Was mich zum Überleben zwingt, Erinnerungen die mich Prägen
Was mich zum Überleben zwingt
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
„Na, Marco natürlich – wer sonst?“ Es sollte wohl unbeteiligt klingen, aber seine Stimme war etwas zu
rau.
„Marco?“
Er nickte.
Ich schüttelte den Kopf. „Ist ja auch egal … denke ich.“ Nico zog eine Augenbraue hoch und musterte mich. „Na gut“, sagte er schließlich, „der Unterricht beginnt bald und – wie es der Zufall so will – liegt mein Klassenraum genau neben gegenüber von deinem. Also was sagst du, wollen wir zusammen gehen?“
Unwiderstehlich sah er mich dabei an. Konnte man so ein verlockendes Angebot überhaupt abschlagen? „Klar“, sagte ich, versuchte es aber nicht ganz so nervös klingen zu lassen, wie ich mich fühlte.
Aber er durchschaute mich.
„Ich finde es schön, dass du mit mir mitkommst.“ Einladend sah er mich an.
Langsam nickte ich und wir gingen zusammen los. Schweigend gingen wir nebeneinander her, durch die großen, überfüllten Gänge, bis zum zweiten Stockwerk. Später fragte er mich über mein altes Leben aus, auf welche Schule ich gegangen war. Dabei zuckte ich kaum merklich zusammen. Aber Nico bemerkte es, merkwürdigerweise. „Möchtest du es mir nicht sagen?“
„Tut mir leid Nico, aber ich schätze, dass ich einfach noch nicht soweit bin. Ich hoffe du verstehst das.“
Nico wirkte neben mir etwas mitgenommen, nickte aber nach einer Weile.
Als wir endlich oben ankamen, bemerkte ich wie langsam wir doch gegangen waren.
Marco lehnte sich lässig an die Wand und wartete. Erstaunt über diese Tatsache blieb ich wie angewurzelt mitten auf dem Gang stehen.
Nico bemerkte die veränderte Situation sofort und blieb ebenfalls stehen. Dann schaute er genau zu Marco herüber und ich bemerkte, wie er sich neben mir anspannte. Seine Mimik veränderte sich von nervös zu grimmig.
Marco hatte uns noch nicht entdeckt, er sprach gerade mit zwei Mädchen, die wohl in Nicos Klasse gingen. War er deswegen so sauer?
Überrascht schaute ich zu Nico auf. Jetzt sah er nicht nur grimmig aus, er war ganz außer sich vor Wut. War er vielleicht in eins der Mädchen verliebt?
Die beiden Mädchen erkannte ich sofort wieder. Ich hatte sie vorher an der Mauer gesehen, jedoch war das dritte Mädchen nicht dabei, das wohl schönste von den dreien.
Aber was mich mehr beschäftigte war, dass sich Marco angestrengt und überaus glücklich mit den beiden Mädchen unterhielt. Mädchen , die viel schöner, klüger und bedeutsamer waren als ich. Warum machte mich das so ärgerlich?
Seufzend ging ich an ihnen vorbei und schaute Marco nicht einmal mehr an.
Glücklicherweise erwies sich der Lehrer als zuvorkommend, ich musste mich nicht vor der gesamten Klasse vorstellen. Er verfrachtete mich in die letzte Reihe, neben einem ungewöhnlich, aussehenden Jungen.
Er schaute mich mit einer so überaus beeindruckenden Wut an, ich dachte schon an Selbstverteidigung.
Schnell wandte ich den Blick von ihm ab und schaute durch die Klasse. Marco saß direkt zwei Reihen vor mir. Zum Glück nicht annähernd in meiner Nähe. Ich war immer noch ziemlich verärgert, auch wenn es mir selber völlig albern vorkam. Kopfschüttelnd versuchte ich dem Unterricht zu folgen – vergebens. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich zu Marco herüber schielte.
Seufzend gab ich für Heute auf. Möge der Vormittag schnell an mir vorbeiziehen, bat ich inständig.
Nach ein paar Minuten kritzelte ich Skizzen auf meinen Ringblock und versuchte selber daraus schlau zu werden. Ich malte zwei schwarze Flügel, ein Rosen überwuchertes Kreuz mit dunklen Schattierungen.
Es erinnerte mich Schmerzhaft an meine Vergangenheit. Plötzlich schossen die alten, längst verdrängten Bilder von meiner Mutter, mir wieder in den Kopf.
Ihr lächeln, als sie ihre letzten Worte zu mir sprach. Sie würde endlich wieder meinen Bruder wieder sehen. Verzweifelt versuchte ich sie schnell wieder loszuwerden und radierte das wunderschöne Bild vor meinen Augen komplett aus.
Neben mir bewegte sich mein Sitznachbar heftig. Was war nur los mit dem? Leicht sah ich nach rechts …
und bereute es sofort.
Er sah mich hasserfüllt an. Mein Atem ging schneller und ich hoffte, dass die verdammte Stunde endlich endete. Meine Bitte wurde erfüllt, schon nach wenigen Sekunden klingelte die schrille Glocke der Schule, die das Ende der Stunde verkündete. Ich versuchte schnell meine Sachen einzupacken um möglichst weit weg von ihm zu sein. Langsam stand ich leicht benommen auf, musste mich sogar an der Kante des Tisches abstützen. Dabei ertappte ich mich, wie ich ihn wieder ansehen musste. Es war wie ein Drang.
Zwei schwarze Augen sahen mir direkt in die Seele, so kam es mir vor.
Mein Körper verkrampfte sich und erschauderte. Mein Fluchtinstinkt machte sich in mir breit.
Ich verzog das Gesicht. Wir beiden waren die letzten im Klassenzimmer. Wie lange haben wir uns schon in die Augen geschaut? Ich wusste es nicht.
Er saß immer noch völlig reglos und angespannt auf seinem Platz.
Seine schwarzen Haare fielen ihm über die Augen. Er sah so was von zum Anbeißen aus. Regungslos stand ich vor ihm, immer noch in derselben Bewegung verharrt.
Würde das nie ein Ende nehmen?
Er nahm mich mit seinen Augen gefangen. Seinen wunderschönen, schwarzen Augen. Sie ließen mich nicht los. Dann endlich bewegte er sich, stand von seinem Platz auf. Er war ziemlich groß, größer als Nico. Mein Nachbar kam um den Tisch herum, genau zu mir.
Aus ihm heraus strahlte seine ganze Persönlichkeit, eine unbeschreibliche Anziehungskraft, die mich einfach nicht gehen ließ.
Kapitel 6, Schicksalhafte Begegnung
Bewegungsunfähig blieb ich wie angewurzelt stehen. Er schaute mir weiterhin in meine Panik ergriffenen Augen. Plötzlich war mir der nächste Unterricht vollkommen Egal. Ihm schien es eben so zu ergehen. Ein liebevolles Lächeln breitete sich auf seinen harten Gesichtszügen auf. „Hallo“, hauchte er mit einer tiefen, männlichen Stimme. Sie passte perfekt zu seinem Aussehen. Er hatte überaus ausgeprägte Muskeln, die man sogar durch sein graues T-Shirt hindurch sah. Es schmeichelte ihm nur noch mehr.
Er trug eine schwarze Jeans, passend zu seinen wirr gestylten Haaren, die ihm übers Gesicht fielen.
Wenn er Atmete konnte man sogar leicht seine Bauchmuskeln sehen.
Welche Frau, schmelzt bei so einem Anblick nicht sofort dahin? Ich fühlte mich wie Wasser.
„Hi“; brachte ich mühevoll heraus.
Er grinste frech.
„Wie heißt du?“, fragte er mich unwiderstehlich. Ich wusste nicht wieso, aber er sprach mit einer solchen Neugierde, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
„M-Melanie.“; brachte ich stotternd hervor. Innerlich beschimpfte ich mich selber.
Waschlappen! Waschlappen! Waschlappen!
Verärgert über mich selber, senkte ich meinen Blick. „Und du?“ Ich hoffe inständig, dass er nicht meine Panik bemerkte. „Ich heiße Sascha“, antwortete er zügig, beinahe zu schnell. Verwundert sah ich ihn an.
„Ich mag meinen Namen nicht besonders, musst du wissen.“ Er verzog sein Gesicht zu einem Schmunzeln. „Warum das denn?“ Ich wollte unbedingt mehr erfahren. Aber er schüttelte den Kopf. „Ein andern Mal.“ Er zog einer seiner perfekten Augenbrauen hoch und musterte mich. Ich sah für ihn bestimmt wie ein Vollidiot aus. Mein Outfit – wenn man es denn so nennen durfte – bestand aus einer Jeans und Top Kombination, mit schwarzen Chucks.Dann Begriff ich, warum er mich so musterte.
„Wir beide passen echt gut zusammen“; sagte ich kichernd. „Ich mag schwarz.“
Er lächelte.Die Schlechte Stimmung war komplett verschwunden. Ausradiert, wie das Bild das ich nicht aus meinem Kopf bekam. „Was hast du als nächstes?“, fragte er mich spontan und schaute auf seine schwarze Armbanduhr.
„Hmmm.“ Ungeduldig tappte ich mit meinem Fuß auf den Boden. Angestrengt dachte ich nach. „Ich glaube Biologie.“ Er lächelte zart, nahm seine Hand und strich sie über mein Gesicht. Ich erschrak. Hatte ich echt gehofft, er würde genauso kalt sein wie Marco? Seine haut, sie war so unendlich weich und warm. Sie sah genauso aus wie Marcos bleiche, harte Struktur. Doch das täuschte. Hatte ich mir da was eingebildet? Er lachte herzhaft über mein Gesicht.
Ich verzog mein Gesicht noch mehr, schlug seine Hand weg und verschränkte meine Arme vor meiner Brust. „Ich Geschichte“, sagte er immer noch lachend. „Na ja, wir sehen uns dann nachher. Du willst bestimmt nicht zu spät kommen. Die Pause ist gleich vorüber.“
Nachdenklich schaute er schon wieder auf seine Uhr. Wollte er verzögern?
Dann schaute er mich wieder an, es blitzte Erkenntnis in seinen Augen auf.
Ich blinzelte und bevor ich irgendetwas dagegen mache konnte, küsste er mich auf die Wange, schnappte sich in Höchstgeschwindigkeit seinen Rucksack und verschwand. Voller Schreck und Panik krallte ich mich am Tisch fest. Ich senkte den Kopf, hielt mir eine Hand an die Stirn. Ich wusste nicht, wie lange ich so da stand, doch die Schulglocke verkündete das Ende der Pause.
Schnell musste ich mich wieder zusammenreißen. Mit zusammengebissenen Zähnen verließ ich nun auch endlich das Klassenzimmer.
„Melanie, beruhig dich…“, befahl ich mir selber, in der Hoffnung es würde klappen.
Langsam tappte ich in Richtung Biologieraum. Zu meinem Entsetzten musste ich wieder ganz nach unten, das hieß Treppen runter steigen.
Im Erdgeschoss angekommen, sprintete ich schnell in Richtung E18. Durch den Plan, den die Sekretärin mir gegeben hatte, fand ich es auf Anhieb. Ohne wäre ich ganz schön aufgeschmissen gewesen. Zum Glück erreichte ich den Raum, bevor der Lehrer hineinkam. Er begrüßte mich freundlich und stellte sich als Mr. Johnson vor. Komisch, er kam mir nicht älter als dreiundzwanzig vor.
Stirnrunzelnd setzte ich mich auf den letzten freien Platz neben Nico. Er war über die Maßen erfreut darüber.
Marco entdeckte ich nirgends. Ich würde ihn später noch zur Rede stellen müssen.
Die Stunde spielte ich wie alle, nur so herunter. Ich kapierte nicht ein Wort, was der Lehrer uns sagte. Ich hatte keinen nerv mehr darauf und konzentrierte mich auf das Gespräch mit Marco.
Was sollte ich bloß sagen? Wie sollte ich Anfangen? Auch Nico schien sich nicht für den Unterricht zu begeistern und sah mich ununterbrochen an.
Frech grinste er.
„Was ist?“, flüsterte ich leise.
Er schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich finde dich nur, auf eine unerklärliche Weise, wunderschön.“ Er zog seine Augenbrauen hoch.
„Bekomm das nicht in den falschen Hals, ich meine es aufrichtig.“ Wieder grinste er.
Ich tat es mit einem nicken ab. Es wurde immer Schlimmer. Wieder dachte ich an Sascha. Er war so… ich konnte es nicht mit Worten beschreiben. So was wie himmlisch, war noch untertrieben. Als ich dann endlich auch die Biologiestunden hinter mich gebracht hatte, begleitete mich Nico mit nach draußen. „Hey Nico, hast du mal eben Zeit?“
„Klar doch.“ Er war sofort Feuer und Flamme. Er ließ seine Augen strahlen.
„Komm“, ich deutete auf die freien Tische auf dem Hof der Schule, „wir können uns dahinten hinsetzten.“
Er nickte eifrig und wir gingen zusammen zu den Tischen. Schnell setzte er sich gegenüber von mir und schaute in mein Gesicht.
„Ich möchte direkt zur Sache kommen.“ Ich schluckte laut. Keiner war hier außer uns.
„Natürlich“, sagte Nico, voller Neugierde.
Mein Blick wurde ernster.
„Also es geht um heute Morgen.“
Sein Atem stockte kurz, ließ sich aber nichts weiter anmerken. „Was soll damit sein?“
Ich verschränkte meine Hände, auf dem Tisch, miteinander und schaute auf sie.
„Du hattest so wütend ausgesehen. Was war denn los? Das beschäftigt mich schon die ganze Zeit.“
Nico lachte hart. Erschrocken schaute ich zu ihm auf. „Was ist?“ „Du interpretierst manchmal einfach zu sehr da hinein. Ich habe mich nur ein bisschen darüber aufgeregt, dass er dich alleine gelassen hat. Du kennst dich eben noch nicht so gut aus und er wusste das. Na, er ist doch so was wie dein ’Begleiter’, oder irre ich mich da?“ Ich zog meine Augenbrauen zusammen.
„Keiner ist hier für mich verantwortlich.“
„Hmmm. Irgendwie ist er es doch. Immerhin ist es dein erster Tag.“ Meiner?
„Du kennst Marco schon länger?“, fragte ich ihn und versuchte dabei nicht aufgeregt zu klingen.
Er nickte. „Klar, er geht hier schon länger auf diese Schule.“ Ich musste erstmal blinzeln „Wie bitte? Seit wann?“ Erschrocken schaute er mich an, als ob er zu viel verraten hätte. Schließlich wandte er den Blick ab und schaute ins Leere. „Na ja, schon seit drei Jahren, wenn ich mich nicht Irre. Er ist der Sohn des ’Direktors’, sozusagen.“
Ich erstarrte.
Alles Lügen. Warum tut er mir so was an? Was will er damit erreichen?!
Aufgebracht schnaubte ich.
Nico schaute zu mir. „Warum fragst du?“
Ich platzte mit der Wahrheit hinaus und bereute sie nicht. Ich war zu wütend.
„Weil er mir nie etwas erzählt hat. Er hat mich belogen, über fast alles.“
Wütend biss ich auf meine Lippe, ballte meine Hände zu Fäusten und schrie genervt auf.
„Man!“
Nico stand auf und kam zu mir, legte einen Arm um meine Schulter und versuchte mich zu beruhigen.
„Beruhig dich, Melli. Er hatte bestimmt seine Gründe.“
Erschrocken sah ich ihn an.
„Du wusstest es?“
Langsam nickte er. Schnell setzte er sich neben mich und hielt meine Hände fest.
Dabei erklärte er mit wackliger Stimme:„ Es ist nicht so, wie du denkst.“ Er legte eine Pause ein, suchte er nach Worten? Ich wusste es nicht.
„Er muss dir noch einiges erklären und du musst dafür erst bereit sein. Solang du es nicht bist, wird er immer so weiter machen. Es ist besser so.“
Grinsend tätschelte er meine Hand.
Ich verstand rein gar nichts.
„Denk darüber nicht so viel nach, kleine Melli. Er wird es dir schon noch sagen. Hab Geduld.“ Damit ließ er das Thema fallen.
Den Rest des Schultages verbrachte ich mit meinen eigenen Gedanken. Anfangs hatte ich noch heimlich Ausschau nach Marco gehalten, doch er war nirgends aufzufinden. Verzweifelt und mit meinen Gedanken alleine ging ich am Schultor vorbei.
Meine Verletzbarkeit war noch nie ausgeprägter gewesen. War es das Alles wert? Ich sollte warten? Auf was? Mein Ende? Hatte ich noch nicht genug gelitten?
Ein kleiner Hoffnungsschimmer war immerhin vorhanden. Ich hatte meinen ersten Schultag hinter mir gebracht. Auf dem Weg, begegnete ich neugierige Blicke, die ich gekonnt ignorierte.
Sollen sie doch gucken, wenn sie Spaß dran hatten. Plötzlich packte mich jemand an meine Schulter und zog mich leicht nach hinten.
Ich prellte leicht gegen einen harten Körper. Erschrocken schaute ich nach hinten und sah Sascha. Überrascht zog ich meine Augenbrauen hoch. Doch er grinste nur und drehe mich zu sich herum.
„Na, wie war dein erster Tag?“, fragte er mich Wissbegierig. Ich schüttelte den Kopf. Schließlich fand ich die Worte die ich suchte.
„Er war sehr lang.“ Anlügen wollte ich ihn nicht, nicht direkt. Er musste ja nicht wissen, was in mir wirklich vorging. „Verstehe.“ Er seufzte leicht. „Es ist schrecklich langweilig, findest du nicht auch?“, sagte er spöttisch.
Im Hintergrund nahm ich Gekicher wahr und auch andere neugierige Blicke.
Warum starrten alle immer nur so herüber, verdammt! „Sag mal, mögen dich die anderen nicht?“, fragte ich ihn genervt. Er zog eine Augenbraue hoch. „Wie?“
„Ich habe beobachtet, dass dich manche so komisch ansehen. Oder dir auch aus dem Weg gehen, so scheint es mir zumindest.“ Peinlich berührt schaute ich auf den Stein gepflasterten Boden. „Gut beobachtet. Aber das liegt daran, dass ich sie eher meide. Ich bin eigentlich nicht der Typ für andere Bekanntschaften.“ Er nickte leicht und ließ das Thema fallen. Ich wusste es steckte mehr dahinter, aber ich wollte nicht aufdringlich wirken und weiter nach fragen. Also verschob ich das Gespräch.
„Also gut“, sagte ich als die Stille die Oberhand gewann, „Wie sieht’s aus? Morgen um dieselbe Zeit?“
Er lachte. „Sehr gerne. Wir sehen uns Morgen.“ Auch wie letztes Mal, hauchte er mir einen kurzen, leichten Kuss auf die Wange. Sascha kicherte leise als ich errötete. Schnell verschwand er in Richtung Parkplatz und ich machte mich auch auf, um den Bus nicht zu verpassen. Wenn Marco nicht zu hause ist, kann er was erleben, zischte ich in Gedanken.
In Gedanken fluchend stapfte ich zur Bushaltestelle.
Kapitel 7, Vertrauen
Am Abend kehrte endlich Marco zurück.
Wäre ich nicht so sauer auf ihn gewesen, hätte ich mich wirklich darauf gefreut.
Ich ließ ihm fairer Weise, obwohl er das gar nicht verdient hatte, ein bisschen Zeit sich zu sammeln.
Jeder der gerade erst nach Hause kam, wollte nicht gleich überrumpelt werden.
Keiner wusste das besser als ich.
Ungefähr eine halbe Stunde später, hielt ich es nicht mehr länger aus und marschierte fuchsteufelswild ins Wohnzimmer. Marco saß ganz gemütlich auf einen der Hocker, die in der Küche standen.
Sein Arm ruhte an seinem Kopf, er hielt ihn fest. Schlief er schon? Aber als ich näher kam, sah ich, dass er sich wieder Sandwichs reinstopfte.
Hatte er nicht langsam genug davon?
Übertrieben laut räusperte ich mich, doch dass beeindruckte Marco nicht die Bohne.
Ohne auf seine Gefühle zu achten, wenn er denn welche besaß, wovon ich nicht gerade überzeugt war, schob ich seinen Teller beiseite und setzte mich neben ihm.
Sein Gesicht verzog sich sehr langsam. Dann seufzte er. „Was soll das werden, wenn es fertig ist?“, fragte er mich bissig. Was war denn mit dem los?
Sollte ich
nicht eher so sein? Grimmig schaute ich ihn an. Das stachelte mich nur umso mehr an.
„Ich würde sagen du hast es absolut verdient“, sagte ich unsanft. Das ließ ihn aufhorchen. „Wie bitte?“
Verdattert sah er mich an und zog einer seiner perfekten Augenbrauen hoch.
Ich schluckte kurz und antwortete mit starker Stimme:„ Du hast mich wieder angelogen, Mister.“
Das war hart.
Marco zuckte etwas zusammen. Bedeutend sah er mich an. „Inwiefern?“, fragte er gelassen. Er stand auf, nahm seinen Teller und spülte ihn sorgfältig ab. Was sollte dieses Theater? „Du sagtest, du wärst bisher noch nie auf dieser Schule gewesen, insgesamt hättest du diesen Ort eigentlich gar nicht kennen dürfen.“ Ich schüttelte heftig den Kopf. Erinnerungen kamen hoch.
„Aber nein, wieso auch nicht? Lügen wir einfach mal die beste Freundin an, macht ja nichts. Ich habe ja keine Gefühle.“ Enttäuscht und wütend schaute ich zur Seite. Ich ließ meiner Wut freien lauf. Aber Marco ließ sich nichts anmerken.
Ohne mir eine Antwort zu geben, schmiss er sein Geschirrtuch über die Schulter und schruppte unnötiger Weise, den schon sauberen Teller, weiter.
Seufzend stellte ich mich neben ihn, legte meine zarte Hand auf seinen Starken Arm.
„Bitte“, flüsterte ich, als er aufgehört hatte, „Erzähl mir endlich die Wahrheit, erspar mir diese ganze Lügerei.“ Ich bat ihn inständig. Wir waren trotz Allem doch immer noch Freunde… oder? Er drehte sich zu mir um und sah mir direkt in die Augen. Ohne den Blick von mir abzuwenden, stellte er den Teller weg und legte sein Geschirrtuch ab.
Die ganze zeit schaute er mir ununterbrochen an. Dann schluckte er laut und begann wie ein Wasserfall an zu reden. „Es stimmt. Ich habe dich tatsächlich angelogen und das bewusst. Ich war gar nicht weg in den zwei Jahren und auch nicht in der Zeit, als du im Krankenhaus lagst. Die ganze Zeit war ich hier gewesen. Mir war klar, dass“ – er strich schnell seine wirr gestylten Haare aus dem Gesicht- „du es irgendwann heraus finden würdest.“ Sein Blick glitt über mein schmerzverzerrtes Gesicht. Wartete er meine Reaktion ab?
Ich wusste nicht, was in meinem Gesicht geschrieben stand, aber er sah mich nur verzweifelt an.
„Du hast es also nicht getan, um mich von dir fernzuhalten?“ Marco fing schallend an zu lachen. Während er sprach, verwuschelte er meine Haare.
„Ach Melli, niemals deswegen. Ich tat es um dich in Sicherheit zu wiegen. Außerdem wollte ich, dass wir beide nicht in eine völlig neue Umgebung müssen. Außerdem ist es doch ganz nett hier, oder?“ Frech grinste er mich an, ich schlug seine Hand weg und versuchte meine Haare wieder zu ordnen.
Aber meine Augen verrieten mich, ich strahlte vor Freude.Er tat es nicht um mich auf Abstand zu halten.
„Ich habe schon ein paar kennengelernt… sie sind alle zu zuvorkommend und – fröhlich?“
Beantwortete ich seine Frage, die er nicht gestellt hatte, die er aber wissen wollte. Glaubte ich zumindest zu wissen. Er seufzte leicht. „Du durchschaust mich aber auch immer wieder, ob das nicht mal zum Problem wird?“, sagte er leise zu sich selber und ich wusste nicht, ob ich es richtig verstanden hatte. Schnell fügte er hinzu:„ Sie wollen nur, dass du besser einfindest. Genau wie ich:“
„Das mag ja sein, nur ich finde … es komisch. Ist ja auch egal.“ Ich zog meine Augenbrauen zusammen. „Mir gefällt es hier ganz gut.“ Anerkennend nickte er. „So sollte es ja auch gedacht sein.“ Obwohl das Gespräch eigentlich damit beendet war, blieben wir genauso Regungslos in der Küche stehen. Marco nahm seine kühle Hand und legte sie auf meine Wange. Ich errötete, und hasste mich dafür. Der Hass auf mich selber war berechtig, ich durfte nicht so fühlen. Tat es aber trotzdem.
Er bemerkte es und zog sie sofort wieder zurück. Leise versuchte ich einzuatmen, um mich zu beruhigen. Marco räumte das übrige Geschirr ab und fragte mich heiter. „Hast du keinen Hunger?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab schon vorhin gegessen.“ Enttäuscht und überaus verzweifelt zog ich meine Augenbrauen zusammen.
Währenddessen ich versuchte, meine Selbstbeherrschung wieder zu finden, räumte Marco die ganze Zeit die Küche auf. Grinsend und – glücklich? – sah er mich manchmal aus seinen eisblauen Augen an. Sie standen in so einem grotesken Kontrast mit seinen Haaren, dass es mich immer wieder verblüffte.
Als er fertig war und ich mich immer noch nicht bewegt hatte, seufzte er leicht.
„Dann gute Nacht, Melli. Schlaf schön.“
Ich nickte, reib mir die Stirn und machte auf den Absatz kehrt. Dabei flüsterte ich noch leise: „Ja, du auch.“
Darauf musste er lachen.
Hatte er das tatsächlich gehört? Oh man.
Seufzend marschierte ich in mein Zimmer und schmiss mich auf mein kleines Bett. Am liebsten wäre ich sofort eingeschlafen, aber das Bad reif schon schreiend nach mir.
Also sputete ich mich und kramte in meinem Kleiderschrank nach meinen Schlafklamotten.
Erleichtert fand ich sie, nach wilden kramen, und tappte leise ins Bad.
Aber bevor ich nur die Türklinke berühren konnte, hörte ich ein Duschgeräusch.
Schallend klopfte ich gegen die Tür. War ich so unaufmerksam gewesen? Wie schnell war der Kerl denn!
„Gleich!“, brüllte er zu mir.
Seufzend lehnte ich mich gegen die Tür. Würde er sich nicht beeilen, schlafe ich hier noch im Stehen ein. „Beeil dich“; flüstere ich, als langsam das Geräusch des prasselnden Wassers verklang. Müde fielen mir langsam die Augen zu, nach einigen Sekunden wurden sogar meine Knie weich.
Doch plötzlich wurde ruckartig die Tür aufgerissen. Ich fiel und knallte gegen einen harten, kalten Körper. Erschrocken sah ich auf und begegnete Marcos Blick. Seine Hände umfassten meine Schultern, seine nassen, schwarzen Haare tröpfelten Wasser auf mein Top.
Der warme, fast schon heiße Dampf des Duschwassers wehte mir entgegen.
In meinen wildesten Träumen, hätte ich mir ihn
nie so vorgestellt,
so vollkommen.
Langsam drehte ich mich um, stieß seine Hände ab und trat einen Schritt zurück. Der Dampf benebelte meinen Verstand und ich war mir sicher, nicht nur der Dampf war es, der mich aus meinen Verstand lockte.
Ich schluckte schwer. Langsam ließ ich meinen Blick auf seinen muskulösen Körper schweifen. War ich vorher müde gewesen? Ich wusste es nicht mehr.
Er hatte nur eine lockere, graue Schlafhose angezogen. Sein Oberkörper war nackt und es tröpfelte immer noch das Wasser von seinen Haaren, auf seine nackte Brust. Er war der Gott auf Erden. Ich schüttelte hastig den Kopf und wandte mich missmutig wieder seinem perfekten Gesicht zu. Seine Augen glühten. „Wolltest du nicht ins Bad?“, fragte er mich verführerisch. Dabei stützte er seinen Arm am Rand der Tür ab und beugte sich langsam zu mir herunter.
Sein Gesicht war nur ein paar Zentimeter von meinem entfernt, ich konnte sogar seinen unwiderstehlichen Duft riechen. Seine Wärme, die ich vorher noch nie wahrgenommen hatte, berauschte mich. Seine Nähe ließ mich erschaudern.
Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter.
Langsam nickte ich benommen, auf seine Frage. Die Sekunden verstrichen, sein Atem streifte mein Gesicht. Seine Augen glühten vor Verlangen, ich merkte sogar, dass sie sich veränderten. Spielten meine Gedanken mir einen Streich? Sie wurden dunkler. Keuchend rang ich nach Luft. Heftig musste ich schlucken. Was tat er bloß mit mir?
Spielte er ein Spielchen mit mir? Ich konnte nicht mehr richtig denken.
„J-Ja!“, stammelte ich, es klang fast hysterisch. Marco kicherte. Ich sah wie seine Bauchmuskeln sich langsam dabei bewegten…
Meine Haare wirbelten nach vorne. Ich spürte einen leichten Luftzug, der meine Haut abermals erschaudern ließ. Nun fühlte ich den Rand der Tür hinter mir. Marcos Hände umfassten mein Gesicht. Er grinste frech.
Glaubte er wirklich, er kam damit durch? Ich zwang mich dazu, mich selber wiederzufinden.
Schnell schüttelte ich seine Hände ab, doch er presste sich mit seinem ganzen Körper gegen mich. Piepsend holte ich Luft. Eins seiner Beine hatte er zwischen meine geklemmt. Er vergrub sein Gesicht in mein Haar, lehnte es gegen meinen zarten Hals.
„Hmmm.“ Er holte keuchend Luft. „Du berauscht mich so, Melanie. Dein Duft, deine weiche Haut, du selber machst mich völlig verrückt.“ Leise schnurrend küsste er meinen Hals. Er umfasste stark, ein bisschen besitz ergreifend, meine Hüften. Leise stöhnte er und ich bemerkte wie meine Haut abermals erschauderte, diesmal nicht vor Kälte oder Angst. Was tut er da? Er lehnte sich weiter gegen mich, schaute auf und vor Schreck, piepste ich mit meiner Stimme eine ganze Oktave höher. Seine Augen hatten sich vollkommen verändert, in ihnen erkannte ich die Schwärze, die mich so fürchten ließ.
Er hielt meinem Blick stand, er ging sogar noch weiter an mein Gesicht heran, küsste meine kleine Nase und seufzte wohlig. Reiß dich zusammen Melanie!!
, zischte ich in Gedanken. Ich durfte unsere feste Freundschaft doch nicht wegen so einem Moment zerstören lassen, oder? Nein! Er war mir zu wichtig.
Ich schluckte laut krallte meine Hände fest an den Rand der Tür und erstarrte. Verzweifelt holte ich das bisschen Mut heraus, was mir noch geblieben war und sprach überaus wütend. „Warum sagst du mir nächstes Mal nicht einfach bescheid, dass du beabsichtigst ins Bad zu gehen, Mister?“
Er lachte ein kehliges Lachen. Dabei bebte sein Körper wieder gegen meinen.
„Warum sollte ich das tun?“ Frech grinste er mich an. „N-Na Darum!“ Genervt seufzte ich auf, doch diese Bewegung hätte ich lieber lassen sollen.
Verflucht sei meine Unschuldigkeit!
Er hörte schlagartig auf zu lachen und stöhnte leise wieder. Er ließ den Kopf hängen und versuchte sich zusammenzureißen. Wieder ein Stöhnen, die Stille war unberechenbar! Dann schaute er wieder Selbstbewusst und arrogant auf. „Warum so zickig?“, seine Stimme war ziemlich rau. Dabei glühten seine Augen noch immer. Wie machte er das nur? „W-Weil du mir einfach bescheid geben sollst, okay?! Verdammt!“ Ich drückte meine Knie durch und stieß ihn mit meiner ganzen Kraft weg. Dabei taumelte er nicht mal, er trat nur einen Schritt zurück, als hätte er gar nichts gespürt.
„Damit wären uns beiden echt geholfen“, sagte er sarkastisch. Er wuschelte seine nassen Haare durch. Schnaufend ging ich an ihm vorbei und schlug heftig die Badezimmertür zu. Verdammt soll er sein! Verdammt!! Das wird er noch bereuen!
Wütend stapfte ich im Badezimmer auf und ab. Was dachte er sich nur? Hatte er spaß daran gefunden, mich verrückt zu machen? Und was sollte das mit dem Gefasel von:„Du berauscht mich, Melanie!“ Von wegen!
Ich zog fest meine Augenbrauen zusammen, setzte mich auf die Toilette, schlug meine Beine übereinander und verschränkte meine Arme vor der Brust.
Woah! Dieser Idiot! Er hätte beinahe unsere Freundschaft auseinander gebracht! Wie kann ich ihm nur jemals wieder in die Augen sehen? Es war… so… so Peinlich! OH GOTT!!
Schnell stand ich auf, kramte meine Zahnputzsachen raus, wusch mein Gesicht und putzte mir anschließend die Zähne. Schnell war ich wieder fertig. Na toll… was jetzt?
Ich klaubte meine Sachen zusammen, zog mich schnellstes um und trottete aus dem Badezimmer.
Vorsichtig schaute ich in die Dunkelheit. Nichts von Marco zu sehen, ein Glück!
Vergewissert ging ich leise in mein Zimmer. Ich wollte nicht wieder die Aufmerksamkeit auf mich ziehen.
Als ich endlich Bettfertig im Bett lag, wurde ich langsam doch schläfrig. Doch es dauerte seine Zeit bis ich endlich schlafen konnte. Fiebrig dachte ich wieder an vergangene Tage, was sich alles verändert hatte und was sich noch verrändern würde.
Könnte ich mit Marco einfach wieder so normal umgehen wie sonst immer? Ihm in die Augen schauen, ihm böse sein wenn er wieder was falsch machte?
Ich wusste es nicht. Zusammengerollt kuschelte ich mich in die Decke. Es war hart gewesen, ihm so zu widerstehen, aber ich hatte es geschafft. Für unsere Freundschaft und für meine seelische Gesundheit.
Seufzend gab ich mich geschlagen. Die Müdigkeit half, es einigermaßen zu verdrängen.
Mein Vertrauen zu Marco, war nur noch ein Häufchen Asche. War ihm das bewusst?
Ich wusste es nicht, rein gar nichts mehr.
Kapitel 8, Geblendet
Steif und völlig Bewegungsunfähig lag ich in meinem Bett. Der Traum, den ich letzte Nacht gehabt hatte, war so wirklich gewesen. Oder hatte ich es nicht geträumt? War es wirklich passiert? Der Schmerz der in mir aufstieg, hatte nicht gelogen. Es war alles wahr. Dennoch verstand ich, wie immer, nichts davon. Stirngerunzelt sah ich auf meinen Nachtisch, dort wo mein Wecker stand. Halb sieben.
Meine innere Uhr war also noch völlig in Ordnung. Seufzend schwang ich die Beine aus meinem Bett und bereitete mich auf den neuen Tag vor.
Das Treffen mit Sascha hatte ich nicht vergessen. Mein Magen füllte sich mit Schmetterlingen. Kribbelig marschierte ich ins Bad. Mit Sascha war so vieles leichter. Er log mich nicht an, sagte zwar nicht immer direkt was er meinte, dennoch immer die Wahrheit. Was ich von Marco einfach nicht behaupten konnte. Vorher war er doch wirklich nie
so gewesen. Was verschwieg er mir noch alles? In Gedanken versunken brachte ich mein morgendliches Ritual hinter mich und tappte in die Küche.
Wie immer war ich allein, was ich nicht mehr so beunruhigend fand, wie vorher.
Ich machte mir mein Frühstück, schluckte die Cornflakes nur so herunter, ohne sie wirklich zu schmecken, und machte mich auf zur Bushaltestelle.
Zügig verschloss ich unsere Wohnungstür und lief nach unten. Fasst schon stürmisch ging ich die leeren Straßen entlang. Die Sonne ging langsam auf und blendete meine Augen. Hätte ich mir doch einfach meine Sonnenbrille mitgenommen. Mit zusammengekniffenen Augen lief ich weiter. Zickig, wie ich manchmal war, fluchte ich.
Warum war ich nur in letzter Zeit so aufgebracht?
Nach ein paar Metern war ich schon angekommen. Kein einziger wartete hier auf den Bus, was für mich nicht weiter verwunderlich war.
Um diese Uhrzeit fährt keiner, von unseren Schülern, Bus. Ich holte mein Handy raus und schaute auf die Uhrzeit. Oh man so früh noch? Der Bus kam mindestens in fünfzehn Minuten. Mit dem Fuß auf den Boden tappend, pfiff ich vor mich hin. Ich weiß, dass ist albern, aber was soll’s mich kann doch eh keiner hören!
Falsch Gedacht
,dachte ich im nächsten Moment.
Als ein protziges Auto zu mir herüber rollte. Und ich fasste es nicht – in diesem protzigen, schwarzen Cabrio saß tatsächlich Sascha. Meine Kinnlade klappte automatisch runter. Der Motor des Cabrios schnurrte und Sascha lächelte begeistert zu mir rüber.
Meine Augen weiteten sich und ich versuchte meinen Mund dazu bewegen, sich zu schließlich. Doch er tat es nicht, erst nach ein paar Anläufen.
Übertriebener Weise hupte er lautstark, so dass ich zusammen schrak.
„Na, hast du lust mitzufahren?“, fragte er mich charmant. Benommen nickte ich, unfähig etwas zu sagen. Doch dann bemerkte ich, dass es ziemlich unhöflich wirkte also sammelte ich meine Stimme:„ Klar doch!“ ich hoffte es wirkte überzeugend. Und tatsächlich, Sascha freute sich über meine Begeisterung und stieß die andere Beifahrertür auf, so dass ich mich setzten konnte. Etwas unbeholfen, wegen der dummen Hängetasche, die erst stecken blieb, stieg ich endlich in.
Als ich mich angeschnallt hatte, gab er so richtig Gas. Der Wind wehte mir ins Gesicht und meine Haare flogen nach hinten. Es war ein berauschendes Gefühl.
Ich schaute Sascha an, sein Blick war erst auf die Straße geheftet. Doch als er sah, wie ich ihn musterte, schaute er mich lächelnd an. Ich lachte laut auf. Hatte er bei unserem ersten Zusammentreffen noch Hasserfüllt gewirkt, so war das nun Vergangenheit. Die Offenheit, das breite Grinsen im Gesicht, sowie die Fröhlichkeit die er ausstrahlte, wenn er mit mir zusammen war, passten perfekt zu ihm. Es war so einfach mit ihm zusammen zu sein.
Nach ein paar Minuten war die Fahrt schon vorbei, der Wind ließ nach und ich bemerkte, dass er auf den Schulparkplatz fuhr. Ich musste wohl einen Schmollmund gezogen haben, denn Sascha lachte über mein Gesicht.
Als er in eine freie Parklücke fuhr, ließ ich mich in Sitz sinken. „An das hier könnte ich mich gewöhnen“, sagte ich heiter und strich über die Sitze des Autos.
Sascha schaltete den Motor aus und sah mich überrascht an. „Ich wollte dich was fragen…“, begann er langsam. Diesmal war seine Stimme nur ein Flüstern, was mich beunruhigte. „Na ja, da du dich darüber freust … wollte ich dich fragen ob du vielleicht jeden Tag mit mir mitfahren möchtest?“ Ich blinzelte. Meine Augen fingen an zu stahlen. „Nichts lieber als das!“ Ich warf mich unbeholfen in seine Arme. Ich wollte ihn unbedingt näher kennenlernen. Er war wirklich in vielerlei Hinsicht, ein guter Freund für mich. Sascha freute sich über meine Begeisterung und tätschelte meinen Rücken, ließ aber nach ein paar Sekunden wieder los.
Grinsend stieg er aus und ich tat es ihm nach. Unschuldig sah er mich an. „Was ist?“
„Ehm, wir haben jetzt noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit, der Unterricht beginnt noch lange nicht…“, gestand er. Ich zuckte mit meinen Schultern. „Wir können ja solange was anderes machen.“
Er ließ seine schneeweißen Zähne aufblitzen. „Auf was hast du lust?“, fragte er mich heiter. Ich lachte fröhlich. „Lass uns erstmal rein gehen“, bot ich ihm an. Er nickte und zusammen gingen wir in Richtung Schule.
Die nächste Halbestunde verbrachten wir im Schulgebäude. Er führte mich etwas herum, fragte mich nach den Räumen ab, damit ich sie mir hinterher besser merken konnte. Ohne immer auf diesen doofen Zettel zu schauen.
Er war mir eine sehr große Hilfe.
Schon sein ganzes Auftreten war elegant, graziös und schmeichelnd zugleich. Voller Bewunderung sah ich ihm dabei zu. Wie er sich bewegte in seiner Umgebung. Er faszinierte mich. Später kamen wir zu einer Steintreppe, er lud mich ein mich zu setzten. Nach dem ganzen Umhergehen, wollte ich mich nur zu gerne hinsetzen.
Dabei erzählte er mir, dass er hier oft alleine saß. Als ich ihm nach dem Grund fragte, schaute er nur auf den Boden. Dabei fielen seine Pechschwarzen Haare ins Gesicht. Ich sah sogar wie er seine Armmuskeln langsam anspannte und wieder entspannte, immer wieder im gleichen Rhythmus. Ich wusste, dass ich immer mehr von ihm wissen wollte und hielt mich extra nicht mehr zurück.
Leise begann er zu sprechen:„ Wie gesagt, ich hatte noch nie wirklich Interesse an anderen gezeigt, außer meiner besten Freundin ausgenommen. Ich sollte sie dir mal vorstellen.“ Er sah immer noch nicht zu mir auf und verschränkte seine Finger miteinander.
„Ich habe … mich von den anderen fern gehalten. Bestimmte Gründe, weißt du?“
Dann sah er endlich auf. Seine dunklen Augen suchten meine. „Können wir über etwas anderes reden?“ Ich nickte nur. Natürlich wolle ich keine alten Wunden aufreißen, dass stand mir noch nicht zu. Geduldig musste ich sein, gestand ich mir selber ein.
Plötzlich erklang die schrille Glocke der Schule. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Viele Schüler stapften schon in ihre Räume. Grummelnd stand Sascha auf und hielt mir eine Hand hin. Unnötiger Weise. Ich nahm sie trotzdem Dankend an und er half mir auf die Beine. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Fieberhaft überlegte ich mir irgendein Thema, was spannend genug war, um ihn aufzuheitern.
Hatte ich ihn wieder daran Erinnert, was ihm wehtat? Um Himmelswillen, das wollte ich nicht
Doch schließlich sah er zu mir herunter und fragte mich gelassen:„ Nun. Hast du heute schon was Besonderes vor?“ Verdattert starrte ich ihn an. Ich hätte mit etwas anderem gerechnet – allem nur dem nicht.
Ich war vollkommen überwältigt. Wollte er vielleicht…? „Öhm. Nein?“, sagte ich leise und versuchte seinem Blick auszuweichen.
Ich hörte sein feines Lachen. „Hast du vielleicht lust, was mit mir zu machen? Ich meine außerhalb der Schule.“ Ich hörte nicht Recht. Etwa ein Date
? In Gedanken schrie ich hysterisch auf.
„K-Klar doch. Sehr gern“, stammelte ich.
„Was möchtest du machen?“, wollte er wissen. Wir beide sahen uns nicht in die Gesichter, wir schauen einfach nur stumm gerade aus. Wie albern!
„Ehm. Ich weiß nicht. Vielleicht zu mir?“
Er nickte. „Klar. Wann soll ich kommen?“
Ich schluckte. „Ehhh… ich würde sagen erst abends.“ „Geht klar.“
Wieder schwiegen wir. Ich schaute zu seinem Gesicht auf. Er grinste. Ein wunderschönes Lächeln. Sascha nickte nach vorne. Wir standen schon vor dem Klassenraum. Verwundert zog ich meine Augenbrauen zusammen. Wieso vergesse ich nur immer die Zeit? Zusammen gingen wir hinein. Ein paar sahen zu uns herüber, was ich gekonnt ignorierte.
Ein paar Schüler waren schon im Klassenraum versammelt, einer trug sogar ein mysteriöses Amulett um seinen Hals. Seine Farbe strahlte rubinrot.
Ich blinzelte. Aber wir waren schon an unserem Platz angekommen, also ließ ich mich missmutig auf meinem Platz nieder. Eine kleine Gruppe saß zusammen auf den Tischen und steckte die Köpfe zusammen.
Nie hatte ich bisher sosehr auf die anderen um mich herum geachtet.
Mürrisch sackte ich in meinem Stuhl zusammen. Ich hatte keine Lust mehr, mir über andere Leute den Kopf zu zerbrechen. Genug andere Probleme warteten schon auf mich, riefen ja schon förmlich nach mir.
Sascha bemerkte meine veränderte Stimmung und fragte mich was los sei.
Ich schüttelte nur den Kopf und antwortete:„Ist nichts, glaub mir. Ich finde es nur sehr anstrengend hier, das ist alles.“ Lügen konnte ich noch nie wirklich gut, aber er kaufte es mir ab. Der Lehrer kam missmutig – war wohl nicht der einzige – in den Klassenraum gestampft. Er ließ seine Tasche auf das Pult fliegen und plumpste auf den Stuhl.
Er fing wieder an mit seiner morgendlichen Rede, die mich nie wirklich interessiert hatte.
Schon gestern hatte ich nicht darauf geachtet – wie auch? Doch als ich mich weiter darauf konzentrierte, bemerkte ich, dass etwas vollkommen nicht stimme.
„… Zurückhaltung ist die oberste Priorität. Niemand darf von unserer bewundernswerten Schule erfahren. Die Legenden darüber, könnt ihr in Geschichte 2 lernen. Bald mehr dazu.“ Er kramte in seiner Tasche herum und ordnete Zettel auf seinem Pult. Ein Gemurmel zog sich durch die Reihen. Hatte ich gerade richtig zugehört? Es gab tatsächlich Legend über diese Schule?
Hätte ich doch Geschichte 2 gewählt!
Seufzend hörte ich nicht weiter zu und beschäftigte mich damit, Sascha zu mustern.
Heute trug er ein weißes T-Shirt, mit Schriftzügen drauf, die ich jedoch nicht erkennen konnte. Passend dazu, eine graue Jeans, die ihm wirklich schmeichelte. Seine Haare lagen wie immer, wirr und wuschlig gestylt.
Er schaute starr nach vorne, doch zuckte es um seine Mundwinkel. Er bemerkte also, dass ich ihn anstarrte. Ich grinste zurück, stützte mit meinem Ellenbogen meinen Kopf auf den Tisch ab und beugte mich weiter vor.
Doch nach ein paar Sekunden klingelte es zu Stunden ende. Wie schnell doch nur zwei langweilige Mathestunden vorbei gingen. Zufrieden nickte er zu mir herüber.
„Wir haben Pause. Möchtest du mit mir nach draußen? Ich würde dir gerne etwas zeigen.“
Benommen nickte ich, klaubte meine Sachen zusammen und stand auf.
Grinsend tat Sascha das gleiche.
Dabei bemerkte ich, wie Marco uns anstarrte. Ich sah zu ihm herüber und musste erstmal blinzeln.
Er wirkte ziemlich verärgert.
Langsam kam er auf uns zu geschlendert, die Hände tief in seine schwarze Jeans gestopft.
„Melanie…“, hauchte er. Sascha erschrak und drehte sich um. „Was war los heute Morgen? Ich habe dich nicht mehr gesehen.“ Oh Gott. Konnten wir die Unterhaltung nicht auf später verschieben?
„Du kennst Marco, Melli?“, fragte er mich verwundert. Wusste er etwas davon nichts?
Ich nickte leicht, fand meine Stimme nicht wieder. Dafür antwortete Marco für mich. „Klar, wir wohnen schließlich zusammen.“
Schock. Sascha sah zwischen uns beiden hin und her. Marco verengte seine Augen. „Wir kennen uns schon seit der Grundschule.“
„Das wusste ich nicht“, flüsterte Sascha leise und schaute zu mir herunter.
„Na ja, dass weißt du es eben jetzt“, sagte Marco herablassend. Ich zischte und schlug ihm auf den Arm.
„Lass das doch Marco!“ Er grinste mich frech an. „Sascha kommt uns heute besuchen – na ja, eher mich. Ich wollte dir nur mal bescheid geben, dass wir heute einer mehr sind.“ Voller Freude strahlte ich.
Marco schüttelte nur den Kopf. „Nein!“
Ich zog die Augenbrauen hoch „Wie bitte, was?“ „Ehhh..!“ Er rieb sich die Stirn.
Ich schüttelte nur den Kopf und wand mich zu Sascha. „Was wolltest du mir noch mal zeigen?“
Ich wusste, Marcos Blick lag auf mir, doch ich wollte ihn nicht mehr sehen, das war echt fies von ihm gewesen. „Ehm, das kann noch warten. Du, ich muss los, hab doch noch was zu erledigen. Man sieht sich. Tschüss!“
Sascha wandte sich von uns ab und ging ziemlich hastig, fast überstürzt aus dem Klassenraum und schloss die Tür hinter sich. Oh ne!
Marco und ich waren die letzten im Klassenraum. Ich trat unauffällig einen Schritt nach hinten.
„Hmmm“, sagte er in die Stille hinein.
„Was ist?“, fragte ich ihn, ein wenig
gereizt.
Er zog eine perfekte Augenbraue hoch. „Ach nichts.“ Ich schüttelte meinen Kopf. Super.
„Ich glaube dir nicht.“
„Warum?“ Bedeutend sah er mich an und er freute sich, dass ich sein Spielchen mitspielte.
„Das alles hier“, ich wedelte mit der Hand, „kommt mir so komisch vor, verstehst du?“
Er nickte langsam. „ So ist das, wenn man neu ist.“ Frech grinste er mich an, als ob es gestern Nacht gar nicht gegeben hätte. „Na dann“, sagte ich leichtfällig und marschierte zur Tür. Doch Marco hielt mich zurück und packte mich am Arm.
„Melanie“, er flüsterte meinen Namen ganz sanft, „Sei nicht enttäuscht. Hab keine Angst. Glaub mir, bald
werde ich dir alles erzählen, was du wissen möchtest.“ Er zog mich leicht nach hinten, so dass ich mit dem Rücken gegen seine Brust stupste. „Hab noch ein wenig Geduld“, hauchte er mir ins Ohr. Seine Finger verschränkten sich mit meinen. Marco hatte sein Kinn auf meine Schulter gestützt und roch an meinem Haar.
Ein paar Sekunden verweilte er in dieser Position, doch dann zerrte er mich zu sich herum und schaute mich bedeutend an. „Lass und gehen“, sagte er ernst. Langsam gingen wir zum nächsten Unterricht, dabei hielt er immer noch meine Hand.
Der restliche Schultag verlief schleppend. Sascha war nirgends aufzufinden und ich dachte schon, er würde unserer Verabredung absagen.
Doch er fing mich am ende des Schultages am Tor ab. „Tut mir Leid. Ich musste es nur erstmal verdauen, dass du mit ihm… zusammen.“ Seine Stimme brach, doch ich wusste was er meinte. Für jemand Außenstehenden mag es vielleicht komisch gewirkt haben, solange ich mich zurück hielt, wusste ich es besser. Benommen nickte ich nur und ließ es darauf beruhen. Ich wollte nicht noch zusätzlich Dreck in die Wunde reiben. Leich bedrückt schaute ich ihn an. „Steht das Treffen noch?“ Er wirkte verwundert. „Natürlich!“ Er drückte mich ganz leicht und zusammen gingen wir zu seinem Auto.
Sascha fuhr mich bis zur Bushaltestelle. Ich musste ihm erstmal erklären wo die Wohnung von mir und Marco lag, weil er davon keine Ahnung hatte.
Langsam erklärte ich ihm den Weg und bald waren wir auch schon angekommen.
Ich bedankte mich und umarmte ihm, wenn auch etwas unbeholfen. Im Auto war es immerhin schwerer.
Ein wunderschönes Lächeln glitt über sein Gesicht. Schnell taumelte ich zur Tür, die ins Treppenhaus führte. Er fuhr mit seinem schnurrenden Auto davon.
Oben angekommen, schmiss ich sofort meine Sachen in die Ecke und lief ins Wohnzimmer, schaltete den Flachbildfernseher an und zapple mich durch die Kanäle.
Ich fand nichts sehenswertes, also blieb ich bei irgendeiner Soap hängen. Schließlich kam auch Marco nach Hause. Er starrte erstmal auf meine Sachen die neben der Tür lagen. „Kannst du das“, er zeigte auf meine Sachen, „nicht wegräumen?“ Ich zog eine Augenbraue hoch, seufzte und hob meine Sachen auf. Lief schnell ins Zimmer und platzierte sie dort. Erschöpft vom Tag kam ich zurück. „So besser, Mr. Pingelig?“ Er stöhnte auf und ging wortlos in sein Zimmer. Den Rest des Abends, verbrachte Marco in seinem Zimmer, zum Glück.
Sascha und ich machten uns einen schönen Dvd-Abend, er schaute fast die gleichen Filme wie ich, nur das er Stolz und Vorurteil nicht unbedingt sehen wollte – verständlich. Welcher Junge schaut schon so was gerne?
Wir lachten, fraßen uns mit Chips voll und genossen die Zweisamkeit. Es war einfach perfekt so einen tollen, verständnisvollen Freund zu haben.
Langsam klang der Abend aus und der Abschied rückte näher. Er umarmte mich fest und hauchte mir einen kleinen Kuss auf meine Wange.
„Bis demnächst.“ Er verwuschelte liebevoll meine Haare und verschwand. Schnell versuchte ich meine Haare wieder in die richtige Ordnung zu bringen. Wie ich es hasste!
Seufzend verzog ich mich in mein Zimmer.
Er verstand die Welt nicht mehr. War es nicht eigentlich sein Plan gewesen, Melanie zu beschützen? Ihr nicht zu
nahe zu treten? Sie bemerkte ohnehin schon viel zu viel. Mit angespanntem Kiefer lief er im Wohnzimmer auf und ab. Und dann auch noch dieser Sascha! Er machte es ihm noch schwerer und Melanie schien Sascha wirklich zu mögen. Wieso nur? Was hatte Sascha, was er nicht hatte? Gar nichts!
Wütend kickte er gegen das Sofa. Zu viel Kraft und es würde zerbrechen. Genau wie Melanie daran zerbrechen würde. Nun, sie ist zwar kein wertloses Stück Holz, niemals könnte sie wertlos sein, aber auch wie das Sofa, wäre sie zerbrechlich. Kopfschüttelnd lief er weiter im Raum auf und ab. Melanie dürfte schon längst schlafen.