Zwei Prager Geschichten

Rainer Maria Rilke · Kapitel 3 von 4

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Zwei Prager Geschichten

König Bohusch.

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König Bohusch 1

 

Die Geschwister 81

König Bohusch.

 

Als der große Mime Norinski um drei Uhr nachmittags in das National-

Café, welches vor dem Prager tschechischen Theater liegt, eintrat, erschrak er

ein wenig, lächelte aber gleich darauf sein verächtlichstes Lächeln: in dem

Spiegel, schräg gegenüber der Thür, hatte sich irgend eine entfernte Ecke des

Saales gefangen, und er hatte drinnen eine schiefe Marmorsäule und unter dieser

Säule einen kleinen, buckligen Mann erkannt, dessen seltsame Augen dem

Eintretenden wie lauernd aus einem unförmigen Kopfe entgegenstarrten. Das

Fremde dieses Blickes, in dessen Tiefen irgend ein unerhörtes Geschehen sich

dunkel zu spiegeln schien, hatte ihn einen Augenblick in Schrecken versetzt.

Nicht etwan weil er besonders furchtsamer Natur gewesen wäre, sondern infolge

des profunden und versonnenen Wesens, welches so großen Künstlern meistens

eignet, und durch dessen Wall sich jedes Ereignis gleichsam durchbohren muß.

Dem Original gegenüber empfand Norinski nichts ähnliches. Er übersah den

Verwachsenen sogar eine ganze Weile, während er mit unnötiger Wichtigkeit den

andern am Stammtisch die Hand reichte. Die Händedrücke nahmen eine

ziemliche Zeit in Anspruch, denn jeder hatte gleichsam 3 Akte. 1. Akt: Zögernd

folgt die Hand des Schauspielers dem Flehen der entgegengestreckten Hände.

2. Akt: Seine Hand spricht nachdrücklich zu der, welche sie umfaßt: Merkst du

auch die Bedeutung dieses Moments? 3. Akt und Katastrophe, wobei Norinski

jede Hand verächtlich loslies, fortwarf: Oh du Erbärmlicher, das kannst du ja gar

nicht merken . . . Diese Erbärmlichen waren diesmal: Karás, der lange blasse

Kritiker des »Tschas«, ausgezeichnet durch einen überaus langen Hals und – wie

ein boshafter jüdischer Kollege mal behauptet hatte – einen überaus höflichen

»Adamsapfel«, welcher jeden Tropfen durch die Einsamkeit der Kehle bis an

den Kragenrand, wo er sich nicht mehr verirren konnte, begleitete und von dort

diensteifrig auf seinen Posten zurückschnellte, Schileder, der schöne Maler, der

so traurige Dinge malte, der Novellist Pátek, der Lyriker Machal, der Student

Rezek, der etwas abseits saß, aus einem großen Stammglas heißen Tschaj mit

viel Cognac trank und schwieg. Endlich schien Norinski auch den Buckligen zu

bemerken. Er lachte: »König Bohusch!« und streckte mit ironischem »Majestät«

die Hand über den Marmortisch. Der Kleine fuhr auf und schickte ihm, um die

Mimenhand nicht warten zu lassen, überhastig seine gelben unreifen Finger

entgegen, so daß sich die beiden Hände, wie Vögel in der Luft haschten. Dem Bohusch kam das ziemlich drollig vor, und er ließ ein zitterndes zerbrochenes

Lachen hören, das er ängstlich unterbrach, als er bemerkte, wie die Blatternarben

auf Norinskis Stirne sich unter ärgerlichen Falten versteckten. Der Mime

murmelte etwas, gab die Jagd auf und sagte in schlechter Laune zu Karás:

 

»Ihr schreibt auch einen Kohl, mein Lieber. Aber das sag' ich dir, ich spiele

meinen Hamlet das nächstemal just so, wie gestern. Ich spiele eben m e i n e n.

Verstehst du, Liebster?«

 

Karás schluckte irgendwas hinunter und sagte etwas von der Auffassung, die

andere bekundet hätten, Bedeutende; er möchte nur Kainz nennen oder – der

Student Rezek trank heftig sein Glas aus und Norinski sagte erregt:

 

»Liebster, was geht mich ein deutscher Hamlet an. Du wirst doch nicht etwan

behaupten wollen, wir dürften nicht auch unsere Meinung haben? Ist der

Shakespeare ein Deutscher? Nun, was gehn uns also die Deutschen dabei an? Ich

nehme meine Auffassung sozusagen direkt aus dem Englischen.«

 

»Das einzig richtige,« sanktionierte Pátek und strich den spitzen Modebart

mit gepflegten Fingern.

 

»Dein Kostüm übrigens, ich meine vom malerischen Standpunkt –«

besänftigte der schöne Maler, und rasch wandte sich ihm Norinski zu. »Ja,«

gähnte er so ganz obenhin, und dann mit herablassender Gönnerstimme: »Was

macht denn Ihr Schauspiel, Machal?«

 

Der Lyriker schaute eine Weile schweigend in sein Absinthglas und

erwiderte leise und kummervoll: »Es ist Frühling«.

 

Alle erwarteten noch etwas, aber der Dichter schien schon wieder unterwegs

nach dem blassen Garten seiner Träume. Er sah sein Absinthglas wachsen und

wachsen, bis er selbst sich mitten drin fühlte in dem opalnen Licht, ganz leicht,

ganz gelöst in dieser seltsamen Atmosphäre. Nur Schileder hatte das gewaltige

Wort ernst hingenommen. Es lag über ihm, so dicht, daß er auch nicht mit den

Wimpern hätte zucken mögen. In seinem Tiefsten dachte er: Gott, das trifft jeder.

Hat er denn etwas besonderes gesagt? Das kann ich auch: es ist . . . Er kam nicht

zu Ende damit. Alle lachten und Schileder atmete auf, als er an den Mienen der

anderen sah, daß der Ausspruch doch nicht so gewichtig gewesen sein mochte.

Karás wandte sich an den Lyriker: »Das heißt, es blüht dein Stück. Hm?«

 

Da sagte Machal seiner Muse mit einer Verbeugung: »Entschuldigen Sie –« und kam ungern zurück aus der opalnen Welt; aber das Mißverständnis war auch

zu arg: »Nein,« betonte er, »das heißt, ich bin zu traurig jetzt. Das heißt, es ist

jetzt die Zeit, wo die Natur alles Werden mißversteht, das heißt, daß ich müde

bin – müde dieses wunden Keimens.«

 

»Aber verzeih,« der Novellist tippte ihn mit dem modegelben Handschuh auf

die Schulter, »das mag ja sein, aber das ist doch nicht Frühling.«

 

Und der Maler dachte: nein, das ist nicht Frühling.

 

»Im wunderschönen Monat Mai,« deklamierte der Mime.

 

»Einst,« hauchte der Dichter und machte eine Bewegung mit der Hand, mit

welcher er dieses Einst noch weiter zurückdrängte, »einst war das vielleicht so,

wie es in alten Gedichten steht – der Frühling: ›Licht und Liebe und Leben‹. Wer

das noch glaubt, belügt sich.« Er seufzte tief.

 

Wie schade, dachte der Maler, also kein Frühling mehr.

 

Machal aber erhob sein Gesicht, das durch große Sommerflecken entstellt

war, hoch in das klare Nachmittagslicht und konnte durch das Fenster gerade die

Rampe des Nationaltheaters sehen, längs welcher ein Schutzmann auf und nieder

ging. Das wollte er nun gerade niemandem zeigen, allein er sagte gleichwohl:

 

»Schaut nur hinaus. Dieser Kampf mit den blöden brachen Schollen, den

jeder der feinen schwachen Keime kämpfen muß, um zu seinem Sommer zu

kommen. Hier,« und er schraubte sich noch ein wenig höher – »steht die hilflose

Blüte und will blühen; das ist das einzige, was sie kann, sie kann nur blühen und

sie will wirklich niemanden stören damit, und doch sind alle gegen sie: die

schwarzen Krumen, die sie nur nach langem Bitten durchlassen, die Tage, die

wahllos Wärme und Regen und Wind auf sie herabstreuen und die Nächte, die

sich langsam an sie heranschleichen, um sie zu würgen mit ihren eisigen

Fingern. Dieser feige traurige Kampf, das ist der Frühling.« Machal fröstelte;

seine Augen starben. »König Bohusch« sah ihn ganz starr an. Das war etwas

sehr Ungerechtes, was der Dichter sagte, schien ihm, und er hatte vieles dagegen

im Sinn. Es drängte ihn aufzustehen und hochragend und heiter den Frühling zu

verteidigen, der dennoch voll Sieg und Sonne war. Ihm stiegen so viele schöne

Gedanken in den Kopf, daß ihm die Wangen ganz warm wurden und er eine

Sekunde das Atmen vergaß. Aber ach, was hätte es genützt, aufzustehen; sie

hätten es kaum bemerkt, denn Bohusch sah, auf der hohen Samtbank sitzend,

fast größer aus als wenn er stand. Auch seine Stimme hätte kaum bis zu Norinski hinüber fliegen können; bei solchen Entfernungen wurde sie schon ungewiß und

flatterte wie ein angeschossener Vogel. Das wußte Bohusch. Und so schwieg er,

preßte die Lippen, die wie aus Holz geschnitzt waren, eng aneinander und

begann, wie oft als Kind, still für sich mit den vielen goldenen Gedanken zu

spielen, ganze Berge und Burgen zu bauen, aus deren schlanken Säulenfenstern

seine Träume ihn grüßten. Und er war so reich, daß er jedesmal neue Paläste

errichten konnte, von denen keiner einem alten ähnlich sah, und das will etwas

bedeuten, da der Kleine über dreißig Jahre diese Beschäftigung trieb, seit seinem

fünften Lebensjahre etwan – und sich doch nicht wiederholen mußte. Die

anderen sprachen jetzt, während Machal sich gewiß wieder im Absinthglas

sitzen fühlte, von lauten Dingen und Alltäglichkeiten in wirrem Durcheinander,

und über allem schwebte die Baßstimme des Schauspielers mit ausgebreiteten

Flügeln. Bohusch aber dichtete in seiner Ecke an seiner Apologie des Frühlings.

Er kannte ihn ja eigentlich nur so wie er im finstern und feuchten Hirschgraben

oder auf dem Kirchhof Malvasinka aussah; einmal als Kind hatte er ihn in der

wilden Schárka gesehen, und heute hörte er noch in seiner Brust ein feines, altes

Echo jenes Sonnentages. Wie selig mußte der erst draußen zu schauen sein, wo

er seine Heimat hat, weit von der Stadt und ihrer Unrast, und es ärgerte und

kränkte ihn, daß die Menschen um ihn, die doch weit herum gekommen sind,

zugaben, daß man den Frühling verleugne. Das mußte er ihnen doch sagen. Aber

ein zager Versuch seiner Lippen ging in dem allgemeinen Hin und Wider schnell

und spurlos unter, und der arme Bohusch hätte auch nichts mehr zu sagen

gewußt. Als fürchteten sie, verraten zu werden, flüchteten seine Gedanken in

ängstlichem Ungestüm aus der schönen Versammlung, und statt ihrer füllte eine

einzige Vorstellung sein Gehirn und die sprach er willenlos und unbemerkt aus:

Ja, mein Vater. Es bedurfte eines Augenblicks, ehe der Bucklige sich klar

machte, warum er gerade an ihn dachte. Er sah ihn: in seinem riesigen

dunkelblauen Tressenpelz, dessen Kragen mit dem mächtigen Vollbart zu

verschmelzen schien, ging er mit breiten, selbstbewußten Schritten in dem

lichtgetünchten hohen Flur des alten Fürstenpalastes in der Spornergasse her und

hin. Der goldene Knopf seines Stabes rührte fast an die goldenen Fransen, die

von der Krempe des dreispitzigen Hutes hingen, unter welchem seine Augen

ernst und wachsam waren. Dann stand der kleine kränkliche Bohusch oft hinter

der Thüre der Portierswohnung und schaute scheu durch eine Spalte dem

gewaltigen Schreiten des Vaters nach, dessen Gestalt höher war als die aller

anderen Menschen, um so vieles ragender auch als die des alten Fürsten, vor

dem der Vater den Tressenhut ganz tief abnahm, ohne sich indessen sonderlich

zu verneigen. An einen Kuß oder ein Lächeln dieses Mannes konnte sich

Bohusch, soweit er zurück sann, nicht erinnern, wohl aber gehörte seine Gestalt und seine Stimme zu den deutlichsten Eindrücken seiner armen Kindheit. Und

darum fiel ihm der Vater auch immer dann ein, wenn er den längst Toten um

diese beiden Eigenschaften beneidete und sich sagte: Beides ist doch eigentlich

jetzt so gut wie unbenutzt; er braucht weder Stimme noch Gestalt mehr, warum

hat er das alles dann mitgenommen? Und wenn der Bucklige das dachte, kam es

immer so: auf einmal fühlte er etwas, das ihn mitnahm, fortriß. Seine Gedanken

waren nicht mehr in ihm, sie liefen vor ihm her und er mußte sie verfolgen, um

sie wieder zu fangen. Man konnte sie doch nicht so ohne weiters laufen lassen.

Atemlos holte er sie immer an derselben Stelle ein. Das war eine helle

Herbstnacht mit hastigen Wolken. Das flüchtige Licht war gerade geduldig

genug, um Bohusch eine Marmortafel erkennen zu lassen, auf welcher, halb von

wildem Gezweig verdeckt, stand: Vitězlav Bohusch, fürstlicher Portier. Und so

oft der Kleine das las, begann er immer mit gierigen Nägeln in Gras und

Schollen zu graben, bis er immer matter und der Atem der feuchten Erde immer

schwerer und dunstiger wurde und seine blutigen Nägel endlich kreischten auf

dem glatten Holz eines großen gelben Sarges. Und dann sah er sich auf dem

Kasten in der schwarzen Grube knieen und eine Sekunde oder zwei ratlos sein.

Bis immer dieselbe Lösung ihm kam: Man muß dieses Brett mit dem Kopf

durchdrücken können, wie eine Fensterscheibe. Hatten sie ihn nicht immer

gehöhnt um seines schweren Schädels willen? Also zu etwas muß er doch gut

sein, nicht? Krach! Das Brett weicht – natürlich – wie eine Fensterscheibe, und

der Bohusch holt sich mit heißer Hand aus dem dumpfen Dunkel die Brust des

Vaters und schnallt sich dieselbe wie einen Harnisch um die schüchternen

Schultern, und er langt wieder hinein und sucht und sucht mit krampfigen

Fingern und schickt auch die andere Hand zu Hilfe und kann es gar nicht

begreifen, daß er mit beiden wunden Händen die Stimme des Vaters nicht finden

kann.

 

* * *

 

An den Abenden des frühen Frühlings ist die Luft von feuchter Kühle, die

sich leise über alle Farben legt und sie lichter und einander ähnlicher macht. Die

hellen Häuser am Quai haben fast alle den blassen Ton des Himmels

angenommen und nur ihre Fenster zucken dann und wann in heißem Leuchten

und verlöschen versöhnt in dem Dämmer, sobald erst die Sonne sie nicht mehr

aufstört. Dann steht nur noch der Turm von St. Veit in seinem ewigen greisen

Grau aufrecht da. »Er ist wirklich ein Wahrzeichen,« sagte Bohusch zu dem schweigsamen Studenten. »Er überdauert jedes Dämmern und ist immer ganz

gleich. Ich meine in der Farbe. Nicht?«

 

Rezek hatte nichts gehört. Er sah hinüber nach dem Kleinseitner

Brückenturm, wo man eben die Lichter anzündete.

 

Bohusch fuhr fort: »Ich kenne mein Mütterchen Prag bis ins Herz – bis ins

Herz,« wiederholte er, als wenn jemand seine Behauptung bezweifelt hätte,

»denn das ist doch wohl sein Herz, die Kleinseite mit dem Hradschin. Im Herzen

ist immer das Heimlichste und, sehen Sie, es ist soviel Heimliches in diesen

alten Häusern. Ich muß es Ihnen sagen, Rezek, denn Sie sind vom Lande und

wissen es vielleicht noch nicht. Aber es giebt da alte Kapellen, Jesus, und was da

für seltsame Dinge sind. Bilder und Ampeln, und ganze Kästen, Rezek, ich lüg'

nicht, ganze Kästen voller Gold. Und aus diesen alten Kapellen führen Gänge

weit, weit unter der ganzen Stadt durch, vielleicht bis nach Wien.«

 

Rezek sah den Verwachsenen von der Seite an.

 

»Bei meiner Seele,« beschwor der und legte die Hand auf die schiefe,

gedrungene Brust. »Ich hätt's ja auch nicht geglaubt. Nie, mein Leben nicht.

Aber ich hab's einmal gesehen, nicht in einer Kapelle, aber –«

 

»Wo?« forschte der Student plötzlich mit so entschiedenem Interesse, daß

der Kleine zusammenschrak.

 

»Sehen Sie,« sagte er, »Sie möchten's nicht glauben. Aber in unserem Keller

da ist ganz am Ende eine Vertiefung, so etwa zwei Stufen abwärts und dann ein

Loch in der Mauer, gerade so groß, daß einer durchkrauchen kann – so –

natürlich auf allen Vieren.« Bohusch lachte sein zerbrochenes Lachen.

 

»Na und –« drängte Rezek, fügte aber ruhiger hinzu, während er zwischen

seinen lebendigen Fingern eine Cigarette formte, »was dann?«

 

»Ich wär' niemals hineingekrochen. Bewahre. Aber mir fiel mal die Kerze,

mit der ich hinuntergestiegen war, brennend zwischen alte Holzscheite. Mein

Schrecken! Na, Sie können sich vorstellen, Rezek, eine brennende Kerze in

altem, trockenem Holz. Ich finde sie endlich wieder; sie war verlöscht natürlich,

aber in lauter Angst grabe ich weiter. Es hätte doch ein Funke irgendwo darunter

sein können. Da gleite ich auf einmal mit dem Holz tiefer und sitze vor dem

Loch. Schau' hinein. Nicht möglich. Noch ein Keller, denk' ich. Ich leuchte.

Aber es ist nur ein Gang, und der führt weiß Gott wie weit, weiß Gott.«

Sie schritten jetzt ganz langsam den Quai abwärts, der steinernen Brücke zu.

Rezek that einen langen Zug aus seiner kleinen, ganz durchfeuchteten Cigarette

und sagte, ohne zu Bohusch herabzusehen: »Das ist selbstverständlich längst

vermauert, das Loch?«

 

»Vermauert?« kicherte Bohusch, »vermauert,« und konnte sich kaum fassen

vor Heiterkeit. »Wer so was vermauern soll?«

 

»Nun, Sie haben's doch jedenfalls angezeigt?« Der Student sah ärgerlich aus.

Seine dunklen Augen lauerten in dem blassen Gesicht, als wollten sie sich auf

die Antwort des Kleinen stürzen.

 

Der war eben erst wieder vernünftig: »Sie wissen ja, meine Mutter, – der hab

ich's erzählt. Und sie hat gesagt: ›Ein Loch? Was geht uns das an, Bohusch. Leg'

das Holz wieder davor, wie es war.‹ Und da hab' ich also das Holz davor gelegt,

so wie es war. Sie hat ja recht, was geht uns das Loch an.« Der Student nickte

zerstreut und sagte dann rasch: »Es ist doch noch kalt im April.« Er schob die

eckigen Schultern höher und nahm den schäbigen gelben Sommerüberzieher,

den er den ganzen Winter getragen hatte, vorn fest zusammen; »wollen wir da

hinüber ins Café? Ein Tschaj wird wohlthun. Kommen Sie.« Er schob seine

Hand unter den Arm des Buckligen und wollte ihn mitziehen. Bohusch sträubte

sich: »Aber, was glauben Sie, Rezek; wir waren lang genug im Café.« »Ja so,

mit d e n e n.« Der Student legte den Ton der Verachtung auf das letzte Wort.

»Ich will mit I h n e n plaudern, Bohusch; nicht mit diesen großen Herren, mit

diesen Künstlern.« »Was reden Sie denn,« staunte Bohusch, »das Volk muß stolz

sein auf sie.« Rezek blieb stehen und war ganz blaß: »Wenn diese Menschen

lieber stolz sein wollten auf das Volk. Aber glauben Sie mir, sie wissen nichts

von einander – das Volk nicht von ihnen und sie nicht vom Volk. Ich bitte Sie,

was sind sie denn, sind das Tschechen, ja? Schauen sie nur irgend einen an. Der

Karás schreibt in deutschen Zeitungen über unsere Kunst. Und unsere Kunst,

was ist das? Lieder vielleicht, wie sie das ganz junge, gesunde, kaum erwachte

Volk singen könnte? Erzählungen von seiner Kraft und von seinem Mut und von

seiner Freiheit? Bilder von seiner Heimat? Ja? Keine Spur. Davon wissen ja

diese Herren gar nichts. Sie sind ja nicht von heute, wie das Volk, das noch ganz

kindisch ist, voller Wünsche und ohne eine einzige Erfüllung. Sie sind ja über

Nacht fertig geworden. Überreif. Das ist ja soviel bequemer, als der lange,

eigene Weg durch Bedrückung hindurch, wie das Volk ihn gehen muß, das arme!

Fast mühelos ist das. Man importiert alles aus Paris: die Kleider und die

Gesinnung, die Gedanken und die Inspiration. Man war gestern Kind und ist

heute ein junger Greis, ein Übersättigter. Man weiß auf einmal alles. Und man macht danach seine Kunst. Man malt Greuelscenen und Orgien. Man sucht im

Weib die Dirne und verherrlicht sie in Romanen; dann verurteilt man in frivolen

Liedern diese Dirne und feiert die Mannesliebe in schweren Strophen, und

endlich ist man am Ziel: man verherrlicht nicht mehr und verurteilt auch nicht

mehr. Man ist dessen müde. Man ist ja so über alles hinaus. Man ist Mystiker.

Man ist überhaupt gar nicht mehr hier, in Böhmen zu Haus; iwo, man hat seine

Heimat irgendwo – was weiß ich – an dem Urquell des Lebens. Das ist doch

lustig. Nicht? Während das Volk sich rührt und zum erstenmal fühlt, wie jung

und gesund es ist und die neue zage Kraft des Anfangs in seinen Adern quillt,

schänden die Künstler seine Sprache dadurch, daß sie ihren Frühling für die

kranke Kunst eines Endes mißbrauchen?« Der Student hatte sich heiß und heiser

gesprochen. Sie standen immer noch an derselben Stelle. Vorübergehende

begannen aufmerksam zu werden und auch ein Schutzmann sandte von Zeit zu

Zeit einen mißtrauischen Blick herüber. Bohusch schaute schweigend zu dem

Studenten auf und er schien ihm jetzt ebenso hoch und stolz in die Nacht zu

ragen, wie drüben der alte Turm des Doms. –

 

Jetzt sagte Rezek mit veränderter Stimme, geärgert durch die Neugier der

Menschen: »So kommen Sie doch ins Café.«

 

Und Bohusch ganz unter dem Bann dieses Befehles, ging mit. Er konnte sich

gar nicht vorstellen, daß er hätte nein sagen können. Als sie aber an der Thür des

kleinen Cafés stillestanden, sagte er zaghaft: »Ich kann doch wirklich nicht, Herr

Rezek, verzeihen Sie, aber nun kann ich doch wirklich nicht. Meine Mutter, Sie

wissen ja. Sie erwartet mich am Abend. Und sie hätte Angst, wenn ich nicht

komme. Sie ist so. Entschuldigen Sie . . .«

 

Der Student unterbrach ihn kurz: »Dann begleit' ich Sie.« Er schien jetzt gar

nicht mehr zu frieren. Und sie gingen nach der Kleinseite. Schweigend. Als sie

an dem Schutzmann vorüberkamen, fühlte der Verwachsene, wie Rezek einen

dunklen, mißtrauischen Blick von dort auffing. Er schaute auf; aber der Student

hatte den Kopf schon abgewendet und spuckte gleichgültig nach der anderen

Seite, wobei er bemüht schien, den Eckstein zu treffen. Bohusch dachte nach; er

fühlte eine Verwandtschaft zwischen den schönen Gedanken, die ihm heute

Nachmittag im »National« gekommen waren und dem, was Rezek gesagt hatte

und was er nun noch sagen würde. Es war zum erstenmal, daß ihn diese

Empfindung überfiel, obwohl er oft mit dem Studenten zusammentraf; er hatte

ihn stets für dumm gehalten. Warum? Vielleicht weil er sonst so viel schwieg?

Deswegen hielt man ja wahrscheinlich ihn, Bohusch, für beschränkt.

Andererseits aber, wie schön war das an sich magere und häßliche Gesicht des Studenten während seiner begeisterten Worte geworden. Alles was eckig und

hölzern aussah in seinem Gesicht und in seinen Gesten erhielt eine Betonung ins

Erhabene: es wurde streng, herrisch, rücksichtslos. Dieser ganze, hoch

aufgeschossene junge Mensch, der zu schnell gewachsen, zu schlecht genährt

und zu erbärmlich gekleidet war, hatte für Bohusch ganz unversehens etwas

Elementares, Ewiges bekommen, und wie er so neben ihm hinging, wurde er die

Empfindung nicht los, daß er sich diesen Tag besonders merken müsse: Samstag,

den 17. April. Die Vorstellung wuchs in ihm ganz bestimmt und deutlich, aber

gleichsam im Hintergrund seiner Seele, während vorn sein eigenes Ich stand,

sich verneigte und zu Bohusch sprach: Das muß ich mir entschieden verbeten

haben, ganz entschieden! Du hast gar nicht das Recht, mein Lieber, alle Schätze,

welche ich dir, dem Bohusch, gebe, zu verschweigen. Heraus damit. Sprich. Die

Leute sollen wissen, daß ich reich bin. Ich weiß, was du sagen willst. Du bist

häßlich. Aber rede nur erst. Reden macht schön. Da hast du es gerade sehen

können. Versprich mir's. – Und der arme Bohusch gab seinem Ich das

Ehrenwort: Gewiß, von jetzt an werde ich reden. Und Bohusch wollte gerade

beginnen, als der Student neben ihm stehen blieb und über die Moldau hinwies,

auf deren hohen dunklen Wogen verlorene Lichter trieben: »Schauen Sie dort

den Vyschehrad, die alte Stammburg der Libuscha, und da den Hradschin und

hinter uns die Teynkirche, lauter Heiligtümer. Wenn die Herren zur

Vergangenheit flüchten, wie sie immer wieder behaupten, warum nicht zu

d i e s e r Vergangenheit. Warum erzählen sie uns vom Orient und von den

Kreuzzügen und vom schwarzen Mittelalter? Das ist eine künstlerische Frage,

sagen sie. Nein, sage ich: Das ist eine Herzensfrage. Das ist nicht Zufall, daß

ihnen jene entfernten Dinge ›liegen‹ und das Nahe, Vertraute ihnen nichts zu

sagen hat. Sie sind einfach Fremde. Und das Volk pflegt ängstlich seine alte

unbeholfene Tradition, die trotz aller Sorgfalt blasser und blasser wird von Enkel

zu Enkel, so daß es kaum mehr weiß von den lebendigen Reichtümern seiner

Heimat. Freilich! Es wäre doch auch zu erniedrigend für diese großen Herren,

das Volk vor seine heiligen Erbstücke zu begleiten und ihm in neuen, klaren

Worten zu sagen von ihrem alten Wert und ihrer geweihten Würde.«

 

Bohusch sah starren Auges die Steine des Gangsteiges an und sagte, wie sich

zwingend leise, immer wieder von Hüsteln unterbrochen:

 

»Sie haben recht, Rezek, Sie haben ganz gewiß recht. Ich kann das alles ja

nicht so gut verstehen; denn es ist gewiß nicht so ganz einfach, was Sie da sagen.

Aber recht haben Sie. Ich hab' mir das ja manchmal gedacht. Warum malt man

das und nicht das. Warum schreibt man so und nicht so . . . aber doch, wenn Sie mir gestatten wollen zu bemerken, daß die Dichter nichts vom Hradschin und

vom Teyn erzählen, das macht nichts, das macht nichts. Ich meine, – sehen Sie,

ich kenne mein Mütterchen Prag bis ins Herz, ja, und mir hat nie ein Dichter

davon was gesagt. Man muß nur groß werden mitten unter diesen Kirchen und

Palästen. Die brauchen, weiß Gott, keinen, der für sie spricht, die sprechen

selbst, mein' ich. Wenn man nur hören mag. O, was die für Geschichten wissen.

Lieber, ich will Ihnen einmal einige erzählen, ja? Oder noch besser: Sie sollen

meine Mutter davon reden hören.«

 

Rezek machte eine Bewegung der Ungeduld. Bohusch bemerkte es sogleich

und stockte einen Augenblick, dann: »Verzeihen Sie. Ich hab' eigentlich nur

noch sagen wollen . . . ja, also das mit dem Hradschin ist nicht schade, aber das

andere. Das, was nicht Vergangenheit ist. Die Gassen da und diese Menschen

und dann besonders die Felder hinter der Stadt und die Menschen dort. Das

haben Sie doch sicher auch schon gesehen: Ein Feld, wissen Sie, so ein Feld

ohne Ende, traurig und grau. Und der Abend dahinter. Und nichts, nur ein paar

Bäume und ein paar Menschen; und die Bäume gebückt und die Menschen auch.

Oder so im Steinbruch, wie sie da draußen hinter Smichov sind. Von dem

grauen, kahlen Berg rollen die kleinen Kiesel herunter in die Schuttmulde. Wie

das klingt. Ja, das ist auch ein Lied; und unten sitzen Männer und behauen den

ganzen Tag die grauen Steine und machen kleine, brave glatte Würfelchen aus

ihnen und sehen die Sonne trüb durch die Horngläser, die sie vor den Augen

haben. Und die jüngeren von ihnen vergessen manchesmal und heben leise zu

singen an, kein ausgelassenes Lied, bewahre, irgend eins, das zum Takt paßt

»Kde domov muj« oder so was. Und dann horchen alle. Es dauert aber nicht

lang. Dem Jungen fällt bald ein, daß der Kieselstaub zu scharf ist, schlecht für

die Lunge, na, und da ist er halt wieder still . . . Aber – Sie müssen verzeihen –«

der Kleine sah hilflos umher, faßte sich aber wieder, als er sah, daß das Auge des

Studenten ernst und aufmerksam auf ihm ruhte. Er empfand dies als Sieg und

mit mehr Sicherheit als bisher fuhr er in seiner Rede fort: »ich hab' nur noch

sagen wollen: Warum malen sie das nicht, warum? Warum dichten sie nicht so

was. Das ist doch tschechisch – es ist ja so traurig.«

 

Rezek nickte nur und sagte: »Glauben Sie, daß das Volk sehr traurig ist?«

 

Bohusch sann nach: »Freilich,« meinte er dann zögernd, »eigentlich kenn'

ich ja so wenig; ich komm' ja nie weit hinaus. Aber ich glaub' es doch.«

 

»Warum?«

»Warum, fragen Sie? Gott, weiß ich's? Die Eltern sind traurig und die Kinder

sind es auch und bleiben es. Sie sehen, kaum daß sie laufen können, den

traurigen Nepomuk vor der Thür, der den Gekreuzigten im Arm hält, und die alte

Weide am Dorfteich und die Sonnenblumen im kleinen Garten, die so früh müde

werden in der stillen Sonne. Macht das froh? Und dann lernen sie so zeitig den

Haß. Die Deutschen sind überall und man muß die Deutschen hassen. Ich bitte

Sie, wozu das? Der Haß macht so traurig. Sollen die Deutschen thun, was sie

wollen. Sie verstehen unser Land doch nicht und deshalb können sie uns es

niemals fortnehmen. An den Grenzen, da giebt es ja wohl große Wälder und

Gebirge, wo die Deutschen ganz fest sitzen, nicht wahr? Aber die umrahmen

doch eigentlich nur das Land. Was dazwischen liegt, die vielen Felder und

Wiesen und Flüsse, das ist unsere Heimat, das gehört uns, wie wir dazu gehören

mit allem in uns.«

 

»Als Sklaven,« – warf Rezek verächtlich ein.

 

»Sagen Sie das nicht. Bitte. Nicht als Sklaven. Als Kinder. Vielleicht als

nicht ganz anerkannte, nicht ganz erbberechtigte Kinder – augenblicklich. Aber

doch als echte, natürliche Kinder. Sie müssen's doch fühlen. Sie sagen selbst: das

Volk ist ganz jung und gesund, dann wird es ja wohl auch stark sein und sich

nicht ergeben. Möglich, daß einer oder der andere Ketten trägt – heute. Das geht

vorüber. Ich weiß, da hat einer ›Sklavenlieder‹ geschrieben, einer von den

Älteren. Der hat nicht recht. Kein Redlicher in unserem Volk macht Lärm mit

den Ketten. Sicher nicht. Er hebt sie sogar beim Gehen vorsichtig in die Höhe,

damit die liebe Erde nichts merkt von seinem Elend . . . So sind die Aufrichtigen

von uns.«

 

Jetzt waren sie gerade am Anfang der Brückengasse angelangt, drängten sich

durch die dichteren Mengen der Fußgänger und bogen eilig in die erste, enge

Seitengasse ein. Beim Schein der nächsten Laterne betrachtete der Student

seinen Begleiter mit unverhehltem Erstaunen; er schüttelte den Kopf, schien

irgend etwas auf den Lippen zu zerdrücken und sagte: »Sie sind ein Redner,

Bohusch.«

 

»O,« machte der Kleine und sah ganz beschenkt aus.

 

»Nein, im Ernst. Nur müssen Sie sich sagen lassen. Das mit den Deutschen

. . . Wenn Sie vernünftig sind, vielleicht braucht Sie das Volk noch einmal.«

 

»Waaas?« machte Bohusch und wollte lachen aus Schrecken und

Verlegenheit. Aber Rezek hatte die Lippen fest zusammengepreßt, sah sehr ernst aus und schwieg. Da wurde dem Buckligen sehr bange. Er drängte sich näher an

den Studenten heran und flüsterte:

 

»Das denk' ich mir ja nur alles so. Wirklich. Ich weiß ja nicht. Vielleicht ist

es ja auch anders. Ich kann's ja auch nicht so sagen. Sie müssen nicht schlecht

denken von mir, Herr Rezek.« Und auf einmal wurde er ganz verzagt. »Sehen

Sie, ich bin ja so ein armer Kerl. Wenn Sie wüßten, wie arm ich bin; am

Vormittag da schreib' ich ab in der Redaktion, und am Abend, da bin ich bei der

Mutter, sie ist so alt und sieht fast nichts mehr. So ist es jeden Tag. Und am

Sonntag, wenn ich meine Frantischka sehe, wissen Sie, wo wir dann bleiben?

Auf der Malvasinka. Dort wo die grünen Kreuze stehen, eins wie das andere.

Lauter Kinder liegen dort, und auf den schmalen Blechtafeln steht immer nur

irgend ein Vorname, ›der kleine Karel‹ oder ›die kleine Marie‹ und ein Gebet

dabei. So ist das dort. Und dort bleiben wir am Sonntag. ›Hier sind wir allein,

milatschku,‹ sagt meine Frantischka. ›Ja, sag' ich, Frantischka, hier sind wir

allein.‹ Und dabei weiß ich, daß wir bei lauter Toten sind. Macht das was? Es ist

ja immer noch was dazwischen, manchmal Frühling, manchmal Schnee. – Ach,

ich bin ja so ein armer Kerl.«

 

»Nun, nun,« beschwichtigte Rezek, und sie standen schon vor dem Hause, in

welchem der Bohusch unter dem Dach zwei Stuben mit seiner alten Mutter

teilte. Der Student schien es eilig zu haben. »Sie sind mir also nicht bös, Herr

Rezek,« bat der Bucklige. »Dazu ist doch kein Grund,« meinte jener hastig, »und

gute Nacht. Ich seh' Sie ja wohl, morgen im Café!«

 

»Ja, morgen, vielleicht – obzwar es ist Sonntag, da muß ich mit meiner

Frantischka – ja – gute Nacht.«

 

Rezek, der schon ein paar Schritte gemacht hatte, kehrte plötzlich zurück. Er

legte die unruhige Hand auf die Schulter des Kleinen und fügte ohne besondere

Betonung sehr hastig an:

 

»Wirklich, Sie haben mich neugierig gemacht, Bohusch, das haben Sie.

Möchten Sie mich nicht mal in den Keller führen?« . . .

 

»Keller?«

 

»Ach, Sie wissen doch, zu jenem Loch.«

 

»O ja, wenn Sie wollen, gewiß.«

 

»Gut, also bald, wann?. . .«

»Wann Sie wollen.«

 

»Morgen früh?«

 

»Morgen früh.«

 

Und sie bestimmten die Stunde. –

 

* * *

 

Es hatte niemand bemerkt, daß Bohusch am Sonntag früh einen Gast in den

Keller des alten finsteren Hauses in der Hieronymus-Gasse geleitete. Die beiden

waren ja auch so behutsam hinabgestiegen, als gelte es einen Schlafenden nicht

zu wecken, hatten unten das Holz fortgeräumt und dann war der Fremde, der

sehr schweigsam war, mit der Laterne in den geheimen Gang gekrochen. Der

Bucklige stand und starrte ihm nach. Noch eine Weile blieb das Loch hell, dann

erloschen dort an den Kanten die Lichtstreifen und dann flatterten ein paar

Reflexe in dem schwarzen Rahmen her und hin, schlugen sich an den Mauern

die Flügel wund und fielen tot in das grenzenlose Dunkel. Bohusch lauschte.

Schritte hallten fern und immer ferner. Da wurde ihm mit einemmale angst. Er

dachte: Wozu thut er das? Endlich hörte er keine Schritte mehr, und jetzt begann

er zu rufen. Seine Worte hatten einen seltsamen Klang; sie trugen das Schlagen

seines Herzens mit, welches er in der Kehle spürte und welches immer wilder

und ungestümer wurde: »Geben Sie acht. Rezek! – Rezek, gehn Sie nicht weiter.

Was machen Sie denn? Aber, aber! Sie dürfen nicht weiter gehn. Hier, hier.

Hören Sie? Jesus Maria, wo sind Sie denn? Keine Dummheiten; man kann nicht

wissen . . .« Plötzlich fiel das volle Licht der Laterne auf ihn; das kam so

überraschend, daß der Kleine noch eine Weile alle Zeichen des Schreckens und

der Furcht behielt und in seiner atemlosen Verwirrung drollig genug aussah.

Rezek war mit einem Sprung neben ihm, schien ihn aber gar nicht zu bemerken.

Eine gewisse Befriedigung leuchtete in seinen dunklen Augen auf, erlosch

schnell und es kam jene strenge Verschlossenheit über sein Gesicht, welche jede

Linie versteinerte. »Nun?« brachte Bohusch endlich heraus, und nahm dem

anderen die Laterne aus der Hand, um das Licht recht nahe und recht sicher zu

haben. Der Student kam ihm auf einmal recht einfältig, fast ein wenig komisch

vor, und als er gar bemerkte, daß er in seiner Furcht die ganze Zeit nach der

entgegengesetzten Seite, wo gar kein Loch war, gerufen hatte, schmolz seine

Beklemmung, sie floß gleichsam von seiner Gestalt herunter in einem unbändigen, blechernen Gelächter. Er war jetzt in der Stimmung alles heiter zu

finden, und ihm erschien es ein köstlicher Spaß, daß der hagere Student das Holz

wieder vor die geheime Thüre schichtete und sich dabei so wichtig und

weihevoll benahm. Im Hinaufsteigen bat er Rezek, er möchte jetzt doch zu ihm

hinauf kommen. Seine Mutter sei gewiß auch noch zu Hause und er würde es

nicht bereuen, schöne Geschichten zu vernehmen und vielleicht auch ein

Gläschen Gilka (ja, solche Köstlichkeiten besäße er, der arme Bohusch) zu

trinken. Der Student entschuldigte sich kurz. Er hätte dringende Verpflichtungen

und würde ein anderesmal kommen. Übrigens sei das recht interessant gewesen

da unten – und er danke auch vielmals. Bohusch war sehr enttäuscht; er hätte

jetzt so gerne erzählen mögen. Aber Rezek ließ sich nicht erbitten. Er grüßte

flüchtig, ging und vernahm noch wie der Bucklige, der übereifrig die Treppen

hinaufwatete, im ersten Stock irgendwem einen sehr lauten »Gutenmorgen«

zurief. Der Student schritt hastig die Brückengasse aufwärts. Er fiel auf wie eben

ein arg Beschäftigter unter Müßigen auffällt, und seine schwarze, schlanke

Gestalt schien sich an diesen lichten und langsamen Sonntäglern, die der Niklas-

Kirche zuströmten, fortzuhelfen.

 

Unter der feierlichen Menge tauchte nicht viel später die arme Gestalt des

›König Bohusch‹ auf. In dieser Gegend kannten ihn die meisten, wußten den

Spottnamen, den er, weiß Gott weshalb, seit seiner Schulzeit trug, und

übermütige Jungen riefen ihm wohl auch kichernd ein ›König Bohusch‹ in den

Rücken, der unter dem schwarzen Sonntagsrock noch viel runder und häßlicher

war. Der Verwachsene ließ sich dadurch nicht stören, trieb eine Weile mit der

Menge, kehrte aber dann um und ging, immer lächelnd, der Altstadt zu. Er

wollte jemanden begegnen; er fühlte sich aufgelegt, irgendwem zu erklären, daß

das Leben, mochte es seine Kanten haben, im allgemeinen doch etwas ganz

Treffliches ist, daß die Tschechen ein patriotisches und prächtiges Volk seien und

Prag eine Stadt – (»bitte, sehen Sie nur mal dieses Rudolfinum an,« – hätte er

jetzt gesagt) – eine Stadt die ihresgleichen nicht nebenan hatte. Die Möglichkeit,

jemanden zu finden, war am größten in der Ferdinandstraße und ›am Graben‹,

auf deren breiten Gangsteigen das ganze moderne Prag den Sonntagmittag

verbringt, und er lenkte dorthin ein, in der Hoffnung, den oder jenen zu sehen –

mochte es selbst Machal oder Pátek sein. Kaum dachte er so, erkannte er Pátek.

Der mondäne Novellist schritt knapp vor ihm her. Er trug einen ganz neuen

lichtgrauen Anzug, durch welchen er gewissermassen den etwas zaghaften

Frühling protegierte, und die scharfe Bügelfalte blieb bei seinem Schreiten

ungebrochen und reichte tadellos bis zu den leuchtenden Lackschuhen hinab, die

er mit Grazie zur Geltung zu bringen wußte. Als Bohusch, der ihn überholte, ihn anredete, legte er die Hand mit dem Handschuh (Café au lait, 6¾) nachlässig an

die Krempe des niedrigen Cylinders und machte nicht viel Miene, sich in ein

Gespräch einzulassen. Aber Bohusch war so froh, wen gefunden zu haben, daß

er seine Schüchternheit vergaß, keine Aufforderung abwartete und einfach

mitging. Pátek warf auch dann und wann irgend ein Wort herunter, das heißt er

ließ es fallen, und achtete wenig dessen, ob der Kleine diese kostbaren

Fragmente auffing, oder nicht. Dieser dagegen sprach unaufhörlich und ruhte

sich dann und wann in seinem lauten Lachen aus. Alles bot ihm Stoff. Seine

Witze, die nicht immer ganz glücklich waren, erregten rechts und links

Aufmerksamkeit oder Unwillen und der vornehme junge Mann, der nach allen

Seiten hin Grüße erteilte, fühlte sich recht unangenehm in Gesellschaft dieses

›verunglückten Proletars‹, wie er Bohusch zu nennen pflegte. An der nächsten

Ecke that er so, als bemerkte er einen guten Bekannten auf der anderen Seite der

Straße; er blinzelte eine Weile hinüber, murmelte etwas Unverständliches und

hüpfte, ehe Bohusch begriff, worum es sich handle, davon. Der Bucklige ging

weiter, stand nach zehn Schritten aufs neue still, suchte die Gestalt des

Flüchtlings in dem Strome drüben, und erkannte, daß Pátek allein ging. Da

verlosch das Lachen auf seinem breiten Gesicht; er warf jemandem, der ihn im

Vorbeigehen gar nicht heftig gestreift hatte, ein Schimpfwort zu, wandte sich um

und bohrte sich mit rücksichtslosen Schultern in eine Seitengasse durch, wo

keine Sonne und kein Mensch war. Thränen hatte er in den Augen. – Eine Weile

dachte er daran, Schileder in seinem Atelier aufzusuchen. Dort war er immer

geduldet. Wenn der Maler auch gerade beschäftigt war, er durfte sich mit irgend

einer Mappe in eine weiche Ecke des großen Raumes verkriechen und konnte

stundenlang Bilder betrachten und seine Blicke die hohen Wandsimse entlang

schicken, auf welchen die unvereinbarsten Dinge, die abenteuerlichsten Geräte

standen und sich vertrugen hinter den dichten Schleiern eines jahrealten Staubes.

Er hatte oft Stunde um Stunde unbeachtet dort gesessen, und wenn er irgendwo

ein Stück Samt oder eine bunte, faltenleuchtende Seide entdecken konnte, hatte

er das Laken nicht mehr aus dem Auge gelassen, und der Maler hatte es ihm

gerne geschenkt. Dann war er immer hastig seine vier Treppen hinaufgestürmt,

wild vor Ungeduld, mit dem Stück Zeug angethan, vor den Spiegel zu treten. Ja,

der arme Bohusch empfand seinen schwarzen Rock, der ja übrigens auch zu alt

war, als ein recht schlechtes, unwertes Sonntagskleid, und träumte schon als

Kind davon, in außergewöhnlichen und prächtigen Kleidern unter die Menschen

gehen zu können. Er hatte ja auch, nur damit er das rote Chorhemde bekäme, in

der Schulzeit bei dem Hochamt ministriert und, nur um der glänzenden Uniform

willen, wäre er später am liebsten Soldat geworden. Das war alles lang vorbei

und er konnte nun nicht mehr hoffen, jemals etwas anderes, selbst bei der größten Festlichkeit anzuziehen, als diesen schwarzen, schäbigen Rock, es sei

denn, daß die Frantischka sich doch noch entschlösse, ihn zu heiraten; zu dieser

Feier würde er sich ohne Zögern einen neuen machen lassen, und der müßte

dann einen breiten Samtkragen haben. Auf diesen Tag wartete auch noch des

Vaters gestickte Weste, welche Bohusch sich dann zurecht schneidern lassen

wollte, – erst bis es an der Zeit war. Nur nicht umsonst das Geld ausgeben. Und

ob es jemals an der Zeit sein würde?. . . Den letzten Sonntag hatte Bohusch

vergeblich auf die Geliebte gewartet. Wie, wenn sie heute wieder ausbliebe?

 

Auf den ärmeren Friedhöfen, wo keine mächtigen Marmordenkmäler von

Gärtnerhand mit berechnender Kunst verziert werden, ist es so: der Frühling, in

seiner Unschuld, tritt ein, und das Klirren der rostigen Gitterthür ist der letzte

Lärm, den er vernimmt. Er ahnt nicht, wo er ist. Aber es gefällt ihm wohl in

diesen stillen Mauern, hinter denen weit das Leben wogt und bei diesen kleinen

Engelchen aus glänzendem Thon, die die Hände gefaltet haben und zu ihm

beten. Zu wem denn sonst? Auch giebt es für die jungen, ängstlichen Winden

keine bessere Stütze als so ein Kreuz, darauf sie, wenn sie mal so hoch sind, wie

zum Lohn nach rechts oder links sich ausstrecken dürfen, soweit es ihnen gefällt.

Und weil es ihm doch so gut geht, wird der Frühling an einem solchen Orte

früher groß als anderswo. Die kleine dunkle Gestalt des Bohusch wenigstens

ging geradezu verloren in dem Getümmel von Primeln und Anemonen, und über

ihm lauerte der Wind in einem Baum, der Blüten hatte, ehe ihm Blätter kamen,

und schickte ihm dann und wann eine Blüte in den Schoß und schaukelte so

schalkhaft mit den zieren Zweigen, als wollte er den Einsamen in der nächsten

Sekunde doch über und über verschütten. Der Bucklige aber war nicht gelaunt,

ihn zu verstehen. Er stäubte die Blüten mürrisch von seinen schwarzen Ärmeln

und schaute an dem sonnigen Sonntag vorbei in einen anderen – ganz anderen

Tag. Das war auch auf einem Kirchhof. Vor drei Jahren ungefähr. Ein paar

schwarzgekleidete Leute standen um das offene Grab. Die Männer in einer

gewissen kavaliermäßigen Vornehmheit mit großen Bärten oder ganz glatt

rasierten Gesichtern, jene Falten um die Lippen, welche nach allgemeiner

Übereinkunft Zeichen der Trauer und Ergriffenheit sind, die Frauen, viel

unbedeutender, mit Taschentüchern in den Händen, und im Mittelpunkt dieser

ernsten Gruppe, eine kleine, hilflose, weißhaarige Frau. Sie war ganz überwältigt

von ihrem Schmerz, er hatte sie ganz in Besitz genommen. Jedes Zucken ihrer

armen Gestalt, jedes Flehen ihrer erstickten Stimme gehörte ihm. Deshalb hatte

sie auf alles um sich her vergessen, auch auf ihren Sohn, den armen Bohusch.

Der war arg erstaunt. So hatte er die Mutter nie gesehen. Ihm selbst war gar nicht

außergewöhnlich zu Mute. Er dachte einfach darüber nach, wie denn der Vater in dem Sarge habe Raum finden können. Die Truhe hatte nicht übermäßig groß

ausgesehen, und wahrscheinlich mußte er s o liegen. Dabei stellte er sich den

Vater vor, wie er die Kniee ein wenig emporgezogen hatte und überlegte, daß,

wenn dem Toten irgendwann der allerdings ganz unerhörte Einfall käme, die

Beine zu strecken, die gelbe Kiste ganz gewiß nachgeben würde, unten oder

oben. Von solchem Sinnen erfüllt, wartete er ruhig ab, bis die Gesellschaft den

Rückweg antreten würde. Als aber auch jetzt seine unaufhörlich schluchzende

alte Mutter ihn gar nicht kennen wollte vor Schmerz, wurde ihm sehr bang. Er

konnte ja nicht begreifen, daß die arme kleine Frau alle vierzig Jahre ihrer Ehe,

die ersten zwei vielleicht ausgenommen, aus Furcht vor ihrem Mann, der keine

Scene ertrug, niemals zu weinen gewagt hatte und nun unbewußt, im erlösenden

Genuß einer gewissen Befreiung alles Versäumte, ein Jahr nach dem andern

herunterweinte. Und vierzig Jahre weinen sich nicht so im Handumdrehen.

Ratlos sah Bohusch von einem zum andern. Sie gingen alle an ihm vorbei, die

Freunde und Genossen des Verstorbenen und die Taktvollsten unter ihnen

drückten ihm schweigend die Hand, wobei der dazugehörigen Frau jedesmal die

Augen übergingen, und der fürstliche Kammerdiener sagte in ausländisch-

korrektem Hochdeutsch: »Er war noch gar nicht alt, Ihr Vater.« Damit wollte er

betonen, daß der verstorbene Portier um zwei Jahre älter war, als er selbst, der

englische Kammerdiener Sr. Durchlaucht. Bohusch wurde unter jedem

Händedruck immer ängstlicher, es kam ihm jetzt erst in den Sinn, daß sich da ja

doch etwas Außergewöhnliches begeben haben müsse, und bange von der steifen

Feierlichkeit dieser Menschen, blieb er mehrere Schritte hinter dem Zuge

zurück. Da fühlte er plötzlich, wie zwei Arme sich zu ihm senkten und als er

aufsah, hatte ihn ein junges blondes Frauenzimmer gerade auf die Stirne geküßt.

Sie hatte kühle Lippen, das fühlte er und was ihm noch lieber war: sie weinte

nicht. Sie hatte nur sehr, sehr traurige Augen. Aber als der Bucklige ihren Blick

fand, mußte er an einen dunklen Wald denken. An nichts Schreckliches, nur an

einen dunklen Wald und drin läßt sichs ja wohl wohnen. So waren ihm die

traurigen Augen gleich lieb, die traurigen Augen seiner Frantischka. – Übrigens:

es kannte niemand das Frauenzimmer damals, keiner in der ganzen

Trauergesellschaft wußte ihren Namen; sie war eben mitgekommen. Am Thor

des Kirchhofs standen zwei alte Bettelweiber, Rosenkränze zwischen den welken

Fingern. Sie waren beim 17. ›Gegrüßet seist du . . .‹; als Bohusch mit seiner

neuen Freundin, Hand in Hand, vorüberkam, unterbrachen sie ihr Gebet und die

eine sagte grinsend: »Die da mit dem Buckligen, das war die Liebste von dem

Seligen.« Und ihr zischendes Kichern wurde nach und nach das 18. ›Gegrüßet

seist du.‹ Bohusch aber hatte das nicht gehört. – Er sah das blonde Mädchen

wieder und als sie ihm einmal mit der Hand über die Stirne strich und sagte: »Du bist ein so guter, guter Kerl,« da küßte er ihr diese Hand, und das Herz schlug

ihm hastig dabei. Er hatte gefühlt, wie es ihm eiskalt über den Rücken lief und

wie ihm im Kopfe alles polternd zusammenfiel, hatte seine Hände

ineinandergepreßt, daß er hätte schreien mögen vor Schmerz und hatte, statt zu

schreien geflüstert: »Du bist meine Liebste, nicht wahr?« und da hatte sie

gelacht, laut gelacht und genickt und ihre Augen waren voll der lieben

Traurigkeit. Das war aber doch schon lang, und der Bohusch, der jetzt unter dem

Blütenbaum auf der Malvasinka saß, hätte die Frantischka so gerne wieder

darum gefragt. Statt dessen sah er starr dem Abend in das rote Gesicht und

wußte: nun kommt sie nicht mehr. Es war auch nicht die kleinste Hoffnung in

ihm, aber gleichwohl blieb er zwischen den Hügeln und Kreuzen sitzen, gebannt

durch den dunklen Wunsch, hier wohnen zu dürfen ganz mit dem gleichen

Recht, wie die vielen Nachbarn. Was müßte er denn dazu thun? Gott, seine

Augen müßten diese Türme dort, diese Dächer, diesen leise zerfließenden Hang

einfach loslassen, Abschied nehmen müßten sie von dem Himmel, von dem

ersten Abendstern, und etwas, was tief in ihm ist, müßte noch einmal Atem

holen und ›Frantischka‹ sagen und dann nicht mehr. Das wäre alles und ist das

so schwer? – Es mußte doch schwer sein, denn Bohusch erhob sich und ging den

rinnigen Fahrweg abwärts durch die breite Hauptstraße hin. Ein grauer

flimmernder Nebel sickerte dort nieder und hielt die Gasflammen gleichsam in

der Luft gefangen, so daß sie nichts von ihrem Licht herunterstreuen konnten auf

die dichten Scharen müder Ausflügler, die gespenstisch sich erst zwei Schritte

vor dem Einsamen aus der Unermeßlichkeit formten, und hart hinter ihm in das

Nichts zurücksanken. Und wenn der Bohusch seinem innersten Instinkt nach

immerzu gegangen wäre, ohne aufzusehen, er wäre gewiß in die Moldau

gekommen, die vom Eisgang her noch heftig war, so, wie ein matter Gaul den

Weg in den stillen Stall findet – ohne aufzusehen. Aber Bohusch s a h a u f. Die

Nebel um ihn begannen zu ihm zu reden in mächtigen, wachsenden Klängen,

und alle Türme, von denen er früher hatte Abschied nehmen wollen, erhoben

ihre feierlichen Avestimmen. Es war, als würde oben über den Dächern, hinter

den undurchdringlichen feuchten Falten, irgend ein großes Fest begangen, und

die Seele des Verwachsenen war plötzlich oben und ehe er es hindern konnte,

ging sie auf in dem mystischen Jubel der Lüfte. Und da stand der arme Bohusch

und sah ihr nach. – Er mußte daran denken, daß über acht Tage Ostersonntag war

und das erfüllte ihn mit soviel Freude, daß er lächelnd bei seiner alten Mutter

eintrat und den ganzen Abend so drollige Dinge zu berichten wußte, daß der

alten Frau vor lauter Lachen schwach und schwindlich wurde. Was that es, daß

Bohusch später träumte, Frantischka und er sollten heiraten. Er sah das alles

genau bis zu den allerkleinsten Einzelheiten, bis zu den Granatohrringen, welche wie Blutstropfen an den Ohrläppchen seiner Braut hingen. Und alles ging

ordentlich. Die Trauung war in der großen Kuppelkirche von St. Niklas, und

auch den Pfarrer erkannte Bohusch gleich wieder. Bis dahin war es vernünftig

und so wie am lichten Tage. Aber mit einemmale wurde es ganz seltsam. Ein

junges, oh, ein so junges Mädchen umfaßte die Braut, die vor dem Altare neben

ihm kniete und schrie: »Ich laß dir ihn nicht, ich lieb' ihn so!« Das schrie sie

ganz laut, ganz wild – obwohl es, ich bitte, in der großen und ernsten Kirche von

St. Niklas war. Es war nur natürlich daß der Bräutigam – (er trug übrigens richtig

einen neuen Rock mit dunkelrotem Samtkragen) – sich dieses ganz junge

Mädchen, welches ihn so liebte, genauer ansehen wollte. Er erkannte die Carla,

das war Frantischkas jüngere Schwester, welche er nur flüchtig kannte, und war

sehr erzürnt über diese Störung. Als er aber doch besser zusah, gewahrte er, daß

dies blonde Kind ein Nonnenkleid trug und – erschrak vor Freude so jäh, daß er

auffuhr und erwachte. Es dauerte eine Weile, ehe er, im Bette sitzend, sich

zurecht fand. Dann rechnete er, wie weit es war bis zum grünen Donnerstag; und

als sich nur drei Tage dazwischen fanden, lächelte Bohusch und schlief mit

diesem Lächeln, traumlos, in den Morgen hinein.

 

* * *

 

Der Platz vor der königlichen Burg in Prag sieht trotz der ärmlichen Allee,

welche ihn überquert, sehr vornehm aus. Das macht: er ist ganz von Palästen

umrahmt. Am mächtigsten wirkt die breite Stirne der alten Königsburg mit dem

großen, weißen Vorplatz, hinter dessen barocken Gittern der unermüdliche

Wachposten auf und ab pendelt. Das Stammhaus des Fürsten von Schwarzenberg

und ein anderes, etwas langweiliges Gebäude schauen wie in steter Verbeugung

begriffen herüber, und zur Rechten des Schlosses wacht in etwas protziger Pose

der neugestrichene Palast des Erzbischofs über die kleinen Wohnhäuser der

Prälaten und Domherrn, die sich nahe an ihren mächtigen Patron

heranschmeicheln. An einer Ecke nur, zu seiten der Burg, wo die Schloßstiege

und die steile Spornergasse münden, ist eine Lücke geblieben, und tief drinnen

liegt in herrlichen Panoramen, zwischen den Laurenziberg und das Belvedère

gedrängt – Prag – dieses reiche riesige Epos der Baukunst. Voll Licht und Leben

spannt es sich aus vor den Augen des Hradschin und zu seinen alten fügen sich

immer würdig neue, glänzende Strophen. Am anderen Ende der Häuserreihe, die

einerseits durch diesen lichten Lugaus begrenzt erscheint, liegt ein armes,

einstöckiges altes Gebäude, das tagaus tagein dasteht mit den Händen vor den Augen und nichts schauen will von der nahen Pracht. Die Kinder der ganzen

Umgebung gehen mit scheuem Schauern an seinem ernsten Schweigen vorbei,

und lassen sie sich mal von diesem Hause erzählen, so schlafen sie wohl die

ganze Nacht nicht oder sie haben heiße Träume, in denen blasse Nonnen

seltsame Dinge thun. Freilich, das mußte der jungen Phantasie aber auch Flügel

geben, zu hören, daß die Barnabiterinnen, welche für immer in diesen grausamen

Mauern ihr stummes Sterben leben, auch untereinander nie ein Wort tauschen,

und sich nicht einmal soviel Sonne schenken dürfen, als Eine in dem Auge der

Anderen finden kann; daß sie ihre, von bangen Gebeten zerrissene Nacht in den

Brettersärgen überstehen mußten, in denen man sie endlich – wohl nicht in zu

langer Zeit – in das Stück Erde legte, das im Innersten der dunklen Wände sein

sollte und zu dem gewiß niemals der Frühling fand. Der Bruderorden dieser

Barnabas-Büßer ist längst ausgestorben. Die halbzerfallenen Schädel der beiden

letzten Genossen liegen auf einem Steinaltar in den vergessenen

Gruftkatakomben von Santa Maria della Victoria und genießen die gebetlose

Ruhe des Vermoderns. Aber die Schwestern sind viel zäher im Leiden. Als vor

etwa fünfzehn Jahren zum letztenmal die rostige Rast der Thürangeln gestört

wurde, da wollten weißhaarige Leute aus der Nähe, Betschwestern mit nicht

ganz zuverlässigem Gedächtnis – wollten wissen, daß zu den sieben noch

lebenden Schwestern eine achte hinzugekommen sei – aber das waren doch nur

ziemlich haltlose Vermutungen. Wohl aber hatten auch jüngere und

scharfsichtigere Menschen in den Wagen geschaut, welcher das neue Opfer

brachte und diese beschworen, daß dies ein ganz junges Mädchen von

unbeschreiblicher Schönheit und Vornehmheit gewesen sei und sagten, es sei

sündhaft, diese Fülle seltener Anmut in dem schrecklichsten aller Klöster

verwelken zu lassen. Und sie sagten noch manches; das Manche aber war

Geschwätz, das sich auf die Gründe bezog, welche diesen frühen

Lebensabschied hervorgerufen haben mochten; da baute man große romantische

Geschichten auf, die verschiedensten Dolche blitzten in den unterschiedlichsten

bengalischen Feuern, und die dämonischesten Prinzen aller Ammenmärchen

sogen Lebensmöglichkeit aus diesen Vermutungen. Man wußte natürlich gewiß,

daß irgend ein lautes und fürchterliches Ereignis hinter diesem Entsagen stünde

und vergaß wie immer, daß es vielleicht ein ganz leises Erleiden, eine jener

tiefen, lautlosen Enttäuschungen gewesen sein konnte, welche den zartesten

Seelen die dunkelgewußte Gewißheit geben, daß Gipfel und Abgründe des

Erlebens vorüber sind, und daß nun die weite, weite Ebene mit den kleinen

Gräben und lächerlichen Hügeln beginnen würde, durch die zu wandern so müde

macht. Das schöne müde Kind kam aus dem hohen finstern Fürstenhaus in der

Spornergasse, in dem auch Bohusch seine scheuen Knabenspiele spielte, und der Tag, an welchem der geschlossene Wagen die Prinzessin Aglaja ihrer neuen

einsamen Heimat zuführte, war auch für ihn, den damals Halbreifen, ein

Abschnitt. Eigentlich konnte er sich gar nicht vorstellen, wie die Prinzessin zu

jener Zeit aussah; er trug in seinem Innern ihr Bild aus den Tagen, da ihr

goldenes Lachen wie eine verirrte Schwalbe durch die ernsten Hallen flatterte

und sich endlich, der steifen und entsetzten Engländerin zum Trotz, in den freien

Weiten des rauschenden Parkes verlor. Dort begegneten die beiden Kinder

einander ziemlich oft und schwatzten und scherzten und haschten einander, wie

es eben Kinder thun, die einen Zwang losgeworden sind: Aglaja ihre

Gouvernante und Bohusch seine stille treue Traurigkeit. Es folgten dann Jahre,

in welchen der Portierssohn die inzwischen Dame gewordene Gespielin nicht

sah, und so kam es, daß er in seinem Erinnern den Tag ihres Entsagens hart an

jene Stunden jubelnden Kindseins schob und den Effekt empfand, als würde

einmal der glänzendste Tag in die allertiefste Nacht, der reichste Sommer in den

trostlosesten Wintertag verändert – ohne Übergang. Er stand vor einem

Geschehen, dessen Rücksichtslosigkeit ihn schreckte und dessen Bedeutung

geeignet war, ihm für immer die Meinung zu nehmen, daß Reiche und

Bevorzugte gleichsam die Verbündeten des Schicksals sind, das nur dem armen

Teufel feindlich und gehässig begegnet. Ein ganzes Bündel Vorurteile fiel ihm

damals mit einemmale aus den Händen, etwas von einer Weltanschauung, von

einer Religion wurde ihm geschenkt, Keime, welche in ihm hätten reifen können

und vielleicht auch aus ihm heraus, wenn er mutiger gewesen wäre. Aber was

Thaten hätten werden können, die aus einem starken Körper frei und festlich

herauswachsen, wurden bunte, seltsame Träume in dem armen Buckligen,

scheue Schwärmereien, welche eine immer kleinere Welt betrafen und endlich

nur eine schmale Gloriole waren um das Bild der Prinzessin. Seine hilflose

Dankbarkeit schmückte dieses Bild so lange, bis aus dem lachenden, lieben

Kinde eine bleiche, heimliche Geliebte und aus der Geliebten eine verehrte

Heilige wurde, welche der Jungfrau Maria sehr ähnlich sah und ganz darin

aufging, die seltenen Wünsche des Bohusch anzuhören und alle mächtigen

Eigenschaften, welche seine unermüdliche Phantasie ihr zuschrieb, geduldig

anzunehmen. Und wie viel hatte der Bohusch dadurch vor allen übrigen

Gläubigen voraus, daß seine Heilige, wenngleich aller Welt unerreichbar,

dennoch lebte und von ihm wußte als von einem Mitwisser ihrer Kindheit,

welche sie als einziges Juwel in die ewigen Mauern doch mitgenommen haben

mußte. Dieses Verhältnis erfuhr nicht die geringste Störung, als der Bucklige die

Frantischka seine Geliebte nannte, denn damals war das Gottwerden Aglajas

schon so weit vorgeschritten, daß ihre verklärte Gestalt hoch über allen kleinen

Trieben und schwülen Träumen stand. Ihr widmete sich Bohusch nur einmal im Jahre und zwar am grünen Donnerstage, an welchem die Kirche des Klosters der

Barnabiterinnen jedem Besuche offen steht. Diese kleine, dunkle und ziemlich

schmucklose Kirche ist hinter dem Hauptaltar durch eine Wand ganz

abgeschlossen, jenseits welcher die Ordensschwestern an dem öffentlichen

Meßamte teilnehmen. An dem Tage vor dem christlichen Leidensfreitag – und

nur an diesem Tage – sickern die Stimmen der Nonnen ganz leise durch die

Altarmauer und senken sich wie ein fernes Wehklagen auf die wenigen Beter.

Dann geht ein Lauschen, ein banges Atemeinhalten, ein Erschauern durch die

kleine Gemeinde, der Priester am Altar unterbricht seine Gebete, die

Ministrantenbuben schauen ängstlich in die schwarzen Ecken des Raumes, und

die dunklen Bilder an den Wänden erwachen. Da zerreißt die scharfe

Ministrantenglocke den Bann. Die Bilder an den Wänden sind wieder tot, der

Priester neigt sich über den Kelch und die Frommen rücken in den Bänken,

schneuzen heftig und flüstern: »Es war so schwach, sind es denn noch acht?«

und dann zuckt man die Achseln und seufzt und schneuzt sich.

 

So war es auch an diesem grünen Donnerstag. Der Bohusch kniete ganz vorn

und harrte, bis seine Heilige rufen würde. Er hatte den Ton ihrer Stimme nicht

vergessen und glaubte immer ganz bestimmt, ihren Gesang in dem fernen

Chorlied zu erkennen. Er fing ihn auf und löste ihn aus dem Ganzen los, wie

einen Seidenfaden aus verblaßten Geweben. Er nahm ihn gleichsam vorweg und

ließ nur den Rest zu den anderen Lauschern gelangen. Aber heute wußte er beim

ersten Ton: sie fehlte. Und wie seine Furcht es leugnen mochte, er wußte: sie

fehlte. Und er lehnte sich weit vor, und seine Angst spähte und erwürgte jedes

kleinste Geräusch – aber immer sicherer war ihm: sie fehlte, und endlich in

grenzenloser Bangigkeit streckte er die Hände aus, weit, weit – und lauschte mit

allen Fingerspitzen . . . sie fehlte. Und da schrie es auf in ihm, zugleich mit der

Ministrantenglocke, nur einmal schrie es auf, und dann brach er zusammen in

der harten Bank wie einer, den sein Gott verläßt.

 

* * *

 

Der Maler Schileder war der erste, welcher eine große Veränderung an

Bohusch bemerkte. Er dachte flüchtig über deren mögliche Ursachen nach, blieb

aber ganz im Unklaren. Auch seine Frau Mathilde wußte keinen Rat. So

vergaßen sie das Erstaunliche, bis eines Vormittags, kurz nach dem

Ostersonntag, Pátek im Atelier eintrat und sagte: »Unverschämtheit.« Schileder

legte Pinsel und Palette aus der Hand, betrachtete den Erregten, der, ohne den Hut abzunehmen, auf und niederlief: »Guten Morgen, was ist dir denn?« Der

Novellist aber sagte nur noch einigemal »Unverschämtheit«, blieb dann stehen

und wollte mit großer Behutsamkeit den tadellosen Cylinder auf einen Stoß

staubiger Mappen niedersetzen. Vorerst tippte er mit dem behandschuhten

Zeigefinger an und zog ihn ein, als hätte er einen glühenden Ofen berührt. Er

balancierte mit rührender Hilflosigkeit den Hut zwischen beiden Handflächen

her und hin und sah den Maler mit einem Blicke des Vorwurfs an: »Bei dir ist ja

alles voll Staub,« zögerte er, »man kann ja gar nichts ablegen«. Endlich sah er

sich geborgen, setzte sich und erzählte nun in ziemlicher Unordnung, er käme

aus dem »National«, dort sei man beisammen gewesen und allerlei hätte man

besprochen. »Hast du keine Cigarette?« unterbrach er sich und fuhr erst,

nachdem Schileder ihn befriedigt hatte, fort. Man hätte also allerlei besprochen.

Und der – nun der »verunglückte Proletar« hätte sich in so auffälliger und

vordringlicher Art an den Erörterungen beteiligt, daß er, Pátek, sich endlich doch

verpflichtet fühlte, diesem vorlauten Menschen ein für allemal eine Lehre zu

geben. »Hast du keinen Cognac?« fragte er in diesem spannenden Augenblick.

Er stürzte den Cognac hinunter und sagte mit einer Grimasse, während er sich

mit den Armen emporstemmte und ans Fenster trat: »und weißt du, was der

Mensch wagt? Er widerspricht. Hast du das schon gehört, er widerspricht. Nicht

allein das, er beleidigt mich. Er hat die Stirne, mich zu beleidigen.« »Was hat er

denn gesagt?« forschte der Maler. »Das weiß ich nicht.« Schileder sah ihn

erstaunt an, so daß er schnell, nicht ohne Verlegenheit, hinzufügte: »Ja, glaubst

du, ich hab' Zeit, mir solchen Unsinn zu merken; daß ich mich seiner schämte,

oder so was. Thatsache ist – stell' dir vor: er beleidigt mich. Wie sollte man sich

dieses Menschen nicht schämen!« Der vornehme Novellist schien noch einen

Augenblick heftig entrüstet, fand aber schon Interesse an Schileders Arbeit,

betrachtete das und dies und hob vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger

verschiedene Blendrahmen, die zur Wand gekehrt dastanden, in die Höhe.

Schileder duldete das gutmütig und war auch nicht erstaunt, als der junge Mann

sich bald in der allerheitersten Laune verabschiedete. Pátek that es immer so. In

einer kurzen, mehr oder minder effektvollen Scene setzte er sich mit einem

ärgerlichen Ungefähr auseinander, wurde damit ganz und gar fertig, »überwand

es«, wie er sich auszudrücken pflegte. Das hinderte den großen Überwinder

nicht, die Bohusch-Geschichte an demselben Vormittag noch fünfmal und zwar

in immer vorteilhafterer Beleuchtung zu erzählen, so, daß die fünfte Version,

welche in dem Boudoir einer modernen Operettensängerin blieb, die graziöse

Darstellung einer dualistischen Weltphilosophie enthielt, deren gutes Prinzip sich

sieghaft in der mondänen Gestalt des Erzählers verkörperte. – Und was

schließlich zum Teil durch eigene Erfahrung, zum Teil durch die Verbreitungen Páteks alle wußten, hatte einen wahren Kern: Bohusch war ein anderer

geworden. Seine Geliebte und seine Heilige hatten ihn verlassen. Da wurde er

gewahr, daß er diesen beiden Gestalten so viel aus sich gegeben hatte, daß nun

nur ein ganz kleiner Rest sein eigen blieb. Er kämpfte noch ein paar Stunden, ob

er dieses letzte Gut unangetastet in die Moldau werfen sollte, oder ob sein

Kapital doch noch groß genug war, um es in der großen Bank des Lebens

nützlich anzulegen. Während dieser Erwägung fiel ihm plötzlich ein Wort ein,

welches den Ausschlag gab. Rezek hatte an jenem denkwürdigen Abend zu ihm

gesagt: »Vielleicht braucht Sie das Volk noch einmal.« Rezek hatte freilich auch

gesagt: »Wenn Sie vernünftig sind.« Und daß er jetzt vernünftiger war als je

zuvor, dafür wollte Bohusch einen Eid ablegen. Auch mutiger war er. Er dachte

vieles und sprach was er dachte, wo es nur anging, in etwas altmodischen,

langgedrechselten Sätzen aus und war bei solchen Gelegenheiten sein eigener

aufmerksamster Zuhörer. Nur ganz selten, wie aus Vergeßlichkeit, wurde er

scheu und schweigsam; er fürchtete sich selbst vor diesen Augenblicken, in

welchen der alte Bohusch mit seinen leisen goldenen Gedanken wie ein

Gespenst vor ihm stand und ihn bat, in die stille Traurigkeit der früheren Tage

zurückzukehren. Aber der Bohusch blieb standhaft. Er war den ganzen Tag im

Café und auf der Straße, sang, pfiff und lachte, daß die Leute sich nach ihm

umsahen, stand vor den Schaufenstern, ohne etwas anderes zu betrachten, als das

unruhige Spiegelbild seiner eigenen Häßlichkeit und war wie einer, der etwas

erwartete, was nicht alle Tage geschieht. Fast instinktiv suchte er vor allem

Rezek zu begegnen. Ihm war, er müßte von s e i n e m Munde das vernehmen,

was d a s Ereignis für ihn werden sollte. Allein nirgends konnte er des Studenten

habhaft werden. Aus seiner Wohnung war dieser fortgezogen, ohne irgend eine

Adresse anzugeben, und im »National« wollte ihn keiner gesehen haben. »Er ist

ein eigentümlicher Mensch,« meinte Norinski einmal. Schileder nickte, aber der

neue Bohusch höhnte: »Er ist dumm« und lachte sein altes, armseliges Lachen,

in das keiner einstimmte.

 

Am Abend dieses Tages geschah das Seltsame. Bohusch, welcher auch seine

alte Mutter mehr und mehr vernachlässigte, kam später als sonst nach Hause. Er

ging, ein brennendes Zündholz in die Höhe haltend, ein paar Stufen aufwärts.

Sein Blick durchforschte das dicke Dunkel des engen, winkeligen Flurs. Da war

ihm, als ob die Kellerthüre nicht ganz verschlossen wäre; er tastete hinzu,

versuchte, öffnete sie behutsam und glitt mit seltener Entschlossenheit die

bekannten Kellerstufen abwärts. Seine Gestalt löste sich ganz auf in der feuchten

Finsternis, aus der ferne fremde Laute ihm entgegenschlugen. Erst als er, immer

lautlos längs der kalten Wand hintastend, das Holz zur Seite geschoben fand und bemerkte, daß aus dem geheimen Gang ein scheuer Lichtschimmer ihm

entgegenkam, empfand er Furcht. Aber ein anderes, mächtigeres Gefühl zwang

ihn näher heran. Erst lauschte er den Stimmen nebenan, und als er nichts

verstehen konnte, schob er sich mit einer unwillkürlichen Bewegung, deren

Geschicklichkeit ihn überraschte, in die Öffnung nur so weit, daß er den Rahmen

füllte, ohne in den Raum jenseits hineinzuragen. Was er zunächst erkannte, war

nicht weit vor ihm auf dem Boden eine große Laterne, welche ein sattes Licht

ausgoß, das auf den Fliesen schwamm wie eine dünne, verschüttete Flüssigkeit.

Rings an den Grenzen dieser Lichtlache junge Männerfüße und mitten im Kreis

die Füße eines jungen Mädchens. An diese klammerte sich sein Blick an, kroch

langsam an einem Kleide von unbestimmter Farbe aufwärts und fand in der

Dämmerung zwei lichte lebendige Mädchenhände, die in heftigen Gesten den

Worten zu Hilfe kamen, die Bohusch immer noch nicht verstehen konnte. Aber

die Hände verstand er. Er begriff plötzlich, daß diese wilden Hände an irgend

etwas rüttelten, daß sie irgend ein Unrecht stürzen wollten mit ihrem jungen,

heiligen Ungestüm. Und er begann diese Hände zu lieben. Sachte hob er den

Kopf und suchte das Gesicht zu diesen geliebten Händen. Sein Auge kämpfte

einen hastigen, hartnäckigen Kampf mit den neidischen Schatten, welche die

kaum entdeckten Züge immer wieder verwischten, bis es endlich siegte. Er

erkannte die Carla. Und nun verharrte er, und sein staunender und bewundernder

Blick ließ, dem Dunkel zum Trotz, nicht mehr von dem schönen, begeisterten

Antlitz des jungen Mädchens; er saugte die Worte von ihren Lippen, so lange bis

sie für ihn einen eigenen Klang bekamen, und das war der aus dem Traume: »Ich

lieb' ihn so . . . ich lieb' ihn so . . .« Das alles geschah in einem Augenblick. Und

die nächsten Minuten brachten das: das junge Mädchen sprach immer leiser und

leiser, wie jemand, der immer weiter zurückweicht, die Worte, die noch eben so

bunt und stolz von ihren Lippen strömten, schlichen nackt und ziellos in das

Dunkel, schämten sich, und ihre Augen blieben leer an irgend etwas unten haften

und löschten langsam aus. Eine Bewegung entstand. Die Blicke der Hörer

folgten dem ihren, und eine Sekunde lang hielt das große, starre Auge des

Bohusch alle gefangen. Nur eine Sekunde, dann kam ein Entsetzen über sie, sie

empörten sich wie rebellische Sklaven, die Menge flüchtete mit verstörtem

Flüstern und wilden Flüchen in die Tiefe des Ganges, und das Licht sprang dem

Bohusch ins Gesicht wie eine gelbe Katze. Da erwachte er und bebte. »Rezek!«

schrie er.

 

Der neigte sich über ihn.

 

»Bohusch, Hund! Spionierst du?« kreischte er.

Bohusch verdrehte die Augen. Er fürchtete sich vor dem Studenten.

 

»Spionierst du?« brüllte der.

 

»Rezek!« brüllte der Krüppel noch lauter aus der Tiefe seiner Angst heraus.

Ihm fiel nichts anderes ein, als dieser Name. Dabei schmerzte ihn seine Lage in

dem engen Loch, und er fühlte, wie ihm das Weinen der Verzweiflung kam. Da

half ihm der Student in die Höhe, und sofort bereute er seinen Kleinmut, dachte

an seine Pläne und sagte mit arg mißglückter Überlegenheit: »Ich weiß alles.«

(Er meinte damit die beiden zornigen Mädchenhände.) »Du hast also gehorcht?«

drohte der Student aufs neue. Da wagte Bohusch nicht ohne Bangigkeit: »Rezek,

aber Rezek, seien Sie doch nicht so – bitte, seien Sie doch nicht so. Bin ich denn

nicht auch einer, was? Ich versteh' das doch, nicht? Ich bin ja doch auch mit euch

– von Herzen mit euch.« Der Student betrachtete ihn mit rücksichtsloser

Spannung, und der Bucklige wurde ganz hilflos unter diesem durchdringenden,

erratenden Blick. Er sagte noch einigemal dasselbe, ehe ihm die Rettung einfiel:

»Ohne mich hätten Sie das ja überhaupt nicht gefunden.« Er meinte den Keller.

»Ich hab' ja gewußt, daß Sie's brauchen können – und wozu« betonte er mit

verlogener Schlauheit. Und der Student ließ sich täuschen. Er sagte mit kurzem

Entschluß: »Hand!« und »Schweigen«. Mit einem gewissen Selbstbewußtsein

legte der Verwachsene seine kurzen Finger in die Hand des Fanatikers; ohne

Zustimmung, ohne Betonung war sein Händedruck. Er wußte sich Sieger und

hub an, Bedingungen zu stellen. Weit holte er aus, er würde hier unten, unter

ihnen, auch reden für Volk und Freiheit. Oh, er hätte gar bedeutende Pläne. Nur

müsse Rezek ihm zusichern, daß er hier reden dürfe. »Ja,« sagte der Student und

betonte nochmals: »Schweigen!« – Bohusch nickte gleichgültig drüber weg und

forderte: »Also gewiß – ich werde hier reden?« Der andere gab ihm die

Vertröstung und schob ihn zur Thür. Er fürchtete diesen Krüppel wohl nicht sehr

und erhoffte noch weniger etwas von ihm; er war ihm einfach lästig. Von der

Treppe rief er ihn nochmals zurück. Er sagte zum drittenmal »Schweigen« und

hielt dem Grinsenden etwas hin. Erst wollte Bohusch greifen danach, – dann

erkannte er: die harte, grausame Hand des Studenten, und aus der drohenden

Faust ragend, ein dünnes, langes, spitzes Messer, an dessen Klinge das Licht der

Laterne hinfloß wie welkes Blut. Und so sehr Bohusch sich anstrengte, – er

konnte nicht mehr sein Lächeln finden. Er erzwang eine verzweifelte Grimasse

und stieg frierend die Treppen aufwärts zu seiner Wohnung. Und der Morgen

war nah. –

Seither schlief der Bohusch keine Nacht mehr. Er wartete Tag und Nacht, bis

Rezek ihn rufen würde und sann, was er dann alles zu sagen hätte. Viel, viel!

Das Feinste mischte sich in seinen Phantasien mit dem Gröbsten, und wenn es

ihm j e t z t schien, er müsse davon reden, wie man armen Waisen ins Leben

helfen könnte, war er in der nächsten Sekunde überzeugt, daß er denen da unten

raten, daß er ihnen befehlen würde, Kirchen und Paläste zu stürmen. Ja, vor

allem die Kirchen! Aber immer, was auch seine Rede war, sah er sich als

Mittelpunkt dieser Gruppe, als der Herr, dem die schöne Carla und viele starke

junge Männer ehrfurchtsvoll und blind gehorchten. Er fühlte sich als der längst

Mißkannte, der nun endlich zu Wort und Würde kam und ging durch die

Uferlosigkeit seiner Zeit, in welcher Nacht und Tag in ein gleichmäßiges graues

Hindämmern zusammengeschmolzen waren, erfüllt von dem Wunsch, alle zu

dieser Betrachtung seiner Persönlichkeit hinzulenken. Seine treulose Heilige

hatte sich, feige, durch ewige Mauern vor seiner Liebe geschützt und vor seiner

Rache, aber der Frantischka, die seinen Ruhm wohl auch bald von dem Munde

Carlas vernehmen würde, wollte er die Möglichkeit geben, seine Vergebung zu

erlangen. Er überlegte, ob er sie aufsuchen sollte und schrieb endlich stückweis

im Verlaufe von zwei Nächten und drei Tagen einen Brief an die unwürdige

Geliebte. Seine schmeichelnde und geleckte Kanzleischrift war in diesen

Blättern gleichsam wild geworden. Die meisten Buchstaben sahen aus wie

übermütige Karikaturen des Schreibers, welche zum Überfluß noch durch

Kleider und Kappen seltsamster Art ihr Narrentum bezeugen und sich

gegenseitig, jedes hinter dem Rücken des nächsten verhöhnen und auslachen. Im

ersten Teile dieses weitläufigen Schreibens versicherte er sie, ganz im Geiste der

mittelalterlichen Souveräne, seiner guten und gnädigen Gesinnung, im zweiten

erzählte er in seltsam endlosen und vielverschnörkelten Satzbildern von der

Bedeutung seiner geheimen Mission und im dritten verhieß er: »Da hingegen das

große Geheimnis und die unbeschreibliche Wichtigkeit meiner Aufgaben mir zu

meinem tiefsten Bedauern ganz unmöglich und unerreichbar macht, Dich an der

Versammlung, welche die Freiheit meines Volkes und meinen eigenen Ruhm

begründen helfen soll, teilnehmen zu lassen, lade ich dich ein, am – (da war ein

nahes Datum genannt) um 6 oder 7 Uhr abends bei mir zu sein. Vor dir und der

Mutter will ich dann reden, soviel ich reden darf, ohne Verräter zu sein, nicht an

Personen, denn die fürchte ich nicht, aber an der herrlichen, hohen und gerechten

Sache . . .« und unterzeichnet war diese langwierige Einladung – das kam so von

ungefähr aus der überangestrengten Feder: »König Bohusch. Gegeben zu Prag«.

– Als der Bucklige das noch einmal durchlas, mußte er lächeln, und er war fast

im Begriff, die Bogen wieder zu vernichten. Dann dachte er: nein, wenigstens ein guter Spaß ist es, das ist es gewiß, versiegelte das Schreiben und trug es

selbst auf die Post. Als er es in den Kasten fallen hörte, atmete er tief auf. –

 

* * *

 

Die Frantischka hatte nichts geantwortet; aber eigentlich hatte Bohusch das

auch gar nicht erwartet. Er war überzeugt davon, daß sie kommen würde und,

fast gedemütigt, den neuen Bohusch finden sollte, dessen Freundschaft ihr nun

gewiß wie ein großes und unverdientes Geschenk erschien. Langsam und

zögernd wollte er ihr vergeben, und dann würden sie am Sonntag wohl nicht

mehr auf die Malvasinka gehen, sondern irgend wohin, wo sie sich zeigen

können, unter viele Menschen in den Baumgarten oder in den Stern. – Das alles

dachte Bohusch nur ganz flüchtig in den wenigen Pausen, in welchen ihn das

Große nicht beschäftigte, das nunmehr seine Pflicht, sein Leben geworden war.

Es war eine aufreibende Pflicht, diese vielen, wichtigen Dinge, die er so nach

und nach in den armen Jahren gedacht hatte, nun alle auf einmal zu denken, alle

auf einmal zu überschauen und dann der Reihe nach auszusprechen. Es war ein

solches Gedränge von Meinungen, Erinnerungen und Plänen in ihm, daß immer

ein ganzer Schwarm von seinen Lippen wollte, wild und rücksichtslos wie Leute

aus einem brennenden Theater. Dann machte der Bohusch ein strenges Gesicht

und befahl überlegen: »Ruhig, eins nach dem anderen. Es kommt ein jeder

daran.« Und gerade bei solchen Gelegenheiten geschah's, daß die ganze Menge

plötzlich verschwand, einfach zerfloß, und der Bohusch ganz öde im Kopfe und

außer stande war, etwas zu denken oder gar zu sagen. Erst wenn er ein paar

Gläser heißen Tschaj getrunken hatte, war das bunte Gesindel wieder da, und der

Bucklige freute sich und lachte, bis ihm die Augen voll Thränen standen. Die

Unrast seines Wesens war dabei immer größer geworden. Er las viel Zeitungen

und alte Bücher, schrieb ganze Hefte voll mit seinen lächerlichen Lettern und

schlief mitten zwischen diesen Beschäftigungen, gleichviel ob tags oder nachts,

in einem Café oder in einer Kirche, selten zu Hause, ein paar Augenblicke

scheuen Schlafes, aus welchem er bald wie erschreckt emporfuhr.

 

So kam der Morgen jenes Tages heran, an dem Bohusch der Mutter und der

Frantischka, welche beide an seinem eigentlichen Triumph nicht teilnehmen

durften, die abendliche Rede versprochen hatte. Die Nacht war ihm in

verschiedenen Gasthäusern und Spelunken vergangen, und jetzt schlich er matt,

übernächtig an den Häusern hin und starrte blöde und teilnahmslos in den

dichten rosigen Frühnebel des Frühlingstags. Wenige Menschen begegneten ihm. Beim »Pulverturm« kamen ihm zwei Dienstmädchen entgegen, mit großen

Einkaufskörben, lachend und plaudernd, und ihre Augen waren so frisch und

erwacht, ihre Kleider und Schürzen noch steif vor lauter Neusein. Ein wenig

weiter überholten ihn zwei Infanteriesoldaten. Sie schritten stramm aus, ihr

Schritt klappte in heiteren Takten auf dem Pflaster, und die Knöpfe ihrer

Waffenröcke stahlen der Sonne frühe Strahlen und warfen sie dem Bohusch keck

in die schläfrigen Augen. Dann pfiff irgend ein übermütiger Bäckerbursche dem

Buckligen ins Gesicht und lachte laut hinter ihm her, und ein Schutzmann sang

sich irgend etwas, während die Federn seines Hutes ein wenig wehten. Rollläden

rauschten auf und die Spiegelscheiben gaben sich ganz der Sonne und brannten

in weißen Flammen. Durch dieses frische, fröhliche Aufleben kroch der

Verwachsene, bleich, verkommen, mit ganz verdrücktem Hemde und

schmutzigen Kleidern, und er war wie eine giftige, gräßliche Kröte, die man

mitten in süß duftenden Beeten entdeckt. Er merkte auch nichts von allem Glanz,

als daß er ihn störte, ja er wußte vielleicht kaum, daß es Frühling und Morgen

war. Je reifer indessen dieser Morgen wurde, desto mehr fiel eine gewisse

Unruhe auf, die alle Menschen zeigten. Leute, die sich täglich zu dieser Stunde

grüßten, ohne miteinander zu sprechen, blieben stehen, machten besorgte oder

erstaunte Gesichter, zuckten die Achseln und drückten sich endlich mit einer

bestimmten konventionellen Dankbarkeit die Hände, um zehn Schritte weiter

wieder angehalten zu werden. Man hatte offenbar das Bedürfnis, sich etwas

mitzuteilen, was alle anging und interessierte. An der Ecke der Ferdinandstraße

las ein Dienstmann in einem Kreise von Männern und Dienstmädchen eine

Stelle des »Tschesky curir«, und ein Stück weiter trat ein älterer Herr aus einem

Kaffeehause und sagte zu seinem Begleiter in deutscher Sprache: »Ganz

gefährliche Leute sind das. Man sollte . . .« Was man sollte, war nicht mehr zu

verstehen. Der Herr ging ziemlich selbstbewußt auf sehr glänzenden Schuhen

weiter und der Jüngere neben ihm nickte bei jedem Wort, bestätigte es ergebenst;

er schien ganz der gleichen Meinung zu sein. Als Bohusch in die Nähe des

»National« kam, erkannte er hinter einem Fenster Norinski, der den anderen, die

man nicht sehen konnte, etwas in seiner heldenhaften Art zu erklären schien.

Eine Weile zögerte der Bucklige. Dann trat er nicht ein, sondern ging den Quai

hinunter nach seiner Wohnung. Er war müde.

 

Norinski war indessen zu Ende gekommen. Er trank mit einer

verschwenderischen Pose seinen Kaffee aus – es hätte ein Giftbecher sein dürfen

– und sagte groß: »Niemand von euch wird sagen, daß ich kein guter Tscheche

bin. Und ich werde keine Gelegenheit unbenützt lassen, auch die elenden

Deutschen vom Gegenteil zu überzeugen. Soll mir nur einmal einer kommen. Ich will dem Herrn den Kopf schon zurecht setzen. Aber diese Geschichten dürft

ihr nicht so aufbauschen. Das ist nichts. Das sind Kindereien, ihr könnt mir das

glauben.« Damit erhob er sich, blieb sein Frühstück schuldig, verschenkte die

großmütigen, dreiaktigen Händedrücke und begab sich hocherhobenen Hauptes

hinüber in seine Garderobe. Die Zurückgebliebenen rückten intim zusammen,

und Karás begann die verschiedenen ganz kurzen Zeitungsnotizen vorzulesen,

welche sich auf den Vorfall bezogen. Alle sagten ungefähr das gleiche: die

Polizei war durch die Anzeige eines Frauenzimmers einem Bunde junger Leute,

Studenten und Handwerksgesellen, auf die Spur gekommen, welche in den

Kellerräumlichkeiten eines Hauses der Hieronymusgasse geheime

Zusammenkünfte abhielten, bei denen hochverräterische Reden die

Tagesordnung bildeten. Interessant sei es, zu betonen, daß auch Mädchen an

diesen Versammlungen teilgenommen haben sollen. Und deutsche Blätter

freuten sich noch über die Zerstörung dieser schändlichen Verbrecherbrut und

bedauerten nur, daß durch das trotzige Schweigen der in Gewahrsam gebrachten

Genossen das geistige Oberhaupt dieser Verschwörung bis jetzt noch nicht in

den Händen der öffentlichen Sicherheit sei, was aber, dank der trefflichen Übung

und Scharfsichtigkeit der Schutzmannschaft, gewiß nicht allzulang ausbleiben

würde. Und endlich, fügten die deutschesten Zeitungen noch hinzu, erhofften

sie, daß man an diesen jungen Verbrechern und Hochverrätern endlich das lang

erwartete Exempel statuieren und mit rücksichtsloser Schärfe vorgehen würde.

Das alles las man im »National«. Schileder war ehrlich entrüstet: er sprach etwas

von dem Mut der jungen Leute und davon, daß sie nicht nur Worte machten,

schöne Worte, sondern auch handeln wollten. Er konnte es nicht gut ausdrücken

und schwieg verschüchtert, als er keine allzu lebhafte Beistimmung fand. Einen

Augenblick nickten sie ja alle, die Freunde, und legten irgend ein kleines

Wörtchen, wie ein verschämtes Almosen in die Hand der Gerechtigkeit. Aber

schließlich, sie sahen sich alle um – man war so verlockend allein und da konnte

man ja so ein paar Geständnisse thun. Pátek verurteilte kurzweg diese

Höhlenromantik, welche doch nicht mal mehr in den Romanen Berechtigung

hätte und der Lyriker Machal, der nur eine ganz unbestimmte Ahnung von dem

Vorgefallenen hatte, gähnte und warf zwischen je zwei Gähnversuchen ein, daß

die ganze Sache ihm brutal erscheine, furchtbar brutal. Karás, der mit jedem

Tage sich kosmopolitischer fühlte, hielt eine längere Rede, während welcher sein

»Adamsapfel« wie ein zweifelgequälter Laubfrosch auf und nieder stieg. Sein

Ende war, daß man nach außen hin von wegen der Lage der Dinge, die Ansicht,

daß diese jungen Leute nicht allein Märtyrer ihrer Idee, sondern die gefallenen

Helden einer nationalen Sache seien, mit allen Mitteln aufrecht erhalten müßte,

daß er selbst aber – hier – nicht umhin könne, derartige Unreifheiten, er sagte geradezu – Unreifheiten – halbwüchsiger Burschen zu verdammen. Man sei

doch zu gebildet dazu, man wüßte doch schließlich, daß man seine Rechte durch

große nationale Bethätigungen im Leben und auf dem politischen Theater (ein

Wort, welches Karás auch in seinen Feuilletons beständig gebrauchte) eher

bewahren könne, als durch solche Ungehörigkeiten. Er hatte wohl noch ein paar

geläufige Phrasen im Vorrat, aber er hörte plötzlich auf. Er wußte selbst nicht

warum. Die anderen schauten auf, und da stand Rezek vor ihnen. Der Student, in

dessen blassem Gesicht die dunklen Augen brannten, übersah die Hände, die

man ihm entgegenstreckte. Er hatte vielleicht die letzten Worte des Kritikers

vernommen, aber er erwiderte nichts, setzte sich ruhig an seinen gewöhnlichen

Platz und trank seinen Tschaj. Seine harten Hände zitterten leise. Man wagte

nicht zu sprechen. Endlich hub Pátek an, von einem neuen Buch zu reden, und

die Künstler verloren sich ganz in diesen Erörterungen. Es handelte sich um

Novellen im Stile Maupassants, welche ein junger Kollege erscheinen lassen

wollte. Da waren noch einige Schwierigkeiten in der Geldfrage und in anderen

Verlagssachen, und man beriet, ob man dem Autor zu Hilfe kommen sollte. Der

mächtige Karás war nicht sehr geneigt dazu. Da rief Pátek entrüstet: »Aber ich

bitte Sie, das ist eine nationale Sache!«

 

Rezek erhob sich mit einem eisigen Lächeln: »Seid ihr Tschechen?« fragte

er.

 

Alle schwiegen und sahen sich verlegen an. Schileder war aufgestanden.

 

»Seid ihr Tschechen?« wiederholte der Student.

 

Karás beschwichtigte: »Was fällt Ihnen ein, Rezek? Provozieren Sie nicht.«

 

»Aber reif seid ihr? Was?« fuhr der fort. »Reif und fertig.«

 

»Er ist betrunken,« flüsterte Machal verächtlich.

 

Rezek ballte die Fäuste. Aber er hielt sich zurück: »Ich weiß ja, daß ihr

gewohnt seid, gerechten Zorn für gemeine Trunkenheit zu halten. Ich weiß. Aber

sagen will ich euch nur, das Volk ist n i c h t reif, und wenn ihr euch so fertig

fühlt, so seid ihr seine Feinde, seid Verräter.«

 

»Ich bin Offizier,« sagte Pátek mit banger Stimme und trat vor.

 

Rezek hielt ihm die Faust vors Gesicht und ging, ohne ein Wort, an ihm

vorüber aus dem Saal. –

Bohusch konnte die Frantischka nicht vor sechs oder sieben Uhr, wie er es in

seinem Briefe bestimmt hatte, erwarten; gleichwohl fragte er seit drei Uhr,

warum die Geliebte immer noch nicht käme, war gegen vier im Begriffe, sie

abzuholen und unterließ es ungern und zögernd aus Stolz oder sonst aus einem

Grunde. Unruhig lief er, die Hände auf dem Rücken, in den kleinen Stuben

umher, in welchen dichtgedrängter Urväterhausrat, wie man ihn allzu reichlich

aus der Portierswohnung mitgenommen hatte, dieses Her und Hin ziemlich

erschwerte und blieb nur dann und wann bei dem Fenster stehen, an welchem

eine kleine alte Frau saß und nähte.

 

»Mutter,« stieß er endlich gequält heraus, »du mußt sie holen gehen!«

 

Die Alte nickte, hob die große runde Brille von den Augen und nickte. Sie

dachte keinen Augenblick nach: natürlich, sie mußte die Frantischka holen

gehen. Und sie vertauschte die Haube mit dem Hut und zog ein gelbes, gutes

Shawl um die schiefen Schultern. »Du kannst ja sagen, du gingst gerade vorüber,

du . . . ach Gott – na, du gingst eben gerade vorüber. Nicht? Warum könntest du

nicht zufällig dort vorübergehen? Es gehen sicher viele Menschen dort vorüber.«

Bohusch lachte abgebrochen. »Na, so sag' doch,« fuhr er in ungeduldigem Zorne

auf, »ist das möglich?« Frau Bohusch nickte ganz verschüchtert: »Weißt du, ich

will erst in die Kirche gehen, nebenan. Ich kann dann sagen, ich war in der

Kirche . . .« Sie zögerte noch. Der Bohusch dachte längst an andere Dinge. Er

sah die alte Frau kaum mehr und erstaunte fast, als er bei seinem Auf- und

Niederwandern vor ihr stand. Das gelbe Tuch war unerträglich grell in der

Nachmittagssonne. Sie schauten sich eine Weile schweigend an, diese beiden

kleinen, verkümmerten Menschen. Dann trippelte die Alte zur Thür und nickte

und nickte. Plötzlich war der Bohusch bei ihr. »Maminko,« sagte er, und seine

Stimme war wie die eines kranken Kindes. Und die alte, verängstigte Frau

verstand. Sie wuchs, sie wurde reich, sie wurde Mutter. Durch dieses eine leise

Wort wurde sie so. Alle Bangigkeit in ihr war Güte mit einemmal, und, die noch

eben so unbeschützt und hilflos aussah, war mächtig, wie sie nun sachte die

Arme ausbreitete, und dem Bohusch war es wie eine Heimkehr. Er schmiegte

den großen schweren, wirren Kopf an ihre Brust, er schloß die heißen Augen, er

ging unter in dieser unendlichen, tiefen Liebe. Er schwieg. Und da begann etwas

in ihm zu weinen. Er hörte ganz genau, wie es anhub. Es mußte ganz tief in ihm

sein, so leise war es. Es that auch nicht weh. Und da öffnete er neugierig die

Augen; er mußte sehen, wo das weinte. Und sieh: es weinte gar nicht in ihm; die

Mutter war das. Da konnte der Bohusch die Lider nicht mehr schließen: Thränen

warteten dahinter; viele Thränen. – Es war auf einmal so festlich in der Stube. Die Dinge um die beiden armen Menschen herum bekamen ein Glänzen, wie sie

es nie besessen hatten, auch in ihren fürstlichen Tagen nicht. Jedes Kännchen,

jedes Gläschen in der steifen Etagère hatte mit einemmal sein Licht und prahlte

damit und wollte Sterne spielen. Da kann man sich denken, daß es sehr hell

wurde in der Stube.

 

Dann schlug die Uhr, vorsichtig, als bedauerte sie es thun zu müssen. Aber

sie schlug doch fünfmal, und die Mutter ging.

 

»Wohin denn?« bangte der Bucklige.

 

»Ich muß die Frantischka holen.« Da fiel dem Bohusch alles wieder ein. Er

zögerte und sagte dann fast traurig: »Ja so, du mußt die Frantischka holen.«

 

Das war der Abschied.

 

Als der Bohusch allein war, begann er wieder das nervöse und rastlose

Schreiten. Da und dort, wie im Vorübergehen, stellte er etwas zurecht, fegte den

Staub von der Tischplatte und verlor sich unversehens darin, seine Schriften und

Bücher zu ordnen. Dabei war ihm ganz warm geworden. Und als er sein heißes

Gesicht irgendwo in einem Spiegel fand, erstaunte er. Er trug, um die Schultern

geschmiegt, das grelle gelbe Seidentuch der Mutter. Das war doch drollig. Er

wollte lachen, vergaß aber darauf und mit unwillkürlichen Bewegungen des

Behagens vergrub er seinen Rücken noch mehr in die sanften Falten. Er fühlte

sich müde und ließ sich in der guten Stube, schwer und breit, in die geblumten

Kissen des steifen Kanapees fallen, welches mit dem ovalen Tisch gerade die

Mitte des Raumes erfüllte. Er sann und sann. Das arme festliche Kanapee klagte

unter ihm. Da sprang er auf, strich mit einer gewissen Zärtlichkeit die gehäkelten

Schutzdeckchen glatt und blieb in einem der Stühle, welche zu seiten standen.

Sein Gesicht, welches manchmal knabenhaft sein konnte, alterte jetzt von

Minute zu Minute unter dem Einflusse seines angestrengten Nachdenkens, es

wurde geradezu zerfressen von den Falten, welche darüber hinkrochen und sich

einbohrten wie Raupen in eine kranke Frucht. Wußte er denn auch alles, was er

sagen würde? Eine unbestimmte Angst hing über ihm. Er fühlte sich so

verlassen, schwindlig, wie einer, den man auf einem hohen Turm vergessen hat.

Er tastete nach einem Halt. Und in der nächsten Weile bildete er sich ein, er störe

auch die Ordnung, die festliche Ordnung des Zimmers, dadurch, daß er auf

d i e s e m Platze wartete. Er erschrak über seine Vermessenheit. Er schlich

immer weiter zurück und kauerte endlich auf einem hochbeinigen Stühlchen in

der Ecke der Stube, nahe bei der Thüre. Da kam Ruhe über ihn. Er dachte: So, nun ist es vorüber; ich habe ja alles schon gesagt und er wußte doch, daß er nur

geweint hatte, und das ist etwas anderes wie eine Rede, so ein Weinen. Dennoch

beharrte er trotzig: Ich habe alles gesagt, die Mutter weiß alles – »und du auch«

– ergänzte er laut und suchte die Augen der gelben Katze, welche ihm langsam

und listig aus der anderen Ecke entgegenkam. Keine Kralle kreischte auf der

braunen, glänzenden Diele. Lautlos kam das Tier näher, es wurde groß, es wurde

größer, und als es so war, daß der Bohusch darüber hinfort gar nicht mehr in die

stille, feierliche Stube schauen konnte, da schlief er. Und er hatte wohl Träume.

Denn er sagte mit einer Stimme, die ferneher klang: »Das ist es, Rezek, bitte –

das ist das Geheimnis: der Maler muß das Volk malen und ihm sagen: du bist

schön.« Da fiel ihm der Kopf vornüber und er zwang ihn nur mühsam wieder

empor. »Der Dichter muß das Volk dichten und ihm sagen: du bist schön.« Er

seufzte im Traume: »Schön sein ist es.« Dann begann ein Lächeln in seinen

Mundwinkeln, ein gutes, frommes Lächeln, das wuchs über das Gesicht des

Schlafenden und machte es wieder jung. Er hauchte noch: »Ich werde es nie

verraten«, und dann wurde sein Traum so tief, daß kein Wort daraus mehr bis auf

seine Lippen kam.

 

Die Thüre ging. Der Bucklige schlug aber die Augen erst auf, als Rezek ihn

rauh am Halse packte und nahe kreischte: »Hast du geschwiegen?« Der Bohusch

fühlte dieses Wort auf seiner Wange ganz heiß. Seine Hände wehrten krampfhaft

ab, aber in seinen Augen war noch immer kein Verstehen. Sie lächelten noch. Sie

lächelten den schrecklichen Rächer an, bis sie starben. Und dann glitt das gelbe

Tuch über den armen Körper und deckte den Bohusch und sein Geheimnis zu. –