Was mich zum Überleben zwingt, Erinnerungen die mich Prägen
Was mich zum Überleben zwingt
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Ein Lächeln umspielte seinen Mund, doch es währte nicht lange. Er horchte in die Stille hinein. Er hörte Melanies wunderschönen Herzschlag und ihren flachen Atem.
Eigentlich wusste sie fast nichts über ihn und doch soviel mehr, als jeder andere.
Schlimm genug, wenn sie auch noch sein Geheimnis erfuhr. Was würde sie dann tun? Zu Sascha laufen?
Pah! Wieder schlug er gegen das Sofa, diesmal heftiger als zu vor. Dieser räudige Köter versucht meinen Besitzt zu nehmen! Er hat sich mit dem falschen angelegt.
Er schüttelte den Kopf. Aber im Moment gab es wichtigeres zu erledigen.
Er musste zu seinem Vater, zum inneren Zirkel. Leise verschwand er aus der Wohnung in die Nacht hinein.
Seine Gedanken waren immer noch bei Melanie. Hatte es ihn wirklich so sehr erwischt? Er verzog den Mund. Das war wohl schon immer so gewesen.
Er lief im übermenschlichen Tempo zum Wald. In ihm war ein langer Tunnel, tief im Berg vergraben, dort war er, der innere Zirkel. Dort saßen die Mächtigsten der Welt. Einer davon, war sein Vater und bald würde er diese Rolle übernehmen müssen. Diesen Gedanken verwarf er schnell wieder. Noch nicht. Schnell kam er an seinem Ziel an. Der Tunnel lag ganz verbogen tief im Wald.
Niemand würde auf die Idee kommen, solch einen Schritt zu wagen. Er stieß das Schloss auf und öffnete die vergrabene Holztür. Zügig schlüpfte er ins Loch und machte die knarrende Luke wieder zu. Ihm machte es nichts aus, in der Dunkelheit zu sein. Er konnte, nicht wie die Menschen, in der Dunkelheit hervorragend sehen. Er steckte seine Hände tief in die Hosentaschen. Dieser Tunnel glich einem alten Horrorfilm.
Überall war es matschig, klebrig. Aber so sollte es ja auch sein. Schließlich erreichte er eine Holztür und stieß sie ohne große Probleme auf.
Er hörte vertraute Stimmen.
So wie jeden Abend war es hier still und leise. Nur das Gemurmel der Ältesten war zu hören.
Kein Atemzug, kein Herzschlag.
Kerzenlicht überflutete den dunklen Raum. In der Mitte des Raumes war ein roter Dreiecksstern aufgezeichnet. In ihm waren tiefe Ornamente verborgen, viele Ranken umwucherten ihn zusätzlich. Das Zeichen des inneren Zirkels, das Zeichen der Schule.
Um ihn herum standen vier große Männer. Sie trugen alle schwarze Roben, hatten diese tief ins Gesicht gezogen. Man konnte nur den Mund erkennen und ihre bleiche Haut, die im Kerzenlicht leicht schimmerte.
Einer darunter war sein Vater, der Gründer des inneren Zirkels, der Schule der Verstoßenen.
Sein Vater stand in der Mitte und er bemerkte die Anwesenheit seines Sohnes sofort.
„Ahhh. Du bist gekommen“, sagte eine tiefe, grollende Männerstimme.
Er verdrehte die Augen.
„Natürlich Vater, so wie fast jeden Abend.“ Auch die restlichen drei glitten zu seinem Vater. Einer darunter war sein bester Freund. Er lächelte ihm zu.
Er verbeugte sich kurz und brüderlich vor ihm und zog sich dann wieder zurück.
Hier, in diesem verlassenen Versteck, zogen die Ältesten alle Fäden, trafen Entscheidungen für alle Schüler. Auch für Melanie. Etwas Schreckliches stand ihr bevor. Einen Wechsel hatten sie mit ihr vor, sie solle sich entscheiden.
Und er sollte ihr dabei helfen. Wie sollte er das nur anstellen? Seufzend verwarf er diesen Gedanken.
„Auch heute verhalten sich die Nachtwesen friedlich. Wie sah es heute am Tage aus?“, erkundigte sich sein Vater. Stumm nickte Marco.
„Dann ist ja alles hervorragend, mein Sohn.“ Sein Vater schlich wieder zurück zum Stern und goss Blut in die Ornamente. Sein Verlangen erwachte wieder, obwohl er versuchte, es in Melanies Gegenwart zu unterdrücken.Die anderen drei schritten an seines Vaters Seite und verteilten das Blut. Bald würde es losgehen. Die Tage waren gezählt.
„Mein Sohn, du musst dich nicht zusätzlich quälen. Du bist noch sehr jung, mein geborener Sohn. Du kannst gehen, wenn du es wünscht.“ Marco nickte erneut und wandte sich zum Gehen. Sie hielten mal wieder eines ihrer Rituale ab. Das Geheimhalten dieser Schule war oberste Priorität. Wichtiger als das Leben, aller hier.
Übernatürlich schnell verschwand er aus dem Versteck und rannte zurück nach Hause. Zurück zu Melanie.
Melanie, die immer noch nichts ahnend in ihrem gemütlich warmen Bett schlief.
Kapitel 9, Entblößte Geheimnisse
Die Tage verstrichen. Sie zogen an mir vorbei und ich konnte nichts daran ändern.
Nun war ich nicht mehr „Die Neue“ in unserer Schule. Marco hatte endlich mit seinen Lügen aufgehört, dafür musste ich aber einen Preis zahlen.
Er ignorierte mich so gut es ging, entfernte sich immer weiter von mir.
Waren wir nicht mal beste Freunde gewesen? Die sich wirklich alles anvertrauen konnten?
Es war nicht mehr so. Wem machte ich etwas vor? Es war schon seit sehr langer Zeit nicht mehr so gewesen. Wie jeden Morgen holte mich Sascha mit seinem Auto ab, diesmal kein Cabrio. Das Wetter hatte sich verschlechtert und es wandte sich langsam dem Herbst zu.
Ich wusste nicht, wie viel Geld diese Schüler hier alle besaßen. Aber es war mir auch ziemlich egal.
Auch Nico war eine Zeit lang weg gewesen. Als er wiederkam sah er verblüffend anders aus.
Ein leichter Schimmer überzog seine sonst so sonnengebräunte Haut. Sie war jetzt tatsächlich, im Gegensatz zu vorher, eher bleich. Seine Haare waren etwas kürzer geschnitten, sahen jetzt eher edel und vornehm aus. Mir lief es eiskalt den Rücken runter, als ich ihn ’wieder’ zum ersten Mal sah.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte man sich binnen Tagen so sehr verändert haben? Ihm schien es alles nichts auszumachen. Auch auf meine Fragen antwortete er nie. Was war geschehen?
In was für eine Schule war ich hier nur geraten? Innerlich fluchte ich vor mich hin.
Jeder einzelne Tag war fast wie der andere. Nur heute war Freitag.Sport!
Es war der blanke Horror was die Lehrer alles von uns abverlangten. Am Anfang waren sie ja noch ganz nett zu mir gewesen, ja das war einmal.
Nun meinten sie tatsächlich, ich müsse mich so langsam mal ansträngen, wenn ich es zu etwas bringen wolle. Will ich Sportfetischist werden oder was?
Auch heute musste ich mal wieder mitmachen und bekam so ziemlich nichts auf die Reihe. Zirkeltraining, Hochsprung und dann noch Basketball am Ende.
Keuchend ließ ich mich auf eine Holzbank fallen, die überall in der Turnhalle aufgestellt waren.
Auch wenn ich keine Aufmerksamkeit auf mich erregen wollte, kam Nico trotzdem zu mir.
Besorgt musterte er mich.
„Was ist los?“ Er hockte sich vor mich hin und legte seine Arme auf meinen Schoß.
Ich ließ mich nach hinten sacken und seufzte. „Ach, Sport. Ich bekomm das einfach nicht hin. In meiner alten Schule war das hier alles kein Problem gewesen. Aber was diese Lehrer hier von uns abverlangen ist einfach nur übertrieben.“
Mit heftiger Verzweiflung schüttelte ich meinen Kopf. Nico zog die Augenbrauen zusammen. „Na ja, ich bin ja auch ziemlich größer als du und außerdem ein guter Sportler. Nicht jeder hat die … Veranlagung dazu.“
Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ich habe gar nichts was ich gut kann, ich hasse Mathe, Kunst und Sport. Was Mädchen eigentlich mögen sollten.“
Er lächelte entschuldigend. „Sorry, das musst du schon selbst herausfinden.“
„Na super.“ Ich seufzte.
„Ach komm lass den Kopf nicht hängen.“ Versuchte er mich aufzubauen?
Ich sagte nichts, dann seufzte er und setzte sich neben mich auf die Bank.
„Ich kann auch zu dem Lehrer gehen und bescheid sagen das es dir nicht gut geht. Vom Sportass der Schule wird er es vielleicht glauben…“, murmelte er leise.
Ich schaute zu ihm auf und begegnete seinem Blick. Er lächelte nur vor Triumph.
„Danke“, murmelte ich leise.
„Kein Ding.“ Er klatschte auf seine Oberschenkel und sprang in einer leichten Bewegung auf. Wie zum Teufel machte er das nur? Immer noch außer Atem, saß ich auf der Bank und wartete auf Nico. Es dauerte nicht lang, da war er schon wieder bei mir. Grinsend hockte er sich wieder zu mir runter und streichelte meinen zarten Arm.
„Du kannst früher gehen.“
Dankend nickte ich und er half mir beim Aufstehen. Schweigend begleitete er mich zur Mädchenumkleide. Ich hatte mich immer noch nicht an sein neues Aussehen gewöhnt. In Gedanken versunken musterte ich ihn wieder, dass entging Nico nicht und schaute mit einem schiefen Lächeln zu mir herunter. Er sah nicht nur anders aus, er war auch noch gewachsen!
Doch mein Blick heftete sich etwas um Nicos Hals. Es war fast das gleiche, wie einer der Jungs es in meinem Klassenzimmer getragen hatte.
Sein Amulett unterschied sich etwas von dem, was ich gesehen hatte. Es war außen golden und trug viele schwarze Steine, die ich nicht kannte. Sie schimmerten alle so wundervoll. „Seit wann trägst du eigentlich solchen Schmuck?“ Ich zeigte auf sein Amulett.
„Die habe ich von meinem Vater geerbt“, antwortete er schlicht und schaute wieder auf den Gang.
„Ich wusste nicht, dass –“.
„Ist schon gut“, unterbrach er mich. „Ich habe es nur von ihm geschenkt bekommen.“
Betrübt nickte ich.
Dann sagte ich leise:„Ich trage ein Armband von meiner verstorbenen Mutter. Sie ist … erst kürzlich von mir gegangen.“ Sein Blick huschte wieder zu mir. Entsetzen spiegelte sich darin. „Deswegen hat er dich hergeholt…?“, flüsterte Nico und ich wusste nicht, ob ich as jetzt richtig verstanden hatte. „Wie bitte, was?“ Ich starrte ihn verdattert an. „Ach nichts“, sagte er ausweichend. Was verbarg er vor mir? „Na gut“, sagte ich daraufhin beleidigt.
Weiter gingen wir schweigend nebeneinander. Ich hatte keine lust mehr auf solche Unterhaltungen. Wir waren angekommen und hielten vor der Tür an.
„Hier kann ich leider
nicht rein“, sein Unterton entging mir nicht. Ich sah auf und begegnete seinem belustigten Blick.
Die röte schoss mir ins Gesicht und ich starrte auf die Tür. „Tja, ist eben nur für Mädchen.“
„Schade, eigentlich…“
„Was?!“ Er lachte lauthals los und drehte sich um, um zu gehen. „Idiot“, murmelte ich und stieß die Tür mit einem einzigen Hieb auf. Ich hörte seine Schritte im Gang. Seufzend ließ ich mich auf die Bank fallen und zog mich langsam um.
Ich war schneller als erwartet fertig geworden, also beeilte ich mich nicht weiter.
Langsam marschierte ich aus der Schule. Alles war hier still. Unheimlich.
Prüfend schaute ich mich um, doch hier war nichts. Also bewegte ich mich wieder weiter zur Bushaltestelle. Nach ein paar Minuten war auch endlich dieser eingetroffen.
Der Bus war nicht übermäßig voll. Dennoch waren viele Plätze schon von einer Person belegt, also war ich gezwungen mich neben einem merkwürdigen Jungen zu setzen.
Seine ganze Haltung war sehr entspannt. Er trug eine größere, schwarze Sonnenbrille.
Dadurch konnte ich leider seine Augen nicht sehen. Wieso leider? Hallo, Erde an Melanie!
Mein Blick verharrte auf ihm. Seine braunen Haare waren kürzer geschnitten, als die von Marco. Dennoch stand die Frisur ihm sehr gut.
Bewundernd sah ich ihn weiter an. Die Sonnenbrille von ihm verweigerte mir weitere Blicke in sein Gesicht. Doch was ich da sah, verblüffte mich. Ein perfektes, markantes Gesicht, eine kleine, starke Nase und ein sinnlicher Mund.
Er lächelte schief doch sein Blick blieb weiter gerade aus geheftet. Ups! Er hatte mich beim Starren entdeckt!
Beinahe schlug ich mir mit der Hand auf den Mund. Ich erinnerte mich wieder, dass es unhöflich war, andere Leute anzustarren. Also wand ich meinen Blick ab von ihm und sah peinlich berührt nach unten.
Ich verschränkte meine Hände miteinander und sah sie ununterbrochen an.
Seine Aura fühlte sich, dunkel und arrogant an. Selbstsicher strich er sich manchmal durch sein Haar, wenn es mal wieder verrutscht war. Langsam fühlte ich mich merkwürdig neben ihm. Was tat er da?
Er nahm nicht einmal seine Brille ab und trotzdem hatte ich das Gefühl, er beobachtete mich.
Ich stieg voller Panik, und ich wusste nicht einmal warum, eine Station früher aus. Was mich, dank meiner Dummheit, einen weiten Weg bescherte.
Meine Muskeln zerrten schon an mir. Ich schaute noch einmal auf dem Platz, wo ich gesessen hatte. Erschrocken klappte mein Mund nach unten.
Er war weg!
Ich blinzelte und versuchte einfach weiter zu laufen. Das kann nicht sein! Oder doch? War er vielleicht auch ausgestiegen? Ich hatte niemanden gesehen, der es auch getan hatte…
Der Schmerz holte mich aus meinen Gedanken. Der Muskelkater machte sich jetzt schon in mir breit, schlug die Krallen in meinen Körper.
Ich stöhnte auf und knickte ein. Was war nur los mit mir? Krächzend holte ich nach Luft.
Alles fühlte sich heiß in mir an, meine Haut verbrannte! Kopfschüttelnd versuchte ich aufzustehen. Ich schaffte es tatsächlich irgendwie ein paar Schritte zu machen, wenn auch humpelnd und krachte dann wieder zusammen.
Diesmal konnte ich meinen Sturz jedoch mit meinen Händen abfangen. Steine gruben sich in meine Haut. Ich zitterte am ganzen Körper. Hatte ich mir irgendeine Krankheit eingefangen, die erst jetzt ausbrach? Ich konnte mich nicht daran erinnern jemals in Berührung von Kranken gekommen zu sein. Aber vielleicht war ja so etwas möglich?
Zögernd versuchte ich wieder aufzustehen, immer wieder von vorne. Meine ganze Haut war aufgeschürft und blutig verschmiert. Ich hoffte inständig Marco so nicht zu begegnen. Mein Kopf brannte, ich konnte an nichts mehr denken.
Nur dank meinem Erhaltungsinstinkt schaffte ich es an unsere Haustür, die zum Treppenhaus führte.
Das Treppensteigen war einfacher, da ich mich am Geländer festhalten konnte. Ob ich dabei Schaden anrichten würde, war mir ziemlich egal.
Ich fluchte, fauchte und schimpfte vor mich hin. Das Monster in mir schlug immer wieder die Krallen in meinen Körper, in meine Adern und Muskeln. Mein Magen verkrampfte sich. Das Blut an mir roch schrecklich!
Langsam erholte ich mich wieder. Die Schmerzen schwanden, wie sie gekommen waren.
Was zum Teufel geht hier ab?
Sie klangen aber nur langsam ab, so dass ich an der Tür angekommen, fast nichts mehr von ihnen spürte. Kopfschüttelnd suchte nach meinem Schlüssel und schloss sofort die Tür auf.
Krachend schmiss ich sie wieder zu und lief schnell in mein Zimmer und schloss mich da ein.
Falls Marco da wäre, jetzt könnte er nicht mehr nerven. Schnell verschwand ich im Bad und schloss auch hier ab. Ich musste unbedingt duschen. Als auch das geschafft war, sah ich mich im Spiegel an.
Verblüfft schaute ich auf meine Hände. Die Wunden waren verschwunden!
Ich zog meine Augenbrauen in die Höhe. Wie… wie konnte – das sein?
Leicht zittrig untersuchte ich alle Stellen, doch es war alles verschwunden. Alle Schürfungen die ich mir geholt hatte, waren weg.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Was passiert mit mir? Meine Augen weiteten sich. Ich musste dringend zum Arzt! Aber als ich meinen ersten Schritt in Richtung Tür getan hatte, hielt ich auch wieder inne.
Was würde der Arzt bitte von mir denken? Meine Haut heilt sich von selbst nach ein paar Minuten? Der würde das mir doch niemals glauben, und wenn er täte mich als Versuchskaninchen in irgendein Labor verfrachten. Also verwarf ich diesen Gedanken ziemlich schnell wieder.
Ich holte tief Luft, zog mich schnellstens um und verschwand aus dem Bad.
Und vor mir stand Marco. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte mich.
Ich schluckte kurz und wollte mich wieder zum Gehen wenden, als er mich an meinem Arm packte.
Entsetzt quiekte ich auf.
„Bist du so egoistisch, dich die ganze Zeit im Bad aufzuhalten? Denkst du immer nur an dich?“
Das saß. Wusste überhaupt was mit mir passierte? Nein! Er sollte sich nicht so was einbilden! Manno man, Jungs!
Knurrend fuhr ich ihn an, entzog ihm meinen Arm und trat einen Schritt zurück.
Ich… ich hatte geknurrt! Schnell schlug ich gegen meinen Mund. Marco schaute mich erst verblüfft, dann entsetzt an. Er schüttelte den Kopf und trat einen Schritt näher. „Hast du heute Sport geschwänzt?“, fragte er ablenkend. „Nein du Idiot. Nur was die da von mir abverlangten, war einfach zu viel. Nico hat mit dem Lehrer geredet und ich durfte früher gehen.“ Schnippisch schnalzte ich mit der Zunge. „Und ach was! Du redest wieder mit mir.“
Er schaute verärgert zur Seite und ballte seine Hände zu Fäusten. Dann wandte er sich abrupt von mir ab und ging ins Wohnzimmer. Zittrig stützte ich mich an der Wand ab.
Ich durfte Marco nichts erzählen was in mir vorging, durfte nicht sagen, was ich wirklich dachte.
Also schwieg ich und sackte weiter runter.
Mit aller Kraft versuchte er, nicht sofort zu Melanie zu rennen, sie in die Arme zu nehmen und zu beschützen. Er hörte sie, wie sie krampfhaft die Luft einzog und sich gegen die Wand presste. Er wusste über ihren jetzigen Zustand bescheit. Aber was sollte er dagegen tun?
Sein Vater hatte ihm verboten, dort einzuschreiten. Als sie Melanies Blut in die Ornamente gegossen hatten, fing es an. Sie hatten das Ritual angefangen und bald würden die Ältesten sie aufsuchen. Als sie heute in die Wohnung kam, blutverschmiert, dachte sie tatsächlich, er bekäme das nicht mit. Doch er roch ihr süßes, unvergleichliches Blut.
Krampfhaft hatte er sich an seinem Bettgestell festgekrallt um nicht gleich zu ihr zu stürzen. Es hätte ihn sofort verraten. Zum Glück hatte Melanie gleich geduscht und natürlich ist ihr dabei nicht entgangen, was aus ihr werden würde. Aber die Wahl stand noch aus, sie war noch ein Mensch. Noch.
Ihre Schreie in der Nacht, ihre immer weitgehend schlechteren Zustände waren nur der Anfang. Und wem hatte sie das zu verdanken? IHM!
Er müsste ihr bald die Wahrheit sagen müssen und das schnell. Die Ältesten würden sie bald aufsuchen, wenn nicht sogar die Jagd für eröffnet verkünden.
In der ganzen Schule herrschte schon genug Anspannung, jeder wollte sie auf seine Seite wissen. Was tat er nur mit ihr? War er ein Monster? Oder nur ein verliebter Narr, der glaubte, sie würde sich für ihn entscheiden?
Zischend ging er in zu dem Sofa im Wohnzimmer. Er wollte nicht, dass Melanie ihn so sieht, seine wahre Seite. Die Seite seines inneren Monsters.
Als ich endlich wieder einigermaßen zu mir kam, ging ich mies gelaunt und ziemlich angekratzt ins Wohnzimmer. Marco saß entspannt im Wohnzimmer. Solch ein Idiot! Mit zusammengebissenen Zähnen schnappte ich ihm die Fernbedienung aus der Hand und schaltete den Fernseher aus. Ich stemmte die Hände in die Hüfte und sah ihn mordlustig an. Verdattert begegnete er meinem Blick und wurde sofort ärgerlich. „Was soll das werden?“
„Warum hast du nicht abgewaschen? Du warst heute dran.“ Ich zeigte auf die Küche, die gleich neben an lag und rümpfte die Nase. „Keine Lust.“ Das war doch alles nicht wahr oder? „Wie bitte?“
„Du hast mich schon verstanden.“
„So läuft das aber nicht!“
„Aha.“
„Also gut, wenn du es so willst.“ Wütend warf ich die Fernbedienung in die Ecke und marschierte angewidert aus dem Wohnzimmer.
Er kam nicht hinterher, so wie er es sonst immer gemacht hätte. Er kam nicht, ließ mich alleine, als ob ich ihm völlig egal wäre. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Lange schloss ich mich in meinem Zimmer ein. Wut beschrieb nicht einmal annähernd mein Gefühl, dass ich jetzt empfand.
Warum war er nur immer so zu mir? Launisch bis zum geht nicht mehr! Da ist eine Schwangere ja erträglicher.
„Grrrm!“ Wütend schmiss ich ein Kopfkissen gegen die Wand. Es rutschte runter und fiel zu Boden.
Ich ließ meinen Arm schlapp neben meinem Bett hängen. Doch dann bemerkte ich, dass etwas fehlte. Ein klimpern. Ich schaute entsetzt auf meinen Arm.
Mein Armband!
Oh Gott. Hatte ich es im Bad liegen gelassen? Schnell stand ich auf und durchsuchte mein Zimmer, dann das Badezimmer – doch ich fand nichts.
Verzweifelt dachte ich nach, wo ich noch überall war. Vielleicht hatte ich es ja auf dem Weg zurück gelassen?
Schnell packte ich meine Jacke vom Drehstuhl und knallte meine Zimmertür zu.
„Ich geh noch mal raus! Bis später!“, rief ich einfach laut durch die Wohnung. Ich wusste, er würde es hören. Stürmisch lief ich das Treppenhaus runter und suchte den ganzen Weg drei oder viermal ab.
Doch nichts zu finden. Ich schüttelte meinen Kopf. Es war doch das Einzige was ich noch von meiner Mutter besaß. Es wurde immer dunkler draußen. Sogar durch meine Jacke fror ich. Da kam mir die Idee.
Ich musste zurück zur Schule.
Schnell rannte ich los, weil um diese Uhrzeit kein Bus mehr fuhr. Ich rannte und rannte, mein Herz raste vor Anstrengung. Mein Atem fiel Keuchweise aus und trotzdem rannte ich weiter. Durch die untergehende Sonne, konnte ich gerade noch so viel wie möglich erkennen und lief über die gegenüberliegende Straße. Ich musste mich beeilen wenn ich es noch schaffen wollte. Irgendwann stoppte ich dann. Das Waldgebiet lag vor mir. Ich schluckte einmal und lief zum schmalen Pfad der durch führte. Nun war die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden. Keuchend rang ich nach Atem und versuchte trotzdem weiter zu laufen, wenn auch schleppend. Doch dann sah ich endlich die Umrisse der Schule. Der Mond war am Himmel zu erkennen und gab mir die Sicht frei.
Mein Rennen war nicht mehr als Joggen. Meine Muskeln zerrten wieder an mir und das Monster schlug wieder die Krallen in meinen Körper.
Der Schmerz kam so unvorbereitet, dass ich beinahe gefallen wäre. Ich holte tief Luft und zwang mich weiter zu gehen. Mein Ziel lag direkt vor mir.
Der Wald umwucherte vorher die Schule, doch jetzt war sie deutlich zu erkennen. Sie lag versteckt.
An irgendetwas hätte mich das erinnern sollen, doch ich kam einfach nicht drauf. Ich wollte nur noch mein Armband wiederhaben. Verwundert blieb ich auf der Auffahrt stehen. Autos waren noch hier, jede Menge. Aber weitere Schüler erkannte ich hier nicht. Schulterzuckend ging ich tappend weiter. Ich erkannte das Schultor und es stand offen. Meine Augen weiteten sich, aber das war mir jetzt egal ich musste zur Turnhalle.
Ich nahm den hinteren Pfad, der zur Halle führte. In der Nacht, sah es tatsächlich gruselig aus.
Auch wenn mein Bewusstsein das nicht wahr haben wollte. Zittrig schleppte ich mich weiter, schlich schon fast, als ob ich ein verbrechen begehen wollte.
Aber das tat ich nicht oder? Das Tor stand sperrend weit offen! Meine Haut erschauderte, vor Angst und Kälte. Der Herbst hatte schon begonnen, das durfte ich jetzt fühlen. Super.
Endlich kam ich an der Halle an. Sie stand nicht offen, dennoch war sie nicht verschlossen als ich an der Tür zog. Sie ging schwerer auf und war auch um einiges Schwerer als die anderen Türen der Schule. Erleichtert quetschte ich mich durch einen Spalt.
Ganz hinten im Gang war Licht zu erkennen, ich glaubte sogar, Stimmen zu hören. Bilde ich mir das etwa alles ein? Schnell ging ich ein paar Schritte vorwärts, und… Bereute sie sofort. Ich fand jemanden, der nicht halb so menschlich aussah, wie ich es erhofft hatte.
Starr vor Schreck knallte ich gegen die geschlossene Hallentür. Meine Augen weiteten sich ein Stückchen mehr. Ich versuchte zu Atmen, doch meine Lunge verweigerte sie mir. Der Schreck fuhr durch meine ganzen Adern und das Monster in mir erwachte, schlug erneut die Krallen in meine Muskeln, so dass ich aufstöhnen musste.
Das Wesen kam zwei kleine Schritte näher. Wie ich erkennen musste, war es ein Weibchen.
Sie trat in das Mondlicht, das durch die Tür schien. Mein Herz blieb stehen und schlug umso heftiger weiter. Mein Fluchtinstinkt kam hoch, doch ich blieb weiter wie erstarrt stehen. Sie musterte mich durch ihre dunklen, rubinroten Augen. Rote und schwarze Muster zieren ihre bleiche Haut, zogen sich durch ihren ganzen Körper. Sie trug Sportsachen, so ziemlich das, was ich erkennen konnte.
Die Muster sahen aus wie Schranken, sie umwucherten ihren zierlichen Körper. Alle waren sie miteinander verbunden. Ein langer, schwarzer und außerordentlich dünner Schwanz ragte nach oben. Am Ende spitz zulaufend.
Er glich den Erzählungen in der alten Zeit, in denen von Dämonen die Rede war. Konnte das sein? Er sah aus wie ein kleiner Teufelsschwanz.
Aus ihrem blonden, dichten, lockigen Haar ragten zwei kleine Hörner heraus. Eine Figur aus reiner Fantasie. Aber sie war wirklich hier, bewegte sich vor meinem geistigen Auge. Angewachsen blieb ich bei der geschlossenen Eingangstür stehen. Sie rührte sich ebenfalls nicht.
Mein Körper wehrte sich, gegen meinen Willen, endgültig zu fliehen. Ihre roten Augen musterten mich ebenso von oben bis unten, wie ich es vorher getan hatte.
Als ich genau ihr Gesicht betrachtete, fiel mir auf, dass ich sie schon konnte. Es war diejenige die zu dritt immer unterwegs waren. Allesamt sahen sie sich ähnlich nur sie, war die schönste von den dreien gewesen.
Ihre rubinroten Augen funkelten in der Nacht. Außer der roten Muster, die auch ihr Gesicht zierten, sah ihr Gesicht völlig normal aus. Eine kleine Stupsnase, ein kleiner, voller Mund und ein rundes Gesicht.
Plötzlich kam sie wieder einen Schritt näher, sodass ich gezwungen war, mich mehr an die Tür zu drücken.
Was sagte man in den alten Geschichten noch mal? Ich wusste rein gar nichts mehr! Ich musste mich doch irgendwie Verteidigen, wenn sie mich anspringen sollte!
Zitternd holte ich tief Luft.
Innerlich tobte ein wilder Kampf in mir, die Schmerzen waren noch nicht ganz verschwunden.
Ich wusste weder ein noch aus. Wieder kam sie näher und ihre stechend roten Augen drangen in meine Seele ein. Jeder Gedanke in mir flüchtete wie ein Schreckgespenst in der Dunkelheit. Sie hielt sich diesmal nicht zurück und kam immer näher. Und dann, verwandelte sie sich vor meinen Augen. Ihr Schwanz zog sich komplett zurück, ihre Hörner verschwanden und die Muster auf ihrer Haut verblassten. Auch ihre Augen hatten ein wunderschönes Blau angenommen.
Ich schüttelte den Kopf.
Sie legte ihren Kopf etwas schief, als wollte sie mich mustern. Dann trat sie noch einen Schritt zu mir, ihre Bewegung verschwamm vor meinem Auge und beugte sie leicht nach vorne. Sie schloss die Augen und schnüffelte an meinem Haar. Ich ließ es zu, immer noch vor Schreck erstarrt bleib ich stehen. Plötzlich schrak sie zurück.
„Ein Mensch!“, zischte sie.
Was sonst? Sie wich einen Schritt von mir, ihre Augen wurden glasig. Man sah ihr an, dass sie i Gedanken versunken war. Plötzlich verstand sie.
„Ach, bist du nicht die Kleine von Marco?“ Ich nickte nur, auch wenn es mich ärgerte, wie sie es sagte. „Verstehe. Melanie, richtig?“ Wieder ein nicken. Ihre weiche Stimme klang wie flüssiger Honig. „U-U-Und du bist?“, fragte ich stotternd. Meine Augen waren immer noch starr vor Schreck.
„Domenique“, sagte sie spontan. „Tut mir Leid, dass ich dich so erschreck habe. Oh man das gibt ärger von Fürst Vlad.“ Sie schüttelte verärgert den Kopf.
„Fürst?“, quiekte ich.
Sie zog die Augenbrauen hoch und sah mich wieder an. „Oh, verstehe. Du weißt absolut gar nichts?“
Ich nickte benommen. „Ich erstehe nicht das Geringste.“ „Oh man, wie du zitterst! Der Hammer.“, sagte sie erstaunt, „Das wird mir Sascha niemals glauben!“
Feierlich hüpfte sie wie ein Kindergartenkind, das gerade erst eingeschult wurde, auf und ab.
Verstört sah ich ihr dabei zu. Doch als sie seinen Namen nannte, horchte ich auf.
„Sascha? Du kennst ihn?“ Sie hörte sofort auf zu hüpfen und schaute mich wieder ernster an.
„Klar. Immerhin sind wir gut befreundet.“ Seufzend ließ sie ihre Schultern hängen. „Das nervt echt, er erzählt immer von dir. Egal wo, egal wann. Immer!“
Erstaunt sah ich sie an. Wie schaffte sie es nur, einfach so im Plauderton weiterzureden?
„Was bist du?“, fragte ich sie leise und schaute dabei auf den Boden. Sie schnaubte.
„Am besten wir verschwinden von hier. Es ist hier nicht… sicher. Glaub mir.“
Sie wandte sich zum gehen, doch dann hielt sie inne. „Was wolltest du eigentlich mitten in der Nacht hier?“ Tadelnd schaute sie mich an. Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe mein Armband verloren. Ich hatte alles abgesucht, bin die Wege auf und ab marschiert und dann bin ich hier her gelaufen. Aber nicht, es ist weg.“
Sie blinzelte. Dann kramte sie in ihrer Tasche herum. „Meinst du etwa das hier?“
Verblüfft schaute ich darauf, was sich in ihrer zarten Hand befand. Ein silbernes, kleines Armbändchen mit vielen Anhängern dran. Mein Armband!
„Ja“ Woher hast du das?“
Sie zuckte mit den Schultern. „ich habe es in der Mädchenumkleide gefunden und wollte es ins Fundbüro bringen.“ Schnell nahm sie meine Hand ließ mein Armbändchen hinein gleiten. Dann schloss sie meine Hand und legte ihre drauf. Ihre Haut fühlte sich genauso zart an, wie sie aussah. „Bitte.“ Sie lächelte ein bezauberndes Lächeln. „Danke“, flüsterte ich.
Jetzt sah sie ernster aus. „Es wird Zeit.“ Mit diesen Worten, packte sie mit ihrer Hand meinen Arm und zog mich aus der Turnhalle raus. Domenique flitzte mit mir zusammen durch die Nacht. Erst betraten wir den tiefen Wald, der die Schule umzog. Ich sah fast nichts, alles verschwamm vor meinen Augen. Der Wind peitschte mir ins Gesicht und ich musste einen Schrei unterdrücken. Immer wieder stolperte ich über liegen gebliebene Äste oder Steine, die mitten auf dem Pfad rumlagen.
Es dauerte nicht lange, dann ließ der Wind schon wieder nach. Ich konnte wieder etwas erkennen, dennoch musste ich mehrmals blinzeln.
Wir waren auf einer großen Lichtung angekommen, in der Mitte war ein großer, klarer See. Er war nicht sehr tief, man konnte sogar Fische drin schwimmen sehen. Bewundernd sah ich mich um. „Schön, nicht wahr?“, murmelte Domenique. Sie stand ganz nah neben mir,. Ich erschrak und sie musste kichern. „Sorry.“ Ich nickte nur zu ihr.
„Mein Lieblings Platz, hier wird uns niemand stören außer…“ Ihr kam jemand zuvor. Eine tiefere Männerstimme. „Außer mir.“ Geschockt drehte ich mich zu der Stimme um und entdeckte Sascha, der gerade an einem Baum gelehnt stand. Ich sah zu ihm herüber und traute mich nicht ihm zu sagen, was Domenique wirklich war. Oder wusste er es schon?
Er lächelte ich an und kam zu uns rüber geschlendert. „Sascha, gut du bist endlich da.“ Erleichtert lächelte sie und trat direkt zu mir, tätschelte meine Schulter und schaute erwartungsvoll zu Sascha.
Ein paar Schritte vor uns blieb er stehen. Mein Blick schoss zu Domenique. Waren Sascha und Domenique vielleicht mehr als Freunde…?
„Was macht Melanie hier, Domenique?“, fragte er leise. „Sie hat mich gesehen.“
Sascha nickte. „Warum warst du hier Und auch noch allein.“ Wie Domenique, sah mich Sascha tadelnd an. „Es hätte sonst was passieren können.“ Er schüttelte den Kopf. Verdattert sah ich ihn an. Was?
„Was hast du dir dabei gedacht?“, harkte er weiter nach, als ich nicht antwortete.
Dabei kam er zu mir und packte mich an die Schultern. Zischend wehrte ich seine Hände ab. „Fass mich nicht an!“ Sofort bereue ich meine Worte, als ich in sein Gesicht blickte. Erschrocken starrte er mich an. „Was
?“
Domenique schüttelte den Kopf. „Beruhig dich Sascha und du auch Melli.“
Dann sah sie Sascha an. „Melanie hat mich in.. meiner wahren Form gesehen.“
Sein Kopf schnellte zu Domenique und wieder zu mir. Hin und her. Sascha seufzte. „Das erklärt alles.“
„So ist es.“ Sie schaute mich beunruhigt an. „Warum sie jetzt hier so gelassen steht, ist die andere Sache.“
Ich schüttelte nur den Kopf. „Marco hat mir nichts erzählt, was hier wirklich abgeht. Und langsam habe ich die Schnauze gestrichen voll von den ganzen Lügen. Bitte sagt mir endlich die Wahrheit!“ Beide seufzten gleichzeitig auf, nickten aber. Sascha setzte sich im Schneidersitz auf den grünen Rasen, der zu leuchten schien.
Es war ein magischer Ort.
Domenique wies auf einen mittelgroßen Stein, auf dem ich Platz nehmen sollte. Ich setzte mich zittrig hin und sie folgte mir. Diesmal wich ich nicht zurück, als sie sanft über meinen Arm strich. Der Mond schien direkt auf uns herab. Die Kälte, die ich vorher verspürt hatte, fühlte ich nicht mehr. Auch meine Schmerzen waren wie weggeblasen.
„Also“, fing Sascha an und räusperte sich. Er sah mir direkt in die Augen und sein Blick verharrte auf meinem. Mein Bein fing an hin und her zu wippen.
„Das ist hier keine gewöhnliche Schule. Die Geschichte ist schon sehr alt und für manche, fast vergessen. Was du gesehen hast, war Domenique in ihrer wahren Gestalt.“
Eindringlich sah er mich an und machte eine kurze Pause, eher er schluckte und weiter sprach.
„Sie ist ein Jahrhunderter alter Sukkubus. Aber keine Angst sie hat sich davon abgewandt und ist eine Mephala geworden. Erschrocken sah ich Sascha an. „Sie ist eine, was?“ Erstaunt sah er zu Domenique herüber.
„Erzähl du ihr lieber wovon wir reden. Du weißt es schließlich besser als die meisten von uns.“
Sie nickte nur, rückte näher an mich heran und umfasste meine Taille. Dabei strich sie immer über meinen Arm. Es hatte etwas sehr mütterliches, etwas, was ich nie wirklich gehabt hatte. Ihre strahlend blauen Augen sahen mich verständnisvoll an. „Ein Sukkubus ist ein weiblicher Dämon der Verführung. Er stammt aus den Erzählungen von Adam und Eva, als Gott eine wunderschöne Frau für Adam schuf, die jedoch verweigerte seine Bedürfnisse und fiel damit bei Gott in Ungnade. Sie wurde in die Hölle verbannt, behielt aber ihren eisernen Willen und setzte ihre Reize geschickt ein.“
Ich weitete meine Augen. „Heißt das du bist ein böser Dämon aus der Unterwelt?“
Sie lachte kurz auf.
„Du hast mich nicht ausreden lassen. Es ist wahr, dass die Sukkubus sich dem Bösen verschrieben haben, aber ich gehöre nicht mehr zu ihres Gleichen.“
„Das verstehe ich nicht. Was bist du dann?“ Behutsam strich sie wieder über meinen Arm und hielt mich fester. „Wie Sascha schon sagte, ich bin eine Mephala. Das ist die Art von Sukkubi, die Gott erschaffen wollte.“
Erstaunt sah ich sie an.
„Also gibt es einen Gott? Er ist nicht irgendein Hirngespinst von religiösen Gläubigen?“
Sie lachte wieder kurz. „Das ist so komplex, dass es keiner so richtig weiß. Keiner kann dir diese Frage wirklich beantworten. Wir vermuten es nur. Zumindest ist er nicht, so wie ihr Menschen ihn darstellt.“
Ich nickte. Um alles zu verstehen, musste ich genauer hinhören. „Ich hatte dazu den Willen und das Herz, mich dem Bösen abzuwenden und deshalb hat mich Fürst Vlad aufgenommen. Doch sei auf der Hut, nicht alle Sukkubi sind wirklich Gut, Es gibt auch welche auf dieser Schule, die sich dem nicht abgewannt haben.“ Benommen nickte ich. Konnte ich verweigern was ich mit meinen eigenen Augen gesehen hatte? Es war kein alberner Streich meiner blühenden Fantasie gewesen.
Saschas blick wanderte zu Domenique. „Warum warst du eigentlich in deiner Gestalt?“
Sie blickte peinlich berührt zu Boden.
„Ehm. Können wir das wann anders besprechen? Sonst kommt Melanie ja völlig durcheinander.“
Sascha lächelte nur kurz, nickte aber.
Jetzt wandte sich Sascha wieder zu mir und erzählte weiter. „Unsere Schule tritt für diejenige in Kraft, die von ihrem Volk, Planeten oder Heimatort verbannt worden sind. Das es die Erde war, war nur ein Zufall. Es gibt aber auch Freiwillige unter unseren Schülern.“
„Du sprichst wie einer der Ratsmitglieder, oder noch besser wie einer der Ältesten“, sagte Domenique und verdrehte die Augen. „Ratsmitglieder, Ältesten?“, fragte ich erstaunt. Sascha nickte zögerlich.
„Bei uns gibt es anstatt eines Direktors, Ratsmitglieder. Das sind jene, die die Schule führen, geheim halten und gegründet haben. Es gibt vier Ältesten.“
Angestrengt versuchte ich jedes Wort mitzubekommen. Die Müdigkeit nagte schon an mir.
„Es gibt insgesamt zehn Ratsmitglieder, die Ältesten mit dazugezählt. Der Vorsitzende ist Fürst Vlad. Außerdem ist es Marcos Vater.“
Schwer schluckte ich. Das musste ich erstmal verdauen. Domenique hob die Hand zu meinem Gesicht und streichelte mich sanft. Ich schloss kurz meine Augen.
„Ich weiß, dass es schwierig ist, zu verstehen. Doch bitte versuch es.“
Ich nickte und machte wieder meine Augen auf. Endlich fand ich meine Stimme wieder.
„Ich möchte endlich die Wahrheit wissen“, sagte ich wieder. Zu lange hatte Marco mir alles verweigert und mir vorgegeben in einer falschen Welt zu leben, die anscheinend gar nicht existierte. Sascha erzählte im ruhigen Ton weiter. „Fürst Vlad ist kein Mensch. Alle außer dir auf der Schule, sind keine Menschen.“ Das ließ mich aufschrecken. „Was bist du dann?“, fragte ich mit neugieriger aber zittriger Stimme.
Sascha schaute zu Boden. War ihm das etwa peinlich
?
Domenique übernahm das Wort. „Sascha ist ein Elf. Genaugenommen ein Nachtelf. Das Erkennungszeichen ist seine blasse Haut und seine spitzen Ohren.“
Sie Beugte sich nach vorne und verwuschelte seine Haare. Sascha ließ es zu, ohne auch nur den Blick vom Boden zu nehmen. Dann sah ich seine spitzen, süßen Ohren. Sie ragten ein klein wenig nach oben.
Langsam nickte ich und Domenique rutschte wieder zurück. „Früher einmal war er ein Auralia, was du einen „Hochelf“ oder einen „Elf des Lichts“ nennen würdest. Aber seine Familie war in Ungnade des Herrschers gefallen, durch Tod und Unglück. Somit wurde er mitsamt Familie verbannt. Er hat seine ganze Art aberkannt und ist zu dem geworden, was er heute ist.“ Jetzt sprach Sascha wieder und schaute zu mir auf. Seine Augen glühten.
„Zurück zu den Ratsmitgliedern“, sagte er gepresst. Sascha war schon immer ziemlich abgedroschen gewesen. Ich musste ein hysterisches Lachen herunter schlucken. „Fürst Vlad ist ein sehr alter, um genau zu sagen Jahrhunderte alter, Vampir. Keiner weiß wirklich, wie alt er schon ist. Außerdem besitzt er große Macht. Seine rechte Hand ist Carahil. Sie ist eine alte Auralia. Mit zwanzig sind die meisten Elfen ausgewachsen und altern danach nicht mehr. Als sie jünger war, starb ihre Mutter. Ihre Mutter war das höchste Ratsmitglied ihres Reichs und somit musste ihre Tochter das Amt übernehmen. Nach kürzester zeit aber, hatte Carahil dazu keine Kraft mehr und verschwand. Fürst Vlad fand sie und gründeten somit den inneren Zirkel.“
Er machte eine kleine Pause uns schaute mich bedeutungsvoll an. „Das dritte Ratsmitglied ist Fürst Lethril (engl. Ausgesprochen). Er ist eine große Bereicherung für uns. Lethril ist eine Art Geist, Nachtigal genannt. Normalerweise spuken sie sinnlos herum und machen es den Menschen schwer. Doch er war anders. Durch einen mysteriösen Überfall und Mord des Kaisers im späteren Jahrhundert, starben alle Angestellten mit ihm.
Fürst Lethril ist als Geist erwacht. Das besondere aber an ihm war, dass er trotzdem eine Menschengestalt annehmen kann. Durch viel Disziplin lehrt er das den verstorbenen, die den Willen dafür besitzen.“
Scharf dachte ich über seine Worte nach. Sie alle hatten ein übles Schicksal hinter sich. Trotzdem sind sie stark geblieben. Domenique wandte sich wieder mir zu.
Mit leicht errötetem Gesicht sprach sie weiter. Sascha kicherte. „Das letzte Ratsmitglied, die wir benennen dürfen, heißt Meister René. Warum wir manche Ratsmitglieder nicht benennen oder über sie sprechen dürfen, hat damit zu tun, dass sie unerkannt bleiben wollen. Aber sie sind da.
Meister René stammt aus dem früheren Himmelreich. Er ist ein Erzengel, ein besonderer Engel, so würdest du ihn wohl nennen. Sie nennen sich auch Seraphim.
Die Seraphim wurden von Gott erschaffen, zumindest einige von ihnen. René wurde geboren, aber sein Vater stammt aus dieser Zeit. Meister René hat besondere Kräfte. Zum Beispiel kann er alle Elemente kontrollieren. Er besitzt sogar die Gabe der Wiederbelebung. Sicher fragst du dich jetzt, warum er hier bei uns ist.“
Ich nickte. Natürlich, was machte auch schon ein Engel auf der Erde. Weiter hörte ich zu. Ich wurde mit jedem Wort neugieriger. Die Angst war völlig von mir gewichen.
„Die Geschichte erzählt, dass der Teufel den Angriff auf das Himmelreich geplant hatte. Der Vater von meister René hasste das Kämpfen und suchte eine friedlichere Lösung. Der Teufel verlange seinen einzigen Sohn, dies verwehrte sei Vater aber. René kam damit nicht klar und entschloss sich schließlich, sich selber zu opfern.
Der Teufel dachte aber nicht mal daran, ihm einen schönen Tod zu gönnen. Nein, er wurde auf die Erde verbannt, so wie viele anderen, die danach folgten.
Fürst Vlad nahm Meister René auf und seitdem ist er das letzte genannte Ratsmitglied.“
Verwunderung glitt über mein Gesicht.
„Und wie alt ist dieser „Meister René“?“ Ich wollte immer mehr erfahren.
Domenique lächelte mich mütterlich an. „Nun ja“, sagte Sascha, „Er müsste eigentlich schon über zweihundert Jahre auf den Buckel haben. Aber auch er ist unsterblich, was das Altern betrifft. Sein ganzes Leben wird er neunzehn sein.“
„Sind alle Wesen unsterblich?“, harkte ich nach. Doch Sascha schüttelte den Kopf. „Nein, nicht alle. Zum Beispiel werden die Dämonen, um genau zu sein, der Sukkubi und Seelenräuber die sogenannten „Isomäre“, werden nur ein paar Jahrhunderte alt. Dennoch ein sehr langes leben, in Menschensaugen.“
Ich schluckte. Domenique würde nicht ewig leben? „Genau wie die Liquid, die Wasserwesen. Sie werden genauso alt, wie die Dämonen. Dabei sind sie in zwei Teile gespalten. Männchen und Weibchen sind zwei verschiedene Arten.“ „Wie darf ich das verstehen?“, fragte ich verwundert. Sascha zuckte mit den Achseln. „Niemand weiß warum das so passiert ist, sie haben sich einfach auseinander heraus entwickelt.“ Er grinste mich frech an.
„Die Weibchen“, sagte Domenique wieder zu mir gewandt, „nennt man auch Meerjungfrauen. Sie verwandeln sich, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Halb Mensch halb Wasserwesen.“ Nichts scheint mehr Legende oder Märchen zu sein. Sascha sprach zügig weiter. Stritten sie sich jetzt etwa darum, wer weiter erzählen durfte?
„Die Männlichen Wesen sind dabei total verschieden. Man nennt sie auch die Wasserbändiger, Sophran. Wie der Name schon sagt, beherrschen alle männlichen Liquid das Element des Wassers.“ „Wow“, flüsterte ich, als die Stille die Oberhand gewann. Beide nickten. Wie eingefroren saß ich auf de Stein und lauschte weiter ihren Worten. Es hätte alles ziemlich unwirklich geklungen, wenn ich es tatsächlich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. „Habe ich irgendetwas vergessen?“, fragte Sascha, Domenique. Sie nickte. „Ja.“ Grinsend sprach sie weiter:„ Du kennst doch Nico, nicht wahr?“
Mit großen Augen sah ich sie an. „Woher weißt du das?“ Sie kicherte. „Ich habe euch öfters zusammen gesehen.“ Ich nickte.
Eifrig sprach sie weiter. „Nico ist seit ein paar tagen ein besonderer Drache. Vorher steckte er noch in der Entwicklung, er war ein Jioras, ein Jüngling. Das heißt, dass er noch nicht ganz ausgewachsen war, was in Drachenjahren gezählt wird. Ein Drachenjahr, sind zehn Menschenjahre. Außerdem gibt es drei unterschiedliche Arten. Wie eben genannt, Jioras.
Dann noch die Lorias, dass sind welche die keine besonderen Talente, oder in keiner Familie rein geboren wurden, die vom Adel abstand.“ Sie machte eine kleine Pause.
„Und Nico ist ein „Lorias“?“, fragte ich.
Sascha schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er schnell, „wenn du das je zu ihm sagen würdest, wäre er zutiefst gekränkt.“ Domenique seufzte und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf sie.
„Die dritte und letzte Art sind die Schandoras. Die Kaiserdrachen. Sie stammen von einem Schandora ab, oder haben besondere Talente oder Fähigkeiten. Nico besitzt die Gabe der Harmonie. Das bedeutet soviel wie, er kann seine Mitwesen beeinflussen. Jeder Drache, außer dem Jüngling, muss besonderen Schmuck am Körper tragen. Wenn sie diesen abnehmen, verwandeln sie sich. Je nachdem wie wertvoll der Drache ist, desto edleren Schmuck trägt dieser. Nico stammt vom Herrscher des Drachenvolks ab, seinem Vater.
Ich runzelte die Stirn. „Ich habe Nico schon seit Tagen dieses komische Amulett tragen sehen. Er meinte, es stamme von seinem Vater.“
Sascha nickte. „Das hat er von seinem Vater bekommen, zur Gratulation, ein Schandora geworden zu sein. Nicht alle schaffen das.“
„Aber warum ist er hier bei uns?“, fragte ich betrübt. War ihm was passiert – oder seinem Vater?
Leise antwortete Sascha:„ Das müsstest du ihn selber Fragen. Er … beantwortet uns nie diese frage, jedenfalls uns nicht.“ Er zwinkerte mir zu.
„Das hat Zeit“, sagte Domenique streng, „Lass sie selbst erstmal verstehen.“
Sascha nickte.
Doch dann fiel mir wieder etwas völlig anderes ein. Was war mit Marco?
Ich tippte auf Domeniques Schulter, die sich gerade angestrengt mit Sascha unterhielt, in einer Sprache, die ich nicht kannte. „Marco…“, flüstere ich nur. „Ist er…?“
Wie lächerlich! Waschlappen! Ich konnte nicht mal das Wort Vampir aussprechen!
Sie nickte. „ja, er ist ein Vampir, ein geborener. Keine Angst, er ist genauso alt wie du, na ja zumindest in deinem Alter. Soviel ich weiß, ist er ein Jahr älter als du, das war’s aber auch schon. Was besonders an ihm ist, er ist schon ausgewachsen und altert nicht mehr.“
Das hatte ich mir schon gedacht. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit. Er war genauso klein wie ich gewesen, immer hatten wir zusammen gespielt.
Ich war enttäuscht, von ihm und sogar von mir. Ich hätte eigentlich sauer auf ihn sein sollen, oder Angst verspüren sollen. Doch nichts der Gleichen fühlte ich. Nur Erleichterung, endlich nicht mehr die Ausgeschlossene zu sein.
„Ich solle langsam gehen, ich bin ziemlich müde.“ „Natürlich – so siehst du auch aus.“ Sascha lachte lauthals los. Ich verengte ein Stück meine Augen und wandte mich an Domenique. Aber Sascha kam mir zuvor. „Ich nehme dich schon mit, Kleine. Keine Angst.“
Ich seufzte und nahm an. Ich war zu müde und wollte, dass dieser Tag endlich endete.
Domenique drückte mich noch einmal zärtlich und winkte uns zum Abschied. Danach verschwand auch sie. Sascha fuhr mich nach Hause, mit seinem neuem „Herbstauto“. Wie konnte man nur für jede Jahreszeit, ein anderes Auto haben? Ich verstand es einfach nicht.
Als er vor der Einfahrt anhielt, fragte er mich:„ Sehen wir uns Montag?“
Ich nickte und drückte auch ihn kurz.
Es war schon ziemlich spät als ich oben in der Wohnung ankam. Marco war nirgends zu sehen. Ob er wieder bei seinem Vater war? Ich wusste es nicht und wollte heute nichts weiter, als mein Bett und viel schlaf.
Ich war so müde, dass ich gleich kurz nach meinem Ankommen es gerade noch rechtzeitig ins Bad geschafft hatte, meine Zähne geputzt und in mein Nachthemd geschlüpft war. Danach fiel ich ins Bett, rollte mich zusammen und genoss die friedliche Stille.
Texte: Die Geschichte und die Charaktere sind von mir. Das Cover habe ich selber verändert.
Alle Rechte vorbehalten.
Tag der Veröffentlichung: 22.07.2010
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Sie haben Was mich zum Überleben zwingt, Erinnerungen die mich Prägen zu Ende gelesen
Amiira