Wenn du wohin gehst, vergiss nicht, wo du herkommst
Wenn du wohin gehst, vergiss nicht, wo du herkommst
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Adi Bachmann
Wenn du wohin gehst, vergiss
nicht, wo du herkommst
Die Geschichte einer Familie
Wenn du wohingehst, vergiss nicht, wo du herkommst
Die Geschichte einer Familie
Johann Bachmann, 1360 - 1421
Unvermittelt schrecke er hoch. Er hatte nicht gut geschlafen. Etwas lag ihm auf der Seele. Doch es war kein Traum gewesen, sondern ein fremdes Geraeusch, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Sein Koerper hatte sich versteift und er lag wie gelaehmt auf der Stohmatratze, die den wuchtigen Bettkasten von Rand zu Rand ausfuellte. Hildegard, seine junge Frau, lag rechts von ihm; sie atmete ruhig. Neben ihr lagen Bernhard, der dreijaehrige Bub und Rosa, die erst vor sieben Monaten zur Welt gekommen war. Die vier aelteren Kinder aus seiner ersten und zweiten Ehe lagen im hinteren Teil der Schlafkammer.
Vorsichtig tastete er nach dem Knueppel aus Buchenholz, den er vor Jahren von einem Baum in den Wertachauen geschnitten hatte und der immer auf seiner Seite unter dem Bettkasten lag. Das Holz wog schwer in seiner Hand. Er lauschte in die Dunkelheit hinein und versuchte herauszufinden, was fuer ein Geraeusch das gewesen und aus welcher Richtung es gekommen war. Nichts ruehrte sich. Nichts Ungewoehnliches war zu hoeren. Im Stall standen die beiden Kuehe und das schwere Ross, das hin und wieder einen verhaltenen Schnauber ausstiess.
Nein, ein Herrenreiter war er nicht und er wuerde es wohl auch niemals werden und auch nicht werden wollen. Einer, der hoch zu Ross durch die Gegend streift, ueber die Felder und Weiden und sich einen Dreck darum schert, ob er mit seinem Pferd die muehevolle Arbeit der Bauersleute zu Schanden ritt oder das niedrige Wild in den Waeldern und Auen unnoetig verschreckt. Er, der Herr, jagt ohnehin nur Hochwild und Wildsauen – jedes Mal mit einem ungehoerigen Aufwand an Treibern und Jaegern. Aber wehe, wenn ein armer Bauer dabei erwischt wurde, dass er einmal ein Reh mit der Schlinge gefangen hatte. Dann schleppte man ihn gleich vor den Herrn und der Herr hielt Gericht. Wilderei wurde hart bestraft. Denn man musste den Unterschied zwischen oben und unten, zwischen arm und reich, zwischen maechtig und ohnmaechtig immer wieder deutlich sichtbar machen. In manchen Bezirken durften die Bauern nicht einmal ihre mageren Schweine in die Waelder der Adeligen treiben, damit sich die Tiere an den Bucheckern und Eicheln guetlich tun und ein wenig mehr Fett ansetzen konnten. Man befuerchtete, dass die Schweine die Baeume beschaedigen wuerden. In einer Verordnung aus der Zeit hiess es, man möge dem Übeltäter, naemlich dem Schwein, den Darm aus dem Leib ziehen, ihn an der beschädigten Eiche festbinden und so lange um den Baum laufen lassen, bis der Darm vollständig um den Stamm gewickelt sei.
Sein Pferd war kein Reittier, sondern es half fleissig und kraeftig bei der Arbeit mit, die jahrein, jahraus auf so einem kleinen Anwesen anfiel. Ja, er brauchte das Ross fast ausschliesslich zur Arbeit, harter Arbeit oft. Auf den Feldern zog es den Wagen mit dem Mist, den eisenbeschlagenen Pflug oder die hoelzerne Egge und bei der Ernte den Leiterwagen. Den gleichen Wagen zog das Pferd, wenn das gemachte Heu oder – im Winter – die duenneren der umgeschlagenen Baeume, das Krueppelholz, heimgeschafft wurden. Auch beim Ruecken der geschlagenen Baumstaemme in den Monaten Januar und Februar war es eine grosse Hilfe. Nur zur Kirchweih und zu anderen hohen kirchlichen Festagen wurde das Ross solange gestriegelt, bis sein struppiges Fell seidig glaenzte, und es wurden ihm duenne Zoepfe aus Haferstroh in die Maehne und den Schweif eingeflochten und bunte Baender. So ritt er dann hoch zu Ross, drei, vier Kinder hinten auf dem breiten Ruecken, den Huegel hinauf nach Bertoldshofen, wo die Kirche stand. Hildegard, seine Frau, ging zu Fuss, aber stolz, hinterher. Das Ross hoerte auf den Namen Racker. Racker wie rackern. Als Erinnerung daran, dass das Leben in erster Linie Arbeit und dass die Arbeit meist schwer war und dass das Rackern oefter als befuerchtet keinen Gewinn abwarf.
Seine kraeftige Rechte, die den Knueppel noch immer fest umschlossen hielt, war inzwischen schweissnass geworden und er wischte sie – ohne dabei ein Geraeusch zu machen – an dem groben Leinenstoff der Matratze ab.
Freilich war das schon ein Zeichen von einem gewissen Wohlstand, sagte er oefter zu sich selbst und auch zu seiner Frau und zu den Kindern, dass sie neben den beiden Kuehen auch das Ross hatten. Die Kuehe arbeiteten langsamer und weniger energisch als das Pferd. Dafuer aber gaben sie Milch; nicht so viel, wie Hildegard sich manchmal wuenschte – wegen der Arbeit, die sie tun mussten und der Kaelber, die sie zwischendurch hatten – aber doch so viel, dass es meist fuer die morgendliche Milchsuppen der immer groesser werdende Familie reichte. Und fuer den einen oder den anderen Weidling voll gestoeckelter Milch und fuer ein wenig Rahm und etwas Butter, manches Mal. Und wenn im Fruehsommer dann das Gras oft fett war und die Blumen auf der Wiese kraeftig wuchsen und bluehten, gaben die beiden Kuehe – vielleicht aus lauter Freude an dem guten Futter – soviel Milch, fett und gelb, dass die Hildegard hin und wieder einen kleinen Laib Kaese formen und reifen lassen konnte. Das war dann eine ganz besonderes Ereignis und ein besonderer Leckerbissen, wenn der Kaese angeschnitten und verkostet wurde. Da leuchteten die Augen der Kinder und so manchem lief sichtbar und hoerbar das Wasser im Mund zusammen. Einmal im Jahr, wenn die Zeit dazu da war, trieb er eine der beiden Kuehe hinueber zum Burler, dem Schmied, wo er sie von einem kraeftigen und gesunden Stier bespringen liess. Das kostete ihm zwar jedes Mal etwas und nicht immer wurde nach den Monaten des Herwartens ein gesundes Kalb geboren; manchmal wurde ein Tier krank und verendete unter unerklaerlichen Umstaenden. Das war bitter. Aber viel oefter ueberlebten Kuh und Kalb eine solche Schwangerschaft und die Geburt und die oft schwierigen Wochen nach der Geburt ohne Schaden, und dann war das Glueck wieder einmal auf ihrer Seite.
Ja, ja, das Glueck. „Der Herr hat’s gegeben, und der Herr hat’s genommen. Lobet und preiset den Herrn!“ Es waere ihm nie im Traum eingefallen, sich gegen die unerforschlichen Handlungen Gottes, des Herrn, aufzulehnen. Erstens war er dazu viel zu kirchen-und gottglaeubig und zweitens ahnte er, dass ihm eine solches Auflehnen ohnehin nichts einbringen wuerde. Also hielt er sich lieber bedeckt – nicht, dass er vor Allem und Jeden den Kopf eingezogen haette; aber er war nicht auch nicht vorlaut und nicht ohne Grund aufmuepfig. Er anerkannte Eigenschaften wie Mut, Stetigkeit und Bestaendigkeit und er liebte die Kraft, die er manches Mal in sich spuerte, wenn er auch in schwierigen Situationen ruhig und beherrscht blieb. Das passierte ihm leider nicht immer. Wieder lauschte er in die dunkle Nacht hinein. Nichts Ungewoehnliches war zu hoeren. Zu sehen ohnehin nicht. Langsam fing er an, sich zu entspannen. Aber in seinem erregten Zustand hatte er angefangen, sich an dies und das zu erinnern und sich darueber seine Gedanken zu machen. Und dieses Nachdenken und sich Erinnern wollte jetzt einfach nicht aufhoeren. Auch musste er sich gerade jetzt zugeben, dass er nach innen eigentlich schon immer recht aengstlich war und auch heute noch leicht ausser sich geriet, wenn ihn etwas erschreckte. Aber als das aelteste Kind in der Familie, als der grosse Bruder, hatte er schon frueh begonnen, den aengstlichen Johann in sich mit einer gespielten Maske aus uebertriebener Selbstsicherheit und lauter Staerke zu uebertoenen. Und er war damit nach aussen meist recht gut gefahren. Seine Geschwister, seine Eltern und der Grossvater, die Onkel und Tanten, Schwager, Vettern und Basen respektierten ihn in so, wie er war und viele hatten ihn ins Herz geschlossen und liebten ihn. Wie sein Grossvater Simon, zum Beispiel, der Vater seines Vaters. Die Grossmutter, die Frau des Simon und Mutter seines Vaters, hatte er nie gekannt; sie war kurze Zeit nach der Geburt ihres neunten Kindes gestorben. Er wusste nur, dass sie Elsbeth geheissen hat und eine tuechtige Frau war. Das wusste er von seinem Grossvater und auch von seinem Vater.
An die Eltern seiner Mutter konnte er sich nur sehr undeutlich erinnern.
Mit Antonia war das anders. Sie war die Mutter seiner Frau Hildegard. Er hatte sie zwar auch nur zwei Mal gesehen, aber da war er schon erwachsen und sie war seine Schwiegermutter geworden, um die herum viele Geschichten erzaehlt wurden. Sie war als junge Frau zusammen mit anderen aus dem tirolischen Inntal ins Baierische gezogen, als der Krieg in Tirol und der Hunger und die Verzweiflung wieder einmal viele Menschen dazu zwangen, das Land zu verlassen, um anderswo nach Arbeit und Brot zu suchen. Das hatte Hildegard oft erzaehlt, die es wiederum von ihrer Mutter wusste. Als niedrige Dienstmagd hatte Antonia, die Tirolerin, wie sie genannt wurde, eine Anstellung bei einem groesseren Bauern gefunden, dessen Hof zwischen Muehldorf und Oetting lag. Aus dem Inntal war sie also nicht hinausgekommen. Auf einem Markt in Tuessling hatte sie den Lenz, den Lorenz, kennengelernt, der bei den Herrschaften dort Vorknecht war. Ein gestandenes Mannsbild, durchaus fesch, nicht mehr ganz jung – aber sie war ja auch kein ganz junges Ding mehr. Mit der Erlaubnis beider Dienstherren durften sie 1376 heiraten und drei Jahre spaeter kam Hildegard zur Welt, ihr erstes und einziges Kind.
Als haette das Oettinger Land fuer die Bachmannschen aus Bertoldshofen eine von Gott gegebene, besondere Bedeutung gehabt - in eben diesem Oetting, dem vielbesuchten Wallfahrtsort mit seiner wundertaetigen „Schwarzen Madonna“, trafen die Hildegard aus Tuessling und der Johannes aus dem Wertacher Land aufeinander. Es muss eine Liebe auf den ersten Blick gewesen sein und ein solches Funkenspruehen, dass einem Angst und Bange haette werden koennen. Koennen – aber nicht muessen. Hildegard war mit den anderen Jungfrauen aus ihrer Markgemeinde hinuebergewandert zum sich jaehrlich wiederholenden Bittgang nach Oetting und zur Gnadenkapelle. Das war kein weiter Weg fuer sie. Im eiskalten Januar des Jahres 1401 war Maria, Johanns zweite Ehefrau, an einer boesen Entzuendung an der Lunge gestorben. Sie hatte zum Schluss nicht einmal mehr die Kraft gehabt, nach dem Erteilen der Sterbesakramente das Kreuz zu schlagen. Danach sass Johann allein da mit vier Kindern. Die beiden Soehne Heinrich und Anton hatte er mit Mechthild, seiner ersten Frau, die so frueh von ihnen gegangen war. Mit Maria hatte er die kleine Maria und den Lukas dazubekommen. Vier Kinder also, vierzehn, zwoelf, zehn und sieben Jahre alt – wie die Orgelpfeifen. Keine Wickelkinder mehr, nein, ganz bestimmt nicht. Alle vier hatten schon frueh lernen muessen, kraeftig mit anzupacken im Haus, in der Muehle und in der Landwirtschaft. Aber trotzdem: die Kinder brauchten noch immer eine Mutter, besonders die kleine Maria, der als „der einzigen Frau im Haus“ einfach zuviel abverlangt wurde. Und er, Johann, inzwischen einundvierzig Jahre alt, war noch voller Saft und Kraft – er sehnte sich inzwischen wieder heftig nach einer Frau. Das Trauerjahr war um und so hatte er die lange und beschwerliche Pilgerreise nach Oetting angetreten, um fuer eine neue Ehe die Hilfe und den Segen der Jungfrau Maria zu erbitten. Und ausgerechnet hier verliebten sich Johann und Hildegard auf den ersten Blick – auf dem Kapellplatz, dem Platz vor der kleinen Wallfahrtskirche. Wenn das keines der vielen kleinen und grossen Wunder war, die man der „Schwarzen Madonna“ von Oetting landauf, landab zusprach! Noch am selben Tag begleitete Johann die Hildegard nach Tuessling in ihr Elternhaus. Hildegards Eltern waren mehr als verwundert, als der Fremde aus dem fernen Oberschwaben so mir nichts, dir nichts, um die Hand ihres einzigen Kindes anhielt. Man fragte den nicht mehr jungen Mann nach Strich und Faden aus, fand ihn aber nicht unangenehm und was er sagte, hatte Hand und Fuss und machte Sinn. Mit schweren Herzen, letztlich aber nicht ohne einer gewissen Zufriedenheit, stimmten Antonia und Lorenz dem Verloebnis mit Johann zu, dem Mueller und Freisassen aus Bertoldshofen. Noch am gleichen Abend steckte Johann den Trauring seiner verstorbenen Maria an den Ringfinger von Hildegards rechter Hand. Er hatte den Ring waehrend seiner Zeit als Witwer immer bei sich getragen. Die Verlobung war also beschlossene Sache, ein fuer beide Seiten passender Hochzeitstermin wurde aufgesetzt und die Fragen ueber Aussteuer und Mitgift ausgeredet. Das alles geschah in einer eigentlich unchristlich kurzen Zeit, in wenigen Stunden nur – aber tatsaechlich ohne jede innere Hast und ohne eine Spur von schlechten Hintergedanken. Es war fast so, als haette man aufeinander gewartet und sich darauf vorbereitet, diese Ehe zu stiften und sie Wirklichkeit werden zu lassen. Johann machte sich auf den Weg zurueck nach Bertoldshofen, uebergluecklich, und nach wenigen Wochen traf der Leiterwagen ein mit der Braut, den Brauteltern und der Aussteuer. Wagen und Pferd hatten die Herrschaften auf Tuessling dem Lenz ohne Gegenleistung ausgeliehen, das Futter fuer das Tier mussten die Brauteltern allerdings selber beschaffen. Es fand eine Hochzeit statt, wie man sie schon lange nicht mehr gesehen hat in dieser Gegend und in dieser schweren Zeit. Alle Verwandte, Freunde und Bekannte waren gekommen, um Johanns junge Frau kennenzulernen, den mitgebrachten Hausrat zu begutachten und den im oberbairischen Stil bemalte Truhe zu bewundern. Ja, auch wenn die Brauteltern nur ein Vorknecht und eine Magd waren, hatten sie doch fuer ihr einziges Kind im Lauf der Jahre so viel auf die Seite legen koennen, dass sie jetzt ihrer Hildegard eine stattliche Aussteuer mitgeben konnten.
Es wurde gegessen und getrunken auf der Hochzeit, dass es eine Freude war. Da schaeumte das Bier in den Kruegen, die frisch gebackenen Brotlaibe und die Kaese dufteten, die Forellen aus dem Muehlbach, die am Spiess gebratenen Huehner und das Spanferkel, das die Muehlknechte zu Ehren ihres Meisters und seiner jungen Fau spendiert hatten – alles war da, und zwar ueberreichlich. Es wurde fast ohne Ende musiziert, getanzt und gesungen, und es wurde geratscht und getratscht und auch manche ernsthafte Nachricht ausgetauscht. In diesen harten Jahren hatte man nur noch wenig Gelegenheiten, sich bei froehlichen Anlaessen wiederzusehen. Beerdigungen mit einem anschliessenden aermlichen Leichenessen waren dafuer bestimmt kein Ersatz. So wurde die Hildegard eine echte Bachmann, eine Muellerin, Baeuerin und Freisassin und ihren vier Stiefkindern eine gerechte und liebevolle Mutter, ihrem Johann eine umsichtig wirtschaftende Ehefrau, die die Schluesselgewalt im Haus mit Sachkenntnis und Autoritaet ausuebte. Und eine zaertliche Bettgenossin war sie ausserdem und bald auch die Mutter ihres ersten gemeinsamen Kindes, des Bernhards. Als sie zwei Jahre spaeter von der gesunden Rosa entbunden wurde und sich schnell wieder von dem Kindbett erholt hatte, mochte sie manchmal vor Glueck schreien oder weinen oder singen oder einfach Purzelbaeume schlagen. Wie konnte ein einzelner Mensch so viel Glueck haben und ohne laute und bewegte Gefuehlsausbrueche ertragen? Fast schon wieder eingeschlafen, musste Johann zurueckdenken an seinen Grossvater Simon. Simon war um 1304 in der Gegend von Oberndorf in einer kinderreichen Haeuslerfamilie zur Welt gekommen. Schon frueh war er vor der Enge und Not von zu Hause fortgelaufen und hatte sich mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Diebereien ueber Wasser gehalten. Er war ein Vagant geworden. Auf einem seiner ziellosen Streifzuege kam er als Helfer beim Besitzer einer kleinen Muehle unter, dessen einziger Sohn nach einem Unfall daniederlag und bei dem es noch eine Zeitlang dauern wuerde, bis er wieder in der Muehle mitarbeiten konnte. Der Mueller fasste Vertrauen in den jungen Simmerl und nahm ihn fuer ein Jahr fest in Stellung. Der Lohn war gering, aber das Essen reichlich und gut, und Martin bekam einen eigenen Strohsack, auf dem er nachts seinen mueden Koerper ausstrecken konnte. Was aber viel Wert hatte als all das zusammen, waren die Kenntnisse, Kniffe und Tricks, die ihm der alte Mueller im Lauf der Zeit beibrachte. Dieser hatte die Wissbegierde des Jungen erkannt und er freute sich daran. Deshalb hatte er sich vorgenommen, den Martin auszubilden wie einen richtigen Lehrbuben und ihn einzuweihen in die Geheimnisse der Mahlkunst – mit allen Haupt- und Nebensaechlichkeiten. Und Martin war ein tuechtiger Lehrling und ein arbeitsamer dazu. Die schwere Arbeit liess ihn kraeftig werden und das Lernen machten sein Gehirn und sein Sprechen geschmeidiger als das der allermeisten Gleichaltrigen. So wirkte Simon reifer, als er es an Jahren tatsaechlich war. Als nach einem Jahr die Vereinbarung abgelaufen war und der junge Mueller wieder das Regiment in der Muehle uebernommen hatte, liess sich Simon seinen Lohn auszahlen, dankte dem Mueller und der Muellerin fuer die gute Behandlung und dem Mueller besonders noch fuer die gute Ausbildung, die er ihm gewaehrt hatte. Selbstsicher und zufrieden verliess er die Muellersleute und die Muehle und zog weiter. Wie er es nur kurze Zeit spaeter zu einem kleinen Vermoegen gebracht hatte, darueber schwieg sich der Grossvater Simon zeitlebens aus. Aber es muss etwas mit Gluecksspiel zu tun gehabt haben, einem Raufhaendel und einer Messerstecherei – ganz geheim konnte Simon sein grosses Geheimnis auf Dauer doch nicht halten. Doch was sich tatsaechlich abgespielt hatte, darueber redete er nicht, wie schon gesagt.
Simon hatte grosse Plaene im Kopf. Zuerst kehrte er zurueck in die Gegend, aus der er urspruenglich gekommen war. Dann kaufte er mit gut dem halben Teil des Inhalts seiner Boerse ein Wiesengrundstueck, das zwischen einem gemischten Wald aus Fichten, Tannen, Buchen und Eichen und einem Wildbach lag. Ein geringer Teil des Waldes gehoerte zu seinem Grund, der Wildbach ebenfalls. In der Naehe des Bachs, aber oberhalb von dessen Hochwasserlinie, baute er mit geringem Aufwand eine einfache Huette, in denen er seine wenigen Werkzeuge aufbewahrte und in der er auch hauste. Von frueh bis spaet, an sieben Tagen der Woche, bei jeder Witterung und zu jeder Jahreszeit sah man ihn jetzt rackern: einerseits begradigte er den Wildbach und versuchte, die Sohle des Bachs einigermassen zu nivellieren. Zum anderen sammelte in der ganzen Gegend Feldsteine ein, kleinere, grosse und ganz grosse, die er zum Ausbau der Bachsohle brauchte und spaeter als Bausteine fuer die geplanten Gebaeulichkeiten, beziehungsweise deren Fundamente verwenden wollte. Und hin und wieder schlug er Baeume aus seinem Waldstueck, die er anschliessend sorgfaeltig entrindete und mit dem Breitbeil zu Kanthoelzern zurichtete und andere Teile davon zu Brettern zersaegte. Das war eine wirklich muehselige und kraftraubende Arbeit.
Nur an ganz hohen Feiertagen ging Simon hinauf in die Kirche nach Bertoldshofen und nahm an dem Gottesdienst teil. Hinterher ging er mit den anderen Maennern in eine verrauchte Stube, wo ein Bauer aufgesteckt hatte, das heisst, selbstgebrautes Bier verkaufte. Aber mehr als einen Krug des malzig-pappigen Gebraeus wollte sich der Simon nie leisten - vielmehr horchte er sich neugierig und aufmerksam um und fragte die Maenner aus nach neuen Nachrichten aus der Umgebung, aus dem Bezirk und aus dem Land. So erfuhr er wenigstens hin und wieder – wenn auch nur ungefaehr -was sich zutrug ausserhalb seiner kleinen Baustelle zwischen Bach und Wald, auf der er fast alle Zeit verbrachte und fast unmenschlich schuftete und jeden Fehlschlag durch einen neuen Anlauf wettmachte.
1329 – er war gerade einmal fuenfundzwanzig Jahre alt, konnte Simon fuer einige Tage ausspannen. Er hatte sein Vorhaben verwirklicht: er besass ein Grundstueck mit einem begradigten Bach, einer Wiese und einem kleinen Stueck Mischwald. Ausserdem stand da ein teils aus Feldsteinen, teils aus Holz gebautes Muehlengebaeude, nicht sehr gross, aber gross genug, um bei Bedarf fast alles Getreide aus der Gegend vermahlen zu koennen. Das durch die Kraft des Baches angetriebene Muehlrad klapperte zwar nicht, aber es uebertrug seinen Schwung ueber ein einfaches Holzgetriebe auf den Mahlstein, der sich gleichmaessig ueber dem Muehlstein drehte. Ueber eine kurzen, ueberdachten Gang ging man hinueber in das freistehende, schlichte Wohnhaus, das im Gegensatz zur Muehle nur ein Stockwerk hatte. Eine Stube gab es darin, die gleichzeitig Kueche war, einen Schlafraum, und eine gemauerte kleine Vorratskammer, die nur oben kleine, lukenartige Oeffnungen nach draussen hatte; der Raum sollte Schutz bieten gegen Ratten und Maeuse und gegen mancherlei Gesindel, das sich ueberall herumtrieb, solange die Obrigkeit tatenlos zusah und es gewaehren liess - ja oft genug selbst solchen Banden angehoerte. Auch einen Waschraum und einen Abtritt hatte das Haus, mit einer direkten Verbindung hinunter zum Muehlbach. Ein praktischer Einfall, lobte sich Simon selbst, sooft er hinueberschaute zu dem angebauten kleinen Erker.
Ja, er hatte es geschafft. Nicht ganz alleine, aber doch fast. Auf dem jaehrlich abgehaltenen Pferdemarkt in Bertoldshofen hatte er schon bald nach seiner Ankunft ein kraeftiges und gefuegiges Ross gekauft, das er lange hinter seinem Schuppen untergebracht hatte. Ohne die Hilfe des Pferdes haette er Arbeit nicht tun koennen. Jetzt aber konnte er das Pferd in den luftigeren Schuppen stellen und – wer weiss - vielleicht einmal andere Tiere dazu. Manches Mal hatte er einen Nachbarn oder zwei oder drei bitten muessen, ihn bei den ganz schweren Arbeiten zur Hand zu gehen, die er alleine – auch nicht zusammen mit dem Pferd – haette bewerkstelligen koennen. Dafuer musste er aber auch bereit sein, dem jeweiligen Nachbarn zu Diensten zu sein, wenn dieser ihn brauchte. Mit Geld wurden solche Nachbarschaftshilfen nie bezahlt.
Jetzt konnte Simon zufrieden sein und mit Stolz auf seinen Besitz schauen und Gott danken und sich selbst loben fuer seine Leistung. Er musste aber auch gleich wieder vorausdenken und vorausschauend planen: er musste sich in der Nachbarschaft und im ganzen Kreis sehen lassen und einsagen, dass er in wenigen Tagen seine Muehle in Betrieb nehmen wuerde, ganz genau rechtzeitig zum Ausmahlen der 1329er Dinkel- und Haferernte, Weizen gab es in der Gegend kaum. Also schnuerte er sein Buendel, verriegelte sorgfaeltig Muehle, Wohnhaus und Schuppen, steckte Boerse und Messer in den Guertel und schwang sich hinauf auf das Pferd. Das stampfte und schnaubte erst einmal ganz gehoerig unter der ungewohnten Last und der ungewohnten Arbeit, die ihm da auf einmal abverlangt wurde. Aber Simon und der Wallach kannten sich inzwischen lange genug, und schliesslich trug das Ross seinen Reiter ergeben fort und folgte seinen Anweisungen. Hoch zu Ross kam also der Simon durch die Gegenden, aus denen er vor Jahren davongelaufen war.
Das Einsagen erwies sich als ein voller Erfolg. Nicht dass nach der Ernte die Bauern aus der Gegend vor der neuen Muehle Schlange gestanden haetten. Aber jeden Tag kamen mehr – erst einmal nur die Neugierigen, dann die Wichtigmacher mit ihren Fragen, aber dann mehr und mehr richtige Kunden, die sich ihr Getreide ausmahlen liessen. Und der Simon war ganz in seinem Element. Er, der in der Schankstube oft seinen Mund nicht aufbrachte und eher verdriesslich als heiter wirkte, war wie ausgewechselt: er redete und lachte, hatte fuer viele Gelegenheiten einen passenden Spruch parat, handelte ohne Verbissenheit und sorgte insgesamt fuer eine gute Stimmung auf der Muehle. Zusammen mit seinem ersten Muehlknecht lieferte er eine saubere und gewissenhafte Arbeit, wog genau und half mit Schwung, die prallen Saecke mit dem frisch gemahlenen Mehl wieder zurueckzuladen auf die Karren der Bauern. „Das koennt ihr euch merken und auch weitersagen: hier beim Simmerl gehts ehrlich her. Da wird nicht betrogen, nicht gelogen und nicht vertaeuschelt. Das ist eine christliche und ehrliche Muehle. Auf der anderen Seite lasse ich mich aber auch nicht der Nase herumfuehren und zum Deppn machen. Eine saubere und gute Arbeit muss ehrlich und gut bezahlt werden. Umsonst ist Tod, heisst’s – und der kostet’s Leben.“
Die Bauern hatten ihn verstanden. Nach und nach verschwanden die Handmuehlen wieder in den Truhen und das Getreide brachte man zum Mahlen zum schneidigen Simon von der Bachmann’schen. Ja, „Bachmann“ nannte er sich jetzt, Simon Bachmann, Mueller und Bauer zu Bertoldshofen. Er war der erste Bachmann in der langen Reihe von Bachmanns, die auf ihn folgen wuerden. Der Mann am Bach. Der Mann am Muehlbach. Der Mann, der Tag und Nacht vor Augen und in den Ohren hatte, dass tatsaechlich alles fliesst. Selbst in den kaeltesten Wintermonaten fliesst unter den dicksten Eisschichten noch das Wasser.
Gab es etwas, was den Simon haette noch zufriedener machen koennen? „Oh ja“, waere es ihm schnell und ohne nachzudenken entwischt: „eine Frau; die richtige Frau; die Frau, die zu mir und zu meiner Muehle passt.“ In manchen Naechten war er dagelegen und hatte sich vorgestellt, wie es zuging in den Badstuben, die es in Kempten, Memmingen und in Mindelheim geben soll. Und wie das sei, sich mit Dirnen, den Kepsweibern, in den mit warmen Wasser angefuellten Zubern zu vergnuegen. Und hinterher erst ... Manchmal hatte er auf den Maerkten der groesseren Marktgemeinen in der Gegend Huren gesehen in bunten Gewaendern, grell geschminkten Augen und Lippen und freizuegig zur Schau gestellten Bruesten, deren Warzen mit leuchtenden Farben bemalt waren. Aber er hatte Angst vor den ansteckenden Krankheiten, die sich Maenner im Umgang mit den Huren holen konnten, und es tat ihm auch leid ums Geld, wo sich doch seine Barschaft immer schneller ihrem Ende zuneigte, je weiter seine Neubauten gediehen. Aber mit einer anstaendigen und fleissigen jungen Frau zusammenzustehen und zusammenzuarbeiten und zusammen fuer eine ausreichend grosse Nachkommenschaft zu sorgen, und das Vergnuegen geniessen, das er in seiner jungmaennlichen Vorstellungswelt mit dem Geschlechtlichen verband – ja, das alles wollte er inzwischen sehr, und dafuer wuerde er auch gerne etwas von seiner gewohnten und geliebten Freiheit abgeben. Simon war ueber die Jahre an manchen Sonn- und Feiertagen nach der Kirche in die Schankstube gegangen und hatte gewissermassen verdeckt und aus dem Hintergrund heraus das Heranwachsen der drei Wirtstoechter beobachten koennen. Die Aeltere war ihm zu frech und zu vorlaut, so war so ein richtiges Mannweib, das immer die Hosen anhaben wollte. Auch schien sie sich um jede schwerere Arbeit zu druecken, so gut sie konnte. Die Juengste hingegen, war eine ganz ruhige, fast schon eine talkerte. Nein, mit der wuerde der Ehestand keine rechte Freude machen. Stellte er sich vor. Aber die Mittlere, die Elsbeth, war ganz nach seinem Geschmack: sie war zwar keine ausgesprochene Schoenheit – aber was heisst das schon an der Seite eines jungen Muellers, wo eine Frau hinlangen koennen muss, und das nicht zu knapp. Und seinen Samen sollte sie aufnehmen und Kinder austragen und gesund zur Welt bringen. Jahrelang hatte der Simon zugeschaut, wie die Elsbeth herangewachsen war und wie sie in dem elterlichen Sach mitgearbeitet hatte und sich dann fast ganz alleine um den Haushalt und die Schaenke kuemmern musste, als die Mutter ploetzlich vom Schlag getroffen wurde und von einem Moment zum anderen tot in ihrer Kuchl lag.
Viele Frauen hatte der Simon mit seinen fuenfundzwanzig Jahren noch nicht kennengelernt; erst war er noch zu jung dazu gewesen und dann war er ueber die Jahre so sehr mit seiner Bauerei beschaeftigt gewesen, dass er fuer die Weiberleut einfach keine Zeit hatte. Aber jetzt war er soweit. Er wusch sich gruendlich, stutzte sich den Bart zurecht und zog sich etwas Sauberes an. Dann ging er hinauf zum Schoenlinner, dem Wirt und dem Vater der Elsbeth, und fragte ihn ohne lange Vorreden geradeheraus, ob er ihm die Elsbeth zur Frau geben wuerde. Bei drei unverheirateten Toechtern musste der Schoenlinner nicht lange ueberlegen. Die beiden Maenner sprachen in aller Ruhe ueber die Mitgift und legten einen Termin fuer die Hochzeit fest. Der wurde spaet ins Jahr gelegt, damit die Arbeit nach der Ernte in Ruhe beendet werden konnte. Und schon war die Elsbeth dem Siman anverlobt und man konnte sie rufen, um ihr das Ganze mitzuteilen.
„Keine schlechte Partie“, sprach man in Bertoldshofen untereinander, „zwei junge, fleissige Leut, die passen zusammen wie der Deckel aufs Haferl. Und grad wuest ausschaun tun die beiden auch nicht. Viele schoen und gesunde Kinder sollns habn auf ihrer neuen Muehle. Damit es ihnen net fad wird, da unten.“ Das fand auch die Elsbeth, die in aller Heimlichheit schon vor Jahren ein Auge auf den Simon geworfen hatte, der so anders war, als die lauten und aufdringlichen Burschen, und aus dem jetzt ein Mueller mit einer eigenen Muehle und einem kleinen Bauernsach geworden war. So kam es dann: Simon und Elsbeth heirateten im November 1329, und sie standen gut zusammen. Auch, aber nicht nur bei der Arbeit. Und so brachte Elsbeth – die tuechtige Muellerin und die erste Bachmann – im Laufe der Jahre neun Kinder zur Welt: 1330 den Rudolf, 1332 den Johann, 1335 den Anton, 1356 den Kilian. Die letzte Geburt war fast eine Totgeburt – Kilian starb wenige Stunden, nachdem er das Licht der Welt erblickt hatte. Und Elsbeth vier Tage spaeter im Kindbett. Sie hatte Blutungen, die durch Nichts zu stillen war. So lief ihr Leben buchstaeblich aus. Als sie wusste, dass sie sterben wuerde, rief sie den Simon in die Kammer und bat ihn, sich zu ihr zu setzen. Er hielt sie bei der Hand und sie legte die ihr darueber. „Weisst du, Simmerl. Einmal hat der Pfarrer gesagt, der Herr Jesus haette zu Simon, dem Petrus gesagt: Du bist der Stein, auf dem ich meine Kirche baue. Petrus heisst naemlich Stein, auf Lateinisch. Hat der Pfarrer gsagt. – Eine Kirche ist auf dir zwar nicht gebaut worden, aber die Muehle, die Muehle hast baut und hochbracht. Zusammen habn wir sie hochbracht. Und eine grosse Familie habn wir gegruendet. Du und ich. Auch wenn uns der Anton, die Agnes, die Maria und jetzt auch noch der Kilian wegstorbn sind -bitte versprich mir eins: halt mein Andenken in Ehren, lass mich gut und christlich beerdigen und wenns dir Recht is, heirat halt nimma. Ich hab dich imma lieb ghabt und ich war immer die deine. Ein gutes und langes Lebn wuensch ich dir noch.“
Simon versprach der Elsbeth in die Hand, ihre Wuensche zu erfuellen. Und er hielt sein Versprechen. Er fuehrte die Muehle jetzt alleine weiter, aber mehr und mehr mit der Hilfe seiner Soehne. Schliesslich uebergab er das Ganze und lebte bis zu seinem Tod weiter in der Muehle – jetzt mit der Familie seines aelten Sohnes Rudolf und dessen Frau Adelheid.
Mueller hatten in aller Regel keinen guten Ruf und ihr oeffentliches Ansehen war gering. Und das hatte seine Gruende: allzuoft mahlten sie das ihnen anvertraute Getreide nicht sorgfaeltig aus; um ihren Ertrag zu steigern, mischten sie wertlose Kleie unter das Mehl – streckten es also – was die Bauern umso mehr erboste, da sie doch hinterher das Mehl meist selbst noch strecken mussten, damit es laenger vorhielt. Mueller manipulierten haeufig ihre Waagen und Gewichte und den Feuchtigkeitsgehalt des Mehls. Oft nuetzten sie die Notlage der Bauern, indem sie ihnen bereits ausgemahlenes Getreide zu ueberhoehten Preisen verkauften, wenn deren eigenes Getreide nicht mehr zum Sattwerden reichte. Dafuer nahmen sie Gefluegel, Schweine, manches Mal Rinder oder sogar ein Stueck Land in Zahlung.
Wundert es da, dass zu seiner Zeit, also an der Schwelle eines vielberedeten Neuen Zeitalters, in vielen Haushaltungen noch – oder wieder – wie in uralten Zeiten mit der Hand gemahlen wurde? Mit der Hilfe einer Handmuehle, die aus nichts anderem bestand als aus einer leicht nach innen gewoelbten steinerenen Platte und einem Reibestein. So hatten die Vorfahren schon vor Urzeiten ihre Dinkel-, Hafer- und Roggenkoerner zu Mehl vermahlen. Wundert es da, dass man den Muellern Geiz, Hartherzigkeit und Geldgier vorwarf?
Wundert es da, dass im Volk so manche Geschichten ueber reiche Mueller ihre Runden machten, von mit Goldstuecken gefuellten Truhen, von vergrabenen Schaetzen, von Silbermuenzen und Edelsteinen?
Auf der anderen Seite wurde so mancher Mueller von seinem Landesherrn ausgepresst und musste zu Bedingungen mahlen, die oft seine Ausgaben nicht deckten. Und oft genug wurde er um seinen verdienten Lohn gebracht, dadurch, dass sein Herr die erbrachte Leistung einfach nicht bezahlte und ihm Fuerchterliches androhte, wenn er von seiner Forderung nicht ablassen wuerde. Diese manchmal gerechtfertigte, manchmal ungerechte Aussenseiterstellung war nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ergab sich aus den natuerlichen Gegebenheiten, die erfuellt sein muessen, damit ein Mueller ueberhaupt taetig werden kann: er braucht Wasser, und zwar Wasser, das moeglichst kraeftig und moeglichst gleichmaessig fliesst. Das aber findet er selten in der Mitte einer Stadt oder eines Dorfes. Deshalb liegen die meisten Muehlen am Rand oder gar ausserhalb von Siedlungen, eben da, wo ein Bach oder ein von Hand gegrabener Muehlbach den Betrieb einer Muehle moeglich macht. Die Alleinlagen der Muehlen in Verbindung mit den die Gemueter erhitzenden Geschichten von den sagenhaften Reichtuemern mancher Mueller, zog berufsmaessige Diebe und Einbrecher, aber auch manch einfach umhervagabundierendes Gesindel fast magisch an. Man muss sich vor Augen halten, dass in dieser Zeit, in die Johann Bachmann hineingeboren wurde, fast jeder Dritte nicht sesshaft war, weil er auf der Suche nach Arbeit war oder nach anderen Gelegenheiten, sein Leben zu fristen.
Mueller waren also besonders gefaehrdet, ueberfallen, ausgeraubt, verletzt und sogar ermordet zu werden. Keine beruhigenden Gedanken, die Johann da dachte.
Unvermittelt richtete er sich kerzengerade im Bett auf und erstarrte. Ganz deutlich hatte er etwas draussen vor der Tuere der Schlafkammer gehoert. Maennerstimmen. Mindestens zwei, wenn nicht drei waren es. Sie sprachen mir rauhen und unterdrueckten Fluesterstimmen. „Ja, dann lasst uns nicht lange rumfackeln“ konnte er gerade noch verstehen, als sich Hildegard zu ihm herueberbeugte. Noch benommen von Schlaf fragte sie ihn: „Was ist denn los, Hans? Warum stehst du fast lotrecht im Bett? Warum schlaefst du nicht?“ Er hielt ihr mit einer Hand den Mund zu, rueckte ganz nahe an sie heran und fluesterte ihr fast unhoerbar ins Ohr: „Da draussen ist wer. Zwei oder drei Maenner, die sicher nichts Gutes von uns wollen. Halt dich ganz ruhig. Gib keinen Laut von dir. Und pass auf die Kleinen auf!“ Er hatte noch nicht zuende gesprochen, da krachte es schon gegen die massive Kammertuere. Die beiden soliden Holzriegel hatten zwar standgehalten, aber die ganze Tuere war durch die Gewalt von drei Maennern aus ihren Angeln gerissen worden und sie flog splitternd und polternd auf den Kammerboden.
. „Raus mit dem Geld!“ „Her mit dem Goldschatz!“ „Geld her oder das Leben!“ schrien sie wild durcheinenander. Es waren furchtbare Gesellen: einer, offenbar der Anfuehrer der Bande, hatte das Gesicht eines Huehnerhabichts, eine scharfe Nase und kleine, boese blitzende Augen ohne Wimpern und ohne Brauen. Der zweite war ein Rothaariger mit einer pockennarbigen Knollennase und faulen Zahnstuempfen im weit aufgerissenen Maul. Er schwang eine Pechfackel ueber dem Kopf und schrie immerzu: „Raus mit dem Geld! Her damit! Raus damit! Sonst zuende ich euch das Dach ueber dem Kopf an!“ Dabei ueberschlug sich seine Stimme und klang wir ein junger Hahn, der das Kraehen uebt. Der Dritte im Bund war noch ein ganz junger Kerl, ein schmaechtiges Buerschchen eigentlich, aber sein sehniger Koerper und sein fanatisch verzerrtes Grinsen liessen ahnen, dass er in seinem jungen Leben schon ueber mehr als nur eine Leiche gegangen war.
Was die drei Eindringlinge nicht wissen konnten war, das Johann schon eine ganze Weile angespannt in seinem Bett gelegen hatte und nur darauf wartete, dass sich irgend etwas Besonderes ereignen wuerde. Er war vorgewarnt und stuerzte sich jetzt, wo die Bedrohung sichtbar geworden war, mit einem durch Mark und Bein gehenden Schrei und mit einem alle Sinne aufs Hoechste anspannenden Mut der Verzweiflung auf die drei wilden Gesellen zu. Sein Weib und seine Kinder, sein Haus und die Muehle, die Tiere und alles, was er an Geld zuruecklegen hat koennen, waren in Gefahr. An sich und sein Leben dachte er jetzt zuletzt. Mit einem tierischen Schrei und fast blind vor Wut stuerzte er sich auf die Maenner. Diese waren nicht nur eindeutig in der Ueberzahl, sie waren auch kampferprobt und ruecksichtslos. Deshalb dauerte es auch nur wenige Augenblicke, bis sie sich von der Ueberraschung des unerwarteten Angriffs erholt hatten und nun ihrerseits kraeftig auf Johann einschlugen. Das war ein wuester und ungleicher Kampf, den auch Heinrich und Anton nicht gewinnen helfen konnten, die beiden Burschen, als sie ueberraschend von hinten auf das Gesindel einschlugen. Bald verliessen sie die Kraefte und wohl auch etwas der Mut, und sie wurden von den Eindringlingen abgewehrt und ruecksichtslos zu Boden geschlagen.
Mit dem ganzen Gewicht ihres wohlgerundeten Koerpers hatte sich Hildegard ueber den dreijahrigen Bernhard und die noch ganz kleine Rosa geworfen. Sie schrie und fauchte und schlug wild um sich. Kam einer der Eindringlinge naeher an das eheliche Bett heran, trat sie ihn mit den Beinen und Fuessen, kratzte, biss und spuckte und schrie dabei so laut, wie sie nur konnte. Sie war zu einem wilden Tier geworden, das unter Einsatz ihres Lebens ihre Jungen beschuetzte. Aber das hielt die Maenner nicht ab – im Gegenteil. Die heftigen Stoesse regten sie auf. Hildegards Nachtgewand war in Unordnung geraten und nun waren ihre Beine und Schenkel entbloest, und die nackten Schultern, Oberarme und Achselhoehlen mit den dichten Haarbuescheln waren ebenso deutlich zu sehen, wie die Ansaetze ihrer vollen Brueste. Das machte die Maenner noch wilder. Jetzt waren es nicht mehr nur ihre Raublust und der Rausch des Hauens und Stechens, die ihre Blicke starr werden liess und blutrot vernebelten, - jetzt waren es auch jede Menge ungezuegelter maennlicher Gier und animalischer Triebhaftigkeit, die ihre Handlungen immer unkontrollierter werden liessen. Das Raubgesindel hatte sich inzwischen ganz auf die wehrlose und teilweise entbloest ueber ihre beiden kleinen Kinder geworfene Hildegard konzentriert und der erste unter ihnen machte sich bereits an seinem Hosenlatz zu schaffen. Die beiden anderen standen dabei und geiferten wie von Sinnen. Der Atem des Ersten ging wild und in heftigen Stoessen und er war bereit, sich auf die vor Angst und Entsetzen fast ohnmaechtige Frau und Mutter zu stuerzen, als ihn ein von hinten ausgefuehrter Schlag den Schaedel einschlug. Johann war nach dem furchtbaren Angriff wieder zur Besinnung gekommen. Anton und Heinrich, seine beiden Aeltesten, hatten sich ebenfalls wieder aufrappeln koennen. Die Drei suchten moeglichst geraeuschlos nach Gegenstaenden, die sie als Waffen benutzen konnten. Anton hielt ploetzlich ein schweres Messer in beiden Haenden, Heinrich hatte sich vom Bettkasten ein lose aufgestecktes Kantholz gegriffen und Johann hatte den Buchenknueppel wiedergefunden, den er – wie es ihm schien -, schon vor Stunden mit seiner schweissnassen Hand umkrampft hatte. Vater und Soehne verstaendigten sich mit Blicken. Und dann stuerzte Johann als erster mit einer sich ueberschlagenden Stimme schreiend und mit erhobenem Knueppel von hinten auf den Mann los, der eben dabei war, seiner Hildegard Gewalt anzutun. Anton und Heinrich versuchten es ihrem Vater gleichzutun, aber ihre Kraft reichte nicht mehr ganz, um tatsaechlich lebensgefaehrliche Schlaege auszuteilen. Aber eine wilde Entschlossenheit hatte Johann einfach Baerenkrefte verliehen, und mit der Unterstuetzung des rasenden Vaters gelang es Anton und Heinrich, die beiden anderen Eindringlinge kraeftig zu verpruegeln und in die Flucht zu schlagen. Langsam kehrte Ruhe in das verwuestete Muellerhaus ein. Doch was war das fuer eine Ruhe? Und wie hoch war der Preis fuer diese Ruhe? Lukas, der dritte von Johannes’ vier Soehnen, war so schwer verletzt worden, dass er noch waehrend der naechsten beiden Stunden an den Hieb- und Stichwunden starb. Er war elf Jahre alt geworden. Maria hatte sich waehrend des gesamten Ueberfalls in eine finstere Ecke der Schlafkammer der verkrochen. Sie zitterte die ganze Zeit wie bei einem Schuettelfrost und brachte keinen einzigen Ton heraus. Das Schuetteln hoerte kurze Zeit spaeter auf, nachdem der Schock abgeklungen war, mit dem Reden begann sie erst wieder, als mehrere Monate ins Land gegangen waren. Durch die Raserei aller und durch das Gewicht der Mutter, die sie schuetzen wollte, wurden der kleinen Rose beide Beine mehrmals gebrochen und sie blieb zeitlebens zwar eine Schoenheit – aber eine hinkende. Wie durch ein Wunder blieb Hildegard voellig unverletzt, ebenso wie Bernhard und Markus. Anton aber hatte eine tiefe Schnittwunde abbekommen, die von der rechten Wange hinauf zur Stirn verlief. Sie sollte gut verheilen. Sie blieb ihm als sichtbare Narbe bis an das Ende seiner Tage erhalten, zur Erinnung an diese denkwuerdige Nacht. Heinrich hatte heftige Schlaege und einige nicht sehr tiefe Stichverletzungen am ganzen Koerper einstecken muessen. Aber er jammerte nicht. Er machte niemandem Vorwuefe. Die Wunden heilten gut, die grossen Flecken, die er ueberall am Koerper hatte, verfaerbten sich fast wie die Farben des Regenbogens und verschwanden eines Tages ganz. Sein seelisches Gleichgewicht hatte er waehrend des Ueberfalls und auch danach nie verloren.
Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter: Hildegard war nie ueber den Schock hinweggekommen, den Tod von Lukas, ihrem juengsten Stiefsohn, nicht verhindert zu haben und auch nicht die schweren Verletzungen von Rosa, die fuer immer ein Krueppel blieb. Uebrigens hat Rosa das ihrer Mutter niemals auch nur fuer einem Moment zum Vorwurf gemacht. Im Gegenteil: sie liebte ihre Mutter ueber alles und hing sehr an ihr. Spaeter schlug sie einige durchaus ernstgemeinte Antraege von heiratswilligen Maennern aus; sie wollte viel lieber bei der Mutter bleiben. Instinktiv hatte sie seit der Nacht des Ueberfalls wohl eine tiefsitzende Angst vor Maennern bekommen. Sie pflegte Hildegard bis in deren Tod, den sie selbst nur um wenige Jahre ueberlebte.
Georg Bachmann, 1505 – 1571
Als Georg im Februar 1505 auf die Welt kam, hatte ein strenger Winter das Land und die Leute noch fest im Griff. Bertoldshofen und die anderen Doerfer in der Gegend duckten sich unter der Last von Schnee und Eis, und es war noch immer so kalt, dass der Bachmann’sche Muehlbach bis auf ein schmales Rinnsal zugefroren war. Das grosse hoelzerne Muehlrad war von einer dicken Eisschicht bedeckt und glitzernde Zapfen hingen von den Streben. Hildegard, die junge Mutter, lag auf dem breiten Bett in der Schlafkammer, fast besinnungslos vor Erschoepfung und den nur langsam abklingenden Schmerzen. Es war ihre erste Geburt, und es war eine fast unmenschliche Anstrengung fuer sie gewesen, dieses grosse Kind zur Welt zu bringen. Die Hebamme und ihre Schwiegermutter und die beiden Maegde hatten waehrend der langen Stunden geholfen und sie jedesmal bei den Presswehen kraeftig angefeuert. Auch jetzt blieben sie noch bei ihr, jetzt, als die Nabelschnur durchtrennt, das Neugeborene gesaeubert und schon angelegt war und bereits kraeftig an ihrer Brust saugte. Ihr Mann hatte in die Kammer geschaut, den neugeborenen Sohn begutachtet, eine Anerkennung gemurmelt und ihr einen kurzen, aufmunternden Blick zugeworfen. Wirklich gesagt hatte er nichts. Mit dem Reden hatte er es ohnehin nicht so sehr, aber besonders jetzt nicht, wo sie statt eines Maedchens einen Buben zur Welt gebracht hatte. Ein Maedchen war es, was er sich sehnlich gewuenscht hatte. Jetzt war sie unzufrieden mit sich und fuehlte sich auch ein wenig schuldig. Aber war’s denn ihre Schuld?
Hildegard hatte keinen Grund zum Klagen: sie war gerade siebzehn geworden, als ihr Vater sie mit Rudolf verheiratet hatte, mit Rudolf Bachmann, den geachteten Mueller und Freibauern in Bertoldshofen, 53 Jahre alt und Witwer. Stark und selbstbewusst, manchmal streng und dickschaedelig, aber auch fuersorglich und aufmerksam war er und sogar ein wenig wohlhabend. Und anders, als man da und dort waehrend ihrer kurzen Verlobungszeit tuschelte, war Rudolf doch noch ein durch und durch gestandenes Mannsbild. Sie jedenfalls war’s zufrieden damit. Dann die Schwangerschaft, und jetzt die Geburt – ja, sie hatte keinen Grund zum Klagen. Ueberhaupt keinen,.
Es war etwas anderes, was sie selbst und was ihr Glueck belastete. Aus seiner ersten Ehe mit Maria waren drei Soehne auf die Welt gekommen, drei stramme junge Maenner, die alle drei in ihrer Kraft und Umtriebigkeit dem Vater nachgerieten: Johann, der Aelteste war schon 30, Franz, der Mittlere 24 und Simon, der Juengste, war 21. Zumindest zwei davon waren in einem Alter, in dem sie ohne Schwierigkeiten Hildegards Ehemaenner haetten sein koennen und nicht nur ihre Stiefsoehne. Dass Rudolf die drei jungen Maenner und seine junge Frau hin und wieder etwas misstrauisch beobachtete, wenn sie miteinander alberten und scherzten, machte die Sache nicht einfacher. Die Spannungen, die zwischendurch aufkamen, fielen jedem auf, der ins Haus kam. Und jetzt hatte sie dieser kraftvollen Maennerbande noch ein weiteres Mitglied hinzugefuegt, aber eins, das so viel juenger war als seine Brueder. So nahm Hildegard das wahr. Und das machte sie unruhig. Fuer die drei Brueder wirkte die Ankunft des Neuen erst belustigend, dann stoerend. Hildegard, die junge Stiefmutter, war jetzt fuer ihre oft uebermuetigen und manchmal mehrdeutigen Albernheiten nicht mehr zu haben. Jetzt war sie auf einmal eine Mutter und keine Freundin mehr und keine Spielgefaehrtin Und der Georg, der Winzling, war auch bald keine Attraktion mehr. Und so blieb es auch in den folgenden Jahren: Marias drei Soehne waren mehr mit dem Vater zusammen und Hildegards Georg mehr mit der Mutter. Eine unsichtbare, aber spuerbare Trennlinie ging durch die Familie. Aber wie schliesslich das Eis in diesem kalten und langen Winter von 1504 auf 1505 brach, der Schnee schmolz und die waermer werdende Sonne den Frost aus den Boeden zog und das Fruehjahr und den Sommer brachten, einen neuen Herbst und einen neunen Winter, so ging es auch bei den Bachmanns weiter im Jahreslauf, der besonders das Leben derer bestimmt, die mit der Natur und von der Natur leben.
Einen selbstverstaendlichen und unangefochtenen Platz innerhalb der Familie hatte Georg von Anfang an nicht gehabt. Waehrend er heranwuchs, spielten ihm die aelteren Brueder immer wieder boese und oft auch gefaehrliche Streiche, stifteten ihn zu kleinen Luegen und Betruegereien an und machten sich einen Spass daraus, ihn als das Muttersoehnchen hinzustellen, das er eigentlich gar war und schon gar nicht sein wollte. Zum Einen war er innerhalb der Familie auf die besondere Liebe und die besondere Unterstuetzung der Mutter angewiesen, andererseits merkte er, dass genau diese seine besondere Rolle die Brueder eifersuechtig machte, sie reizte und zum Spott herausforderte. Auch der Vater beleidigte ihn oefter mit Witzen und Redensarten, und er uebertrug ihm manchmal absichtlich Aufgaben, fuer die Georg einfach noch zu jung oder zu schwach war. Um noch eins draufzusetzen, sagte er dann: „Na, das haett ich mir ja gleich denken koennen!“, oder „Ach, lass es doch sein, du mit deinen zwei linken Haenden!“ Bereits 1512 uebergab der Vater die Muehle und den Hof an den Johann, seinem Aeltesten. Er wollte fruehzeitig Platz machen fuer den aeltesten Sohn. Johann uebernahm ein gut gefuehrtes Sach, um das er sich geschickt, fleissig und umsichtig kuemmerte. Noch besprach er sich jedesmal mit dem Vater, wenn er eine groessere Entscheidung zu treffen hatte. Der Johann war dem Vater aehnlich: gross, kraeftig, ein handsames Mannsbild mit einem guten Charakter. Wen wundert es also, dass Johann bald nach der Uebernahme des Familienbesitzes heiratete? Zeit genug fuer die Brautschau hatte er ja gehabt. Franz und Simon blieben vorlaeufig auf der Muehle. Sie hatten dort ihre Arbeit und ihr Auskommen. Ihnen stand schliesslich jeweils ein Teil des Bachmannschen Anwesens und seines Grundbesitzes zu. Wie der Vater und der aeltere Bruder, waren auch sie fleissig und tuechtig und trugen das Herz am rechten Fleck.
Georg war fast zwoelf, als Hildegard ganz ueberraschend noch einmal schwanger wurde und ein huebsches, blondgelocktes Maedchen zur Welt brachte, Veronika. Jetzt war es ganz aus fuer den Buben: der Vater hatte nun endlich das lang ersehnte Toechterchen, und die Mutter richtete ihre Fuersorge in der Hauptsache auf die neugeborenen Kleine. Wie von selbst wurde Georg noch weiter in den Hintergrund gedraengt und fuehlte sich bald als das sprichwoertlich bekannte „fuenfte Rad am Wagen“. Das erste Mal dachte er daran, von zu Hause fortzulaufen. Bertoldshofen lag nicht am Ende der Welt, aber weit genug von ihren Machtzentren entfernt, als dass man dort schnell und genau informiert worden waere, wie sich eben diese Welt in grossen Schritten und mit tiefen Einschnitten veraenderte. Als Georg auf die Welt kam, lebten in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen. Seit 1493 regierte Maximilian I., erst als Koenig, dann als Kaiser des Heiligen Roemischen Reiches. „Der letzte Ritter“, wie er genannt wurde, war in Wien zur Weltgekommen, er war ein Habsburger: ein Mann zwischen Tradition und Moderne, der eine Reichs- und eine Rechtsreform versuchte, das Land in zehn Reichskreise neu aufteilte und die Reichsstaende gliederte in Kurfuersten, Fuersten- und Reichsritter und Reichsstaedte. Kaiser Maximilian liebte zwar die farbenfrohen Ritterspiele, vertraute aber als Feldherr seinen stramm gefuehrten Fusstruppen, seinen grausamen Landsknechten und den moderner Geschuetzen und nicht mehr den zu Pferde kaempfenden Rittern. Er beschaeftigte namhafte Kuenstler, darunter Albrecht Duerer, und war ein Freund von Malern und Literaten. Er war gleichzeitig Machtpolitiker, Kriegsheld und Spezialist in Sachen Heiratspolitik. Maximilian regierte in einer Zeit, als sich in Ober-, Mittel-, und Suedostdeutschland ein Wirtschaftssystem stabilisiert hatte, das von Italien her ueber die Alpen nach Norden gekommen war. Dieses fruehkapitalistische System beruhte auf dem Bergbau und der Verhuettung von Erzen, besonders dem Silber, aber auch von Eisen und Kupfer, dem Fernhandel, den Orienthandel mit eingeschlossen, der organisierten Massenproduktion von Verbrauchsguetern, dem sogenannten Verlagswesen, und dem internationalen Geld- und Kreditgeschaeft. Die Wirtschaft bluehte, in Innsbruck, Hall, Salzburg, Regensburg, Ulm, vor allem aber in Augsburg und Nuernberg liefen bis dahin unvorstellbar grosse Geldmengen zusammen – Staedte und Familien wurden reich, Handelshaeuser wie das der Fugger und Welser, der Tucher und Imhoffs wurden so maechtig, dass sie indirekt und direkt Einfluss auf die Politik nehmen konnten. Das war eine Zeit, in der die Staedte einen vorher nicht gekannten Aufschwung nahmen. Als Fundamente und Zentren einer wachstumsorientierten Wirtschaft erhielten sie besondere Rechte, die auch besondere Freiheiten enthielten. Nicht umsonst ging die Nachricht um: „Stadtluft macht frei“, frei von den Abhaengigkeiten, denen die meisten Nichtstaedter – die Bauern und Doerfler zuerst – unterworfen waren. Stadtrechte umfassten das Recht zum Bau von Verteidigungsanlagen und zum Unterhalt einer bewaffneten Buergerwehr, zu einer eigenen, wenn auch beschraenkten Gerichtsbarkeit, das Recht, Maerkte abzuhalten und, in manchen Staedten, Messen fuer den deutschen und internationalen Warenhandel zu organisieren, Zuenfte zu organisierten, Handwerker anzusiedeln und einheimisches oder aus dem neuentdeckten Amerika importiertes Silber auszumuenzen. Die hohe Ausbeute an Silber in dieser Zeit und die hohen Gewinne aus dem europa-, ja, weltweit verflochtenem Handel, liessen die reinen Geldgeschaefte sprunghaft an Umfang zunehmen: Bankhaeuser entstanden bzw. vergroesserten sich, und die neue Form des Produzierens, des Verlagswesens, suchten und fanden ihre Niederlassungen in Staedten. Auch der schnellere Austausch von Informationen wurde ueber Staedte organisiert: der Gutenberg’sche Buchdruck und der regelmaessige Postdienst durch von Taxis legen Zeugnis dafuer ab. Uebrigens hatte eine gedruckte Bibel in dieser Zeit den Gegenwert von 14 Ochsen, ein Brief von Frankfurt nach Paris war nur 48 Stunden unterwegs,
Mit dem traditionsreichen Rittertum verschwand langsam der niedrige Adel; die „edlen Ritter“ verkamen zu verelendeten Raubrittern. Durch ihre Wirtschaftskraft und ihre Anpassungsfaehigkeit an die neue Zeit, konnten sich nun die Staedter dem bislang machthaberischen und selbstherrlichen niedrigen Adel, dem Landadel, widersetzen. Als Buerger waren sie jetzt Angehoerige des dritten Standes, neben dem ersten Stand, dem Klerus, und dem zweiten Stand, dem hohen Adel. Klerus, Adel, Buerger – und wer waren die, die diesen drei Staenden nicht angehoerten? Das waren die, die das Land und die Waelder, die Seen und die Fluesse bewirtschafteten, in Doerfern, Weilern oder Einoeden lebten – die Bauern und Doerfler. Deren Existenzgrundlage waren meist unbewegliche Gueter, und anders als andere, lebten sie in einer fast schicksalshaften Verbundenheiten mit und von dem Land. Ein Bauernleben war hart, ungerecht, meist unfrei. Mehr als drei Viertel der Deutschen lebten ausserhalb der Staedte, sie lebten auf dem „flachen Land“ und wurden vom Klerus, vom Adel, aber auch von den Buergern ausgepresst bis aufs Blut. Manches Mal richtete sich Georg waehrend der Arbeit auf, reckte sich und streckte die langen, knochigen Arme mit den kraeftigen, zum Zupacken geschaffenen Haende in den Himmel und starrte unverwandt in die Ferne. Ein seltsamer Glanz lag dann in seinen Augen. Und dann ueberfiel ihn wieder eine Wut und eine Hoffnungslosigkeit, dass er haette schreien koennen. Er war jetzt siebzehn. Ein hoch aufgeschossener Junge, fast nur Haut und Knochen, aber ein zaeher Bursche, der viel Kraft hatte und auch kraeftig und geschickt hinlangen konnte. Aber fuer was? Und fuer wen? Und warum?
Die Muehle und das Bauernsach gehoerten dem Johann. Der Franz und der Simmerl waren ihre eigenen Wege gegangen und hatten sich woanders nach Arbeit und Bleibe umgeschaut. Wobei der Simmerl unverhofft das grosse Los gezogen hatte: er konnte in eine kleine Muehle einheiraten, auf der es keinen maennlichen Nachkommen gab. Also wuerde er – wenn es Gott und das Glueck so wollten – eines Tages Mueller in einem ruhigen Seitental der Wertach werden, wo er jetzt als Schwiegersohn noch als erster Muehlknecht arbeitete. Und auf diesen Tag liess sich gut und gerne warten. Auch mit seiner Frau hatte er Glueck: sie war ihm gut, war lebenslustig und gescheit und hatte ueberhaupt ihr Herz am rechten Fleck. Sie war zum zweiten Mal in anderen Umstaenden; das erste Kind war ein Bub, inzwischen gut zwei Jahre alt. Aus Liebe und zu Ehren des Grossvaters hatte man ihn auf den Namen Rudolf taufen lassen.
Den Franz aber hatte es weit hinausgezogen, an den suedwestlichen Rand des Schwarzwalds, wo er in einem Saegewerk arbeitete, und – vor allem im Winter - mit den schweren Roessern die schweren Staemme der gefaellten Tannen ruecken und zum Abtransport herrichten musste. „Was fuer eine Blutsschinderei!“, fluchte er oft vor sich hin, wenn die Pferde wieder einmal genau das taten, was sie nicht tun sollten und anders herum. Ja, die Bachmanns und die Roesser. Aber der Lohn war gut, das Essen gut und reichlich, und fuer seinen Strohsack und die wenigen Kleidungsstuecke und Gegenstaende, die ihm gehoerten, hatte er eine eigene kleine Kammer, sodass er nicht mit den anderen Saegwerksburschen in einem Raum schlafen musste. Wie ihn ueberhaupt der Saegmueller und seine Frau fast immer gut und respektvoll behandelten, wo sie doch wussten, dass der Franz aus einer Getreidemuehle im Oberschwaebischen stammte und eines Tages entweder sein Erbe antreten oder seinen Erbteil ausbezahlt bekommen wuerde, also schon etwas mehr darstellte, als ihre anderen Knechte.