Wenn du wohin gehst, vergiss nicht, wo du herkommst
Wenn du wohin gehst, vergiss nicht, wo du herkommst
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Nur manchmal an den Sonn- oder Feiertagen, wenn er mit den Saegwerksburschen ins Dorf zog und dort nach der Kirche im Wirtshaus einkehrte, fing er an zu trinken, trank wie ein verdurstender Ochse, soff, konnte nicht mehr aufhoeren zu saufen, wurde betrunken, wurde besoffen. Ja, und dann wurde der Franz von einem heillosen Heimweh gepackt. Wenn dann ein unrechtes Wort fiel, dann wurde er so zornig und rauflustig, dass es besser war, ihm aus dem Weg zu gehen. Wenn aber gerade dann die Wirtstube voller besoffener, unverheirateter und rauflustiger Burschen war, dann war eine Rauferei unvermeidlich, dann floss am Ende Blut und man musste hinterher die Verletzten aus dem Wirtshaus hinaus und nach Hause schleppen. Und das passierte mit dem Franz hin und wieder, und das war der Grund, warum der Saegmueller und seine Frau ihn nicht immer gut und respektvoll behandelten.
Aber fuer was? Und fuer wen? Und warum? Der Georg konnte mit starrem Blick in der Ferne schauen solange er wollte – von der Blaeue des fernen Horizonts war keine Antwort zu erwarten. Die Antwort lag in ihm selbst, das spuerte er, aber er konnte sie nicht fassen: das vage Gefuehl, das inzwischen zur festen Ueberzeugung geworden war, dass ihn seine Mutter verraten und im Stich gelassen hatte, dass er zu Hause nur geduldet wurde und dass er ohnehin nur das fuenfte und inzwischen sogar nur das sechste Rad am Wagen war, dass sein Vater von Anfang an die drei Soehne aus seiner erste Ehe vorgezogen und ihn nie als gleichwertig betrachtet hatte - das war einfach zuviel fuer ihn an Zuruecksetzung und an Enttaeuschung. Und so musste sich Georg einfach gegen die tiefere Einsicht sperren, dass er gefangen war in einem unzerreissbaren Netz aus unguten Umstaenden und einem vielfachem Nicht-aus-der-Haut-Koennen.
In dieser Zeit war es, dass Rudolf, dem Vater, etliche Beschwerden des Aelterwerdens das Leben sauer machten. Der Bader hatte in schon zweimal zur Ader gelassen und ihm empfohlen, Kuerbiskerne zu kauen. Kuerbiskerne. Ausgerechnet. Missmutig schlich er sich – wenn ihm das die Schmerzen seiner arg geschwollenen Prostata erlaubten – breitbeinig wie ein Alter um das Austragshaus herum, mermelte, grantelte und kritisierte. Meist ohne Grund. Und so kam es, wie es kommen musste: wegen einer Kleinigkeit schimpfte er mit dem jungen Georg. Der fuehlte sich zu Unrecht beschimpft. Er schimpfte zurueck. Nein, er schimpfte nicht zurueck. Er schrie den Vater an und sagte ihm Dinge, die ein Sohn seinem Vater nicht sagen soll und nicht sagen darf. Dann machte er ein paar wuetende Schritte auf den Vater zu. Der fuehlte sich bedraengt. Und bedroht. Vom eigenen Sohn. Er hob seinen Stock, den er als Gehstuetze benuetzte und schlug empoert und mit Kraft auf Georg ein. Der konnte gerade noch ein wenig ausweichen und seinen rechten Unterarm schuetzend ueber den Kopf halten. Aber der Stock krachte auf seine linke Schulter. So hart, dass ihm der Schmerz die Traenen in die Augen trieb. Aber es kam kein Ton ueber seine Lippen. Er umgriff den Stock, den der Vater erschoepft auf Georgs Schulter hatte liegen lassen. Er riss daran, hatte die Waffe jetzt fest im Griff seiner kraefttigen Rechten. Hob sie hoch und ... In diesem Moment warf sich Hildegard von hinten auf den Stock und auf Georg und schrie. Das war wie ein Urschrei, der alle ihre verborgenen und zurueckgedraengten Gefuehle von Schuld und Unschuld, von Liebe und Enttaeuschung, von Hoffnung und Vergeblichkeit, von Absicht und Versagen frei setzte. Jetzt schufen sie sich mit lauter Gewalt den Platz und die Aufmerksamkeit, die sie schon seit langem gebraucht haetten. Rudolf und Georg erstarrten. „Ich geh! Ich geh! Gleich morgen geh ich!“, stammelte Georg halblaut, aber so, dass es alle hoeren konnten. „Ja, geh du nur! S’ist besser so!“, stiess es aus Rudolf hervor. Hildegard sagte nichts. Sie weinte. Und drueckte die fuenfjaehrige Veronika fest gegen ihren Koerper und legte einen Arm schuetzend um das zitternde Kind. Am andern Morgen, noch bevor die Sonne den Tag aufhellte, machte sich Georg auf den Weg. Er hatte die Nacht ueber nicht geschlafen. Jetzt aber fuehlte er sich munter und stark. Das junge Blut pochte in seinen Adern. „Schlechter als es jetzt ist, kann es nicht werden“, hatte er sich waehrend der Nacht immer und immer wieder vorgesagt. Was wirklich schlecht ist, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber er sollte es erfahren. Die Blaetter und Graeser lagen flach und niedergedrueckt auf der nassen Erde. Georg atmete tief den wuerzigen Duft des nahen Fruehlings ein. Es war April, und man schrieb das Jahr 1525. Die Sonne waermte bereits ein wenig und die niedrigen Straeucher zeigten ein erstes zartes Gruen. Die Maenner streckten und dehnten sich und fast waere so etwas wie eine Behaglichkeit aufgekommen. Sie waren die ganze Nacht oberhalb des Weges auf der Lauer gelegen und hatten darauf gewartet, ob sich welche von den Helfensteinern sehen liessen. Aber bisher war alles ruhig geblieben. Sie waren Bauern aus dem Neckartal und dem Odenwald und ein Anhang von ueberall her, der Neckertaler Haufen, die sich hier unter der Fuehrung von Jaecklein Rohrbach gesammelt hatten. Der Rohrbach war ein kleiner Bauer aus Boeckingen bei Heilbronn, ein Leibeigener und nicht viel aelter als Georg. Und er war ein guter lutherischer Christ und ein mutiger Anfuehrer seiner Maenner. Er focht fuer „die Freiheit eines Christenmenschen“ ganauso, wie fuer die Befreiung von Hoerigkeit und Leibeigenschaft, von Fron- und Spanndienst und die immer halsabschneiderischen Abgabenforderungen der Pfaffen und der Adeligen. Er focht ganz einfach fuer ein besseres Leben der Bauern. Aber er war auch ein Hitzkopf und konnte oft seinen wilden und rachsuechtigen Charakter nicht beherrschen.
Wie auch jetzt: Weinsberg war fuer die Auseinandersetzung der Bauern unter der Bundschuhfahne mit den Truppen des Schwaebischen Bundes, dem eisernen Arm der von den Habsburgern vereinten Fuersten, Ritter und Reichsstaedte, ohne jede Bedeutung. Georg Truchsess von Waldburg, der Bauernjoerg, wie man ihn nannte, hatte seine Bundestruppen bei Ulm versammelt, war mit ihnen nach Leipheim an die Donau gezogen und schlug dort die fuenftausend Bauern des Baltringer Haufens in die Flucht. An die tausend wurden erstochen, viele hundert ertraenkt, ihr Anfuehrer Jakob Wehe hingerichtet, zusammen mit einer Reihe von Unterfuehrern. Von Waldburgs Maennern fiel kein einziger. Waehrend also die Baltringer an der Donau zuhauf ihr Leben liessen, waren Rohrbach und die seinen viel zu weit entfernt, um zur Hilfe eilen zu koennen. Das schmerzte ihn und er fuehlte sich schuldig. Deshalb hatte er sich jetzt in den Gedanken verbissen, die Burg Weinsberg nicht nur zu erobern und zu pluendern, sondern sie moeglichst dem Erdboden gleichzumachen. Sollten seine Bauern den Burgherrn zu fassen bekommen, diesen von den Bauern so abgrundtief gehassten Grafen Ludwig von Helfenstein, Amtmann von Weinsberg und Obervogt ueber alle wuerttembergische Bauern und Schwiegersohn des inzwischen verstorbenen Kaisers Maximilan, ja, dann hatte er sich fuer diesen feinen Herren etwas ganz Besonderes ausgedacht. Dass der Vogt samt Frau, Kind und Gefolge sich auf der Burg aufhielt, war sicher. Sie hatten ihn naemlich selbst gesehen, wie er von der Stadt zur Burg hinaufgeritten war. Der Blutsauger. Und auf dem Ritt soll er gesagt haben, dass er alle Bundschuh-Bauern verbrennen lassen wuerde, derer er habhaft wuerde. Der Moerder.
Georg wusste, und oefter hatte er in den zurueckliegenden Wochen mit den anderen darueber debattiert, dass die Bauernhaufen einen Krieg mit den Fuersten eigentlich nicht wollten. Deshalb hatten sich ja einige der ihren in Memmingen versammelt und im Februar und Maerz 1525 die „Zwoelf Artikel“ verfasst, ein Bauernmanifest, das als gedruckte Schrift in Windeseile in ganz Deutschland verbreitet wurde. Ueber diese „Zwoelf Artikel“ wollten sie mit den Fuersten verhandeln. Verhandeln. Es kam auch zu Verhandlungen, aber Scheinverhandlungen nur, die die Bauern in Wirklichkeit nur solange hinhalten sollten, bis die Habsburger ihre Truppen aus Oberitalien nach Deutschland geholt hatten. Die kaiserlichen Soeldner hatten naemlich noch im Februar bei Pavia gegen die Franzosen gekaempft.
„Der Adel und der Klerus denken ueberhaupt nicht daran, mit uns ernsthaft zu verhandeln.“ „Die haben doch gar kein Interesse, dass sich an unseren Lebensumstaenden etwas verbesser.“ „Nein, nein – nur noch mehr auspressen wollen sie uns.“ „Zum grossen Zehnt kommt der kleine Zehnt, dann die allgemeinen Steuern. Und jetzt soll auch noch unser Kleinvieh und das Obst und Gemuese aus unseren Gaerten besteuert werden.“ „Auch den Dorfanger und das Gemeindewaeldchen wollen sie uns wegnehmen. Das sind doch alles nur Halunken und Diebe.“ „Ueber unser Leben als Christen sollen weiterhin die Pfaffen wachen und fett daran werden.“ „Ein Bauer, der einen direkten Weg zu seinem Gott sucht und findet, wuerde ja auch seinen Pfaffen arbeitslos machen.“ „Ich bin auch ohne Arbeit und muss schauen, dass ich weiterkomme.“ „Dann wuerde dem Hurenpapst in Rom das Geld ausgehen und er muesste seinen neuen Dom aus Scheisse und Stroh bauen.“ „In unseren Doerfern wollen wir wieder das Sagen haben und selber bestimmen, wie wir in christlicher Bruederschaft zusammenleben koennen.“ Georg war nie ein Wortfuehrer, wenn es lautstark und hitzig um solche Themen ging. Erstens war er kein Bauer, und zweitens hatte er ganz tief innen wenig Hoffnung, dass sich die Bauern und die kleinen Leute gegen die starke und ueber die Jahrhunderte gewachsene und verfestigte Obrigkeit wuerden durchsetzen koennen. Er war zwar gegen die blutsaugerischen Adeligen und Geistlichen und die reichen Buerger und Kaufleute, und er lehnte sich aus Ueberzeugung gegen Unrecht und Unterdrueckung auf – aber viel mehr litt er darunter, seiner Familie den Ruecken gekehrt zu haben. Deshalb zog er jetzt mit den aufstaendischen Bauern umher – fast drei Jahre schon: erst in die Gegend von Kempten, dann um den Bodensee, sogar in der Schweiz, dann am Rhein und am Neckar. Das bedeutete oft Hunger, Kaelte, Hitze, Naesse, Ungeziefer, Krankheit, Anfeindung, Gefahr. Aber auch Kameradschaft, Maennlichkeit, Abenteuer. Das war jetzt sein Leben. Das war jetzt seine Familie. Keine heilige zwar, aber doch eine, in die er ohne viel Umstaende aufgenommen worden war und der er sich jetzt zugehoerig fuehlte. Hier war er kein ueberfluessiges Rad, sondern der Junge mit den scharfen Augen und dem guten Gehoer: er sah und hoerte alles lange bevor seine Kameraden darauf aufmerksam wurden. Deshalb war er der Spaeher der kleinen Abteilung geworden, und manchmal liess ihn sogar der Jaecklein Rohrbach kommen und nuetzte seine scharfen Augen und sein feines Gehoer.
Er vernahm den Pfiff des nachgeahmten Falken zuerst. Das war das vereinbarte Zeichen. Dann noch einmal. Georg sagte es seinen Kameraden. Es war acht Uhr am Morgen des Ostersonntags 1525. Sie griffen nach ihren Waffen, zerrten die langen, einfachen Leitern aus dem Graben und hetzten hinauf zur Burg. Als letzte kamen sechs Mann, die einen schweren Baumstamm schleppten, in den Griffhoelzer eingelassen waren: ihr Rammbock. Jaecklein hatte zum Angriff befohlen. In hellen Scharen stuermten die Bauern huegelaufwaerts, rammten mit ihren Baumstaemmen gegen das eisenbewehrte Tor, legten ihre langen Leitern an die Burgmauer. „An die Nordmauer! Mehr Maenner an die Nordmauer!“, schrie der Jaecklein. Dort war die Befestigung vor zwanzig Jahren einmal beschossen und schwer beschaedigt worden. Dort war es leichter, ueber die Mauer zu kommen. Die Bauern kletterten die Leitern hinauf, wurden umgestossen, mit Pfeilen und Armbrustbolzen beschossen, mit Steinen beworfen und mit heissem Wasser uebergossen. Hin und wieder krachte der Schuss eines Vorderladers. Die Angreifer handelten wie im Rausch, und die Verteidiger kaempften tapfer um ihr Leben. Aber es waren zuwenige Soldaten in der Burg und zuviele Angreifer – jeder gestuerzte oder verwundete Bauer wurde in Windeseile ersetzt, waehrend die Zahl der Verteidiger rasch abnahm. Sie wurden muede, waren bald erschoepft und schliesslich fehlte es an Pfeilen, Bolzen, Steinen und selbst an heissem Wasser.Viele fielen im Kampf, andere flohen und versteckten sich, wenige suchten Zuflucht im Burggebaeude innerhalb der Ummauerung. Es war neun Uhr am Morgen des Ostersonntags 1525.
Zur inneren Burg fuehrte Jaecklein Rohrbach ueber hundert Bauern, nachdem man das Tor aufgebrochen und die Verteidiger im Torhaus niedergemacht hatte. An seiner Hellebarde hing ein kleiner Wimpel mit dem Bundschuhwappen. Mit der Hellebarde schlug er gegen das Burgtor und schrie mit ueberschnappender Stimme: „Komm heraus und stell dich deinen Freveltaten!“ Und wieder: „Komm heraus und zeig dich als ein Mann, Graf Ludwig!“ Und: „Oder sollen wir vielleicht nach deinem Schwiegervater schicken? Dem toten Kaiser?“ An seiner schrillen Stimme erkannten alle, dass in dem Jaecklein das Blut kochte und dass er ausser sich war. Die Bauern starrten auf den Einlass. Und tatsaechlich hoerte man etwas hinter der schweren Tuere, aufgeregtes Fluestern, Schritte, Geraeusche von Metall, das auf Metall schlaegt, dann ein Schieben und Ziehen: die schweren eisernen Riegel wurden entfernt. Die Burgtuere ging auf und heraustrat – gross und mit erhobenem Kopf, in voller Ruestung, mit Helm und Bewaffnung: Graf Ludwig von Helfenstein, der Leuteschinder und Blutsauger, der Bauernfeind und Schwiegersohn des verblichenen Kaisers. Bleich war auch er. Aber er zitterte nicht, als er mit beiden Haenden den schweren Helm abnahm und ihn einem Nebenstehenden zum Halten gab und das lange Zweihaender-Schwert aus der Aufhaengung loeste und dem Jaecklein ueberreichte. Der zuckte fuer einen Moment aufgeregt mit den Mundwinkeln. Offenbar wollte er etwas sagen. Aber dann schwieg er lieber. Ein anderer Bauer nahm Ludwig das Jagdmesser ab, dann formierte sich eine Bedeckung und man fuehrte Ludwig von Helfenstein, zusammen mit seiner Frau Margaretha, der Tochter des Kaisers und den dreijaehrigen Sohn aus der Burg hinaus und hinunter in die kleine Stadt Weinsberg.
„Er will ihn durch die Spiesse laufen lassen! Er will ihn durch die Spiesse ...“ Die Bauern waren entsetzt. „Jetzt ist der Jaecklein verrueckt geworden!“ „Das kann er doch nicht machen!“ „Bei aller Wut, aber das geht zu weit!“ „Der Helfenstein ist doch einer von hohem Adel.” Die Bauern und die Weinsberger liefen herum wie kopflose Huehner. „Warum denn nicht?“ „Hat er uns nicht behandelt, wie er keinen seiner Hunde behandeln wuerde?“ „Sollen die hohen Herren doch erfahren, was wir Bauern unter Gerechtigkeit verstehen: Auge um Auge. Zahn um Zahn.“ „Alle von uns verbrennen lassen wollte er, der Lump. Jetzt soll er laufen lernen. Durch die Spiesse laufen soll er lernen.“
Das „durch die Spiesse laufen“ war eine schlimme militaerische Strafe, die nur im aeussersten Fall verhaengt wurde, und wenn, dann nur ueber Landsknechte, also ueber Berufssoldaten. Nie und nimmer ueber adelige Ritter. Noch nie im deutschen Reich musste ein Adeliger durch die Spiesse laufen. Das also war es, was sich Jaecklein Rohrbach als Bestrafung fuer den Vogt und Grafen Ludwig ausgedacht hatte. Jaecklein stellte sich taub gegen die Einreden seiner eigenen Leute, taub gegen die Bitten Margarethas, der Frau des Grafen, die sie auf Knien vorbrachte. Man stelle sich vor: Margaretha, die Tochter des Kaisers Maximilian I. kniet vor Jaecklein Rohrbach, dem kleinen, leibeigenen Bauern aus Boechingen bei Heilbronn, und bittet unter Traenen um das Leben ihres Mannes. Was fuer ein Bild. Dieses Bild war es, zusammen mit dem von Ludwig von Helfenstein, wie der durch die enge Gasse aus tobenden und laermenden Bauern taumelt, die von beiden Seiten mit Kriegssensen und gezackten Keulen, mit Fischspiessen und Hellebarden, mit Kriegssicheln und Dreschflegeln auf den Grafen einstechen und einschlagen, solange, bis er zerschlagen und aus vielen Wunden blutend tot am Boden liegt. Diese beiden Bilder brannten sich tief ins Bewusstsein der Menschen ein, besonders der Menschen „von Stand“.
Georg wuergte es und er musste mehrmals erbrechen, noch bevor das Spiesslaufen begann. Die Erinnerung an die Begebenheit auf dem Hof seines Vaters war mit Macht zurueckgekommen und hatte von ihm Besitz ergriffen: der Knueppel, der zum Schlag gegen den Vater erhobene Arm, der Schrei der Mutter, das Entsetzen, seine Verstossung und seine Flucht aus dem Elternhaus. Auch jetzt floh er: die sinnlose Brutalitaet des Jaecklein, der Wahnsinn in den Blicken vieler Bauern, der unstillbare Durst nach blutiger Rache, die Zuegellosigkeit – nein, das war seine Sache nicht mehr. Dann lieber alleine auf der Welt sein, als so einer Familie anzugehoeren. Er schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete. Aber alle Aufmerksamkeit war auf das Speisslaufen gerichtet. Also ging er rueckwaerts, erst langsam, dann schneller, dann drehte er sich um und lief so schnell er konnte auf die andere Seite von Weinsberg, nach Westen, in Richtung Heilbronn. Und weiter wanderte er nach Bruchsal und dann an den Rhein. Er wollte weg von den Bauern, weg von dem Hauen und Stechen und Toeten. Er wollte nicht weiter in Dinge hineingezogen werden, die immer nur die schlechten Seiten des Menschen nach aussen kehrten. Er war kein schlechter Mensch, und er hatte nur wenige und einfache Wuensche ans Leben: ein Dach ueber dem Kopf, eine Arbeit, die ihn ernaehrte und ein paar Menschen um ihn herum, mit denen er gut sein konnte und die gut mit ihm waren. War das zuviel? „Die Weinsberger Bluttat“ loeste unter den Adeligen eine Panik aus. Gab es bis dahin unter ihnen welche, die mit der Sache der Bauern sympathisierten, so stellten sich nun alle geschlossen gegen sie. Martin Luther, der mit ihren Schriften dem Aufruhr der Bauern erst die geistige und geistliche Richtung gegeben hatten, war jetzt voll gegen sie eingestellt. Luther verfasste „Wider die moerderischen Rotten der Bauern“ und sprach von tollen Hunden, die man erschlagen muesse.
Jaecklein Rohrbach wurde aufgegriffen, dem Truchsess von Waldburg uebergeben, der ihn in Neckargartach bei lebendigem Leib verbrennen liess. Die Stadt Weinsberg wurde zerstoert, verlor fuer Jahrzehnte seine Stadtrechte und seine Buerger mussten hohe Strafen zahlen. Die Burg war ausgebrannt und verfiel zur Ruine. Die Bauern aber, die Neckartaler und Odenwalder, vereinigten sich mit den Taubertalern, und die nunmehr an die zwoelftausend Maenner zogen unter der Fuehrung von Florian Geyer, Goetz von Berlechingen und Thomas Muentzer gegen Wuerzburg und Mainz, gegen die Pfalz und nach Stuttgart und Freiburg – immer verfolgt und gestellt von Georg Truchsess von Waldburg und dem Heer des Schwaebischen Bundes. Die Ueberlegenheit der Soldaten der Bundesarmee, besonders die ihrer Kavallerie, ihre bessere Ausbildung und bessere Ausstattung, und nicht zuletzt die Fuehrung durch den „Bauernjoerg“, kam in den wenigen Monaten mehr und mehr zum Tragen. Das Bundesheer musste sich zwar manchmal zurueckziehen, gewann aber doch mehr Einzelschlachten und trieb die Bauern vor sich her und in die Enge. Im Juli wurden zuletzt auch die Allgäuer Bauern in der Gegend von Kempten vom schwäbischen Bundesheer geschlagen. Dreissig ihrer Anführer wurden enthauptet. Ein weitverbreiteter Vers zaehlte zusammen: Wer im 1523. Jahre nicht stirbt, (= Pestjahr) 1524 nicht im Wasser verdirbt, (= anhaltende Regenfaelle) und 1525 nicht wird erschlagen, (= Bauernkrieg) der mag wohl von Wundern sagen.
Georg zog es weiter den Rhein hinauf nach Norden. Er arbeitete auf Floessen, mit denen das wertvolle Tannenholz aus dem Schwarzwald nach Holland geschafft wurde. Auf flachen Schiffen, die Kohle von der Saar, aus Lothringen oder von der Ruhr geladen hatten. Er half manchem Rheinfischer und ging ueberhaupt jedem zur Hand, der seine Arbeitskraft brauchen und ihm dafuer Essen und eine Ecke zum Schlafen geben konnte. In Koeln blieb er fast ein Jahr. Ihm gefielen Stadt und Bewohner und er hatte Arbeit, fuer die er bezahlt wurde, zusaetzlich zum Essen und dem Schlafplatz. In Koeln hoerte er das erste Mal von den Niederlanden und davon, dass dort mit Hilfe des Windes Muehlen angetrieben wurden. Das interessierte ihn. Und auf einmal hatte seine Reise, die sich bislang mehr am Lauf des Stroms als an irgendwelchen eigenen Plaenen orientiert hatte, ein Ziel. Ein Ziel, das irgendwie einen Sinn machte. Georg fand in den Niederlanden den Platz, wonach er sein ganzes Leben lang gesucht hatte: er wurde Mahlknecht, dann Mueller, er heiratete, zeugte sieben Kinder, darunter vier Soehne, und starb 1582 in dem Bewusstsein, eine kraftvolle und lebenstuechtige hollaendische Linie der Bachmanns gegruendet zu haben. Und er war zufrieden damit.
Anton Bachmann, 1601 – 1638
Eine „kleine Eiszeit“ in der zweiten Haelfte des 16. Jahrhunderts, Missernten und Teuerungswellen, die Pest von 1583, Ueberbevoelkerung und eine insgesamt stagnierende Wirtschaft, betruegerische Geldwechsler, Unruhen unter den Bauern und Doerflern, Judenfeindschaft und Pogrome, und – weil das vielleicht alles noch nicht genug gewesen waere –: die brutale Verfolgung von sogenannten Hexen und Zauberern; tausende Frauen wurden gefoltert und verbrannt, falschen Beschuldigungen waren Tuer und Tor geoeffnet. Der Uebergang vom 16. ins 17. Jahrhundert verlief ausgesprochen turbulent und die Menschen waren unsicher und fuehlten sich bedroht.
Auch das Leben auf der Bachmann’schen Muehle in Bertoldshofen bildete da keine Ausnahme. Bessere Zeiten unterbrachen schlechtere, auf schlechtere folgten ganz schlechte. Wirklich gute Zeiten gab es nur noch in Erzaehlungen. Aber Geburten folgten auf Hochzeiten und Sterbefaelle wechselten mit Geburten; Unfaelle und Krankheiten wurden als selbstverstaendlich im Leben hingenommen, denn man fuhr besser, wenn man die Dinge so nahm, wie sie kamen und wie sie waren. Es war also kein besonders freudiges Ereignis, als im Mai 1601 ein kleiner Junge auf die Welt kam, stramm und munter; es war bereits das vierte Kind; der Kleine wurde auf den Namen Anton getauft. Als er heranwuchs, behielt er das Stramme und Muntere bei; er war stark, aber er arbeitete nicht gerne, dafuer trank er um so lieber und war immer wieder in Raufhaendel verwickelt. Er lief den Roecken nach und oft blieb er tagelang weg, und es wurde darueber geredet, dass er sich mit schlechten Weibern herumtreiben wuerde. So war niemand auf der Muehle und im Dorf so recht ungluecklich darueber, als sich Anton von einem Werber der kaiserlichen Armee anwerben liess. Er bekam ein kleines Handgeld, schnuerte sein Buendel, verabschiedete sich von den Seinen und verliess Bertoldshofen – zusammen mit anderen Rekrutierten aus der Gegend – in Richtung Augsburg und Muenchen. „Ja, ein Soldat -das wird wohl das Richtige sein fuer den Anton. Behuet ihn Gott.“ Das sagte der Vater, als er dem Sohn ein letztes Mal nachsah. Das war im Fruehsommer 1619.
Und tatsaechlich, das Militaer und das Militaerische gefiel dem Anton, und es war fast so, als haetten ihm Drill, Gehorsam und Strenge gefehlt, um seine ueberfliessende Kraft zu zaehmen und aus ihm einen umgaenglichen Menschen zu machen. Ein guter Soldat wurde er auf jeden Fall. Als sein Feldweibel beobachtete, was fuer ein guter Schuetze der junge Anton war, durfte er an einem Scheibenschiessen teilnehmen, bei dem er zum Schluss einen achtbaren dritten Platz belegte. Er wurde befragt und man trug ihm an, die Ausbildung zum Musketier zu machen. Da huepfte sein Herz und von dem Augenblick an konzentrierte er alle seine Faehigkeiten, um ein guter Musketier zu werden. Und das wurde er. Anton wusste nichts von Georg, seinem Vorfahren, der einhundert Jahre vor ihm mit den Bauern gegen die adeligen Herren gekaempft hatte, ausgestattet mit einem scharfen Auge und dem guten Gehoer, ueber die auch Anton verfuegte. Anton aber hatte dazu noch eine aussergewoehnlich ruhige Hand und verfuegte ueber eine Kaltbluetigkeit, die ihn auch in turbulenten Kampfhandlungen ruhig und ueberlegt sein liess. Er war der ideale Musketier. Wenn er so dastand, den gruenen Hut mit der kecken Feder auf dem Kopf, dem erdfarbenen Leinenwams mit den gepufften Aermeln, den ebenfalls braunen Leinenhosen, die ueber den Knien gebunden und den wollenen Struempfen, ueber die Gamaschen gewickelt waren, den festen Halbschuhen aus Leder – dazu die lange Muskete mit dem Steinschloss, der Zielstab, an dessen einem Ende eine geschmiedete Gabel zum Auflegen des Gewehrlaufs angebracht war, das lange, flache Pulverhorn, der Degen und der Beutel mit den Kugeln – ja, dann erinnerte eigentlich nichts mehr an den Burschen aus der oberschwaebischen Muehle in Bertoldshofen. Dann stand er da wie ein Denkmal, wie das Vorbild fuer alle kaiserlichen Musketiere.
Anton erwarb sich in vielen kleinen Scharmuetzeln Anerkennung und auch Auszeichnungen. Seine erste, wirklich grosse Schlacht kaempfte Anton aber erst 1631, im September, in Breitenstein, im Norden der grossen Stadt Leipzig gelegen – weit weg von Bertoldshofen, Augsburg oder Muenchen. Der Schwedenkoenig Gustav Adolf, ein evangelischer Herrscher und Anfuehrer der evangelischen Union, war mit dreizehntausend Soldaten unter schwedischem Befehl ueber die Ostsee nach Usedom uebergesetzt, hatte mit Hilfe der protestantischen Sachsen unter Johann Georg I. von Sachsen das Heer auf vierzigtausend Mann vergroessern koennen und war auf Leipzig zumarschiert: Leipzig sollte erobert und als protestantisches Zentrum in Mitteldeutschland gehalten werden. Die katholische Liga, die kaiserlichen, in der Anton Dienst tat, stand unter dem Oberbefehl von Tserklaes von Tilly und Gottfried Heinrich von Pappenheim, dem legendaeren Reitergeneral aus Treuchtlingen im Fraenkischen, der evangelisch getauft worden war, aber dann aus freien Stuecken zum Katholizismus uebertrat. 40.000 Bewaffnete fuehrten Tilly und Pappenheim in die Schlacht. Es war die erste grosse Auseinandersetzung zwischen den beiden christlichen Konfessionen und ihren Heeren: Katholiken gegen Protestestanten. Es war der 17. September, als die Truppen des „Nordischen Loewen“ gegen die Kaiserlichen losschlugen. Ein furchterregendes Hauen, Schiessen und Stechen, und als am Abend ueber Sieg und Niederlage entschieden war, waren 7000 Kaiserliche tot und 6000 in Gefangengeschaft geraten, auf Seiten der Schweden fielen 4000 Maenner, in Gefangenschaft ging keiner. Gustav Adolf eroberte Leipzig, der Weg in den Sueden Deutschlands stand nun offen, er dankte – zusammen mit den schwedischen und saechsischen Soldaten – seinem protestantischen Gott. Den Titel „Retter des deutschen Protestantismus“ bekam er ausserdem.
Anton war weniger an der katholischen oder der evangelischen Sache interessiert, von Religion oder Politik verstand er nichts; weder Reformation noch Gegenreformation betrafen ihn. Er war Soldat. Er war ein Musketier. Er war ein Schwab und er war fuer den bayerischen Kurfuersten Maximilian eingestellt, und er diente zufrieden unter Tilly und Pappenheim. Und er war froh, ohne schlimme Verletzungen auch aus diesem Gemetzel gekommen zu sein. Er hatte den Sachsen und Schweden gehoerig eingeheizt mit seiner Muskete, und trotz der Niederlage war er zufrieden mit sich und seinem Tag und der Schlacht von Breitenfeld. Die Schweden unter Gustav Adolf marschierten jetzt nach Sueden – die Evangelischen dort erwarteten ihn als Befreier, die Katholiken fuerchteten sich vor dem „Nordlandbarbaren“. Bei Rain am Lech, nahe Augsburg, versuchte die katholische Liga unter Kurfuerst Maximilian und Feldmarschall Tilly, den schwedischen Vormarsch zu stoppen. So nahe war Anton seiner oberschwaebischen Heimat schon lange nicht mehr gewesen. Aber Tilly fiel, und Maximilian, der energischste Widersacher des Schwedenkoenigs, zog sich nach Ingolstadt zurueck. Die Unions-Truppen unter Koenig Gustv Adolf marschierten am 17. Mai 1632 in Muenchen ein. In der Not dieser Niederlagen uebertrug Kaiser Ferdinand II. den Oberbefehl ueber die Truppen der Liga dem Herzog von Friedland, Albrecht von Wallenstein. Nein, er uebertrug ihm den Oberbefehl nicht, er draengte ihn den Oberbefehl auf, er bat Wallenstein und flehte ihn an – genau den Wallenstein, den er aus Angst vor dessen unkontrolliertem Machtzuwachs und dessen Eigensucht aus dem kaiserlichen Dienst entlassen hatte. Wallenstein gab schliesslich dem Draengen nach und uebernahm als Generalissimus den Oberbefehl – zusammen mit dem beruehmten Gottfried Heinrich Graf von Pappenheim als Feldmarschall. Eine ganz bestimmte Sorge trieb Gustav Adolf um, und das war die Sorge um Sachsen. Fuer die Schweden war ein evangelisches Sachsen die notwendige Verbindung von der Ostsee ins Zentrum von Deutschland, ein Schutz der langen Nachschubwege aus Schweden einerseits und zugleich ein schuetzender Riegel gegen die Liga. Die Interessen der Liga hingegen machten es notwendig, diesen Riegel zu knacken und Sachsen aus der evangelischen Allianz herauszubrechen. Schaffte man das nicht ohne Gewalt, musste man eben Gewalt anwenden. Das war die Ueberlegung auf Seiten der Liga. Aus diesem Grund setzte Wallenstein seine Truppen nach Sachsen in Bewegung. Eine Drohgebaerde erst einmal. Die Schweden erkannten die Absichten Wallensteins und folgten ihm. Auf alle Faelle mussten sie den Abfall Sachsens von der protestantischen Union verhindern.
Jetzt, im November, dachte Wallenstein daran, sein Heer auf ein Winterlager vorzubereiten, und er begann, die Truppenteile auf verschiedene, strategisch guenstig gelegene Staedte zu verteilen. Auf diese Weise sollte ein Sperriegel zwischen der schwedischen Armee und Sachsen entstehen. Pappenheim bezog sein Lager in Halle, Wallenstein bei Luetzen. Aber Gustav Adolf durchschaute den Plan: er wollte den kaiserlichen Truppen nicht laenger nur folgen, sondern sie in einer offenen Feldschlacht stellen und einen endgueltigen Sieg ueber die Liga erringen. Gustav Adolf rueckte also mit seinen Truppen nach Luetzen vor, wo sich Wallenstein mit nur einem Teil seiner Truppen festgesetzt hatte. Er erkannte die Gefahr und beorderte Pappenheim in Halle, so schnell wie moeglich nach Luetzen zu kommen. Pappenheim, der Feldmarschall, befehligte das beruehmte Kuerrarsierregiment, das seinen Namen trug - schwer gepanzerte Reiter, kampferprobt, auf schweren, furchtlosen Pferden, die alles zermalmten, was ihnen unter die Hufe kam. Schwer, aber nicht sehr schnell. Die Schweden waren schneller: als sich am 16. November gegen elf Uhr die Nebel lichteten, betete Gustav Adolf erst mit seinen Soldaten, 19.000 waren es, und liess dann zum Angriff blasen. Auf der Gegenseite stand Wallenstein mit seinen Truppen – die Pappenheimer fehlten noch -, zusammengenommen sollten es schliesslich 23.000 werden. Der Musketier Adolf Bachmann war einer von ihnen. Ueber die Schlacht schreibt Friedrich Schiller in seiner „Geschichte des Dreissigjaehrigen Krieges“: „Indessen hat der rechte Fluegel des Koenigs, von ihm selbst angefuehrt, den linken des Feindes angefallen. Schon der erste machtvolle Andrang der schweren finnlaendischen Kuerassiere zerstreute die leichtberittnen Polen und Kroaten, die sich an diesen Fluegel anschlossen ... In diesem Augenblick hinterbringt man dem Koenig, dass seine Infanterie ueber die Graeben zurueckweiche und auch sein linker Fluegel durch das feindliche Geschuetz von den Windmuehlen aus furchtbar geaengstigt und schon zum Weichen gebracht werde. Mit schneller Besonnenheit uebertraegt er dem General von Horn, den schon geschlagenen linken Fluegel des Feindes zu verfolgen, und er selbst eilt an der Spitze des Stenbockischen Regiments davon, der Unordnung seines eigenen linken Fluegels abzuhelfen. Sein edles Ross traegt ihn pfeilschnell ueber die Graeben; aber schwerer wird den nachfolgenden Schwadronen der Uebergang, und nur wenige Reiter, unter denen Franz Albert Herzog von Sachsen-Lauenburg genannt wird, waren schnell genug, ihm zur Seite zu bleiben. Er sprengte geradewegs demjenigen Orte zu, wo sein Fussvolk am gefaehrlichsten bedraengt war, und indem er seine Blicke umhersendet, irgendeine Bloesse des feindlichen Heeres auszuspaehen, auf die er den Angriff richten koennte, fuehrt ihn sein kurzes Gesicht zu nah an dasselbe. Ein kaiserlicher Gefreiter bemerkt, dass dem Voruebersprengenden alles ehrfurchtsvoll Platz macht, und schnell befielt er einem Musketier, auf ihn anzuschalgen. ‚Auf den dort schiesse!, ruft er, „das muss ein vornehmer Mann sein.’ Der Soldat drueckt ab, und dem Koenig wird der linke Arm zerschmettert. In diesem Augenblick kommen seine Schwadronen dahergesprengt, und ein verwirrtes Geschrei: ‚Der Koenig blutet – Der Koenig ist erschossen!’ breitet unter den Ankommenden Schrecken und Entsetzen aus.“ Was Schiller nicht wissen konnte: der Musketier, der dem kurzsichtigen und deshalb zu nahe an den Feind geratenen Koenig Gustav Adolf mit seiner Kugel den linken Arm zerschmetterte, war Anton Bachmann. Er hatte waehrend des bislang kurzen Schlachtverlaufs Deckung gesucht, ruhig gestanden, angelegt, anvisiert, abgedrueckt und getroffen. nachgeladen, angelegt, anvisiert, abgedrueckt und getroffen, nachgeladen, angelegt, anvisiert ... und in diesem Moment hoerte aus dem Gebruell von tausend Stimmen, dem Wiehern der Pferde, den Schuessen aus Musketen und Pistolen und dem Droehnen der Geschuetze den Befehlsschrei eines Gefreiten heraus: „Auf den dort schiesse!, rief der, ‚das muss ein vornehmer Mann sein.“ Er hatte angelegt, anvisiert, abgedrueckt und getroffen. Kein schlechter Schuss, dachte er. Aber er hatte wenig Gelegenheit, sich darueber zu freuen: In wenigen Augenblicken war er umringt von den berittenen Schweden, die schrieen, auf ihn einschlugen, einstachen, auf ihn schossen. „Er wars. Der da. Er hat auf unseren Koenig geschossen.“ „Auf den Koenig?“, fluesterte der sterbende Anton. „Ein vornehmer Mann, hat er gerufen. Aber es war der Koenig. Ich hab den Koenig getroffen. Ich. Ganz allein.“ Sterbend lag er auf der feuchten Erde. Aus hundert Wunden blutete er. Ueber sich die wutverzerrten Gesichter, die etwas schrieen. Er konnte es nicht hoeren. Wo er doch sonst so gut hoerte. Es war kurz nach zwoelf Uhr Mittag, als Anton das Augenlicht brach. Die Augen brachen. Die Augen, die alles so gut sehen konnten. Jetzt nicht mehr.
Weiter heisst es bei Schiller: „’Es ist nichts - folgt mir’, ruft der Koenig, seine ganze Staerke zusammenraffend; aber ueberwaeltigt von Schmerz und der Ohnmacht nahe, bittet er in franzoesischer Sprache den Herzog von Lauenburg, ihn ohne Aufsehen aus dem Gedraenge zu schaffen. Indem der letztere auf einem weiten Umweg, um der mutlosen Infanterie diesen niederschlagenden Anblick zu entziehen, nach dem rechten Fluegel mit dem Koenig umwendet, erhaelt dieser einen zweiten Schuss durch den Ruecken, der ihm den letzten Rest seiner Kraefte raubt. ‚Ich hab genug, Bruder’, ruft er mit sterbender Stimme. ‚Suche du nur dein Leben zu retten.’ Zugleich sank er vom Pferd, und noch von mehreren Schuessen durchbohrt, von allen seinen Begleitern verlassen, verhauchte er unter den raeuberischen Haenden der Kroaten sein Leben.“
Inzwischen war Pappenheim mit seinen Kuerrassieren eingetroffen, und die Maenner und Pferde waren durch den Eilmarsch erschoepft. Pappenheim aber goennte sich und den Seinen keine Pause der Erholung, sondern stuerzte sich augenblicklich in die Schlacht. Und das war sein Verhaengnis. Er wurde toedlich verwundet. Seine Truppen flohen und entzogen sich mehr oder weniger der Schlacht und verweigerten den Gehorsam. Einige ihrer Fuehrer kamen spaeter vor ein Kriegsgericht.
Anders als bei den Pappenheimern, entfachte der Tod ihres Koenigs Gustav Adolf einen Rachesturm bei den Schweden, die unter Bernhard von Sachsen-Weimar, ihrem neuen Fuehrer, die Schlacht nicht verloren gaben und die Kaiserlichen mehrmals an den Rand einer Niederlage draengten. Nach der Schlacht, am Abend des 16. November 1632, hatte die Union 5000 Tote und Verwundete zu zaehlen, die Liga zwischen 3000 und 6000 Tote und Verwundete. Das einschneidende Ereignis, das viele an diesem Tag noch unbekannte Folgen nach sich zog, war der Tod Gustav Adolfs.
Nachtrag und Ausblick: Wurde jemand im christlichen Abendland um 1650 herum mit „einem goldenen Loeffel im Mund“, sprich, in eine Familie von Stand hineingeboren, konnte man ziemlich sicher sein – soweit es ueberhaupt so etwas wie Sicherheit geben kann – dass Jahr, Monat, Tag und Stunde der Geburt genau festgehalten und dokumentiert wurden. Das war man sich selbst, dem Stand und dem neuen Erdenbuerger schuldig.
Erblickte jemand zur genanten Zeit das Licht dieser bedauernswerten Welt allerdings als Kind einfacher oder sogar armer Leute, tja, dann war es so gut wie sicher, dass sich niemand fand, der eine solche Geburt amtlich erfasste und beurkundete. In manchen Gegenden wurden erst in der zweiten Haelfte des 17. Jahrhunderts Pfarrbuecher angelegt, in die des Lesens und Schreibens kundige und gewissenhafte Geistliche Geburten, Taufen, Hochzeiten und Todesfaelle eintrugen. In der Pfarrei Bertoldshofen war das ab 1683 der Fall.
Mit Johann Bachmann, Mueller und Ortsrichter, Geburtsdatum unbekannt (1650?), gestorben am 27.9.1716 in Bertoldshofen, in erster Ehe getraut mit Sibylla, Herkunft nicht feststellbar, gestorben am 3.3.1691 – mit diesen mageren Daten beginnen dann die ersten echten, dokumentierten Daten der Familie Bachmann aus Bertoldshofen; Johann Georg und Therese Bachmann uebersiedelten um 1800 ins nicht weit entfernte Ettringen. Warum, ist nicht vermerkt.
Adolf Bachmann, 1869 - 1933
Der maennliche Vorname Adolf war der beliebteste in Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Wie so manches Alte wieder aufgekocht wurde in dieser Zeit, wurde auch wieder mehr an den schwedischen Koenig Gustav Adolf gedacht, dem Nordischen Loewen und Retter des Protestantismus in Deutschland. Warum man denm Namen Adolf dem Vorzug gegenueber dem Gustav gab, und warum eine erzkatholische Familie in Schwaben einen ihrer fuenf Soehne Adolf nannte, tja, das sind zwei Geheimnisse, die so einfach nicht zu enthuellen sein werden. Auf jeden Fall: der Adolf Bachmann, um den es hier geht, kam im Dezember 1869 in Ettringen an der Wertach, im schwaebischen Unterallgaeu, zur Welt. Seine Eltern waren Anton Bachmann, geboren 1837 in Ettringen und bis 1873 Gutsbesitzer am gleichen Ort, und Laura von Pfetten, geboren 1840 in Landsberg am Lech. Die Bachmanns hatten zehn Kinder. Sie uebersiedelten 1873 von Ettringen nach Muenchen. Anton Bachmann starb 1901 in Muenchen, Laura Bachmann 1896, ebenfalls in Muenchen. Mit Anton und Laura kamen die Bachmanns also in die bayerische Landeshauptstadt. Adolf Bachmann war das fuenfte von zehn Kindern – fuenf Maedchen und fuenf Boden, als waere in der Familie auf eine Balance nach Geschlechtern geachtet worden. Er wurde 184 cm gross, 100 Kilogramm schwer und war Kunst- und Bauschlosser von Beruf. Von 1892 bis 1895 lebte er als Brueckenbauer in Brasilien. Er liebte das Bergwandern und war aktiver Gewichtheber. In den 1880er Jahren wurde fast ganz Deutschland von einer Art Auswanderungsfieber gepackt. Es gab religioese Gruende dafuer, Protestanten dominierten die Katholiken und Katholiken die Protestanten und Juden wollten den fortwaehrenden Diskriminierungen entkommen. Politischen Freigeistern wurde der autoritaere Druck im von Preussen beherrschten Bismarck-Deutschland zu stark. Es gab aber auch eine wachsende Unzufriedenheit allgemeiner Art: sie betraf die wirtschaftlichen Verhaeltnisse in den sogenannten Gruenderjahren, wo die Gruender immer reicher und fetter wurden, die Arbeiter und kleinen Angestellten aber immer mehr unter Druck gerieten. Die gesellschaftspolitischen Verhaeltnisse hatten sich unter der preussisch-protestantischen Vormachtstellung veraendert, im katholischen Sueden und in Bayern besonders, zum Nachteil der Bevoelkerungsmehrheit, besonders der Bauern. Auch die allgemeine Wehrpflicht wurde zum Thema, seit sich die Soehne wohlhabender Eltern nicht mehr freikaufen konnten, dadurch, dass sie einfach einen Ersatzmann zum Ableisten der eigenen Wehrpflicht „kauften“ („Den kauf ich mir“). Jetzt war die Wehrpflicht tatsaechlich allgemein geworden. Zwei Jahre – Einzugsalter 18. Aber all das beschaeftigte Adolf nur am Rande. Er hatte seinen Gesellenbrief in der Tasche und auch die Entlassungspapiere vom Ende seiner Dienstzeit, die er zwischen Oktober 1889 und September 1891 beim 1. Bayerischen Feld-Artillerie Regiment „Prinzregent Luitpold“ Nr. 1 abgeleistet hatte. Dabei hatte er noch Glueck gehabt, war Muenchen doch der Friedensstandort seines Regiments; so konnte er waehrend seiner dienstfreien Tage schnell einmal die Eltern und die Geschwister besuchen. Viele seiner Kameraden konnten das nicht.
Was ihn beschaeftigte, konnte er nicht so genau beschreiben: es war eher ein merkwuerdiges Gefuehl als etwas Handfestes, ein nervoeses Flattern im Bauch, als trieben dort die Maikaefer ihr Unwesen. Haette ihm jemand auf den Kopf zugesagt, dass das ein untruegliches Zeichen fuer Fernweh und Abenteuerlust sei, haette er das nicht recht verstanden. Er wusste es einfach nicht. Aber tatsaechlich waren es Fernweh und Abenteuerlust, die ihn so unruhig sein liessen.
Das Fernweh und die Abenteuerlust nahmen zu, und so begann er, sich mit der Moeglichkeit des Auswanderns zu beschaeftigen. In jungen Jahren noch ungebunden die Welt zu erleben, sich jenseits des Bekannten und Sicheren zu beweisen - diese Gedanken nahmen in seinem Denken immer mehr Raum ein. Schliesslich fasste er den Entschluss, seiner Heimat und allem, was er gern hatte, den Ruecken zu kehren und nach Brasilien auszuwandern. Das war ja kein Schritt fuer die Ewigkeit.
Ausgerechnet. Ueber das Auswanderungsland Brasilien gab es zu der Zeit viele Informationen: Emigranten schrieben Briefe nach Hause und die Auswanderungsagenturen und deren Werber streuten welche. Die Regierung warnte vor dem ungesunden Klima und den fremdlaendischen, oft gefaehrlichen Sitten und Gebraeuchen und der Uebervorteilung durch Einheimische oder andere Einwanderer. Rueckkehrer berichteten ueber berufliche und geschaeftliche Moeglichkeiten und Erfolgsaussichten, und die Bauern unter den Gescheiterten beklagten, wie schwierig es sei, landwirtschaftlichen Grund uebertragen zu bekommen und wie ein Grossteil der Landwirtschaft als Plantagen betrieben wuerden, die sich fest in den Haenden maechtiger Grossgrundbesitzer befaenden. So erfuhr er auch von den deutschen Siedlungen in Brasilien, von Neu-Hamburg, Neu-Berlin, Pomerode, Blumenau oder dem deutschen Siedlungsgebiet Santa Caterina. Insgesamt soll es dort ueber 200 deutsche Siedlungen geben.
Doch auch das interessierte ihn nicht besonders. Er war ja kein Bauer, sondern ein Schlosser, ein Kunst- und Bauschlosser, und so interessierte er sich mehr fuer die neu gegruendete Stadt Petropolis, in deren Umkreis die brasilianische Kaiserin Leopoldina Einwanderer ansiedeln liess, vor allem welche aus Tirol. Petropolis lag im Gebirge, und bis dahin fuehrte die neue Eisenbahnlinie von Rio de Janeiro herauf, genauer vom Hafen von Manua an der Guanabara-Bucht. Jetzt hatte die Eisenbahngesellschaft vor, die Strecke zu verlaengern und sie mit der Bahnlinie zu verbinden, die von Macahe nach Friburgo fuehrte. Eine Bahnlinie im Gebirge bedeutete Bruecken, also solide Konstruktionen aus Eisen – und Eisen war sein Metier. Und Berge, Gebirge und Tirol – wie sollte ihm da, dem begeisterten Berggeher, nicht das Herz hoeher schlagen? Seine Familie war wie vor den Kopf geschlagen. Aber Adolfs Wunsch war staerker und seine Entscheidung stand fest. Ein Auswanderungsagent half ihm nicht nur dabei, die notwendigen Papiere fuer die Ausreise aus Deutschland und die Einreise nach Brasilien zu beschaffen; er vermittelte ihm sogar einen vorlaeufigen Arbeitsvertrag mit der brasilianischen Eisenbahngesellschaft „Estrada de Ferro Leopoldina“ - nur so konnte er fuer die Ueberfahrt aufkommen, die satte Praemie des Agenten mit eingerechnet. Von 1892 bis 1895, knappe vier Jahre lang, arbeitete Adolf Bachmann als Brueckenbauer fuer die brasilianische Eisenbahngesellschaft. Es war eine harte Arbeit, das subtropische Klima war ungewohnt und fordernd, und es wurde aufs Tempo gedrueckt. Geschenkt wurde den Brueckenbauern nichts: das Eisen zurichten, vermessen, ablaengen, verbohren, heissnieten. Das erforderte Geschick und Praezision und eine gut aufeinander eingespieltes Truppe. Adolf hatte wieder Glueck: er harmonierte mit seinen deutschen Kollegen, fast alles Sueddeutsche, einem Oesterreicher und einem aus der Brandenburger Gegend. Das ging Hand in Hand, sie schafften viel und hatten trotzdem ihren Spass dabei. Natuerlich gab es hin und wieder Streit und auch manche geringsfuegigen Verletzungen – aber eine richtige Rauferei oder ein schwerer Unfall ereignete sich waehrend der ganzen Zeit nicht. Bereits nach einem knappen Jahr konnte er bei der Gesellschaft seine Schulden zurueckzahlen und anfangen, den groessten Teil seines Lohns auf ein Sparkonto in Petropolis einzuzahlen. Zum Geldausgeben gab es nicht viele Moeglichkeiten auf der Baustelle und in der kleinen Stadt.
Es gefiel ihm in Brasilien, die Arbeit, die Kollegen, die Einheimischen. Besonders die braunen, samthaeutigen Frauen hatten es ihm angetan und manchmal dachte er ernsthaft daran, sich in diesem Teil der Welt niederzulassen, zu heiraten und eine Familie zu gruenden. Das war, als er einen Brief von seiner aelteren Schwester Karolina bekam: der Mutter ginge es schlecht, sie wuerde wohl nicht mehr lange bei ihnen bleiben ... und ob er nicht ... Adolf hatte zeitlebens ein schwieriges Verhaeltnis zu seinem Vater. Vielleicht war das auch mit ein Grund gewesen, so einfach aus Deutschland wegzugehen. Aber seine Mutter Laura, die geborene Freifrau von Vetten, liebte er von ganzem Herzen. Und fast haette er damals ihrer Bitte entsprochen und waere zu Hause geblieben und nicht nach Brasilien ausgewandert. Jetzt hatte er ein schreckliches Gefuehl von Schuld, dass die Mutter durch ihn krank geworden sei. Ja, er fuehlte sich in ihrer Schuld. Und zwar so gewaltig, dass er sich ohne zu zoegern entschloss, Brasilien zu verlassen und zur kranken Mutter nach Muenchen zurueckzukehren ... Laura Bachmann starb im Januar 1896, kurz nachdem ihr Sohn Adolf aus Brasilien zurueckgekehrt war. Weihnachten hatten sie noch miteinander feiern koennen.
Er trauerte lange um seine verstorbene Mutter, aber er trauerte auch darum, dass er bereits nach so wenigen Jahren Brasilien den Ruecken gekehrt hatte. Er hatte sich gut eingelebt dort, in der kurzen Zeit. Er war jetzt 26 Jahre alt. Aber seine Erfahrung im Brueckenbau verhalf ihm zu einer interessanten und gut bezahlten Arbeit. Seine neue Firma war damit beschaeftigt, an der damals zweithoechsten Eisenbahnbruecke der Welt, der Grosshesseloher Bruecke ueber die Isar suedlich von Muenchen, laufend Wartungs- und Ausbesserungsarbeiten durchzufuehren. Adolf wurde bald Vorarbeiter einer Gruppe von Metallarbeitern, die er – trotz seiner Jugend – sehr zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten fuehrte. Er wohnte voruebergehend in dem Dorf Grosshesselohe, ganz in der Naehe des Bahnhofs der Bayerischen Maximiliansbahn. Neben seiner Arbeit war er Mitglied in einem Sportverein, wo er mit den Gewichthebern trainierte und fuer viele Vergleichs- und Wettkaempfe eingesetzt wurde. Und so oft es ging, fuhr er mit der Bahn in die bayerischen Berge und wanderte hinauf zum Herzogstand, zur Benediktenwand, zur Kampenwand, und einmal bestieg er sogar die Zugspitze.
Und wie das Leben manchmal so spielt: er, der grosse, schwere Mann, der Kraftsportler mit dem kraeftigen Haendedruck, der seine Nase schon hinausgestreckt hatte in die weite Welt, lernte ein noch sehr junges Maedchen kennen. Sie war noch keine achtzehn, als er ein Auge auf sie warf. Die beiden heirateten 1903 in Muenchen. Sie war bereits in anderen Umstaenden und brachte im August des gleichen Jahres einen gesunden Buben zur Welt. Adolfs Frau war Johanna Schlamp, geboren im Oktober 1884 in Forsthaus Affenthal bei Eichstaett. Sie war nur gut eineinhalb Meter gross und recht zierlich. Ihr Gewicht ist nicht bekannt. Sie war eine, wie man sagte, „gelernte Schneiderin“ – im Unterschied zu den vielen „Nebenherschneiderinnen“. Und sie war Hausfrau und wurde die Mutter von vier Kindern - zwei Soehne und zwei Toechter. Wegen der Balance ...
Adolf Bachmann starb 1933 in Muenchen - „vom Schlag getroffen.“ Johanna Bachmann war fast zwanzig Jahre Witwe; sie starb 1952, ebenfalls in Muenchen.
Adolf Bachmann war ein stolzer Mann. Und, nach den Erzaehlungen seines Sohnes, ein guter und stolzer Handwerker. Gerne wanderte er in den Bergen, in Lederhosen und einen Velourshut frech auf dem markanten Schaedel, dem juengeren Oskar Maria Graf nicht unaehnlich. Verregnete oder truebe Sonntagvormittage verbrachte er oft Zigarre rauchend hinter der Zeitung im sogenannten Herrenzimmer der Wohnung in der Muenchner Schillerstrasse; die Schillerstrasse verlaeuft, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, in nord-suedlicher Richtung. Die Wohnkueche war einer sogenannten „Bauernstube“ nachempfunden, mit Herrgottswinkel und getrockneten Edelweissblueten hinter einem leicht gerundetem Glas. Eine romantisch-kitschige Rueckerinnerung an das eigene Herkommen vielleicht, und moeglicherweise eine Art Beweis dafuer, dass auch ein Schlosser und Sozi ein gottglaeubiger Mensch sein kann, ein sozialkatholischer, sozusagen. Adolf Bachmann war Gewichtheber. Dieser maennlichen Sportart widmete er sich, solange er ledig war. Mit Hingabe, Freude und Ausdauer. Und mit relativem gutem Erfolg. Mit der Verheiratung war es dann Schluss mit dem Kraftsport. Aber zwei Erinnerungen aus dieser Zeit an den starken Mann machten noch Jahrzehnte spaeter die Runde.
Um seine Armmuskulatur zu trainieren, trug Adolf einen schweren, eisernen Spazierstock. Er hatte ihn selbst geschmiedet. An manchen Sonn- und Feiertagen ging er, gut gekleidet - oft mit Handschuhen, aber immer mit Hut -, durch die Muenchner Innenstadt in Richtung Petersbergl und Viktualienmarkt. Den Spazierstock einmal in der linken Hand, dann in der rechten. Immer abwechselnd. Wie es sich fuer einen anstaendigen und gut katholischen Sozialdemokraten gehoerte, ging er auf ein kurzes Gebet in die Peterskirche und dann die wenigen Meter hinunter zu der schoenen neuerbauten Toilettenanlage aus dunkelroten Backsteinen. Im neugotischen Stil. Und zwischendurch mit dem schweren, schmiedeeisernen Spazierstock: klack, klack, klack, machte das. Waehnte er sich unbeobachtet, stiess er mit dem Stock kurz und kraeftig auf einen der neumodischen Glasbausteine, die in die Decke eingelassen waren und den Sitztoiletten und dem Pissoir von oben her Tageslicht verschafften. Klack, klack und noch einmal klack. Ein Glasbaustein nach dem anderen ging zu Bruch. Wie oft wohl musste die Abteilung Toiletten und Pissorte des Muenchner Bauamts mutwillig zerstoerte Glasbausteine der Toilettenanlage unterhalb des Peterbergls ersetzen lassen? Nach dem oder den Taeter(n) wurde gefahndet. Ohne Erfolg. Schlussendlich wurde elektrisches Licht in den Klos installiert und die Glasbausteine abgeschafft beziehungsweise mit einer dicken Schicht Beton ueberdeckt.
Dass absonderliche Energien noch jahrzehntelang innerhalb einer Familie nisten und ploetzlich wieder zum Ausbruch kommen koennen, zeigt das Beispiel von Adolfs Urenkel Andreas: zusammen mit seinem damals besten Freund schoss er mit dem Luftgewehr auf die Klammern, die die Waesche einer Nachbarin auf der Leine hielten. Da beide Buben ihre Ziele haeufig verfehlten und statt dessen die Waeschestuecke selbst trafen, fuegten sie machem Leintuch, Hemd und mancher Unterhose irreparable Loecher zu. Die Waeschestuecke verschwanden – aber noch Jahre spaeter zeigte die Nachbarin Spuren an ihren Fensterstoecken und -rahmen, die ebenfalls von den Schiessuebungen der beiden Freunde stammten. Haette man sie da an den Urgrossvater des Andreas verweisen und ueber genetische Kodierungen sprechen sollen? Die zweite Geschichte: Wie sich sein Sohn spaeter als Radrennfahrer hervortat, glaenzte Adolf Bachmann als Gewichtheber. Jedenfalls – wie gesagt - solange er noch ledig war. Ein erfolgreicher Sportler. Er war Mitglied in einem Arbeiter-Sportvereins - wo denn sonst? - und er nahm an zahlreichen Amateur-Wettkaempfen teil. Fand ein Wettbewerb ausserhalb Muenchens statt, fuhr man mit der Bahn. Innerhalb der Stadt aber mit der Tram, dem Fahrrad oder dem Fahrzeug eines Goenners, wie man Sponsoren frueher nannte. Die Episode, um die es hier geht, trug sich im Zusammenhang mit einem Vergleichskampf zwischen Adolfs Muenchner Team und einer Mannschaft aus Augsburg zu. Der Wettkampf sollte in Augsburg stattfinden. Die Sportkameraden aus Muenchen bestiegen im Hauptbahnhof den Zug nach Augsburg. Sie belegten ein Abteil, verhielten sich gesittet, fachsimpelten, stellten Prognosen an, erzaehlten Witze und Geschichten, lange schon, ehe der Zug abfuhr. Die grossen schweren Ledertaschen -mehrfach genaeht und mit besonders verstaerkten Tragegriffen versehen – darin die schweren Eisen, die Gewichte und Hantel -hatten sie auf dem Gang deponiert. So hatten sie es im Abteil bequemer. Der Zug fuhr an. Die Donnersberger Bruecke, Laim und Pasing flogen vorbei, und die jungen Maenner freuten sich und sahen der sportlichen Auseinandersetzung in Augsburg optimistisch entgegen. Da riss der Schaffner mit einem heftigen Ruck die Tuere zum Abteil auf und schnauzte die jungen Maenner an: sie muessten auf der Stelle den Gang frei machen und ihr Gepaeck in den dafuer vorgesehenen Gepaecknetzen unterbringen. Auf der Stelle. Die jungen Maenner lachten. Der Schaffner nicht. Irritiert griff sich der Mann eine der Taschen, um sie eigenhaendig in eine Gepaeckablage zu befoerdern. Er zog, er versuchte zu heben, die Adern an Stirn und Hals schwollen ihm an, wie Fahrradl-Schlaeuch, uebertrieb der Sohn, wenn er - mit Traenen in den Augen - die Geschichte zum wiederholten Mal erzaehlte. Der Schaffner allerdings lief Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden. Jetzt wurde er erst richtig wild. Er beschimpfte die Maenner und drohte damit, den Zug anhalten zu lassen. Wodurch sie zu spaet zu ihrem Wettkampf gekommen waeren. Nicht auszudenken. Er wollte partout nicht ueber eine Ausnahmeregelung mit sich reden lassen. „So ein ganz ein sturer Bahnmensch halt, so ein damischer, wie du sie auch heut noch ueberall treffen kannst.“ Er war ganz gegen das autoritaere Gehabe des Bahnmenschen eingestellt und nahm klar die Position seines Vaters und dessen Freunde ein.
Da sich der Schaffner nicht beruhigte, die Freunde aber ohne Verzoegerung nach Augsburg wollten, griff - na, wer wohl? Adolf natuerlich -, zu einer geradezu odysseushaften List: er nahm seine eigene Tasche mit den schweren Eisen darin und stellte sie dem Bahnbeamten schnell und praezise auf dessen Fuesse. Der Mann tobte und wuenschte den Gewichthebern alles Boese dieser Welt an den Hals. Aber es gelang ihm waehrend der Fahrt bis Augsburg nicht, seine Fuesse unter der Tasche hervorzuziehen und sich von der schweren Last zu befreien. Puenktlich lief der Zug im Augsburger Hauptbahnhof ein. Jeder der Kraftsportler griff sich seine Tasche, verliess den Waggon und ging auf den Ausgang zu. Mitglieder des gegnerischen Vereins waren gekommen, um „die Muenchner“ vom Bahnhof abzuholen. Sie wunderten sich ueber einen schreiend gestikulierenden Schaffner, der mit merkwuerdigen Watschel-Schritten versuchte, den Gewichthebern aus Muenchen nachzueilen.
Was soll man mehr ueber den ersten der drei Bachmann sagen, die auf den Namen Adolf getauft worden waren?
Adolf Bachmann, 1903 - 1972
Anstaendig. Ein sehr altmodisches Wort. Etwas Kleinbuergerliches haftet ihm an. Anstaendig. Da weht ein Klang mit von „Die wichtigen Dinge einfach tun.“ oder „Es gibt Dinge, die sind wertvoller als Geld und Besitz.“ Das Wort „anstaendig“ hoert oder liest man inzwischen nicht mehr oft.
Anstaendig, Anstand. Mit diesen beiden Begriffen koennte man das Leben des zweiten Adolf Bachmann ueberschreiben. 1903 wurde er als das aeltestes von vier Kindern in eine Muenchner Schlosserfamilie hineingeboren. Als kleiner Bub kam er zur Erholung in eine Saegemuehle in den Bayerischen Wald, um dort von den Folgen der sogenannten Englischen Krankheit, Rachitis, vollends kuriert zu werden: gute Luft und gutes Essen. Seinen Aufenthalt musste er sich verdienen und in der Saegemuehle kraeftig mitarbeiten. In dieser Zeit entstand seine Liebe zu Pferden; geblieben sind ihm aber auch die O-Beine und – davon verursacht -ein auffaelliges Gangwerk. Nach der Hauptschule absolvierte er eine vierjaehrige Lehre als Kunst- und Bauschlosser. Sein Gesellenstueck war ein gut gearbeitetes Tuerband mit dem dazugehoerigen Kegel. Adolf Bachmann war Mitglied eines Arbeitersportvereins und als Amateur-Radrennfahrer auf oberbayerischer und bayerischer Ebene recht erfolgreich. Er wurde kein einziges Mal Erster, aber zweite, dritte oder vierte Plaetze belegte er oefter. Einige Pokale aus dieser Zeit stehen noch heute auf einem Regalbrett im Buero seines Sohnes in Ubud auf Bali – gleich ueber dem besagten Gesellenstueck. Adolf war ein Treibauf und Raufbold – trotz seiner eher geringen Koerpergroesse und der schmaechtigen Figur. Er schlug sich mit den Bauernburschen in der Kugleralm, wohin die Muenchner Handwerksgesellen an Samstagen hinausradelten, um ihnen beim Tanz die Maedchen auszuspannen. Und er kaempfte in den 1920er Jahren auf Seiten der Roten gegen die Braunen. Es ging neben einer ganz alltaeglichen Rauflust selbstverstaendlich auch um politische Meinungsverschiedenheiten. Diese wurden an unter den Augen der berittenen Polizei auf der Theresienwiese in Muenchen sehr direkt ausgetragenen. Dabei droschen die Polizisten oft und gerne mit ihren langen Gummiknueppeln auf die roten Arbeiter und Handwerksgesellen ein. Die Polizei unterstuetzte die jungen Nazis mehr als erlaubt.
Das machte Adolf zu einem ausgesprochenen Polizisten-Feind. Diese Feindschaft bezo
Tag der Veröffentlichung: 30.08.2012
https://www.bookrix.de/-baliadi
Sie haben Wenn du wohin gehst, vergiss nicht, wo du herkommst zu Ende gelesen
Adi Bachmann