Was mich zum Überleben zwingt, Erinnerungen die mich Prägen
Was mich zum Überleben zwingt
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Amiira
Was mich zum Überleben
zwingt
Erinnerungen die mich Prägen
Für meinen Bruder, er hat mir viel Stoff zum nachdenken geben, was
ich umgesetzt habe. Danke dir!
Prolog.
„Aufstehen! Jetzt, sofort! Sonst kommst du noch zu Spät!“ Meine Mutter schrie aus vollem Hals.
Ich zuckte unter solch harter Stimme zusammen. Ja, sie war schon immer so gewesen seitdem mein Bruder von uns gegangen war. Ich befahl meinen Augen sich zu öffnen, was sich als sehr schwer erwies.
„Ich schicke dich sonst ohne Frühstück los, mein Kind!“ „Ja, Mum. Bin schon Unterwegs…“
Achselzuckend stand ich aus meinem kleinen Bett auf und machte mich auf den Weg zum Bad.
Ich brach all meine bisherigen Rekorde, was das Anziehen meiner spärlichen Kleidung betraf, wie auch meiner braunen, hüflangen Haare und dem leichten Make-up.
Meine Mutter schleifte mich zur Tür und drückte mir meine Tasche in die Hand.
„Jetzt mach, dass du los kommst!“ Nickend drückte ich sie zum letzten Mal.
Noch leicht Schlaftrunken wackelte ich aus der Wohnung und verließ das Haus.
Ich drehte mich nochmals um und sah meine Mutter, die sich an das Fenster gelehnt, zu mir rüber winkte.
„Bis nachher!“ Brüllte ich nach oben.
Zur Bushaltestelle waren es nur ein paar Meter die ich genüsslich annahm.
Heute wartete der Bus schon wieder auf mich, aber der Busfahrer war immer sehr nett zu mir, so dass nur ich mir so was erlauben durfte.
Leicht grinsend nahm ich meinen üblichen Platz ganz hinten ein und ließ die Fahrt über mich ergehen.
Später, als die Schule endlich vorbei war, nahm ich mir vor etwas früher aus der Schule zu verschwinden, damit meine Mutter nicht immer auf mich warten musste.
Sie holte mich immer von der Schule ab, da sie den gleichen Weg hatte, den sie immer zur Arbeit nahm.
„Heute so früh, Kleines.“ Nickend stieg ich in unser, viel zu kleines, Auto ein.
Die Fahrt verlief Still. Wie immer.
Die Ampeln meinten es heute nicht gut mit uns, im Gegenteil. Wir hatten meistens Rot.
Immer wieder Schimpfte meine Mutter über die heutigen Autofahrer und über den Verkehr. Er war heute so unnormal unruhig. Damit die Fahrt nicht noch unangenehmer wurde, stellte ich unser kleines Radio ein.
Die Musik erklang und meine Mutter stöhnte. „Hörst du immer noch diese Musik?“
Gespielt empört antwortete ich: „Was hast du gegen Hip-Hop?“ Sie schüttelte darauf nur ihren Kopf und so verfiel sie wieder in ihr allzu bekanntes Schweigen.
Als jedoch der Song unterbrochen wurde, und eine Eilmeldung uns erreichte, stockte mir der Atem.
„In der Nähe der St. Maria Schule, auf der M11 in Richtung Cambridge fährt ein Fahrer in die Falsche Richtung. Bitte fahren Sie Vorsichtig, die Rettungseinsätze versuchen alles Erdenkliche. Wenn möglich, wechseln sie die Fahrerspur. Danke.“ Meine Mutter begann zu seufzten. „Kind, denk dir dabei nichts, das sind nur wieder irgendwelche Jugendliche die sich einen Spaß daraus zu machen, anderen Leuten einen Schrecken einzujagen.“ Keuchend rang ich nach Luft. Irgendwas sagte mir in diese Augenblick das meine Mutter eigentlich etwas anderes hätte sagen wollen.
„Wir fahren einfach weiter. Und wird nichts passieren, denk immer dran, ich bin deine Mutter. Egal was mir passiert, dir wird es genauso ergehen.“
Schock durchfuhr meine Adern. „Mum, von was bitte redest du da?“ Erst dann guckte ich auf die Straße und was ich da sah, konnte ich kaum in Worte fassen.
Wir waren das Auto, das sie Spur gewechselt hatte, mitten auf der Autobahn.
Meine Mutter war es, die den Tod wollte.
„Kleines, ich liebe dich über alles und bitte verzeih mir dies, wenn wir uns im Himmel wiedersehen werden.“
Mit diesem Worten drückte sie aufs Gas, drehte das Lenkrad komplett nach rechts, sodass wir uns fast überschlugen und mit quietschenden Reifen immer weiter im Kreis der Autobahn fuhren. Ich versuchte alles, ihr das Lenkrad aus den Händen zu reißen, sie anzuschreien oder wenn möglich, sie sogar zu schlagen, damit sie losließ. Doch sie hielt ihre müden Augen geschlossen. Bereitete sich auf das Ende vor. Ich wollte nicht aufgeben, mein Leben beenden, so wie mein Bruder es getan hatte.
In den paar Sekunden schlugen viele Autos auf uns ein, krachend überschlugen wir uns, fielen in einen tiefen Graben. Und in diesem Moment öffnete meine Mutter ihre Augen und lächelte.
Sie flüsterte langsam. „Endlich sehe ich deinen Bruder wieder.“ Das Auto fiel.
Dann war alles Schwarz.
Kapitel 1, Vergangenheit
Seit meinem traumatischen Erlebnis, je mit meiner Mutter gefahren zu sein, lag ich über fünf Wochen im Krankenhaus. Ja, ich hatte es geschafft. Ich hatte überlebt.
Meine Mutter lag nur zwei Wochen im Krankenhaus, starb aber darauf.
Begründung: Zu viele Prellungen, Stichwunden, sowie Brüche. Ihr Herz hatte aufgeben.
Dies ist jetzt schon ganze zwei Jahre her. Damals war ich noch zarte fünfzehn.
Meine Kindheit verbrachte ich bei meiner, über Alles Geliebten Oma. Sie hatte sich liebevoll um mich gekümmert. Ich musste sogar noch lange meine Beinschienen tragen und wieder laufen lernen. Es war eine harte Zeit gewesen, aber sie war immer für mich da.
Nun ist sie auch von mir gegangen.
Ich stand weinend vor ihrem Grab, weil sie alles war was ich noch hatte. Jetzt besaß ich nichts mehr außer mir selbst. Doch mir kam ein Gedanke, den ich schon längst hätte vergessen sollen. Meinen Freund Marco.
Vor meinem schlimmen Unfall hatte er mich nicht besucht, was ich damals als ein Verbrechen angesehen hatte. Doch das war mir egal geworden.
Ich musste ihn finden, ich wollte weg hier. Weg aus dieser Umgebung, der Stadt die ich nicht mehr als mein Heimatort ansah. Hier hielt mich nichts mehr.
Schließlich entschloss ich mich nach reichlichen drei Tagen, zu seiner alten Adresse zu gehen. Dort hatte er noch gewohnt, vor meinem Unfall.
Das Haus sah aus wie immer, groß, geräumig, weiß und einfach nur umwerfend. Diesmal betrachtete ich es aber nicht. Schnell stieg ich die Treppen hoch und klingelte Sturm. Ein verwunderter Marco machte mir auf.
„Melanie! Mensch hab ich dich lange nicht mehr geseh’n!“ „Du hast mich ja auch schließlich nicht besucht.“ Giftete ich ihn an. Er überging meine zickige Bemerkung und nahm mich erstmal in die Arme.
„Willst du nicht reinkommen? Meine Eltern sind nicht Zuhaus’.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss dringend was mit dir besprechen.“
Jetzt wirkte er ernst. Das hatte ich sosehr vermisst. Ja, er war ein Spaßvogel, nur konnte er
Situationen sehr schnell einschätzen. Wenn es ihm also ernst war, machte er alles dafür.
„Was ist los?“
Nach ein paar Sekunden Überlegung, wie ich ihm das nur erzählen sollte, sprudelten die Wörter einfach so aus mir heraus. „Es geht darum, dass ich hier verschwinden will. Du hattest mir versprochen, dass wir eines Tages diese miese Stadt verlassen würden! Jetzt ist es so weit! Ich habe alles verloren was mir lieb war, mich hält hier nichts mehr. Und nun stehe ich hier und frage dich, ob du mit mir gehst.“
Verwunderung glitt über sein Gesicht. Erst blieb er wie angewurzelt stehen, doch dann umarmte er mich stürmisch. „Natürlich komme ich mit! Du weisst ja gar nicht, wie lange ich schon auf diesen Tag gewartet habe!“ Er ließ mich los. „Wann soll’s denn losgeh’n?“
Jetzt befreite ich mich ganz von ihm. „In ein paar Tagen, denke ich. Ich muss noch meine Sachen packen. Wie sieht es bei dir aus?“ Marco wirkte etwas Enttäuscht. „Schade.“ Seufzte er. „Ich dachte wir machen das jetzt gleich!“
Mit gespieltem Entsetzen antwortete ich: „Was deine Eltern bloß von dir denken! Nein, jetzt mal im Ernst. Ich brauche noch ein paar Tage. Du kannst dich ja schon mal drum kümmern wo wir überhaupt hingehen und wie wir dort unterkommen. Ich verlasse mich auf dich! Ich ruf dich dann später noch mal an!“
Mit diesen Worten hauchte ich noch einen kleinen Kuss auf seine weiche Wange und verschwand in mein kleines Auto. Ich machte mich schnell auf den Heimweg, zurück in die Hölle. Marco war früher ein wundervoller Freund gewesen, ich war sogar eine Zeit lang in ihn verliebt gewesen. Doch das hatte sich schlagartig geändert, als er mir sagte, er sei Schwul. Mich hat es so tief verletzt, dass ich ein paar Tage sogar nicht mit ihm gesprochen hatte.
Kopfschüttelnd lachte ich über die damalige Zeit. Wie glücklich ich doch gewesen war!
Jetzt hatte sich einfach alles verändert.
Grinsend fuhr ich in meine Einfahrt. Doch das war nicht der Schlusspfiff. Noch lange nicht.
Kapitel 2, Ankunft in ein neues Leben
Nach ein paar Tagen, rief ich endlich Marco an. Er nahm schon gleich beim zweiten Klingeln ab.
„Melanie, bist du’s?“
Lachend antwortete ich:„ Du scheinst mich ja schon heißblütig zu erwarten! Ja ich bin’s.“
„Schön das du dich endlich Meldest.“ Er klang erleichtert?
„Okay, also ich bin soweit fertig, habe das wichtigste gepackt. Von mir aus kann’s losgehen.“
Er ließ ein kleines Lachen durch den Hörer gleiten. „Gut! Ich habe schon alles geklärt. Du wirst dich freuen! Meine Eltern haben uns eine Wohnung in London besorgt.“ Ich ließ mein Gesicht strahlen. „Super! Also, wann holst du mich ab?“
„Wenn du willst, jetzt sofort.“
Ich nickte, doch dann bemerkte ich, dass er das ja eigentlich gar nicht sehen konnte.
„Okay! Dann bist gleich.“
Ich legte schallend den Hörer auf und stieg schnellstmöglich die Treppen hinauf.
Auf diesen Augenblick hatte ich lange warten müssen. Doch es hatte sich auf jeden Fall gelohnt.
Schon nach ein paar Minuten klingelte es an meiner Haustür. Ich holte schnell meine beiden Taschen aus meinem Zimmer. Doch dann hielt ich an. Schaute mich nochmals um. Ich werde es trotz allem vermissen. Dann entschloss ich mich, meinen Gast nicht länger warten zu lassen. Lächelnd machte ich die Tür auf.
„Marco! Da bist du ja schon!“
Ich warf mich ihm in seine starken Arme. Er war um einiges Größer als ich. Und gut sah er aus, richtig zum anbeißen. Seine Haare waren ein wunderschönes Pechschwarz, das komische daran war nur, dass seine Augen im grotesken Unterschied dazu Hellblau waren. Schade, dass die Gutaussehenden immer Schwul sein müssen!
Lachend fing er mich auf und streichelte meinen Kopf. Meine Rehbraunen Augen schauten in seine und wir fingen an zu lachen. Er hatte sich in den zwei Jahren nicht verändert, auch wenn er ein ganzes Jahr älter war als ich.
Er half mir dabei mein Gepäck in den Kofferraum zu verfrachten und wir stiegen gemeinsam in seinen BMW ein. Nach London war es nur eine Stunde fahrt, also sollte sie nicht unangenehm werden. Aber natürlich bereitete mir Autofahren immer noch sehr viel Angst.
Das wusste Marco genau, deswegen heiterte er mich immer mit cooler Musik auf, oder erzählte mir was er in den letzten beiden Jahren so getrieben hatte.
„In New York? Was hast du da getan? Deswegen hast du mich nicht besucht!“
Vorwurfsvoll schaute ich ihn an.
Er schaute leicht zu mir herüber, dennoch darauf bedachte, noch immer auf die Straße zu schauen.
„Ich war viel Unterwegs, meist mit meinen Freunden. Du musst verstehen, dass ich vorher überhaupt nicht wusste was in deiner Mutter vorging und, dass ihr einen Unfall hattet.“ „Okay, zugegeben, du konntest ja wirklich nichts dafür. Aber das entschuldigt noch lange nicht, dass du dich danach nicht gemeldet hast!“
Kopfschüttelnd schaute er kurz zu mir, doch ich bekam es wieder mit der Angst zu tun, also schaute er wieder auf die Straße. „Ich dachte du würdest noch im Krankenhaus liegen. Oder zumindest bei deiner Oma sein. Was ist eigentlich mit ihr?“ Ich musste Schlucken. Er wusste echt über gar nichts bescheid. „Sie ist gestorben…“
Ich ließ meinen Kopf in meine zierlichen Hände fallen. Langsam fing ich an zu Schluchzen. Ich verkraftete immer noch nicht ihren Tod. Ich konnte im Augenwinkel erkennen, dass Marco sein Lenkrad heftig umklammert hielt.
Er konnte es noch nie leiden, wenn ich geweint hatte. Das war damals immer ein Vorteil gewesen.
„Das tut mir Leid, ehrlich.“ Seine Stimme klang Zaghaft. Langsam erholte ich mich wieder von der Trauer die mich umschlungen hielt und versuchte nach vorne zu schauen. Bald wird es mir besser gehen, ich gehe zusammen mit Marco weg, in eine neue Stadt in ein neues Leben.
Meine Zukunft ließ mich erneut Aufblicken. Dann schaute ich Marco an und er musste auch lächeln. Zusammen schafften wir das, das wusste ich.
Nach einer Zeit lang fuhren wir endlich von der Autobahn runter und kamen danach schnell an unserem Zeil an. Was mich nicht wunderte, da Marco fuhr wie ein Irrer auf der Flucht. Die Straße sah schöner aus als meine vorherige und somit freute ich mich natürlich umso mehr.
Unsere Wohnung erwies sich als ein kleines Paradies auf Erden. Jeder von uns hatte ein eigenes, großes Zimmer, ein eigenes Bad und wir hatten einen wunderbaren Plasma Fernseher. Was will man mehr?
„Es ist Wochenende, willst du nicht ausgehen?“ Er fragte schon wie ein Vater, der zu seiner Tochter spricht.
„Ehm, nein danke. Ich bin noch ein bisschen kaputt von der Anfahrt. Ich denke für Morgen muss ich echt ausgeschlafen sein!“ Kichernd ging ich ins Bad und machte mich Bett fertig. Endlich wieder gute Stimmung. Ich hatte es sosehr vermisst. Schnell sagte ich Marco, der in der Küche sein Sandwich aß, gute Nacht und marschierte Hoffnungsvoll ins Bett. In dieser Nacht träumte ich rein gar nichts. Der wunderschönste Traum der Welt.
Stillschweigend saß er in der Küche und versuchte seiner besten Freundin vorzuspielen, dass er ein Sandwich aß. Er schaffte es tatsächlich, es runter zuwürgen. Was er nicht alles tat für sie. Morgen würden sie in die neue Schule gehen, was für ihn eigentlich gar nicht neu war. Er war schon dort gewesen, in den zwei Jahren wo sie im Krankenhaus lag. Es war keine normale Schule, eine Schule für die Nachtwelt. Leider musste er Melanie anlügen, er wollte es nicht, aber sie hatte ihm sofort Glauben geschenkt. Es war ein Kinderspiel gewesen.
Dennoch fürchtete er, ihr später die Wahrheit sagen zu müssen. Sie musste es erfahren.
Seufzend schmiss er den Rest des Sandwichs in den Mülleimer und schaltete den Fernseher an.
Er würde niemals schlafen. Ob er bei Melanie nach dem Rechten sehen sollte? Lieber nicht.
Melanie hatte ihm sogar Abgekauft, dass er Schwul war. Er und Schwul!
Ein kleines Lachen ertönte.
Dann war es wieder Still.
Er schaltete den Fernseher schon nach ein paar Minuten aus. Nichts Sehenswertes.
Nun lauschte er dem Klang ihres Herzens. So wunderbar. Leider durfte er noch nie das Blut von ihr kosten, es war ihm selbst zu kostbar dafür.
Schnell kniff er sich die Augen zusammen. Er durfte daran nicht einmal denken!
Viel schlimmer war es doch, dass er sie über alles, was ihn anging, anlügen musste. Er gaukelte ihr vor Schwul zu sein, nur damit sie ihm nicht Näher kam, sie durfte es nicht. Daran würde sie zerbrechen.
Die Schule sollte ihr und ihm helfen von einander Abschied zu nehmen. Wenn sie herausfand was er wirklich war, dann würde sie sich vielleicht ekeln, ja sogar fürchten. Melanie würde aus seinem Leben verschwinden, was für sie besser war. Aber niemals für ihn. Trotzdem müsste er alles versuchen, damit sie sicher war. Vor ihm, vor dem was er war. Einerseits wollte er das, aber er würde es nicht lange aushalten und sich selber das Leben nehmen. Ja, so würde es wohl schließlich Enden.
Mit dem letzten Gedanken an sie, nahm er seine Lederjacke, zog sie über und verschwand so leise, dass sie ihn nicht hören konnte aus der Wohnung.
Er brauchte Blut. Mit jeder einzelnen Faser sehnte er sich nach Ihrem Blut, doch er wollte sie niemals verletzen. Deswegen betäubte er andere Opfer, trank von ihnen und ließ ihre Erinnerung an das, was geschehen war verbleichen. Damit sie sich an nichts erinnern und er nicht zu Schaden kommen würde. Ja, so machen das alle Vampire, die wirklich was von sich halten. Es gibt auch welche, die ihr Unwesen treiben und deswegen würde er trotz Allem, immer irgendwo sein, wenn sie seine Hilfe bräuchte.
Für immer.
Kapitel 3, Wenn sich wahre Gesichter zeigen...
Am nächsten Morgen schrillte der kleine Wecker neben mir so laut auf, dass ich ihn nach kürzester Zeit an die Wand schmiss. Genervt und überaus müde trapste ich langsam ins Badezimmer, dabei entging mir nicht, dass Marco schon weg war. Gähnend kämmte ich meine zähen, braunen Haare. Heute sind sie schon wieder so wuschlig, zischte ich in Gedanken. Heute war ich überaus genervt, müde und dazu noch aufgeregt. Bald würde ich die neue Schule kennen lernen. Die Erinnerung daran, hinterließ mir ein Unwohles Gefühl in der Magengrube. Wie sie mich wohl aufnehmen würden? Marco scheint gar nicht aufgeregt zu sein, vielleicht kennt er schon ein paar? Verzweiflung machte sich in mir breit, kroch bis zum Höhepunkt und ließ mich weiterhin erschaudern.
Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken? Nur weil ich es hasste, wirklich abgrundtief hasste, die Neue zu sein? So schlimm konnte es doch niemals werden…
Ich hatte noch nicht mal zu ende gedacht, da klopfte es schon an der Badezimmertür.
„Melanie? Ich muss mit dir reden!“
Seufzend ging ich in Richtung Tür, bis mir auffiel, dass ich außer meiner Hotpants und meinem übergezogenen T-Shirt nichts anderes anhatte.
„Ehm, kann das nicht warten? Ich bin noch nicht ganz fertig.“ Ein grummeln war zu hören, dann ein leiser dumpfer Schlag. Stille. „Na gut, aber beeil dich!“ Das kam von weiter hinten. Was treibt der da?
In Gedanken verloren schnappte ich mir meine Röhrenjeans und zog sie hastig über.
Das war meine Lieblings Jeans. Sie war schwarz und hinten mir schönen Strasssteinen besetzt. Nun wand ich mich wieder meinem Spiegelbild zu. Ich musste irgendwas verändern, vielleicht die Haare hochstecken?
Nein, das sieht zu schlau aus für den ersten Tag. Nach reichlicher Überlegung machte ich mir doch einen Zopf, ließ ein paar Strähnchen raushängen und machte mir einen passenden, schwarzen Haareif hinein. Sieht doch ganz Passabel aus. Zufrieden zog ich mein neues Top an. Es war leicht rosa und duftete nach Waschpulver.
Es roch besser und natürlicher ohne das ganze Parfüm. Schon wieder klopfte es an der Tür. Man der ist ja ungeduldiger als ein Hund!
Seufzend nahm ich mir noch etwas Puder und Lipgloss. Trug es auf und schnappte mir meine Kulturtasche.
„Bin schon Unterwegs!“ Rief ich nach draußen und hoffte, dass Marco es mitbekam.
So groß, ungeduldig, neurgierig und Schwul müsste man mal sein! Kichernd zog ich die Tür auf und sah einem völlig aufgelösten Marco auf den Boden sitzen. Er kauerte gleich hinter dem Sofa, hielt sich mit einem Arm sogar noch an der Lehne fest. Krampfhaft zog er ihn zurück als er ein meine Richtung schielte. Sofort war ich bei ihm. Was hatte er nur?
Ich kniete mich neben ihm und versuchte in sein Gesicht zu schauen. Aber er zeigte es mir nicht. Seine Hände umschlossen es, er lehnte sich immer weiter weg von mir.
„Marco… was ist los? Hast du Schmerzen?“ Er schüttelte den Kopf, drehte sich weiter weg von mir.
Er brachte nur ein krächzendes „Geh Weg!“ von sich und dann sank er schließlich in sich zusammen. Ich konnte ihn gerade noch von der Seite auffangen, sonst hätte sein schöner Kopf mit dem Kaffeetisch Bekanntschaft gemacht.
Was sollte ich bloß tun? Einen Arzt holen? Und was ist, wenn er das nicht wollte?
Verzweifelt suchte ich nach einer Lösung. Was mag nur passiert sein, dass er urplötzlich in sich zusammen sank? Das war doch nicht normal! Oder doch?
Was ist, wenn er mir verschwiegen hat, dass er eine Krankheit hatte? Oder sogar noch Schlimmer, eine Allergie? Die Gedanken kreisten in meinem Kopf wie bei einem Autorennen. Mir fielen immer mehr Ursachen dafür ein. Aber dann erinnerte ich mich wieder, dass er in meinen Armen lag. Schnell versuchte ich ihn aufs dunkel blaue Sofa zu verfrachten.
Er stöhnte leise auf. Und sagte meinen Namen, immer wieder. „Melanie…“
„Ich bin hier, ich bin bei dir.“ Wieder ein kleines Stöhnen, jetzt war er völlig weg.
Schützend hielt ich eine Hand hin, versuchte sein Gesicht zu erreichen, dass immer noch von seinen Arm bedeckt war. Er ließ mich gewähren und was ich dort sah, schockte mich zutiefst.
Sein Gesicht war vollkommen bleich, sogar fast gräulich. Diese Farbe war nicht normal für einen Menschen, das wusste sogar ich. Seine halbgeschlossenen Augen färbten sich schwarz, sahen sie dunkel rot aus?
Ich zog sein Augenlid hoch und betrachtete sein Auge weiter. Dabei musste ich leider auf das Sofa klettern, schließlich saß ich vorsichtig auf ihm. Schreck durchfuhr meine Adern. Dort wo eigentlich weiß in seinen Augen sein sollten, zierten dunkel Rote Äderchen, dass mal so makellose Weiß. Seine Puppille war nicht mehr zu erkennen, seine Augen vollkommen Schwarz. Er stöhnte wieder, kam er wieder zu Bewusstsein? Schnell ließ ich seine Augen in Ruhe und schloss sie wieder.
Was ich da gerade gesehen hatte, war vollkommen unnormal. Aber geirrt hatte ich mich nicht, ich habe ganz genau hingesehen… seine Schwarzen Augen, die gebrannt markten roten Äderchen. Was zum Teufel ist hier los?
Dann schaute ich runter auf seine Kleidung. Was hatte er da an? Einen Anzug? Und dabei sah das alles so teuer aus… Verwundert blickte ich auf seine Arme. Schnell zog ich die Ärmel hoch und betrachtete sie genauer. Völlig angespannt lag er hier, bewusstlos… wie konnte er da seine Muskeln anspannen? Und seine Hautfarbe war auch hier, vollkommen gräulich. Ich schrie auf, versuchte Marco zu wecken, doch er schlief weiter. „Marco! Bitte stirb nicht!“ Verzweifelt zog ich an seinem Arm, an sein geöffnetes Hemd, doch er regte sich keinen Zentimeter.
Ich rang um meine Vernunft.
Konnte ich ihn so einem Arzt überlassen? Was würde der nur denken? Schlimme Allergie… ja, gegen was eigentlich? Marco hatte mir nie erzählt er hätte Allergien oder Krankheiten. Er war mein bester Freund, er würde mir doch so was sagen, oder? Kopfschüttelnd ließ ich den Gedanken fallen. Jetzt darf ich nicht daran denken, dass muss warten. Ich muss irgendwie Marco helfen… aber wie?
Vorsichtig stieg ich von seinem Athletischen Körper hinunter, zog ihm sein Jackett aus und knöpfte das Hemd weiter auf. Oh Gott, lieber Himmel! Wieso musste er nur so einen Körper haben? Staunend strich ich über ihn. Nein! Jetzt nicht! Mit verwirrten Gedanken ging ich in die Küche, holte einen Eisbeutel um seine Augen zu kühlen. Vielleicht würde das Helfen. So schnell es ging war ich wieder bei ihm, legte den Eisbeutel auf seine geschlossenen Augen und wartete ab. Nach einer Weile setzte ich mich in den gegenüberliegenden Sessel und wippte nervös hin und her.
Fieberhaft kämpfte ich damit loszuheulen. Das würde ihm jetzt auch nicht helfen…
Dann endlich bewegte er sich. Erleichtert sprang ich auf und war in zwei Schritten schon wieder bei ihm.
„Marco! Marco, sag, kannst du mich hören?“ Er nahm seine Hand, betastete den Eisbeutel und schmiss ihn mit einem Grollen an die Wand. Überrascht zuckte ich zurück. Was war nur mit ihm los verdammt!
Dann sah er mich an. Seine Augen, sie hatten wieder eine ganz annehmbare Farbe bekommen.
Seine Haut, sie sah jetzt nicht mehr ganz so schlimm aus, doch sein Blick war gezeichnet von überfülltem Hass.
Fauchend knöpfte er sein Hemd zu, nahm sich sein Jackett und schnellte von dem Sofa.
„Nein Marco, nicht – “ ich schnellte nach vorne. Er schwankte, verlor kurz sein Gleichgewicht und knallte mit aller Kraft gegen mich.
Wir beide fielen krachend zu Boden. Ich schrie kurz auf, vor Schock und dem schmerzhaften Gewicht über mich. Krächzend rang ich nach Luft.
Da reagierte Marco endlich, schnellte nach oben und stützte sich mit beiden Händen auf dem Holzfußboden ab. Genau unter ihm, lag ich.
Schwer atmend schaute ich ihn an.
Seine Augen färbten sich wieder dunkler, doch nicht sosehr wie letztes Mal.
Verwundert schaute ich in sein verändertes Gesicht. Irgendetwas war mit ihm los und ich solang ich ihn auch ansah, ich konnte es nicht feststellen.
Unüberlegt hob ich meinen Arm und streichelte mit meiner rechten Hand sein überschönes Gesicht. Er ließ es zu, schloss für einen kurzen Augenblick seine Augen.
Dieser Moment, es war etwas Besonderes. Ich wusste nicht wieso, doch alte Gefühle für ihn kamen wieder hoch. Schwer schluckend versuchte ich sie wieder loszuwerden. Marco öffnete langsam seine Augen. Erschreckend sah ich sie an. Wie machte er das nur?
Sie sahen wieder vollkommen normal aus. Widerwillig nahm ich meine Hand von seinem Gesicht, doch er schnappte sie sich, bevor ich mich auch nur einen Zentimeter bewegt hatte. Er umschloss seine Hand mit meiner, schloss seine Augen wieder und seufzte wohlig.
Habe ich gerade ein fauchen gehört, als ich meine Hand zurückziehen wollte?
Ich wusste nicht, wie lange wir einfach so dalagen, doch es schien nie aufzuhören.
Plötzlich regte sich etwas in seinem Gesicht. Er schaute auf mich hinab, kam mit seinem Gesicht immer näher. Er stockte etwas. Und dann, einfach so, trafen sich unsere Lippen.
Er nahm langsam seine Hand aus meiner und legte sie an meiner Wange. Seine Lippen, sie waren so schön weich und einladend. Erst war es nur ein zaghaftes Küssen doch er wurde immer fordernder. Seine Hände hoben meinen Rücken an, streichelten ihn sanft. Immer noch küssend, zog er mich weiter an sich heran und kam mir so nah, wie es noch keiner getan hatte. Aber als ich langsam nicht mehr richtig Atmen konnte, hörte er widerwillig auf.
Wir sahen einander an, so wie nie zu vor. Ich sah ihn jetzt nicht mehr als meinen besten Freund, auch nicht als einen Geliebten. Ich wusste nicht recht was ich fühlen sollte. Durcheinander. Das beschrieb meine jetzige Situation ziemlich gut. Er ließ mich langsam wieder auf den Boden gleiten, nahm seine Hand und streichelte meine erröteten Wangen. Eine einzige Träne rollte über mein Gesicht. Dieser Moment war zu schön um wahr zu sein.
Kapitel 4, Hindernisse
Ich wünschte mir, es gäbe kein Morgen mehr. Leider hatte ich damit völlig unrecht.
Langsam wachte ich in meinem kleinen Bett auf. War das wirklich passiert? Stimmte es, was ich gesehen hatte? Und auch noch, dass Marco mich angelogen hatte, was seine Neigungen betraf? Ich hatte das Gefühl, er log mich bei weitem noch mehr an. War das wirklich noch nicht genug?
Die Fragen schwirrten in meinem Kopf herum, spukten in meinem Geist bis mein Durchhaltevermögen auf der ganzen Linie versagte. Gefühle sackten in mir hoch, die ich schon längst hätte vergessen sollen.
Ja, ich hätte so einiges vergessen sollen.
Aber sie schwappten immer wieder von vorne über, so dass ich anfing zu schluchzen.
Dabei musste ich wieder an den vergangenen Tag denken, an dass was mir Angst machte.
An unser letztes Gespräch.
Seine Hand streichelte mein Tränenüberflossenes Gesicht. Wieder wanderten seine überaus weichen Lippen über meine. Sein Duft raubte mir den Atem, doch ich genoss das Gefühl seiner warmen Lippen.
Dennoch war er völlig kalt, was mir erst später bewusst wurde. Doch plötzlich, ohne dass ich dazu in der Lage war ihn aufzuhalten, war er aufgestanden und hatte sich in die letzte Ecke des Wohnzimmers gedrängt.
Langsam setzte ich mich auf, dabei sah ich ihm genau in die Augen, was mir sichtlich schwer fiel, da es draußen immer noch dunkel war. Verwirrung spiegelte sich in meinem Gesicht wieder und ich wusste, er sah es.
Was war passiert, dass seine Entscheidung urplötzlich von eine Sekunde auf die andere, gewechselt war? Wieso hatte er aufgehört? Verdattert starrte ich ihn an.
Marco stand ganz hinten in unserem Wohnzimmer. Sein Gesicht, glaubte ich zu erkennen, war schmerzverzerrt. Eine lange Stille folgte. Nur unsere Atemzüge waren zu hören. Keuchend atmete er Luft ein, versuchte sie kläglich durch seine Lunge zu pressen.
Er bewegte sich nicht. Keinen Zentimeter. Lange sahen, nein starrten, wir uns an ohne etwas zu sagen. Seine Haltung verriet mehr als nur Abscheu, aber wovor oder vor wem, dass konnte ich nicht genau erkennen.
Minuten zogen sich dahin. Marco rühre sich immer noch nicht. Er presste sich noch heftiger gegen die Wand. Dann aber, hielt ich es nicht mehr länger aus und stand langsam auf. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt ich mich am Kaffeetisch fest, der vor dem Fernseher stand. Ich trat einen Schritt auf den anderen zu ihm, darauf bedacht, immer in sein Gesicht sehen zu können. Leider konnte ich durch die Dunkelheit nur umrisse erkennen.
Marco fauchte mich an, als ich immer näher kam. Ganz ehrlich, er fauchte, wie eine Katze!
Was war nur mit ihm los? Ist er jetzt völlig unter den Spinnern gegangen?, dachte ich spöttisch.
Langsam tastete ich mich weiter an Marco heran.
„Nicht!“, brüllte er mich an. Seine Stimme klang sehr rau …. Und bestimmt.
Ich runzelte die Stirn.
„Wieso denn nicht?“, fragte ich ihn in die Stille hinein. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Als er sprach, war es nur ein sanftes Flüstern.
„D-Das war keine Gute Idee von mir gewesen“, er rieb sich mit einer Hand die Stirn, „Doch als du mir so… so … so nah warst, da konnte ich nicht widerstehen. Bitte vergiss mein törichtes Verhalten.“ Er klang wie aus dem Mittelalter entsprungen. Verwirrt zog ich eine Augenbraue hoch.
Marco ließ mich nicht zu Wort kommen und setzte seine harte Maske auf. So undringlich und so weit entfernt von mir, hätte ich nicht noch ein kleines bisschen Stolz, wäre ich jetzt weinend zusammen gebrochen.
„Aber“, sprach er weiter, „ Ich hatte dir vorher gesagt, du solltest wegbleiben. Warum hast du nicht auf mich gehört? Fordere nie dein Schicksal heraus, Melanie.“
Mit jedem weiteren Wort, das er aussprach, fiel die Maske. Danach folgte eine längere Pause. Meine Augen weiteten sich ganz von selbst.
Ich sollte vergessen? Vergessen, dass er mir so nah war, wie kein anderer bisher?
Meinem Herz verweigern was es sich wünschte? Kopfschüttelnd taumelte ich einen Schritt zurück. Als ich merkte, dass er auf eine Antwort von mir hoffte, brauchte ich erstmal ein paar Anläufe um meine Stimme wiederzufinden. „Mein Schicksal herausfordern? Inwiefern meinst du das? Ich… kann dir nicht folgen“, gab ich schließlich zu.
Ich musste lautstark schlucken. Die Angst, bald wieder hier allein, im Dunkeln zu sein, überstieg alles andere in diesem Moment.
Marco schüttelte den Kopf. Ich sah ihn kaum, nur Umrisse die ihn kennzeichneten.
„Vergiss bitte einfach was ich getan habe. Du müsstest selber wissen wie ich dazu stehe…
e-es kam einfach so über mich…“ Sein Blick bohrte sich in meinen. Wieso konnte ich ihm nicht glauben? Die Küsse… sie waren so viel mehr als das gewesen.
War mir irgendetwas entgangen?
Alte, längst verdrängte Gefühle für ihn kamen hoch und ich versuchte sie gleich wieder loszuwerden. Und ich konnte sie übertrumpfen, mit der Wut, die ich jetzt empfand… sie war viel stärker in diesem Moment. „Marco“, ich sprach seinen Namen sehr sanft aus, „Ich weiß, wie du empfindest. Ich kam dir zu nah und musste mit den Folgen rechnen. Aber als ich dich so leblos daliegen gesehen habe, in meinen Armen konnte ich nicht anders Handeln. Was hättest du da getan? Und der Kuss, du warst zögerlich, du hattest darüber nachgedacht! Ich habe es gespürt …“
Jetzt sah er wütend aus.
„Nein! So darf es nicht sein!“
Ich runzelte die Stirn. „Wie bitte?“
Eine längere Stille folgte. „Ich komme schon wieder nicht mit“, gab ich zu.
Er seufzte. „So ist es auch besser. Manchmal muss man es nicht wissen, um zu verstehen…“
Seine Augen blitzten in der Dunkelheit auf, seine Haltung entspannte sich, als hätte er sich wieder an etwas erinnert. Dann schluckte er laut und sprach weiter:„ Es tut mir leid, Melanie. Habe ich dir Hoffnungen gemacht? Oder dich sogar verletzt?“ Er stieß sich von der Wand ab und kam näher zu mir. Seine geschmeidigen Schritte verschmolzen mit dem Schatten. Er sprach leiser, je näher er mir kam.
„Hast du jetzt Angst vor mir?“ Er blieb ein paar Zentimeter vor mir stehen. Ich schüttelte den Kopf.
Jetzt schnaubte er. „Ich sehe deine Angst, ich kann sie bis zu mir spüren. Sag mir was du denkst.“
Seine Augenbrauen zogen sich wütend zusammen. Das hier war nicht der sonst so entspannte und lockere Marco den ich kannte. Er sah jetzt viel verletzlicher, wütender und vielleicht sogar ein bisschen schüchterner aus.
Als ich nichts sagte, nahm Marco seine Hand und strich sie über meine Wange.
Wann hatte unser Gespräch so eine Wendung genommen? Er schaute mich Erwartungsvoll mit seinen undurchdringlichen Augen an.
Auf was für eine Antwort hoffte er?
Ich schluckte lautstark meinen Kloß im Hals hinunter, damit ich sprechen konnte. Vergebens. Ich krächzte die Wörter nur so heraus, es hörte sich scheußlich an.
„Warum du gelogen hast. Denkst du ehrlich ich bekomme das nicht mit, was du hier abziehst? Wie du dich gegenüber von mir verhältst?“
Es sollte selbstsicher klingen, doch es hatte eher etwas von einem Klagelied.
„Glaubst du wirklich, ich könnte dir jetzt noch ver-“ Da unterbrach er mich, bevor ich das Dümmste was ich je gesagt hätte, ausgesprochen konnte.
Melanie“, sagte er sanft, „ich weiß es war unüberlegt von mir. Doch… bitte
,ich wünschte so sehr du könntest mir Glauben schenken. Ich werde mir dein Vertrauen zurück verdienen.“ Den letzten Satz sprach er voller Stärke aus, er meinte es echt ernst. Ich spürte es und das machte mir Angst auf eine unerklärliche Art und Weise.
Ich fürchtete mich nicht vor ihm, sondern eher vor mir selbst. Würde er mich noch mal küssen oder auf eine schöne Weise mein Herz berühren, könnte ich mich nicht mehr stoppen. Davor hatte ich am meisten Angst.
Sein Atem ging stoßweise und passte sich meinem an. Er wartete darauf, dass ich etwas sagte. Jedoch schloss ich behutsam meine Augen. Das einzige das ich fühlte, war meine Verletzbarkeit.
Ich glaubte seine Hand an meiner Wange zu spüren, ich wusste nicht ob er sie mir schon wieder entzogen hatte. Ich wollte nicht meine Augen öffnen um nachzuschauen. „Melanie, du bist müde. Ruh dich aus. Morgen ist schließlich dein erster Schultag!“
Meiner? Ich schlug die Augen auf.
„Du meinst doch wohl unseren.“
Mit beiden Augenbrauen hochgezogen musterte ich ihn in der Dunkelheit.
War das Gespräch wirklich schon so weit, Scherze zu machen? Oder eher, sich Scherze zu erlauben
?
Er lachte über mein verwirrtes Gesicht. Er lachte tatsächlich. „Na komm, ich bring dich ins Bett.“
Ich hustete.
„Ne-e-ein! Das kann ich allein.“
Darüber musste er grinsen.
„Wie du meinst, schlaf noch ein bisschen der Tag ist noch jung.“ Er lachte in sich hinein und ich wusste nicht was er damit meinte. Mit einem Schulterzucken ging er in sein Zimmer und ließ mich alleine.
Schnell wischte ich meine Tränen weg.
Am besten denke ich nicht mehr daran
, zischte ich in Gedanken. Schnell verschwand ich ebenfalls in meinem Zimmer und ließ mich ins Bett sinken. Tatsächlich ließ sich der Gedanke schnell abwimmeln. Der Neuanfang rückte immer näher, war fast greifbar. Am späten Nachmittag war Marco nicht mehr aufzufinden. Hatte er was anderes vorgehabt?
Ich dachte nicht mehr länger darüber nach, versuchte meine Gedanken anders zu leiten.
Und ich schaffte es, mit viel Hausarbeit und Fernsehen. Der Tag ging so schnell vorbei, wie er angefangen hatte. Schmerzhaft schluckte ich, als es draußen dunkler wurde. Morgen war es soweit.
Der erste Tag, mein … unser Neuanfang.
Als er in sein Zimmer verschwand, um Melanie alleine zu lassen, breitete sich in ihm die Angst aus. Ihn so schwach zu machen, dass konnte nur Melanie.
Seufzend sackte er an der Zimmertür zusammen. Hätte er noch ein Herz gehabt, wäre es bestimmt aus seinem Brustkorb geflogen.
Aber er hatte kein Herz mehr.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? Sie hatte Recht behalten, er wollte sie!
„Nein!“ Er schlug heftig mit seiner geballten Faust auf den Holzfußboden.
Der Boden gab unter seiner gewaltigen Kraft nach und hinterließ verbogenes Holz.
Er achtete da nicht drauf.
„So darf es nicht sein…“ Er zog seine Augenbrauen stark zusammen.
Oder doch? Konnte er noch länger verleugnen, was er fühlte? Könnte er es zulassen, dass sie älter wurde mit jedem Tag? Dass sie jemand anderen abbekam als ihn? Würde er es aushalten
?
Er war selbstsüchtig, doch ließ ihn das völlig kalt. „Ich kämpfe für dich…“, säuselte er leise in die Dunkelheit. Er erhob sich schnell und sprang leichtfüßig auf seine starken Beine. Er musste etwas tun. Sein Hunger hinderte ihn leicht daran, Melanie aufzusuchen und in ihr Zimmer zu gehen. Er konnte ihr so was niemals antun. Und somit machte er sich auf zu seinem Vater. Dort würde er alles erfahren, was er brauchte.
Für Melanie, für seiner selbst Willen.
Kapitel 5, Neue Wege
Nun gut, ich könnte entweder entsetzt aufschreien, lauthals los lachen oder in mich zusammensacken und los weinen. Doch nichts davon geschah, es ergab keinen Sinn. Ich wollte nicht aufgeben, so kurz vor meinem neuen Ziel. Marco sah mich Erwartungsvoll an. Als wir das erste Mal das neue Schulgelände betraten, dachte ich in ein Paradies gelandet zu sein. Hohe, schnörklige Ranken zogen sich an die Stahlzäune. Weiße Rosen zierten sie.
Graue und weiße Backsteine umringten das ganze Schulgebäude, sie sahen noch ziemlich neu aus.
Die Schule war um einiges größer, als meine letzte. Es unterschied sich viel von meiner Alten. Zum Beispiel war die Turnhalle nicht direkt an die Schule dran gebaut worden, sondern weiter hinten. Ein kleiner, backsteiniger Weg führte zu ihr. Viele Blumen umringten ihn. Ich hörte sogar einen kleinen See in der Nähe plätschern. Die Bäume umringten das ganze Grundstück. Alles war sehr abgeschieden.
Langsam entzog ich den Blick der Schule und wendete mich zu Marco. Er hatte sein typisches triumphierendes Lächeln aufgesetzt. Er wirkte so entspannt und selbstsicher. Ich könnte so was nie. „Bereit?“, fragte er mich grinsend.
Ich schüttelte den Kopf. Niemals.
„Lass uns gehen.“ Seufzend ergab ich mich. Als wir zusammen durch das Tor gingen, bemerkte ich im Rücken ungewollte Blicke. Sie verursachten in mir die Angst, die ich durchaus verdrängen wollte.
Ich ließ meine braunen, langen Haare nach vorne fallen. Langsam und geduldig, zumindest tat ich so, ließ ich meine Blicke diesmal auf die anderen Schüler schweifen.
Meine Augen weiteten sich. Merkwürdig angezogene Schüler gingen im Plauderton an uns vorbei. Sie trugen alle auffälligen Schmuck und ziemlich teure Markenklamotten.
Kopfschüttelnd schaute ich nach vorne.
Mein Blick begegnete sich mit einem der Gruppe. Er hatte sich zu uns umgedreht.
Enttäuscht und verletzlich schaute er mich an, dann zu Marco und wieder zurück.
Er ließ den Kopf hängen und schloss sich wieder der Gruppe an. Was war das gerade?
Dann sah ich eine weitere Gruppe die uns überholte. Sie gingen alle ziemlich schnell, manche Bewegungen verschwommen vor meinem Auge.
Ich musste blinzeln. Sie sahen Marco ziemlich ähnlich. Schwarze Haare, bleiche Haut, auf unerklärliche Weise Schön. Aber nicht alle hatten eine solch dunkle Haarfarbe. Am Rande sah ich drei Mädchen die sich aufgeregt unterhielten. Sie hatten alle, blonde, fließend lockige Haare. Als eine von ihnen lachte, klang es wie ein Glockenspiel, so wunderschön.
Schnell wandte ich meinen Blick ab und konzentrierte mich auf die Schule. Konnte Marco meine Anspannung spüren? Ihn schien das jedenfalls nichts auszumachen. Er lächelte immer noch auf mich herab. Sein Gesicht zeichnete nichts mehr als bloße Freude.
Die Nervosität überstieg meine Grenzen des Vernünftigseins. Marco hatte mir seine Hand beschützend auf meine Schulter gelegt. Mit ihm fühlte ich mich wenigstens etwas besser. Gemeinsam betraten wir das Schulinnere. Was mich nicht weiter überraschte, war auch hier alles modern eingerichtet.
Ich sah am Ende des Gangs sogar ein Schild, auf dem “Café“ geschrieben stand.
Ich achtete nicht weiter darauf. Die Schule war schon ziemlich überfüllt mit Schülern. Alle waren sie in Gruppen aufgeteilt. In diesen Gruppen sahen sich alle ungeheuer ähnlich. Aber wenn man alle Gruppen betrachtete, ähnelten sie sich kein bisschen. Kopfschüttelnd ging ich weiter.
Marco wirkte so selbstsicher in seiner Rolle, dass es mich nicht überraschen würde, wenn er anfinge zu pfeifen. Insgeheim freute ich mich auch und seine fröhliche Aura war einfach ansteckend.
Es half immerhin die Nervosität zu überspielen.
Wir bogen gerade um die Ecke des Gangs, als uns eine weitere Gruppe Schüler entgegen kam. Sie lachten, schienen sehr fröhlich zu sein. Als sie Marco bemerkten, liefen sie gleich zu ihm hin. „Marco, alter Junge! Mensch, lange nicht gesehen!“, brüllte einer der Jungs. Er war der Größte. Viele Muskeln zierten seinen starken Körper. Seine brauen Haare waren kurz geschnitten. Insgesamt waren sie zu fünft, zwei Mädchen, drei Jungs. Die beiden Mädchen sahen mich merkwürdig an, musterten mich schon fast. Die Jungs klatschten alle in Marcos Hand ein. Zweifelnd sah ich ihnen dabei zu. Schnell räusperte ich mich. „Ich gehe dann schon mal voraus. Bis später dann, Marco…“ Schnellstens nahm ich Reißaus ohne nochmals in deren Gesichter zu schauen. Unbehaglich fühlen gehörte nicht zu den Sachen, die mir lieb waren.
Zufrieden stellte ich fest, dass keiner mir nachgelaufen war. Aber was mich am meisten störte war, dass sie Marco gekannt hatten. War er ein früherer Freund von ihnen gewesen? Ging Marco schon mal hier auf diese Schule? Sie gingen alle so vertraut mit einander um…
Verzweifelt suchte ich nach Antworten, die ich Wohl oder Übel erst später bekam.
Wenn überhaupt.
Seufzend suchte ich den Weg zum Sekretariat und schließlich fand ich es auch.
In ihm saß eine kleine Frau hinter einem großen, schwarzen, modernen Schreibtisch. Sie knabberte gerade nachdenklich an einem ihrer silbernen Kugelschreiber. Auch andere waren hier. Lehrer? Und eine Handvoll Schüler. Ich bahnte mir den Weg zu der Sekretärin durch und wartete schließlich darauf, dass sie mich bemerkte.
Endlich, sie schaute auf und …
Sah ziemlich erstaunt aus.
Ich musste einmal blinzeln. Ihre Augen waren Karamellfarben, wenn nicht, sogar golden.
Gab es so eine Augenfarbe überhaupt?
Sie räusperte sich.
„Sind sie die neue Schülerin? Marco Stevens hat sie hier eingeschrieben.“
Sie suchte Unterlagen heraus ohne auf meine Antwort zu achten. „Ja, dass bin ich wohl...“, flüsterte ich.
Schließlich fand sie die gesuchten Papiere und schob sie in meine Richtung.
Anerkennend nickte sie.
„So, dass hier is Ihr Stundenplan.“ Sie hielt einen bunten Zettel hoch. „“Sie sind in der... warten Sie kurz, lassen sie mich nachsehen“, sie tippte auf dem Laptop und fand schließlich, was sie suchte, „Ah hier. Melanie Anthony?“ Ich nickte.
„Also nach meiner Liste hat Mr. Stevens Sie in seine Klasse zugeteilt, dass wäre dann die 11 D.“
Sie redete ununterbrochen weiter auf mich ein. Marco wollte mich in seiner Klasse? Wie lieb von ihm. Ich wurde merklich rot im Gesicht.
Die Sekretärin schaute auf und deutete mein Erröten falsch. „Machen Sie sich keine Sorgen. Alles ist zwar noch neu für Sie, aber Sie werden sich sehr schnell eingewöhnen. Es wird alles sehr geschützt.“
Geschützt? Was sollte das jetzt wieder bedeuten? Sie nickte und wippte in ihrem schwarzen Drehstuhl, dabei erklärte sie immer weiter.
„Wie Sie wohl schon gesehen haben, ist unsere Schule sehr gesichert und ein hoher Zaun umschließt das ganze Grundstück. Bevor ich es vergesse – falls Sie beschwerden, Probleme oder sonstige Anliegen haben – können Sie sich immer an mich wenden, ich stehe dafür zur Verfügung.“
Benommen nickte ich, verstaute die Papiere in meiner Hängetasche und nickte zu der Sekretärin.
„Danke“, nuschelte ich leise. Sie grinste mich an und ich verließ schnell das stickige Sekretariat. Leicht benommen schoss ich aus dem Raum.
Meine innere Stimme meldete sich unter meiner Verzweiflung zu Wort.
Vielleicht, aber nur vielleicht wird es dir ja hier besser gehen? Warum versuchst du nicht endlich mal glücklich zu sein?
Es stimmte. Die Tode, die Abschiede die ich immer machen musste, hatte ich nicht vergessen. Sie verfolgten mich, wie mein Schatten. Innerlich kämpfte ich immer noch mit meinen Gefühlen. Es wollte einfach kein Ende finden.
Als ich um die Ecke ging, bemerkte ich wieder den Jungen, der mich zuvor so enttäuscht angesehen hatte.
Diesmal schaute er fröhlich zu mir herüber, als hätte er auf mich gewartet.
Langsam kam er mir entgegen, mit einem grinsen im Gesicht. Verdammt.
Ich biss hart auf meine Lippe herum. Seitdem ich auf dieser Schule bin, fühlte ich mich unbehaglicher als je sonst in meinen Leben. Warum nur?
„Hallo“, sagte er freundlich. „Du musst Melanie Anthony sein. Ich bin Nico Sontal, freut mich dich endlich kennen zu lernen.“ Verdattert starrte ich ihn an, brachte kein einziges Wort heraus. Wie wohl mein Gesicht aussah? – jedenfalls lachte er darüber. Ein wunderschönes, kindliches Lachen.
„Du brauchst nicht so komisch zu schauen. Jeder weiß hier deinen Namen. Die mysteriöse Unbekannte. Ich muss sagen – das hat einen gewissen Reiz.“ Er grinste mich frech an. „Ähm… ich f-freue mich auch.“
Mehr bekam ich nicht auf die Reihe.
Innerlich kochte ich vor Wut. Wieso war ich immer nur so ein Waschlappen?
Ich riss mich zusammen.
„In welche Klasse gehst du?“, fragte ich ihn, um abzulenken. Er sprang sofort darauf ein. Innerlich begann ich aufzutauen, wenn auch langsam.
„11A“, sagte er voller Stolz. „Du?“
„Ich? Eh – 11D, wenn ich mich nicht Irre.“ Jetzt sah er betrübt aus. Dann seufzte er. „War ja klar, dass er dich in seine Klasse steckt.“ Er rieb sich mit einer Hand die Stirn. „Er hat hier viel Einfluss weißt du?“, sagte er nachdenklich.
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich den hochgewachsenen Nico an. Dabei hatte ich noch nicht wirklich auf sein Aussehen geachtet. Blondes, wirres, gestyltes Haar umrahmte sein Gesicht, ging ihm fast bis zum Kinn. Aber es hing nicht so fade im Gesicht herunter.
Dann sah ich wieder in seine Augen. Ein wunderschönes silbrig, blau hieß mich freundlich Willkommen. Ich schmolz etwas dahin, hinderte mich aber krampfhaft daran, hier vor allen umzukippen. Ich schaute weiter in sein Gesicht. Seine Nase war etwas klein, dennoch passte sie perfekt hinein. In sein schmales, freundliches Gesicht.
Aber schnell holte mich die Wirklichkeit wieder ein und ich hatte nicht vergessen was er gesagt hatte.
„Wer ist ‚er
’?“, fragte ich überrascht.
Jetzt sah er mich nachdenklich an. Überlegte er etwa, ob er es mir sagen durfte? Das war doch lächerlich.