Vom älter werden, vom gesund und lebenstüchtig bleiben und vom Spaß am Leben

Vom aelter werden, vom gesund und lebenstuechtig bleiben und vom Spass am Leben

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Adi Bachmann

 

Vom aelter werden, vom gesund

und lebenstuechtig bleiben und

vom Spass am Leben

 

und von ein paar anderen Sachen, die

mir hin und wieder durch den Kopf

gehen

Vom Aelterwerden, vom gesund und lebenstuechtig bleiben und vom Spass am Leben

und von ein paar anderen Sachen, die mir hin und wieder durch den Kopf gehen

Teil 1

 

Eine Freundin fragte mich, ob es so etwas gaebe wie einen heimlichen Jungbrunnen oder eine Jugendlichkeitsdroge. Ich fand die Frage erst einmal eigenartig, dann interessant - schon allein deshalb, weil ich sie mir selbst noch nie gestellt hatte ... Hahaha. Die Frage veranlasste mich, herausfinden zu wollen, ob so etwas wie ein Jungbrunnen tatsaechlich existiert und ob es etwas gibt, das der Wirkung einer Jugendlichkeitsdroge entspricht. Das Ergebnis meiner Ueberlegungen wurde umfangreicher als gedacht und die Niederschrift wuchs Seite um Seite. Das Thema ist vielfaeltig, und ich wollte nicht nur an der Oberflaeche bleiben. Hier also einige Gedanken zum Thema Jungbrunnen und Jugendlichkeitsdroge.

Jungbrunnen:

 

Klar, bei Jungbrunnen fallen fast jedem auf Anhieb drei Dinge ein: die mittelalterliche Altweibermuehle von Trippsdrill, mit deren Hilfe alte Weiber angeblich wieder in junge und begehrenswerte Schoenheiten verwandelt wurden; die ebenfalls hauptsaechlich mittelalterlichen Darstellungen, Erzaehlungen und Schwaenke von wundersamen Jungbrunnen, deren Wasser verjuengend gewirkt haben sollen – getrunken oder als Guss ueber Kopf und Koerper oder als Vollbad – ein Bad Woerishofen der fruehen Jahre, gewissermassen. Von Lucas Cranach d. Ae. gibt es eine solche Brunnen-Darstellung. Benjamin Button, ist eine zeitgenoessische Interpretation des Themas – diesmal die Maennerseite darstellend und stark ueberspitztzt. Wer moechte wirklich wieder so jung werden, dass er sein Leben schlussendlich als Saeugling beendet? Ich jedenfalls nicht.

Jugend und Alter:

 

Was meinen wir mit jung sein? Was bedeutet uns jung sein? Ist jung sein gleichzusetzen mit jugendlich daherkommen? Welche aeusseren Erscheinungsformen und welche geistigen, emotionalen, seelischen und koerperlichen Qualitaeten verbinden wir mit jungsein und mit jugendlich und mit Jugend im Allgemeinen? Stimmt zum Beispiel die Feststellung eines bekannten deutschen Orthopaeden, der Mensch sei so jung wie seine Gelenke? Und trifft die Volksweisheit wirklich zu, dass Hans nimmermehr lernt, was Haenschen nicht gelernt hat?

Meine Antwort ist erst einmal aehnlich allgemein wie die Aussage, dass Krankheit die Abwesenheit von Gesundheit ist. Aber etwas praeziser moechte ich schon werden: Jugend ist die Abwesenheit von Krankheiten und Leiden und Symptomen, die in der Regel mit dem Lebensabschnitt Alter verbunden sind: eingeschraenkte sexuelle Potenz, Zeugungs- und Gebaerunfaehigkeit, spezifische Alterskrankheiten wie Altersdiabetes, Alzheimer, Bitterkeit, Demenz, Gebrechlichkeit, Gedaechtnisschwaeche, Inkontinenz, Lebensueberdruss, Parkinson, Pflegebeduerftigkeit, reduzierte Mobilitaet, soziale Isolation, Todessehnsucht, Verwirrtheit oder Zynismus.

In Spiegel-online las ich einen Beitrag zum Thema „Ewiges Leben“. Ein ewiges Leben stellt im Grund die extreme Verlaengerung von Altwerden dar. Der Artikel liefert eine Menge Stoff zum Nachdenken. Hans von Storch, der Autor, nimmt nicht dazu Stellung, ob ein verlaengertes Leben anzustreben ist. Er setzt sich mit dem ungeschriebenen Gesetz der Endlichkeit auseinander und mit dem Tabubruch, der passiert, wenn diese selbstverstaendliche Begrenzung nach und nach hinten geschoben und irgendwann einmal vielleicht sogar aufgehoben werden kann. Durch eine Ersatzteilchirurgie zum Beispiel oder durch medizinische, biochemische oder genetische Manipulationen am menschlichen Organismus. Ein ewiges Leben wuerde dadurch zukuenftig in den Bereich des Moeglichen gelangen. Hier ist der Beitrag von Hans von Storch:

„Ewiges Leben“ - Die Überwindung der letzten Grenzen:

 

Mobilität, Information und Kommunikation sind heute total und global: In unserer scheinbar grenzenlosen Welt ist der Tod die letzte Barriere. Doch auch sie wird der Mensch eines Tages überwinden. Ich soll von Zukunft schreiben, Zukunft in den kommenden 50 Jahren, genauer über folgenschwere wissenschaftlich-technische Fortschritte. Als Wissenschaftler frage ich mich sofort - wie kann ich das tun, welche Methoden stehen mir zur Verfügung? Kenne ich die Zusammenhänge gut genug, um kritische Faktoren zu identifizieren, deren Veränderung wirklich Folgen haben würde? Könnte ich so Szenarien konstruieren, wie sie so schön in Peter Schwarz' „The Art of the Long View“ beschrieben sind? Wohl eher nicht. Ich könnte schon vorhandene Entwicklungen einfach fortschreiben in die Zukunft, aber das gäbe nur graduelle Veränderungen: mehr Funktionalität, weniger Ressourceneinsatz, höhere Effizienz - beim Energieverbrauch, bei der Unterhaltungselektronik, Prozesssteuerung und Rechnen, beim Transport, in der Medizin, bei der Überwachung und beim Töten. Aber das wäre alles Business as usual, keine wirklich qualitativ neue Dimension. Wenn nicht fortschreiben, vielleicht ein Orakel befragen - und da fällt mir nur die Berichterstattung des Herrn Carl Barks aus Entenhausen ein. In diesem Ort, der sich wohl in einem Paralleluniversum zum unsrigen befindet, gibt es viele Erfindungen, die wir noch nicht kannten, die sich aber bei uns materialisierten: Das Pfadfinderhandbuch des Fähnlein Fieselschweifs etwa, das Antworten auf die meisten relevanten Fragen hat (man denke nur an das Problem, wie man mit einem Mann umgeht, in dessen Schnabel sich eine Schildkröte verbissen hat). Das ist vor wenigen Jahren als internetfähiges Mobiltelefon schließlich auch bei uns eingeführt worden.

Andere Erfindungen wie die Unterdrückung unerwünschten Geräuschs - in Entenhausen eingesetzt zum toleranten Umgang mit Kindergeschrei - findet sich im irdischen Technikangebot als "Noise Reduction"-System für den Flugreisenden. Andere Erfindungen warten noch auf die Einführung in unserer Welt - bei mir steht das Schwarzlicht an vorderster Stelle, also eine Glühlampe, mit der man Dunkelheit herstellt. Ich fürchte, der geneigte Leser wird mit dieser für mich glorreichen Perspektive des Schwarzlichts nicht befriedigt sein, obwohl das Pentagon dafür einiges geben würde. Es bleibt die reine Phantasie, um wissenschaftlich-technische Umwälzungen in Aussicht zu stellen, die tatsächlich überraschend sind und unsere Art zu leben massiv beeinflussen wird. Dass es solche Veränderungen geben wird, ist eine empirische Tatsache -siehe das Problem des Pferdemistes in Hamburg um das Jahr 1900, was sich durch das Aufkommen neuer technischer Fortbewegungsmittel von selbst erledigte. Daneben wird es andere Überraschungen geben, wie in jüngster Vergangenheit der Versuch zorniger junger Männer, die Zeichen setzen wollten, indem sie vollbesetzte Flugzeuge in Hochhäuser lenkten; oder der Erfolg eines klugen kleinen Mannes in China, der die Effizienz der Katzen zur leitenden Maxime erhob; dem Abgrund anderer kleiner Männer in Deutschland, die vorgaben bessere Menschen zu züchten. So etwas wird es auch in Zukunft geben, denn die menschliche Natur wird recht unverändert bleiben, mit ihrer Irrationalität und Begeisterungsfähigkeit und ihrem Bedarf an Angst. Also Phantasie. Damit eine Neuerung wirklich verändert, muss sie eine Schranke unserer Existenz überwinden, wie die Möglichkeit, via Atombombe eine ganze Stadt auf einen Schlag auszulöschen; via Internet am Strand Zugang zur Encyclopedia Britannica zu haben; via Telefon mühelos mit seinen Freunden auf der anderen Seite der Welt zu sprechen; via Raumtechnik auf dem Mond spazieren zu gehen; mit modernen Medikamenten trotz lebensbedrohender Krankheiten und Defizite ein normales Leben führen zu können; oder einen Kindergeburtstag in Afghanistan durch einen Knopfdruck irgendwo in einer US-amerikanischen Kommandozentrale zu einem abrupten Ende zu bringen.

Wir haben die Lebensdauer verlängert, aber nicht qualitativ.

Welche großen Grenzen bleiben, nachdem wir uns im Rahmen der physikalischen Gegebenheiten fast überall hinbewegen können, allgegenwärtigen Zugang zu den Dokumenten des Wissens haben, mit jeder anderen Person auf der Welt ohne Zeitverzug kommunizieren können?

Eine dieser Grenzen ist das Alter. Wir haben die Lebensdauer graduell immer weiter verlängert, aber nicht qualitativ. Bisher hat wohl noch niemand 200 oder 500 Jahre lang gelebt. Genau hier erwarte ich einen Durchbruch, was nicht bedeutet, dass ich ihn erhoffe. Irgendwie hoffe ich eher, dass ich sterbe, bevor dieser Durchbruch erreicht sein wird. Aber er wird kommen: Technologien, die eine massiv verlängerte oder sogar unbegrenzte Lebensdauer ermöglichen werden. Ich erwarte völlig neuartige Reparaturmethoden für den Körper - ob dies mittels Stammzellen gelingen kann, ist jenseits meines Wissens, aber irgendwie plausibel erscheint es mir als Zeitungsleser schon. Körperteile, Mägen, Venen, Kniegelenke, Haut und Haare werden irgendwo produziert und bei Bedarf eingebaut werden. Möglicherweise werden die Körper ausgetauscht, der alte biologische gegen einen neuen synthetischen. Von dort ist die Idee des körperlosen Lebens auch nicht mehr ferne, der Zustand der reinen Wahrnehmung ohne physischen Gegenpart. Bei der Gelegenheit wird sich auch die Option der Gedächtnismanipulation ergeben. Dann wäre man sehr schnell bei einem Szenario der völligen Kontrolle wie in dem Science-Fiction-Film „The Matrix“. Sowas wurde zwar schon von Helmut Schelsky in den sechziger Jahren vorhergesagt, aber was kam, waren das Internet und die zunehmende Atomisierung gesellschaftlicher Vorgänge - wie von Nico Stehr im Jahr 2000 schön analysiert. Ein ungeregelteres Leben mit mehr Freiheiten und neuen Dimensionen. Denn die zukünftige gesellschaftliche Organisation wird nicht determiniert durch die Technologien, sondern die Menschen werden ihrer Natur gemäß sich selbst eine für sie annehmbare und wünschenswerte Zukunft schaffen.

Dazu sei bemerkt, dass es in Entenhausen zwar Friedhöfe gibt, aber keine erkennbaren Sterbefälle; Unfälle werden durch Überpflasterung erfolgreich geheilt. Und die Wissenschaft stellt sich neuen Herausforderungen, wie die Erfindung des geruchlosen Kohls. Die Zukunft wird uns also noch einiges zu bieten haben.“ Soweit der Artikel.

„Ewiges Leben“ – die Ueberwindung der letzten Grenzen?:

 

In der Archaeologie spielen Graeber und Bestattungsformen eine wichtige Rolle: die Art der Graeber, ihre Formen, die Stellen, wo sie angelegt wurden – die Entfernung zu den Ansiedlungen der Lebenden beispielsweise –, oder die Koerperhaltungen der Leichname und ihre Lage entsprechend der Himmelsrichtungen, und die unterschiedlichen Grabbeigaben. Archaeologen schliessen z.B. aus solchen Entdeckungen, dass es in der fruehen kretischen Kultur ca. 2500 vuZ., eine klare Vorstellung von einem Leben nach dem Tod gegeben haben muss.

In kretischen Kuppelgraebern, die direkt am Rand von Siedlungen erbaut wurden, fand man zahlreiche Idole aus Kalkstein, Steatit (Speckstein) und Elfenbein – entweder waren das Importe von Originalfiguren von den kykladischen Inseln oder auf Kreta angefertigte Kopien davon. Die kleinen, in der Regel zwischen acht und zwoelf Zentimeter hohen und meist flachen Idole im damals weltberuehmten kykladischen Stil, sollen troestende oder beschuetzende oder in den letzten Dingen erfahrene Begleiter auf dem Weg vom Leben in das Reich des Todes gewesen sein. -Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

In manchen kretischen Graebern fand man Terrakotta-Figuren, zum Beispiel eine Gruppe von vier maennlichen Taenzern, die in Haltung und Bewegung den bekannten Sirtaki-Taenzern sehr aehnlich sind. Die Gruppe der vier Taenzer, die im Archaelogischen Nationalmuseum in Iraklion ausgestellt ist, symbolisiert vielleicht das Freudige und Erloesende des Todes: ein Familienmitglied ist gestorben, die Hinterbliebenen tanzen! Der Tod als Anlass fuer ein Fest: das bekannte Konzept vom Leben als einem Jammertal und dem Tod als die Erloesung davon. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

Auch Rueckschluesse auf die Stellung alter Menschen in ihrer Gesellschaft auf die Ahnenverehrung lassen sich ziehen. Dadurch, dass man die Toten nicht einfach beiseite schaffte und aus den Augen und dem Gedaechtnis verlor, sondern dass man sie in Gemeinschaftsgraebern in unmittelbarer Naehe des Dorfes beisetzte, wurde die Wertschaetzung fuer die Alten ausgedrueckt. Die Toten sassen oder lagen in Kuppelgraebern und nahmen gewissermassen weiter Anteil am sozialen Leben ihrer Sippe. Von Zeit zu Zeit wurden die blanken Gerippe dann zur Seite gerueckt und mit Kalk ueberstreut. Damit wurde Platz geschaffen fuer neue Leichname. Die heute noch existierenden Schaedel- und Knochenhaeuser in mediterranen Laendern stellen eine Miniaturisierung dieses respektvollen, aber gleichzeitig effektiven Umgangs mit den Ueberresten der Verstorbenen dar. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht. In Mesopothamien, in China und im alten Aegypten wurden Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod entwickelt, von einem Gottesgericht und einer Wiederauferstehung von den Toten und religioes und kulturell verankert. Ein Beispiel ist die Menge wertvoller Gegenstaende, die man dem jungen und ploetzlich verstorbenen Kindpharao Tut-anch-amun in eine schnell beschlagnahmte Grabkammer im Tal der Koenige packte. Weil er so jung und so ueberraschend starb, konnte er eine der Hauptaufgaben eines jeden Pharao gar nicht erst beginnen, geschweige denn vollenden: seine eigene Grabstaette zu planen und errichten zu lassen. Also hatte man ihn in aller Eile reich mit den Dingen ausgestattet, die ein Pharao nach seinem Uebertritt vom Haus des Todes in das Haus des Lebens braucht und legte ihn in ein Grab, das urspruenglich nicht fuer ihn bestimmt war. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

Das alles passierte lange vor dem Siegeszug der religioesen und philosophischen Vorstellungen, wie sie in den heiligen Schriften der Juden und Christen stehen oder der Gedankenwelten Platos und Aristotels’. Es passierte auch lange vor dem so detailgenau und hoechst verbindlich aufgerichteten islamischen Glaubensgebaeude und den von Gott gegebenen und von dem Erzengel dem grossen Propheten in die Hand diktierten Suren des Koran. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht. Aus der mittleren Altsteinzeit – 200.000 bis 40.000 vuZ. - stammen die aeltesten Graeberfunde, z.B. in Frankreich oder dem Irak. Bereits hier wurden den Toten Ausruestungsgegenstaende mitgegeben, aber auch Speisen und auffaellig rote Farbstueckchen. Vielleicht sind diese Farbstueckchen nur die zufaelligen Reste des farbigen Untergrundes, auf dem die Toten beigesetzt wurden. -Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

. Aus der juengeren Altsteinzeit – 40.000 bis 10.000 vuZ. – haben wir ueppige Zeugnisse und Belege von dem, was die Menschen damals gedacht haben mochten, was sie sich wuenschten, was sie begehrten und welche Vorstellungen sie mit ihrer eigenen Endlichkeit und der Endlichkeit allen Lebens verbanden. Durch Hoehlenbilder in Suedwestfrankreich (Lascaux), Spanien (Altamira) und Nordafrika (Libysche Wueste) haben wir Kenntnis davon und durch Darstellungen von oft stark uebertrieben ueppigen, sinnlichen, muetterlichen Frauen - die Alma Mater, die naehrenden Mutter -, die gleichzeitig Fruchtbarkeits- und Sexualsymbole waren. Solche Figuren wurden in Baden-Wuerttemberg, im Perigord und in der Wachau gefunden. Vielleicht war (und ist) die grossbruestige, naehrende Mutter das Sexualsymbol an sich? Wenn man an Darstellungen der stillenden christlichen Mutter Maria aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert denkt und an ihre nackten Brueste und die oft recht luesternen Blicke des gar nicht mehr so neugeboren wirkenden Jesusknaben ...

In der juengeren Altsteinzeit wurden die Toten oft in einer Schicht roter Farbe in der Erde bestattet, in festlicher Kleidung wie Hose, Anorak und Muetze. Diese Kleidungsstuecke wurden hauefig mit Perlen, Tierzaehnen und Schmuckschnecken geschmueckt. Die Grabbeigaben waren aehnlich denen, wie sie bereits in der mittleren Altsteinzeit ueblich waren. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

Wir koennen weitergehen in der sogenannten neolithischen Revolution, dem Uebergang von der Alt- in die Jungsteinzeit und weiter in die Kupfer- und Bronzezeit. Ein Blick durch ein Zeitfenster mit einen Abschnitt von etwa 5000 bis 1500 vor unserer Zeitrechnung zeigt uns: aus Fruchtbarkeitssymbolen wurden Fruchtbarkeitsreligionen, aus magischen Tierdarstellungen entwickelten sich verehrungswuerdige Goetter mit oft menschlichen Zuegen, manche in Tiergestalt oder solche in unterschiedlichen Mischformen zwischen Mensch und Tier, wie die Skylla oder der Kentaur etwa, oder in Mischformen zwischen Tieren, wie die Chimaere oder der Greif.

In dieser Phase wurden aus Schamanen religioese Priester und der Adel entstand. Die Toten wurden weiterhin in oder in der Naehe der Haeuser beigesetzt, in Kuppel-, Schacht- und in Megalithgraebern. Das alles sind Zeugnisse von Glaubensvorstellungen, die von einem Weiterleben nach dem Tod ausgehen und von der lebendigen Ausuebung von Ahnenkulten. - Spuren einer Vorstellung von einem ewig langen Leben finden wir hier nicht.

Die Kulturen des alten Orients, der Sumerer (Keilschrift), Babylonier (sumerische Keilschrift), Assyrer (Keilschrift) und Aegypter (Hieroglyphen), die Kultur des minoischen Kreta (kretische linear A-und linear B-Schrift), von Mykene (kretische linear B-Schrift) und des archaischen Griechenlands (phoenikisches Alphabet) oder der Shang-Dynastie Chinas (chinesische Schriftzeichen) sind in Teilen oder sogar durchgehend schriftlich dokumentiert oder durch muendlich ueberlieferte Mythen und Sagen zusaetzlich bekannt gemacht worden. Wir sind hier also weniger auf Mutmassungen und Spekulationen angewiesen, sondern koennen viele in diesem Zusammenhang wichtige schriftlich niedergelegte Informationen entziffern, lesen und auswerten..

In allen alten Kulturen gibt es einen wie auch immer ausgestalteten Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, an eine Wiedergeburt oder eine Seelenwanderung - Reinkarnation, Metempsychose, Samsara. Also kann man zurecht fragen: Tod wo ist dein Stachel? Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod ist ein Trost, um einerseits die wohl groessten Konfrontation im menschlichen Sein in ihrer Wirkung abzuschwaechen, zum anderen ein wirkungsvoller Ansatz, um aus gott- oder goetternahen Herrschern und Priestern eine Elite zu formen, sie zu ermaechtigen und an der Macht zu halten. Gerade auch fuer den Aufbau von Dynastien hatten Totenkult und Ahnenverehrung eine zentrale Bedeutung erlangt. Zusammenfassend kann man festhalten, dass in dem besprochenen Zeitabschnitt die Idee von einem ewig langen Leben nicht dokumentiert ist. Das Gegenteil ist richtig: viele Riten und Braeuche unserer Vorfahren bezogen sich auf das Sterbenmuessen, auf den Tod als natuerliche Begrenzung des Lebens und auf den Glauben an ein Leben nach dem Tod in einer anderen Form. Die Angst der Alten war nicht die Angst vor dem Tod und vor dem Sterben an sich. Die Menschen waren in der Regel den vielen Schicksalsschlaegen, Krankheiten, Seuchen, Hunger und Entbehrungen fast schutzlos ausgeliefert. Die Lebenserwartung war viel niedriger als in unserer Zeit, und einer meist kurzen Spanne frohen und munteren Lebens standen oft ungleich laengere Zeiten der Not und des Leids gegenueber. Die Erde war den allermeisten tatsaechlich ein Jammertal.

Aber in erster Linie plagte nicht die aeussere Not die Menschen, sondern eine innere, eine seelische, die aus der Ungewissheit kam, was sie nach ihrem irdischen Leben, nach ihrem Tod erwartete. Die alten Aegypter hatten bereits die Vorstellung von einem goettlichen Gericht entwickelt, die Griechen der Antike gingen ohnehin davon aus, dass ihr Handeln von den Goettern bewertet und bestraft werden wuerde. Ausgepraegt und theologisch fest verankert ist die Vorstellung von einem strengen Gottesgericht bei den Vertretern der drei Abrahams-Religionen: im Judentum, Christentum und im Islam. Waehrend Hindus und Buddhisten bei schlechtem Karma schlicht noch eine weitere Runde auf dem Karusell des Lebens drehen muessen, und noch eine, und noch eine - geht es bei den Juden, Christen und Moslems radikal um Himmel oder Hoelle, um ein ewiges Leben in der Naehe von Gott, oder ein ewiges Leben in der Verdammnis, weit weg von Gott: in der Glut der Hoelle. Vor dem goettlichen Gericht, dem Juengsten Gericht – bei den Christen ist es das Partikulargericht - und seinem Urteilsspruch hatten die Menschen eine fuerchterliche Angst. Das Sterben und der Tod bildeten nur den Uebergang zu Gericht und Urteil. Das Gottesgericht war es, wovor sich die Menschen grauten. Wenn Gryphius sagte: „Mensch bedenke, dass du sterben musst“, meinte er nicht den bekannten und allgemein akzeptierten Vorgang des Sterbens, sondern das Urteil, das im goettlichen Gericht dem Verstorbenen droht.

Ein „ewig langes Leben“ in der Vorstellung unserer Tage:

 

Es macht Sinn, das Beschriebene fortzufuehren und das Thema „Weiterleben nach dem Tod“ aus dem Blickwinkel von uns Menschen im 21. Jahrhundert uZ. zu betrachten und uns zu fragen: wohin hat sich die fast selbstverstaendliche Glaeubigkeit und die fast durchgehende Akzeptanz der religioesen Systeme zurueckgezogen? Wo vertrauen Menschen ohne wesentliche Einschraenkungen heute noch auf eine gottnahen kirchlichen oder einer gottnahen weltlichen, machtpolitischen Institution? Und wo sind die Eliten abgeblieben, die solche Institutionen noch ueberzeugend repraesentierten? Wo vertrauen Menschen noch auf den Trost durch die Idee von einem Weiterleben nach dem Tod? Einer der Grundpfeiler in der religioesen Dogmatik der Aegypter, Griechen, Juden, Christen und Mohammedaner ist doch die Botschaft, dass sich alle Menschen nach einem Gottesgericht entweder in der Hoelle der Verdammnis oder im Himmel, in der Naehe Gottes, wiederfinden wuerden. Also – wie bereits festgestellt - nicht die Angst vor dem Tod, dem Sterbenmuessen, loesten den Horror aus, sondern die Folgen des Gottesgerichtes.

Wenn ich auf Konzepte wie einer Wiederauferstehung und einem Weiterleben nach dem Tod, einer Wiedergeburt oder einer Seelenwanderung nicht mehr bauen kann – dann wird es eng. Dann ist die Angst vor dem Tod reduziert auf die echte Angst vor seiner Endgueltigkeit, auf die Angst vor dem grossen Unbekannten, auf die Angst vor der Leere und Bedeutungslosigkeit und all den damit verbundenen Anstrengungen und Niederlagen des Lebens. Aber: dann ist und bleibt die Erde zwar ein Jammertal, aber eines, in dem ich mich einigermassen auskenne und zurechtfinde und in dem ich mich einrichten kann - und oft gar nicht so schlecht. Nach dem Stachel des Todes muss ich nicht mehr fragen: ich spuere ihn ein Leben lang - ueberall und immerfort. Aber als Mensch bin ich anpassungs- und gewoehnungsfaehig und erstaunlich geduldig und bereit, auch schwere Schicksalsschlaege und miese Lebensumstaende hinzunehmen - voller Beschwerden zwar, aber eben doch.

Andererseits kann ich nicht mehr das ganze Jammertal-Leben mit einer gnadenreichen und paradieshaften Erwartung eines Lebens nach dem Leben kompensieren und so tun, als waere dieses zweite Leben das eigentliche, das wirkliche, das erfuellte und freudvolle Leben.

So gesehen haben wir heute gute Gruende, auf die Ueberwindung der letzten Grenzen zu hoffen und auf die Moeglichkeit eines moeglichst langen ersten Lebens, vielleicht sogar ewig langen ersten Lebens hinzuarbeiten. Damit koennten wir den Tod, die Ursache der Angst vor dem grossen Unbekannten moeglichst weit von uns und zeitlich moeglichst weit nach hinten schieben. Am besten gleich soweit, bis es den Tod und die Angst vor dem Tod gar nicht mehr gibt. Einfach deshalb, weil dann schlichtweg nicht mehr gestorben wird. Keine sichtbaren Sterbefaelle mehr in Entenhausen.

Gibt es ein Johannes-Hesters-Prinzip?:

 

Ein Freund wurde im Juli 2011 achtundachtzig. Er ist Physiker, Buddhist und lebt seit vielen Jahren als Deutscher in Australien. Er ist rundherum aktiv, schreibt kluge Texte und ist noch immer bei guter Gesundheit, etwas wackelig vielleicht und vergesslicher als frueher – aber immerhin.

Ein Nachbar und Freund in Ubud ist ein fuenfundachtzigjaehriger Hollaender - er strotzt vor Kraft, geht fast taeglich schwimmen und erzaehlte vor gar nicht langer Zeit stolz von den Erektionen, die er noch immer hat.

Ein anderer verehrter Freund ist ein US-Amerikaner, der jahrzehntelang in Schottland lebte, Er ist Anfang fuenfundachtzig, emeritierter Professor, sehr klug und ungeheuer belesen. In balinesischer und internationaler moderner Kunst kennt er sich aus, wie kaum ein Zweiter. Vor wenigen Tagen ist er wieder ohne Begleitung fuer einige Wochen nach England und Schottland gereist, vor allem, um seine drei Soehne und deren Familien zu besuchen, aber auch, um sich umzuschauen, was es Neues und Aufsehenerregendes auf der britischen Insel gaebe. An Lebensjahren gemessen bin ich im Vergleich zu diesen drei Freunden ein junger Huepfer. Damit bin ich fuer die Jungbrunnen-Frage eigentlich der falsche Adressat. Da meine etwa gleichaltrige Freundin zur Zeit die ueber 80jaehrigen nicht so sehr interessieren duerften – ausser in den Bereichen Ausblicke und Hoffnungen vielleicht -, bleibe ich dabei und versuche ein paar Antworten zu finden.

Selbstverstaendlich gibt es kein Johannes-Hesters-Prinzip. Es gibt unterschiedliche Konzepte, wie Menschen bis ins hohe Alter energiegeladen, leistungsfaehig, konzentriert, sexuell virulent, lebensfreudig und belastbar bleiben koennen. Konzepte fuer ein Jungbleiben im Alter, sozusagen. Aber wie alle Konzepte, sind sie ihrem Wesen nach nur Kopfgeburten, sind aufgesetzt, und entziehen sich meist einer gewissenhaften und aussagefaehigen Ueberpruefung. Sie haben oft mehr mit Glauben und Aberglauben zu tun als mit der Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit. Sie sind – wenn man alles zusammenzaehlt - deshalb meist auch ohne tatsaechlichen Nutzen.

Fragt man zehn erkennbar jung gebliebene aeltere Menschen, worauf sie ihre gute Energie, ihre Leistungs- und Konzentrationsfaehigkeit, ihre sexuelle Virulenz und ihre Lebensfreunde und Belastbarkeit zurueckfuehren, erhaelt man unter Umstaenden fuenfzig unterschiedliche Antworten. Wuerde man zum Beispiel den inzwischen 93jaehrigen Helmut Schmidt fragen, ob ihn das Rauchen beim Altwerden behindert haette und ob das Rauchen und die damit naturgegebene Verengung der Arterien seine Gehirntaetigkeit beeintraechtigen - er wuerde wahrscheinlich gar keine Antwort geben, sondern einem selbstgerecht den Rauch seiner Mentholzigarette ins Gesicht blasen. Oder: „Am Samstag, den 1. Oktober 2011, feierte Katharina Freundl in Burghausen, Landkreis Altoetting, ihren 100. Geburtstag. Ein Geheimnis ihres hohen Alters sieht sie darin: ‚Nach einem harten Arbeitstag habe ich mir immer ein Stamperl Schnaps gegönnt.“ „Laut ihrem Pass wurde Kesi Karujewa, wohnhaft im Dorf Goity nahe Tschetscheniens Hauptstadt Grosny, am 5. Januar 1895 geboren, im vorletzten Jahrhundert. Sie wäre damit anderthalb Jahre älter als die US-Amerikanerin Besse Cooper, derzeit offiziell der älteste Lebende Mensch auf der Welt. Das Geheimnis ihres langen Lebens: ‘Immer schön fett essen’, sagt Kesi. Die Alte bekommt immer die speckigsten Stücke, wenn die Familie einen Hammel schlachtet, und den mächtigsten Rahm.“

Ich will damit sagen, dass es kein Patentrezept fuer ein jugendliches Altwerden gibt. Auch im Alter bleiben wir Menschen gerne Individualisten.

Gibt es serioese Empfehlungen zum Thema „Altern und jung bleiben“?:

 

Selbstverstaendlich gibt es die. Und es sind nicht wenige. Aber sie sind in der Regel widerspruechlich, unklar und oft nicht einfach auf eine Reihe zu bekommen. Deshalb habe ich eine Uebersicht entworfen – einfach zum darueber Nachdenken. Dieser Uebersicht kann auch als eine Sammlung moeglicher Empfehlungen und Vorschlaege fuer das eigene alltaegliche Leben angesehen werden. Aber Vorsicht: diese Uebersicht basiert auf Erfahrungen, die ich im Lauf von Jahrzehnten gemacht habe. Das Material schoepft aus Einsichten, die mir beim Lesen schlauer Buecher kamen, aus Gespraechen, die mir wichtig und hilfreich erschienen, aus Erfahrungen und Einsichten aus meiner Psychotherapie, aus Selbsterfahrungsgruppen und Trainings, an denen ich teilnahm, aus allgemeinen Lebenserfahrungen bis hin zu den nachhaltigen Beeinflussungen durch drei Maenner, die ich, ohne lange nachdenken zu muessen, als meine Lehrer bezeichne: Wolfgang Heinrichs (mein Wunschvater, Lehrer und Vorbild, als ich ein junger Anfangsgrafiker war), Baghwan Shree Rajneesh (Osho) und Werner Erhard (Landmark Education, Forum).

Das alles war und ist mein Weg, und ich bin sicher, dass ich diesen nicht jemand anderem einfach ueberstuelpen kann. Bedenkenswert aber, moeglicherweise sogar anregend finde ich die Uebersicht schon.

Der folgende Text liest sich nicht unbedingt wie eine Handreichung fuer aeltere Menschen. Das kann auch nicht sein: denn mein Thema ist Altern und Jungbleiben. Was haben Sex, Aufbruchstimmung, grosse Ziele, an einem inneren Kompass basteln oder seine Potenziale erkennen und ausschoepfen mit dem Aelterwerden zu tun? Verschliesse ich die Augen vor der Tatsache, dass es wirklich unterscheidbare Entwicklungsstufen in einem Menschenleben gibt, oder will ich das einfach nicht als gegeben hinnehmen? Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Altern und sich Jungfuehlen vor allem im Kopf passiert und von Entscheidungen und Verhaltensmustern abhaengt, die dort gefaellt werden beziehungsweise gepraegt wurden. Ich muss nicht erst an Adenauer erinnern, den Alten von Rhoendorf, der 1949 mit dreiundsiebzig erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde und als Siebenundachtzigjaehriger aus dem Amt gedraengt werden musste. Er starb mit einundneunzig: es gibt viele Menschen, die mit sechzig, siebzig, achtzig oder neunzig noch froh und munter sind und noch beachtenswerte Dinge in Bewegung bringen beziehungsweise weiter bewegen.

Moegliche Ziele auf dem Weg zum Aelterwerden:

 

Ich will meinen inneren Kompass weiterentwickeln, auf den ich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen vertrauen kann. Ein innerer Kompass als Orientierungshilfe, der alle Aspekte von Wissen, Denken, Fuehlen und Erfahrung in sich einschliesst. Ich will weiterhin meine Potenziale erkennen und ausschoepfen. Nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip und in dem Vertrauen, dass jeder Fehler und jedes Versagen auch ein Lernschritt ist, kann ich meine Interessen, Begabungen und Faehigkeiten erkennen und optimieren.

Ich will immer mehr der Meister meiner selbst werden und mich nicht von Umstaenden, Trieben oder Suchtphaenomenen steuern zu lassen. Das ist eine notwendige Voraussetzung fuer ein selbstverantwortliches Leben.

Ich will nach wie vor Unterschiede in meinem Leben und im Leben anderer bewirken. Diese Faehigkeit will ich Schritt fuer Schritt weiterentwickeln.

Moegliche Strategien, solche Ziele zu erreichen:

 

Nur in Harmonie mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen und mit meiner Umwelt

kann ich die oben angefuehrten Ziele zu verwirklichen, Integritaet ist die Grundlage allen Handelns. Integritaet bedeutet, dass ich meine Standards und Ideale in meinen Alltag integriere werden und dort in entsprechendes Handeln umsetze. Ich ermoegliche und foerdere weiterhin persoenliches Wachstum – bei sich selbst und bei meinen Mitmenschen.

Moegliche Methoden, Ziele zu erreichen:

 

Vorweg eine ernstzunehmende Warnung: psychische und psychosomatische Probleme wie Angstattacken, Herzrasen, manisch-depressive Schuebe, andauernde Depressionen, Abhanengigkeit von Alkohol, Medikamenten oder Drogen, psychotische Schuebe, Anzeichen von Schizophrenie, Verfolgungswahn oder Selbstmordgedanken sind keine Bereiche, in denen eine verantwortliche und ueberschaubare“ Arbeit an sich selbst“ eine angemessene oder ausreichende Therapie sein kann. Bei den ersten Symptomen einer ernsthaften psychischen oder psychosomatischen Veraenderung sucht man am besten eine entsprechende kommunale Beratungstelle auf, einen niedergelassenen Facharzt oder eine Fachklinik, die einen guten Ruf haben und vertraut sich der Kompetenz, der Erfahrung und dem Einfuehlungsvermoegen von Fachleuten an.

 

Wie wir etwas ueber uns selbst in Erfahrung bringen koennen:

 

Selbstbeobachtung:

Am Anfang aller Methoden, die dazu beitragen sollen, mehr ueber uns zu lernen und einen inneren Kompass zu entwickeln, Potenziale auszuschoepfen, Meister unserer selbst zu werden oder Unterschiede im Leben zu bewirken, steht die Selbstbeobachtung. Die Selbstbeobachtung ist sozusagen die Mutter aller Methoden zur Persoenlichkeitsentwicklung. Selbstbeoachtung bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als einen Abstand zu sich selbst herzustellen und sich zu beobachten: Stopp - was denke gerade? Stopp – mache ich das, was ich gerade mache, automatisch oder bewusst? Stopp – wo bin ich gerade mit meinen Gedanken? Stopp – habe ich mich eben in dieser speziellen Situation anders verhalten als gewoehnlich? Stopp – was hat mich jetzt wuetend gemacht? Stopp – was hat mich an ihrer/seiner Reaktion gefreut, mir nicht gefallen, mich unsicher gemacht? Und so weiter. Dabei geht es erst einmal und vor allem darum, solche Beobachtungen ueberhaupt anzustellen und zweitens, sie ohne Bewertung zu akzeptieren als das, was sie sind: Selbstbeobachtungen, die als Bewusstseins-Inseln im Strom unserer automatisch ablaufenden Gedanken, Gefuehle und Handlungen auftauchen.

Selbstanalyse:

Die Selbstbeobachtung liefert das Material fuer eine Selbstanalyse, und die Selbstanalyse liefert das Material, um schlussendlich einen inneren Kompass weiter entwickeln zu koennen, die eigenen Potenziale auszuschoepfen, Meister unserer selbst zu werden und Unterschiede im Leben zu bewirken. Der Begriff Selbstanalyse meint, dass man tatsaechlich von der Moeglichkeit ausgeht, den Selbstbeobachtungen in ihren Urspruengen und ihren Funktionen und Absichten auf den Grund gehen zu koennen: mit der Hilfe von Intuition, durch das Aus- und Anprobieren unterschiedlicher Erklaerungen und Begruendungen, bis eine davon angemessen erscheint, durch ein Hinhorchen und Hinspueren auf Koerperphaenomene, die bei bestimmten Gedanken und in bestimmten Situationen auftauchen, wie Schweissausbrueche, Kopfschmerzen, Atemnnot, Herzklopfen oder Herzrasen, Brechreiz, Druck auf Blase oder Darm und durch das Erkennen bestimmter Reaktions- oder Verhaltensmuster und Zwaenge, wie Panikattacken, Angst vor Eingeschlossensein, Ausweich- und Fluchtreflexe, Wutanfaelle bis hin zum Verlangen nach Zerstoerung und Totschlag. Bei dieser Methode spielen Mut und Erfahrung eine grosse Rolle. Jeder Versuch ist, und mag er erst einmal unbedeutend erscheinen, von groesseren Wert fuer eine erfolgreiche Selbstanalyse als das aengstliche Festhalten an einem „Das will ich gar nicht wissen“ oder einem unbegruendbaren „Ich glaube aber, dass ...“

Traumarbeit:

Einen besonderen Zugang zu inneren oder unbewussten Vorgaengen ermoeglicht das, was Sigmund Freud „Traumarbeit“ nannte. Schon bei Imhotep, Aeskulap und Hippokrates wurden Traumarbeit und Traumdeutung zur Heilung von Patienten angewandt. Aber erst durch Freuds „Traumdeutung“ (erschienen 1899) wurden die Bedeutung von Traeumen und die Moeglichkeiten ihrer Deutung nach und nach weltweit bekannt gemacht. Freud selbst hat die Traumdeutung zuerst an sich selbst ausprobiert und erforscht. Nicht jeder von uns ist ein Sigmund Freud; aber Freud hat mit der Arbeit an sich selbst und den weitreichenden Ergebnissen daraus bewiesen, dass nicht nur die Selbstanalyse, sondern auch die Deutung der eigenen Traeume moeglich ist. Dabei sind Papier und Bleistift wichtig plus eine Portion Selbstueberwindung und Disziplin. Denn: „Schreib das auf!“ heisst, sich mitten in der Nacht Notizen zu dem eben durchlebten Traumgeschehen zu machen, damit man sich am Morgen danach wenigstens an Teile des Traums der zurueckliegenden Nacht erinnern kann. Auch hier gilt erst einmal, die Trauminhalte ohne Bewertung und ohne Zensur aufzuschreiben, also nur festzuhalten. Erst dann folgt das genauere Betrachten, das Untersuchen und Einordnen. Wenn dies mit Distanz, Intuition und ein wenig Kombinationsvermoegen geschieht, kann das zu einleuchtenden Ergebnissen fuehren. Interessant ist das auf jeden Fall. Wer, wenn nicht ich selbst, ist in meinen Traeumen zu Hause? Und wer, wenn nicht ich selbst, kann die einzelnen Traumepisoden, Traumdetails oder Traumsymbole am besten erkennenn und beschreiben und damit die Basis schaffen fuer ihre eigentliche Deutung?

Beobachten, nachdenken, hinspueren, kombinieren, Gespraeche fuehren, sich oeffnen, Einsichten und Erkenntnisse zulassen und frei fliessende Intuitionen und innere Monologe gehoeren zum notwendigen und selbstverstaendlichen to do in der Selbstbeobachtung, Selbstanalyse und der Traumarbeit. In Notizbuechern oder mit Hilfe des Computers kann man Aufzeichnungen regelmaessig und uebersichtlich, gut lesbar und mit dem Hinweis auf Uhrzeit, Tag, Monat und Jahr festhalten. Fuer erfolgreiche Prozesse in der Selbstbeobachtung, der Selbstanalyse und der Traumarbeit ist es wichtig, sich selbst nichts vorzumachen, also sich nicht selbst zu beluegen und zu betruegen, sondern immer moeglichst offen und ehrlich zu sein. Die gute Nachricht ist, dass man lernen und trainieren kann, offen und ehrlich zu sein. Ein erster Schritt schafft die Moeglichkeit fuer weitere Schritte. Offenheit und Ehrlichkeit lassen in der Regel bei jedem Gegenueber den Wunsch wachsen, ebenfalls offen und ehrlich zu sein. Auf diese Weise kann ein echter Dialog entstehen - ausgeloest durch diesen ersten eigenen Schritt ...

Gespraechstherapie, Psychotherapie, Psychoanalyse, Selbsterfahrungsgruppen, Lebensberatung auf gespraechstherapeutischer, schamanistischer, astologischer oder wahrsagerischer Grundlage:

Kommt man mit der Selbstbeobachtung und Selbstanalyse, der Traumarbeit und Traumdeutung in einer angemessenen Zeit nicht weiter oder ist man mit den Ergebnissen seiner Anstrengungen nicht zufrieden, ist es sinnvoll, sich nach professioneller Unterstuetzung umzusehen. Dabei sollte man wissen, dass die Moeglichkeiten, sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen oder an einer Selbsterfahrungsgruppe teilzunehmen, vielfaeltiger sind, als mit einer Psychoanalyse zu beginnen: die Warteliste erfahrener und guter Analytiker ist in aller Regel lang; lang ist auch die Dauer der Behandlung und die Kosten sind hoch.

Fuer Gespraechstherapie, Psychothereapie, Psychoanalyse und Selbsterfahrungsgruppen gelten einige Grundregeln: Therapien kosten Geld und beanspruchen Zeit; Psychotherapeuten, Psychoanalytiker und Lebensberater sind nicht nur in der Regel kompetente Heilberufler, sondern meist auch Selbstaendige: ihr Wunsch zu helfen und zu heilen und der Wunsch nach einem gefuellten Bankkonto kann zu Interessenskonflikten fuehren. Wie ueberall gibt es auch unter den Psychologen und Analytikern schwarze Schafe. Die Ergebnisse einer Psychotherapie oder der Teilnahme an einer Selbsterfahrungsgruppe haengen stark von der Offenheit und der Energie ab, mit der sich ein Patient/Klient/Teilnehmer in den therapeutischen Prozess einbringen kann und einbringen will.

Die oralen Troesterchen:

Es gibt unter den Medikamenten viele Dinge zum Einnehmen, zum sich in den Mund stecken: Mittel zur psychischen Aufhellung oder zur Behebung von Transmitterproblemen im Gehirn, Mittel zum Daempfen oder zum Ankurbeln, Mittel bei Schlafstoerungen oder chronischen Kopfschmerzen.

Ein ganz wichtiger Schritt beim Erwachsenwerden und Altern ist der notwendige Abschied vom kleinkindlich-oralen Verhalten. Erwachsenwerden ist ein notwendiger Prozess in der Entwicklung zu einer reifen Persoenlichkeit, und das heisst auch, dass nicht jedes Hunger- oder Einsamkeitsgefuehl, nicht jede koerperliche oder seelische Verstimmung aus der Welt geschafft werden muss, dadurch, dass man sich etwas in den Mund steckt. Erwachsen, aelter und reif werden bedeutet auch, ohne die oralen Troesterchen auszukommen, wie sie fuer ein Kleinkind unverzichtbar erscheinen moegen. Zum Thema Rauchen, Gewohnheitstrinken, Frust- und Suchtessen, dem Einwerfen von Tabletten bitte etwas weiter unten lesen.

Zufriedenheit und Glueck setzt Handeln voraus: taetig werden, einen Weg suchen, einen Weg gehen. Dieser Weg ist oft anstrengend, manchmal muehsam oder kaum noch zu schaffen, meist steckt so ein Weg voller Enttaeuschungen und Rueckschlaege. Aber ohne aktives Handeln gibt es weder Zufriedenheit noch Glueck. Man kann Zufriedenheit oder Glueck nicht einfach gegen Bares kaufen. Man kann sich helfen, aber nicht tragen lassen. Ohne eine verbindliche Selbstverpflichtung und ohne Disziplin wird man bald Probleme bekommen, auf dem beschwerlichen Weg weiterzugehen. Denn es gibt ihn tatsaechlich, diesen inneren Schweinehund: die Verfuehrungen durch die inneren Stimmen und die Faulheit und Bequemlichkeit, die ebenso ein Teil von uns Menschen sind, wie die Bereitschaft, Verzicht zu leisten und Anstrengungen auf uns zu nehmen, um ein hoeheres oder groesseres Ziel zu erreichen. Also noch einmal: die „Gluecksbringer“ Schokolade, Psychopharmaka oder euphorisierende Drogen sind es nicht, die uns nachhaltig weiterbringen.

Lebensberatung:

In diesem Bereich ist die Situation unuebersichtlicher. Von der eher oberflaechlich ausgebildeten Familienhelferin, dem erfahrenen Diplompsychologen, dem pensionierten Leiter eines Personalbueros, dem selbsternannten Menschenkenner bis hin zum psychologisch bewanderten Astrologen, vom I Ging-, Tarotkarten- oder Radiaestesie-Deutern bis zum Runen-, Wuerfel- oder Kaffeesatz-Experten gibt es viele Anbieter, die von der Angst, der Unsicherheit und der scheinbaren Hilflosigkeit ihrer Mitmenschen leben. Und manche davon gar nicht so schlecht.

Selbstverstaendlich gilt auch fuer den Bereich Lebenshilfe: Reden ist Gold – Schweigen oder sich vorenthalten ist nicht einmal Silber, sondern Blech. Auf der Grundlage von Erfahrung und durch mit Einfuehlungsvermoegen und Anteilnahme gefuehrte Gespraeche, koennen befreiend wirken. Gerade so, als wuerde jemand ein Licht in einem dunklen und bedrohlichen Raum anmachen. Eine Bedrohung sehen und sie erkennen koennen, nimmt ihr bereits einen Teil ihrer Kraft. Beratungsgespraeche koennen einen fliessenden Uebergang zur einer Psychotherapie schaffen, einer Talking Cure, wie Sigmund Freuds Mentor und Kollege Josef Breuer sie nannte.

Teil 2

 

Orientierungshilfen:

 

Manchen Menschen erscheinen Wuensche, Sehnsuechte, Triebe, Beziehungen, Gefuehle, seelische Prozesse, Gedanken, Erinnerungen, Krankheiten, Ungluecksfaelle oder Katastrophen von vorne herein raetselhaft. In ihren Augen sind diese nicht, oder nur ganz schwer zu begreifen und zu durchschauen. Solche Phaenomene erscheinen ihnen erst einmal - und oft sogar fuer immer - dunkel und bedrohlich. Wie ein Labyrinth, in dem moeglicherweise – wie im kretischen Mythos – ein menschenverschlingendes Ungeheuer auf seine Opfer lauert. Um sich in das „Labyrinth Leben“ trotz aller Aengste und Bedenken hineinzuwagen, ist man auf Hilfen angewiesen: auf einen inneren Kompass, einen Guide oder zumindest einen Ariadne-Faden oder auf Markierungen, die einem das Herumwandern im Labyrinth Leben erleichtern.

Die nachfolgend aufgefuehrten Themen sollen Orientierungshilfen sein oder Anregungen zum Nachdenken. Wie alles, was ich hier aufgeschrieben habe, sind diese Punkte zwar nicht beliebig, aber doch sehr persoenlich in ihrer Auswahl. Ihre unterschiedliche Laenge stellt keine Wertung dar; manche Themen liegen mir naeher als andere, in manchen Bereichen habe ich mehr eigene Erfahrungen gemacht als in anderen. Die Themen sind alphabetisch geordnet - von „Alkoholismus“ bis „Zukunft“. An dieser Stelle moechte ich bereits vorab entschuldigen fuer den manchmal vielleicht allzu starken appellativen Charakter der Texte. Ich bitte mir nachzusehen, dass ich selbst und heute noch starke auf Hinweise, Informationen und Apelle reagiere. Manchmal sogar dankbar, wenn ich den Eindruck habe, dass mir jemand etwas nahelegt, was ich ohnehin zu tun vorhatte. Zu allen Themen gibt es im Internet weiterfuehrende, vertiefende Informationen. Nutzen Sie dazu auch das „Volkslexikon Wikipedia“ und damit die (Schwarm)Intelligenz, die Erfahrungen und den Fleiss von zigtausend Beitraegern weltweit.

Alkoholismus:

„Wer Sorgen hat, hat auch Likoer“, stellte der grosse deutsche Alltagsphilosoph Wilhelm Busch lapidar fest. Also: wie mit dem Alkohol Schluss machen, wenn die Sorgen weiterhin bestehen? Sorgen, Noete, Selbstzweifel, soziale Isolation oder die Furcht davor, innere Leere, Ohnmachtsgefuehle, Verlust- oder Versagensaengste – all das gehoert zu unserem Menschsein. Meist kommen wir mehr oder weniger gut damit zurecht, manchmal aber nicht. Dann kann es passieren, dass wir versuchen, unser Unwohlsein mit der Wirkung von Alkohol zu daempfen. Dieses „Wenn ich etwas getrunken habe, dann fuehle ich mich besser,“ steht wahrscheinlich am Beginn vieler Karrieren als Alkoholiker. Daraus kann sich schnell Gewoehnung und Sucht entwickeln – und damit schliesst sich der Teufelskreis: auf der materiellen und psychologischen Ebene leben die ursaechlichen Anlaesse weiter, die ja durch das Trinken nicht verschwinden. Auf der physiologischen Ebene fordert die Sucht, immer neu befriedigt zu werden. Verstaerkt wird diese Kausalitaet noch durch eine archaische Lust am Rausch, beziehungsweise die Sehnsucht danach.

Problemverschaerfend kommt dazu, dass auch hoher Alkoholkonsum gesellschaftlich akzeptiert wird und in unserer Kultur fest verankert ist. Trotz der hohen Kosten, die durch Alkoholismus entstehen, war bislang keine deutsche Regierung bereit, das Geschaeft mit dem Alkohol entscheidend einzuschraenken. Unter Ministern, Abgeordneten und Verwaltungsbuerokraten gibt es schlichtweg zu viele Sueffler und Alkoholkranke, die an einer solchen Neuregelung persoenlich kein grosses Interesse haben. Und das Finanzministerium erfreut sich weiterhin an den doppelten Steuereinnahmen, einmal aus der Herstellung von Alkohol (Branntwein-,Schaumwein-, Zwischenerzeugnis-, Biersteuer) und dem Handel mit Alkohol (Umsatzsteuer).

Alkohol ist in Deutschland die am häufigsten konsumierte Droge. Der durchschnittliche Jahresverbrauch pro Kopf liegt bei elf bis zwölf Litern reinem Alkohol. Deutschland ist in Sachen Alkoholkonsum der Spitzenreiter in Europa. 75 bis 80 Prozent der Erwachsenen trinken regelmäßig Alkohol, was in Massen genossen auch nicht schädlich sein muss. Die Zahl der Alkoholkranken wird auf 2,5 Millionen geschätzt.

Regelmaessig zuviel Alkohol trinken fuehrt zu akuten Vergiftungserscheinungen. Die Alkoholkrankheit veraendert die Organe: die Leber verfettet bis zum Leber- und Herzversagen, das Krebsrisiko steigt, das zentrale Nervensystem kann gestoert werden, Sprach- und Reaktionsvermögen verlangsamen, das Gehirn kann geschaedigt werden - der Alkoholkranke kann buchstaeblich ”verbloeden“.

Auf der psychischen Ebene veraendert der Alkoholismus die Persoenlichkeit: es kommt zu einem zunehmenden Leistungsabbau, zu Wutanfaellen, Wahnzuständen, zu anhaltender Lebensmüdigkeit und zu Selbstmordabsichten.

Ein fortwaehrend gerötetes Gesicht, Bluthochdruck, verminderte Selbstkritik und gesteigerte Reizbarkeit und eventuell ein morgendliches Zittern der Hände koennen aeussere Erkennungsmerkmale sein.

Gibt es wirksame Hilfe gegen die Alkoholkrankheit? Im Zentrum steht die Einsicht des Alkoholkranken, dass er tatsaechlich behandlungsbeduerftig ist und dass ihm dabei nur ein konsequenter Entzug helfen kann. Auf dieser Einsicht baut der eigentliche Entzug auf, dazu kommt oft eine Psychotherapie, damit der Patient die Ursachen seiner Sucht erkennen kann und gleichzeitig lernt, auch mit den Situationen besser umzugehen, die zu Rueckfaellen fuehren koennen. Eine medikamentöse Behandlung soll das Verlangen nach Alkohol mindern. Doch am Anfang steht die Erkenntnis, dass ein Entzug nötig ist.

„Den ersten Schritt muss immer der Patient machen: Er muss sich seiner Krankheit selbst bewusst geworden sein. Mit gutem Willen und festen Vorsaetzen allein und mit der Unterstuetzung verstaendnisbereiter Angehoeriger und Freunde (Co-Abhaengige) laesst sich Alhoholismus nicht heilen. Alkoholismus ist eine komplexe Krankheit und erfordert komplexe Therapiemassnahmen.“ (Peter Sefrin, Professor für präklinische Notfallmedizin in Wuerzburg)

Annehmen was ist:

„Wer als Pinguin geboren wurde, wird auch durch sieben Jahre Therapie keine Giraffe“, sagt der Arzt, Autor und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. „Aus einem Regenwurm wird nie ein Adler werden“, sagte mein Freund Fritz Pampus. „Wenn du nur noch Vanilleeis bekommen kannst, weil es Schokoladeneis nicht mehr gibt, dann freu dich ueber das Vanilleeis, umarme und liebe es“, hiess es in Werner Erhards „Forum“. Alle drei Beispiele meinen dasselbe: Anerkenne was ist und was du nicht aendern kannst, umarme es und mache es zu einem Teil von dir. Anstatt ein Leben lang frustriert, voller Beschwerden und Anklagen gegen Gott und die Welt herumzulaufen, kannst du damit die Grundlage fuer ein zufriedenes Leben schaffen.

Klar ist, dass das, was fuer den Pinguin gilt, auch fuer die Giraffe zutrifft. Und auch ein Adler kann schlecht zum Regenwurm mutieren. Das Pinguin-Giraffe-Beispiel gefaellt mir persoenlich besser, weil es die eingearbeite Bewertung nicht enthaelt, die beim Regenwurm-Adler-Beispiel moeglicherweise enthalten ist. Bei dem Vanille- bzw. Schokoladeneis-Beispiel geht es in beiden Richtungen um Eis; das erotische Lutschen, das angenehme Schlurzen; die angenehme Kuehle im Rachen gibt es auf jeden Fall - den ziehenden Schmerz bei kaelteempfindlichen Zaehnen aber auch. An dieser Stelle moechte ich einfuegen, dass nirgendwo festgelegt ist, dass man alles und jedes annehmen und umarmen muss. Es gibt auch die Moeglichkeit des Ausweichens. Ein Pinguin wird sich in der Sahara am falschen Ort und deshalb unwohl fuehlen. In den noerdlichen Eismeeren dagegen ist er zu Hause, lebt auf und ist ganz Pinguin. Natuerlich haben auch die Giraffe, der Regenwurm und der Adler Lebensraeume, die ihnen zu ihnen passen und die ihnen entsprechen. Auch ein Mensch braucht die passende Umgebung, eine Umgebung, in der er sich zu Hause fuehlt, wohl und sicher und in der er aufleben und wachsen kann. Eine zweite Anmerkung: Vorsicht ist angesagt, um das „Annehmen, was ist“ nicht misszuverstehen. Mit „annehmen was ist“ ist nicht gemeint, in eine Richtung abzutauchen, die eher einen Mischung aus Bequemlichkeit und Gleichgueltigkeit darstellt. „Annehmen was ist“ beschreibt eine Haltung, die tatsaechlich unabaenderbare Umstaende als solche anerkennt. Also heisst es, genau zu sein und unterscheiden zu lernen, was veraenderbar und was tatsaechlich unveraenderbar ist. Es gehoert zu den wirklich spannenden Dingen zu sehen oder sogar daran teilzuhaben, was entstehen kann, wenn Menschen einen „von Gott gegebenen“ Umstand nicht mehr als solchen akzeptieren wollen und bereit sind, viel einzusetzen, um ihn zu veraendern. Sklavenbefreiung, Menschenrechte, Kriegsdienstverweigerung, Anti-Atom-, Oeko- und Friedensbewegungen, Gleichberechtigung der Frauen, SOS Kinderdoerfer, Aerzte ohne Grenzen und die Protestbewegungen in den Laendern des Nahen Ostens, fielen und fallen nicht vom Himmel – sie sind die Ergebnisse von Entwicklungen, die damit begannen, dass erst einer, dann mehrere, dann viele oeffentlich Stellung bezogen, weil sie einen Unterschied in ihrem Leben und im Leben anderer machen wollten.

Als moderne, hochtrainierte effizienz- und ergebnisorientierte Funktionsmenschen und Selbstoptimierer bewerten wir neue soziale- und politische-, aber auch simple humanitaere Entwicklungen nach den gleichen rigiden und technokratischen Kriterien wie die Produktionsverfahren bei VW oder Ciba-Geigy. Haeufig sind das aber nur Ausreden und Abwehrverhalten. Selbstverstaendlich ist, dass jede neue Entwicklung – wie alles andere auch - die Moeglichkeit der Fehlentwicklung und des Scheiterns beinhaltet. Aus Angst davor, am Schluss vielleicht bei den Verlierern zu landen, will man sich an solchen Entwicklungen gar nicht erst beteiligen. Dabei uebersehen wir, welche Lernschritte durch solche Prozesse moeglich werden und dass viele der genannten Bewegungen letztlich nachhaltig wirksame Veraenderungen hervorgebracht haben.

Anpassung und Unterwerfung:

Wie einfach waere unser Leben, wenn wir keine Rudeltiere waeren, sondern mit uns selbst zufriedene, uns selbstbegattende Einzelgaenger. Und wie langweilig waere das. Aber wir muessen uns mit diesem Gedanken gar nicht weiter beschaeftigen, denn wir sind einfach Rudeltiere. Deshalb sind wir als Einzelgaenger nicht zufrieden und wir leiden darunter, und Sex haben wir am Liebsten mit anderen Menschen.

In jeder Gruppe (Rudel) muss der Einzelne Anpassungsleistungen erbringen, um von seiner Gruppe anerkannt und als ihresgleichen aufgenommen zu werden. Unterschiedliche Gruppen haben unterschiedliche Formen und Systeme von Uebereinstimmung (Konsens) entwickelt, manchmal ueber Tausende von Jahren. Waechst man in so einem Konsenssystem auf, waechst die Anpassung gewissermassen von alleine mit. Das geht zwar nicht ohne Reibung, Streit, Frustration und mancherlei Verzweiflung ab, aber spaetestens nach der Pubertaet, im fruehen Erwachsenenleben, duerfte dieser Prozess weitgehend abgeschlossen sein. Man weiss dann im Prinzip, wo man herkommt, wo man hingehoert, wie der Hase laeuft, sozusagen, was sich gehoert und was nicht, wie man eine gute Figur macht, das Gesicht nicht verliert, seine Defizite oder seine Aengste kaschiert und so weiter.

Problematisch wird es meist erst dann, wenn man von einem Konsenssystem in ein anderes ueberwechselt: von einer Schule in eine andere, vom elterlichen Haushalt in einen eigenen, von einem Partner zum anderen, von einer Firma in eine andere, von einer sozialen Schicht in eine andere, von einer Religionsgemeinschaft in eine andere, von einem Land in ein anderes. Jetzt geht es nicht mehr nur um die notwendige Anpassung an ein neues, oft anderes Konsenssystem, sondern auch um die Vermeidung von Unterwerfung. Die fruehe Anpassung unter ein Konsenssystem stellt die Aneignung dessen Werte dar – ob wir das wollen, oder nicht. Die meisten Werte, die wir dann wie in einem Rucksack mit uns herumschleppen, haben wir nicht selbst erschaffen, sondern uebernommen, uns angeeignet - oft wenig hinterfragt und oft sogar ganz ungeprueft. Ein Beispiel dafuer, wie es in so einem Rucksack aussehen kann: Wir Deutsche sind einfach fleissiger, ordentlicher, umweltbewusster, rationaler, besser im Organiseren, aber skeptischer und unfreundlicher als die Balinesen.

Fuer diese Werte – wenn sie uns denn wichtig und verteidigenswert erscheinen – muessen wir eintreten. Unterwerfung an sich nuetzt meist weder uns noch unserem Gegenueber. Erst durch ein sich gegenseitiges Durchdringen von Werten, auf der Basis von Akzeptanz und Toleranz, kann etwas Neues entstehen. Unterwerfung als Methode der Konfliktvermeidung oder aus Lust an der Unterwerfung wurden meist bereits in frueher Kindheit gepraegt. Es ist nicht leicht, daran substantiell etwas zu veraendern. Aber wir koennen uns immer wieder klarmachen, dass wir die Moeglichkeit haben, mit Hilfe unseres Bewusstseins die beiden Bereiche, Anpassung und Unterwerfung, besser auszubalancieren.

Anspruchshaltung:

“I never promised you a Rose Garden“, heisst der Titel eines 1964 erschienen Romans, der den Kampf eines jungen Maedchens mit ihrer Schizophrenie schildert. Tatsache aber ist, dass ganz viele von uns herumlaufen, als waere ihnen, von wem auch immer, ein „Rose Garden“ oder etwas anderes Tolles versprochen worden, auf dessen Zustellung wir aergerlicherweise noch immer warten muessen. Und jetzt sind wir beleidigt. Jeden Tag. Und zu Recht, wie wir finden. Einer unserer ueblichen Standards ist es, dass wir verstimmt oder gekraenkt reagieren, wenn jemand ein Versprechen nicht einhaelt. Zu Recht, wie ich finde. Versprechen sollten, nach Moeglichkeit unter allen Umstaenden, eingehalten werden. Andererseits muessen wir aber zwischen Versprechen und Erwartungen unterscheiden. Oft erwarten wir etwas, das uns nie jemand versprochen hat. Und wir sind trotzdem verstimmt und gekraenkt, wenn sich unsere insgeheime Erwartung nicht erfuellt. Sich zu fragen, ist mir das versprochen worden, von wem, wann, bis wann? – kann schnell klaeren, ob es ich um ein nicht eingehaltenes Versprechen handelt oder um eine nicht erfuellte Erwartung. Also: Ohne Versprechen kein Anspruch. Das koennte so einfach sein, wenn ...

Arbeit:

„Die Franzosen arbeiten um zu leben, die Deutschen leben um zu arbeiten“ – mit diesem Kalauer bin ich aufgewachsen. „Die Arbeit ist die beste Alternative zum Tod“ – diesen Sinnspruch habe ich erst kuerzlich gelesen. Beide „Weisheiten“ zeigen, dass Arbeit fuer uns etwas prinzipiell Wichtiges und Komplexes ist. Arbeit kann als Strafe verhaengt werden, als Moeglichkeit erscheinen, oder sogar als Belohnung ausgesetzt werden.

Es gibt „Scheissarbeit“ – buchstaeblich, wenn man die eigenen Ausscheidungen und die seiner Familie und Freunde aus einem verstopften Abflussrohr raeumen muss. Und „Scheissarbeit“, die einen fertig macht, weil sie eintoenig und langweilig ist, die eigene Intelligenz und Faehigkeiten unterfordert. Oder „Scheissarbeit“, die uns in ein Arbeitsumfeld zwingt, das von Luegen, Betruegen, Bevormunden, Misstrauen, Haeme, Angst und Mobbing gepraegt ist. Und es gibt „Scheissarbeit“, weil wir ihr einen grossen Teil unserer Lebenszeit opfern muessen, obwohl wir doch statt zu arbeiten viel lieber etwas anderes tun wuerden.

Dann gibt es Arbeit, die eine Moeglichkeit darstellt, sich auszudruecken: Verstand und Geschick, Phantasie und Einfallsreichtum, strategische Faehigkeiten und Mut. Die Arbeit wird zum Spiel, die Energie fliesst wir das Wasser aus einer sorgfaeltig gefassten und gut gepflegten Quelle.

Leben um zu arbeiten: angeblich sind 70% der Berufstaetigen in Deutschland mit ihrer Arbeit unzufrieden. Was fuer eine Zahl und was fuer eine Aussage! Klar scheint zu sein, dass ungeliebte und unbefriedigende Arbeit, die nur geringe Teile unserer Intelligenz, unseres Wissens, unserer Erfahrung und unserer Kraft und Geschicklichkeit beanspucht, krank machen kann. Arbeiten um zu leben: bezahlte Arbeit ist die Notwendigkeit fuer die meisten Menschen, das zu erwirtschaften, was sie und ihre Naechsten zum Leben und Ueberleben brauchen. Dabei gibt es eine feine, aber wichtige Trennlinie: wie von einer Macht von oben bestimmt, gibt es in jeder Gesellschaft einen Konsens, der den Lebensstil beschreibt und festlegt, und damit das Konsumverhalten, dem der Einzelne nachzueifern hat: Nahrung, Wohnung, Kleidung, Versicherungen, Unterhaltung, Freizeit, Mobilitaet, Reisen, Bildung und Fortbildung – in allen Bereichen gibt es so etwas wie eine schichtenspezifische Normierung, die bitteschoen eingehalten werden muss. Sonst ...

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