vornüber ins Wasser. Da ihn die Insulaner fallen sahen, erhoben sie ein großes Jubelgeschrei, schleppten den Leichnam an Land und rissen einander den Dolch aus den Händen, um den Toten in wilder Wut zu zerfleischen.
Als er sich umwandte, stieß man ihm den Dolch in den Rücken.
So fiel unser großer, vortrefflicher Befehlshaber. Nicht zu frühzeitig für ihn selbst, für ihn, dessen Leben eine Reihe großer, glänzender und glücklicher Unternehmungen war, und der die Vollendung der großen Aufgabe, zu der ihm die Vorsehung das Leben gab, noch erlebte. Nur den Genuß des Ruhms, den er bereits errungen hatte, entriß ihm der Tod. Diejenigen aber, die sich auf seine weise Führung voll Zuversicht verließen, denen seine teilnehmende Sorge ihre Beschwerden erleichterte und Trost in Mühseligkeiten gab, fühlten seinen Verlust tief und bejammerten ihn unaussprechlich. Wer könnte auch unseren Schrecken und die allgemeine Bestürzung ausmalen, die auf diesen so furchtbaren und unerwarteten Schlag folgte?
Wie schon erzählt worden ist, wurden vier von den Seesoldaten, die Kapitän Cook begleitet hatten, durch die Eingeborenen auf dem Platze getötet; die übrigen nebst ihrem Leutnant Philipps warfen sich ins Wasser und retteten sich schwimmend unter dem Schutze des unablässigen Feuerns ihres Bootes. Bei dieser Gelegenheit gab Leutnant Philipps einen auffallenden Beweis von Tapferkeit und Liebe zu seinen Leuten. Er hatte kaum das Boot erreicht, als er einen von den Seesoldaten, der nicht sonderlich schwimmen konnte, mit den Wellen kämpfen und so in großer Gefahr sah, von den Feinden ergriffen zu werden. Sogleich sprang er, obwohl er selbst stark verwundet war, zu seinem Beistand ins Wasser, und wennschon er dabei einen so heftigen Steinwurf an den Kopf bekam, daß er selbst beinahe untergesunken wäre, ergriff er den Soldaten und brachte ihn in Sicherheit.
Unsere Leute in den Booten, die während des ganzen Vorganges nur etwa 20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit lang ein heftiges Feuer, um ihren unglücklichen Kameraden, im Fall noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu geben, und in derselben Absicht wurden auf der »Resolution« einige Kanonenschüsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum Weichen gebracht wurden, eilten fünf von unseren jungen Kadetten in Booten zum Ufer, wo sie die Körper ihrer Landsleute leblos auf der Erde liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der Leichen für zu gefährlich, ließen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurück.
Sobald man sich von der allgemeinen Bestürzung, die dieser unglückliche Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte, erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmöglich kann ich meine Unruhe während der ganzen Dauer dieses Vorfalles schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua befanden, konnten wir deutlich sehen, daß sich ein ungeheurer Haufe auf dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitän Cook gelandet war. Auch hörten wir das Musketenfeuer und bemerkten außerordentliche Verwirrung unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote aber vom Lande abstoßen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmöglich, bei so befremdlichen Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wußte außerdem, daß der Kapitän durch einen langen, ununterbrochen glücklichen Fortgang seiner Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel Zutrauen zu ihnen gefaßt hatte, daß ich immer fürchtete, er möchte einmal in einem unglücklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schöpfen zu können, durch die es bedingt wurde.
Das Volk, das in großer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man sah und hörte, zu erklären sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich das erste Musketenfeuer hörte, sie brauchten nicht unruhig zu werden; ich wünschte auf alle Fälle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben wir, bis die Boote an Bord zurückgekehrt waren. Als aber Kapitän Clerke durch sein Fernrohr bemerkte, daß wir von den Eingeborenen umringt waren, befürchtete er, sie möchten uns angreifen, und ließ mit zwei vierpfündigen Kanonen auf sie feuern. Glücklicherweise taten die Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer großen Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnußbaum, unter dem eine Anzahl von ihnen saß, in der Mitte durch, und die andere zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand. Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, daß sie sich in völliger Sicherheit befänden, war ich über diese feindliche Maßnahme äußerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt würde, sogleich ein Boot an Kapitän Clerke und ließ ihm sagen, ich stünde bis jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber in der Folge die Umstände nötigen sollten, mein Betragen gegen sie zu ändern, so würde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, daß er uns Beistand leisten möchte. Wir erwarteten nunmehr die Rückkehr des Bootes mit größter Ungeduld. Nach einer Viertelstunde, die wir unter der quälendsten Angst und Ungewißheit zubrachten, kam einer der Offiziere und bestätigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe. Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als möglich abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu schicken. Während der langen Zeit hatte auch unser Freund Kärikia von einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war, Kapitän Cooks Tod erfahren und kam bekümmert und niedergeschlagen zu mir, um zu fragen, ob das wahr sei.
Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefährlich. Unser Leben stand auf dem Spiel, und überdies handelte es sich auch um den Ausgang der ganzen Unternehmung und um die Rückkehr unserer Schiffe. Der Mast der »Resolution« und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich gewesen wäre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste Neigung geäußert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr ungewiß, welchen Einfluß die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua auf sie haben würde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache oder das unglückliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen, sie antreiben möchte, die gegenwärtige vorteilhafte Gelegenheit zu benützen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich glaube die Nachricht von Kapitän Cooks Tode nicht, und bat zugleich den Kärikia, er möchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die übrigen Priester in ein großes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie für den äußersten Fall zu sichern, teils um sie in der Nähe zu haben und mich womöglich ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen zu können. Nunmehr postierte ich die Seesoldaten auf die Höhe des Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der »Resolution«, um Kapitän Clerke unsere gefährliche Lage zu schildern. Sobald ich das Ufer verließ, griffen die Eingeborenen unsere Leute mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die Seesoldaten schon feuern hörte. Ich kehrte daher unverzüglich an das Ufer zurück und fand, daß die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an und verstärkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene große Haufen, die längs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald kühner, und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen längs dem Ufer fortgekrochen waren, zeigten sich plötzlich am Fuß des Marai, um ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugänglichen Orte zu erstürmen. Sie ließen sich auch nicht eher vertreiben, als bis wir mehrmals gefeuert und einen getötet hatten. Einer von diesen Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurückkehrte, um den Leichnam eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mußte sich nach Preisgabe des Leichnams zurückziehen. Nach einigen Minuten kam er wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn zum dritten Male blutend und entkräftet zurückkehren. Als ich erfuhr, was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so daß jener ruhig seinen Freund forttragen konnte. Kaum war ihm dies gelungen, als er selbst niederstürzte und starb.
Da nunmehr eine ansehnliche Verstärkung von beiden Schiffen gelandet war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurück. Hierdurch erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob sie zum Frieden zu bewegen wären, und um ihnen vorzuschlagen, daß meine Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen würfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man ließ uns ungestört den Mast in See stoßen und die Segel nebst den astronomischen Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten, nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin, die uns aber keinen Schaden taten.
Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte. Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle, und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann, daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil, den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern, noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte. Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können, wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer Furcht oder Schwäche hätten erklären können.