Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Adolf Heilborn · Kapitel 6 von 11 · Teil 1/3

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Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer

Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln Von Kapitän James King

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln

Von Kapitän J a m e s K i n g

 

An der Westküste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht, die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heißt. Sie geht ungefähr ein Kilometer landeinwärts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein halbes Kilometer weit in der Richtung von Südsüdost und Nordnordwest voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nördlichen, die niedrig und unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen. Ein zweites, größeres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht, an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles, schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugänglich ist. Südwärts hat das Land, etwa ein Kilometer einwärts, ein rauhes Ansehen. Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne und zeigt überall umzäunte Pflanzungen mit Kokoswäldchen, zwischen denen alles mit Wohnungen gleichsam besät ist. Das Seeufer rund um die Bucht ist gänzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei stürmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefährlich. Doch befindet sich neben dem Dorfe Kakua ein schöner mit Sand bedeckter Strand, an dessen einem Ende man einen Begräbnisort oder ein »Marai« und am entgegengesetzten einen Bach mit Süßwasser antrifft. Kapitän Cook fand diese Bucht für seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und ließ deshalb die »Resolution« und »Discovery« hier vor Anker gehen.

Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, daß wir willens wären, in der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei wilde, überschwengliche Gebärden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saßen sie auch schon überall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzähliger Menge. Eine große Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus hatten bekommen können, schwammen um uns herum und blieben auch, da sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag über im Wasser. Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der »Resolution« begaben, zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein würdevolles Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitän Cook vor und eröffnete ihm, er sei ein Vertrauter des Königs. Letzterer war gegenwärtig auf einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurück erwartete. Kapitän Cook machte dem Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar für uns. Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wären wir schwerlich mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, daß sich die »Discovery« stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir auch gewahr, daß die Mannschaft die großen Scharen, die sich noch immer in das Schiff drängten, nicht mehr zurückhalten konnte. Aus Besorgnis zeigte Kapitän Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser eilte augenblicklich der »Discovery« zu Hilfe, trieb die Leute hinaus und nötigte sogar die Kanus, die sich in unzähliger Menge darumpostiert hatten, sich zu entfernen.

Dieser Vorfall schien zu beweisen, daß die Gewalt der Vornehmen über die niederen Volksmassen in höchstem Grade despotisch sein müsse. Noch an ebendem Tage bestätigte uns das ein Vorfall auf der »Resolution«. Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, daß wir unsere Geschäfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitän Cook wandte sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, alle über Bord. Ein einziger blieb etwas zurück und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte ihn ins Meer.

Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schön gewachsene Männer von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe: er hatte regelmäßige, ausdrucksvolle Züge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war ungezwungen, fest und voll Anstand.

Während des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelüsten verraten. Wir waren darüber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzähligen Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten fleißig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar entkommen zu können; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten wir, diese Veränderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart ihrer Befehlshaber zuschreiben zu müssen: wenn wir nämlich einer verschwundenen Sache nachspürten, fanden wir sie zuletzt gewöhnlich im Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.

Bald nachdem unser Schiff verankert war, führten unsere beiden Freunde Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen Leib mit einem weißen Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des unmäßigen Kawa-Trinkens war. Man führte ihn in die Kajüte, wo er sich dem Kapitän Cook in großer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stück roten Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, über die Schulter warf. Dann trat er einige Schritte zurück, bot ein kleines Ferkel dar und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte. Diese Feierlichkeit, die wir während unseres Aufenthalts in Hawaii noch zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumständen schließen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen; denn die Götzenbilder der Einwohner waren sämtlich mit rotem Zeug bekleidet, und ihren »Eatuas« (Göttern) brachten sie gewöhnlich kleine Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie aß Koah mit dem Kapitän Cook und genoß reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur daß er, wie überhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere geistige Getränke ungern zum zweiten Male kosten wollte.

Abends begleiteten Kapitän Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf dem sandigen Strande aus, wo uns vier Männer mit Stäben empfingen, an deren Ende ein Büschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir indes nur das Wort »Orono« (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es ließ sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der Hütten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.

Ehe ich die Anbetung, die dem Kapitän Cook hier bezeigt wurde, und die übrigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel schildere, muß ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Südseite des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte Gebäude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa 40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hölzernen Zaune umgeben, auf dem die Schädel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand ein verfallenes, altes, hölzernes Gebäude, das mit dem Zaun zu beiden Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so daß der ganze Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwärts gelegenen Seite standen fünf, etwa 6 Meter lange Pfähle, die einem etwas unregelmäßigen Gerüste zur Stütze dienten. Gegenüber, nach dem Meere hin, waren zwei kleine Häuser erbaut, die durch einen bedeckten Gang miteinander zusammenhingen.

Koah führte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die Zinne dieses Gebäudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei hölzerne Standbilder mit verzerrten Zügen, von denen jedes ein langes, geschnitztes Stück Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe hatte. Der übrige Körper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes Zeug gehüllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem langen Barte entgegen und stellte Kapitän Cook den Bildsäulen vor. Dann sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und führte uns nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfähle standen. An dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem »Uatta« oder Altar in Tahiti ähnlich war. Auf ihm lag ein bereits in Fäulnis übergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr, Kokosnüsse, Brotfrucht, Bananen und süße Bataten. Koah stellte den Kapitän unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und geläufiger Zunge eine lange Rede hielt. Hierauf ließ er das Schwein zur Erde fallen und, führte unsern Kapitän an das Gerüst. Beide kletterten unter Gefahr das beschwerliche Stück hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Männern, die ein großes lebendiges Schwein und ein großes Stück rotes Zeug trugen. Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwärts getan hatten, hielten sie still und warfen sich zur Erde nieder. Kärikia, der vorhin erwähnte junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem Koah, der den Kapitän damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das Schwein dar, das Kärikia währenddessen auf ebendie Art wie das Zeug geholt hatte.

Als nun Kapitän Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas unbequemen Stellung in der Höhe stand und sich nur mit Mühe an den Stücken des morschen Gerüstes festhalten konnte, fingen Kärikia und Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich ließ Koah das Schwein fallen und stieg mit Kapitän Cook herunter. Nunmehr führte er ihn an den zuletzt erwähnten Bildsäulen vorbei, sagte im Vorübergehen jedem Bilde etwas in einem höhnenden Tonfall und schnippte mit den Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das, da es mit rotem Zeug bekleidet war, in höherem Ansehen stehen mochte. Daher fiel er auch davor nieder, küßte es und verlangte ein gleiches von Kapitän Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus nach Koahs Vorschrift verhielt.

Hierauf führte man uns zurück in die andere Abteilung des Marai, wo sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3–4 Meter im Quadrat und 1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitän Cook mußte sich zwischen zwei hölzerne Bildsäulen setzen, indes Koah den einen Arm des Kapitäns unterstützte und mich den andern stützen hieß. Hierauf kam eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein, einen Pudding nebst Kokosnüssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen trugen. Als sie sich näherten, trat Kärikia an ihre Spitze und hielt das Schwein wie gewöhnlich dem Kapitän vor. Zugleich fing er wie vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Absätze kürzer zu werden, bis zuletzt Kärikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf denn die übrigen zum Beschluß das Wort »Orono« ausriefen. Diese Opferzeremonie dauerte ungefähr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war, setzte sich das Volk uns gegenüber nieder und fing an, das gebratene Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schälen und die Kokosnüsse aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschäftigt, wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs gekaut wird. Kärikia nahm ein Stück vom Kern einer Kokosnuß, kaute es, wickelte es in ein Stück Zeug und rieb damit dem Kapitän Gesicht, Kopf, Hände, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran, das Fleisch des Schweines in kleinere Stücke zu zerreißen und uns in den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, daß mich Paria fütterte, da er sich in allen Stücken sehr reinlich hielt; allein, Kapitän Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste, halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu kam noch, daß der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen erst selbst durchkäute, wodurch natürlicherweise des Kapitäns Ekel nicht gerade vermindert wurde.

Als diese letzte Zeremonie, die Kapitän Cook, so gut er konnte, beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stückchen Eisen nebst anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit äußerst zufrieden schien, und verließen dann das Marai. Die Männer mit den Stäben begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten. Die Eingeborenen zogen sich zurück, und die wenigen, die in der Nähe blieben, fielen, während wir längs dem Ufer vorübergingen, zur Erde nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem, was wir gesehen, und waren höchst vergnügt, daß unsere neuen Freunde es so überaus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich läßt sich die Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaßungen darüber können nur unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit und Sonderbarkeit, ausführlich beschrieben zu werden. Ohne allen Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was Kapitän Cook persönlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen schien.

Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten, Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in einer solchen Lage errichten zu lassen, daß ich zugleich auf die mit Wasserfüllen und andern Arbeiten beschäftigten Leute achthaben und sie erforderlichenfalls beschützen könnte. Indem wir in dieser Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem dünkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Gefälligkeit zu erweisen, er wolle einige Hütten niederreißen lassen, die uns am Beobachten hinderlich sein könnten. Allein, wir hielten es für das beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und wählten ein Batatenfeld dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einräumte. Um aller Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, daß sie ihre Stäbe rund umher an der Mauer, die ihn einschloß, befestigten.

Diese Art von religiösem Verbot heißt bei ihnen »Tabu«, ein Wort, das wir während unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft aussprechen hörten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie wagte es ein Kanu, in unserer Nähe anzulanden. Die Eingeborenen setzten sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis dazu gaben. Auch waren es nur Männer, die auf unser Verlangen mit Lebensmitteln über das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich fern.

Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich zogen, daß sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre Amtsgeschäfte zu verrichten. Ihre Hütten standen rings um einen Teich mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande und von dem übrigen Dorfe abschloß und völlig ein klostermäßiges, ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitän Cook von dieser Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst vor.

Gleich nach seiner Ankunft am Strande führte man ihn zu einem geheiligten Gebäude, das hier »Harre-no-Orono«, das »Haus des Orono«, genannt wurde. Vor dem Eingange hieß man ihn, am Fuß eines hölzernen Götzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai zu sein schien. Hier mußte ich wieder einen seiner Arme unterstützen, indes Kärikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von zwölf Priestern ihm mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum Opfer brachte. Man schnürte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren, brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitän eine Zeitlang unter die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnuß zu seinen Füßen. Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und ließen die damit gefüllte Kokosnußschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal fütterte.

Sooft Kapitän Cook während unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, daß der »Orono« gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen. Ebenderselbe Priester war auch sein immerwährender Begleiter, sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der Hand gewöhnlich im Vorderteil und verkündigte den Eingeborenen in ihren Kähnen Cooks Annäherung, worauf sie unverzüglich mit Rudern innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser Stellung blieben, bis er vorüber war. Sooft er sich bei der Sternwarte aufhielt, kam Kärikia sogleich mit seinen Amtsbrüdern herbeigeeilt und überreichte mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnüsse und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere Befehlshaber um Erlaubnis, dem »Orono« ein Geschenk bringen zu dürfen, und wenn ihnen diese Bitte gewährt wurde, boten sie in eigener Person, gewöhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zügen, das Schwein dar, indes Kärikia und die Priester den gewöhnlichen Hymnus sangen.

Soweit war das meiste nur Höflichkeitsbezeigung, nur äußere Feier und Parade. Dabei ließ es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden. Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt täglich einen Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend für unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit schickten sie täglich mehrere Kähne mit Lebensmitteln an Bord, ohne je das geringste dafür zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher Regelmäßigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausübungen einer Religionspflicht, als bloße Wirkungen der Freigebigkeit zu sein. Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem man uns zugleich sagte, daß er Kärikias Großvater wäre, begleitete den König und war daher abwesend.

Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft, muß dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes doppelt wichtig sein. Es gehört also auch die Bemerkung hierher, daß wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Aufführung der kriegerischen Befehlshaber oder »Erihs« so zufrieden zu sein wie mit der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Südsee allgemein ist, so ließen sie sich doch noch außerdem allerlei Anschläge zuschulden kommen, die nicht eben rühmlich waren. Hiervon nur ein Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptsächlich unser Freund Koah mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit beträchtliche Gegengeschenke zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur nie an Proviant, sondern wir hatten gewöhnlich weit mehr, als wir brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser unermüdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur Last waren, und er konnte allemal gewiß sein, sie sicher zu erhalten. Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte, ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den Verdacht, daß man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere Nachfrage bald, daß der angebliche Befehlshaber nur ein gewöhnlicher Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten, die uns zu der Vermutung veranlaßten, daß man uns schon mehrmals auf ähnliche Weise ausgebeutet hatte.

Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer großen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstieß und keiner von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger Stunden erfuhren wir endlich, daß die Bai tabuiert und der Verkehr mit uns aufgehoben wäre, weil Terriobu nunmehr ankommen würde. Wir hatten auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und für den heutigen Tag noch kein Gemüse eingetauscht, mußten also diesmal darauf verzichten. Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewöhnt, um sie so plötzlich entbehren zu können; daher suchten sie am folgenden Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken. Schon war es ihnen so weit gelungen, daß einige sich fertigmachten, mit ihren Kanus vom Lande abzustoßen, als ein Befehlshaber hinzukam und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man schoß ihm eine Flintenkugel über den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den gewünschten Erfolg, daß er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saßen. Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe Kauraua zurück.

Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der König in einem großen Kanu, von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und ließ sich langsam und mit großer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten Kanu saß er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn besetzte Mäntel und Helme gekleidet und mit langen Spießen und Dolchen bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwürdige Ka-u, der Oberpriester, und seine Amtsbrüder, die ihre Götzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt hatten. Diese Bilder waren riesenmäßige Büsten von Korbmacherarbeit, die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, ähnlich wie die Mäntel der Vornehmen, überzogen waren. Die Augen bestanden aus großen Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nuß befestigt war. Im Rachen führten sie eine große Reihe von doppelten Hundszähnen, und der Mund wie die übrigen Gesichtszüge waren sehr verzerrt. Indem der Zug feierlich näher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten hatten.

Sobald ich sie herankommen sah, ließ ich unsere kleine Wache aufziehen, um den König zu empfangen. Kapitän Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum niedergelassen, als der König sich schon wieder erhob und mit sehr vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, über des Kapitäns Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und einen zierlich gearbeiteten Fächer in die Hand gab. Hierauf breitete er noch fünf oder sechs andere Mäntel von ausnehmender Schönheit und hohem Werte vor des Kapitäns Füßen aus. Dann brachten seine Leute vier große Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnüssen und Brotfrucht, und die Zeremonie schloß damit, daß Kapitän Cook und der König ihre Namen wechselten, was auf allen Südsee-Inseln Brauch ist und als stärkstes Freundschaftsband betrachtet wird.

Der König warf Kapitän Cook einen Federmantel, den er selbst getragen,

über die Schultern.

Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen ehrwürdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange Reihe von Männern, die teils große Schweine herbeiführten, teils Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde Kärikia an den Augen an, daß dieser Alte der Oberpriester wäre, von dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein Stück roten Zeugs in Händen, wickelte es um Kapitän Cooks Schultern und brachte ihm dann mit den gewöhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Könige. Hierauf fing Kärikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chören selber mit ein.

Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Königs denselben schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der »Resolution« besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi befanden. Es währte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem Gefolge zum großen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich des Königs beide jüngere Söhne, von denen der älteste ungefähr sechzehn Jahre alt sein mochte. Außerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheußlicher gemacht hatte.

Nach den ersten Empfangszeremonien führte Kapitän Cook den König und so viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der »Resolution«, wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte. Kapitän Cook zog dem Könige ein Hemd an und umgürtete ihn mit seinem eigenen Hirschfänger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit über ließ sich kein einziges Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in ihren Hütten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der König das Schiff verließ, erhielt Kapitän Cook noch die Erlaubnis, den Handel mit den Eingeborenen wieder im gewöhnlichen Umfange aufzunehmen. Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot für die Frauen in voller Kraft bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergründen konnten, und keine durfte aus ihrer Hütte hervorkommen.

Durch die stille, harmlose Aufführung der Eingeborenen war jetzt jede Besorgnis der Gefahr bei uns gänzlich geschwunden, so daß wir nicht einen Augenblick zögerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten unter sie zu gehen. Täglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel umher und blieben oft über Nacht aus. Ich würde kein Ende finden, wenn ich jeden Zug von Höflichkeit und Güte aufzeichnen wollte, womit sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen versammelten sich überall die Eingeborenen um sie her, bemühten sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefällig zu sein, und waren nie zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder uns länger in ihrer Gesellschaft zurückzuhalten. Die Jungen und Mädchen liefen, wenn wir durch ihre Dörfer gingen, vor uns her und hielten uns auf jedem freien Platze zurück, wo Raum zum Tanzen war. Oft luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Hütten Erfrischungen zu genießen; oft saßen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mädchen, die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und Tänzen zu unterhalten.

Der Genuß, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrübt. Es schmerzte uns, daß wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich strafen zu müssen, während wir doch gern alle Härte vermieden hätten, wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben würde. Einst entdeckte man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter den Schiffen damit beschäftigten, die Nägel auszuziehen, mit denen der Boden beschlagen war. Sie wußten dies vermittels eines kurzen Stöckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die Schiffe zu sehr in Gefahr, als daß wir geduldig hätten zusehen können. Man mußte endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schießen. Allein, dies genügte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel übrig, als einen von ihnen an Bord der »Discovery« durchpeitschen zu lassen und damit ein warnendes Beispiel zu geben.

Das Steuerruder der »Resolution« bedurfte einer vollständigen Reparatur und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit mußten die Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor Alter morsch gewordene Stücke zu ersetzen.

Am 28. Januar besuchte Kapitän Clerke, der bisher wegen seiner Unpäßlichkeit fast beständig an Bord geblieben war, zum ersten Male den König Terriobu in dessen Hütte. Man empfing ihn mit ebenden Formalitäten wie den Kapitän Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar, obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von 30 großen Schweinen und für einige Wochen ausreichende Vorräte an Früchten und Wurzeln für seine ganze Mannschaft.

Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen Übungen nichts gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermißten wir sowohl das Feierliche und Prächtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln so sehenswürdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der Kämpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.

Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb für die Kämpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter drei Standarten saßen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen nebst den Häuten von ein paar wilden Gänsen und anderen Vögeln, sowie Büscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war, gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen die beiden Kämpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Füße hinten stark in die Höhe und strichen dabei die Fußsohlen mit der Hand. Indem sie sich einander näherten, warf jeder einen verächtlichen Blick auf seinen Gegner, maß ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fuß, blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an und machte — mit einem Wort — allerlei affektierte Grimassen. Sowie sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor ihr Gesicht hin, auf das alle Schläge gerichtet waren. Diese teilten sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des Körpers oder dadurch, daß sie zurücktraten. Der Kampf ward übrigens sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde oder auch nur unversehens fiel, ward er für besiegt angesehen, und der Überwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebärden, die ihrer Absicht gemäß unter den Zuschauern gewöhnlich ein großes Gelächter hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und, falls er diesen auch überwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an ihn kam, einem stärkeren unterliegen zu müssen. Bei diesem Kämpfen wird eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nämlich ihrer zwei zum Angriff in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und sich, wen er will, zum Gegner wählen, und dann muß sich der andere zurückziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art, ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewöhnlich lange dauerte oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn dadurch, daß er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmütige Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlaßt hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, daß wir auch selbst daran teilnehmen würden, und forderten unsere Leute beständig dazu auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Stöße, die sie dabei auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle Herausforderungen taub.

Ein Hauptbedürfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns jetzt sehr gebrach. Kapitän Cook trug mir deshalb auf, mit den Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfänglich zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wäre; denn es stand zu befürchten, daß man die bloße Erwähnung für Gottlosigkeit halten möchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, daß einer auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei näherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem Kreise aufgestellten Bildsäulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten sich darüber nicht im mindesten entrüstet, sondern vielmehr hilfreiche Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch für ratsam, mit Ka-u deshalb zu sprechen. Er hörte sich alles sehr gleichgültig an und bat sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine von den Priesterwohnungen.

Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen Unterbefehlshabern sehr fleißig nach der Zeit unserer Abreise erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig, von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns dächten, und was für Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den Absichten unserer Reise machten. Um über diesen Punkt einiges zu hören, sparte ich keine Mühe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen, als daß sie sich einbildeten, wir kämen von einem Lande her, wo Mißwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen hätten wir weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit, womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aßen, und unsere große Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung bringen. Dazu kam noch der für ihre Begriffe unnatürliche Umstand, daß wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mußte lachen, wenn man sah, wie sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, daß sie sich wieder auf den Weg machten; wenn sie aber in der nächsten Brotfruchtzeit wiederkommen wollten, würde man besser imstande sein, ihren Bedürfnissen abzuhelfen. Wir konnten nicht umhin, ihnen vollständig recht zu geben. Denn einmal hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst während dieses kurzen Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so daß ihre wohlgestopften Wänste den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhörte Menge von Schweinen und Früchten verzehrt, daß die Hawaiier wohl wünschen konnten, uns wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, daß Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich auf den Abschied gehörig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen uns angemessen wären. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir würden nach zwei Nächten abreisen, bemerkten wir, daß unverzüglich eine Art von Botschaft durch die Dörfer erging, vermittels deren man das Volk aufforderte, dem König Schweine und Früchte zu liefern, damit er sie dem »Orono« bei seiner Abreise darbringen könnte.

Er zeigte beim Tanze die seltsamsten Verrenkungen.

An diesem Tage gab uns einer der Eingeborenen ganz für sich am Strande ein unterhaltendes Schauspiel. Er hatte eine Rassel in der Hand und um den Hals eine Schnur, woran einige Büschel Seegras hingen; um die Beine trug er ein etwa handbreites, gut geflochtenes, manschettenartiges Netzwerk, an das reihenweise eine große Menge von Hundszähnen befestigt war. Nunmehr ließ er sich im Tanze sehen und zeigte uns dabei die seltsamsten Verrenkungen. Diese Pantomime hatte zuweilen etwas unwiderstehlich Lächerliches, im großen und ganzen konnte ich aber ihren Sinn nicht recht verstehen. Gegen Abend ging das Schauspiel der Faustkämpfe von neuem an, und am Schlusse brannten wir den unbedeutenden Rest unseres Vorrates von Feuerwerk ab; nichts in der Welt schien mehr die Bewunderung der Hawaiier zu erregen, nichts schien ihnen einen deutlicheren Begriff von unserer Überlegenheit zu geben als ebendiese Kleinigkeit.

Die Schiffszimmerleute waren nun schon 3 Tage abwesend und hatten nichts von sich hören lassen. Wir fingen daher an, um ihren Verbleib besorgt zu sein. Der alte Ka-u, dem wir unser Bedenken äußerten, ward darüber nicht weniger unruhig. Und schon trafen wir gemeinsam mit ihm Maßnahmen, sie aufzusuchen, als sie alle wohlbehalten zurückkamen. Sie hatten nämlich weiter, als wir anfänglich geglaubt, landeinwärts gehen müssen, um die zu ihrem Vorhaben tauglichen Bäume zu finden. Teils dieser Umstand, teils die schlimmen Wege und die Beschwerlichkeiten des Transports hatten sie so lange aufgehalten. Ihre Führer konnten sie nicht genug rühmen: diese guten Leute hatten immer für Lebensmittel gesorgt und zugleich sorgfältig ihre Gerätschaften bewacht.

Der folgende Tag war endlich zu unserer Abreise bestimmt. Terriobu ließ nunmehr Kapitän Cook und mich in die Gegend von Ka-us Hütte zu sich laden. Bei unserer Ankunft fanden wir den Boden ringsherum mit Zeugbündeln bedeckt; ferner lag eine erstaunliche Menge roter und gelber Federn da, die an Kokosfasern gebunden waren, und eine beträchtliche Anzahl Beile und anderes Eisengerät, das die Eingeborenen durch den Tauschhandel mit uns an sich gebracht hatten. Nicht weit davon bemerkten wir einen ungeheuren Haufen Früchte, Wurzeln und Pflanzen aller Art nebst einer beträchtlichen Herde Schweine. Wir wußten anfänglich nicht, ob wir dies alles als Geschenk annehmen sollten, bis uns Kärikia belehrte, daß es eine Gabe, ein Tribut der Eingeborenen an den König sei. Sobald wir uns niedergelassen hatten, kamen auch die Hawaiier und legten ein Bündel nach dem andern dem König zu Füßen, breiteten die Zeuglappen vor ihm aus und legten Federn und Eisengerät zur Schau. Der König schien an diesem Beweise ihrer Ergebenheit Wohlgefallen zu haben, suchte ungefähr ein Drittel von dem Eisengeräte, ebensoviel von den Federn und einige wenige Stücke Zeug aus, ließ sie beiseite legen und schenkte dann Kapitän Cook und mir alles übrige Zeug nebst allen Früchten und Schweinen. Wir erstaunten über Wert und Größe des Geschenks, das alles, was wir je auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, bei weitem übertraf. Unsere Boote mußten es sogleich an Bord führen, wo die größten Schweine zum Einsalzen ausgesucht, die Früchte hingegen nebst etwa 30 kleineren Schweinen unter die Mannschaft verteilt wurde.

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