Wallenstein: Erster Band

Alfred Döblin · Kapitel 5 von 5 · Teil 1/5

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Wallenstein: Erster Band

Drittes Buch Der Krieg

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Drittes Buch

D e r K r i e g

Noch einige Wochen blieb der Friedländer in Prag, dann brach er nach Eger

auf, wo, er sein Hauptquartier aufschlug. Im Reiche, in den Erblanden standen

kaiserliche Truppen, deren Haupt er war, geschwächt, in alle Windrichtungen

zerstreut; in Wien die Stadtguardia, acht Infanterie-, sieben

Kavallerieregimenter. Sechs marschierten unter Spinelli zu der Infantin Isabella

nach den Niederlanden. In Ungarn Musketiere, in Böhmen das Regiment

Breuner, in Mähren die Truppen des Max Liechtenstein, Wallensteins, des

Grafen Schlick, des Freiherrn von Tiefenbach; ganz entfernt in Freiburg im

Breisgau Hannibal von Schaumburg; dazu die Reiterregimenter Marradas,

Wittenhorst, Konti, Kaspar von Neuhaus. Fünf Regimenter zog der Herzog an

sich, vierzehn neue stellte er auf; das Regiment dreitausend Mann. In Prag

vergab er die Bestellungsbriefe an die neuen Obersten; sie hatten zu übernehmen

und vorzustrecken Antritts- und Laufgeld, einen Monatssold und Ausrüstung

ihrer Söldner; vielen schoß er selbst den Betrag vor, ihr Gläubiger der Kaiser.

Wallenstein entfernte sich nicht weit von Prag, um mit de Witte, Michna und

Bassewi in Zusammenhang zu bleiben. Die neuen Köpfe tauchten in Eger neben

ihm auf, die Obersten Merode, Scharffenberg, die Gonzaga, Desfours, Isolani,

der Thomas Karboni, die bald so gefürchteten Namen. Nach dem Elsaß herunter

liefen die Ordonnanzen, die Schaumburg und Wittenhorst mobil zu machen und

ihren Anmarsch in das Reich zu befehlen. Wallenstein war zugeteilt als sein

Oberstmeister-, Zahl- und Quartierungskommissar Johann Aldringen, ein feiner

gewandter Hofmann, dessen geheime Aufgabe war, wohl aufzumerken in

Wallensteins Quartier und Lager und von allem den Räten in Wien gute Kenntnis

zu geben. Er sah bald selbst, daß ihm nichts weiter blieb als dies: die

Korrespondenz nach Wien und der Titel; denn der Herzog wies an; er hatte bald

kein Verlangen mehr mitzusprechen.

Man schlug Sammelplätze auf in den kaiserlichen Erblanden, im Reich, im

fränkischen schwäbischen Kreis. Abgeordnete der fränkischen Ritterschaft

erschienen vor dem Herzog in Eger, Direktoren Hauptleute und Räte aller sechs

Orte in Franken, zu klagen über den Schaden durch vagierende disziplinlose

Truppenkörper; sie wurden höflich empfangen, versichert, daß der Oberst Graf

Schlick eine Erinnerung erhalten werde. Im übrigen bemerkte der Herzog mit

großer Bestimmtheit beim Abschied, sie möchten mit Proviant und sonstigem

Unterhalt nicht zurückhalten, damit die Völker nicht herumstreiften und nicht zu lange an einem Fleck liegen blieben; mürrisch und erstaunt wandten sich die

Herren, dabei ein Hektor von Streitberg und ein Redwitz zu Wildenrod, zum

Gehen. Aus Hessen, von Frankfurt Nürnberg fuhren rechtskundige stolze

Männer nach Eger an, ließen sich nicht abspeisen mit des Herzogs Sekretär, auch

nicht mit dem neugierigen und sehr interessierten Aldringen, stellten sich

ehrerbietig, fest vor der Durchlaucht selber auf, berichteten von den

vorgenommenen Werbungen, errichteten Musterplätzen und den

Unterhaltsansprüchen der Völker, zitierten die Goldene Bulle,

Reichstagsabschiede. Der Fürst nahm sie freundlich an, schrieb lachend ein

Brieflein an Trautmannsdorf nach Wien, der Geheimrat Recke solle bald, bald,

bald kommen; cito, presto, die Leute aus dem Reich überzögen ihn mit

hochgelehrten Sprüchen, er wisse nicht, wo er drin stecke. Er schickte

Unterhändler nach Ulm Halberstadt Nördlingen Nürnberg; die Städte mußten

sich freikaufen von Quartierlasten; Nürnberg zahlte hunderttausend Gulden;

Eger gab siebentausend her; empört hatte die Stadt die doppelte Summe

abgelehnt. Die böhmischen Landesoffiziere wurden trotz Sperrens durch sanften

Druck vermocht, hunderttausend Schock Groschen an die Kriegskasse

abzuführen. Herr Aldringen hatte in der ersten Woche seines Aufenthaltes im

Eger Hauptquartier zaghaft auf die kaiserliche Resolution betreffend

Schatzungen hingewiesen, in der es hieß, es sollten leidentliche Kontributionen

in den eroberten Örtern und Landschaften zur Erhaltung der Soldateska

zugelassen werden, mit dem Maß, daß solche Kontribution der Soldateska von

ihrem Lohn abgezogen werde, damit der Kaiser leichter an den Kriegskosten

trage. Wo aber seien Ulm Nürnberg Nördlingen eroberte Örter, die freien

Reichsstädte, noch dazu mit reichen kaiserlichen Schutzbriefen versehen? Der

Herzog hieß ihn, freundlich ihm auf die Schulter klopfend, sich nicht zum

Anwalt der Städte machen; sie setzten ihm schon genug zu; er sollte nur fein

berichten und hören, was man sage. Da wurde Aldringen aus Wien durch den

Abt Anton die schwer verklausulierte Auskunft, er möge sich um Jesu willen mit

dem Herzog ins Einvernehmen setzen, sie vermöchten von Wien aus die

Verhältnisse nicht zu überschauen, man dürfe gewiß nicht Splitterrichter in so

gefährlichen Zeitläuften sein, wobei immerhin sein Rechtsstandpunkt

offensichtlich unantastbar sei und er ihn dem Herzog gegenüber vertreten möge,

jedoch nicht zu heftig.

Proviant, Artillerie, die Brückenequipage fehlte. Die hatte der Kaiser

versprochen. Es war an einem gewissen Punkt der Unterhandlungen in

Nikolsburg eine pathetische Gebärde der Räte gewesen, dies zu übernehmen; da

waren kaiserliche Stückgießereien Zeughäuser Kornlager. Die Gießereien

arbeiteten zu langsam, das Material der Zeughäuser war bedeutungslos, unbrauchbar, die Kornlager knapp, für zehn Regimenter reichend. Eger drängte,

klagte stürmisch an, sie ließen es im Stich, sollten die Truppen verhungern,

sollten sie mit Stecken kämpfen. Man mußte demütig erklären, Eger möge sich

gedulden, möge sich behelfen; man konnte nicht hinzusetzen, daß die

Hofkammer bisweilen nicht zehn Gulden in der Kasse hatte zur Bezahlung des

Kuriers.

Während der Herzog in immer größerem Umfange sein Geld an die Sache

setzte, geschah es zur Verwunderung des Wiener Hofes, daß er immer mehr eine

ehrerbietige Haltung gegen den Kaiser und seine Beamten annahm, sich, wie es

schien, mit Gewalt bezwang und in die Rolle eines kaiserlichen Funktionärs

einfügte. Er schien es dem Hof leicht machen zu wollen, sich mit ihm

abzufinden, denn, wie Trautmannsdorf bei Berichten aus Eger einmal sagte:

lange wachsen lassen kann man solch Ungetüm an Land Leuten und Geld nicht;

entweder es pariert bald und kriecht unter, oder es muß erschlagen werden.

Die sechs niederländischen Regimenter wurden zurückbeordert; in Sachsen

warb für den Herzog ein Mansfeld als Generalleutnant zwei Regimenter. Dann

stand das Heer komplett; fast ohne Artillerie, ohne gesicherte Proviantzufuhr.

Unter den peitschenden Worten Wallensteins ging der Rest der Werbung,

Musterung, des Drills Hals über Kopf; die Parole war: „Nehmt was ihr kriegt!“

Wie Verzweifelte arbeiteten die Offiziere. Gefährliches beutelüsternes Volk lief

ihnen zu, sie hatten für die Kriegsstärke dem Herzog zu stehen. Von oben kam

der Befehl: „Wenn man keinen Falken hat, muß man mit Raben beizen.“ Bevor

er in Eger die Hauptmusterung seiner Truppen vornahm, entschloß man sich in

Wien zu dem letzten Schritt: ernannte ihn zum General dieses kaiserlichen nach

dem Reich abgeordneten Hilfsheeres. Man mußte ihm zum Opfer bringen die

alten verdienten Generale, den Spanier Hieronymus, das Kriegsorakel aus

Madrid, den Rudolf von Tiefenbach und andere; man besänftigte sie durch Titel,

sprach ihnen zu: es ginge alles vorüber, auch der von Wallenstein.

Die Truppen, wie sie standen und lagen, mit und ohne Artillerie, mit

ungeklärter Fouragezufuhr, der zehnte Kavallerist ein Pferd, erhielten dann eines

Tages, wie aus dem Himmel fallend, den Befehl zum Abmarsch. Sie schwirrten,

noch halbnackt, ein buntes halbverbrecherisches Gesindel, gegen die Grenze auf

Bayreuth Bamberg zu.

Einen Brief hatte Wallenstein erhalten vom Bundesobersten der Liga,

Maximilian aus Bayern, worin der ihn bat um Abordnung des Marradasschen

und halben Lauenburgschen Regiments an Tilly, seinen Generalleutnant. Als der

Herzog zugesagt hatte, stellte der Bayer dem niedersächsischen Kreis ein

Ultimatum, die Rüstungen einzustellen und sich vom Dänenkönig loszusagen.

Den Kaiser und seinen Hofkriegsrat fragte Maximilian nicht; nach einer knappen Woche, Wallenstein überschritt eben die böhmische Grenze, erteilte die

Durchlaucht in München ihren Feldkommandierenden den Befehl, im Namen

Gottes und seiner heiligen Mutter in Niedersachsen einzumarschieren. Worauf

der Tilly über die Weser setzte bei Höxter, wie ein Wetter das Braunschweiger

Land überraschend, über zwölf Meilen Wegs alles verwüstend. Von Ferdinand

war eben ein Handbrieflein an die stolze Münchener Durchlaucht gekommen, er

hielte mit seinen Beratern einen Beschluß über Niedersachsen zur Zeit nicht für

ratsam, ja gefährlich. Das Präveniere war gespielt, der Wiener Hof erklärte mit

verhaltenem Atem, es bei dem Geschehenen bewenden zu lassen. In Maximilian

brach aber einen Augenblick die Spannung aus, als die Wallensteinschen

Scharen in ungeheuren regellosen Zügen nach Überschreiten der Reichsgrenze

an der Oberpfalz vorüberstreiften, massenhaft Leichen von räubernden Söldnern

an den Bäumen zurücklassend. In heftigen, kaum mehr diplomatischen

Wendungen verwahrte er sich gegen das Treiben dieser Horden, die man besser

gegen Ungarn auf Bethlen Gabor gewandt hätte; er werde Truppen bei Weiden

aufstellen, die Polizei spielen sollten. Unverhüllt darauf Habsburg, er solle nicht

schelten; er solle sich seiner sonderbaren Unterhandlungen mit Frankreich

erinnern. Das täte er, knirschte Wittelsbach; der Kaiser möge es nicht dahin

kommen lassen, daß er die französischen Anerbietungen annähme.

Auf dem Marsche nach der Weser verstärkte sich Wallenstein weiter; die

niederländischen Regimenter stießen zu ihm. Er setzte sich in Schweinfurt, in

Wacha an der Werra. Ihn erwartete, mit lauten Rufen begehrte nach ihm der

flinke alte Brabanter, der Freiherr von Marbiß und Tilly, Johann Tserklas. Der,

Schüler des Alexander Farnese, Belagerer von Antwerpen, bei der spanischen

Hilfe gegen die aufsässischen Guisen gestanden, mußte mit Jubel, zum Grimm

seines bayrischen Herrn, aus schwerer Bedrängnis auf die toll anrasselnde

böhmisch kaiserliche Kavalkade fliegen. Im deckensenkenden Quartier des

Bürgermeisters von Hennendorf, bei Lauenstein gelegen, stiefelte Tilly,

gebrechlich, in spanischer Kapitänstracht, am kleinen Hütlein hohe schwankende

rote Straußenfedern, an den langen hageren Böhmen heran, der heftig lachte und

sich mit ihm freute, daß es noch nicht zu spät sei, dem Feinde die Zähne zu

zeigen.

Der Brabanter, steif, gespenstig, mit einer weißen Schärpe, zwei Pistolen und

einen Dolch im Gurt, kurze weiße Haare; an den Haarspitzen schwankten ihm

wie Ähren die tausende erschlagenen Menschen. Sein bleiches spitzes Gesicht,

buschige Brauen, starrer borstiger Schnurrbart, überrieselt von den

verstümmelten Regimentern eines Menschenalters; sie hielten sich rutschend an

den Knöpfen seines grünen Wamses, an seinem Gurt. Seine knotigen Finger

bezeichneten ein jeder die Vernichtung von Städten; mit jedem Gelenk war ein Dutzend ausgerotteter Dörfer bezeichnet. Über seine Schultern schoben sich her,

zappelten die Körper der gemetzelten Türken, der Franzosen, der Pfälzer, und

doch sollte er damit erscheinen vor Gericht einmal, samt ihren Pferden und

Hunden, die über ihm hingen kreuz und quer, einer vor dem andern, über dem

andern, eine ungeheure Last, so daß sein Kopf samt dem Hütlein darunter

verschwand. Die aufgerissenen roten und borkigen Hälse, Bäuche mit weißen

regsamen Farben, geädert, triefend über die geschlitzten zurückdrängenden

Arme und die einknickenden Beine. Darmschlingen am langen Gekröse, in die

er sich verwickelte, wampend und schwabbelnd über die sich stemmenden

lederverwahrten Knie, eine riesenlange, weiche, wurmartig rieselnde Schleppe,

an der er ruckte, riß, keuchte, wenn er ging. Ein Mammut belastete er den

Boden; aber eisig hielt er sich, hörte nicht das Gebrüll der Menschen, das

markerschütternde der Schweine, Schrillen Pfeifen der Pferde, die sich alle an

ihn hielten, ihr Leben aus ihm saugen wollten, aus den feinsten Röhrchen seiner

Haare; herumlangende Pferdehälse, nüsternzitternd, scheckig, schwarz;

zerknallte Hunde, die nach seinem Mund, seiner Nase schnupperten, gierig

seinen Atem schlürften. Er mußte längst ausgeleert sein, sie sogen an einem

dürren Holz, er klapperte drin und sie brachten ihn nicht zum Sinken.

Hinter ihm vierzehn Regimenter zu Fuß und sechs zu Pferd.

Der Friedländer ihm gegenüber, ein gelber Drache aus dem böhmischen

blasenwerfenden Morast aufgestiegen, bis an die Hüften mit schwarzem

Schlamm bedeckt, sich zurückbiegend auf den kleinen knolligen Hinterpfoten,

den Schweif geringelt auf den Boden gepreßt, mit dem prallen breiten Rumpf in

der Luft sich wiegend, die langen Kinnladen aufgesperrt und wonnig

schlangenwütig den heißen Atem stoßweise entlassend, mit Schnauben und

Grunzen, das zum Erzittern brachte.

Hinter ihm vierundzwanzigtausend Männer.

Der Tilly sollte unter dem Schein, den Mansfelder zu stellen, ins Herz des

Reichs vorstoßen, sich der beiden sächsischen Kreise bemächtigen, zwei

Erzstifte, dreizehn Bistümer und Abteien. Des Böhmen Befehl lautete, durch

sanfte Mittel und Traktationen die Gemüter gewinnen, den protestantischen

Fürsten den Vorwand der Religion benehmen, welchen die Feinde des Kaisers

zur Bedeckung ihrer rebellischen Anschläge meisterlich gebrauchen.

Als sie zusammenstanden bei Hennendorf, wich der Däne von ihnen ab. Das

Jahr war vorgerückt. Links dehnte sich das Ligaheer in die Quartiere von der

Weser bis nach Goslar in die Berge; Wallenstein wollte sie ihnen nicht strittig

machen, hatte Platz in das flache Land hinein nach rechts, zwei Erzstifter,

dreizehn Bistümer und Abteien.

Ehe der Brabanter Kriegsmann Zeit hatte zum Disput und die Stifter zum Protest, zog der Böhme vorn den Riegel weg von seiner Avantgarde, das Volk

schwemmte schwabbte nach rechts, nach Norden, in das flache Land. In

Halberstadt wühlte sich der Friedländer ein; dort schlug er sein Quartier auf; alle

Städte und Dörfer besetzte er weit herum; an die Saale herüber langte er nach

Halle. Tilly, die kleine Dogge, grollte, aber der andere wies, daß er ihm im

Herbst geholfen habe, versprach noch mehr. Nach Wien trompetete der Böhme,

er säße mit allem Volk in warmen Quartieren, man staffiere sich weidlich aus;

der Kaiser möge wissen, wie schön dies Land sei, wie wohl diese Stifter dem

zweiten Sohn des Herrn anstehen würden. Zurück hallte Graf Strahlendorff:

Magdeburg sei nicht weit von Halberstadt; möge der General hören, wie schwer

die Römische Majestät daran trage, dort die Gebeine des Heiligen Norbert in

schlechter Verwahrung zu wissen.

Die kaiserlichen Räte schoben den Grafen Kollalto, der mit ihm in Prag

verhandelt hatte, zu ihm ins Lager, den ehemaligen Hofkriegsratspräsidenten.

Kollalto war ein untersetzter gewalttätiger starrer Mann, nicht jünger als der

Böhme, dem Kaiser von Gradiska her befreundet, ein starker Trinker. Er sollte

Polizei und Disziplin unter den kaiserlichen Truppen aufrecht erhalten; man

hatte neben den Böhmen mit Plan den schwer zu behandelnden Friauler gesetzt,

mit unscharf begrenzten Funktionen, einen ehrgeizigen eifersüchtigen

unbefriedigten Mann. Die Wiener verkannten den Böhmen; dieser blickte mit

blinkernden Augen rechts und links, ihm kam es auf einen Gegner mehr nicht

an. Er nahm die Entlastung an, der Friauler hielt das Spiel für gewonnen als

Nebenregent.

Da wandte sich eine Herzogin von Braunschweig, eine verschüchterte

freundliche Person, an den Herzog nach Halberstadt mit der Bitte, ihr durch das

besetzte Gebiet die Durchfuhr einiger Wagen mit Kleidungsstücken zu gestatten.

Der Herzog gab galant die Salvaguarda, bedauernd, durch die Kriegsgeschäfte

ihr Schwierigkeiten zu schaffen. Die Dame mißbrauchte ihren Geleitschein,

belud einige Wagen für ihren Keller mit Tonnen Wein. Ein Oberstleutnant mit

Patrouille des Zuges ansichtig hielt den Passierschein für gefälscht, ließ die

Dame in strömendem Regen aus ihrer Karosse auf ein Pferd setzen, sie ritten in

sein Standquartier; fünf Stück Wein wurden von den Wagen gerollt,

mitgeschleppt; die Wagen blieben unter Bedeckung liegen, die Fuhrleute

davongejagt. Bevor die Herzogin nach zwei Tagen sich an den General wandte,

wußte er schon davon, erklärte ihr seinen Unwillen, ließ den Vorfall untersuchen.

Der Oberstleutnant, verhaftet, erhielt Befehl, die geraubten Stücke

herauszugeben; es war ein Oberstleutnant vom Regiment Kollaltos, des jetzigen

Feldmarschalls. Kollalto, sonderbar verbissen und erglühend, verlangte

Auslieferung des Oberstleutnants an ihn, den Regimentsinhaber. Der General lehnte den Einspruch ab. In Wien freute man sich schon lebhaft über den Vorfall.

Da gab Kollalto nach, bevor eine kaiserliche Instanz mit der Sache befaßt wurde.

Auffallend rasch nach anfänglichem Grimm gab er nach; im Hauptquartier

erzählte man sich ein Wort des Generals, der Graf Kollalto solle nicht so um die

paar Faß Wein jammern; deutlicher wisperten andere, der Oberstleutnant habe

für seinen Oberst das Stück unternommen. Und ohne daß sich äußerlich das

Verhältnis der beiden obersten Personen des Heeres änderte, verschwand noch

während der Winterquartiere der strenge rotwangige Kollalto aus Halberstadt;

unvermutet gelangte an den Herzog die Nachricht, der Feldmarschall, sein Herr

Bruder, sei aus seiner Stellung ausgeschieden, man habe ihn wieder als

Präsidenten des Kriegsrats angenommen. Man hatte sich in Wien durch Kollalto

verstärkt.

Die Losung in der Burg: ihn niederhalten. Die Unterhaltungen Eggenbergs

Questenbergs und sogar des verwachsenen feinen Trautmannsdorf waren auf

diesen Ton gestimmt: niederhalten. Plötzlich erschien im unschlüssigen Wien,

mitten im strengsten Winter, eine ungewohnte Person, der Graf Wilhelm

Slawata, der böhmische Oberstlandkämmerer, nahm an einigen höfischen

Unterhaltungen Treibjagden Konzerten teil. Er, Vetter des Friedländers, von

erwiesener Kaisertreue, streute Gift um sich, daß selbst die Räte erschraken. Er

zog die Affäre ihres gemeinsamen Verwandten Smirsitzky hervor, dessen

Vormund der jetzige Herzog gewesen sei, und dessen Habe er sich nach dem

Verrat und dem Ausschluß aus der alten böhmischen Adelsgesellschaft

angeeignet habe; der Kaiser sei über den Vorgang falsch informiert worden. Er

rührte an den Vorfällen, die mit der Existenz eines geheimen Münzkonsortiums

zusammenhingen, brachte Tatsachen von so haarsträubender Korruption vor, daß

er sich fast der Lächerlichkeit aussetzte; man konnte nach seiner Darstellung

schließlich den Kaiser selbst der Teilnahme an jenem peinlichen Verbrechen

zeihen. Man mußte über den erstaunlich veränderten, plötzlich so

sensationslüsternen stillen Grafen zur Tagesordnung übergehen. Er sah sich am

Hof freudig aufgenommen, interessiert festgehalten, dann isoliert; seine Worte

blieben liegen. Lautlos zog er sich plötzlich, wie er erschienen war, in seinen

Prager Dienst zurück. In Wien summte man hinter ihm; man rechnete auf ihn;

hastig übergab man ihm ein Geheimreferat über böhmische Angelegenheiten.

Und man konnte hoffen, baldig dieses neuen Herzogs und Generals über eine

unkaiserliche Armada entledigt zu werden. Denn sein Erscheinen auf dem

Kriegsschauplatz, die Drohung mit der kaiserlichen Gewalt, hatte die

Niedersachsen bewogen, sich zu Verhandlungen zu bequemen, die in

Braunschweig stattfanden. Man schickte die verlässigsten Unterhändler hin, gab

die schärfsten Instruktionen, nachzugeben bis an die Grenze des Möglichen. Aber während der langen Debatten ergab sich zur Greifbarkeit, daß die

Kreisdeputierten nichts als Verschleppung vorhatten, um ihren Bundesgenossen

Zeit zur Verstärkung zu geben. Und zu ihrem Groll erkannten auch die

Unterhändler, daß Wallenstein die Atmosphäre gründlich verdorben hatte mit

drohendem Auftreten, skeptischer Ablehnung selbst an den Gesprächen

teilzunehmen. Er warb rastlos weiter. Spione über Spione warf Wien über ihn,

suchten sich an ihn zu hängen. Der Kaiser hatte dem Heer die Sanktion gegeben;

jetzt schwamm es draußen in der Welt, im Reich herum, von Woche zu Woche

unfaßbarer. Sie hatten dies Roß gezäumt, den Reiter in den Sattel gesetzt; Roß

und Reiter jagten; wer wollte sie wieder in den Stall bringen. Sie mußten hören,

was man ihnen auf Hintertreppen zutrug. Von dem Herrn kamen manchmal

Meldungen, und wenn sie nicht kamen, so kamen sie nicht.

Da schien es ihnen besser von Zeit zu Zeit zu tasten, daß er sie nicht vergäße.

Denn unzweifelhaft bewies er sich ergeben der Römischen Majestät; er hatte die

strengsten Beweise dafür geliefert, sich der Schmach, der Volksverachtung

ausgesetzt. Und langsam kam in den schwerfälligen Körper des Geheimen Rats

und der Kammer ein Vibrieren, ein Mitschwingen, ein Mitklingen. Wie wenn

einer an der Wand lauscht und unwillkürlich aus seinem Mund die Töne

kommen, die auch drüben gesungen werden.

Der matte Winterkönig, Friedrich der Wittelsbacher, lungerte in Sedan bei

seinem Oheim, dann raffte er sich auf nach dem Haag. Er ging nicht gern; den

Schlag des vergangenen Jahres, verlorene Schlachten, gnadenlose

Überwältigung durch den Kaiser, hatte er nicht verwunden; bis ins Mark fühlte

er sich geschwächt; leise Bitterkeit und Widerwillen war in den fröhlichen Mann

eingezogen. Vom Haag her rief man ihn; seine üppige leichtsinnige Elisabeth

lachte ihn aus, als er zögernd nachsann. Die Fremden, Mansfeld, der

Halberstädter Analphabet hatten für ihn gerüstet, der starke Dänenkönig schrieb

ihm huldigende trostreiche Briefe. Auf, auf!

Im Haag, im Asyl der Generalstaaten, winterliches Leben. Hin und her

zwischen Vlissingen und Southhampton und London schossen die Eilboote. Das

Jahr war schlimm für England gewesen, man war nicht aufgekommen gegen die

spanische Seemacht, zerbrochen waren die Schiffe mit schweren Verlusten in

ihre Heimathäfen eingelaufen. Des selbstherrlichen Königs Karl hatte sich die

Sorge bemächtigt; er mußte siegreich sein, die aufrührerische Gesinnung des

Parlaments kannte er. Sein Kanzler, der geleckte Wüstling Buckingham,

schwärmte um die feinen brünstigen Damen des französischen Hofes seiner

Königin. Von hier kam dem König die Einflüsterung, sich Richelieu

anzuschließen in der Bewältigung der Hugenotten, um Frankreich stark zu

machen gegen das verhaßte nebenbuhlerische Spanien. Und das Abenteuerliche geschah, zur zitternden Freude Buckinghams, dem seine Hündinnen Glück

wünschten, daß das strenge papsthassende Britenland Gelder und Schiffe

herübersandte nach der Bretagne zur Ausrottung des freien Bekenntnisses. Und

der König Karl bog die Knie vor dem kichernden vollbusigen Weibchen, der

Henriette, die an ihren braunen Stirnlöckchen schnappte und bekümmert ihr

rosarotes Seidenkleid vor dem Mann zurückhielt, und lachte schallend, während

sie einknickte und sich an seiner Halskrause hielt, wie das Parlament schäumen

würde, welche schlauen untastbaren Wege er ginge dank dieses Meisters der

Teufel Buckingham, und wie es dennoch geschehen würde, dennoch. Und

zugleich zur Ehre Frankreichs! Sie kicherte und fühlte ihr Strumpfband platzen.

Die Pfälzer Räte schickten nach London: Geld, Geld. Sie fragten ihren

Kurfürsten nicht, schrieben aus eigner Machtvollkommenheit in Gram um ihre

Heimat, der Schwager des Königs von England sei in Not, seine Schwester

ruiniert, sein Neffe zum Gespött; das alte, bald fünf Jahre alte Lied.

Widerwilliger von Monat zu Monat flossen die Gelder nach dem Haag, davon

der Bastard Mansfeld und der tolle Halberstädter rüsteten. Die beiden, von den

Summen erquickt wie Blumen vom Tau, ritten ihrem Kurfürsten auf der

Landstraße zum Haag entgegen; sein Herz schlug kräftiger, als er die starken

Pferde und die gepanzerten unbändigen Männer antraben sah. Erzählten ihm

vom König Christian und den prächtigen Niedersachsen, wie gern der Kaiser

auch Magdeburg schlucken wolle und von dem neuesten Ankerseil des löblichen

Hauses Habsburg, dem gewissen Wallenstein. Und sie freuten sich zu dritt über

den gewissen. Der schlaffe Friedrich fühlte sich wieder erwachen, hineingerissen

in das alte Leben zwischen den davontosenden schweren Kürissern.

Es gab für die zweitausend Reiter des Grafen Mansfeld keine Entfernung.

Dem kleinen kraftüberladenen Gesellen behagte nicht eine herkömmliche

Schlacht, bei der er mit seiner Bande eine Zahl stellte; ihn gelüstete von Jahr zu

Jahr stärker nach Wien. Nach Wien! Mit dem eisernen Halberstädter machte er

sich auf Hamburg, als das Frühjahr kam; es sollte die Elbe entlang auf Böhmen

gehen, während der Fuchs aus dem Bau war und sich die Pfoten in Halberstadt

wärmte.

Das Frühjahr war noch nicht zu den Kirschbäumen gekommen, da schlichen

die Mansfelder durch das Tal der Elbe. Die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit Stroh

umwickelt, in kleinen Trupps jagten sie, viele mit kaiserlichen roten Feldbinden;

bei Tag schliefen sie meist, bei Mondaufgang wirbelte ihre gedämpfte Trommel.

So zahm wie jetzt waren Mansfelder Reiter noch nie zu Landbewohnern; einige

Kompagnien kamen als verkappte Mönche und hatten ihre Pferde in Wäldern

abseits stehen, schrien von Übeltaten, die ihnen geschehen seien und erhielten

Quartiere; andere ahmten riesige Warenzüge und Pferdetransporte nach. Sie gaben sich als Dänen, Märker aus. Haufen wanderten als beklagenswerte

Flüchtlinge aus dem Holsteinischen, wußten Schmachtaten der Dänen und des

Bastard Mansfeld zu erzählen. Das ungeheure sonderbare Treiben zog sich in das

Magdeburgische hin; bei Dessau hatten die Wallensteiner die Elbbrücke

verwehrt, mit großer Macht lagen sie hinter Schanzen da, warteten auf den

Dänenkönig.

Urplötzlich eines sonnigen Apriltages warfen sich unkenntliche Streifkorps

gegen den Brückenkopf, schwammen auf Kähnen elbaufwärts. Als wäre es ein

Spuk, tauchten aus den Wäldern und Dickichten berittene Mönche und Bauern

auf; man wußte nicht, wer es war, aber sie griffen an. Griffen an, daß die

Wallensteiner zusammenschmolzen, Schrecken über sie fiel. Die Nacht kam; in

der Flanke erschienen die abenteuerlichen Feinde rechts, links, die Front der

Schanzen hatten sie eingedrückt. Der Friedländer, im Augenblick bewußt einem

Mansfeldschen Durchbruch gegenüberzustehen, rasselte ritt flog die Nacht, den

Morgen durch. Er gab stückweise Kraft von sich; die erste stärkte den

Widerstand und war blitzschnell da; die zweite wühlte sich Laufgräben bei den

Schanzen, lief gedeckt vor; die dritte faßte die siegesheiß vordringenden Reiter

in der ungeschützten Flanke, jagte sie zur Seite, ließ sie in die Laufgräben

vorrennen. Die Hauptkraft des Böhmen wallte über die Umzingelten Verjagten

her, schmetterte sie mit einem langhintreffenden Schlage zu Boden. Die letzten

waren die schlachtenden Arkebusiere Gonzagas und Koronius, Lauenburgs

beilwerfende Kürisser, Kroaten Isolanis mit der Spitzhacke, dem Schlaghammer

und türkischen Jagetan. Mittags wußte Wallensteins ganzes Heer, daß diese

einmal säbelschwingenden Mönche, diese einmal schießenden Kaufleute, einmal

schwimmenden Fuhrmänner Flüchtlinge Bauern die Mansfelder waren, die in

Rauch aufgegangen waren.

Der Mansfelder entwich in die Mark. Es fiel noch einmal Schnee. In einer

Nacht trug man den kurzen asthmatischen Mann von einem zweirädrigen

Bauernkarren herunter in ein mondbeschienenes Gehöft, dessen Bewohner ihm

und den zehn Begleitern ihre Stuben einräumten, vor dem Hause sich

ansammelten, wo der herzkranke Graf mit dem Tode rang. Man wollte ihm zum

Aderschlagen einen Barbier holen oder einen Arzt aus Tangermünde. Er, in

Stahlkappe und Brustharnisch, mit vorquellenden blauen Augen, keuchendem

Atem winkte ab, am Tisch hinter einer Kerze stehend, sich festhaltend. Die

ganze Nacht setzte er sich nicht. Wenn man ihm einen Sessel zuschob, stieß er

ihn rückwärts mit dem Fuß zurück. Kleine Schlucke Weißweins ließ er sich in

den Mund eingießen. Blickte immer steif auf das kleine viereckige Fenster, wo

das Mondlicht weiß hereinquoll. Als draußen die Hähne krähten, sank sein

Rücken zusammen, er seufzte zum erstenmal, legte sich quer auf das Bett des Bauern. Nach einem gekeuchten Fluch trank er, die Arme zitternd, einen halben

Krug Wein aus, blickte in seinem Stahlpanzer schauernd den herumstehenden

Offizieren unter die Augen: was sie nun dächten. Er röchelte, ohne ihre Antwort

abzuwarten: „Einmal ist keinmal. Wir fangen dasselbe Ding, dasselbige Ding

noch einmal an.“ Sie hoben ihn nach einer Stunde wieder auf den Karren; der

Pfaffenkaiser solle nicht glauben, er sei zahm und lieb wie der Pfälzer Herr; er

werde dem Friedländer bald am Kragen sitzen, dem Pfuscher, der sich die halbe

Welt kaufe und vermeine, damit sei es geschehen. Lauschende Reiter voran,

Laternen ausgelöscht.

Zu ihm stießen die Reste des geschlagenen Heeres; von den Dänen kamen

viele herüber, schottische Fähnlein, die seit Hamburg auf seinen Spuren zu spät

die Dessauer Brücke erreichten. Ohne Lärm schlossen sie sich in der Mark

zusammen; Bauern und Adlige gaben ihnen Geld und Proviant, Pferde

Zaumzeug und Wagen, als sie hörten, die Katholischen hätten gesiegt. Bitter

lärmte das Volk, daß der Markgraf von Brandenburg sich nicht kümmere um die

Dinge, den Mansfelder, der das Land verteidige, verkommen lasse. Aus Städten

und Dörfern strömten sie dem tapferen ingrimmigen Kleinen zu, dessen zweites

Wort war: „Kaiser? Was! Pfaff und Jesuit!“ Erschauernd vernahm das Volk die

Gerüchte von der ungeheuren Heeresmacht, die der kaiserliche Feldherr langsam

herantrieb gegen die Mark, um sich des geächteten Mansfelds zu bemächtigen.

„Der Friedländer“ flüsterte es fingerhebend in den Gassen, der grausige Mann

des Kaisers, der Jesuiten, der riesenreiche Mann, böhmische Verräter, der sein

eigenes Volk geopfert habe, dem alle zuliefen, weil er alle bezahlen könnte, das

Glück der vagierenden Räuber und Soldaten, der katholische Teufel, schlimmer

als der Tilly. Der Bastard ließ trommeln in der Mark, man lief ihm zu. Westlich

der Mark fühlten die kaiserlichen Horden vor, um ihm den Weg nach der Elbe

abzuschneiden; täglich verstärkte sich der Friedländer, seiner Sache so gewiß,

daß er ruhig anhielt.

Die Schlesier hatten alle Angst abgelegt vor dem Mansfeld seit der Dessauer

Brücke. Es war erwiesen, daß mit dem Generalissimus des Kaisers keine Späße

zu machen waren. Hatten die Söldner, die sie aus ihren knappen Mitteln

angeworben hatten, schon entlassen. Da schlug es ein, der Mansfelder lebe, hätte

seine bösen Pläne nicht aufgegeben, auf sie hätte er es abgesehen, urplötzlich

wurde im Lande Generalaufgebot befohlen, verkündeten kaiserliche Schreiben,

schonend, warnend, sich überstürzend: „Der Ächter Mansfeld ist mit seinem

räuberischen Anhang in das Fürstentum Krossen eingebrochen und soll

vorhaben, ganz in Schlesien einzufallen.“

Von Havelberg hatte sich das schütternde brusthallende Gelächter aufgemacht;

zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es war blühender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedröhn, der Markgraf solle sich

erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der Flanke des lagernden

Drachens, des Wallenstein keck vorbei, über Krossen her, auf Liegnitz zu, auf

Breslau zu. Wüstend, brennend, raubend voran durch die kaiserlichen Erblande.

Sich auf den Fußspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend,

trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: „Der Kaiser! Der

Papistenkaiser!“

Klingendes Regimentsspiel, gefüllter Troß, frische Pferde, Hafer, Heu,

Schmuck und Ketten aus den Häusern. Nach drüben zu, auf Mähren zu.

Vierzigtausend Ungarn, Türken, Tataren warteten.

 

Tosendes Gelächter in München. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige

gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland über den Kopf weg,

nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog ließ ihn durch, in die Erblande, zu

einer Verbindung mit den Ungarn, Türken, Tataren. Das Gelächter in München

scholl nach Wien herüber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von einem

Habenichts, einem Hühnerdieb, Pferdejungen des Königs von England. In der

kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem Friedländer noch

fünfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend — verteidigen. Tapfer

wird er es tun, die Zähne verbeißen, man wage es gegen ihn, den tapferen

Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. Sähe man nur: ein

Wucherer, ein Güteraufkäufer, ein leidlicher Oberst als Heerführer; ein Narr, den

die Großmannssucht gepackt hat. Die Räte waren nur schwach bereit, ihn zu

verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen aus Schlesien einliefen,

Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und Wut. An den Kopf eines

Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er saß bei Halberstadt und erpreßte Geld.

Es war eingetreten, was man befürchtet hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa

war noch da. Ruin, Ruin! Gelächter für Europa. Der wild gewordene Spekulant

als Feldherr. Mit Lärm traten sie am Hofe auf.

Wallenstein, auf einem Bauerngut bei Halberstadt, auf die Wiener Nachrichten

in tobsüchtiger Erregung, fuhr in die Stadt zurück; der Mund ging ihm über von

Schmähungen gegen die Räte, die er treulos und Schelmen nannte. Mit dem

feinen Aldringen verfuhr er auf das wildeste; dieser war zum erstenmal Zeuge

eines solchen Zustandes; er hielt den Herzog für wahnsinnig, fürchtete, von ihm

ermordet zu werden. Der Herzog warf ihm vor, daß er seine Sachen bei Hof

nicht vertrete, ihn anschwärze. Das Heer sei verloren, alles sei verloren, er selbst

verloren durch die Narrheit, Bosheit der Wiener Räte. Es sei alles verloren, denn

er werde genötigt sein — dabei geriet der Herzog in solche Erregung, daß er auf

Minuten die Sprache verlor — das Heer jenem Strauchdieb nachzuschicken und

damit hätte der Bayer erreicht, was er wollte — nach Ungarn die Kaiserlichen!

Nach Ungarn, wo man zugrunde gehen müsse. „Ich geh nach Ungarn,“ schrie er

besinnungslos Aldringen an, „die Herren setzen es durch; die treulosen an ihrem

Kaiser. Aber sie sind nicht meine Herren, sie sollen es fühlen; sie sollen mich

suchen später, wenn sie mich brauchen und werden mich suchen wie eine fromme Seele im Höllenfeuer.“

In der Tat, trotz des lauten Jammerns des ligistischen Führers, der allein

gelassen wurde gegen Dänen und Niedersachsen, brach wie ein toller Stier der

Friedländer auf. So gräßlich war sein Schelten und Toben auf den Wiener Hof,

der ihn zu der Fahrt hinter dem Mansfelder zwang, daß Aldringen Briefe an den

erschrockenen gänzlich kopfscheuen Präsidenten Kremsmünster schrieb: Der

Friedländer sei unterwegs aus Niedersachsen mit seiner ganzen wilden Armada;

er schwärme auf Schlesien zu; „begütigt ihn, laßt den Kaiser freundlich

schreiben; es kann geschehen, daß er in seinem blinden Wahnsinn auf Wien

losstürzt und Euch zertritt.“

In dem Städtchen Ellrich bei Nordhausen erlebte der alte Graf Tilly eine letzte

Begegnung mit dem Herzog vor dem Abmarsch, die in ihm die Hoffnung

auslöschte, jemals mit dem Böhmen kameradschaftlich auszukommen. Wider

alle Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erklärte der Böhme, ohne ihn zu Wort

kommen zu lassen, auf den Tisch hin, der Däne, die Niedersachsen, Mansfeld,

dazu auch schwedische Völker, seien eins darin, konzentrisch auf Schlesien

vorzugehen, die kaiserlichen Erbländer zu überfallen, nachdem sie dem

Siebenbürgen, Türken und Tataren die Hände gereicht hätten. Er könne nicht

säumen, auch nicht das Quantchen eines viertel Tages und müsse mit ganzer

Macht auf. Er, der Jüngere, überhörte in einer Roheit, die den Grafen zittern ließ,

jeden Einwand, der von eben anlangenden Kundschaftern vorgebracht und von

dem sesselversunkenen kopfsenkenden Ligisten bekräftigt wurde. Es war wie

das Amen in der Kirche, daß er, der kaiserliche General, keinen Troßbuben an

der Elbe stehenlassen könne, es würde davon nicht abgegangen werden und

wenn das ligistische Heer mit dem letzten Mann zugrunde ginge. Mit einer

Bosheit und Grausamkeit ohnegleichen schmetterte der lange herumwandernde

Böhme das dem Tilly vor die Füße. Draußen wieherten die Pferde der

Kaiserlichen. Auf einem Nachtritt waren sie hergekommen. Als Abschluß, nach

Verstreichen von fünf lautlosen Minuten, gab der Herzog ohne Vorbereitung mit

heiserer, unnatürlicher Stimme von sich, er werde fünfundachtzig Fahnen zu Roß

und Fuß zurücklassen, mehr nicht. Mit einem verzehrenden Blick äußerte er das,

während er schon die eiserne Türklinke in der Hand hatte. Und Tilly konnte drin

überlegen, was dies Ganze sollte: fünfundachtzig Fahnen, mehr, viel mehr, als er

gefordert hatte.

Wie von einem Unwetter wurde die friedländische Front abgebaut. Von der

ruhmreichen Dessauer Brücke riß sich Oberst Pechmann los, hinüber auf das

rechte Elbufer, fünftausend Mann mit ihm, Kürassiere und Arkebusiere des

Marradas, Gonzaga, Scharffenberg, Areyzago d’Avandago, Koronini, Dragoner

des Hebron. Mit wenig Tagen Abstand Infanterie und Artillerie, dann Wallenstein mit seiner Hauptmacht. Sie hatten ihn von Wien ängstlich gebeten,

nicht nach Schlesien einzudringen oder nur wenig, damit dem armen

kaiserlichen Lande nicht noch mehr geschehe; schlage er doch den Mansfeld

vorher. „Geschieht,“ brüllte der Rasende im Abmarsch zurück; „wie die Herren

es aufs Papier setzen, wird der Feind auf mich warten und sich schlagen lassen.

Und ich bin hin und her spaziert mit der Karosse von Halberstadt nach Breslau,

nach Wien, nach Halberstadt. Jetzt gibt’s nur ruinierte Länder oder verlorene

Länder. Macht kein Unterschied der Krieg zwischen des Kaisers oder eines

anderen Land.“

Sehr blaß sagte Trautmannsdorf im Rat: „Ich weiß nicht, ob wir Siege oder

Niederlagen von ihm hören werden. Er ist klug, geschickt; vielleicht wird er

siegen. Aber es scheint mir, als ob uns noch anderes von ihm zu Ohren kommen

wird.“ Und später: „Es ist mir nicht klar, gegen wen der Herzog Krieg führt.“

Die heißen Augusttage über dem drängenden Heer. Von den reichen

Futterstellen weg in fragwürdige Länder. Hinter Wallenstein die Regimenter

Kollalto Tiefenbach Merode, Schlick Sachsen-Lauenburg Wallenstein Nassau,

zu Pferd Strozzi Wittenhorst Gürzenich Zriny Neu-Sachsen Orehorzi Isolani

Kürassiere Lamottas. Sächsische Ebene, kleine Türmchen, verbrannte Äcker,

Kottbus, Forst, Sorau, Sagan. Kontributionen waren nicht zu erheben,

Wallenstein war nicht flüssig, rechts und links brachen Rotten und Kompagnien

aus, um sich bezahlt zu machen. Die Bäume füllten sich wieder mit Leichen, die

Strafen stiegen vom Strengen ins Grausame. Um den General waren der

Feldmarschall Marradas und der Feldzeugmeister Graf Schlick; sie bebten vor

dem Herzog; mit wüsten Flüchen und auf die Gehängten weisend, frohlockte er:

„Wer hat dem Kaiser diesen Krieg eingebrockt? Sie sollen hinsehen, in was für

einem Labyrinth wir stecken.“ Der Feind hatte immer fünfzig Meilen Vorsprung.

Wie Wallenstein Sagan erreichte, erstieg der Feind im Süden schon den Weg

zum Jablunkapaß. Sie wateten durch die sandigen Heerstraßen. Der Herzog rief

um Geld nach Wien; man schwieg. Ohne den Kaiser und Räte zu fragen, setzte

er Proviantrotten fest, sie schwärmten mit festen Plänen von Ort zu Ort;

Arkebusiere und Pikeniere waren ihnen beigegeben; wer zu steuern weigerte,

verlor seine Habe und oft sein Leben. Hinter Bunzlau drang Pest in das Heer ein;

Wallonen des Merode, verlassen, halb sterbend, plünderten die Stadt. Jauer

Striegau Schweidnitz Neiße. Man rauschte an Städten und festen Plätzen vorbei,

die der weit voran tobende Feind genommen und mit Truppen besetzt hatte; mit

Peitschenhieben drang der Anblick der verschlossenen Tore auf sie ein; Gift goß

er in ihr schon halb gerinnendes Blut. Drohende Patente warf Wallenstein vor

sich durch Schlesien, hieß die Mansfelder meineidig, treulos, und daß ihnen

keiner Quartier gebe und jeder ohne Schonung des Lebens niedergemacht werde. Man rauschte durch Schlesien; zur Seite, hinter sich ließ man die genommenen

Städte mit den ausfalls- und plünderungssüchtigen Besatzungen; das Land schrie

geängstigt, man durfte nichts hören, man hatte keine Zeit. Mußte in die blinde

heiße Luft hinein, in das ungarische Elend. Die Pest warf neue Kompagnien hin,

die Ernte des Jahres verbrannt; hinter ihnen, wie sie hin schmolzen und

verdarben, jubelten die Feinde. In Wien lachte, halb gebannt, alles was

mißgünstig war, des Verblendeten, der rannte wie ein tollwütiger Hund. In Prag

in der Burg nahm Slawata die Aufforderung des Herzogs Proviant Proviant

Proviant zu liefern, langsam vom Tisch, zerknüllte sie, ließ sie zu Boden gleiten.

Der Bastard sah den Friedländer in langen Sprüngen hinter sich; bis an den

Jablunkapaß wollte er ihn locken, dann querfeldein, ein Gelächter ausstoßend,

mit dem Schwanz des kaiserlichen Heeres durch Mähren, Böhmen fackeln nach

Wien oder nach dem Elsaß. Der Friedländer gab kein Wort nach Wien; aber wie

jagten die Kuriere herauf zu ihm, bei den unschlüssigen verdächtigen

Bewegungen der Mansfelder Bestie. Die Stadtgarde lief mit Wallenstein; und

Wien in unmittelbarer Gefahr. Die Boten wagten sich nicht vor den Herzog; der

Marradas und Aldringen warnte sie, nahm ihnen ihre Briefe ab; man konnte

riskieren, daß der Herzog aus bloßem Groll die Hauptstadt dem Äußersten

aussetzte. Er erfuhr nichts von den Briefen; wie ein Magier an seinem Feuer hing

er an Mansfeld, dem irrlichterlierenden Springteufel. Eine heiße gefährliche

Ruhe hatte sich über den Friedländer gelegt; er schwamm hingenommen, die

Erde versunken, im Fahrwasser des Bastards. Schon war der nach Westen

umgebogen, hatte vom Jablunka herunter sich auf die Straße nach Leipnik

gesetzt, da zuckte der Friedländer in einer gewaltigen Bewegung zur Seite,

stellte sich versperrend vor Olmütz. Kavallerie über Kavallerie warf er über die

Straßen; der Mansfelder bäumte zurück, schoß nach Süden, um über die

Marchbrücke nach Böhmen einzustoßen. Der Herzog legte sich selbst an die

Spitze seiner Vortruppen, Eisen und Magnet prallte zusammen. Noch einmal riß

sich, Hunderte von Mann verlierend, der Bastard los, heulend, Gott und die

Seligkeit verfluchend; ein Donnerwetter von Hufschlägen prasselte über die

Straße. Verloren der Weg nach Böhmen. Hinein, hinunter in die heiße Hölle,

nach Ungarn. Von den Wagen brachen die Räder, Pferde schlug man nieder,

schlang Fleisch.

Breit lagerte der Kaiserliche vor dem Waagstrom, einige Wiener Briefe ließ

man zu ihm durch, die vor Bethlen Gabor und den Türken warnten. Stumm blieb

der Herzog; abwesend gab er von sich: „Mir graust vor ihnen allen nicht.“

Knapp achttausend Mann hatte er nach Ungarn eingeschleppt; ein ganzes Drittel

des Heeres war, ohne einen Kampf bestanden zu haben, in die Erde gesunken.

Da standen sie auf den grauen dunstüberlagerten Pußten nach der atemlosen Jagd, regten sich kaum. Fühlten beide eine furchtbare Schwäche in den Gliedern.

Der Mansfelder begann zuerst sich davonzuschleppen, nach rückwärts schielend.

Der Waagstrom lag braun und tief zwischen ihnen; Wallenstein stumpf, wand

sich mit lahmem Kreuz herüber. Die Lagerstätten des andern rauchten vor ihm.

Sie schlichen hintereinander; in der Hitze versiegte der Schweiß, wie er nur

ausgebrochen war, in der Haut; sie schluckten Wasser und trockneten ein. Einer

roch den andern. Sie warfen sich von Ort zu Ort, drückten ihre Leiber fest an den

Boden, umklammerten Gehöfte Dörfer Flecken, und wie sie abzogen, ließen sie

Schlamm Kot Blut zurück, Schutt, glimmende Asche, gelbe Leichen mit

verbogenen Gliedern, offenen Mäulern.

Von Einzelläufern kam die Nachricht — Mansfeld und den Böhmen erreichte

sie zu gleicher Zeit — daß über die Heide her der Siebenbürger Fürst mit

zwölftausend frischen Reitern von Dabreczin schwebe; in Ofen klingle die

Janitscharenmusik des Türken, die Türken rennen zu Hauf, die Widersacher, sie

kommen, sie kommen bald. Stumpf wiesen die Mansfelder das ab; sie hörten

kaum hin, ließen sich nicht stören, sie waren im Geschäft des Sterbens, der

Boden war schön. Bis über die stille stille Steppe mitten am hellen Tage kleine

zweirädrige Wägelchen auftauchten, unter die Mansfelder rollend Wasser Wein.

Man fragte nicht, wer sie seien, zerbrach die Tonnen, verschüttete das Wasser,

sank hin. Neue Wagen, Brot Vieh Wasser Wein frische Pferde Heu am hellen

Tage über die platte mörderische Steppe. Die Söldner wußten nichts von Krieg,

umfingen zärtlich das Wasserchen, weißes Wasserchen, süßes Wasserchen,

streckten sich hin, aßen, lachten. Liebes Brot, liebes Wasser, lieber Wein.

Richteten sich auf und fingen zu heulen an, küßten sich, die Eisenhauben

abgeworfen, umarmten sich, blökten wie Vieh mit verzerrten, kläglichen

Mienen, schlugen den Sand mit den Fäusten, pochten mit Riemen an ihre Brüste.

Das Heulen verbreitete sich unter allen Soldaten, es artete in fiebriges Wüten

aus; monoton schwoll und hallte das Jammern. Wie die Führer unter sie stiegen,

weigerten sie sich zu marschieren. Sie hielten sich jauchzend und einander

ermunternd an den Wein, das Fleisch, das Wasser. Auf alles Bitten und Befehlen

schüttelten sie den Kopf, schlürften, duselten, schliefen, weinten, kannten sich

nicht. Braune Sumpfrasen, in die sie singend, lethargisch, triebartig liefen;

versanken. Blaugeschecktes mannshohes Goldbartgras; die Ährchen glänzten

metallisch, Federgräser, Schmetterlingsblume. Der schwarze Ibis lief vorüber.

Als der Flugsand sein Lager fast verschüttete, nahm Wallenstein mit seinem

Obersten eine Zählung vor; dann hieß er die Menge der Profosse und Henker

verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschöpften Widerspenstigen

Aufsässigen Kranken aufräumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in

einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklärte er zum Fenster heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spaß von ihm und dem Kaiser

angenommen worden, keineswegs, es könne um das Leben gehen. Er würde

Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt beginnenden

Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne Gericht, der nicht

mit voll erlaubter Grausamkeit sich gütlich tue an den Meineidigen. Dies möge

von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden. Einen Tag vor der

Begegnung mit dem Feinde strömte das Blut im Heere der Kaiserlichen, dem

Blutbad fielen vierhundertfünfzig Mann zum Opfer; sie wurden fast ohne Grund

von Beauftragten in ihren Zelten oder auf Lagerstraßen zur Abschreckung

niedergemacht. Gepeitscht, gänzlich besinnungslos, raste von Neuhäusel das

kaiserliche Heer los. Sie lagerten nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier

Stunden über Nacht, rannten — Wallenstein unter ihnen — daß Troß und

Bagage zurückblieben und ihnen nur Rettung in der Besiegung des Feindes

gegeben war. Die Türken streckten die Hälse über die Mauern von Neograd; in

starren, unbezwinglichen, grausigen Wellen kamen unten Massen her, ohne

Artillerie, ohne Gefährt. Die Türken wichen ab von der Stadt. Die

Menschenwellen schlugen über der Stadt zusammen. Sechs Tage setzte sich

Wallenstein.

Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die

Torfsümpfe, kaute rohe Rüben und Blätter, scharfe Pflanzenhalme. Die

ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut alles.

Fast vernichtet, des Äußersten gewärtig, schleppten sich da Bethlen und

Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich gefunden,

gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhügeln gegenüber;

Regengüsse, Sturm, Hagel; Fieber schüttelten die Söldner. Meilenweit Öde.

Aufglitzernde Teiche, Weidenbüsche, Röhricht, weiße Dünen. Da lagen sie, die

sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in riesigen Wasserstiefeln,

mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die Wallensteiner herüber, wo sich die

Leiber der Mansfelder wanden, fanden nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen

auf sie ein, achtete nicht auf erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern,

wußten auf dem Felde nicht, was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und

Nacht; Wasserratten schwammen durch die lehmigen Tümpel Lachen, zogen

sich an Zeltplanen hoch, fraßen Holz Leder Leichen an, stürzten wimmelnd in

die Lagerstätten.

Wie der Regen nachließ, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds

Heer frei; weg liefen sie, verschüchtert vergraust, zu Menschen, in die Städte

nach Norden, nach Westen, in die Dörfer Gehöfte, verkrochen sich in Häuser,

hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit gerunzelten Stirnen.

Den Bastard fand man eines Morgens brüllend und schäumend am Boden seines Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wußte, was das war.

Zwölf Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte

er für tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er würde im Anfall

verrecken.

Mittags stiegen zwei zu ihm auf den überdachten Troßwagen; er saß im

Panzer auf den Decken, der kleine geschwollene glotzäugige Mann, wog Geld in

der Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: „Weiter! Weiter!“ Warf

ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man

machte sich auf die Flucht. „Ich muß nach Venedig, ich muß nach England.

Vorwärts. Wir sollen den Betrüger schlagen, den gelben Böhmen. Der falsche

Soldat, Kipper und Wipper.“ „Weiber! Weiber!“ Man brachte ihm aus Dörfern,

aus den Wäldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mädchen.

Ärmelhemden aus feiner weißer Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals

gefältelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie liefen mit

nackten Füßen, schaukelten kirschrote kurze Röcke; wie Kälber vor dem

Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld schlug eine

Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten, bettelten: „Weg

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