Wallensteins Tod

Friedrich Schiller · Anhang

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Wallensteins Tod

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Gräfin. Herzogin. Thekla.

 

Thekla. (will die Herzogin zurückhalten)

O liebe Mutter, bleiben Sie zurück!

Herzogin.

Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,

Das mir verhehlt wird—Warum meidet mich

Die Schwester? Warum seh ich sie voll Angst

Umhergetrieben, warum dich voll Schrecken?

Und was bedeuten diese stummen Winke,

Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?

Thekla.

Nichts, liebe Mutter!

Herzogin.

Schwester, ich will's wissen.

Gräfin.

Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!

Läßt sich's verbergen? Früher, später muß

Sie's doch vernehmen lernen und ertragen!

Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwäche nachzugeben,

Mut ist uns not und ein gefaßter Geist,

Und in der Stärke müssen wir uns üben.

Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal

Mit einem Wort—Man hintergeht Euch, Schwester.

Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt—der Herzog

Ist nicht entsetzt—er ist—

Thekla. (zur Gräfin gehend)

Wollt Ihr sie töten?

Gräfin.

Der Herzog ist—

Thekla. (die Arme um die Mutter schlagend).

O standhaft, meine Mutter!

Gräfin.

Empört hat sich der Herzog, zu dem Feind

Hat er sich schlagen wollen, die Armee

Hat ihn verlassen, und es ist mißlungen.

(Während dieser Worte wankt die Herzogin und fällt ohnmächtig in die Arme ihrer Tochter.)

 

Dreizehnter Auftritt

Ein großer Saal beim Herzog von Friedland.

 

Wallenstein. (im Harnisch)

Du hast's erreicht, Octavio—Fast bin ich

Jetzt so verlassen wieder, als ich einst

Vom Regenspurger Fürstentage ging.

Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst—doch was

Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.

Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,

Da steh ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen

Im Marke lebt die schaffende Gewalt,

Die sprossend eine Welt aus sich geboren.

Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,

Ich einzelner. Dahingeschmolzen vor

Der schwed'schen Stärke waren eure Heere,

Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;

Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,

Ergoß sich dieser Gustav, und zu Wien

In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.

Soldaten waren teuer, denn die Menge

Geht nach dem Glück—Da wandte man die Augen

Auf mich, den Helfer in der Not, es beugte sich

Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekränkten:

Ich sollte aufstehn mit dem Schöpfungswort

Und in die hohlen Läger Menschen sammeln.

Ich tat's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name

Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt. Der Pflug,

Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt

Der altbekannten Hoffnungsfahne zu—

—Noch fühl ich mich denselben, der ich war!

Es ist der Geist, der sich den Körper baut,

Und Friedland wird sein Lager um sich füllen.

Führt eure Tausende mir kühn entgegen,

Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,

Nicht gegen mich—Wenn Haupt und Glieder sich trennen,

Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.

(Illo und Terzky treten ein.)

Mut, Freunde, Mut! Wir sind noch nicht zu Boden.

Fünf Regimenter Terzky sind noch unser

Und Buttlers wackre Scharen—Morgen stößt

Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.

Nicht mächt'ger war ich, als ich vor neun Jahren

Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.

 

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Neumann, der den Grafen Terzky beiseite führt und mit ihm spricht.

 

Terzky. (zu Neumann).

Was suchen Sie?

Wallenstein.

Was gibt's?

Terzky.

Zehn Kürassiere

Von Pappenheim verlangen dich im Namen

Des Regiments zu sprechen.

Wallenstein. (schnell zu Neumann)

Laß sie kommen.

(Neumann geht hinaus.)

Davon erwart ich etwas. Gebet acht,

Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.

 

Fünfzehnter Auftritt

Wallenstein. Terzky. Illo. Zehn Kürassiere, von einem Gefreiten geführt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.

 

Wallenstein. (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zum Gefreiten)

Ich kenne dich wohl. Du bist aus Brügg' in Flandern,

Dein Nam' ist Mercy.

Gefreiter.

Heinrich Mercy heiß ich.

Wallenstein.

Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,

Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,

Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.

Gefreiter.

So ist's, mein General.

Wallenstein.

Was wurde dir

Für diese wackre Tat?

Gefreiter.

Die Ehr', mein Feldherr,

Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.

Wallenstein. (wendet sich zu einem andern)

Du warst darunter, als ich die Freiwilligen

Heraus ließ treten auf dem Altenberg,

Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.

Zweiter Kürassier.

So ist's, mein Feldherr.

Wallenstein.

Ich vergesse keinen,

Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.

Bringt eure Sache vor.

Gefreiter. (kommandiert)

Gewehr in Arm!

Wallenstein. (zu einem dritten gewendet)

Du nennst dich Risbeck, Köln ist dein Geburtsort.

Dritter Kürassier.

Risbeck aus Köln.

Wallenstein.

Den schwed'schen Oberst Dübald brachtest du

Gefangen ein im Nürenberger Lager.

Dritter Kürassier.

Ich nicht, mein General.

Wallenstein.

Ganz recht! Es war

Dein ältrer Bruder, der es tat—du hattest

Noch einen jüngern Bruder, wo blieb der?

Dritter Kürassier.

Er steht zu Olmütz bei des Kaisers Heer.

Wallenstein. (zum Gefreiten)

Nun so laß hören.

Gefreiter.

Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,

Der uns—

Wallenstein. (unterbricht ihn)

Wer wählte Euch?

Gefreiter.

Jedwede Fahn'

Zog ihren Mann durchs Los.

Wallenstein.

Nun denn zur Sache!

Gefreiter.

Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,

Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukündigen,

Weil du ein Feind und Landsverräter seist.

Wallenstein.

Was habt ihr drauf beschlossen?

Gefreiter.

Unsre Kameraden

Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben

Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten

Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.

—Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind

Und Landsverräter bist, wir halten's bloß

Für Lug und Trug und spanische Erfindung.

(Treuherzig.)

Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,

Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,

Das höchste Zutraun haben wir zu dir,

Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,

Den guten Feldherrn und die guten Truppen.

Wallenstein.

Daran erkenn ich meine Pappenheimer.

Gefreiter.

Und dies entbietet dir dein Regiment:

Ist's deine Absicht bloß, dies Kriegeszepter,

Das dir gebührt, das dir der Kaiser hat

Vertraut, in deinen Händen zu bewahren,

Östreichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,

So wollen wir dir beistehn und dich schützen

Bei deinem guten Rechte gegen jeden—

Und wenn die andern Regimenter alle

Sich von dir wenden, wollen wir allein

Dir treu sein, unser Leben für dich lassen.

Denn das ist unsre Reiterpflicht, daß wir

Umkommen lieber, als dich sinken lassen.

Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief

Besagt, wenn's wahr ist, daß du uns zum Feind

Treuloserweise willst hinüberführen,

Was Gott verhüte! ja, so wollen wir

Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.

Wallenstein.

Hört, Kinder—

Gefreiter.

Braucht nicht viel Wort. Sprich

Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.

Wallenstein.

Hört an. Ich weiß, daß ihr verständig seid,

Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt.

Drum hab ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvoll

Stets unterschieden in der Heereswoge;

Denn nur die Fahnen zählt der schnelle Blick

Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,

Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,

Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten—

So, wißt ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;

Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen

Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen

Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,

Hab ich als freie Männer euch behandelt,

Der eignen Stimme Recht euch zugestanden—

Gefreiter.

Ja, würdig hast du stets mit uns verfahren, Wallenstein.

Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,

Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.

Wir folgen auch dem großen Haufen nicht,

Du siehst's! Wir wollen treulich bei dir halten.

Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns genügen,

Daß es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,

Daß du das Herr zum Feind nicht wollest führen.

Wallenstein.

Mich, mich verrät man! Aufgeopfert hat mich

Der Kaiser meinen Feinden, fallen muß ich,

Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.

Euch will ich mich vertrauen—Euer Herz

Sei meine Festung! Seht, auf diese Brust

Zielt man! Nach diesem greisen Haupte!—Das

Ist span'sche Dankbarkeit, das haben wir

Für jene Mordschlacht auf der alten Feste,

Auf Lützens Ebnen! Darum warfen wir

Die nackte Brust der Partisan' entgegen,

Drum machten wir die eisbedeckten Erde,

Den harten Stein zu unserm Pfühl; kein Strom

War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,

Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen

Durch alle Schlangenkrümmen seiner Flucht,

Ein ruheloser Marsch war unser Leben,

Und wie des Windes Sausen, heimatlos,

Durchstürmten wir die kriegbewegte Erde.

Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,

Die undankbare, fluchbeladene, getan,

Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Last

Gewälzt, soll dieser kaiserliche Jüngling

Den Frieden leicht wegtragen, soll den Ölzweig,

Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,

Sich in die blonden Knabenhaare flechten—

Gefreiter.

Das soll er nicht, solang wir's hindern können.

Niemand als du, der ihn mit Ruhm geführt,

Soll diesen Krieg, den fürchterlichen, enden.

Du führtest uns heraus ins blut'ge Feld

Des Todes, du, kein andrer, sollst uns fröhlich

Heimführen in des Friedens schöne Fluren,

Der langen Arbeit Früchte mit uns teilen—

Wallenstein.

Wie? denkt ihr euch im späten Alter endlich

Der Früchte zu erfreuen? Glaubt das nicht.

Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer

Erblicken! Dieser Krieg verschlingt uns alle.

Östreich will keinen Frieden; darum eben,

Weil ich den Frieden suche, muß ich fallen.

Was kümmert's Östreich, ob der lange Krieg

Die Heere aufreibt und die Welt verwüstet,

Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.

Ihr seid gerührt—ich seh den edeln Zorn

Aus euren kriegerischen Augen blitzen.

O daß mein Geist euch jetzt beseelen möchte,

Kühn, wie er einst in Schlachten euch geführt!

Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen

Bei meinem Rechte schützen—das ist edelmütig!

Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet,

Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr

Für euren Feldherrn euch geopfert haben.

(Zutraulich.)

Nein! Laßt uns sicher gehen, Freunde suchen,

Der Schwede sagt uns Hilfe zu, laßt uns

Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,

Europens Schicksal in den Händen tragen

Und der erfreuten Welt aus unserm Lager

Den Frieden schön bekränzt entgegenführen.

Gefreiter.

So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?

Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns

Nicht schwedisch machen?—sieh, das ist's allein,

Was wir von dir verlangen zu erfahren.

Wallenstein.

Was geht der Schwed' mich an? Ich haß ihn, wir

Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk ich ihn

Bald über seine Ostsee heimzujagen.

Mir ist's allein ums Ganze. Seht! Ich hab

Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.

Ihr seid gemeine Männer nur, doch denkt

Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,

Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede—

Seht! Fünfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,

Und noch ist nirgends Stillstand. Schwed' und Deutscher!

Papist und Lutheraner! Keiner will

Dem andern weichen! Jede Hand ist wider

Die andre! Alles ist Partei und nirgends

Kein Richter! Sagt, wo soll das enden? wer

Den Knäul entwirren, der, sich endlos selbst

Vermehrend, wächst—Er muß zerhauen werden.

Ich fühl's, daß ich der Mann des Schicksals bin,

Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollführen.

 

Sechzehnter Auftritt

Buttler. Vorige.

 

Buttler. (in Eifer)

Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.

Wallenstein.

Was?

Buttler.

Das muß uns schaden bei den Gutgesinnten.

Wallenstein.

Was denn?

Buttler.

Es heißt den Aufruhr öffentlich erklären!

Was ist es denn?

Buttler.

Graf Terzkys Regimenter reißen

Den kaiserlichen Adler von den Fahnen

Und pflanzen deine Zeichen auf.

Gefreiter. (zu den Kürassieren).

Rechts um!

Wallenstein.

Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!

(Zu den Kürassieren, welche abmarschieren.)

Halt, Kinder, halt—Es ist ein Irrtum—Hört—

Und streng will ich's bestrafen—Hört doch! Bleibt.

Sie hören nicht.

(Zu Illo.)

Geh nach, bedeute sie,

Bring sie zurück, es koste was es wolle.

(Illo eilt hinaus.)

Das stürzt uns ins Verderben—Buttler! Buttler!

Ihr seid mein böser Dämon, warum mußtet Ihr's

In ihrem Beisein melden!—Alles war

Auf gutem Weg—Sie waren halb gewonnen—

Die Rasenden, mit ihrer unbedachten

Dienstfertigkeit!—O grausam spielt das Glück

Mit mir! Der Freunde Eifer ist's, der mich

Zugrunde richtet, nicht er Haß der Feinde.

 

Siebzehnter Auftritt

Vorige. Die Herzogin stürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und die Gräfin. Dann Illo.

 

Herzogin.

O Albrecht! Was hast du getan!

Wallenstein.

Nun das noch!

Gräfin.

Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht,

Sie wissen alles.

Herzogin.

Was hast du getan!

Gräfin. (zu Terzky)

Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn

Verloren?

Terzky.

Alles. Prag ist in des Kaisers Hand,

Die Regimenter haben neu gehuldigt.

Gräfin.

Heimtückischer Octavio!—Und auch

Graf Max ist fort?

Terzky.

Wo sollt er sein? Er ist

Mit seinem Vater über zu dem Kaiser.

(Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem Busen verbergend.)

Herzogin. (sie in die Arme schließend).

Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!

Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky).

Laß einen Reisewagen schnell bereit sein

Im Hinterhofe, diese wegzubringen.

(Auf die Frauen zeigend.)

Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,

Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.

(Zu Illo, der wiederkommt.)

Du bringst sie nicht zurück?

Illo.

Hörst du den Auflauf?

Das ganze Korps der Pappenheimer ist

Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst,

Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloß,

Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,

Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man

Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.

(Alle stehen erstaunt.)

Wallenstein.

Sagt' ich's nicht?

O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier.

Er hat mich nicht verraten, hat es nicht

Vermocht—Ich habe nie daran gezweifelt.

Gräfin.

Ist er noch hier, o dann ist alles gut,

Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll!

(Thekla umarmend.)

Terzky.

Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte

Hat uns verraten, ist zum Kaiser über,

Wie kann er's wagen, hierzusein?

Illo. (zum Wallenstein)

Den Jagdzug,

Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch

Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.

Gräfin.

O Nichte, dann ist er nicht weit!

Thekla. (hat den Blick nach der Türe geheftet und ruft lebhaft)

Da ist er!

 

Achtzehnter Auftritt Die Vorigen. Max Piccolomini.

 

Max. (mitten in den Saal tretend).

Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht länger,

Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,

Den günst'gen Augenblick verstohlen zu

Erlauern—Dieses Harren, diese Angst

Geht über meine Kräfte!

(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme geworfen.)

O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel.

Bekenn es frei vor allen. Fürchte niemand.

Es höre, wer es will, daß wir uns lieben.

Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis

Ist für die Glücklichen; das Unglück braucht,

Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,

Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.

(Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Gesicht auf Thekla blickt.)

Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend,

Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben.

Abschied zu nehmen, komm ich—Es ist aus.

Ich muß, muß dich verlassen, Thekla—muß!

Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen.

Nur einen Blick des Mitleids gönne mir,

Sag, daß du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla. (Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.)

O Gott!—Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle.

Ich kann es nicht—kann diese Hand nicht lassen.

Sag, Thekla, daß du Mitleid mit mir hast,

Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders.

(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater; er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)

Du hier?—Nicht du bist's, den ich hier gesucht.

Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.

Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich,

Von diesem Herzen freigesprochen sein,

An allem andern ist nichts mehr gelegen.

Wallenstein.

Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen

Und eine Großmutsszene mit dir spielen?

Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,

Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht

Umsonst in meine Macht gegeben sein.

Denk nicht, daß ich die alte Freundschaft ehren werde,

Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten

Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,

Und Haß und Rache kommen an die Reihe.

Ich kann auch Unmensch sein, wie er.

Max.

Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.

Wohl aber weißt du, daß ich deinem Zorn

Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier

Zurückhält, weißt du!

(Thekla bei der Hand fassend.)

Sieh! Alles—alles wollt' ich dir verdanken,

Das Los der Seligen wollt' ich empfangen

Aus deiner väterlichen Hand. Du hast's

Zerstört, doch daran liegt dir nichts. Gleichgültig

Trittst du das Glück der Deinen in den Staub,

Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.

Wie das gemütlos blinde Element,

Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schließen,

Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.

Weh denen, die auf dich vertraun, an dich

Die sichre Hütte ihres Glückes lehnen,

Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!

Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller Weile

Gärt's in dem tück'schen Feuerschlunde, ladet

Sich aus mit tobender Gewalt, und weg

Treibt über alle Pflanzungen der Menschen

Der wilde Strom in grausender Zerstörung.

Wallenstein.

Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's

Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,

In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.

O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte

Der Abgrund den verstecktesten der Geister,

Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihn

Als Freund an meine Seite. Wer vermag

Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog

Des Basilisken auf an meinem Busen,

Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sog

Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten,

Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,

Weit offen ließ ich des Gedankens Tore

Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg—

Am Sternenhimmel suchten meine Augen,

Im weiten Weltenraum den Feind, den ich

Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.

—Wär' ich dem Ferdinand gewesen, was

Octavio mir war—Ich hätt' ihm nie

Krieg angekündigt—nie hätt' ich's vermocht.

Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,

Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.

Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er

Den Feldherrnstab in meine Hände legte;

Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,

Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.

Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet

Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.

Max.

Ich will den Vater nicht verteidigen.

Weh mir, daß ich's nicht kann!

Unglücklich schwere Taten sind geschehn,

Und eine Frevelhandlung faßt die andre

In enggeschloßner Kette grausend an.

Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,

In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens?

Wem brachen wir die Treue? Warum muß

Der Väter Doppelschuld und Freveltat

Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden?

Warum der Väter unversöhnter Haß

Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden?

(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)

Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und

nähert sich jetzt).

Max! Bleibe bei mir.—Geh nicht von mir, Max!

Sieh, als man dich im pragschen Winterlager

Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,

Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand

War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,

Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ich

Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,

Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ich

Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner

Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit,

Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen,

Das junge Leben wieder freudig fühltest.

Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert?

Ich habe viele Tausend reich gemacht,

Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt

Mit Ehrenstellen—dich hab ich geliebt,

Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.

Sie alle waren Fremdlinge, du warst

Das Kind des Hauses—Max! du kannst mich nicht

verlassen!

Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,

Daß mich der Max verlassen kann.

Max.

O Gott!

Wallenstein.

Ich habe dich gehalten und getragen

Von Kindesbeinen an—Was tat dein Vater

Für dich, das ich nicht reichlich auch getan?

Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,

Zerreiß es, wenn du kannst—Du bist an mich

Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande,

Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,

Die Menschen aneinanderketten kannn.

Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser,

Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,

Mit seinem Widderfell dafür belohnen,

Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend,

Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.

Max. (in heftigem Kampf)

O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht?

Mein Eid—die Pflicht—

Wallenstein.

Pflicht, gegen wen? Wer bist du?

Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's

Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst

Du dir? Bist du dein eigener Gebieter,

Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß du

Der Täter deiner Taten könntest sein?

Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,

Mir angehören, mir gehorchen, das

Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.

Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,

Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft

Auf ein nächste Welt und sie entzündet,

Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst,

Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft

Samt seinem Ring und allen seinen Monden.

Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,

Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,

Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.

 

Neunzehnter Auftritt

Vorige. Neumann.

 

Wallenstein.

Was gibt's?

Neumann.

Die Pappenheimischen sind abgesessen

Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen,

Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen,

Den Grafen wollen sie befrein.

Wallenstein. (zu Terzky)

Man soll

Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen.

Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.

(Terzky geht.)

Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann,

Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks,

Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,

Was mir gefallen wird zu tun.

(Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)

Gräfin.

Entlaß ihn.

Ich bitte dich, entlaß ihn!

Illo. (am Fenster)

Tod und Teufel!

Wallenstein.

Was ist's?

Illo.

Aufs Rathaus steigen sie, das Dach

Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen

Aufs Haus—

Max.

Die Rasenden!

Illo.

Sie machen Anstalt,

Uns zu beschießen—

Herzogin und Gräfin.

Gott im Himmel!

Max. (zu Wallenstein).

Laß mich

Hinunter, sie bedeuten—

Wallenstein.

Keinen Schritt!

Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend)

Ihr Leben aber! Deins!

Wallenstein.

Was bringst du, Terzky?

 

Zwanzigster Auftritt

Vorige. Terzky kommt zurück.

 

Terzky.

Botschaft von unsern treuen Regimentern.

Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen,

Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,

Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr,

Und wenn du nur die Losung wolltest geben,

So könnten sie den Feind im Rücken fassen,

Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge

Der Straßen leicht ihn überwältigen.

Illo.

O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten.

Die Buttlerischen halten treu zu uns,

Wir sind die größre Zahl und werfen sie

Und enden hier in Pilsen die Empörung.

Wallenstein.

Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden

Und brüderliche Zwietracht, feueraugig,

Durch ihre Straßen losgelassen toben?

Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört,

Soll die Entscheidung übergeben sein?

Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen;

Die losgebundnen Furien der Wut

Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück.

Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht,

So mag sich's rasch und blutig denn entladen.

(Zu Max gewendet.)

Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen?

Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich

Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf.

Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas

Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen,

Und keinen schönern Tag erlebst du, mir

Die Schule zu bezahlen.

Gräfin.

Ist es dahin

Gekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?

Max.

Die Regimenter, die mir anvertraut sind,

Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ich

Gelobt; dies will ich halten oder sterben.

Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte

Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,

Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig. (Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)

Wallenstein.

Was ist das?

Terzky.

Er stürzt.

Wallenstein.

Stürzt! Wer?

Illo.

Die Tiefenbacher taten

Den Schuß.

Wallenstein.

Auf wen?

Illo.

Auf diesen Neumann, den

Du schicktest—

Wallenstein. (auffahrend).

Tod und Teufel! So will ich—

(Will gehen.)

Terzky.

Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?

Herzogin und Gräfin.

Um Gotteswillen nicht!

Illo.

Jetzt nicht, mein Feldherr.

Gräfin.

O halt ihn! halt ihn!

Wallenstein.

Laßt mich!

Max.

Tu es nicht,

Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie

In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue—

Wallenstein.

Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert.

Das konnten sie sich freventlich erkühnen,

Weil sie mein Angesicht nicht sahn—sie sollen

Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören—

Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht

Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter?

Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen, Gräfin.

Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.

Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich

Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell

Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn

Ins alte Bette des Gehorsams wieder.

(Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)

 

Einundzwanzigster Auftritt

Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.

 

Gräfin. (zur Herzogin)

Wenn sie ihn sehn—Es ist noch Hoffnung, Schwester.

Herzogin.

Hoffnung! Ich habe keine.

Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf

von ferne gestanden, tritt näher).

Das ertrag ich nicht.

Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,

Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,

Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter,

Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,

Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,

Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn,

Die ich mit einem Wort beglücken kann—

Das Herz in mir empört sich, es erheben

Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,

In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen.

O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,

Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,

Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.

Gräfin.

Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?

So will ich's Ihnen sagen!

Ihr Vater hat den schreienden Verrat

An uns begangen, an des Fürsten Haupt

Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus

Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:

Gutmachen, was der Schändliche verbrochen,

Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,

Daß nicht der Name Piccolomini

Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus

Der Wallensteiner.

Max.

Wo ist eine Stimme

Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle

Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetzt

Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,

Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfte

Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!

(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)

Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich

Noch einen andern?

(Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)

Hier, auf dieses Herz,

Das unfehlbare, heilig reine will

Ich's legen, deine Liebe will ich fragen,

Die nur den Glücklichen beglücken kann,

Vom unglückselig Schuldigen sich wendet.

Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?

Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.

Gräfin. (mit Bedeutung)

Bedenkt—

Max. (unterbricht sie)

Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.

Gräfin.

An Euren Vater denkt—

Max. (unterbricht sie)

Nicht Friedlands Tochter,

Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!

Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,

Das möchtst du mit klugem Geist bedenken.

Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück

Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,

Die seine Tat zum Muster nehmen werden.

Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören?

Soll ich ins Lager des Octavio

Die vatermörderische Kugel senden?

Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,

Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,

Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen

Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen,

Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.

Thekla.

O Max—

Max. (unterbricht sie)

Nein, übereile dich auch nicht.

Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte

Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht

Das Große, nur das Menschliche geschehe.

Denk, was der Fürst von je an mir getan;

Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,

O auch die schönen, freien Regungen

Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue

Sind eine heilige Religion dem Herzen,

Schwer rächen sie die Schauder der Natur

An dem Barbaren, der sie gräßlich schändet.

Leg alles, alles in die Waage, sprich

Und laß dein Herz entscheiden.

Thekla.

O das deine

Hat längst entschieden. Folge deinem ersten

Gefühl—

Unglückliche!

Thekla.

Wie könnte das

Das Rechte sein, was dieses zarte Herz

Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?

Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würde

Dich immer lieben. Was du auch erwählt,

Du würdest edel stets und deiner würdig

Gehandelt haben—aber Reue soll

Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.

Max.

So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!

Thekla.

Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.

Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.

Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage

Die Häuser Friedland, Piccolomini,

Doch wir gehören nicht zu unserm Hause.

—Fort! Eile! Eile, deine gute Sache

Von unsrer unglückseligen zu trennen.

Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,

Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich

Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben

Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal

Wird bald entschieden sein.

(Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)

 

Zweiundzwanzigster Auftritt

Vorige. Terzky.

Gräfin. (ihm entgegen)

Was war das? Was bedeutete das Rufen?

Terzky.

Es ist vorbei, und alles ist verloren.

Gräfin.

Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?

Terzky.

Nichts. Alles war umsonst.

Herzogin.

Sie riefen Vivat.

Terzky.

Dem Kaiser.

Gräfin.

O die Pflichtvergessenen!

Terzky.

Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen.

Als er zu reden anfing, fielen sie

Mit kriegerischem Spiel betäubend ein.

—Hier kommt er.

 

Dreiundzwanzigster Auftritt

Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler. Darauf Kürassiere.

 

Wallenstein. (im Kommen).

Terzky!

Terzky.

Mein Fürst?

Wallenstein.

Laß unsre Regimenter

Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,

Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.

(Terzky geht ab.)

Buttler—

Buttler.

Mein General?—

Wallenstein.

Der Kommendant zu Eger

Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich

Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,

Uns morgen in die Festung einzunehmen—

Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.

Buttler.

Es soll geschehn, mein Feldherr.

Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich während dieser Zeit fest umschlungen gehalten) Scheidet!

Max. Gott! (Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)

Wallenstein. (zu den Kürassieren).

Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr.

(Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, noch sich dem Fräulein nähern kann.)

Max.

Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.

Zerreißen soll das Band der alten Liebe,

Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß,

Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!

Du weißt, ich habe ohne dich zu leben

Noch nicht gelernt—in eine Wüste geh ich

Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles

Bleibt hier zurück—O wende deine Augen

Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir

Dein ewig teures und verehrtes Antlitz.

Verstoß mich nicht—

(Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Er wendet sich an die Gräfin.)

Ist hier kein andres Auge,

Das Mitleid für mich hätte—Base Terzky—

(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)

Ehrwürd'ge Mutter—

Herzogin.

Gehn Sie, Graf, wohin

Die Pflicht Sie ruft—So können Sie uns einst

Ein treuer Freund, ein guter Engel werden

Am Thron des Kaisers.

Max.

Hoffnung geben Sie mir,

Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.

O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,

Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel!

Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.

(Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr und mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.)

Ihr auch hier, Oberst Buttler—Und Ihr wollt mir

Nicht folgen?—Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn

Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir,

Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein Leben

Beschützen, unverletzlich wollt bewahren.

(Buttler verweigert seine Hand.)

Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibt

Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,

Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;

Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge,

Der Liebe treues Auge not—und die

Ich scheidend um ihn seh—

(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)

Illo.

Sucht die Verräter

In Eures Vaters, in des Gallas Lager.

Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns

Von seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht.

(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern. Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll; indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörner ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)

Max.

Blast! Blast!—O wären es die schwed'schen Hörner,

Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,

Und alle Schwerter, alle, die ich hier

Entblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen!

Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier

Hinwegzureißen—o treibt mich nicht zu Verzweiflung!

Tut's nicht! Ihr könntet es bereun!

(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.)

Noch mehr—Es hängt Gewicht sich an Gewicht,

Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.—

Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,

Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen.

Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan,

Der Rachegöttin weih ich eure Seelen!

Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,

Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!

(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine rasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)

 

Vierter Aufzug

In des Bürgermeisters Hause zu Eger.

Erster Auftritt

 

Buttler. (der eben anlangt)

Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis,

Der Rechen ist gefallen hinter ihm,

Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglich

Sich niederließ und schwebend wieder hob,

Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.

Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt

Die Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen Erde

Erhub sich dein bewunder Meteor,

Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,

Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken!

—Du hast die alten Fahnen abgeschworen,

Verblendeter, und traust dem alten Glück!

Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder,

Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen,

Bewaffnest du die frevelhafte Hand.

Nimm dich in acht! dich treibt der böse Geist

Der Rache—daß dich Rache nicht verderbe!

 

Zweiter Auftritt

Buttler und Gordon.

 

Gordon.

Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören.

Der Herzog ein Verräter! O mein Gott!

Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet!

Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich,

Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?

Buttler.

Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch

Durch einen Eilenden vorausgesendet?

Gordon.

Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt,

Die Festung unbedenklich ihm geöffnet,

Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,

Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen.

Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbst

Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.

Denn wahrlich! nicht als ein Geächteter

Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt.

Von seiner Stirne leuchtete wie sonst

Des Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd,

Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,

Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.

Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld,

Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt

Gefallner Stolz herunter sich zu beugen;

Doch sparsam und mit Würde wog der Fürst

Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr

Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.

Buttler.

Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.

Es hat der Fürst dem Feinde die Armee

Verkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen.

Verlassen haben ihn auf dies Gerücht

Die Regimenter alle bis auf fünfe,

Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.

Die Acht ist ausgesprochen über ihn,

Und ihn zu liefern, lebend oder tot,

Ist jeder treue Diener aufgefordert.

Gordon.

Verräter an dem Kaiser—solch ein Herr!

So hochbegabt! O was ist Menschengröße!

Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden;

Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und Macht

Und diese dunkelschwankende Gewalt.

Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn

Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn hält Buttler.

In Schranken nur das deutliche Gesetz

Und der Gebräuche tiefgetretne Spur.

Doch unnatürlich war und neuer Art

Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen;

Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,

Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.

O schad um solchen Mann! denn keiner möchte

Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.

Buttler.

Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,

Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten.

Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,

Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,

Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein!

Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehr

Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich

Verpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen,

Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.

Gordon.

O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Aus seiner Hand empfing ich diese Würde,

Er selber hat dies Schloß mir anvertraut,

Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.

Wir Subalternen haben keinen Willen;

Der freie Mann, der mächtige allein

Gehorcht dem schönen menschlichen Gefühl.

Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,

Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend,

Um die der Niedre sich bewerben darf.

Buttler.

Laßt Euch das enggebundene Vermögen

Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,

Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.

Gordon.

So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?

Er hat das Glück von Tausenden gegründet,

Denn königlich war sein Gemüt, und stets

Zum Geben war die volle Hand geöffnet—

(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)

Vom Staube hat er manchen aufgelesen,

Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht

Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen

Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!

Buttler.

Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.

Gordon.

Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.

Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Größe

Sich eines Jugendfreunds erinnert hat—

Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge

Verlor mich in den Mauern dieser Burg,

Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,

Das freie Herz im stillen mir bewahrte.

Denn als er mich in dieses Schloß gesetzt,

War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein

Vertrauen täusch ich, wenn ich treu bewahre,

Was meiner Treue übergeben ward.

Buttler.

So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,

Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?

Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).

Ist es an dem—verhält sich's, wie Ihr sprecht—

Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,

Das Heer verkauft, die Festungen des Landes

Dem Reichsfeind öffnen wollen—Ja, dann ist

Nicht Rettung mehr für ihn—Doch es ist hart,

Daß unter allen eben mich das Los

Zum Werkzeug seines Sturzes muß erwählen.

Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau

Zu gleicher Zeit, ich aber war der ältre.

Ich weiß davon.

Gordon.

Wohl dreißig Jahre sind's. Da strebte schon

Der kühne Mut im zwanzigjähr'gen Jüngling.

Ernst über seine Jahre war sein Sinn,

Auf große Dinge männlich nur gerichtet.

Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,

Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,

Die kindische, der Knaben zog ihn an;

Doch oft ergriff's ihn plötzlich wundersam,

Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,

Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,

Daß wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,

Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.

Buttler.

Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstürzte,

Als er im Fensterbogen eingeschlummert,

Und unbeschädigt stand er wieder auf.

Von diesem Tag an, sagt man, ließen sich

Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spüren.

Gordon.

Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde

Katholisch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder

Der Rettung umgekehrt. Er hielt sich nun

Für ein begünstigt und befreites Wesen,

Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,

Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.

Nachher führt' uns das Schicksal auseinander

Weit, weit! Er ging der Größe kühnen Weg,

Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,

Ward Graf und Fürst und Herzog und Diktator,

Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt

Die Hände nach der Königskrone aus

Und stürzt in unermeßliches Verderben!

Buttler.

Brecht ab. Er kommt.

 

Dritter Auftritt

Wallenstein im Gespräch mit dem Bürgermeister von Eger. Die Vorigen.

 

Wallenstein.

Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh,

Ihr führt den halben Adler in dem Wappen.

Warum den halben nur?

Bürgermeister.

Wir waren reichsfrei,

Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt

Der böhm'schen Kron' verpfändet. Daher rührt's,

Daß wir nur noch den halben Adler führen.

Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa

Das Reich uns wieder einlöst.

Wallenstein.

Ihr verdientet

Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem

Aufwieglervolk Gehör. Wie hoch seid ihr

Besteuert?

Bürgermeister. (zuckt die Achseln)

Daß wir's kaum erschwingen können.

Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.

Wallenstein.

Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an,

Es sind noch Protestanten in der Stadt?

(Bürgermeister stutzt.)

Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen sich noch viele

In diesen Mauern—ja! gesteht's nur frei—

Ihr selbst—Nicht wahr?

(Fixiert ihn mit den Augen. Bürgermeister erschrickt.)

Seid ohne Furcht. Ich hasse

Die Jesuiten—Läg's an mir, sie wären längst

Aus Reiches Grenzen—Meßbuch oder Bibel!

Mir ist's all eins—Ich hab's der Welt bewiesen—

In Glogau hab ich selber eine Kirch'

Den Evangelischen erbauen lassen.

—Hört, Bürgermeister—wie ist Euer Name?

Bürgermeister.

Pachhälbel, mein erlauchter Fürst.

Wallenstein.

Hört—aber sagt's nicht weiter, was ich Euch

Jetzt im Vertraun eröffne.

(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen Feierlichkeit.)

Die Erfüllung

Der Zeiten ist gekommen, Bürgermeister.

Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen

Erheben sich—Behaltet's aber bei Euch!

Die spanische Doppelherrschaft neiget sich

Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung

Der Dinge führt sich ein—Ihr saht doch jüngst

Am Himmel die drei Monde?

Bürgermeister.

Mit Entsetzen.

Wallenstein.

Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt

Verzogen und und verwandelten. Nur einer,

Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.

Bürgermeister.

Wir zogen's auf den Türken.

Wallenstein.

Türken! Was?

Zwei Reiche werden blutig untergehen

Im Osten und im Westen, sag ich Euch,

Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.

(Er bemerkt die zwei andern.)

Ein starkes Schießen war ja diesen Abend

Zur linken Hand, als wir den Weg hieher

Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?

Gordon.

Wohl hörten wir's, mein General. Es brachte

Der Wind den Schall gerad von Süden her.

Buttler.

Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.

Wallenstein.

Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.

Wie stark ist die Besatzung?

Gordon.

Hundertachtzig

Dienstfähige Mann, der Rest sind Invaliden.

Wallenstein.

Und wieviel stehn im Jochimstal?

Gordon.

Zweihundert

Arkebusierer hab ich hingeschickt,

Den Posten zu verstärken gegen die Schweden.

Wallenstein.

Ich lobe Eure Vorsicht. An den Werken

Wird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.

Gordon.

Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrängt,

Ließ ich noch zwei Pasteien schnell errichten.

Wallenstein.

Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.

Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.

(Zu Buttlern.)

Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn

Samt allen, die dem Feind entgegenstehn.

(Zu Gordon.)

In Euren treuen Händen, Kommendant,

Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.

Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe

Erwart ich, mit dem frühesten die Festung

Samt allen Regimentern zu verlassen.

 

Vierter Auftritt

Vorige. Graf Terzky.

 

Terzky.

Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!

Wallenstein.

Was bringst du?

Terzky.

Eine Schlacht ist vorgefallen

Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.

Wallenstein.

Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?

Terzky.

Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,

Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,

Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her

Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager,

Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten,

Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,

Ihr Oberst mit, mehr wußt' er nicht zu sagen.

Wallenstein.

Wie käme kaiserliches Volk nach Neustadt?

Der Altringer, er müßte Flügel haben,

Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;

Das Gallas Völker sammeln sich zu Fraunberg

Und sind noch nicht beisammen. Hätte sich

Der Suys etwa so weit vorgewagt?

Es kann nicht sein.

(Illo erscheint.)

Terzky.

Wir werden's alsbald hören,

Denn hier kommt Illo fröhlich und voll Eile.

 

Fünfter Auftritt

Illo. Die Vorigen.

 

Illo. (zu Wallenstein)

Ein Reitender ist da und will dich sprechen.

Terzky.

Hat's mit dem Siege sich bestätigt? Sprich!

Wallenstein.

Was bringt er? Woher kommt er?

Illo.

Von dem Rheingraf,

Und was er bringt, will ich voraus dir melden.

Die Schweden stehn fünf Meilen nur von hier,

Bei Neustadt hab' der Piccolomini

Sich mit der Reiterei auf sie geworfen,

Ein fürchterliches Morden sei geschehn,

Doch endlich hab' die Menge überwältigt,

Die Pappenheimer alle, auch der Max,

Der sie geführt—sei'n auf dem Platz geblieben.

Wallenstein.

Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm.

(Will abgehn. Indem stürzt Fräulein Neubrunn ins Zimmer, ihr folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)

Neubrunn.

Hilfe! Hilfe!

Illo

und Terzky.

Was gibt's?

Neubrunn.

Das Fräulein!—

Wallenstein

und Terzky. Weiß sie's?

Neubrunn.

Sie will sterben.

(Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)

 

Sechster Auftritt

Buttler und Gordon.

 

Gordon. (erstaunt)

Erklärt mir. Was bedeutete der Auftritt?

Buttler.

Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,

Der Piccolomini war's, der umgekommen.

Gordon.

Unglücklich Fräulein!

Buttler.

Ihr habt gehört, was dieser Illo brachte,

Daß sich die Schweden siegend nahn.

Gordon.

Wohl hört' ich's.

Buttler.

Zwölf Regimenter sind sie stark, und fünf

Stehn in der Näh', den Herzog zu beschützen.

Wir haben nur mein einzig Regiment,

Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.

Gordon.

So ist's.

Buttler.

Nicht möglich ist's, mit so geringer Mannschaft

Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.

Gordon.

Das seh ich ein.

Buttler.

Die Menge hätte bald das kleine Häuflein

Entwaffnet, ihn befreit.