Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 4 von 5 · Teil 1/5

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Wallenstein: Zweiter Band

Fünftes Buch Schweden

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Fünftes Buch

S c h w e d e n

Über die Wogen der graugrünen Ostsee kam die starke Flotte der Schweden

windgetrieben her, Koggen Gallionen Korvetten. Bei Kalmar unter Öland, bei

Westerik, Norreköping, Nöderköping hatten sie die gezimmerten Brüste und

Bäuche auf das kühle Wasser gelegt, schwammen daher. Die bunten langen

Wimpel sirrten an den Seilen und Gestängen. Voran das Admiralsschiff Merkur

mit zweiunddreißig Kanonen, dann Westerwik mit sechsundzwanzig, Pelikan

und Apollo mit zwanzig, Andromeda mit achtzehn; dreizehn auf Regenbogen,

zwölf auf Storch und Delphin, zehn auf Papagei, acht auf dem Schwarzen Hund.

Der Wind arbeitete an der Takelung, die Segel drückte er ein, die breiträumigen

Schiffe bogen aus, stießen vor, glitten wie Wasser über Wasser. Dann griff der

wehende Drang oben an, sie beugten sich vor, schnitten, rissen schräg-wirre

sprühende Schaumbahnen in die glatte fließende Fläche, stellten sich tänzelnd

wieder auf. Die tausende Mann, die tausende Pferde auf den Planken. Das Meer

lag versunken unter ihnen. Die Schiffe rannten herüber aus Elfsnabben, dem

weiten Sammelplatz, nach einem anderen Land. Da stand die flache deutsche

Küste. Wie Urtiere rollten torkelten watschelten die brusthebenden

geschwollenen Segler, tauchten, hoben sich rahenschlagend aus dem

herabrieselnden Wasser. Als die flachen Boote, die Kutter Briggen Schoner vom

Ufer anschwirrten, erschien der weiße Strand. Triumphierend leuchteten die

nassen bemalten Gallionen und Koggen. Auf den stillen verlassenen Strand

stiegen Menschen nach Menschen, fremdländische Rufe. Drohend schlugen von

den Schiffskastellen Kanonensalven über das Land.

Die Männer aus Swealand und Götland, von Söderhamm Örebro Falun

Eskilstima, Fischer Meerfahrer Bergmänner Ackerer Schmiede, die

starkbeinigen kleinen Menschen aus dem seenreichen Finnland, die noch mit den

Bären und Füchsen zu kämpfen hatten, in Waffen geübt, schwärmten in Eisen

und Stahl, Pferde Wagen und Kanonen führend über die wehrlose Insel. Hinter

ihnen kleine schwarzhaarige scheue Männer, behende Lappen, mit Pferden Pfeil

und Bogen. Sie führten Faschinen Körbe, schleppten Brot und Bier.

Sie liefen Schloß Wolgast an; überschwemmten es im Nu. Die Oder floß breit

und ruhig in die Ostsee; an ihr lag die Stadt des Pommernherzogs Boguslav

Stettin. Er hatte jahrelang die Aussaugung und Bedrückung der friedländischen

Truppen geduldet, war an die Kurfürsten gegangen, an den Kaiser in

Regensburg. Weißhaarig mit einer kleinen Leibwache stand er auf dem Bollwerk, zitterte trotz der Wärme in seinem silbergestickten Röckchen. Im

blauen Wams mit plumpem Wehrgehenk verhandelte ein schwedischer Kapitän

mit ihm in der Sonne drei Stunden. Währenddessen fuhren langsam die

achtundzwanzig Kriegsschiffe näher, Merkur mit zweiunddreißig Kanonen,

Westerwik mit sechsundzwanzig, Apollo, Pelikan mit zwanzig, Andromeda mit

achtzehn, Regenbogen mit dreizehn, Storch Delphin mit zwölf, Papagei mit

zehn, Schwarzer Hund mit acht. Hinter und zwischen ihnen schwankten die

riesigen Transportschiffe. Da zog sich der Herzog, den Hut lüpfend, einige

Minuten in ein Zelt zurück, das man hinter ihm aufgestellt hatte und sprach mit

seinem Oberst Danitz, der Pommerns Neutralität mit den Waffen der Bürger zu

verteidigen schwur. Boguslav schüttelte ihm, Tränen in den Augen, die Hand; es

sei zuviel, erst die Kaiserlichen, dann die Schweden. Ging, nachdem er sich

geschneuzt hatte, gebrochen zu dem stolz wartenden Parlamentär hinaus. Nach

ihrer Unterhaltung zogen sich die Kriegsschiffe zurück, ließen den Transportern

Platz; hunderte auf hunderte Schweden bestiegen das Bollwerk; der Herzog

stand noch starr vor seinem Zelt, wurde nicht beachtet. Viertausend Mann nahm

Stettin auf; die Bürgerfahnen zerstreuten sich ängstlich.

Nach fünf Tagen saß der Herzog im Stettiner Schloß mit dem beleibten

blonden Gustaf Adolf an einem Tisch; der erklärte ihm, während er schlaff

zuhörte, sie hätten gemeinsame Interessen, die sie auch schriftlich formulieren

müßten; der römische Kaiser sei ihrer beider Feind. „Es ist mein Kaiser,“ sagte

Boguslav, „dem ich Treue als Reichsfürst schuldig bin.“ So einigten sie sich

nach Gustafs mitleidigem Lächeln; demütig unterschrieb der Herzog, daß er sich

mit dem Schweden zu gemeinsamer Verteidigung gegen die Landesverderber

verbünde; „unbeschadet Kaiserlicher Majestät“, das setzte der Herzog selber

zärtlich hin. Die pommerschen Stände fanden sich im Schloß ein; ihre große Not

erörterte der König beredt vor ihnen; er suchte ihren Zorn auf den Kaiser zu

entfachen. Nach einer Konferenz mit ihrem Herzog fanden sie sich bereit, dem

schwedischen Ansinnen entsprechend zweihunderttausend Taler zu zahlen und

eine dreiprozentige Hafenzollabgabe zu gewähren.

Wie die Schweden aus der traurigen Stadt, in der sie eine Besetzung

zurückließen, hinausritten und marschierten, stießen sie in ein leeres Land. Die

wenigen Bauern liefen erstaunt um die fremden starken Scharen, die Lappen mit

den Bogen, hörten durch Dolmetscher, daß diese Männer alle über die Ostsee

gekommen seien, um sie zu beschützen in ihrem Glauben und gegen die

Bedrückungen der Kaiserlichen. Sie verbreiteten das Gerücht von der

anschwemmenden Menschenwelle weiter, retteten ihre Pferde und Vorräte an

feste verborgene Orte. Durch Vorpommern verbreiteten sich die Fremden,

zehntausend Infanteristen, zweitausendfünfhundert Reiter, in völliger Einsamkeit, bei Damgarten wippten sie über die Mecklenburger Grenze. Wie

rann es durch die erwartungsvolle Seele des Königs und seiner Umgebung, daß

dies das Land des gigantischen böhmischen Mannes war, das wehrlos vor ihnen

lag.

Das Wort ließ der König wieder schwellend aus seinem Munde los, Trommler

trugen es über die Dörfer: er sei der schwedische König, ein Bekenner der

lutherischen Lehre, der mit seinen Männern zu Schiff herübergekommen sei,

weil er von der Not seiner Glaubensverwandten gehört hätte. Er hätte es

kühnlich gewagt herüberzukommen und die Löwenhöhle zu betreten, wenn auch

ihn das Untier anspringen sollte. Sie aber seien zu seiner Verwunderung vom

alleinseligmachenden Glauben abgefallen und in des bösen Wallensteins Dienste

getreten. Sie sollten achtgeben. Wenn sie seinem Rufe nicht nachkämen, Hab

und Gut mehr achteten, als ihre Seligkeit, so wolle er sie als Meineidige,

Treulose, Abtrünnige, ja ärgere Feinde und Verächter Gottes als die Kaiserlichen

mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen.

Vor dem harten Geschrei der Eindringlinge grinsten die Leute. Das

Stillschweigen und Lächeln verbreitete sich wie ein Luftraum um das

marschierende Heer, bis sie auf Savelli stießen, den kaiserlichen Feldmarschall,

vor dessen stumm wartenden Massen sie grollend und fauchend zurückwichen,

zurück durch den Paß von Ribnitz nach dem ausgemergelten Pommerland. Die

prunkvollen Orlogs, die breiten Transporter schaukelten auf der Oder bis nach

Dievenow; die Wochen aber schlichen hin. Untätig lungerten die Fremden auf

dem pommerschen Boden, ihr feister König stieg mit seinem Sekretär, dem

hinkenden Lars Grubbe, durch die Lager, sprach ihnen, äußerlich sorglos, zu,

lachte gezwungen, wenn sie ihm nachriefen „Dickkopf, Schmerbauch“, gab, sich

gemein machend, ihnen ihren Ton wieder. Sie duzten ihn: „Monsieur König,

wenn du so streng bist, schaff uns auch Schuhe.“ Er zog sich auf der Lagergasse

seine hohen Stiefel aus, ging barfüßig weiter; sie schwenkten auf Stangen die

Stiefel und warfen sie hinter ihn: „Zahl uns Sold!“ Es hieß kurzen Prozeß

machen; man konnte nicht in Pommern verkommen. Aus Preußen kamen

schwedische Reiter herüber, man wartete auf sie in den eisigen Winter hinein.

Dann zogen sich die Schweden aus Stettin und Pommern, von den Schiffen

aus den Inseln, zusammen wie ein Geschwür, das aufgehen will, belauerten vor

Damo ein paar Wochen die Kaiserlichen, die drüben in Greifenhagen in Massen

verdarben unter Schaumburg, dem Nachfolger des toten Torquato Konti, der das

Land verelendet hatte. Am Weihnachtmorgen um fünf Uhr begann drin das

Läuten, die Kanonenschläge aus Eisen Kartätschen und Granaten legten sich

über das gräberübersäte Vorgelände, die armseligen Häuschen draußen, in die

verzweifelte Söldner aus der Stadt geflüchtet waren, schoben sich blitzend über Mauern und Kirchen, sprangen mit Geröll und Gekrach auf die verriegelten

Tore. Die gingen auf nach Süden, und ehe eine Bresche geschlagen war,

ergossen sich die armseligen Söldner über die Brücke, ihr Leben rettend durch

die Flucht, wateten durch die mörderische Kälte des Stromes, trollten klagend

durch den Schnee, viele ohne sich umzublicken, bis die Kanonen hinter ihnen

verhallten, auf Frankfurt zu.

Zersprengt die ruhmreichen Regimenter Sparr Wallenstein Götz Altsachsen.

In der Mauer ein Loch so groß, daß zwanzig Wagen einfahren konnten.

Hindurch warfen sich im Schwung die Schweden, sprengte die schnaubende

Kavallerie, weg über die Toten im Mist, über die Häuser hin, über die Bewohner,

an deren Leib und Gut sie sich sättigten, bis die Trompeten bliesen. Geschrei

Geächz Gejubel zum Himmel auf am Tage der Geburt des heiligen Christkindes.

Das Tosen der Fremden hielt tagelang an, ganz Pommern hatten die

Deutschen geräumt. Wie ein Tänzer, der auf der Zehenspitze steht und sich wie

zum Hinstürzen schräg nach vorn fallen läßt, um im wilden Wirrwarr

davonzurasen, so blieben die Männer von Götaland eine Woche in Garz und

Greifenhagen; dann riß es sie über den pommerschen Boden, die flache breite

Tenne.

Und in einem Sturz herunter nach Brandenburg. Der apathische Kurfürst

Georg Wilhelm flehte, an seinem Land sei nichts mehr als Sand und Kiefern.

Gustav richtete Kanonen auf Berlin. Den schwächlichen Schloßherrn ließ er zu

sich in einer Kutsche ins Lager holen, dankte ihm für die endlich gefundene

Entschlossenheit, und er werde ihm Gelegenheit geben, sich an dem Kampf für

die evangelische Sache zu beteiligen, mit dreißigtausend Talern monatlicher

Abgabe.

Der König erhob sein Herz. Sein Hauptquartier schlug er in Bärwalde auf.

Sein Gesicht bekam Farbe. Er suchte Parteigänger.

Im Schlosse zu Upsala hatte er zwei Jahre zuvor zu acht Männern gesprochen:

„Der Stein ist auf uns gelegt, daß wir den Kaiser entweder in Kalmar erwarten

oder in Stralsund begegnen. Nun muß mein letztes und höchstes Ziel sein ein

neues Haupt der evangelischen Christenheit, das vorletzte eine neue Verfassung

unter den evangelischen Ständen, das Mittel dazu der Krieg. Zugrunde gerichtet

muß der Katholik werden, sonst kann der Evangelische nicht bestehen; ein

Vergleich oder Mittelding besteht nicht.“ Er hatte Männer und Kapital aus

seinem Reich genommen, daß die Menschen in Ost- und Westgothaland und

Swealand sich von Baumrinde und Eicheln nährten; den Alleinverkauf von

Getreide, ein Kupfer- und Salzmonopol hatte er an sich genommen, den

Münzstand verwildert. Sein hahnenlautes Gekräh in Bärwalde: „Der König von

Schweden ist hier“, lockte einen schuldenverkommenen verluderten deutschen Fürsten an, einen Landgrafen von Hessen-Kassel. Der verschwur sich,

breitbeinig und feige vor dem lauernden König sich bückend, ihm seien seine

Prozesse verdorben und verloren durch die Parteilichkeit des Kammergerichts

gegangen; kein Recht hätte mehr der Evangelische im Reich. Der König, die

Verlogenheit des bramarbasierenden Schlemmers vor sich erkennend, versprach

mit tränenden Augen, empört zitternder Stimme, sich des Hilfeflehenden

anzunehmen zur Ehre Gottes und zur Verteidigung unschuldig bedrängter

Christen. Sie gingen nicht auseinander, ohne daß der Landgraf einen

Geldvorschuß vom Schweden annahm unter ehrfürchtigem Speicheln vor dem

ritterlichen Amt des Eindringlings, dem er versprach, das Hessenvolk gegen den

Kaiser rebellisch zu machen. Wogegen ihm der leutselige Fremde das

Fürstbistum Paderborn, Höxter, das Eichsfeld, Hersfeld, in baldige Aussicht

stellte. Trunken zog der Hesse ab.

Eine geängstigte Sondergesandtschaft der alten Stadt Magdeburg lief ihm auf

dem Wege unversehens zwischen die Beine; er führte sie im Triumph selbst in

das Haus des schmerbäuchigen frommen Schweden, von dessen Lippen noch

einmal Lobsprüche ableckend, ehe er sich in sein Land verkroch.

Den Magdeburgern hatte der Hesse das Herz schon mutiger gemacht mit

seinem verführenden Jubelpreisen des Messias aus dem Norden; lecker rückten

sie an vor ihm, der noch seinen Zorn ausschrie über das Unrecht, das der Hesse

erfahren hatte. Sie standen zu fünf nebeneinander. Und nun erst, wo sie die

sanfte unverständlich sprudelnde Sprache der Türhüter, des einführenden

Kämmerers hörten, fuhr ihnen ein kaltes peinliches Gefühl über die Haut. Sie

verloren ihre Angriffskraft und brachten es auf das Zureden des listig sie

anblickenden mächtigen Mannes auf dem Sessel nur zu matt gezimmerten

Wendungen. Nur einem unter ihnen, einem jungen Habenichts, gelang es, über

sein Unbehagen hinwegzukommen; er floß über von Scheltreden auf die

Ligisten, den weiland Friedländer und sein Pack, stimmte ein, als jener liebreich

nach dem Römischen Kaiser fragte, daß der nichts sei als ein gierig weites Maul,

und das sündhafte Restitutionsedikt das Tranchierbesteck, mit dem er sich den

Braten zurecht machen wolle.

Die Worte fand der rot werdende Gustaf verständig, schrie wieder des

Hessischen Unrecht aus, und nach zehn Minuten standen da im hitzigen sich

steigernden Wechselgespräch die fünf Männer mit geschwollenen Köpfen,

schmähend auf den Römischen Kaiser, den blinden Hund, schändlichen

volksverräterischen Papisten, gestikulierend, triefend vor Genugtuung, sich

gegenseitig anrufend ermahnend, und ihnen korrespondierte das aufgewühlte

schwerblütige Geschöpf aus Schweden, der überseeische König, der gierig den

Kaiser schwur anzupacken gerade wie ein Hund den andern, bei der Schnauze, der Flanke, ihm die Seite aufzureißen, den Kiefer zu brechen für alle Schmach,

die er der evangelischen Brüderschaft angetan habe. Ihre brühende

Hingerissenheit verdampfte und sie spuckten noch; der König freute sich satt. Er

dankte ihnen. Sie würden voneinander nicht lassen. Er schickte ihnen einen

gewandten jungen Menschen mit, der ein unwiderstehliches Mundwerk hatte,

Stallmann, der die alte Stadt Magdeburg in den Rausch der nahenden Befreiung

setzen sollte. Die fünf zogen mit ihm, wie königlich belohnt, ab.

Gustaf Adolf saß noch am Abend, wie sie ihn verließen, mit dem hinkenden

blassen Grubbe und einem kahlen Riesenschädel, Oxenstirn, dem Kanzler,

zusammen, prustete, schäumte. Sein Werk gedieh. Die Magdeburger wollte er

nicht lassen. Lachte, grölte: trefflich hätte der Kaiser sie malträtiert, das

Diversionswerk Magdeburg sollte geschmiedet, die halbe kaiserliche Armee

daran gebunden werden, inzwischen werde er sich auf Frankfurt werfen. Auch

Oxenstirn hegte volles Vertrauen auf die evangelische Festigkeit der

Magdeburger, seufzte hoffnungsfreudig über Stallmann.

Noch in diesen Tagen beschlich den König in Bärwalde der Mann, den er

lange erwartet hatte, der glotzäugige rotbäckige aus Bayern flüchtige Charnacé.

Der Franzose fuhr ihm mit einem Jubelschrei an die Brust; nun sei endlich die

Stunde da, wo er auf dem Boden des verruchten heimtückischen gewalttätigen

Deutschland neben einem anderen Fremden stehe. Ja, sie stünden hier im

Deutschen Reiche; der Kaiserliche sei von seinem Boden geflohen und er sei

glücklich und freue sich, freue sich. Und er wiegte sich in den Hüften, öffnete

liebevoll demütig die Hände vor dem König. „Ich bin,“ tat Gustaf grimmig,

„nicht wie eine Maus an diese Scheuer gekrochen, um drin fremdes Korn zu

beknabbern, sondern Ordnung zu schaffen und zerrissenen Glaubensverwandten

zu helfen.“ „Unermeßlich ist die Grausamkeit Habsburgs, Mörder und

Totschläger sind seine verhungerten Soldaten. Wir wollen helfen, das Reich von

dieser Plage zu befreien. Rechnet auf uns.“ „Ihr seid katholisch. Hä! Ich mag die

Katholischen nicht.“ „Wir lieben Euch, Majestät von Schweden. Ich kann nur

jubeln vor Euch, seht mich an. Was kommt es jetzt darauf an, ob katholisch oder

evangelisch. Ihr steht in Pommern; wir betrampeln deutschen Boden, ohne daß

es uns einer verwahren kann. Wir schlucken ihre Luft. Wenn Ihr Trompeterkorps

Trommler habt, laßt sie schmettern und schlagen, schwedische Weisen; ich will

Franzosen heranholen, daß sie blasen, man soll hören: Fremde sind im Heiligen

Römischen Reich; der Habsburger sitzt in Wien: er soll kommen, uns verjagen.“

Gustaf staunte: „Habt Ihr einen abgründigen Haß, Herr.“

Dann begann das Feilschen; Soldaten hatte der Franzose nicht, aber Geld. Er

leitete die Unterhandlungen ein mit dem grinsenden Hinweis auf seine

Schlauheit; es sei ja im Regensburger Vertrag geschrieben, Frankreich dürfe keinen Feind des Kaisers unterstützen. Und er täte es doch. „Aber“, dabei lachte

er wie ein Narr, „heimlich!“ Wenn er sagte „hunderttausend Reichstaler“, schrie

der König „nicht genug“. Sagte er „zweihunderttausend“, „nicht genug“. Gustaf

Adolf neben dem Riesenschädel Oxenstirns trieb den Franzosen höher und

höher, schwur, er verkaufe seine Seligkeit nicht so billig, wenn er einen Papisten

an sich hänge, müsse mehr haben dafür. Auf vierhunderttausend Reichstaler kam

der Franzose. Da hatte der Schwede genug. Soviel sollte ihm der Franzose,

lachte er mit Wonne, jährlich beisteuern, damit er den Götzendienern den Garaus

machen könne und zuletzt vielleicht ihm selber, dem zarten Franzosen. Er wolle

dreißigtausend Mann zu Fuß bereit halten, dazu sechstausend Reiter. In

lärmender Freude, Hohn im Herzen schied man voneinander.

Und wie der Hesse die Magdeburger geführt hatte, lockte der Welsche die

Holländer hinter sich. Fast versprach sich Charnacé, als er mit der holländischen

Deputation tuschelte: „er ist ein Tölpel,“ wollte er sagen, „man muß ihn

vorsichtig nehmen, er ist verbissen in seinen evangelischen Aberwitz, man darf

ihn nicht stören.“ Dann fiel ihm ein, daß er Protestanten vor sich hatte, und

schaukelte sich vergnügt neben ihnen: auf ganze vierhunderttausend Reichstaler

hätte ihn stolz der Schmerbauch getrieben; fünfhunderttausend, nein, eine

Million hätte er bieten können. Seien sie gewarnt. Sie dankten mürrisch,

mißtrauisch ließen sie ihn nicht zu den Verhandlungen zu; die Hochmögenden

im Haag zahlten dem Schweden soviel sie vermochten, weil es ihr

Glaubensverwandter war.

 

Die Schweden hatten bei Greifenhagen am Sieg gelutscht, Stiefeln Brot Bier

Geld strömte ihnen zu, man hatte nicht Lust zu verweilen, schob sich über Neu-

Brandenburg, Klempenau, Treptow auf Demmin an der Mecklenburger Grenze,

zwischen Morasten gelegen. Der römische Herzog Savelli, der den päpstlichen

Dienst quittiert hatte, schlemmte hier. Den Bauern pflegte er die Pferde vom

Pflug zu nehmen, um die Haut an den Schinder zu verkaufen. Nach drei Tagen

Kapitulation. Der Schwede sagte lustig im Zelte dem Italiener, er bedaure, daß er

zu Rom seinen herrlichen Posten verlassen habe. Dann, nachdem er

trompetenblasende Abordnungen mehrerer Regimenter versammelt hatte, ließ er

den eleganten Herzog mit goldenen Ketten, langem Zobelpelz, prächtigem ins

Gesicht gezogenen Federhut vor einen Pflug spannen; ein aufgegriffener Bauer

mußte ihn anzäumen. Die Soldaten trommelten, Hunde sprangen über den

keuchenden Herzog, eine Pferdehaut mit Hufen und Schwanz wurde von

rückwärts über seinen Prunk gebunden, er stürzte zusammen. Der König stand auf, die Knechte schwangen die Peitschen: „Mag sich das Fell seiner erbarmen.

Pflüge! Pflüge!“

Auf das Gerücht von dem landfreundlichen Vorgehen des überseeischen

Söldnerführers sammelten sich an der Brandenburger Grenze, aus der Gegend

von Schwedt und dem Finowkanal, Bauern, zogen in dichten Rotten und Fahnen

dem König nach, den sie bei Anklam im Schneesturm mit seinem jubilierenden

Heere stellten. Er wollte wieder südwärts, auf Kurbrandenburg. Die zehn alten

Männer, die mit drei buntbemalten Fahnen demütig vor ihm standen, blickte von

seinem ungeheuren Streitroß Gustaf freudig an, gedachte eine evangelische

Gesandtschaft zu begrüßen. Er war so ungeduldig, zu hören was sie hatten, daß

er ihnen nicht nachgab, sie im Quartier anzuhören, sondern sofort auf

durchwehter kahler Landstraße zwischen dem Rollen des Trains und dem Flöten

und Klappern der Soldaten. Sie mußten mehrfach die Plätze wechseln, weil der

König sie nicht verstand, Dolmetscher dazwischen liefen, der Schnee ihnen in

den Mund stäubte. Wenn der fremde König denn sich so der Bauern annähme,

wie er vor Demmin an dem Landesverderber Savelli gezeigt hätte, so möchte er

an sie denken. Und dann zählten sie ihre Leiden auf; das Pferd des Königs

bäumte sich, Gustaf tauschte zornige Blicke mit seinen Begleitoffizieren. Mit

einem Fluch warf er seinen Reitstock auf den Boden. Er zwang sich zur Ruhe,

bückte sich herunter, als man ihn wieder aufhob, schrie dicht bei ihnen, ob sie

evangelischen Glauben wirklich hätten, wie sie vorgäben, ob sie ihn nicht

belögen, nicht wüßten, daß der Heiland für sie am Kreuz gestorben sei, aber

nicht, damit sie das heilige Bekenntnis wie ein faules Stück Fleisch wegwürfen.

Sie beteuerten, sie seien fromme lutherische Christen, aber sie verkämen,

verhungerten mit Weib Kind und Vieh, wenn noch ein Heer in ihr Land fiele;

baten mit aufgehobenen Händen ihn um ihres gemeinsamen Glaubens willen um

Verschonung mit dem kriegerischen Einfall. Er wütend und speiend, sie

umkreisend. Sie verstanden nicht, was er sagte, im Toben stotterte er mit

gedunsenem Gesicht schwedisch; er hätte sein Volk geplündert, um den

alleinseligmachenden Glauben zu bewahren, für sie an erster Stelle, und sie

bettelten bei ihm. Sein Pferd sprang um sich; er ließ sie nicht von der Stelle.

„Herr, wir sind fromme evangelische Christen, der Krieg verdirbt uns.“ Da

nahmen sich die Offiziere der Wut ihres Herrn an, der sich von ihnen nicht

losreißen konnte; sie ritten auf die Bauern los, schlugen mit flachen Klingen auf

ihre Köpfe. Gustaf selbst, sich befreiend, riß sein Pferd herum; und sein

schweres kettenschaukelndes Tier zu langsamem Schritt gebändigt, stampfte

zwei Bauern an; andere warfen sich in den Schnee. Er ritt davon, die Herren

hinterdrein. Kreischend beluden sich die Bauern mit den getretenen Männern,

die Fahnen zerschlugen sie: „Das ist kein Evangelischer, das ist kein Evangelischer.“ Kreischend marschierten sie Tag und Nacht durch die Dörfer.

Jubilierend das schwedische Heer hinterher.

Der kleine eisgraue Brabanter war von Regensburg wie ein Glücksbetäubter

aufgebrochen. Er hatte vor der Kriegsbühne gestanden, an dem Spiel

neiddurchwühlt gemäkelt; durch einen Vorgang wie im Traum war er von seinem

Platz bewegt, er, der Tilly, mitten ins Spiel gestellt. Der klagende strenge uralte

Marbliß von Tilly regierte die ungeheure Szene von dem weithin sichtbaren

Platze, gegen den sich eben Kurfürsten und Stände erhoben hatte. Er wollte nicht

mehr Tilly sein, der dem quälenden bayrischen Maximilian unterstellt war;

verwischt, versenkt der fabelhafte Feldzug in Ungarn, die Jagd hinter Mansfeld,

gnadenlose Vertilgung der Rebellen, Verschlingen der Dänen. Die Taten

Wallensteins liefen wie Doggen, die man tritt, neben ihm; eines Tages werden sie

verrecken. Heimlich schwellte es ihn, als er nach Norden zum Heere fuhr, das

ihm von Wallenstein überkommen war; die prächtigen sechzehnspännigen

Karossen Wallensteins trabten durch sein Gedächtnis, rotjuchtenüberzogene

Troßwagen in langer Reihe, silberne Partisanen der Leibgarde. Es labte ihn;

dabei stieg hinterrücks ein unheimliches Gefühl der Ohnmacht über ihn, er

suchte ihm bang auszuweichen.

Und wie er nach Norden vorstieß, wehten wilde Gerüchte um ihn; es wurde

deutlicher: das schwedische Heer hatte sich spielend der Außenforts des Reichs

bemächtigt, auseinandergestoben die Regimenter des Savelli. Das konnte wahr

sein. Tilly rang mit sich. Seine Nächte waren durchtobt vom keuschen

sorgenvollen Widerstreben gegen seinen Ehrgeiz, die Sehnsucht. Es hieß Farbe

bekennen. Er war tief verstrickt in diesen Kampf. Die Gerüchte wehten an ihm

vorbei. Er wollte ein frommer Christ bleiben, nicht rebellieren, wie es auch kam.

Und zittrig schwur der alte Wicht eine Stunde, sich im Zaum zu haben,

schüttelte in der nächsten Stunde den Friedländer am Kragen, schwitzte vor

Freude, war matt und arm.

Draußen unter den Schneestürmen begann es von Tag zu Tag lebendiger zu

werden. Der Lärm war kriegerisch, Reiter, Wagen, schreiende Marketender;

einmal kämpfte die Begleitung des Brabanter mit bewaffneten Wegelagerern.

Da mußten die Vorhänge des Wagens geöffnet werden. Auf der Chaussee, auf

den Feldern: es hatte sich etwas begeben!

Da lag nicht nur Schnee! Zertrümmerte Fähnlein schamlos unter ihren Führern

vorbei! Bauernhöfe, vor denen Kanonen standen, riesige Rohre auf Wagen, um

die sich keiner kümmerte. Diese Welt; es hatte sich etwas begeben. Der Schwede

hat sich der Außenforts des Reichs bemächtigt, er steht bei Frankfurt.

Wo stehen die Wallensteiner? Wo ist Savelli?

Überall Verhungerte, aufgelöste Verbrecherbanden. Sie wollen ins Reich; hier ist alles kahl gefressen; der Schwede ist hinter ihnen. Den Herzog Savelli hat der

Schwede bei lebendigem Leib geschunden, aus Rücken und Brust Riemen

geschnitten. Bei Stettin steht kein Wallensteiner mehr, in Mecklenburg haust der

Schwede, aus Brandenburg läuft alles davon.

Die Vorhänge blieben offen. Wimmelnde Felder. Rotten von versprengten

Wallonen, Musketiere, die ihre Gewehre verkaufen. Sie gehorchen nicht; Weiber

— wessen Frauen und Töchter —, Kühe, Ziegen treiben sie, die verruchten

Wallensteiner. Schwappen, wie er sie angreifen will, ins Reich zurück, an ihm

vorbei. Wie Sand durch Fugen, sind nicht zu stopfen. Als hätte der teuflische

Friedländer, bevor er das Haus verließ, alle Balken eingesägt, Fundamente mit

Pulver gelockert, Wände durchstoßen. Der Brabanter, mit Abscheu Entsetzen

gefüllt, wurde von seiner Karosse in diese brandenburgischen Gegenden

gerissen, vor das widrige Zerstörungswerk des bösen ungeheuerlichen

Menschen. Die Schweden auf Usedom; Stettin eingenommen, Schaumburgs

Truppen in Görz, Greifenhagen verjagt; Demmin, Bärwalde. Nichts von Savelli,

Torquato Konti, Schaumburg, die er anspannen wollte vor seinen Wagen.

Die Karosse, vom Strom der Flüchtenden zur Seite getrieben bei

Brandenburg, hielt. Er sah: das war das Ende, stand im Schnee, war allein, der

Feldhauptmann des Kaisers und der Liga. Vor dem sich Europa beugen sollte.

Zerrissen lag er einige Tage im Brandenburger Schloß. In schwerer

Erschütterung trug er sich herum; inwendig ausgekühlt unter der Niedertracht

des Böhmen. Er suchte sich zurück. Kaum ein einziges Regiment fand er

kriegsbrauchbar; die Verwüstung der alten Armee, seiner Armee, war bis ins

einzelne gegangen. Noch sangen sie rechts und links Lieder vom Friedländer.

Er begann sein altes kleines Handwerk. Um Truppen zu haben, schleppte er

seine eigenen herauf; drei Regimenter aus Oldenburg und Ostfriesland,

sechshundert Reiter. Stumpf erwartete er sie. Und wie sie anrückten, war keine

Nahrung für sie, kein Futter für die Pferde da. Kaum seiner Sinne mächtig,

schrieb er; seine sehr matten Hände schrieben dem Bayern, dem bayrischen

Maximilian Briefe wie früher; die Bundeskasse mußte um Hilfe angegangen

werden; abgezählte zweihunderttausend Gulden schickte man herauf. Die

Maschinerie arbeitete wieder, die Truppen waren da, da lagerten sie, sie wollten

Futter Heu Brot. Aus Mecklenburg war nichts zu holen: Wallenstein, kam es

zurück, hatte in sein Herzogtum Beamte seiner böhmischen Verwaltung

geschickt, die an sich nahmen, was nicht niet- und nagelfest war; es konnte ihn

keiner mehr beerben.

Vom Zorn angestachelt fand der Brabanter seine alte Zähigkeit und Klarheit

wieder; er wollte hier im Eis nicht zum Gespött verkommen. Mit Sack und Pack

rückte er gegen den König vor, reizte ihn zum Kampf. Der König wich aus, wich nach Pommern zu. Tilly gab nicht nach. Es mußte gefochten, geschlagen

werden.

 

In der alten festen Stadt Magdeburg verpesteten Stallmann und der neu

entsandte Falkenberg, Gustafs Hofmarschall, die Luft mit Lästerungen des

Kaisers, Triumphliedern auf den Erretter Gustaf Adolf, solange, bis alles, was

evangelisch und eigensinnig in der Stadt war, zu den Schweden schwor und

ihnen glaubte: der König kommt bald.

Der Raufbold Graf Pappenheim, dessen Gesicht eine einzige Narbe war, der in

der Schlacht am Weißen Berg für tot unter Leichenhaufen gelegen hatte,

umzingelte die Stadt, knirschte sie in seine Arme hinein. Sie weigerte sich,

kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Der Graf vermochte allein nichts gegen die

Stadt; er rief nach seinem Herrn. Der Brabanter ließ den Schweden. Er

schwenkte. Langsam trollte er auf Magdeburg. Man sollte nicht über ihn spotten.

Warnte voraus die Stadt im guten: „Man hat fremde undeutsche Potentaten ins

Reich gelockt. Sie treten auf unter einem glänzenden Vorwande, als wenn sie

Glaubensgenossen Beistand leisten, die deutsche Freiheit und Libertät

verteidigen wollten. Und was dergleichen Redensarten sind. Sie suchen nichts

als eigene Herrschaft; werfen Fürsten, Herren und Städten das Joch der

Knechtschaft über den Hals.“ Drin änderte sich nichts. Rückte mit vielem

Geschütz und großer Macht vor die Stadt; nach sieben Tagen waren alle

Schanzen vor der Stadt im Sturm erobert, oberhalb Magdeburg eine Brücke

geschlagen. Ein kaisertreuer Alter Rat drängte zu kapitulieren, in der Stadt

hielten sich Innungen und Gilden bei den Hälsen; eisern arbeiteten Stallmann

und Falkenberg gegen den sinkenden Mut; auf die Kirchtürme lockten sie

zweifelnde Räte, zeigten in der Ferne Feuer und Rauchwolken, die vom

Schwedenlager aufsteigen sollten, lasen in den Stuben erlogene Briefe des

Königs vor, mieteten zum Schein schon herrliches Quartier für ihn. Denn ihre

Order lautete: die Stadt muß den kaiserlichen Feldherrn fesseln, bis der König

mit Brandenburg fertig geworden ist und genugsam Truppen hat; jeder Tag ist

gewonnen.

Stallmann, ein listiger langleibiger Mensch, machte sich rechtzeitig an die

verwilderte Gilde der Schiffer und Fischer heran, die rebellisch in der Stadt

herumlungerte, von ihm Lohn empfing. Er stachelte sie damit: die Reichen seien

wankelmütig, wollten nur ihr verruchtes Regiment vom Kaiser stärken lassen,

fürchteten die Gerechtigkeit des Schweden. Da fand man täglich Drohbriefe an

gewissen Häusern, Überfälle, Totschläge fanden statt. Stallmann hatte die Stadt in der Hand; Falkenberg redete pathetisch im Rat: „Haltet aus! Habt Geduld!“

Prangend die alte feierliche Stadt am mächtigen Elbstrom, von einem starken

begrasten Wall hinter dem Graben umgeben. Vom Sudenburger Tor quer durch

die Stadt der köstlich gezierte Breite Weg, an den hohen Türmen des

Kröckentors endend; zu beiden Seiten Gewimmel von Gassen und Märkten

entlassend. Nahe dem Sudenburger Tor und der düsteren Pforte der riesige Neue

Markt, an dem sich die Gewalt der Domkirche erhob, die königlich

hinüberblickte zu den Spitzen der andern Kirche Sankt Sebastian, Peter Paul,

Sankt Katharina, Sankt Jakob, Sankt Peter, Sankt Johannes, Sankt Ulrich, Sankt

Nikolai.

Und als Stallmann und Falkenberg sahen, daß ihr König nicht herankam, weil

er gebunden war in Brandenburg, faßten sie, abgesperrt von ihm, aber seinen

Gram mitfühlend, den Entschluß, ihm zu helfen wie sie konnten. Magdeburg war

nichts, die deutschen Bürger jämmerlich verzagtes Lumpenpack. Sie sollten

nicht die Freude haben, sich und die schwedische Sache an den kampflüsternen

Tilly zu verkaufen, so daß alles umsonst wäre, alle Hoffnung ihres Königs, ihrer

Männer, umsonst wäre Schweden geplündert worden, umsonst Borke von

Bauern verschlungen von guten Schweden. Solche Erbärmlichkeit sollte dem

kläglichen Gesindel, das sich Sonntags evangelisch gebärdete, nicht gestattet

werden.

Am Elbstrom, dicht vor dem Kirchhof von Sankt Johannes, lag das

Fischerbollwerk und Fischerufer mit den Häuschen der Gilde. Den

gefährlichsten unbotmäßigen Gesellen von ihnen, den kahlköpfigen heiseren

Hartmann Wilke, kaufte Stallmann. Sie wurden Brüder; seine eigene

Magdeburger Liebste, ein ehrsames Fräulein, zwang Stallmann, sich dem rohen

Wilke in die Arme zu werfen. Wilke hatte bald seinen Spaß daran, daß die Stadt

sich nicht würde halten können; hereinkommen sollten nur die Kaiserlichen,

verwüsten sollten sie, was die reichen Stände zusammengeschart hatten: er

würde sie nicht daran hindern; aber er und seine Gildeverwandten, dazu die

wilden Brüder aus der Diebshenkergasse, würden helfen. Unmittelbar am

Bollwerk beim Breittor waren die Pulvermassen im Pulverhof aufbewahrt; es

vergingen nicht acht Tage, Tage der zunehmenden Verwilderung unter den

Städtern, daß zahllose Tonnen Pulver verschwanden aus den Magazinen, die

Vorräte verteilt an die entschlossensten gehässigsten Gesellen.

Ein blauer süßer Maientag kam heran. Der Himmel prangte in Sanftheit, alles

war zum Leben hingebreitet. Da trug sich vom Neuen Werk her bei Sankt Jakob

das knurrende Untier aus der unkenntlichen Finsternis der blütendurchhauchten

trunkenen Nacht an den Wall heran, zerbrach mit den Klauen Pfoten Bollwerk

und Rondells, klatschte mit Ruck und Schwung seinen bunten prallen Leib mitten auf die morgenlich leeren Straßen, in denen hie und da einer gähnend die

Fensterladen aufstieß, ein Mädchen im Vorgarten seine Blumen begoß. Mitten

auf die Straßen.

Minutenlang lag es wie verzaubert still, öffnete dann das Maul zu dem

herzlähmenden vereisenden Gebrüll. So daß die Menschen ihre Stunde wußten.

Nach wenig Zeit sollten sie alle bis auf einen kleinen Rest, Männer Frauen

Kinder Kaisertreue Wankelmütige Herzhafte Alter und Neuer Rat als sonderbar

stille Kadaver auf der Erde, in den Stuben Kellern liegen mit trüben fragenden

lächelnden bittenden verzweifelten Grimassen, in tollen ungekannten Stellungen,

nachdem ihnen ihre Seelen entrissen waren, wie man einem Hahn den Kopf

abreißt. In die Elbe gestürzt auf Karren Betten Wagen, was nicht auf Böden und

zwischen Hafentrümmern faulte.

Als der riesige Kürassier Pappenheim, Todesverächter seitdem er Mensch war,

mit den Regimentern Gronsfeld, Wenglas, Savelli das Neue Werk auf Leitern

erstiegen hatte, durch das Stücktor in die große Lakenmachergasse gestürzt war,

blies der Küster auf Sankt Jakob Sturm, hängte eine schwarze Fahne heraus. Mit

Springstöcken liefen schon kaiserliche Pikeniere, rote Feldbinden, die

Lakenmachergasse herunter, über den Weinberg, durch die Gärten. Ihr Geheul,

blutdürstige Gesichter: „All gewonnen, all gewonnen!“

Die Türen sprangen auf; die ersten Menschen niedergestoßen. Der Strom der

Kaiserlichen wurde von rückwärts gespeist; in kochender Lavaflut überwallte er

die Straßen. Vom Alten Markt zogen ihm fünfhundert kaisertreue Bürger, die

rote Feldbinde schwingend, Weiber und Kinder in der Mitte, entgegen. Waren im

Augenblick von Kroaten und Wallonen bäuchlings rücklings seitlings

hingestreckt und zertreten.

Sie ritten schon, schwangen von oben die Klingen. Am Neuen Markt fluchte

Falkenberg unter dem Sturm von Sankt Jakob auf die schreienden Räte und

Innungsmeister, die über ihrem Gezänk die Gräben hätten vertrocknen lassen.

Sein Knecht schnallte ihm, während er ungeduldig stand und sich bewegte,

Halsbrünne und Beinschienen um; den eisernen Topfhelm riß ihm Falkenberg

aus der Hand, er entglitt ihm, klirrte auf die Steine. Der Schwede wechselte, die

Faust gegen sie aufhebend, zehn leise Worte seitlich mit dem langen

springfertigen waffenlosen Stallmann. Wie Falkenberg mit hundert Reitern

gegen die Kaiserlichen vorstieß, hallte schwedisches Feldgeschrei unverhüllt

und stolz im Breiten Weg. Viermal rannte er an, tausend Kaiserliche wurden

erschlagen, nahe dem Stücktor krachte er stöhnend unter Musketenschüssen vom

Pferde; das Tier bockte, schleifte ihn im Steigbügel im Kreis herum. Sein Herz

im Sterben erzitterte vor Freude, weil er sah, wie an der Mauer die bettelnden

Bürger gespießt wurden und ein dünner Qualm von allen Seiten wehte.

Denn zwischen schweren Reitern Pikenieren Musketenträgern flitzte vom

Fischerufer und Fährgarten massenhaft lumpiges unheimliches Pack, kleine

Säcke und Taschen auf Schultern Armen, erbrachen Häuser, ehe die Sieger

eindrangen, stießen mit Dolchmessern beiseite, was sich in den Weg stellte,

schütteten in die leeren Dachböden, in die Keller Pulver. Feuer, kleine

Explosionen in allen Stadtteilen.

Flammen, Flammen, Flammen, Flammen, Flammen.

Stallmann schlug sich keuchend mit Wilke durch Bürger und Soldaten, Pulver

werfend, die Kirchen sollten nicht vergessen werden. Raublüsterne

Dragonerfähnlein rauschten prasselten durch die Straßen: „All gewonnen, all

gewonnen!“ Die splitternden aufgeschmetterten Türen.

Rauch, beizender brodelnder unendlicher Rauch. Unter dem blauen Himmel,

gegen den Himmel auf eine trübe weit auseinanderquellende Last, von Feuer

durchzuckt. Der Qualm zischte schwarz auseinander, fiel in die Stadt zurück.

Vor der Domkirche lagen hundert Zentner Pulver; Wilke spannte die

Zündschnur: ein Rittmeister stieß ihm den Säbel von hinten durch den Hals, daß

das Blut neben der Kehle aus ihm stürzte und er nach kurzem Zucken auf den

Mund fiel. Stallmann, gebückt mit der brennenden Lunte, wurde von

Pferdehufen getroffen; wurde umgeworfen, von Kroaten gefaßt wurde er mit

Stricken gefesselt, um vor den Profoß geschafft zu werden. In ein Haus am

Neuen Werk geworfen sägte er den Strick an den Händen mit einem

Glasscherben an, den er zwischen den Zähnen packte; ein glimmender Balken

sengte den Rest durch, bis ins Fleisch brennend.

Am Abend plauderte Gustaf Adolf vor seinem Zelt mit Lars Grubbe. Mit

wachsendem Staunen den feierlich übergluteten Himmel betrachtend. In der

Nacht drang Stallmann zu ihm. Der König bei der Kienfackel aufstehend küßte

ihn stumm, als er verwirrt geredet gejammert und geflucht hatte. Und wie sie vor

dem Zelt standen, die Röte immer ungeheurer stieg, weinte Gustaf Adolf; in Wut

schwur er: „Ich hoffe den Geier noch beim Aas zu ertappen und ihn zu packen,

wenn ich gleich meinen letzten Soldaten dransetzen sollte.“

Pater Wiltheim ging mit Ordensbrüdern nach zwei Tagen durch das

glimmende Sudenburger Tor in den Mauritiusdom. Wimmernde splitternackte

Kinder, halbtote Frauen hingen auf den hohen geschnitzten Stühlen vor dem

Chor, am Altar, im Schiff. Er wies sie, ein Dankgebet im Ornat sprechend, auf

die Heiligenbilder, die allerseligste Jungfrau, den heiligen Mauritius, mahnte sie

an ihren Abfall. Alle sprachen ihm den englischen Gruß nach. Soldaten, goldene

Ketten um den Hals, Becher Schinken Kleider in Säcken, halbnackte Weiber

treibend, grölten zum offenen Tor herein: „Vor Jahren hat die alte Magd dem

Kaiser einen Tanz versagt, jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht, geschieht dem alten Mädchen recht.“

 

Plötzlich saßen die evangelischen Kurfürsten und Stände in Leipzig und

jubelten über ihre Stunde. Das Reich war bedroht vom Schweden, von einem

fremden Einbrecher, der Kaiser in Gefahr, sie wollten ihre Rache nehmen. Mit

ihren Hoftheologen zogen sie an, ihre eigenen Streitigkeiten begrabend. Der

sächsische Prediger Hoe von Hoennegg eröffnete den Konvent mit den

schallenden Worten des Psalmisten Assaph wider die Feinde Israels: „Gott

mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.“ Man blies die

Backen auf; mit dem Schweden sollte der Kaiser gezüchtigt werden für seinen

Übermut, das Restitutionsedikt, die Pression der friedländischen Soldateska.

Man hatte keinen, keinen Grund, sich dem Schweden entgegenzustellen. Das

war ein Krieg zwischen dem Kaiser und Gustaf Adolf; die Stunde der Rache war

da.

Von Leipzig gingen entschlossene Briefe nach Wien: sie wollten von den

großen unerhörten und ganz unerträglichen Drangsalen des Krieges befreit sein,

wollten in Zukunft Kontribution Einquartierung Durchzüge nicht dulden. Man

kicherte in Leipzig: wie soll der Kaiser Krieg führen, wenn man ihm Quartier

und Kontribution abschlägt? Gegen die katholischen Kurfürsten hoben sie die

Hände auf, warnten mit Kriegsvolk sie zu beschweren, unter welchem Vorwand

auch immer. Man umarmte sich in Leipzig: dies hieße reinen Wein einschenken.

Der Brandenburger und Sachse waren da mit vielen Ständen, man trank in allen

Quartieren so viel, daß der schwedische Gesandte aus dem Lachen nicht

herauskam. Die Deutschen aber saßen auf ihren Bänken und ließen sich

bewundern wegen ihrer stolzen Briefe an den Kaiser. Wiederholten unter

schwedischem Applaus nach Wien: was die Liga könne, könnten sie auch;

wollten keinen, keinen in ihr Land lassen, würden sich ihrer Haut wehren.

Und damit gaben sie sich mutig eine Kriegsverfassung. Kursachsen begann

ein Heer auf die Beine zu stellen. Viele Lobsprüche ernteten sie von Gustaf

Adolf. Am Tage Palmarum redete noch einmal Herr Hoe von Hoennegg, mit

Geschmetter preisend die tapferen Entschlüsse des Konvents, zeigend auf das

gräßliche Geschick Magdeburgs, der stolzen evangelischen Hochburg, die der

Papist eingeäschert habe in unbezähmbarer Wut. Umsonst aber werde er die

Krallen auf die sächsische und brandenburgische Brust legen. Der hochbetrübten

Kirche würden glückliche Stunden nahen. Dem allgemeinen lieben Vaterlande

deutscher Nation sei der ewige Friede in Aussicht.

Zwei Sätze machte der Feldherr des Kaisers: einen nach Thüringen, den

zweiten auf Sachsen.

Den ersten von Magdeburg auf Thüringen. Stadt und Land war kahlgefressen,

brandverwüstet. Tilly suchte Entschädigung, weidete sein Heer in Thüringen.

Jetzt erhob er schwere Kontribution, sah die Freude seiner Soldaten, wies die

klagenden Bürger ab. Er kaiserlicher Feldherr. War schon verwittert, daß ihn der

Fluchname Brandstifter nicht berührte; ja wehrte das Wort nicht ab; es labte ihn

heimlich, weil niemand zu merken schien, welch Unglück ihn in Magdeburg

betroffen hatte durch schwedische Infamie. Nicht einmal der Triumph der

Eroberung Magdeburgs war ihm zugefallen. Kirrte in Thüringen den Landgrafen

von Hessen, der einen großartig burlesken Widerstand gegen ihn inszenierte.

Geschwollen rollten die vierundzwanzigtausend Mann auf Sachsen, hielten an

der Grenze.

Tilly sah die Entscheidung kommen. Das eitle trotzige Benehmen des dicken

sächsischen Bierkönigs reizte ihn. Wenn der Sachse so bliebe, er würde ihn

binden. Von Süden strömten ihm neue guterhaltene Truppenmassen zu. Mit

vierzigtausend Mann fing er über die Grenze eine Unterhaltung mit dem Sachsen

an; hatte Vollmacht den Kurfürsten zur Vernunft zu bringen. Er fragte, wie es

wäre mit den Reden, die am Tage Palmarum in Leipzig gehalten wären, wer die

Stoppeln und der Wirbel wären. Der Kurfürst stammelte, man möchte gut zu ihm

reden, sei des Heiligen Römischen Reiches Kurfürst.

Wer, fragte Tilly, kaiserlicher Feldherr, zurück, die Stoppeln und der Wirbel

wären: wenn drüben des Reiches Kurfürst rede, ob hier nicht des Römischen

Reiches Feldherr Wörtlein zu sagen habe.

Zu sagen, zu sagen! Er sei ein sanfter Landesvater, wolle sein Volk und Land

vor den Pressuren und Qualen des Krieges bewahren; man verdenke es ihm

nicht.

Sein Land ist Reichsland, wir müssen hinein. — Er möchte es nicht darauf

ankommen lassen; man habe ein Heer, er wisse es vielleicht schon, aufgestellt,

um sich zu schützen.

Her mit den Soldaten; es sind kaiserliche; der Kurfürst hat kein Recht auf

Truppen.

Da zog sich Johann Georg Socken über die Füße, tapste nach Torgau. Klagte

und plärrte unterwegs viel; sei der treueste Reichsfürst, ihm tue man dies an; was

ihn die Händel des Kaisers mit dem Schweden scherten, wolle sie gewiß nicht

stören. Und dieser Gedanke rührte ihn so, daß er noch einmal zurücklief an die

Grenze Tilly gegenüber, ihm dies zu verkünden. Als wäre es eine Erleuchtung

bedeutete er den Feldherrn; ihre ganze Unterhaltung sei verkehrt gewesen, vorbeigeschossen; denn worum drehe es sich? Doch nicht um den Kaiser und

ihn, den untertänigen Sachsen. Sondern um den Kaiser und den Schweden. Den

Schweden. Hallo, große mächtige Reichshändel zwischen der Römischen

Majestät und der königlichen Würde aus Schweden.

Und? — Und? Vermöchte er, der beliebige Fürst, sich anzumaßen, sich in die

Händel solcher Potentaten einzumischen und ihnen in den Weg zu treten.

Gewiß nicht, grunzte es von drüben. — Warum also wolle man es ihm

verargen, wenn er seiner Wege gehen wolle.

Was, was wolle er mit seinem Heere. — Man lasse das doch mit seinem

armseligen, unglückseligen Heerchen, es wäre ihm lieber, er hätte es nicht.

Also gebt mir euer Heer. —

Wieder wartete der Sachse, ob er mehr hörte. Zog sachte, ängstlich plärrend

auf Torgau. Gustaf Adolf hatte sich mit kleiner Kavalkade da eingefunden, er

empfing schmunzelnd in seinem Quartier den alten betrübten Herrn. Der

jammerte, dies sei der Dank dafür, daß er sich neutral habe halten wollen. —

„Habt Ihr das wollen?“ drohte mit einer sehr lauten Stimme der riesenhafte

Schwede. „Nicht doch, nicht doch. Nur sozusagen, vor dem Kaiser. Wißt doch,

was ich meine.“ Ratlos winselte der betrübte Mann.

Gütig gab ihm der Schwede zu verstehen, es sei das beste, gerade Wege zu

gehen; man könne nicht dem Kaiser dienen und der evangelischen Kirche

Beschützer sein wollen. — „Er hat mich nie angegriffen.“ Grob der Schwede:

„Also rund: was hat der Herr vor?“ Nach langem Drücken brachte der Sachse

seinen Kummer heraus: ob Gustaf schon vernommen habe, daß der Kaiser ihm

Meißen, Naumburg, Merseburg abnehmen wolle auf Grund des

Restitutionsedikts. — Kalt bejahte der Schwede. Die Finte stammte von seinen

Unterhändlern. — Traurig legte Johann Georg seinen Kopf auf den Tisch,

weinte. Er saß rechts und links in der Klemme.

Man brachte Bier, um ihn zu besänftigen. Er schwur Stein und Bein, daß er

treu zum Kaiser gestanden habe und dies nicht verdient habe. Vom Schweden

und seinen zudringenden Begleitern wurde ihm auseinandergesetzt, daß Tilly

nichts weiter vorhabe im Augenblick, als ihm die Stifter wegzunehmen. Lange

zögerte Johann Georg. Man gab ihm viel zu trinken, um ihm den Entschluß zu

erleichtern. Plötzlich stand er auf: Zum Schaden den Spott wolle er nicht tragen;

er wolle später nicht mit Schimpf in der Geschichte seines Hauses genannt

werden; man solle ihm noch einmal sagen, was der Kaiser von seinem Besitz

fordere. Wortlos schüttelte darauf lange Minuten der Sachse den dicken Kopf

unter der Pelzkappe, während er starr vor sich glotzte: „Es soll ihm nicht

gelingen!“ Den begleitenden Herren seines Hofes rief er zu, ob sie gehört hätten;

ihr Vaterland sei in Gefahr; die evangelische Sache werde bedroht. Lebzelter brachte ihn zu Bett.

Am nächsten Morgen schloß er, den die Unruhe um seine Treue zum Kaiser

und um seine Stifter die Nacht schlecht hatte schlafen lassen, mit dem Schweden

einen Vertrag. Mit resignierten Blicken erklärte er seinen Räten: es sei dahin

gekommen, daß er sein Haus gegen den Römischen Kaiser verteidigen müsse.

Sie bestätigten es; Gustaf Adolf hatte ihnen goldene Ketten und Geld geschenkt.

„Wie ein Mann wollen wir zusammenstehen“, sagte Johann Georg zum

Schweden, als sie sich die Hände reichten. Rührungstränen vergoß der weiche

Sachse, segnete beim Abschied den Schweden.

Der stand mit Oxenstirn, einem kümmerlichen Menschengestell, das ein

Schädelmonstrum auf dem Hals vorsichtig balancierte, und dem hinkenden

Grubbe, seinem Sekretär, hinter der abfahrenden sächsischen Karosse. Schaute

die beiden abwechselnd an, perplex. „Ist es wahr oder ist es nicht wahr? Der

Kursachse hat sich mir verschworen? Ist es wahr?“ Und dann ins Haus steigend:

„Ich hätte eher geglaubt, der Bayer verbündet sich mit mir als der Sachse. Was

hat er denn für einen Vorteil davon?“ „Aber Meißen, Naumburg, Merseburg!“

„Mein Gott, Allmächtiger. Er fragt nicht einmal nach beim Kaiser, er glaubt es

mir!“ Grubbe grinste: „Eure Majestät wirken sehr überzeugend.“ „Oxenstirn,

was sagt Ihr dazu. Er glaubt das mit Meißen. Ist die Welt verrückt?“ „Wir

können ruhig sagen, Eure Majestät ist von Gott gesegnet. Ihr könnt füglich noch

ganz andere Sachen sagen, man wird sie glauben.“ „Da fährt er hin. Erlaubt,

Herren, ich muß mich erst beruhigen.“ Grubbe kraute sich am Kinnbart: „Wenn

man es recht ansieht: was bleibt dem Sachsen weiter übrig als Euch zu glauben.

Wir hätten ihm die Insel Bornholm anbieten können; er hätte es glauben

müssen.“ Der Schwede staunte noch: „Um dreier Stifter willen fällt ein

deutscher Kurfürst von seinem Kaiser ab und verrät ihn. Was für ein Reich.“

„Längst reif, von schwedischen Händen auf seine Baufälligkeit geprüft zu

werden.“ „Oxenstirn, der Sachse macht mir Mut. Es ist eine Freude, im Reich zu

sein. Melde nach Haus: unsere Sachsen stehen gut, — besser als ich ahnen

konnte.“ Sie stiegen in ihre Wagen, lachten Tränen zu dritt als Oxenstirn meinte:

„Es läßt sich schön arbeiten in dem Wald, wo die Bäume laufen und betteln:

Holz uns doch ab.“

Es waren heiße Sommertage. Dem Brabanter entgegen wälzte sich mit

vollkommener Ruhe Gustaf Adolf. Über Frankfurt nahm er seinen Weg, in der

Stadt verschüttete er an einem Tage sieben kaiserliche Regimenter zu Fuß, eins

zu Pferde. In seine Hände fielen einundzwanzig Kanonen, sechsundzwanzig

Fahnen, neunhundert Zentner Pulver, zwölfhundert Zentner Blei, siebenhundert

Zentner Lunte, tausend eiserne Kugeln. Siebzehnhundert Leichen waren zu

begraben.

Er war schon kein schwedischer König mehr. Seine Stimme ertönte metallisch

von dem Religionskrieg, den er führte. Man möge zu ihm kommen wie der

Sachse Brandenburger und Pommer gekommen wäre. Die Stunde der

Abrechnung mit dem katholischen Übermut war gekommen. Herrisch trieb seine

Stimme, trieb zu Wut und Angst. Den Nahesitzenden, Geistlichen und

Weltlichen jagte er Schauer von Zorn über. Sie wurden, erst fade lächelnd, dann

verstört schwankend aus ihren Höhlen gescheucht, legten die Hände suchend an

ihre Degen, mühten sich den Rumpf gerade zu halten und ihm entgegenzugehen.

Gerächt würden werden die Menschen — dröhnte es von drüben —, die

armseligen, die in Magdeburg dem Feuertod durch Tilly übergeben seien. Die

Pfälzer, deren Land verwüstet sei. Die beklagenswertesten aller Geborenen, die

Böhmen, die gefoltert und gepeinigt würden, ihre Habseligkeiten verloren, ihre

liebe Heimat verlassen mußten, Böhmen. Man werde als evangelischer Christ

dies Land nicht vergessen, solange es einen reinen Glauben gebe, werde des

Scheusals nicht vergessen, das sich der Kaiser aus diesem Land gezogen habe,

damit er das Reich zu einem Höllenpfuhl mache, des Friedländers, der bis nach

Dänemark seine Untaten trieb.

Mehr und mehr kamen aus den Höhlen, schwankten in sein Lager.

Wie er sich auf Wittenberg schob, hatte sein Heer dreißigtausend Mann zu

Fuß und fünftausend Reiter. Und zahllose davon waren Deutsche. Liefen mit

dem Schweden, weil er viele Städte erobert hatte, mit gutem französischen Geld

zahlte.

Er war so dick und schwer in seiner Rüstung, daß es im ganzen Heere nicht

fünf Pferde gab, die ihn tragen konnten. Streng und bigott war er. Bigotterie

gehörte zu seiner Geradheit, Entschlossenheit, Wucht. Er dachte nicht nach,

glaubte an Luther und das Evangelium so stier wie an die Festigkeit seines

Streithammers. Kannte keine Furcht vor irgend einer Überlegenheit.

Aber auch der gespenstige kleine Brabanter, der die Saale überschritt gegen

ihn her, kannte sie nicht. Er hatte einen tiefen Ekel vor dem Mann, der die

Religion ohne Unterlaß im Munde führte und ohne Unterlaß den frommen

Weiter: Teil 2 von 5