Wallenstein: Erster Band
Erstes Buch Maximilian von Bayern
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.
Erstes Buch
M a x i m i l i a n v o n B a y e r n
Nachdem die Böhmen besiegt waren, war niemand darüber so froh wie der
Kaiser. Noch niemals hatte er mit rascheren Zähnen hinter den Fasanen
gesessen, waren seine fältchenumrahmten Äuglein so lüstern zwischen Kredenz
und Teller, Teller Kredenz gewandert. Wäre es möglich gewesen neben dem
schweren kopfhängerischen Büffel zu seiner Linken, dem grauen Fürsten von
Carafa, Hieronymus, und dem stolz schluckenden und gurgelnden Botschafter
Seiner Heiligkeit im heißen Rom, — rot schimmernd die seidene
knopfgeschlossene Soutane, purpurn unter dem Tisch die Beine mit Strümpfen
und Schuhen, bei den schneeweißen zappelnden der deutschen Majestät — so
hätte Ferdinand jeden den Vorhang durchlaufenden Kammerknaben, jeden
Aufträger Vorschneider, erhaben mit schwarzem Stab abschreitenden
Oberstkämmerer mit üppigem „Halloh“ empfangen, ihm zugezwinkert: „Heran!
Näher! Nicht gezögert, Herrchen, haha. Hier sitzt er.“ Kaute, knabberte, biß, riß,
mahlte, malmte. Der Oberküchenmeister bewegte sich an den gelbseidenen
Tapeten entlang, beäugte freudig listig durch das seitliche Gestänge des
Baldachins die muskulösen Lippen Ferdinands, die wie Piraten die anfahrenden
Orlogs entleerten, die Backentaschen, die sich rechts und links wulsteten, sich
ihre Beute zuwarfen, sich schlauchartig entleerten, von der quetschenden Zunge
sekundiert.
Weich rauschte die Harfe, die deutsche Querpfeife näselte. Sprung an, Sprung
ab: es hieß hurtig sein, die Becher heranschleppen; wer ißt, liebt keine Pausen;
was schluckt, muß spülen. Ferdinands Lippen wollten naß sein, sein Schlund
naß, sie verdienten’s reichlich, droschen ihr Korn.
Im Reich — wovon ließ sich sprechen — im Reich ging’s gut daher. Die
Böhmen geschlagen, Ludmilla und Wenzel, die heiligen, hatten die Hand von
ihren tollen Verehrern gezogen: da saßen sie auf dem Sand, haha, samt Huß,
allen Brüderschaften, ihrer Waldhexe Libussa, dem Pfalzgrafen Friedrich. Der
Pfalzgraf — wovon ließ sich sprechen — der Pfalzgraf schleppte seine
Königskleider im Sack, am Strick hinter sich her, im Frühjahrsdreck hinter sich
her, schreiend durch die Gassen, ungeübter Bänkelsänger auf Märkten, auf
Dörfern: „Keiner da, der mir was zu fressen gibt? Zehn Kinder und kein Ende,
keiner da, der uns den Bauch stopft? Habe die englische Königstochter zur Frau,
in Böhmen war ich König; das ‚war‘ freut mich armen Hansen wenig.“ Wer wird
sprechen in solchen Zeiten.
Man läßt ihn trollen, das freche süße Zweibein, man wird ihn tüchtig lausen,
daß ihm das Fell blank wird. Aber Malvasier. Aber Alikante. Aber Böhmerwein
von Podskal. Aber grüne Bisamberger, Traminer aus Tirol; aber Bacharach und
Braubach, die feuchten, spitzschuhigen, klingelnden vom Rhein. Auf dem
gepreßten Schweinskopf Äpfel: aber Mersheimer darüber und Andlauer; Elsaß,
das herrliche Elsaß.
Wem hat es der Ingwer angetan, der Ingwer an der Rehkeule, daß er ihn
verachten will. Die Hühner sind erschlagen; auf Silberschüsseln gebahrt; von
feinen weißen Kerzen beleuchtet. Die Blicke von zwanzig Gewaltherren und
Fürsten voll Lobs auf sie gerichtet; in Mandelmilch schaukeln sie Rümpfe,
Beinchen und Hälse, Rosinen zum Haschen um sie gebreitet, ihre kandierten
Schnäbelchen füllend. Spitzt die Münder, salbt die Lippen mit Speichel, im
Strome fließenden, aus allen Bronnen geeimerten.
Heran Pfälzer Most. Die feuerspeiende Büchse, treffliches Symbol für ein
Weingefäß: da läßt sich leicht der Malefizer finden, der hier ersterben will. Und
soll es der Erwählte Römische Kaiser sein, es muß geschossen sein, in der
Minute, im Nu, aus der großen Büchse, die der Obermundschenk sich auf die
Schulter lädt; der Kaiser richtet zielt und schießt, jach in den Schlund des
tobenden Narren, des hingewälzten lachenden Kobolds in der braunen
Schellenkapuze, während der Herr sich die weißen Spitzenärmel schüttelt, in den
Stuhl sinkt, nach der Serviette ruft und vor Inbrunst vergeht: „Noch einmal!“
Trompeter schmetterten zu sechs vom Chor herunter, aus dem goldenen Käfig
des Balkons, der Heerpauker schlug bum. Zwischen der Musik saß der Kaiser
hinter dem Wildschweinsbraten in Pfeffer, einen weißen Hut mit der Reiherfeder
auf dem leicht glatzigen Kopf, seine Ohren durch das Raspeln seiner Zähne nicht
gehindert dem Schmettern zu folgen. Sansini, Zinkenmusikus, übte sein hohes
Werk; verborgene Diskantisten und Kastraten pfiffen rollten wirbelten; sie
umspielten die wenig sich drehende Ruhe des Basses, den eine weiche Stimme
ansprach, beschwor.
Zur Linken des melancholischen Spaniers ein schmales wangenloses
Ziegengesicht, über dem stumpfen Lederkoller die krebsrote Atlasschärpe, aus
grünen dünnen Ärmeln langspinnig zielend gegen das Millefioriglas, Karl von
Liechtenstein, Oberstburggraf, Statthalter in Prag, sprach von Heidelberg und
dem geflohenen Winterkönig, daß noch frostiges schwankendes Wetter sei und
man jetzt nur schwierige Landstraßen finde, besonders wenn man es eilig habe.
Ein Abt biß seinem Kapaun das Bein ab, addierte, während es zerkrachte, das
zurückgebliebene Kurpfälzische Silbergeschirr, das ihm in Böhmen von
frommen Wallonen überreicht war. Und auch der alte Harrach, knuspernd an
Krammetsvögeln, huldvoll über seinem Stuhle schwebend, graziös, kahlköpfig, hielt sich an die Prozesse und Konfiskationen in dem geschlagenen Land, da
wären tot der Peter von Schwamberg, Ulrich Wichynski, Albrecht von
Smirsitzky, davongelaufen, werden das Wiederkehren vergessen.
Hitzig schmetterten die Trompeten. Einen Augenblick sahen alle Herren auf,
die in den spanischen Krausen, die in den gestickten niederländischen
Spitzenkragen auf bunten und verbrämten Jacken, die in den ungarisch grün
verschnürten Wämsern, in den duftigen französischen Westen und
Purpurüberwürfen, Kardinäle, Äbte, Generale und Fürsten, und ihnen schauerte,
als wenn es eine Kriegsfanfare wäre. Rasch war Musik und Geist eingelenkt.
Wollüstig fühlten alle erwärmten Nerven das Gespensterheer des geschlagenen
blondlockigen prächtigen Friedrich durch den Saal ziehen, reiten durch das
Klingen, Tosen der Stimmen, Becher, Teller, von dem herabhängenden Teppich
des Chors herunter auf die beiden flammenden Kronleuchter zu, brausend gegen
den wallenden Vorhang, den die Marschälle und Trabanten durchschritten:
prächtig zerhiebene Pfälzerleichen, Rumpf ohne Kopf, Augen ohne Blicke,
Karren, Karren voll Leichen, eselgezogen, von Pulverdunst und Gestank
eingehüllt, in Kisten wie Baumäste gestaucht, kippend, wippend, hott, hott durch
die Luft.
Oh wie schmeckten die gebackenen Muscheln, die Törtchen und Konfitüren
Seiner Kaiserlichen Majestät. Schand und Schmach, daß einer Graf, Fürst,
Erzherzog, Römischer Kaiser werden kann und der Magen wächst nicht mit; die
Gurgel kann nicht mehr schlucken, als sie faßt; der schlaue Abt von
Kremsmünster wie der Kaiser, der Fürst von Eggenberg, der Liechtensteiner wie
der Kaiser, der Oberstsilberkämmerer, der Oratoriendiener, der Truchseß,
Vorschneider, Tapetenverwahrer, Küchentürsteher wie der Kaiser, Marchese
Hyacintho di Malespina, Ugolino di Maneggio, Thomas Bucella, Christoph
Teuffel, der Organist Placza wie des Heiligen Römischen Reiches alles
übersteigende gesalbte Kaiserliche Majestät, in einem Takt raspelnd an einer
Waffel.
Oh wie schmeckte dem Kaiser unter seinem weißen Reiherhut der Tokaier aus
dem Venezianer Glas. Wie schlug er sich den Schenkel, warf sich tiefer in das
Gestühl, vergrub sein im Gelächter entlarvtes Gesicht im Schoß.
Durch die verhängten Bogenfenster summte Abendgeläut, als Ferdinand mit
glühenden Wangen vor seinem zurückgeschobenen Stuhl stand auf leicht
schwankenden Knien; die herabgesunkenen prallen nassen Hände trocknete ihm
rechts und links ein Kämmerer ab. Und mit verschwimmenden Blicken, tief und langsam schnaufend stand er vor der Tafel, den Gästen Trabanten Kammerherrn.
Die Stühle rückten, die Servietten fielen auf den Boden, die Edelknaben
sprangen mit den silbernen Gießkannen und Waschbecken zurück hinter die
Stühle. Die Gäste hatten sich auf die Füße gestellt, bogen die Nacken gerade,
klemmten die Lippen ein.
Der Fürst von Carafa wich zuerst auf einen Blick des Oberhofmarschalls
gegen die Wand, die Musik brach ab. Vor der kleinen Bronzesäule des
drachentötenden Herkules stemmte der Spanier, das böse hitzedurchwühlte
Wisent, sich auf, hob die Schultern. Und als wäre die Reihe der Herren am Tisch
ein Wurm, dessen Kopf sich zur Wand bog, so rollten sie nacheinander weg vom
Tische an die blitzende Brokattapete, und der Wurm schwankte, schlug vorwärts
rückwärts.
Untersetzt, dickleibig, auf den kurzen Säulen der steif gewordenen Beine trug
sich vom obersten Platz unter dem Baldachin her Kaiser Ferdinand der Andere.
Von dem Ufer der dampfenden damastgebetteten Gerüche, von den gelben roten
weißen Quellen riß er sich los. Seine blanken Wangen strotzten vor
Wohlgefallen, Fuß setzte sich vor Fuß; er zog den weißen Hut vor jedem Herrn,
ohne den Kopf nach links zu ihnen zu drehen. Graubärtig folgte auf spitzen
Füßen der Kammerherr vom Dienst; vor der blauen Samtjacke, der hohlen Brust
ließ er vom Hals herab den goldenen Schlüssel schaukeln, trug Mantel und
Gebetbuch hinter der Majestät. Der Leibarzt darauf mit niedergeschlagenen
Augen, im schwarzen Tuchrock, Thomas Mingonius, Verwalter kaiserlicher
Gebrechen; seine Nase schnüffelte; die Lippchen trieb er zum steifen Rüssel vor.
Zwei Kammertürhüter unhörbar.
Und wie an einem Efeuspalier Blatthaufen nach Blatthaufen sich unter dem
Windstoß duckt, verneigten sich die Herren. Carafa hatte längst seinen Kopf
wieder vor der Brust hängen, als die weinrote Exzellenz Eggenberg den Leib
einzog, seufzend sich wieder einrenkte. Verneigt hatte sich vor dem Träger der
Krone des deutschen Reiches, dem Herrn zu Ungarn Böhmen Dalmatien Krain
Slavonien, unbeschränktem Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund
Steiermark Kärnten Württemberg, vor dem Szepterschwinger in Ober- und
Niederschlesien, Grafen zu Habsburg, Grafen zu Tirol, Grafen zu Görz, verneigt
neben dem vielgeliebten Hans Ulrich von Eggenberg, dem freundlichen
spitzbärtigen Kavalier, dem alten Schlemmer, das unruhige Pergamentmännlein
in violetter Robe, trüben Auges, Herr Anton Wolfrath, Mönch Abt Bischof Fürst
Nichts. Verneigt edlen Gesichts, zypressenschön, mit Perlenringen in den Ohren,
die Strenge der Blicke aufgelockert vom Weindunst, der Sohn des italienischen
Spezereihändlers Verda, residierend auf dem Neuen Markt, Johann Baptist von
Werdenberg, Graf und Hofkanzler. Der schwarze dichthaarige Böhme Questenberg, Graf Gerhard, nicht lange noch Registrator, gewaltig unter seinem
Schnurrbart blasend, der sich sträubte und aufstellte, glotzäugig, Bärenbeißer mit
Wulstlippen. Verneigt Zdenka von Lobkowitz. Verneigt im Schmuck des
Goldenen Vließ der sehr bleiche Geheimrat Meggau.
Ganz unten am Vorhang stand der Oberst der Leibgarde in hohen
Reiterstiefeln, schimmerndes Wehrgehenk über dem hellgelben zobelverbrämten
Wams, Neidhard von Marsberg, kolossal von seinen Schultern schauend,
schäumend in süßer Betäubung, an seinem spanischen Kragen reißend:
„Bärenhäuter! Schelme! Malefizverbrecher!“ Wußte nicht wer, konnte in Wut
und Verehrung nur noch die Arme über die klirrende Brustwölbung
verschränken, auf die Knie sinken hinter dem schon verschwundenen Kaiser.
Nach dem Empfang des Primas von Ungarn erbat sich der Kaiser Urlaub von
seinen Ministern. Er brauchte mit einer erzwungenen Freundlichkeit diesen
Ausdruck. Es war den Herren bekannt, daß dem Fürsten Wien seit Monaten nicht
behagte, daß er sich mit dem Gedanken trug, gänzlich nach Prag zu verziehen, in
den prächtigen düstern Gemächern des Matthias und Rudolf zu hausen; es ließ
sich schwer fassen, was dahinter steckte. Man schob es auf die unaufhörlich
wirkende Trauer um seine tote Frau; sie lag schon seit fünf Jahren in Grätz, in
der Kapelle der heiligen Martyrin Katharina; man dachte an Ferdinands Zorn
über den Adel Wiens, der ihn bei dem Protestantensturm auf das Schloß vor
einigen Jahren im Stich gelassen hatte. Aber diese Gestalt des Habsburgers,
seine Mimik, wie er, noch triefend von den Soßen Weinen der Festmähler, sich
vom Sitz erhob, gegen Schrems hinausritt, nach dem Wallfahrtsort Hoheneich,
fast unbegleitet, nach flüchtigen Abschiedsworten, war dem Hof und den Räten
auffällig.
In Hoheneich stand ein niedriges Kirchlein; innen zwischen zwei Pfeilern in
ihre Mauer eingelassen, gleich an der Pforte, eine Eichentür, mitten zerklüftet,
von Eisenklammern zusammengehalten, altersbraun unscheinbar. Ein frecher
Landadliger hatte einmal diese alte Kirchentür verrammelt, als eine Prozession
von Schrems heraufkam; im Gebüsch saß er mit seinen Spießgesellen, um sich
an dem Spektakel zu ergötzen. Die Chorknaben schwangen die Rauchfässer, die
Monstranzen klangen, vorn der Fahnenträger senkte das Seidentuch auf der
Treppe: die Tür sprang auseinander, die Kinder sangen weiter! Der Edelmann
wollte im Schreck sich aus dem Ginster erheben, den beiden andern stiegen
Reuetränen in die Augen. Sie rissen die grünen Sträucher vor sich auseinander,
ihre Waffen blieben im Gras, sie trabten langsam gegen den Zug hin, bis man Steine gegen sie schleuderte, als sie sich anschließen wollten. Der Edelmann lief
beiseite, stieß einen Schrei aus, aber zu seinem Entsetzen fuhr ein greuliches
Gebrüll aus seiner Kehle. Als er sich umdrehte nach seinen Freunden, liefen da
zwei starke Bulldoggen; er selbst wedelte mit dem Schwanz, war ein
rippendürrer brauner Fleischerhund, der sich die Brust begeiferte. An einem
Galgen unweit des Orts hat man später die drei Hunde erschlagen und
eingescharrt.
Der Grasboden federte unter den Tritten der Pferde, sie fielen in ruhige
Gangart. Die Erde wurde weich, spitze Halme stellten sich mit rauhen Scheiden
auf, scharrten an den Pferdehälsen. Die Hufe planschten in Pfützen, das
schwarze Wasser spritzte an den Bug der Tiere, über die Beine der Herren. Der
weiße Windhund Ferdinands, ebenmäßiges hohes Gebäude mit langen
Behängen, lief spielend. Als sie die Schlagbrücke hinter sich hatten, die wüste
Uferfläche des untern Werd durchritten, kreischte Jonas, auf einem Maulesel
kläglich nachtrabend, jenseits zwischen den Halmen fast verschwindend,
streckte am Häuschen des Brückenwärters Arme und Beine nach ihnen aus:
„Weh, weh!“ Zwei Herren trabten zu ihm. Seine braune Bergmannsgugel mit
dem Hahnenkamm schüttelte sich heftig, die hohen Eselsohren klatschten
herum. „Ich nehme Abschied von Wien. Nehmt Abschied mit mir.“ Und zottelte
über die schallende Brücke, schwenkte drüben vor den wartenden Reitern sein
Mäntelchen, listig lächelnd, spitz lachend, schlug die Klapper. Die Donau lag
vor ihnen, ein feuchtwarmer Wind blies herüber. „Stäubt ab, edle Herren. Nehmt
nichts mit von Wien. Versagt es der ehrbaren Stadt nicht, ihr Hab und Gut wieder
zu erstatten, die Häscher könnten sonst hinter uns kommen.“ Sie folgten
belustigt, schaukelten Umhang und Überwurf gegen den rollenden Fluß.
Ferdinand sah das braune verwachsene Geschöpf scharf an, gab ihm nach einer
Weile seinen Achselmantel. Unter Verbeugungen gegen das breite Gewässer,
gegen den Stefansdom und die starken Basteien schüttelte der Wicht das
bestickte Tuch, klopfte es zärtlich mit seiner Klapper, übergab es dem
nachdenklichen Herrn. Es sei nunmehr sauber, kehlte er gedämpft und
versöhnlich, frei vom Staub des hohen Marktes, der Freiung, Bendlergasse, des
Grabens und — des Hohen Rates. Ein Peitschenschlag des Stallmeisters brachte
ihn auf sein Grautier.
Neben der Buchenallee, die sie ritten, erhoben sich Hügel mit dichtem
Unterholz. Vorsichtig gingen die Herren das Gestrüpp an, dann schleuderten die
Pferde unter den Asthieben die Köpfe, ihre Zungen warfen unruhig das
Trensengebiß, sie drängten kauend zurück vor dem Finstern, strauchelten, bogen
auf den Weg. Auf den hochbeinigen Tieren tanzten die glänzenden Herren von
Windstößen gefangen und freigegeben zwischen Schwarzdornhecken Ochsenzäunen über die Wiesen. Sie kehrten nicht ein in die Meierei vor
Schrems. Ferdinand schien es vor Ungeduld nicht auszuhalten, im Steigbügel
schluckte er ein Glas saure Milch. Über Sturzäcker, durch lichtes Stangengehölz.
Schwarzbeinig gegen die Luft auf einem Hügel der Hundegalgen mit drei
Standbalken.
Bei seinem Anblick war der Kaiser wie ausgewechselt. Sie gingen neben ihren
abwärts schnüffelnden raffenden Tieren um das leere Gestell. Übermütig bellte
der antrottende Tafelrat auf dem Esel. Graf Paar, ernst, blondbärtig, blauer
Samthut, blaue Kniebänder, führte die Pferde, die mit zuckenden Lippen gebückt
zu weiden begannen. Man beschloß sich ins Gras zu legen, zu schmausen. Paar
und der Narr liefen nach Hoheneich hinauf. Auf einem kleinen Leiterwagen
schleppten sie nach einer halben Stunde den erschrockenen Diakon im
Chorhemd auf die stille Wiese nebst zwei verschüchterten Scholaren, hoben
herab ein Tönnchen Wein, Gläser Teller, ganze Schinken, rohe Eier, Lattich. Den
Wagenplan rissen die Herren herunter, der Kaiser aber wollte nicht darauf sitzen,
er knipste Grasspitzen ab, schnellte seinen Begleitern Blumenköpfe ins Gesicht,
zerblies vorsichtig Pusteblumen und war, ehe der Karren mit Butter Salz Brot
angetrieben war, sitzend am Galgen eingeschlafen. Sein gelbfahles, faltiges
Gesicht im Schlaf so freundlich, daß es schien, als unterhielte er sich im Traum
mit Kindern. Der Windhund beschnüffelte ihn, schob seinen Hut mit der langen
Schnauze vom Schoß herunter, streckte sich mächtig aus, die Vorderpfoten auf
den Jagdgamaschen Ferdinands.
Eine straffe ältliche Gestalt in Schwarzbraun mit Silberschnüren lehnte an
einem Birnbaum, den starken aschfarbenen Kinnbart zupfend, ließ den Hut auf
die Erde fallen, flüsterte: „Wir sind auf der Flucht, ihr Herren.“
Jonas näselte: „Auf der Flucht, ihr Herren.“
Mansfeld setzte sich neben die andern, weiter flüsternd: „Vielleicht geht’s nur
nach Wolkersdorf. Vielleicht auch nach Steiermark.“
„Oder geradeswegs zum Bassa von Ofen, oder zum Großherrn in der Türkei,“
grinste Jonas.
Mansfeld langte herüber, packte ihn, ohne das Gesicht zu verziehen am Hals,
kippte ihn in der Luft um, preßte ihn auf den Bauch, zischelnd: „Nicht quaken,
Frosch. Nicht quaken, Frosch.“
Der plärrte, kroch losgelassen aus der Runde. Graf Paar zog die Beine an,
umschlang die Knie: „Der Herr Oberstallmeister beliebten etwas zu meinen.“
Seufzte Mansfeld, dessen Augen unruhig gingen: „Es wird etwas geschehen
müssen.“
Kalt Paar: „Vermeine, wir sind keine Hunde, die die Sau zu verbellen haben.“
Der Kinnbärtige streichelte seine rosa Hutfeder sehr langsam. Da lag lang auf dem Rücken ein junger Baron, warf sich nicht einmal herum in seinem kostbaren
Scharlachkleid; mit seinen schrägstehenden Augen, die aus einem
bronzefarbenen glatten Gesicht blickten, verfolgte er weiße schimmernde
Wolkenberge: man möge tun, wie man denke; jedoch denke er nicht wie der Graf
Paar.
„Also wir verbellen das Wild?“
Der Baron ruckte kleiderscharrend hoch, saß dicht neben Paar, fixierte ihn,
zog die Beine in den Scharlachhosen ein, umschlang die Knie: der Herr sei
Liebling des Kaisers und liebe den Kaiser, möchte keiner ihm verwehren nach
Belieben zu tun.
Leise erklärte der Oberstallmeister, er müsse des Erzherzogs Leopold Hoheit
benachrichtigen, wenn sie etwas Sonderliches befürchten würden; er könne sich
dem nicht entziehen, auch die Exzellenz Eggenberg, den Abt Anton und den
Beichtvater müsse er rechtzeitig aufklären; es müsse um des Heilands willen
etwas geschehen.
Eine Herde weißer Gänse schnarrte und schrie getrieben an ihnen vorbei. Paar
stand nach einer Pause auf; meinte finster, es brenne nicht, die Herren seien
ängstlich. Im übrigen seien in jedem Dorf Pferde da, um Nachrichten zu
überbringen, auch Burschen, die reiten könnten. Er sei kein Herr vom Rat, sei
nur der Person der Kaiserlichen Majestät Dienst schuldig. Als sich der bronzene
Kopf des prächtigen Barons, des Peter Mollert, gegen ihn hob, lachte Paar heftig,
überfuhr dann plötzlich maßlos den staunenden; der Kaiser brauche Hilfe, das
sähe man. Ob man sich als Schmarotzer am Kaiser bewähren wollte, was diese
Reden von Benachrichtigungen des Hofes besagen sollten, er werde den Kaiser
wecken, ihn aufklären, ihn ihnen entreißen. Der Baron wich mit seinen
glitzernden Augen dem Grafen aus, bat, mit Mansfeld Blicke tauschend, sich
nicht stören zu lassen, jedoch auch nicht den Schlaf des Herrn durch überlautes
Schelten zu stören. Er sog an einem Halm. Mansfeld pfiff durch die Zähne.
„Was bin ich mehr als ein Hundsfott,“ grollte Paar, „wenn ich nicht zum Bassa
von Ofen mit ihm rennen wollte, wofern es ihm in den Sinn kommt. Wäre sonst
nichts als ein Fleck Speichel an seinem Rock.“
Mollert streckte sich golden und scharlachrot im Grün aus. Klar und kalt
beobachtete der rüstige Mansfeld den Kaiser, scharf verfolgt von dem glühenden
Grafen, der sich seitlich von ihm, die zornzitternde Unterlippe biß.
Freundlich lächelte am Galgen lehnend der Herr mit dem gelben kindlichen
Gesicht im Schlaf; die Peitsche war ihm aus der Hand gesunken. Mit leichtem
Satz sprang der Hund über seinen Körper auf die andere Seite.
Im schwarzen Jesuiterkleid, den viereckigen Flachhut in der Linken, führte der
Pater den zögernden Fürsten in die Kirche. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Auf dem
kleinen Altar vorn brannten zwei hohe weiße Kerzen, unsicher leuchtend, ein
Kruzifix aus Metall zwischen ihnen. Durch den finstern Gang wurde der Fürst
geführt. Seinen kleinen grünen Hut legte er vor sich auf den Teppich der Stufe,
der Pater kniete neben ihm. Ohne den Kopf zu beugen kniete der grauhaarige
Fürst. Als wenn er aus der Wand etwas auf sich zukommen sähe, hielt er den
Hals steif. Er wartete wie auf einen feindlichen Angriff, vor einer fürchterlichen
unsichtbaren Front. Sein Mund war gepreßt, in seinen geballten Händen
sammelte sich der Schweiß. Er kniete, aber er saß auf einem gepanzerten Roß im
Harnisch, eine schwere Lanze unter dem Arm, rührte sich nicht.
Als der Pater das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sich der erstarrte Mann
nicht erheben; er fiel auf die Hände, vergaß dann seinen Hut auf der Stufe. Wie
ein Blinder war er in die Kirche gegangen, schweißüberflutet verstört bewegte er
sich draußen an der blauen lerchendurchjubelten Luft. Der Geistliche gab ihn
höflich lächelnd den Herren ab. Tief verneigte sich der Kaiser vor dem
Geistlichen. In einer schweren Aufregung saß er am Spieltisch des Schlößchens,
schwieg wie die andern.
Man brach früh auf zur Wildschweinjagd. Es ging nach Begelhof. In die
neblige Luft ritt man hinein, das Laub stiebte Nässe, der Kuckuck rief fern im
Holz, wonnig vergruben die Pferde im fuderhohen Blattwerk ihre glatten Füße.
Je mehr die Sonne stieg, um so heftiger wurde der Vogelgesang, schallend riefen
sich die Finken und Stare an, mit schwerem Flügelschlag segelten aus dem
niedrigen Tannenwald dicke schwarze Krähen in das aufgebrochene Feld,
lärmten heiser, siedelten sich an um Wurmlöcher. Die krummen Rücken der
Reiter wurden grader, die Stumpfheit verblaßte in den Augen, die Körper, noch
eben schwer sackend, fühlten sich in das elastische Wiegen und Schreiten der
Pferde ein. Es ging flach nach Begelhof hinein. Von dort vieltöniges Kläffen.
Am Holzhäuschen des Rüdenmeisters, vor den langen Zwingerhütten,
Rendezvous. Morgentrunk im Freien. Fünf Hörner riefen in die Sättel.
Da wimmelten um die starken Rüdenknechte die Koppeln der französischen
Hunde, Schweißhunde, Saufinder, die schwarze und braunschwarz gezeichnete
Meute. Hinter den Kätnerhütten auf den Äckern bewegten sich ängstliche
Bäuerlein, versteckten sich. Braunkappige Landleute trabten in Gruppen
feldeinwärts, führten schwere Gäule, Karren zum Zugrobot, suchten die
schmalen Saumpfade, hinter einander gereiht, aus den Hütten bedroht von halblauten Rufen und raschen Fäusten. In der Nähe pfiff es, lärmte plötzlich: die
Wildkästen waren geöffnet worden, draußen rannte der vom Licht geblendete
Keiler, die Hunde jaulend und springend, sich überkugelnd, rissen besessen an
den Leinen. Die Riemen sausten über sie. Der Anjagdruf. Da rasten die Hunde,
vor den Wind geworfen, leise knurrend mit tiefen Ruten in die Ackerfurchen.
Das Feld setzte sich in Bewegung.
Und wie sie ritten auf der Fährte des todesbangen verzweifelten
Schwarzkittels, über die stark duftende aufgerissene Fläche der Äcker, da fingen
die Herzen der Herren zu beben an; das Herz Ferdinands bebte in der alten Lust,
die Hitze stieg aus dem weißen Pferdefell in seine Arme, wogte aus den
Schultern zurück in die Hände, um die Hüfte. Unter dem Silbergurt für das
starke Schweißschwert schwelte die Luft so wild, daß sie das feine
panzermaschige Hemd durchdringen, sich dem flatternden weißgrünen Überrock
mitteilen mußte. Geschnürt war das Griffholz des Schwertes, lang und fest die
Klinge mit den tiefen Rinnen, kurz vorne das zweischneidige blanke
blutheischende Messer. Wind war nicht mehr Wind, Wald nicht Wald, Morast
nicht Morast. Die Pferde flogen, kaum den Boden tastend, um ihre Hälse wehte
Dampf. Zäune Häuschen Büsche sprangen mit einem Satz gegen sie, hinter sie
zurück. Die Pupillen der Kavaliere unter den windschwellenden Federhüten,
unter den roten Stirnen verengerten sich in der blitzenden Helligkeit, die Lider
drückten sich zusammen in wachsender Inbrunst. In Reihen wurden die Herren
über Hürden und Schwarzdornhecken gehoben. Die Tiere rissen, die Hinterhufe
abstoßend, die gekrümmten Vorderbeine an die aufgerichtete Brust; im
Schweben warfen sie Erdballen nach rückwärts, die Hinterhufe schlossen sich
aneinander, während schon die Vorderbeine wie Fühler nebeneinander
vorgestreckt gegen den neuen Boden tasteten, der sie empfing, sie weiter
schwang. Gespitzte Ohren nach vorn.
Sehnsüchtiger, lockend der helle Chor der Hunde. Der Boden wurde knietief,
der Eber warf sich zwischen durchbrauste Gehöfte, durchschwamm Tümpel.
Koppeln hinterdrein, Pferde hinterdrein, Jäger obenauf. Flechtwerk, Furten,
Dickicht. Vier knappe Sekunden stand der schwermütige böse schwarzplumpe
Keiler, mit den kurzen morastigen Beinen, die Schnauze an dem halslosen Kopf
gesunken, dann brach er in das kühle Unterholz. Kopfüber die Hunde in das
Dickicht, im Schwarm eingesogen, verschwunden. Herren und Pferde abprallend
am Gebüsch warfen sich im Anschwung links herum, nach rechts vor.
Mit rotgeäderten Augen, keuchend Ferdinand und einige Herren, versunken,
verloren auf den stoßenden Rücken, wutertrunken, berauscht. Man schoß in den
Wald, das Pferd wand sich unter den Sporen, das Geläute der Hunde klang näher
ferner durch die Schwärze aus dem Brombeergewirr. Sie kämpften gegen das Dickicht, arbeiteten schweißgeblendet berstend vor Grimm und Lust gegen Äste
Gestrüpp Tier. Rings war der wüste Keiler umfaßt, die Meute jauchzte im
brechenden Unterholz. Da zappelten die Hunde unter dem Schimmel
Ferdinands, der die Peitsche besinnungslos hob, die Krücke auf die Nase des
stöhnenden Tieres schmetterte. Auf den Hinterbeinen stand es auf, drehte sich,
zwei Schritt zurück, warf drehend umstürzend seinen Herrn zwischen die
flüchtenden Hunde, sich selbst gegen einen schaukelnden Fichtenstamm, an den
es mit den Füßen hieb, grimmig hilflos auf dem Rücken strampelnd wie ein
Käfer. Heiß quietschte winselte die Rüde, der von den fallenden Füßen des
Reiters eine Flanke aufgerissen war.
Paar, aus seiner Besessenheit geweckt durch das Keifen des Tieres, rückwärts
blickend, sprang ab, taumelte nach hinten, stürmte: „Mansfeld, Mollert,“ die
weiter preschten. Wie er die starren Asthaufen übersprang, stellte sich der
Schimmel mit wütendem Werfen und Ruck auf die Knie, stand zitternd
flankenschlagend aufgeregt neben dem Kaiser, der mit blaurotem Nacken auf
dem Nadellager bäuchlings hingestreckt war.
Als Paar ihn umdrehte, richtete er sogleich den Oberkörper auf, sah blicklos,
die Arme hinter sich auf den Boden stemmend zwischen den Pferdebeinen
hindurch. Wie eine Puppe wurde er von Paar gegen einen Stamm geschoben.
Seine Sporen rissen Bahnen in den Boden, dabei flaute sein Gesicht ab, er faltete
die Hände, senkte wie betrübt den nadelbeklebten Kopf, bewegte die Lippen.
Jenseits des Dickichts klingelte hörbar die Jagd, das Wild war ins Feld entwischt.
Mit Ächzen schob sich der Kaiser in die Knie. Dann stand da das Pferd, seine
Schabracke, Graf Paar hielt seine Schultern, drängte die Jagdflasche an seine
Lippen.
Trübe wurden die Augen des Kaisers, er ließ sich hochheben, blickte
jammervoll den Kammerherrn an, der an seinem Gurt nestelte, um das Schwert
abzuschneiden. Lange standen sie so, die Lippen zitterten dem Fürsten,
konvulsivisch zuckten seine Schultern: „Was ist geschehen. Was war das?“ Er
stammelte, schluckte Wein aus der Flasche, die ihm Paar in die Linke gepreßt
hatte, sprudelte gedankenlos den Rest auf den Boden.
„Was denn, Majestät?“
„Paar, ich war bald hin. Es hat mich bald erwischt. Ich muß beten. Ich muß
beten.“ Er murmelte, rieb sich die verschmierten Hände, wimmerte verwirrt. „Es
hat eines Zeichens bedurft. Ich habe es nicht erwartet.“ Er stöhnte, saß auf einem
Baumstrunk, wischte sich Blut von dem abgeschürften Scheitel, flüsterte mit
steifen Blicken auf den Grafen, die Hände ballend: „Wir sollen uns nicht
fürchten. Wir haben die Gewalt in Händen. Was hat der Graf Paar zu sagen?“
„Nichts, Eure Majestät.“
Er schmetterte sich die Faust gegen die Brust, streckte in steigender Erregung
das sprühende zuckende Gesicht gegen den blassen Mann auf. „Nichts, Eure
Majestät“ hauchte er. Stumm donnerte Ferdinand noch einmal gegen seine Brust,
den Mund offen, schäumte, erhob sich taumlig, schüttelte den zurückweichenden
Mann an den Schultern. „Sieh an. Willst du mich ausforschen. Wer hat dich
geschickt?“
„Majestät fielen vom Pferd, ich ritt dicht vorauf im Feld.“
Hin stürzte Ferdinand mit Klagen auf die Knie: „Gestorben beinah, ohne
Beichte wär’ ich gestorben. Das Leben verlassen, befleckt, unbefreit.“
Paar biß sich auf die Lippen, in Scham und Ehrfurcht zog er den Kaiser hoch,
faßte ihn unter den Arm, führte ihn, während er mit der Linken das Horn anhob,
blies. Dem Herrn floß von der Stirn ein Blutstreifen über den Nasenrücken
gegen den Mund. Als wäre nichts geschehen, folgte der Herr, schräg auf dem
Hinterkopf den Hut mit der zerbrochenen Feder, blieb nach einer Weile stehen,
horchte ins Gehölz, lächelte seinen Begleiter an, gefesselt von Betäubung, die
ihm sanft über das Gehirn und den Hals strich: „Blas noch einmal. Schön bläst
du.“ Er ging pirschend voran, mit dem Schweinsschwert fuchtelnd, die Augen
mondhaft weich, die Züge gleichgültig entspannt. Der gequälte Paar lief um ihn,
die beiden Pferde lockte, zog er, plauderte, öffnete traurig Büsche vor dem
Herrn.
Ein plötzlicher Gedanke zuckte durch ihn: Wenn der Kaiser fliehen wollte, —
er wußte nicht, warum er es wollte, aber wenn, — dann jetzt. Die Jagd konnte
nicht rasch zu Ende sein. Jetzt. Es war alles von ihm vorbereitet, die Wagen und
Knechte standen bereit am Fährmannshaus von heut ab. Der Kaiser wollte
fliehen, er konnte ihn aus einer dunklen Not erretten, er war in seiner Gewalt, es
konnte keiner dazwischen fahren. Jetzt.
Um Paar drehte sich der Wald. Nur einen Moment wehrte er sich gegen den
Gedanken. Im Augenblick aus dem Dickicht, auf den Pferden. Paar biß die
Zähne zusammen, schwang die Peitsche: „Hoh!“
Sturzäcker. Der Kaiser hing dumpf an seinem Tier, sah auf die Mähne, ab und
zu auf den Horizont, bisweilen warf er antreibend die Zügel. Das Tier lief
ebenmäßig neben Paars. Kein Klingeln der Meute mehr, kein Rufen Lachen der
Herren. Meilenweite Grasfläche, links blauumdunstete Hügelreihen; wenn der
Wind die Luft hoch warf, regten sich dahinter schwarzgrüne Baumkronen. Paar
lechzte über den Kopf seines Tieres hinweg, sein ernstes Gesicht zitterte in
vielen Bündelchen, seine geschlitzten weißgrünen Ärmel schwollen zu Glocken
auf, die linke Hand mit den Zügeln nackt erdig; zerrissen die hohe
Spitzenmanschette des rechten Handschuhs. Die Pferde ruckten sprangen; in der
ungeheuren Heide zappelten sie wie Schwimmer im Meer, arbeiteten, auf ab, die kleinen hüpfenden Tiere.
In die anwiegende Luft stöhnte Paar, dunkel verzweifelt: „Mein Heiland, tu
ich recht.“ Er rief zur Seite: „Wir sind schon weit.“ Es klang nicht, es konnte
niemand gehört haben. Er rief: „Wir sind schon so weit.“ Weg war es, zwanzig
fünfzig Schritt hinter ihnen. Hatte es jemand gehört. Der Schall am Munde
weggeschnappt. Das Trappeln der Pferde ließ sich nicht hören, das Riemenzeug
knarrte nicht; im raschen Takt Gießen Strömen des Bluts in den Ohren,
Verdunkeln des Blicks.
Der Kaiser hing auf seinem Schimmel. Geheimnisvoll erregt klang es herüber:
„Wir sind schon weit, so weit.“
„Graf Paar.“ Der Schall am Munde weggeschnappt. „Paar, Hans, Hans.“
Anwiegte der Wind, schwappte um Brust Gesicht, schloß sich im Rücken
zusammen. „Langsamer, Hans. Reit’ langsamer. Hörst, du mich?“
Der Kaiser. Er saß aufrechter, den Hut knautschte er vor sich am Sattel, die
Linie geronnenen Bluts über der Nase. Paar riß die Zügel an. „Wo sind wir,
Hans?“
„Eine halbe Stunde noch.“ Die Pferde liefen rascher. „Wohin führst du mich?
Wo läuft der Keiler?“ „Wir sind schon weit. Majestät werden sehen.“ Paars
Stimme jauchzte fast; seine Mienen wechselten zwischen Angst und Zärtlichkeit.
„Da ist Rauch. Sie verbrennen Kraut auf dem Feld. Es ist verabredet. Da die
Fahne.“ Schroff fiel die Ebene, jäh klangen Rufe hinauf. Am Ufer eines
weißblinkenden Flußlaufes weideten Viehherden, neben einem Fährmannshaus
liefen Menschen, standen Wagen. Hellblau schwelten Rauchwolken in die
Steppe herüber. Dem Grafen strahlten die Augen, er brüllte frenetisch herunter,
winkte. Eine Wolkenwand stand schwarz jenseits des Wassers, dicke Tropfen
fielen, die Gräser sprühten blitzten in der matten Sonne.
„Gerettet. Es sind die Wagen. Unsere Wagen. Die Leute sind treu. Hier! Hooo
—ah hooo—ah!“ Der Kaiser spannte sich zusammen, sein Pferd schluckte,
rückwärts gerissen das Maul aufsperrend, Luft, tanzte auf den Hinterbeinen.
Paar, ihn überschießend, kehrte um, atemlos, entzückten Gesichts, atemlos
atemlos: „Es sind die Wagen. Mögen mich Majestät enthaupten. Rettung. Wir
sind gerettet.“
Heiser rief der Kaiser, die Augen bis zur Weiße aufreißend, mit der rechten
Hand auf die anrennenden Knechte mit Piken und Partisanen weisend: „Wer sind
die? Was wollen die?“ Paar Arme hebend: „Bleibt stehen. Bei den Wagen
bleiben. Nicht hierher! Es sind ja unsere Leute.“ Der Kaiser donnerte: „Hund,
Bestie, hab’ ich dir befohlen, mich hierher zu bringen. Schalk du, ich metzle dich
nieder auf der Stelle. Wo hast du mich verschleppt? Was soll ich, was willst du
mit mir?“ Paar abgesprungen glutrot schweißübergossen hängte sich an den Hals des fremden Rappen: Der Kaiser solle kommen, der Kaiser solle sich nicht
fürchten, es sei geschehen, er sei gerettet, es könne ihm nun nichts widerfahren;
die Freiheit, wohin er befehle, die Leute sind zuverlässig, Gewänder liegen
bereit.
Und in Ferdinand, während er vor Wut berstend das Pferd herumwarf, den
Mann beiseite schleuderte, die Sporen einsetzte, schwebte schon, die Flammen
zu heulendem Entsetzen anblasend der Gedanke: So steht es um mich, so weit
bin ich; entlarvt.
Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her,
überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an
seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem
Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze
verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu
bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, o
vertrauen. Von drüben die Worte: „Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid
verloren sonst.“ Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen
Pferde. Hinter dem Kaiser, zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die
Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: „Der Satan ist da.“ Gehölz
zur Rechten, schwellendes federndes Moos. Flitzend zwischen Stangen,
gespensterhaft vorbei Hütten Zäune. Schonungen rauchten vorüber. Der Graf
erblichen wurde von einer Betäubung, einer Stirn umschließenden Abwesenheit
befallen; eine Erstarrung durchdrang seine Brust von Minute zu Minute stärker;
ein hopsendes Fleischgestell warf das Pferd auf ab, auf ab.
Hörner, viele Hörner, grelles Blasen. Menschenrufe. Schwarze Haufen auf
dem Feld, bellende Hunde. In ein Gewimmel von Knechten stürmten sie ein.
Lange später hetzten die Herren an, die aus den Wäldern von der Suche
zurückkehrten.
Blaß stierte der Kaiser regentriefend neben seinem Pferd. Die Herren legten
ihm Mäntel und Tücher um. Er sei gestürzt im Dickicht, er hätte sich mit dem
Grafen Paar verirrt. Knechte jagten nach einem Feldscher. Paar schritt erschöpft
hinterher, gab keine Antwort.
Im Schlößchen sagte Ferdinand zu ihm, er sei ein Verräter. Als Paar nur stumm
niederfiel, befahl Ferdinand ihm, sich still zu verhalten, sich ohne weiteres aus
seiner Umgebung zu entfernen. Als Paar sich der Tür näherte, schäumte der
Kaiser, dem Tränen in den Augen standen, vor Zorn: „Hans, ich muß dich vor
Gericht stellen, ich muß dir den Kopf abschlagen lassen, ich muß dich ins Eisen werfen lassen. Du bist ein Schelm, du bist ein —. Verrucht bist du, ein Schuft
bist du, ich kann dich nicht so gehen lassen.“
Kopf gesenkt stand der völlig leere Paar, der noch die nassen verschmutzten
Jagdkleider trug.
„Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann. Ich kann nicht. Ich kann nicht.“
Wie Paar kniete, bückte sich der Kaiser, den schwarzen Seidenrock mit der
Linken zusammenraffend, schlug ihm zweimal mit der Faust auf den Kopf, stieß
ihm gegen die rechte Schulter, spie aus. Der Graf wankte rückwärts, lag halb am
Boden.
Heiser Ferdinand: „Du bleibst noch hier.“ Er ging vor den abendlich
beschienenen Fenstern hin und her. Nach einer Weile sagte er: „Geh jetzt. Du
bist still. Am Hofe bleibst du, bis ich dich fortschicke.“
Als der Fürst in größter erschreckender Unruhe zur Frühmesse erschien, mit
graugrünem geschrumpften Gesicht aus Hoheneich von der Beichte
zurückkehrte, wagte niemand sich ihm zu nähern. Dann fiel bei der Mahlzeit das
Wort „Dighby“, es wurde in den Gartenzelten von Tisch zu Tisch geworfen. Der
Kaiser fragte, am ganzen Leib fliegend. Man wußte nur, daß er, der englische
Gesandte, einen drolligen hochmütigen Einzug in Wien gehalten habe, daß, wie
vom Abt Anton verlautete, der englische König Vermittlung anbiete zwischen
der Römischen Majestät und dem Pfälzer samt seinem noch kämpfenden
Anhang. Der Oberstallmeister wartete lange, bis der Kaiser etwas herausbrachte.
„Uns ist ein guter Tag beschieden, Graf Mansfeld. Laßt Euch die schlimme
Jagd gestern nicht gereuen. Wir bleiben nicht hier. Nach Wien! Laßt uns Herrn
Dighby begrüßen.“
Wie den hoffnungslos Verirrten ein ferner Lichtschein von einem Haus, aus
einem Stall, von dem Wachtfeuer einer Söldnerhorde, von einem Waldbrand, so
zog Ferdinand Dighby an, der englische Gesandte, vom König Jakob zum
Grafen von Bristol ernannt, von Brüssel aus dem Quartier der spanischen
Infantin hergereist. Ferdinand hieß Reisewagen beschaffen, um bequem zu
fahren.
„Nach Wien geht es, meine lieben Herren, mein lieber Mollert, Graf
Mansfeld. Es gibt Frieden im Reich, ihr werdet sehen. Was halten wir uns auf,
wenn solche Freude für alle Welt bereitet wird. Nach Wien!“
Unter den Herren war auf der Rückfahrt nur ein Gerede: wie man die
unerwartet rasche Heimkehr feiern wolle. Erst fieberte der Kaiser; in ihm
schwang es stürmisch auf und ab, durchschwoll ihn mit gewaltsamer Bewegung vom Hals bis in den Leib, ließ ihn lachen, sich freuen, sich vorwenden
zurückwenden, Hände schütteln, nicht zur Ruhe kommen. Der blitzende Mollert
lag halb im unverdeckten Wagen, stolz schweigend wie immer. Der
Oberstjagdmeister strahlte, daß der mißlungene Tag vergessen war, Paar saß im
letzten der sechs Wagen unter fröhlichen halbfremden Kavalieren, mit scheuen
Blicken, oft seine Hände betrachtend, die den Zügel geworfen hatten zu der
Entführung des Kaisers, an allen vorbei sehend, ab und zu ohne es zu merken
dumpf stöhnend, so daß man schon am Tage vorher ihn umging, jetzt von ihm
abrückte. Die silbernen Partisanen der Trabanten zuckten über den Wegen wie
schnellende Vögel. Ein wildes Bangen durchwallte von Zeit zu Zeit den Kaiser.
Französisch, spanisch, deutsch, italienisch plauderte es sich auf den Wagen,
Duelle am Ochsengrieß, Karussell und Ringelstechen. Hinter den Worten regten
sich die zierlich gezähmten Appetite, die kennerischen Geschmäcker,
grenzenlose Bankettier- und Pokuliersucht. Die Arme fechtsüchtig, das
Zwerchfell lachsüchtig, ihre Zungen verwaiste Teller, Münder ungefüllte
Backofenlöcher. Es hieß Speichel schlucken, staubige Luft essen, mit blitzend
verdrehten Augen von zarten Braten träumen. Und dann sollten die Abende
kommen mit Kerzen, Fackeln, Trabanten schwerfüßig vor den Türen, die Tische
frei, Karten und Würfel über das blanke Holz, heißwangige Spieler, zähe
Bankhalter, französische Liköre, Wein in Fudern, Trumpfen: „Meineidige
Höllenhunde!“ „Pestilenzialische Teufel!“ „Herr Bruder, jetzt frißt mich der
Satan oder ich habe gewonnen.“
Nach Wien! Kein Verzug! Gesegnet sei Dighby, Graf von Bristol!
Die Wagen schütterten auf den Chausseen, die Pferde sprengten mit Hussa
hoh; von Dorf zu Dorf wartete Vorspann. Der Staub erhob sich, auf seiner Woge
glitten sie vorwärts. Zwei Fanfaren vorn, zwei Fanfaren zur Seite, zwei Fanfaren
hinten. Sie sahen und hörten nichts. Und als die Herren in Wien einfuhren,
dachte weder der seidige Mollert, noch Nostiz, noch Mansfeld, noch Ferdinand
der Andere an Dighby, den Träger einer englischen Botschaft. Der Hohe Markt,
die Balkons des Grabens, Gassen nach Gassen, der Petersplatz. Schweres
Dröhnen vom Stefansturm, das Türkengeläut; die Wagen hielten, die Herren
knieten auf der Straße, der Kaiser im Wagen. Vor dem sonnenüberfluteten
Burgplatz, zwischen den Hatschierreihen vorquellend Bettlergelichter Beghinen
Minoriten Barfüßer. Mit übermütiger Wucht warf Mollert aufstehend seinen
Geldsack einem Savojardenbuben an die Brust, daß der umtaumelte, andere sich
balgten.
Da wußte bald Dighby, daß die Römische Majestät wieder residiere in der
Burg. Auch die hohen Staatsmänner wußten es, die Karussells fanden statt,
Vorbereitungen zu einer Maskerade, Bauernwirtschaft im Prater. Aber mehr wußten sie nicht, morgen nicht, übermorgen nicht. Bis in die Nacht leuchteten
die Bogenfenster der Burg aus den großen und kleinen Ritterstuben mit den
fröhlichen Herren. Dazwischen ging der Kaiser herum, sann und sann, ohne Rat,
wen er sprechen sollte, wen er schicken sollte zu Gurland, seinem Schatzmeister,
nach Gold und vielen vielen Geschenken, um Dighby sich willig zu machen.
Eines Morgens wandte sich König Jakob mit wegwerfender Miene von dem
eleganten Dialektiker und Lüstling ab, seinem Kanzler Buckingham, dessen
feine rosa Seidenstrümpfe ihn reizten: er würde sich in den Garten an die
Frühlingsluft tragen lassen; mag denn das Volk recht haben, mag einer nach dem
Kontinent fahren, sich die Finger verbrennen an dem Brei, den dieser Narr
Friedrich sich eingebrockt hat. Einen Sprung fast einen halben Meter hoch auf
dem Teppich des Audienzzimmers machte der sehr junge Lord, als der schlaffe
König, kaum den Kopf bewegend, fortgefahren war. Dann zählte er seine
Schritte, ein zwei drei vier, er war an der Türe, eine gerade Zahl, die Sache
würde gut verlaufen. Und während Jakob zankend die Mistbeete abdecken ließ
und sich heimlich darüber grämte, daß seine Tochter Elisabeth in ihrer
Liebesraserei sich diesem geleckten deutschen Kurfürsten, diesem Windbeutel,
an den Hals geworfen hätte, seine schöne stolze Tochter, erteilte Buckingham
hochmütig drei trotzigen Parlamentsherren Auskünfte orakelhafter Art in seiner
Villa, beiläufig hinwerfend, daß man sich nunmehr des geschlagenen
Böhmenkönigs annehmen werde, spöttisch genießend, wie den betrübten
Lohgerbern ihre Agitationsstoffe fortschwammen, benachrichtigte den Lord
Dighby. Von London fuhren nach Portsmouth darauf mit dem Lordkanzler, unter
dem Schutz derselben fünfzig eisengeharnischten Arkebusiere — gelbe und rote
Ärmel, wüst unter dem hochgeschlagenen Visier blickend, auf trampelnden
gemästeten Gäulen — zwei deutsche Herren, die sich nicht abschütteln ließen,
Rusdorf und Pavel, kurpfälzische Räte. Sprachen öfter heftig auf französisch den
Lordkanzler an, der sie nach Belieben anhörte oder englische Worte hinwarf, die
sie nicht verstanden.
Dighby verbat sich in Portsmouth den Anhang dieser beiden Herren, worauf
Buckingham die Achseln zuckte: es ließe sich nichts machen gegen sie, ohne das
Parlament zu erregen. Naserümpfend ließ sich der junge Graf von Bristol die
beiden Pfälzer vorstellen; er und Buckingham zwinkerten sich lächelnd zu, als
bei der Abfahrt unter Verbeugungen nach vielen Seiten die deutschen Räte das
Schiff bestiegen.
Vom Ostersonntag bis Dienstag reiste der Brite um Wien herum, Mauern und Basteien studierend, über Wälle kariolend, wieder in die waldversenkten
Nachbardörfer eintauchend, nach Hernals hinein, über den Laurenzergrund,
Altlerchenfeld, Nikolsdorf, den Rustschacher, Schutt, die Taborstraße, wo die
Juden hausten, Mariahilf. Während alle Kirchen vom Jubelgesang der Menschen
erschollen über die Auferstehung des allerliebsten Herrn Jesu, die Türme vom
Glockenschwung bebten, schlug sich Dighby vom dicken Rotenturmtor zum
Turm Im Elend, Schotten- und Jörgenturm und Sankt Marx. Und als er das
Siechenhaus im Regen des Ostermontags passiert hatte, schickte er zwei
Knechte zur Heinersbastei, verlangte für morgen beim Torschreiber Einlaß zum
Kärntnertor. Junge Burschen ritten langbebändert über die Felder, trieben die
Pferde in den Bach. In der Nacht weckte ihn Feuerschein in seiner Herberge; da
schwang man draußen brennende Besen, zog grünes Volk singend, Asche
streuend ins Freie.
Der geschwollene Lord ließ die zwanzig Mann pikenbewehrter Stadtgarde, die
ihn am Kärntnertor erwarteten, bis Mittag stehen. In einer Sänfte kam er, warf
seine Kalbsaugen nach den zierlichen Mädchen, den auf Stelzen spazierenden
Fräulein, ließ halten, um einer Gruppe Minoriten kopfschüttelnd unter die
Kapuzen zu schauen. Am Hohen Markt war Gedränge; ein Umzug wurde
erwartet. Mit Flöten und Pauken hoch zu Roß ließ sich die Bäckerinnung
erblicken, weißstrumpfig Meister und Gesellen, perlgrau die Beinkleider, blaue
Jacken, silberne Schnallen an den Schuhen. Vom Salzgrieß waren sie
aufgebrochen. Über einen bekränzten blutjungen Gesellen auf schneeweißem
Pferde wurden unter Jubelrufen aus Fenstern, Balkons Blumen geschüttet;
angestemmt an die Brust trug er den riesigen Türkenbecher, drei erschlagene
Janitscharen, ziseliert in Silber, dazu drei Bäcker und das Heidenschußhaus mit
der entdeckten klaffenden Mine, dem Ort ihres Triumphes. In einer
verschlossenen Sänfte hinter dem Lord fuhr man die beiden giftigen Pfälzer.
Rusdorf hatte sich in Nürnberg englische Lakaientracht verschafft; nur unter der
Bedingung, sie tragen zu dürfen, war er mit Pavel nach Wien gedrungen. Sie
ängstigten sich hinter ihren Vorhängen, kein Wort ließen sie im Gedränge
verlauten.
Als nach zwei Tagen der Abt Anton von Kremsmünster, Kammerpräsident, sie
in seinem stillen Refektorium empfing, ein ehrerbietiger schlaffwangiger Herr,
der überaus verschüchtert schien, wehmütig demütig um sich blickte, von Zeit
zu Zeit entsetzt vor einer Motte zusammenfuhr und sich entschuldigend, fast
weinend, sein Käppchen verlierend hinter ihr her durch das Zimmer rannte,
vergeblich nach allen Seiten klatschend, schmerzvoll seinen Gästen die leeren
roten Handteller zeigend, als er sie empfing, bat er mit dem Abgesandten des
Königs von England und den Beratern des pfälzischen Kurfürsten getrennt verhandeln zu dürfen. Die Verbeugung wurde steif beantwortet; die deutschen
Herren blieben den Bescheid schuldig, warfen sich ratlose Blicke zu. Dighby,
ungeschlacht, wilder blonder Kinnbart, Fäuste in den Weichen, die beiden
fixierend wie ein bekanntes absonderliches Tierpaar, machte eine
demonstrierende Handbewegung: die Herren seien noch nicht so weit, sie
würden wohl morgen antworten.
In ihrem Quartier, von Dighby aufgesucht und befragt, weigerten sie sich
überhaupt zu antworten, würden sich erst beraten. Sie kämen selbständig für den
Böhmerkönig und pfälzischen Kurfürsten, würden sich aber gewiß nicht trennen
lassen in der Diskussion von England. Er fragte den Reitstock wirbelnd, ob sie
der Verhandlung ein Bein stellen wollten, ob er also warten solle, bis sie etwa
Kuriere zu ihrem Herrn schickten. Die Herren spien einsilbig Wörtchen aus den
Mundwinkeln wie „Pflicht“, „unabänderlich“, „Beschluß“.
„Wollt mich tribulieren, ihr Herren von Heidelberg. Seid aber hier auf heißem
Boden, wisset.“
Knauten: „Unabänderlich. Muß sein.“
„Können die Herren ihre Anliegen selbst betreiben. Scheinen zu glauben, ich
wäre ihretwegen zur Stelle. Bin Gesandter des englischen Königs und
Parlaments, das beleidigt ist. Das ist alles.“
„Gut. Gut. Verstehen. Der Herr verstatte.“
„Verstatte. Ich habe Zeit.“
„Unsere Dienste dem Herrn. Gott zum Gruß.“
„Nun, nun, die deutschen Herren. Machen wir Parlament oder Boxkampf?“
Schob seine blauseidenen Ärmel hoch, Stock zwischen den starken Zähnen,
wies seine dicken Muskeldrähte. Minutenlang stand er da, wiegte die Arme. Sie
gingen geduckt auf und ab, Hände auf dem Rücken. Er zog den zerknitterten
Stoff wieder herunter, stampfte mit grobem Lachen hinaus.
Der Kaiser war nicht da. Als er da war, empfing er nicht. Die Wut der beiden
Pfälzer Räte, daß Dighby in Wien flanierte, sich um nichts kümmerte, vielleicht
für sich verhandelte.
Spät abends trat er in die Gaststube ihres Quartiers, wo sie unter den Kerzen
saßen, Honigbier tranken. Auf der Schwelle schrie Dighby, dessen Masse im
Dunkeln sich unsicher bewegte: „Rusdorf.“
„Der Herr?“
„Rusdorf, kusch dich!“
Der entsetzt.
„Hui hui. Was ich sag’. Kusch dich.“
„Er ist verrückt,“ flüsterten die Räte.
„Auf den Tisch, hopp.“
„Was.“
„Hopp auf den Tisch.“ Mit schütternden Schritten Dighby näher. Pavel
hauchte: „Er ist verrückt. Tus.“ Rusdorf im langen braunen Rock vor Dighby
ausweichend sprang plötzlich auf den Tisch neben das Bier, hob den Arm: „Ich
protestiere im Namen meines königlichen und kurfürstlichen Herrn.“
„Bist ganz still. Der andre.“
Der sagte gar nichts, achtete verkniffenen Gesichts auf Dighbys Mund.
„Der andre.“ Als Dighby zum dritten Male brüllend ansetzte: „Der —“ stieg
Pavel zusammenfahrend auf Tisch, Stuhl, setzte sich auf die Kante der
Tischplatte gegenüber Rusdorf. Zufrieden nickte der Große: „Ist schön. Ist
schön. Runter vom Tisch.“ Nahm sich eine Kerze, ging hinaus, vor sich
leuchtend. Allein die beiden. Sie tasteten sich auf Pavels Zimmer, schlossen die
Tür, sahen sich an, machten eine Bewegung, als wollten sie sich in die Arme
fallen, griffen sich nach den Händen.
Pavel stöhnte: „Was bleibt uns übrig, als uns umzubringen.“
Rusdorf gebrochen: „Herr Bruder.“
Pavel konnte sich nicht beruhigen: „Er kommt öfter. Verlaßt Euch darauf. Es
war das erstemal. Er hat es heute erst versucht.“
„Pavel, was sollen wir tun.“
„Es kommt noch schlimmer. Und — wir müssen unserem Herrn dienen.“
„Unser armer armer König.“
Als Dighby am nächsten Mittag kam, saß Rusdorf, der aus Furcht nicht das
Quartier verließ, allein da. Ohne ein Wort zu sagen, hob Dighby den Stock. Dann
pfiff er. Flehentlich sagte Rusdorf: „Der Herr treibt es zu weit. Weiß der Herr
nicht, wem wir dienen?“
Der pfiff.
„Einem hochgeborenen Herrn, dem Schwiegersohn des Königs von England.“
Es bedurfte nur eines Schritts von Dighby, um Rusdorf auf den Tisch zu
bringen neben eine Breischale.
Der Lord, Hut Stock Degen auf die Diele schmetternd, rückte sich den Stuhl
zurecht, langte nach dem Krug, fragte schluckend den Rat: „Wie war das mit
seinem Herrn. Es gefiel mir.“ Rusdorf beschwor ihn leise, mit einem gewissen
vertraulichen Ton in der Stimme, er möchte doch Vernunft annehmen, ihre
gemeinsamen Interessen bedenken, die Verwandtschaft ihres Herrn und alles; sie
müßten sich persönlich verstehen lernen, da ihre Sachen Hand in Hand gingen.
Dighby fragte, wessen das fast ausgetrunkene Weinglas sei; und zum maßlosen
Entsetzen Rusdorfs rief der Lord nach dem Hausdiener, der sogleich eintrat, an
der Tür stutzend stehen blieb. Wein wollte der Lord; für den Herrn oben auf dem
Tisch ein neues Glas.
Rusdorf hatte nicht vermocht, vom Tisch herunterzusteigen; ein kleiner Blick
Dighbys von unten hielt ihn fest. Jetzt saß er, die Augen mit den Händen
verhüllend, da, stumm, während der Lord schmatzte schluckte, ihm kräftig zum