Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 5 von 5 · Teil 1/7

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Wallenstein: Zweiter Band

Sechstes Buch Ferdinand

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.

Sechstes Buch

F e r d i n a n d

Wallenstein ging nicht aus Böhmen. Die Bitten, die der Wiener Geheime Rat

aussprach, schon als er auf dem Marsch über Leipzig war, nicht nach Böhmen zu

kommen, die Lande des Kaisers zu schonen, waren erfolglos geblieben. Es

erfolgte keine Antwort, bis das ganze Heer sich über Böhmen ausgebreitet hatte,

und dann eine ungenügende: es sei hier am sichersten, man könne am besten den

Feind beobachten, sich selbst am raschesten wiederherstellen. Das Reich bot

bessere Kreise zu Quartieren als das Erbland Böhmen; aber der Herzog lehnte

Verhandlungen ab. Er dehnte sogar die Quartiere über Mähren aus. Niemand in

Wien hatte etwas anderes erwartet; man erschrak doch, als es eintrat. Der Herzog

war so logisch wie ein Verhängnis geworden. Er wollte auf die rascheste Weise

den Kaiser unter die Sohlen nehmen. Die Einnahmen des Kaisers, seine einzigen

aus den Erblanden wollte er zum Schrumpfen bringen, aus der schweren

Verschuldung eine förmliche Armut machen. Der grausame Wucherer und

Geldeintreiber stand über ihnen.

Bittreisen nach Prag und Gitschin traten der Abt von Kremsmünster, Breuner

und dann persönlich Trautmannsdorf im Winter an. Trautmannsdorf war der

Gast des Feldhauptmanns in der heiligen Zeit der zwölf Nächte; sie hatten

gemeinsam Spaß an den ländlichen Gewohnheiten. Die Kinder liefen mit

geschwärzten Gesichtern vor die Häuser, holten sich Gebratenes. Ernsthaft

stiegen Männer von Baum zu Baum auf den Chausseen, umwickelten sie mit

Stroh, um sie vor dem Bösen zu bewahren. Trautmannsdorf horchte an dem

Herzog wie an einem interessanten Naturgegenstand herum, unternahm es dann,

ihn zu verlocken, ihm gütlich zuzusprechen, damit doch diese sonderbare große

Erscheinung Wien nicht verloren ginge. Es sei unendlich schade, sagte er offen,

daß sie nicht Freunde sein könnten; es seien Fehler vorgekommen,

Mißverständnisse; man könnte erwägen, die Dinge zurückzubiegen und auf ein

vernünftiges Geleis zu kommen. Er redete sich, klug phantastisch wie er war, in

eine Wärme hinein, die beinah herzlich war, aber leicht in eine respektvoll

beobachtende Entfernung zurückging. Er sah darauf nichts am Herzog; es schien

ihm nur, als ob er den Friedland reize; sie sahen sich tagelang nicht; bei neuen

Begegnungen war der Herzog wie er immer war — höflich, falsch, zu

Drohungen geneigt, undurchdringlich. An der Maßnahme der Belegung

Böhmens und Mährens wurde nichts geändert. Der Böhme hielt fest, es sei nach

den Abmachungen sein Recht, sich in die Erblande zurückzuziehen. Trautmannsdorf erkannte, daß also Wallenstein schon früher diesen Plan gehabt

hatte, staunte den Böhmen an.

Da er angeblich für neue Rüstungen nicht flüssig sei, verlangte der

Friedländer die rasche Eintreibung bestimmter Beträge durch den Reichshofrat.

Bevor sich Abt Anton zu dieser schlimmen Maßregel entschloß, wandte er sich

an den spanischen Botschafter, was man antworten solle nach Prag. Der erklärte

sehr geheim, man sei in Madrid gewiß geneigt und habe es den drängenden

Herren Eggenberg und Trautmannsdorf versprochen, den Kaiser gegen etwaige

friedländische Übergriffe zu schützen, aber bisher sei doch die Lage nicht

dringend; unbotmäßig sei der Herzog nicht; man wolle einmal sehen, wie er sich

gegen das spanische Heer für die Niederlande verhalten werde, das bald aus

Mailand heranrücken werde.

Seufzend sah der kleine Abt, daß Spanien wieder nur seine Interessen vertrat;

die Beträge mußten eingetrieben werden. Schatz- und Säckelmeister bekamen

Befehl, die Auflagen an den Friedländer zu zahlen. Nieder- und Oberösterreich

mußten steuern in einer nicht gekannten Weise: Karossen- und Kutschensteuern

wurden eingeführt, Schlittensteuern; jeder Eimer Ungarwein schlug für den

Kaiser mit fünfzehn Kreuzer auf, Bankiers und Juden entrichteten eine

zweiprozentige Vermögensabgabe, fünf Gulden hatten in allen Erblanden zu

zahlen Baumeister, Organisten, Schulmeister, Musikanten, Spielleute, Meßner,

Rauchfangkehrer; zweiundfünfzigtausend Gulden monatliche Kontribution die

Bauernschaft in Oberösterreich. Und wie man nicht wußte, woher noch mehr

nehmen, als die Beträge für den kaiserlichen Hofstaat und die herzoglichen

Ansprüche nicht reichten, kam aus Gitschin die höhnische Anregung:

Vermögenskonfiskationen aus religiösen Gründen vorzunehmen. Anton und

andere Herren rebellierten; nur die Jesuiten bissen, wie sie es hörten, scharf an.

„Wie hat sich der Herzog geändert,“ lachten sie heftig, „wie hat er sich gesträubt

bei der Restitution der kirchlichen Güter.“ Die Kalamität in einigen Hofämtern

wurde unmittelbar dringend; man ließ sich stoßen.

Ein kaiserliches Patent im Beginn des neuen Jahres bestimmte für das

Herzogtum Österreich unter der Enns, daß jede adlige Person, die nicht der

heiligen römischkatholischen alleinseligmachenden Religion zugetan sei, binnen

vierzehn Tagen bei Verlust ihrer adligen Freiheiten, bei Vermeidung kaiserlicher

höchster Ungnade, Leib- und Geldstrafe sich in Person durch den Hofkammer-

Türhüter anmelden lassen solle. Wer sich nicht bequemte, wurde verwiesen, oder

hatte einen Revers zu unterschreiben, in Kürze das Land zu verlassen; von

seinem Vermögen fiel ein Teil an den Kaiser. Nichtkatholische fremde Kaufleute

wurden ohne weiteres Landes verwiesen unter Konfiskation ihrer Handelsware

und eines beliebigen Teils ihres Geldbesitzes.

Den meisten Räten wurde flau bei der Maßnahme; vor den Berechnungen der

Finanzleute wichen sie zurück. Nur einige am Hofe wußten, daß man schon in

Verhandlungen stand mit reichen Männern, getrieben von Wallenstein, um Städte

zu verkaufen, in Ungarn und anderswo, die sich unter kaiserlichen Schutz

gestellt hatten, kaiserliche Schutzstädte, ein tiefbeschämendes Vorhaben, vor

dem man immer wieder zurückzuckte.

Aus Nürnberg war von dem Schweden der Mann abgewichen, den er

„Majestät“ „Königliche Würde von Böhmen“ nannte, der Pfälzer Friedrich. War

gegangen, weil es ihn nicht reizte, noch mehr von der schwedischen Herrschaft

zu sehen. Mit der englischen Elisabeth reiste er gemächlich auf Frankfurt.

Seltener wurden die schwedischen Streifkorps; er wurde ruhiger, gewann es

manchmal über sich, seine Frau anzublicken. Die klagte viel, daß man den

Schweden verlassen habe und welche Irrwege Friedrich jetzt gehen wolle, wo er

nicht mehr jung war. Sie fuhren durch die traurige Herbstlandschaft in den

offenen Karossen; Friedrich lag nach rückwärts über die Ohren in Pelze gehüllt;

sie blickte aufrecht sitzend rechts und links, machte ein schnippisches

enttäuschtes Gesicht, gähnte viel, klopfte mit den Füßen. „In Frankfurt wird es

besser sein“, lächelte Friedrich.

Und sie war auch beruhigt, als in dem schönen Quartier, das die reiche freie

Stadt ihnen zur Verfügung stellte, ihr alter Freund, der galante graubärtige

Ludwig Kamerarius, der lange in Hamburg und Stockholm gewohnt hatte,

vorsprach. Er hatte wohl einen dringenden Auftrag schwedischerseits, sich des

Pfälzers zu versichern und dafür Sorge zu tragen, daß er der schwedischen Sache

nicht abtrünnig werde. Ein lächelnder spöttischer Herr, klug und überall

interessiert, liebevoll, bewegte er sich um seine pfälzische Herrschaft, zeigte

ihnen frankfurtische Kuriosa, kaufte Pferde für die Dame, trieb von unbekannter

Seite für sie Gelder auf, sorgte für Pracht im Quartier, arrangierte

Unterhaltungen für die Damen des Gefolges. Inzwischen bewachte er mit dem

kleinen entschlossenen Rusdorf die Korrespondenz des Pfälzer Kurfürsten,

besonders als es schien, daß Friedrich, ohne ein Wort davon zu verlautbaren, an

mehrere Verwandte schrieb, denen er lange nicht geschrieben hatte, Männer, die

mit dem Kaiserhof in einiger Verbindung standen.

Rusdorf war außer sich: „Die schwedische Majestät ist daran schuld. Der

Kurfürst war dem König in allen Dingen freundwillig. Da hat der König den

Bogen überspannt. Der Kurfürst verdenkt dem Schweden nicht, daß er sich

einige Genugtuung für seine Auslagen und Opfer im Reiche verschafft, aber es

scheint um mehr als bloße Genugtuung und Kostenersatz zu gehen.“ „Wie könnt

Ihr das sagen“, Kamerarius lächelte zurückhaltend. „Zunächst wird ja gefochten

und der Friedenskongreß ist noch in weitem Felde.“ „Und er wird uns niemals beschert sein, wenn der Eigennutz und die Selbstsucht in so gräßlicher Weise

triumphiert. Die sächsische Durchlaucht hat längst gerochen, worauf der

Schwede hinauswill: uns deutsche Protestanten unter seinen Hut zu bringen. Und

das will unser gnädiger Herr nicht. Und sagt selbst, Kamerarius, hat er nicht

recht.“ „Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende. Es kommt alles in ein

Gleichgewicht. Man soll nicht das Gute aufgeben um das Bessere zu suchen.“

Rusdorf trat dicht an Kamerarius, der an seinem Stuhl stand und sich den

grauen Bart strich, flüsterte erregt: „Ich habe nicht weniger Geld von Schweden

bekommen als Ihr. Gewiß. Ihr braucht nicht staunen. Ich weiß, daß er Euch zahlt.

Mich zahlt er längst. Viel behalte ich nicht. Ich wäre ein reicher Mann, wenn ich

alles hätte, was unser gnädiger Herr mir schuldig ist. Ich nehme es für nichts

weiter an. Ich weiß ja auch, daß Ihr daran denkt, wenn Ihr schwedisches Geld

empfangt; es ist unser Herr und wir sind nicht so unglücklich wie er. Aber Ihr

übertreibt: Ihr habt darum nicht nötig, so dem Schweden zu dienen. Was wir

nicht verhindern können, können wir nicht verhindern. Sucht der Kurfürst

Anschluß an den Kaiser und ist der Kaiser gnädig: mit Gott! Wir haben genug

geduldet; Ihr seid grau wie ich geworden.“ Kopfschüttelnd schritt der andere

durch das Zimmer, untersuchte, ob die Türe fest geschlossen war: „Schon gut.

Wir sind einer Meinung. Er wird den Anschluß nicht finden.“ Die Fäuste ballend

Rusdorf: „Und ist dies richtig, was der Schwede in Nürnberg erklärte als sein

erstes und letztes Wort?“ „Was ist das?“ „Wieviel er vom kurpfälzischen Besitz

am Rhein erhalten wird?“ „Nun?“ Er bedrängte den anderen, bis der den Mund

auftat: „Wir werden nicht mehr hergeben als wir müssen. — Vielleicht ist es

nicht so töricht, wenn wir unserem Herrn eine kleine Korrespondenz mit dem

Kaiser gestatten. Und davon etwas verlauten lassen.“ Sprühend Rusdorf: „Wir

sind in Wucherhänden beim Schweden.“ „Seid nicht so laut.“ „Es ist Zeit laut zu

werden. Er ist nicht besser als die britischen Herren, die uns kujoniert haben,

mich und Pavel.“ Kamerarius drückte ihm die Hand: „Einigkeit, Rusdorf.“

Aber kaum schrieb der Kurfürst, kaum öffnete er einen Brief. Er freute sich

der Stadt, trank viel, war herzlich mit seiner Frau Elisabeth. Dann erlag das

pfälzische Quartier der Nachricht vom Tode Gustafs in Sachsen. Im Augenblick

fiel alles in Zuckungen: ratlos schweifte man umeinander. Die Kurfürstin

drängte, weiter zu reisen, nach dem Haag, verlangte fort nach England, schmähte

das Reich.

Da begann Friedrich lebhafter die Wiener Korrespondenz aufzunehmen.

Ungestört festierte er in seinem Quartier, die Engländerin betäubte ihre

Erregtheit in heftigen Vergnügungen, pompösen Reitereien, Schlittenfahrten und

Späßen, die sie zum Getuschel der Stadt machten.

Gegen Weihnachten wollte eines Abends Friedrich seinen Trinkkumpanen in einem sonderbar heftigen Drange seine Ansicht über den toten Gustaf, über die

Kriegsdinge und allerlei sonst sagen. Es kam aber niemand, sie waren zu

Festlichkeiten in der Stadt verstreut. Er saß allein mit seinem Narren, der auf

dem Stühlchen bald einschlief. „Ich habe so heftig und herzlich ihnen allerlei zu

sagen“, dachte Friedrich; er wußte nicht, was; alles nahm solchen guten Verlauf,

er kam zum Reich zurück; er hatte ein großes Ungestüm in sich.

Wie dann der nächste Morgen graute, setzte er sich in den ungeheuren Saal, in

dem Becher Hüte Degen herumlagen, zog eine Kanne an sich, fing zu trinken an.

Die anderen würden schon kommen, er würde auf sie warten. Er trank. Auf

einem Thronsessel saß er, den er sich in einen Winkel geschoben hatte. In die

Ecke geduckt saß er.

Die Sonne schien hell, als Elisabeth hinten die Tür öffnete. Die kurze Nase

von Kälte gerötet, die schwarze hohe Pelzmütze über die Ohren gezogen, blonde

Stirnlöckchen zwischen die Augen fliegend. Sie stolperte über einen schlafenden

Lakaien; drei Tabourets standen auf dem Kopf; die Matten auf dem Parkett

waren zu Türmen verschoben. Das perlenbezogene silbergraue Seidenkleid mit

beiden Händen anhebend strich sie zu dem Thronsessel herüber, an dessen

Außenseite eine Hand baumelte. Sein Gesicht — sie hatte ihn seit Tagen nicht

gesehen — blickte sie ernst und klar an, so daß ihr Herz freudenvoll erbebte. Sie

zog ihre weißen Handschuhe aus, wischte ihm das weinbespritzte Haar ab,

wischte ihm den fetten schweißbestandenen Hals unter der zerknickten

spanischen Krause, und faßte ihn, wie er sie nur stumm ernst anblickte, am Kinn,

um ihn auf den Mund zu küssen. Sein Nacken war weich und schwer, der Kopf

wich an der Rückwand des Sessels leicht links ab. Vornübergebeugt zu ihm, die

pelzbezogene Wange an seinem Gesicht, rief sie nach rückwärts: „Tischwart,

Schenk, Wein.“ Da wehrte es ab: „Nicht, nicht“, aus dem Munde vor ihr, aus

dem Körper vor ihr. Der Körper hob sich wenig, sie abdrängend, auf die Füße.

Er strahlte sie innig, armhebend an, blieb starr mit dem Blick auf sie. Sein Mund

ging auf, er schien lachen zu wollen oder zu weinen oder trübselig zu klagen.

Die Nase, die Oberlippe hob sich in einem Weh. Er plumpte schwer zurück. Sein

Hals, sein Kopf lief rotblau an, schwoll unter leisen, dann heftigen Zuckungen

der Wangenmuskeln, rollte, während sich die blauen Augen trübten, von der

rechten Schulter auf die Brust. Die Beine standen eingeknickt unter dem Sessel,

der Körper schien herabrutschen zu wollen. Lautes Schnarchen, der linke Arm

griff abwärts in die Luft neben einem Sesselbein. Die Fürstin schrie angstvoll

mit zusammengebissenen Zähnen auf. Dann torkelte der Kopf mit einem

brüsken Stoß wieder auf die Schulter, die Wange zuckte noch, die weißlichen

Augen stellten sich blicklos in eine Ecke, der ganze Körper wiegte sich leicht in

einigen Wellen.

Sie stand da, ging nicht weg, biß sich auf die Finger, watete langsam durch

den Saal zurück, immer mit gedankenlos bebenden Bewegungen der Arme, erst

an der Türe sich umdrehend, als es hinten dröhnte und polterte und der Mann in

der Ecke kopfaufschlagend auf das Parkett rutschte. Sie ging ohne zu sehen über

den Hof, indem sie sich den Nasenrücken rieb, den Schnee von ihrer Schleppe

schüttelte. Bei jedem vierten fünften Schritt blickte sie rückwärts, an sich

herunter, schüttelte die Schleppe.

Ein Roßbube sah sie vom Stall aus gehen, pfiff zwei aus dem Fenster

schauenden Damen, wie stirnrunzelnd auf die langsam wandernde Frau. Die

zitternden weißen Damen legten die Hände an ihre fortzuckenden Arme. Sie

schrie auf, knirschte mit den Zähnen, stürzte wälzte sich nach einigem Stöhnen

in sie hinein.

 

In Wien wuchs nach dem Tode Gustafs und des Pfälzers die kriegerische

Stimmung. Nicht einmal die Wissenden an der Spitze taten ihr Einhalt. Die

Waffenerfolge der kaiserlichen Armada schollen durch Europa.

Der Heilige Vater in Rom, der eben Wien kalt abgewiesen hatte, hatte es fast

zu einem Bruch auch mit Spanien kommen lassen, als ihn der brutale spanische

Gesandte Borgia, der Kardinal, unverblümt im Konsistorium der Herzlosigkeit

und Saumseligkeit gegen katholische Interessen zieh. Urban, der große

buschbärtige Kriegsmann, wußte, daß das Schlachtenglück wechseln könne.

Hielt, den Kardinal aus Rom verjagend, mit einem letzten Entschluß an. Nun

kirrte den Goten dieser andere Barbar, der Friedländer, der Mantua hatte

verwüsten lassen; es schien fast, als ob er der Lage in Deutschland Herr werden

würde. Ein Breve Urbans traf in Wien ein, der Nuntius las in der Burg dem

Kaiser Ferdinand und seinem stolzen feierlichen Hofe vor, was der Papst unter

dem Fischerringe im zehnten Jahre seines Pontifikats verkündete; welche

Wohltat allen verliehen sei durch den Tod Gustafs. Dem Sitz Seiner Heiligkeit

hätten sich die Klagen und der Jammer seiner Söhne genähert und wären seinem

Gemüt zu beständiger Trauer vorgeschwebt. Der ganze christliche Erdkreis

empfände Genugtuung, der mit Schrecken vernommen habe, daß ein König als

Feind des katholischen Namens, trotzend auf seine Waffenmacht und seine

Siege, von den Ufern des baltischen Meeres bis zum Fuß der Alpen alles mit

Feuer und Schwert verwüstend sich rühmen durfte, den ganzen Landstrich mit

höchster Schnelligkeit unterworfen zu haben. „Darum haben wir in der Kirche

der allerseligsten Jungfrau Maria dell’ Anima der deutschen Nation mit hoher

Freude das heilige Meßopfer dargebracht und zugleich mit unseren geliebten Söhnen, den Kardinälen der heiligen Kirche, und dem stark zugeströmten

römischen Volke für die große Wohltat Gott unseren Dank dargebracht.“

Ferdinand, freundlich still auf seiner purpurbezogenen Bank dem kloßigen

Redner zuhörend, küßte ihm aufstehend die behaarte Hand. Schweigend, als

wenn er sich besinne, sanft stand er eine kleine Weile vor dem verbindlich

wartenden Mann, um langsam von sich zu geben: „Lasset uns in Demut

voranschreiten und in Ergebung Gott die Sachen befehlen.“

Hinter ihm Siegeslärm. Mit Unruhe bemerkte der Nuntius, der eine klägliche

Rolle spielte, welche Wellen die Erregung schlug; er sah sich genötigt,

abzureisen. Die Väter vom Orden Jesu verlangten, wo sie sich am Hofe sehen

ließen, Krieg bis zur Vernichtung des schwedischen Heeres. Die traurigen

Meldungen aus Bayern hatten sie in äußersten Zorn gebracht; sie ließen an allen

Stellen, die ihnen zugänglich waren, beim Beichtvater des Kaisers, der Kaiserin,

des ungarischen Königspaares, bei den anwesenden Herren des Zivilstaates,

besonders beim Grafen Schlick, dem Präsidenten des Hofkriegsrats, erklären,

daß in allen eroberten Gebieten als Schadenersatz die höchsten erträglichen

Kontributionen eingetrieben werden müßten; jeder protestantische Besitz dort

müsse der Konfiskation verfallen. Des Herzogs von Friedland, der die religiösen

Vermögenskonfiskationen angeraten hatte, fühlten sie sich gar nicht sicher. Sie

gedachten jetzt ihn mit Gewalt zu sich zu zwingen und ihre Position

auszunützen. Bei Regensburg hatte er ihre Macht gefühlt; er sollte nicht glauben,

jetzt seiner unberechenbaren Laune und bloß militärischen Politik folgen zu

dürfen. Die Herren am Kolleg formierten eine Spezialdeputation aus sich,

bestehend aus dem Provinzial, einigen Rektoren und Präfekten, die in einer

Schrift niederlegten, wie der Krieg zum Ruhme der katholischen heiligen Kirche

zu einer Entscheidung geführt werden müsse, wobei weder Gut noch Blut eine

Rolle spielen dürfe. Wie ihre Beteiligung und Eingreifen nicht in solchem

Augenblick als anmaßlich gelten könne, besonders wenn man mit Azorius,

Kornelius a Lapide, Santarelli der Auffassung sei, daß die Menschheit ein

übernatürliches Ziel habe und die Geistlichen Vertreter des höchsten

Erdenkönigs, des Papstes, seien. Sie sprächen aus dem Sinne ihres Generals.

Und wenn dies, was sie erwähnt hätten über die Beendigung des Krieges, schon

sicher sei, so noch mehr, was die sächsischen Punkte anlange. Und nun folgte ein

zornsprühender Erguß über den Herzog von Friedlands Liebden Verhandlungen

mit dem Kursachsen, einem Häuptling und der Stütze der Ketzer im Reich neben

dem von Gott und der Jungfrau weggerafften und in das Höllenpech verstoßenen

schwedischen König.

Aus Residenzhäusern Bursen Kollegien quollen die gelehrten Streiter, scharfe

Gesichter, breite langsame Menschen, heiße Augen, strenger Blick, entschlossene Münder. Lange schwarze Kleider, offenes Obergewand, sehr weite

Ärmel, Unterkleider talarartig mit offenen Überröcken, flachrandige

Krempenhüte, Krempen mit Schnüren rechts und links hochgebogen, schwarze

viereckige Mützen. In die große Aula des Profoßhauses flossen sie ein; von

weißem Stuck war sie ausgekleidet, phantastische Heiligensonnen waren in

üppigen Farben auf den meterbreiten Wandbildern gemalt, Maria stand

überlebensgroß mit goldenem Gesicht, weißen Seidenkleidern,

schmucküberladen, unter einer rubinbesetzten Krone auf einer getigerten

Marmorsäule hinter dem Katheder an der Wand. Sie sangen ein Lied zum Preis

Marias, als sie sich nebeneinander barhäuptig auf die knarrenden Bänke gesetzt

hatten.

Der schwammige Beichtvater der Königin von Ungarn sprach: Wohin Jesuiten

kämen im Reich, sollten sie auf die Gefahren hinweisen, vor Fürsten und

Untertanen, in denen das Reich schwebe. Die höchste Gewalt, hatte der große

Mariane erklärt, liege beim Volk, das einen rechten Gebrauch von seiner Einsicht

machen müsse. Führer und Herrscher könnten so irren wie jeder Mensch und

ebenso in Sünde verfallen. Die Armeen sind nicht zum Dienst der Herrscher und

Heerführer, sondern des ganzen Volkes. Nur dann darf sich der Heerführer ihrer

ungestört bedienen, wenn er des Vertrauens des Volkes sicher sein kann. Wenn er

aber gegen den Willen und das Glück des Volkes handelt, muß sich das Volk und

ebenso das Heer von ihm abwenden und ein Fluch über ihn ausgesprochen

werden. Ein doppeltes Gesicht, wie der heidnische Götze Janus, habe der

kaiserliche Oberste Generalfeldhauptmann von Wallenstein, der Herzog zu

Friedland; eins blicke liebreich der Heiligen Kirche und ihren geweihten Söhnen

in die Augen, die Hände verschwenden Gaben an sie wie wenige Fürsten. Das

andere Gesicht aber ließe Hauer aus dem Maul herabstoßen, blicke und grinse

gierig und gehässig; die Hände dieser Seite ringen mit denen der anderen, und

wem hier ein Scheffel Korn geschenkt sei, rauben diese wütigen eisernen Arme

zwei drei. Dieser liebreiche Mund spricht das Ave und den Rosenkranz, dieser

Kopf senkt sich fromm bei der beseligenden Darbringung des Opfers — jenes

grimmige Maul hat nur Freude an dem Trübsinn der Ketzer, lobt ihre bösen

Begierden und Ansprüche, und der Kopf ist von Anschlägen auf die Freiheit und

Macht der süßen katholischen Kirche voll. Solch Mensch sei er, entstanden auf

böhmischem Boden, mit Sorgen hätte man ihn dem falschen Glauben entrissen,

aber nicht entschlossen genug das widrige Unkraut mit der Harke gejätet. Der

zum Schmerz aller Frommen mit dem sächsischen Kurhut bedeckte trunkene

Ketzer, Johann Georg benannt, glaubt Anspruch auf Güter und Gebiete zu haben,

die er und seine Vorfahren der katholischen Kirche in ihrer einstigen Schwäche

gestohlen haben. „O, grenzenlos war der Schmerz, als uns diese Stifter, Klöster und Güter geraubt wurden, viele verzagten an dem Glück unseres Schiffleins.

Grenzenlos ist unser Frohlocken, wo uns unsere Habe wieder zufallen soll auf

den Spruch eines weisen gerechten frommen herrlichen Kaisers. Aber der

doppelgesichtige Mann hat unser Verderben vor. Er will sich mit dem Ketzer in

Dresden über den Raub verständigen und sich mit seinem eigenen Gewinn

rechtzeitig aus dem Krieg schleichen. Ihm liegt nicht an Sieg und Niederlage.

Wir hören es von allen Seiten. Ja er will Frieden, und wenn der Friede auch die

Ohnmacht und Schmach unserer heiligen Kirche besiegeln soll.“

Darauf sangen sie ein lateinisches Lied, indem sie aufstanden. Sie sprachen in

Gruppen. Der große hinkende Luxemburger, Beichtvater der Römischen

Majestät, trat während der Rede in den Saal, blieb an der Tür stehen, mischte

sich horchend in die Gruppe. Er hatte ein unentschlossenes müdes Gesicht und

sprach kein Wort.

Als sie sich niedergesetzt hatten, sank ihr Tuscheln vor der scharfen

aufreizenden Stimme eines jungen Rektors. Wie Fanfaren fing er an: „Ecclesia

militans! Ecclesia militans. Das sind die Diener der Jesusgesellschaft. Wir, wir.

Ein Fähnlein hat uns unser geheiligter Stifter genannt, die Sturmkompagnie des

Papstes sollen wir bilden zum Kampf gegen Heiden im Ausland und in der

Christenheit. Kein Frieden! Kampf unser Ruf, bis zum Sieg des Papstes. Wir

stehen dem ungeheuersten Geschick gegenüber: der gewaltige Krieger des

Kaisers will uns zum Frieden zwingen. Wir sollen aufhören zu sein. Die Kirche

soll verkrüppeln. Wir werden nicht aufhören zu leben, sein Reichtum soll uns

nicht töten, Armut wird das Bollwerk unserer Kompagnie sein. Es sind Boten

aus Sachsen zu uns gekommen, Boten aus Böhmen, die erkennen lassen, daß der

Kampf auf Bestehen und Vergehen jetzt entbrennen soll; der Krieger des Kaisers

hat ihn uns angesagt. Er will das Reich einigen. Wir sind katholisch und bleiben

katholisch. Daran scheitert alle Einigkeit. Die Lauheit seines Religionsfriedens

entlarven wir: sie deckt die Niederlage des allein seligmachenden Glaubens.

Ecclesia militans! Provinzial, Professoren, Magister, Adjutoren: die Armeen des

böhmischen Wallenstein marschieren gegen uns. Ich rufe auf: wollt ihr weniger

sein als seine Feldzeugmeister, Wachmeister, Obersten, Hauptleute, Leutnants

und Kornetts. Der Geist gegen Waffen! Die Seligkeit gegen Politik! Im Zeichen

des heiligen Ignaz: wir werden des Friedländers Herr werden.“

Sie murmelten freudig, bildeten gestikulierend Gruppen, von den Bänken

aufstehend. Der bayrische Doktor Leuker war in Wien, von dem jungen Kuttner

begleitet. Maximilian hatte seinen jungen Gehilfen ungern gehen lassen. Der

vermochte das hilflose Herumsitzen in den kaiserlichen Räumen des Münchener

Palastes nicht zu ertragen, konnte die schreckliche Vereinsamung, in der sich

sein Herr befand, nicht ansehen, und ohne zu bedenken, daß er seinem Herrn die einzige Fröhlichkeit der langen langen Wochen war, riß er sich los, reiste nach

Wien, zu Leuker, um auf eigne Faust etwas zu unternehmen. Der

Jesuitenspektakel gefiel ihm, die Väter begriffen den Augenblick, waren nicht

mächtig genug. Er suchte aufzustöbern, wer Bayern helfen wollte. Wie Doktor

Leuker, ratlos wie er, herumwanderte bei den Herren des engeren

Konferenzrates, des Hofkriegsrates und der Kammer, fand der scharf

beobachtende Resident, daß man ihn zu Klagen über den Generalissimus

förmlich anregte. Als wenn man eine Genugtuung darin fand, solche Klagen zu

hören. Man wollte etwas auch von ihm, als geheimen Verbündeten gegen irgend

jemand. Er sah rechts und links: es ging etwas am Hof gegen den Herzog vor.

Man wurde nicht deutlich.

In diesen Tagen begegneten sich in den Burgkorridoren der bayrische

Resident und der böhmische Oberstlandmeister Wilhelm Slawata. Langsam

schritten sie durch die Höfe in die Stadt. Der Graf zog den Bayern mit sich. Er

sprach Gleichgültiges, suchte die Gesinnung des anderen zu erforschen. Sie

trieben im Gedränge der inneren Stadt hin und her, umgingen mehrmals die

Pestsäule am Graben, in schwere Pelze gemummt; wichen vor den Gesellen des

Rumormeisters, die auf sie aufmerksam wurden, nach dem Hohen Markt,

zwischen dessen Krämergeschrei sie verschwanden.

Wie die Kurfürstliche Durchlaucht zu Bayern ihre schweren Verluste

verwunden habe, fragte der schöne Slawata, und was sie weiter zu tun vorhabe.

Der Bayer klagte heimlich: das sei ja das Unglück; Bayern sei verbündet mit

Habsburg und so sei alles glatt; aber wer könne denn verschweigen, daß dieses

Bündnis zum Lachen wäre. Im Ernst: niemals sei es dem Kurfürsten Maximilian

so schlimm gegangen wie in dem Feldzug des verflossenen Jahres; alle die ihn

vor Nürnberg begleitet hätten, hätten darüber lamentiert. Er begann die Zahl der

Kränkungen weitläufig aufzuzählen, die der Friedländer dem Kurbayern bei

Zirndorf und schon vorher, von Eger her, angeboten hätte; halbtot, hätte

Maximilian seinem Vater gesagt, sei er von dem rachsüchtigen Mann gequält

worden. Ja, es sei ein Unglück, meinte verstohlen lächelnd der andere, in die

Hände seines Feindes zu fallen, denn man könne es ja dem Friedländer nicht

verdenken, wenn er den Regensburger Konvent nicht so leicht vergesse.

Indem sie über den Lobkowitzer Markt zwischen den Hühnerkörben streiften,

begegnete ihnen der lustig durch den Schnee schlürfende Kuttner, der in

einfacher federloser Kappe und ohne Degen ging und lachend gestand, er sei auf

Diebeswegen und wolle in die Rotenturmstraße, wo es den schönsten

Honigtrank in einem Methkeller gebe. Der dunkel blickende Slawata wurde zum

ersten Male des rotwangigen Menschen ansichtig. Sie reichten sich die

Fingerspitzen. Nach kurzem Plaudern wollte Kuttner weiter. Da schlug Slawata

einen gemeinsamen Weg nach der Rotenturmstraße vor; Leuker nahm nach

einigem Wandern Urlaub, da der böhmische Herr wesentlich mit dem jungen

unbedeutenden Fant sprach. Der Böhme hatte sich an Kuttner verhakt. Etwas

lockte ihn an dem Knaben.

Vor der Wirtshaustonne mit Meth gab der gesprächige Kuttner Schnurren von

sich; wie er zuerst von dem sonderbaren Zwergenprofessor, dem Genueser

Licetius, hierher geführt sei, der ihm allerlei Taschenkunststücke vorgemacht

habe und so weiter. Nach Maximilian gefragt, wurde er stiller, äußerte sich dann

in heftigem Schmerz; wie er den Kurfürsten verlassen habe, daß solch Unglück

über den frommen klugen tiefen Mann habe hereinbrechen können. Nun säße er

wieder in München; wie lange, und die Schweden seien von irgendeiner Seite wieder da; wer könne dies mit ansehen, er sei fast davongelaufen. Das nahm im

dunkeln Winkel sitzend, den Pelz über den Knien, Slawata mit

niedergeschlagenen Augen entgegen; mit seinen stumpfen samtnen Blicken

betrachtete er gelegentlich rasch den erhitzten Jüngling. Er drängte den anderen

auf den Weg, den er wollte, und als der nicht weiterfand, meinte er zweideutig

vor sich lächelnd, an einem Lebküchel spielend, man sei eben so weit wie vor

Jahren in Regensburg; Karthago müsse zerstört werden. Kuttner fand das fast

naiv, von der Art der Jesuitenväter; unwillig fragte er, ob man nichts Konkretes

zur Abhilfe wisse. Noch einmal, Karthago müsse zerstört werden. Gutmütig gab

der Bayer zu, es könne auch das Haus Habsburg abgesetzt werden; was solle

zunächst geschehen. — Soll also Karthago zerstört werden oder nicht? Nun ja;

der Bayer lachte und trank; aber zur Sache. Darauf wollte aber der zähe sehr

langsame Vornehme nicht eingehen; sie müßten sich erst über das Prinzip einig

sein. Und da erst, auf diese unbeirrbare Dringlichkeit und Gewißheit, wurde

Kuttner unsicher, hörte auf an seinem Becher zu ziehen, betrachtete den feinen

kopfsenkenden Mann vor sich genau. Was also.

Slawata merkte den Umschwung in dem andern, blickte ihn von unten fest an;

wie es nunmehr mit Karthago stände. Man kann es vielleicht zerstören; es

scheint, als ob auch der bayrische Herr das wünscht. „Man kann“ und

„vielleicht“ und „es scheint“, die bayrische Durchlaucht hat nichts Sehnlicheres

als dies; man kann nicht, man wird, und wird müssen. Oder? „Ihr denkt, Ihr

kluger junger Herr, sogar ein Oder. Dieses Oder, das etwas von einer Sintflut an

sich hat. Wißt, ich denke nicht im Schlaf an dieses Oder. Mir ist es nicht von

Gott verliehen, so weit zu denken.“ „So, meint Ihr, steht es.“ „Es wird ja schon

von vielen begriffen; sie warten aber so lange und freuen sich so lange am

Begreifen, bis es nichts mehr zum Begreifen gibt.“

Kuttner über die Tonne gebückt, tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand

eine Weile rhythmisch auf das Holz. „Weiter“, brachte er heraus. Slawata erhob

sich, warf ein Silberstück auf den Schanktisch; sie trabten durch die schnell sich

verdichtende Dunkelheit.

Als der Böhme allein auf sein Quartier zog, wunderte er sich über dieses

plötzliche Winterabenteuer, das Sitzen in einer Methstube, den kecken

eigentümlich herzlichen und kindlichen Kuttner. Wie war er plötzlich in dieses

Gespräch mit dem Knaben hineingezogen worden. Er hatte etwas Schönes Süßes

Lyrisches an sich; es zwang ihn hinein und jetzt schwang noch das Freudige

rätselhaft Belebende davon in ihm. Als wenn er selbst junge glückliche Wege

schwebte. So dachte er im dunklen Erker sitzend. Es hat beinah nichts mit dem

Friedländer zu tun, dachte er in sich, sich zärtlich betrachtend; es ist für sich

genug. Während sein Gesicht im Dunkeln ein Lächeln war, dachte und träumte er: ich werde den Friedländer mit dem jungen Knaben umwinden; er ist meine

Waffe. Was habe ich denn für Waffen gegen den Friedländer. Ich bin auch nur

eine Nachtigall, die um den Löwen fliegt. Was wird das für ein sonderbarer Tod

des Löwen werden, wenn ich ihn töte. Und er freute sich an dem schönen

weichen Vorgang. Und was will ich auch von dem gelben starken Löwen; was

tut er mir. Wieviel fehlt dazu, daß ich ihn anbete. Aber ich bin dabei und bin im

Begriff, ihn zu töten. Es ist sonderbar, die Dinge sind in dem Laufe, gerade in

diesem Laufe.

 

Zur Fastnacht wurde im friedländischen Palast eine Maskerade abgehalten.

Türken Ungarn wilde Männer Kobolde drängten sich, der Satan schlich in rotem

Kostüm mit entsetzlich schlagendem Schwanz dazwischen. Bei dem

Narrengericht auf einer Bühne im geheizten Treppenflur wurde gegen einen

grünhaarigen Wassermann verhandelt, der sich weigerte, die Ehe unter

Menschen anzuerkennen und schließlich unter Toben und Gewieher verurteilt

wurde, sich mit einem schmierigen dicken Wiesel zu verheiraten. Darauf führte

der ungarisch verkleidete Graf Trzka den schweren Grafen Schlick, den

Präsidenten des Hofkriegsrats, der aus Wien sich eingestellt hatte, Friedland zu.

Der Herzog schrecklich anzusehen, ein Produkt seiner furchtbaren Leiden und

der Rastlosigkeit, bewegte sich hinter einer Palmengruppe, ausgemergelt lang

und gebeugt, auf zwei Stöcken, die kurzen Haarstoppeln schneeweiß, der spitze

Kinnbart grau und weiß gemischt, über blauroten Augensäcken die kleinen

spielenden Augen mit peitschenden Blicken, die Nase herabgezogen auf die

dicken Lippen. Die Herzogin und einige Vornehme saßen auf Polsterstühlen um

einen Tisch. Der Herzog zog den Fremden neben sich.

Während sie lebhaft sprachen, trat ein wüster Mensch aus dem Saal an ihre

Gruppe heran, mit langem blonden Bart, den wilden Haarwuchs bis über die

Schultern. In steifen braungelben Schäften bis an die Hüften stieg er, die

Muskete trug er in der Rechten, stellte sie aufstoßend vor sich wie einen

Totschläger. Er hatte sich mit dem mächtigsten weißen Kragen geputzt und einen

ungeheuren Federhelm aufgesetzt, eine braune Dogge zog er mit der linken

Hand beim Nacken. Er griff nach einem Becher, trank ihn aus. Dann legte er

unmittelbar vor dem Tisch seine Muskete in die Gabel und schickte sich trunken

lachend an, einen Schuß auf den Herzog oder den Grafen zu lösen. Mit einem

Fußtritt warf im Augenblick Trzka die Gabel um.

Mit dem Menschen, der grunzte lachte gluckste, tschechisch stammelte, balgte

er sich eine Minute, dann krachte ausrutschend der Strolch zwischen die Palmen hin, die sich auf dem Parkett in ihren Riesenbehältern rückwärts

auseinanderschoben und raschelten. Die Herzogin in ihrem weiten roten Rock,

dem weißen Mühlradkragen war aufgesprungen, hatte geschrien. Masken

schwankten an. In ungestümen Sprüngen riß sich mit den Partisanen schlagend

die Saalwache Raum, brach durch, räumte sich immer verstärkend einen Kreis

um die herzogliche Gruppe. Zwei Pikeniere schleppten den juchzenden

Betrunkenen, der nach seinem Köter greifen wollte und rückwärts die Masken

anlachte.

Der Herzog stand mit den Stöcken da, brüllend mit glitzernden Augen:

„Vorbeigeraten! Graf Schlick, ha! Seht Ihr, vorbeigeraten.“ Der murmelte etwas.

„Seht. Wer steckt dahinter. Man wollte kommen. Sie haben es nicht gekonnt.

Haha.“ Friedlands wildes verzerrtes Gesicht; er schnaubte schwer, tastete sich zu

einem Satz, blickte alle an. Der halbe Saal war vor ihnen gesperrt.

Schlick, der ungeheuer schwere Mann, der Kopf war ihm abwärts zwischen

die Schultern gerutscht, saß da, betrübt, mit langem weißen Bart, buschigen

schwarzen Augenbrauen, die sich hoch sträubten: die Arme lagen ergeben auf

dem Schoß; stumpf verwittert grau saß er wie aus porösem Stein. Er brummte

beruhigend, wie stark die herzogliche Leibgarde sei. Wallenstein, beide Hände

auf die stehenden schweren Stöcke, noch atemknapp, bissig; man müsse sich

gründlich vorsehen, im Haus nicht weniger wie im Feld; man könne nicht

wissen, von welcher Seite man angegriffen würde. Ob übrigens Graf Schlick

glaube, daß der schwedische König, was man sich erzähle, von seinen eigenen

bestochenen Leuten erschossen sei. Der Gast nickte; vielleicht haben die

Schweden oder ein Deutscher ihn beseitigt; es sei keine schlechte

Kriegsmethode, den Führer zu erschlagen; das spart Kanonen. Er, knurrte

Wallenstein, möge die Methode nicht; es sei doch etwas Verruchtes darin. Er

schickte Trzka fort, beim Obersten der Leibgarde nachzuforschen, was man von

dem Betrunkenen ermittelt habe. Noch höher hob Schlick die Schultern: ruchlos

oder nicht, wer will die Mittel wählen; überall entstehe die weltliche Gewalt

niedrig, durch Mord und Waffen; man wisse ja, daß die Fürsten erst mittelbar

von Gottes Gnaden seien. — Was? der Herr billige solchen Mord am eigenen

Herrn und Fürsten. — „Nicht doch; ich sage, solch Mord ist unvermeidlich.

Bisweilen. Wenn der heilige Glaube es verlangt.“ — Wallenstein kniff

aufmerksam die Augen, fixierte den versunkenen Fleischblock lange: so, so; der

Herr Bruder sei Anhänger der frommen Jesuväter; das freue ihn zu hören, denn

auch er hielte zu ihrer heilsamen Lehre. — Ja, kam aus dem schweren Block, die

Gewalt entstehe überall niedrig; man müsse sich an das Bessere anlehnen

überall, um sich zu rechtfertigen. — Abbrechend begann der trinkende Herzog,

der sich ganz beruhigt hatte, auch die verlegene Isabella zum Tanzen hinausschickte, von Bernhard von Weimar zu sprechen, der nach dem dänischen

Krieg beim Kaiser wieder anklopfte, ein tapferer junger Fürst, und jetzt hinge er

am Oxenstirn. Es sei leicht von Verrat zu sprechen. Schlick möchte am Hof

dafür sorgen, daß man Leute nicht zur Verzweiflung treibe durch starrsinniges

Behaupten von Gehässigkeiten. — Was der Herr Bruder meine. — Das

Aufflackern der religiösen Politik. Man müsse die Protestierenden anerkennen

im Reich. Er hätte davon gehört. Man müsse nicht alte Dinge aufrühren. —

Verbrechen verjähren nicht. — Damit komme man nicht vorwärts. Sie hätten

einen kaiserlichen und keinen katholischen Krieg zu führen. Sollen die Jesuiten

den Sack selber tragen, statt einen Esel treiben zu wollen. Und als Schlick nicht

antwortete, rückte Wallenstein lippenbeißend von ihm ab: die Lügen der

Federfuchser; ob Schweden nicht mehr vorhanden sei, Frankreich nicht abseits

warte. — Schlick lächelte zum erstenmal: der Herr Bruder möge die Jesuiten

wohl nicht recht. — Friedland kaute an seinem Schnurrbart. — Stumpf blickte

der graue Mensch vor sich: jedenfalls werde, den Bernhard anlangend, ein

Reichsfürst wissen, was Verrat sei.

Friedland schob, die Stöcke gegen die Tischkante fallen lassend, die Arme an

seinem Säbel nach vorn: nun, auch er sei Reichsfürst. Er habe ehrlich und

legitim die Gewalt vom Kaiser erhalten, vertrete, wie man ihm ja nachschreie,

die Monarchie und habe in Regensburg verspürt, was die Reichsfürsten könnten.

Am eigenen Leibe habe er ihre, ihre Kraft verspürt. Und so singe er mit aller

Ehrerbietung auch dieses Lied: es möchte ihm keiner zu nahe treten und seine

Reichsfürstenschaft für nichts achten; es sei begründet: das Reich ist nichts ohne

den Kaiser, aber auch nichts ohne die Fürsten. — Als Wallenstein nach langer

Pause nichts zufügte, sagte Schlick, der Herzog habe in der Tat früher anders

gesprochen; er wünsche ihm, daß er sein Herzogtum Mecklenburg bald von dem

Schweden erobere. — Dies oder ein anderes werde ihm durch kaiserliche Gnade

zufallen; er dränge auf den Frieden, nichts, nichts sei wichtiger. Sie wollten

gemeinsam daran denken, dem lieben Frieden näher zu kommen.

Die Herzogin und ihre Schwester schlüpften von Trzka geführt heran, hatten

noch Gesichtsmasken vor, kicherten von den Späßen im Saal. Der Herzog griff

nach einem Stock, schrie im ersten Augenblick: „Fort mit euch!“

Finster saß er nach Schlicks Abgang neben Isabella: „Sie zahlen es mir heim.

Feinde, Feinde, immer mehr Feinde. Und so soll ich zum Ende kommen.“ Im

Gefühl der Schwäche senkte er den Kopf, blinzelte: „Du hältst mich für böse,

Isabella. Ich sehe es dir an. Ich habe Schlimmes in meinem Leben getan. Gott

wird viel Gnade an mir üben müssen. Ich will meine Bosheit jetzt eine gute Zeit

fahren lassen und den Frieden für die gequälte Welt befördern.“

Er ließ das Frühjahr anbrechen, den April vergehen, ohne sich aus Böhmen zu rühren. Es hieß, daß er seine Geldgeber und sich selbst bis zum letzten

erschöpfte. Man wußte, daß die Börsen erzählten, so könnten die Rüstungen

nicht lange fortgehen; alles dränge auf den Ruin des Reiches; der Herzog werde

versuchen einen entscheidenden Schlag zu tun und dem Krieg eine

entscheidende Wendung zu geben, weil er die Verhältnisse überblicke und weil

besonders das Haus Habsburg vor dem nahen Bankerott stehe; er werde sich

dann mit seiner gebietenden Macht als Reichsfürst und finanzielles Oberhaupt

des Kontinents zurückziehen, so oder so. Dies war bekannt von ihm wie von

seinen Freunden Michna und de Witte und den hinter ihnen stehenden mächtigen

Geldhäusern, die gedachten dem Krieg den Faden abzuschneiden durch

Verweigerung der Kredite. Der Druck, den diese Finanzleute mit den

befreundeten Börsen ausübten, sollte die Friedensneigung zum Durchbruch

bringen; in ungeheurer Spannung sahen die Informierten den Dingen des Jahres

entgegen; es hieß allgemein, die Würfel würden fallen. Und die Spannung wuchs

um so mehr, als die Jesuitenpartei am Hofe ihren Einfluß täglich vermehrte, mit

ihrem Drang dem alleinseligmachenden Glauben zum Sieg zu verhelfen, und der

Abneigung gegen Kompromisse. In Hamburg und London sagte man sich: es

wird dem Herzog zu Friedland nichts nutzen zu siegen, er wird sich mit dem

kaiserlichen Hofe auseinandersetzen müssen — oder der Hof wird es mit ihm

tun; das Jahr wird die Absetzung des Herzogs oder den Frieden bringen.

Einflußreiche Männer und Bürgerschaften großer Städte suchten sich der

verhängnisvollen Entwicklung entgegenzuwerfen. Fromme katholische Männer

Mitteldeutschlands, Bischöfe traten miteinander in Korrespondenz, faßten den

verwegenen Plan, dem Jesuitentreiben am Hofe das Wasser abzugraben.

Massenhaft Broschüren und Bilderbogen warfen sie unter das Volk, ließen sie an

die Söldner verteilen, schickten sie den Regenten und herrschenden

Körperschaften, Schriften, die Versöhnlichkeit atmeten, die Kriegsnot beklagten,

mit glühenden Worten die Verantwortlichen beschworen, das Reich nicht das

Letzte, den Satz des Kelches trinken zu lassen; das Verderben stünde vor der

Tür; es sei die Stunde, wo Beelzebub sich zum Triumph anschicke. Die

Bischöfe, die es wagten nach Wien zu reisen und die Väter aufzusuchen, wurden

von ihnen herzlich aufgenommen, darauf mit andeutenden Worten der Tölpelei,

des Micheltums geziehen. Vor der überlegenen Dialektik der Väter wichen sie;

ihre Wärme kam nicht auf neben dem sengenden Feuer der Fanatiker; manche

der Reisenden wurden in ihrer eigenen Auffassung wankend. Die Jesuväter

kannten nur dies Ziel: reiner Glauben; sie waren schrecklich in ihrer

Folgerichtigkeit, man konnte sie nicht von der Erde wegleugnen, sie zogen

betörend auf allen Wegen Menschen an sich, Christentum ihre Parole: wie

konnte man sich vor ihnen retten. An vielen Orten vergruben sich die Kundigen: jammernd über Deutschland, auf dessen Boden diese furchtbare Entscheidung

gesucht werden sollte, und heimlich das Land segnend, dessen Menschen in sich

den Drang fühlten, diesen großen Kampf auszutragen.

Träge erhob sich im Mai der Herzog aus Prag; prunkhaft wie früher: vierzehn

sechsspännige Galawagen, für ihn vierzig Hofkavaliere, hundertzwanzig

neulivrierte Diener; Packwagen; zehn Trompeter vorauf mit silbervergoldeten

Trompeten. Bei Königgrätz musterte er die Armada: sechzig Regimenter mit

vierhundertfünfundachtzig Kompagnien. Dann schob sich alles unversehens

ostwärts, nordostwärts; eine kleine Armee deckte das nordwestliche Böhmen.

Nach Schlesien schob sich die Armee, auf Glatz zu. Dort hielten Kaiserliche

unter Matthias Gallas, gegen eine feindliche Armee, der Kern Kursachsen, von

Hans Arnim von Boitzenburg kommandiert, bei ihm der weißköpfige

Böhmenführer Thurn, Oberst Düwall.

Stumm ruhte Friedland ihnen gegenüber. Laues Scharmützeln, Geplänkel.

Nach zehn Tagen unterschrieben Parlamentäre in Heidersdorf einen

Waffenstillstand.

Die ungeheure Maschine stand still.

 

Gellendes Gekreisch, vielstimmig, in Wien.

Sie bogen sich wie Weiden zusammen, schnellten pfeifend hoch. Da stand er,

stand, in Schlesien, ein Gigant an Kraft, zahllose Kompagnien, Massen von

Artillerie Munition, bezahlt aus den Steuern der gepreßten Stände, rückte sich

nicht, zuckte nicht, nicht einmal vor Schande über das, was geschah. Es war

bewiesen: er wollte nicht, ging eigene Wege. Ein Hundsfott Verräter an allen

Erbländern, an jedem Einzelnen, am Habsburger Hause, am Reich, am

katholischen Glauben. Man mußte ihn strafen, zwingen. Mußte ihm die Armee

wegnehmen. Es mußte ein neues Haupt über die Armee gesetzt werden. Der

Friedländer, der Erzschelm mußte weg.

Mit grenzenlosem Tosen erfüllten die Jesuväter die Ämter, liefen grade und

ungrade Wege, die Ruhe war aus ihren Konventen entfernt. Niemand unter

ihnen, der nicht blitzartig begriffen hätte, daß in Heidersdorf auch für ihn die

Würfel geworfen wurden: der Friedland mußte ihnen jetzt oder später an den

Leib. Es gab keinen Ausgleich zwischen ihm und ihnen. Wie er dastand, der

Koloß, entlarvt, war er ihnen scheuseliger und bedrohlicher als Schweden und

Sachsen und alle Protestierenden. Sprünge der Jesuiten in ihrer Aufregung: sie

suchten sich des Mannes zu versichern, der dem Friedland die Beichte abnahm,

aber es kam heraus, daß er keinen ständigen Beichtvater hatte. Boten durch ihre Freunde im schlesischen Lager dem Doktor Ströpenius, Wallensteins Arzt, Geld,

große geistliche Versprechungen, wenn er ihm die Sorgen der Kirche vorhielte

und wie die heilige Kirche in Gefahr schwebe. Erreichten nichts, als daß sie den

kleinen schon ängstlichen Arzt noch unsicherer vor dem Herzog machten und

daß er beim Beginn mit dem geistlichen Sermon ein heftiges Gelächter seines

Patienten auslöste.

Sie brandeten vor den Mann, den sie für den kompetentesten hielten, den

Präsidenten des Kriegsrates, Kollaltos Nachfolger, den plumpen Schlick. Der

wie ein Stier gläubig fragend sie anblickte. Er stimmte ihnen bei, es kam kein

Leben in ihn. Was er tun sollte; der Herzog werde Gründe angeben. — Er muß

herbeigezogen werden, es muß jemand ins Lager. — Schmerzlich runzelte sich

die Stirn des Mannes in breite Querfalten: ihn herbeiziehen; es könnte sein, daß

er käme — mit der gesamten Armee; sie durchschauten die Verhältnisse nicht.

— Sie drangen tiefer in ihn; er wies sie reglos an den Abt von Kremsmünster

und Breuner, die Finanzkammer. Die sagten ihnen vieles. Und mit dieser Beute

zogen sie knirschend raschelnd ab, planend, sich betäubend, aufstachelnd,

begierig nicht nachzugeben, von neuem ausschwärmend; fielen über die Herren

des zivilen Hofstaates. Die wollten sich nicht einreden lassen, daß sich der

Herzog gegen Wien selbst wende, wichen von den Vätern, die ihnen folgten. An

die Herren des Geheimen Rates wagten sich die Jesuiten nicht. Eisiges

Schweigen um die Herren. Ein paar böse Worte warf Fürst Eggenberg hin: er

werde sich von den Vätern nicht das Heft aus der Hand winden lassen.

Ein Schauern ging durch die kontinentalen Hauptstädte, als der Herzog

unbeweglich der sächsischen Armee gegenüber lag. Der Herzog hatte den

Kampf aufgenommen. Der letzte Akt des Stückes hatte begonnen.

 

In ganz loser Fühlung mit dem kaiserlichen Hofe hatte der Friedländer den

Feinden einen förmlichen Friedensvorschlag zugehen lassen. Er werde

verhandeln, hatte er nach Wien melden lassen, nicht was wie warum. Auf diese

erschütternde Selbständigkeit war niemand vorbereitet. Im Kirchlein zu

Heidersdorf Arnim begegnend enthüllte Wallenstein: die Feindseligkeiten

zwischen kursächsischem und kaiserlichem Heer sollen aufhören; beide werden

vereint die Waffen gegen den richten, der sich unterfange das Reich weiter zu

stören und die Religionsfreiheit zu hemmen. Sie saßen mit Trzka auf der

vordersten Kirchbank nebeneinander; Arnim machte Notizen auf seiner

Schreibtafel. „Der Herr Bruder sieht das Heer, das ich aus Prag mitgebracht

habe, und das des Feldmarschalls Gallas. Er weiß, wie es Sachsen im vorigen Jahre ergangen ist. Ich kann ihn heute und morgen zerschlagen. Er kennt, da er

mein Freund ist, meine Meinung; daß ich zum Frieden kommen will. Der Kaiser

läßt sich von Pfaffen anführen.“ Noch einmal: sich zusammenwerfen, rasch und

ohne Lärm; jeden fesseln, der Friedensverhandlungen widerstrebe. Im Gespräch

rührte Arnim mit keinem Wort an Friedlands Stellung zum Kaiser. „Ich habe

keine Lust,“ sagte der Herzog, mit steifem Kreuz am veilchenbestellten

Marienaltar entlangschleichend, „nur einen Heller und einen Soldaten noch für

fremde Interessen zu opfern. Sagt der Kurfürstlichen Durchlaucht in Sachsen

und in Brandenburg: meine Vollmacht ist ausreichend groß, ich tue kein Unrecht;

ich habe gewußt, was ich festsetzte, als ich mein Kommando übernahm.“ Später

wagte der Herzog einen Vergleich mit dem Bernhard von Weimar: „Seit ich

Reichsfürst bin und vor dem Römischen Kaiser mich bedecke, bin ich

selbstherrlich. Ich stehe dem Reich bei, nicht mehr und nicht weniger als meinen

Absichten entspricht. Zwischen mir, Bernhard und dem Bayern, der dem König

in Schweden Neutralität angeboten hat, ist kein Unterschied, Hundsfott, wer mir

das bestreitet.“ Auf diesen Punkt, erklärte Arnim, wolle er nicht eingehen.

Bei der Tafel an diesem Tage, zu der Arnim und der Oberst Düwall zugezogen

war, verfolgte Wallenstein noch zäh diesen Gedanken. Sowohl der schwedische

Oberst wie Arnim hatten, soweit sie bei der schallenden Trompetenmusik

verstehen konnten, den Eindruck, daß sich der Herzog festbiß in seiner Wut auf

den kaiserlichen Hof. Während die anderen den Luxus des herzoglichen Tisches

speisten, saß der Herzog selbst hinter gerösteten Semmeln, bröckelte daran,

schluckte mit angewiderter Miene einen Brunnen, den man ihm eingoß. Er

bohrte an dem schwachen Punkt der kaiserlichen Politik, die habsburgischen

Hausmachtinteressen; das Reich sei verfehlt konstruiert, werde darum verfehlt

regiert. Man soll offen sagen, ob man ihn mit dem Titel eines Reichsfürsten zum

Besten habe. Er werde wie ein Löwe um seine Rechte kämpfen. Wenn es sein

sollte, schlüge er sich auf schwedische Seite. Der Oberst Düwall wurde

beauftragt, den Herzog dem Bernhard von Weimar zu empfehlen: „Ein forscher

Herr; ich bedaure, daß er nicht bei mir ist.“ Die Obersten, die am Tische saßen,

akklamierten dem Herzog lebhaft.

Arnim reiste nach Sachsen. Darauf lagen sich die Heere ruhig gegenüber, aber

es war ein. Beißen, Ringen, Niederdrücken. Sie verstärkten sich, bogen sich,

warfen sich herum, verschoben sich. Eine unruhige Bewegung machte das

sächsische Heer, schon riß sich Holk drohend los, mit seinen Reitern hinfahrend

auf Sachsen. Als gäbe es keine Verhandlungen, begann er das Plündern und

Morden. Diesmal brach die Pestilenz unter seinen Regimentern aus. Vor Adorf

verendete Holk selber mit tausenden seiner Leute. Der Herzog stöhnte eine

Woche, der Tote war sein Liebling, er fluchte auf den Krieg. Heftiger drückte er auf das sächsische Heer.

Breslau war nicht weit; da sollten gute Astrologen hausen. Zenno wurde aus

Gitschin berufen; welche Chancen man für bestimmte Eventualitäten im

Augenblick oder bald danach hätte; er sollte sich mit den Breslauern in

Verbindung setzen. Eine Woche war Zeit für Berechnungen.

Zenno kam ins Lager zurück mit einem der Sterndeuter, der unter dem Merkur

geboren schien: ziegenäugig, schwärzlich, schlank. Mit dünner Stimme

berichtete der: der unheildrohende Saturn sei eben im Eintritt in das Haus der

Zwillinge begriffen; die Situation war für Maßnahmen nicht schlecht, da der

Stern zum Horoskop in keinem wirksamen Aspekt stand; sie sei auch nicht

einladend.

Im letzten Augenblick schlug der Herzog, durch das wochenlange Warten auf

Arnim aufs höchste gereizt, eine Verbindung zu Oxenstirn, den er um einen

Unterhändler bat. Es traf ein Generalwachtmeister ein, mit dem er allerhand vor

dem offenen Feldlager besprach; er wollte die Sachsen in die Zange nehmen.

Um die Vertraulichkeit der Verhandlungen zu erhöhen fuhr der Herzog mit dem

Unterhändler, der von Haus ein böhmischer Emigrant war, nach Gitschin. Keine

Ruhe werde im Reich herrschen, solange Habsburg regiere, erklärte der

schwedische Sendling. Der Herzog warnte vor dem Wankelmut Sachsens; er

werde Sachsen Geld schwitzen lassen, wenn es sich nicht dem friedlichen

Ansinnen füge. Zurück mit dem Unterhändler nach Nimptsch kehrend, ließ er

sich von ihm um den Mund gehen mit Versprechungen der Krone Böhmens.

Der Sommer ging schon um. Da schleppte sich müde und langsam Arnim mit

seinem Trompeter an. Der Herzog saß im Nimptscher Schlosse. Arnim bat ihn

viel um Entschuldigung, klagte über den lauen Mut der beiden Höfe. Friedland

gab grollend und böse lachend zurück, also man traue ihm nicht, er solle erst

Beweise bringen. Er dem Sachsen. Ob er das nötig hätte. Wer ihn gezwungen

hätte hier in Schlesien Monat um Monat still zu halten. Sei ihnen das nicht als

Beweis erschienen. Er forschte Arnim stärker aus. Er bekam es fertig den

Sachsen den Tod seines Holk in die Schuhe zu schieben. Während der

Unterhaltung kam der Herzog erst allmählich dazu, die Tragweite der Antwort

zu überblicken. Die Evangelischen hofften noch auf einen Sieg Schwedens. Die

Evangelischen waren wie die Jesuiten; sie hatten es mit ihrem Glauben zu tun.

Blödsinnige Kinder; die Eselsköpfe. Die Evangelischen waren noch nicht reif,

sie waren zu stolz. Plötzlich faßte er den Feldmarschall am Wehrgehenk, stierte

ihn an: so wollten sie zusammen ihr Geschäft abmachen. Es sollte nicht gegen

den Kaiser gehen, dem wolle man Zeit geben, sich zu besinnen; aber gegen die

Schweden. Gleichviel gegen wen von ihnen: Düwall, Thurn oder wen. Arnim

konnte sich knapp aus dem Schloß retten. Friedland verlangte tollwütig Antwort in vierundzwanzig Stunden. Und hinterher ein friedländisches Ultimatum durch

einen Oberst: „Die Schweden werden in drei Tagen angegriffen oder vom Heer

des Herrn Bruders bleibt nicht ein Mann neben dem andern.“ Dicht bei Strehlen

auf dem Wege zu seinem Lager war Arnim in Gefahr von Kroaten

gefangengenommen zu werden; der Herzog hatte sie hinter ihm hergeschickt.

Der Küster in Strehlen auf seinem Dache mit dem Ausnehmen von

Taubennestern beschäftigt sah den Schwarm, gab durch Steinwürfe vom Turm

herab dem Feldmarschall und seinem Trompeter Winke; sie entkamen.

Das friedländische Heer war im Augenblick losgebrochen. Graf Gallas auf

Sachsen, Arnim hinterdrein. Wallenstein schob sich nach, bei Goldenberg warf

er die Kroaten unter Isolani nach Sachsen, schwenkte nach Osten, packte, auf die

Oder zugehend das Schwedenlager des Grafen Thurn an, siebzig Kanonen auf

das Lager richtend; sechstausend Mann ergaben sich, traten in seinen Dienst,

Thurn und Düwall hatte er in Händen. Thurn gab er frei, Düwall ließ er

entkommen. Glogau Krossen fielen. Zurück von der Oder auf die Lausitz hin;

Weiter: Teil 2 von 7