Zwei Prager Geschichten
Die Geschwister.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Mittags waren in dem alten Haus gegenüber der Maltheserkirche – drei
Treppen hoch – die neuen Mieter eingezogen, und bis zum Abend wußte man
nur, daß sie ungewöhnlich große Möbel mitgebracht hatten, die in den engen
Windungen der Wendeltreppe fast stecken geblieben wären. Und die alte,
triefäugige Hökin, die nahe, unter den dunklen Steinlauben saß, konnte sich
kaum beruhigen in Erinnerung der riesigen Eichenschränke und beschwor die
Nachbarn, ihr zu glauben, daß es »hochherrschaftliche« Schränke gewesen seien.
Diese Versicherung bewirkte, daß eine ungewöhnliche Unruhe die vielen kleinen
Parteien des bewußten Hauses in Atem hielt: jeden Augenblick kam aus irgend
einer der weißlakierten Thüren, auf deren jeder um ein Blech- oder Glasschild
herum sich ein paar schmutzige Visitenkarten drängten, ein unordentliches
Frauenzimmer heraus, lauschte die Treppe aufwärts, und fuhr beschämt
zusammen, wenn es da schon auf andere Horcher stieß, welche ebenfalls in
Schrecken sich zurückziehen wollten, bis die gleichgesinnten Seelen einander
erkannten und ihre hungernde Neugier durch dunkle Vermutungen nur noch
mehr anreizten.
Plötzlich aber wurde die weibliche Bewohnerschaft aus dem engen
Treppenhaus, welches wie eine Wirbelsäule durch das Gemäuer aufwuchs, nach
den Hoffenstern hingezogen. Tief unten in dem röhrenförmigen Hofe, wie am
Grunde eines Brunnens, begann ein Leierkasten schluchzend die Melodie aus
dem »Bettelstudent«, und zugleich waren auch schon – man wußte nicht woher –
ein paar Kinder dabei, welche um den alten Saufbold einen wilden und
seltsamen Tanz aufführten. Die Töne aber kamen nach gequältem Ächzen wie
ein Rülpsen aus den trockenen Orgelkehlen, schienen emporzuschnellen und wie
unsichtbare Lassoleinen an den verschiedenen Hälsen zu ziehen, welche in ganz
unglaublicher Länge aus allen Lucken und Küchenfenstern herauswuchsen und
als ein bizarrer architektonischer Schmuck die Kahlheit der Wände
unterbrachen. Die Frauenzimmer, welche sich da von hüben und drüben
begrüßten, sahen einander in der Dämmerung zum Verwechseln ähnlich; ihre
Gesichter schienen alle, wie ein vorsichtiges Mimicri, die unbeschreibliche
Mißfarbe der Mauer angenommen zu haben und auch in Bewegung und Stimme
war eine so überraschende Einheitlichkeit zu bemerken, daß sie mehr als zugehörige Organe dieses Hauses, denn als freibewegliche Einzelwesen
erscheinen mochten. Man könnte nun leicht glauben, daß die Aufmerksamkeit
der vielen Köpfe dem erbärmlichen Leierkasten gehörte, – denn manche nickten
sogar den Takt mit; in Wahrheit aber wuchsen alle Augen ganz sachte zu dem
Küchenfenster des dritten Stockes, und manch leichtgläubiges Ohr glaubte
dessen Riegel klirren zu hören. Allein die Drehorgel hatte sich mit einem
Galopp, zu dem ein kleiner schwarzer Rattler die Begleitung heulte, erschöpft,
der Spielmann brüllte seinen Dank und schlürfte mit schweren Schritten davon.
Der helle Schwarm der Kinder zog wie eine Kette hinter ihm her, und mit
einemmale fühlten alle die Stille und das Dunkel des dumpfen Hofes. Aber
gerade in diesem eigentümlich lauschenden Augenblick ging das ersehnte
Fenster fast unhörbar auf, und die alte Magd Rosalka neigte sich weit vor. Fast
alle Köpfe tauchten unter, nur eine kecke, ungeduldige Stimme schrie: »Na, seid
ihr schon fertig eingezogen?« Die Magd Rosalka nickte nur und gerade als der
Leierkasten in einem nächsten Hause leise etwas sehr Wehmütiges begann,
setzte sich die Alte wie ein großer, trauriger Vogel ins schwarze Fenster und ließ
nachlässig, als wären es Kartoffelschalen, Stück für Stück die Lebensgeschichte
ihrer Herrschaft in den horchenden Hof hinunterfallen. Und wenngleich jetzt
niemand an den Fenstern zu sehen war, so ging doch keines von ihren breiten
Worten den Mauern verloren, aus denen nur dann und wann eine ermunternde
Frage aufstieg. Eine Stunde nachher, als sie bei den Malthesern Ave läuteten,
kannte auch die alte Hökin unter den Steinlauben das ganze Schicksal der
Försterswitwe Josephine Wanka und ihrer beiden Kinder und gab es ihren
letzten, täglichen Kunden, dem Gerichtskanzlisten Jerabek und dem Lakaien
Dvorak nebst den »hochherrschaftlichen« Schränken mit.
Aber vielleicht hätte es gar nicht der Generalbeichte der Alten gebraucht, um
dem Durste der Frauenzimmer genugzuthun. Denn die drei Menschen, die aus
dem kleinen Krummau in die Hauptstadt übergesiedelt waren, trugen ihre
Erinnerungen und Erlebnisse gleichsam über den Kleidern, so daß man nur
anzustreifen brauchte, um ein Stück davonzutragen. Zum Teil lag dies wohl an
dem Gebrauche der kleinen Stadt, drin sich jeder mit seiner Freude schmückt
und sein Leid auch möglichst sichtbar mitträgt; wer so unklug ist, da nicht
mitzuthun, dem wird beides aus dem heimlichen Versteck von den
unbarmherzigen Händen der Nachbarn herausgezerrt, und er mag sehen, ob er in
dem von Haß und Hohn entstellten Gerücht seine leise Freude oder seinen stillen
Kummer wiedererkennt. Bei der Familie Wanka mochte aber diese Freimütigkeit
zunächst darin ihren Grund haben, daß das jüngste und folgenreichste Ereignis
ihres Lebens immer noch – obwohl ein Jahr seither vergangen war – über ihnen lag. Besonders bei den Frauenzimmern merkte man noch die Spuren des
Schicksals, gleichsam die Abdrücke seiner brutalen Griffe in ihren Gesichtern
und man hörte die Angst, welche immer irgendwo im Hintergrunde ihrer Stimme
wartete, um sich plötzlich ohne Grund über alle Worte auszubreiten. Nur der
etwa zwanzigjährige Sohn, Zdenko, hatte etwas Ernstes und Verschlossenes in
seinem strengen Gesicht, das ihn schnell aller Sympathien beraubte; der
Umstand allein, daß er – so hörte man schon in den ersten Tagen – Student der
Medizin sei, verursachte, daß man ihm an Stelle der Zuneigung eine gewisse
trotzige Achtung schenkte, die er jedoch nicht zu bemerken oder abzulehnen
schien. Aber wenn die Frauen in ihrem Wesen sich auch fortwährend verrieten,
behielten sie gleichviel etwas Kühles den dienstwilligen Hausgenossen
gegenüber, und seit jenem ersten Tag waren Wochen vergangen, ohne daß eine
von den Nachbarinnen die Stuben der Frau Försterswitwe betreten hätte. Dieses
war, dank seiner schweren Erreichbarkeit, nach und nach zu einem von allen im
Wetteifer angestrebten Ziele geworden, und man scheute keine List und kam bis
in die späten Abendstunden, von Wankas einen Zuckermörser oder einen
Korkzieher, den man merkwürdig oft verlegte, oder endlich den Bodenschlüssel
entleihen, Dinge, welche man meistens davontrug, nebst dem Ärger, nicht über
die Schwelle des Wohnzimmers gesehen zu haben.
Diese hoffnungslose Hartnäckigkeit stand in keinem Verhältnis zu den
ursprünglichen Geständnissen der alten Magd, und es war begreiflich, daß man
von ihrem Entgegenkommen alles weitere erwartete; doch auch sie schien
schweigsamer und mißtrauisch zu werden und begann, wenn man sie bedrängte,
immer wieder die eine Geschichte zu erzählen, welche längst alle kannten: von
dem Märzmorgen, an dem die Holzknechte den Revierförster Joachim Wanka,
von Wilddieben erschossen, aus dem Walde heimgebracht hatten. Und daß sein
Gesicht voll erstarrten Zornes war und dunkel, gleichsam ganz im Schatten der
buschigen Brauen dalag und wie seine Fäuste sich nicht mehr lösten, auch in den
vielen Thränen nicht, so daß der Förster wohl seine liebe Not haben würde –
einmal – am jüngsten Tage zu thun, als sei er die ganze Zeit mit fromm
gefalteten Händen dagelegen. Dann bekreuzte sich die Alte mit
gewohnheitsmäßigem Ungefähr und versicherte zum Überfluß, sie habe aus
Träumen und Zeichen längstbevor das ganze Unheil gewußt und auch daraus,
daß der Herr Julius Cäsar im Krummauer Schloß wieder umgegangen sei und es
dem Kastellan geschah, daß in einem Armstuhl der Kaiser Rudolf ihm
gegenübersaß und, den Kopf in die Hand gesenkt, über das nächtliche
Moldauthal fort in die Sterne sah.
Wer solches nicht glauben mochte, den pflegte die alte Rosalka kurzweg zu
verachten; denn sie hielt das für einen Mangel von Bildung und Erfahrung und
für eine von den vielen üblen Folgen jener Kultur, die »in der Großstadt« immer
mächtigere Fortschritte macht. Sie konnte dann auch nicht umhin, am Abend,
wenn Frau Wanka mit ihrem Sohn gar ernste und bedachtsame Gespräche zu
führen schien, die Tochter Luisa, welche so ganz überflüssig mit großen,
verlorenen Augen dabeisaß, heimlich in die Küche hinauszuwinken und sie vor
dem sündigen Munde der Ketzer zu warnen, welche vor nichts mehr Scheu
hätten – vor keinem Kirchhof und vor keiner Mitternacht, ja, nicht einmal vor
beiden zusammen. Und da war über ein Kurzes jene Stimmung
heraufbeschworen, in der die Alte sich zu Hause fühlte: die Dinge rundum, vom
steifen Küchenschrank bis zu dem plumpen Waschtrog, welche eben noch so
nüchtern dagestanden hatten, begannen mit einemmale lauschend zu werden,
und es war, als rückten sie, um kein Wort Rosalkas zu verlieren, näher und näher
an die beiden Frauen heran, Geräusche erwachten wie von Schritten, und ohne
Grund lachte eine von den alten Blechpfannen: »plink!« Dann hielt die Magd ein
und mit klopfendem Herzen verfolgten beide den silbernen Ton und ihnen
geschah, daß eine unsichtbare Uhr irgend eine bedeutsame Stunde geschlagen
hätte. Und manchmal ging die alte Küchenlampe, wie im Einverständnis mit
Rosalka, gerade während dieses Hinhorchens aus, und die satte Dämmerung
wurde schwer und schwül von tausend taumelnden Möglichkeiten. Luisa,
welche immer ganz stumm in einer Ecke saß, wurde kleiner und kleiner diesen
Mächten gegenüber; sie schien sich aufzulösen und nichts zurückzulassen als
zwei ängstliche große Augen, welche den Spukgestalten mit einem gewissen
gläubigen Vertrauen nachgingen. Es war dann wie in dem großen Maskensaal
des Krummauer Schlosses, dessen Wände bis hoch zur gewölbten hallenden
Decke hinauf mit lebensgroßen Gestalten bemalt sind. Ein französischer Maler
soll vor vielen hundert Jahren diese Karnevalsgruppen so geschickt, in so
reichem und überraschendem Wechsel komponiert haben, daß man – selbst am
lichten Tage – hinter jeder Figur immer noch neue, phantastisch verkleidete
Gäste auftauchen sieht. In Krummau aber weiß man ganz bestimmt, daß solches
nicht an dem Verdienste des Malers, sondern an dem seltsamen Umstand liegt,
daß die Ritter und Damen zu einer gewissen Stunde zu erwachen beginnen, um
das Schauspiel jener einen fernen Nacht zu wiederholen. Aus den Wänden
steigend, erfüllen sie den Saal mit ihrem schimmernden Gewimmel. Bis die
riesigen Grenadiere an der Saalthüre die Hellebarden hart an den Boden stoßen:
da ordnen sich die Reihen. Ein Donner rollt über sie hin. Mit seinem wilden,
schwarzen Sechsgespann ist Prinz Julius Cäsar, des zweiten Rudolf heimlicher
Sohn, an der ragenden Rampe vorgefahren und kaum einen Atemzug später steht er, schwarz und schlank, mitten unter den Gästen, die sich tief, tief verneigen,
wie eine Cypresse im wehenden Ährenfeld. Dann mischt die Musik die Menge,
eine fremde Musik, welche bei dem Aneinanderstreifen der kostbaren Kleider zu
entstehen scheint und wachsend, sich breit und brausend aus den Massen erhebt,
wie die Melodie eines Meeres. Und da und dort teilt der Prinz mit einem Wink
die glänzenden Wellen, verschwindet in ihnen, steigt an der anderen Ecke stolz
aus ihnen empor, läßt sein leuchtendes Lächeln wie einen Sonnenblitz über sie
hingleiten und schleudert ein helles, übermütiges Wort, gleich einem köstlichen
Ring, nach dem alles hascht, mitten ins Gewoge hinein. Und unter dem wilderen
und wühlenden Hin und Wider wächst die heimliche Lust. An eines silbernen
Ritters Seite erkennt der Prinz ein blasses, blaues Fräulein und fühlt zugleich:
die Liebe zu ihr, den Haß für ihren Begleiter. Und beides in ihm ist rot und rasch.
Und er hat den silbernen Ritter wohl zum König gemacht; denn dem fließt über
den blanken Panzer ein Purpur nieder, immer breiter und blutender, bis er stumm
zusammenbricht unter der Last des fürstlichen Mantels: »Es geht manchem
König so,« lacht ihm der Prinz in die sterbenden Augen. Da erstarren die
festlichen Gestalten vor Grauen und blassen langsam und bang in die
verlöschenden Wände zurück, und wie ein fahles Felsland steigt der verlassene
Saal aus den letzten leuchtenden Wellen. Nur Julius Cäsar bleibt zurück, und das
gierige Glühn seiner heißen Augen versengt dem blassen Fräulein die Sinne.
Aber wie er sie greifen will, entreißt sie sich seinen zwingenden Blicken und
flüchtet in den schwarzen, hallenden Saal; ihr leichtes, blaues Seidenkleid bleibt,
zerfetzt, wie ein Stück Mondlicht in den wilden Fingern des Prinzen, und er
windet es sich um den Hals und würgt sich damit. Dann tastet er ihr nach in die
Nacht hinein und jubelt plötzlich auf. Er hört, sie hat die kleine Tapetenthür
entdeckt und er weiß: nun ist sie sein; denn von da giebt es nur einen Weg: die
schmale Turmtreppe, die in das kleine duftende Rundgemach mündet – hoch im
Moldauturme. Und mit übermütiger Hast ist er hinter ihr, immer hinter ihr, und
er vernimmt nicht ihren verscheuchten Schritt, aber wie einen Glanz sieht er sie
bei jeder Wendung der Treppe vor sich her. Da faßt er sie wieder, und jetzt hält
er das zarte, angstwarme Hemdchen in der Hand, nur das Hemdchen, und seinen
Lippen und Wangen ist es kühl. Es schwindelt ihn, und wie er seine Beute küßt,
lehnt er zögernd an der Wand. Dann mit drei, vier Tigersprüngen taucht er hinauf
in die Thür des Turmgemachs und – erstarrt: hoch vor der Nacht ragt, nackt, der
reine weiße Leib, wie vom Fensterrande aufgeblüht. Und reglos sind sie beide.
Aber dann, eh' er's noch denkt, heben sich zwei helle, kinderzarte Arme in die
Sterne hinein, als wollten sie Flügel werden, es verlischt etwas vor ihm, und vor
dem hohen Fensterbogen ist nichts mehr als hohle heulende Nacht und ein
Schrei . . .
– – – – – – – – – –
»Und du bist wirklich achtzehn?« sagte Zdenko und neigte sich über sein
erschrockenes, weinendes Schwesterchen, welches, ganz klein und scheu, in
dem Winkel der Küche kaum zu finden war. »So kommen dir deine alten
Gespenster auch her, nach Prag, nach? Oder hat Rosalka sie in ihren Töpfen und
Pfannen mitgebracht?« Die alte Magd wandte sich grollend ab. »Ja,« zögerte
Luisa, »ja,« und atmete stockend auf, »zuerst, wie wir herkamen, hab' ich
gedacht, ich bin sie los. Wie ich die hellen Häuser gesehen habe und die breiten
Gassen, da war mir ganz frei und fröhlich; hier aber auf der Kleinseite ist es fast
noch schlimmer als bei uns. Nicht?« Und langsam schaute sich das Mädchen
um. Zdenko aber zog sie hinter sich her in die helle Wohnstube. »Natürlich, wie
ich's gesagt habe,« rief er seiner Mutter entgegen, – »während wir hier reden, ist
sie schon wieder bei der alten Hexe draußen und ganz aufgeregt von dem ewigen
Unsinn.« Frau Josephine schüttelte leise den Kopf mit den breiten, grauen
Scheiteln und sagte: »Wann wirst du denn mal vernünftig werden, Kind?« Sie
nähte ruhig fort an weißen Leinenstücken, und in dem Korb neben ihr wartete
noch viel Arbeit. Doch nach einer Weile legte die Witwe die zerstochenen Finger
in den Schoß und sah der Tochter ins Gesicht. Luisa hatte, von der hellen Lampe
geblendet, die Augen geschlossen und in ihrem zarten blassen Gesichtchen war
eine so deutliche Angst zurückgeblieben, daß die Mutter erschrak. Es fiel ihr mit
einemmale auf, wie schwach und schmächtig das Mädchen war, und ob sie
überhaupt Kraft genug haben würde, im Leben einmal ganz ohne Halt und Hilfe
aufrecht zu bleiben. Die gütigen, blaßblauen Augen der Mutter trübten sich in
Thränen, es konnte aber auch von der Anstrengung sein; denn das Weißnähen ist
eine mühselige Arbeit, und die Lider der Frau Wanka waren stets ein wenig
gerötet davon. Luisa, die den Blick gefühlt haben mußte, ging nach einer Weile
daran, der Mutter zu helfen. So waren beide Frauen über das Linnen gebeugt,
und die Hängelampe beleuchtete grell den grauen und den blonden Scheitel.
Jetzt sagte Zdenko: »Ich weiß nicht, ich bilde mir immer ein, die Luisa ist so
klein geblieben vor lauter Ehrfurcht. Wirklich. Es kann so sein. Wenn einer
immer, von ganz klein auf, lauter so große Dinge sieht wie sie, – denkt euch nur
das Schloß auf dem steilen Felsen, diese hohen Höfe, die großen Kanonen auf
den Schanzen und endlich in den Sälen – Stühle und Bilder und Vasen – alles
wie für Riesen gemacht – dann wächst er diesen Dingen entweder nach . . .«
(Frau Wanka sah ihrem Sohn lächelnd ins Gesicht und nähte dann eifrig weiter)
»oder – er verliert überhaupt allen Mut, ihnen nachzuwachsen. Denn er muß sich
denken: so groß werd' ich ja doch nie. Und vor lauter Schauen und Staunen vergehen die Tage, und man vergißt auf sich selbst und darauf, daß diese Dinge
doch eigentlich nur ein Beispiel sind. Glaubst du nicht, Luisa?«
»Vielleicht,« nickte die Schwester und unterbrach nicht ihre Arbeit.
»Ich hab's ja auch mal empfunden, daß einen das drücken kann – als Bub.«
Zdenko sah über die Frauen fort ins Unbestimmte. »Aber dann kommt einmal
der Ruck, da man sich vor alledem auf die Fußspitzen stellt, statt davor
hinzuknieen, und hat man das erst einmal weg, dann ist's nicht mehr lange bis
zum Drüberhinsehen. Und glaubt mir, das macht alles aus. Nur immer alles
überschauen. Der zu höchst steht, ist immer der Herr. Ich hab es immer schon
ganz deutlich geahnt, was unsere Zeit so verworren macht und so unsicher; aber
jetzt seit ich hier in der Stadt bin und viele Menschen sehe – weiß ich's: daß
keiner drüber steht. Ihr sagt mir, das ist falsch: über der Stadt ist der
Bürgermeister und über ihm der Statthalter und der muß wieder zum König ein
gut Stück hinaufsehen und der König zum Kaiser und dieser zum Papst. Der
Papst aber reicht trotz seiner dreimalhohen Krone immer noch nicht bis zum
lieben Gott hinauf, meint ihr. Ich denke, das kommt davon, daß man das Ding
meistens vom verkehrten Ende ansieht. Mir scheint, ganz tief unten ist der liebe
Gott und ein wenig über ihm der Papst und so fort. Oben aber ist das Volk. Das
Volk aber ist ja nicht eines, das sind viele; sie stoßen und schieben einander, und
es verstellt einer dem anderen die Sonne. Da mein' ich halt immer, – irgend einen
müßten sie von Zeit zu Zeit in die Höhe heben, nicht zu hoch (er könnte leicht
hinunterfallen bis dorthin, wo der König ist oder der Kaiser), aber doch so, daß
er ihre starken und treuen Schultern unter sich fühlt und mit ruhigem Bedacht
eine Weile lang hinschauen kann über ihre Köpfe. Wenn er dann wieder unter
ihnen steht, wird er wie aus der Heimat zurückgekehrt sein und seinen Brüdern
sagen können, wo die Sonne aufgeht und wie lang es noch währen mag bis dahin
– und so manches mehr. So aber . . .« Zdenko verdeckte seine Augen mit der
Hand. Dann erhob er sich heftig: »Mua, laßt jetzt die Plackerei und geht
schlafen; es ist spät. Die Lampe wird auch gleich verlöschen.« Seine Stimme
war rauh. Er bemerkte erst jetzt, daß Luisa nicht mehr über das Weißzeug
geneigt dasaß; ihre Augen brannten ihm entgegen, groß und leuchtend wie nie.
Und seltsam, er sah sich in diesen Augen und richtete sich stolz und stark auf
wie vor einem Spiegel.
Seine Mutter aber nähte immerzu mit rüstigem rastlosem Mühen, und
Zdenko hatte ganz plötzlich das Bedürfnis, zu ihr hinzutreten und ihr die Hände
zu küssen.
* * *
Es war nicht Mißtrauen, welches die Magd Rosalka still und schweigsam
gemacht hatte den Hausgenossen gegenüber. Alten Leuten ergeht es oft so, wenn
sie aus der gewohnten Kleinhäuslichkeit ihrer Provinzstadt vertrieben, sich in
einem neuen Orte zurechtfinden sollen; sie können sich den größeren Maßstäben
nicht anpassen und sind wie aus einer engen Stube in einen hallenden Saal
versetzt, drin ihre heimlichsten Worte wie von unsichtbaren Chören laut
nachgesprochen werden, während ihre vielen heftigen Gesten sich in der Weite
dieses teilnahmslosen Raumes zu verlieren scheinen. Im Anfang gefällt ihnen
das der Neuheit wegen, aber bald fühlen sie es wie eine Anstrengung, die, ohne
genügenden Lohn, entmutigend wirkt und lassen von einem Morgen an die
Hände im Schoß und die Worte auf der Zunge liegen. Es kommt nämlich noch
dazu, daß die Leute auf dem Lande um ein tüchtiges bescheidener sind. Da
genügt es, einmal ein recht ansehnliches Unglück gehabt zu haben, um für alle
Zeit, bis zum letzten gottseligen Tage, das achtungsvolle Bedauern der
Bekannten wie eine lebenslängliche Rente zu beziehen. Aber »in der Großstadt«
sollte man ja – grollte die Alte – um halbwegs obenauf zu bleiben, mindestens
wöchentlich einmal einen Vater verlieren und alle drei Wochen von der Treppe
oder aus dem Fenster fallen. Sie gedachte mit betrübten Augen ihrer »Stellung«
in Krummau und konnte es ihrer Herrschaft nicht verzeihen, daß sie, um dem
Zdenko die Universität zu ermöglichen, nach Prag übergesiedelt wäre. Sie
vergönnte es der Frau Förster, daß sie nun selbst ein paarmal der Woche in
»Häuser« gehen mußte, um durch Weißnäharbeit zu ihrer kleinen Pension und
dem fürstlich Schwarzenbergschen Gnadengehalt das hinzuzuverdienen, was der
neue Haushalt und die Heranbildung des Sohnes verlangte. Sie wußte auch, daß
Frau Wanka dem Zdenko jedes Opfer bringen würde und den dunkeln Wunsch
hatte, in ihm einen »studierten Doktor« zu sehen, welches für Rosalka als das
ungebührliche Streben einer zügellosen Hoffart, um derenwillen man sich
dreimal bekreuzen mußte, erschien.
Anders faßte man dieses Trachten der Witwe in dem Hause der Frau Oberst
a. D. Meering von Meerhelm auf, wo die Försterin jede Woche einmal, und zwar
am Montag, dem Wäschetag, die Putzwäsche ausbesserte. Frau Charlotte
Meering lobte nämlich den Eifer der Mutter und tadelte dabei nur, daß Zdenko
Wanka die böhmische statt der deutschen Universität bezogen hätte. Dieser
einleuchtende Mißgriff war Schuld, daß man ihn nie zu sich bitten konnte.
Vergebens versicherte die Witwe, daß das ganz im Sinne ihres armen seligen Mannes geschehen sei, der ein guter Tscheche gewesen wäre; die Oberstin
lächelte nur vornehm und konnte, wie sie sich ihrem Gemahl gegenüber
ausdrückte, »die Beschränktheit dieser Leute nicht verstehen.« Dafür durfte
Luisa die Mutter manchmal abholen kommen und, wenn sie versprach, nur
deutsch zu sprechen, 10 Minuten mit den Meeringschen Kindern, einem
fünfzehnjährigen Rangen und der etwan 3 Jahre jüngeren Lizzie »spielen«. Der
Erfolg war freilich immer ein entgegengesetzter d. h. die beiden Geschwister
stürzten sich auf das scheue und ängstliche Mädchen und begannen es, wie
irgend ein Ding, zu schieben und zu stoßen, bis Frau von Meering meist gerade
in dem Augenblick in die Thür der Kinderstube trat, da Luisa an einen Schrank
gebunden, ein weißes Opfer darstellte, während ihre Sprößlinge sie mit wildem
Siegesgeheule, nach Indianersitte, umsprangen. Da war es nun nicht erstaunlich,
daß Luisa sich diesen Besuchen keineswegs entgegenfreute und dankbar war,
wenn die Mutter ihr verstattete, sie im Flur oder in der Straße zu erwarten.
Manchmal kam dann gerade der Herr Obrist an ihr vorbei nach Hause und blieb,
da er die Schrecken des Wäschetags vermeiden wollte, noch einen Augenblick
vor dem Mädchen stehen. Der kleine, etwas dickliche Herr, der einen großen
Ehrbegriff inwendig und einen großen Orden auf der Außenseite seiner Brust
trug, blies mit einiger Behaglichkeit seinen Schnurrbart auf und leitete das kurze
Gespräch immer also ein:
»Warten auf den Herrn Bräutigam, gnädiges Fräulein?«
Darauf wurde Luisa jedesmal so rot, als die schlechte Beleuchtung der Gasse
es notwendig machte. Der alte Herr freute sich daran und erkannte von
einemmal zum nächsten immer deutlicher die Köstlichkeit seines Witzes, den er
beim Abendessen, natürlich nachdem die Kinder zu Bette waren, gerne seiner
Lotti wiederholte. Sonst wußte er ohnehin nicht viel zu erzählen. Denn es lag
etwas Versonnenes in seinem Wesen, welches man auch durch dieses Beispiel
beleuchten kann. So hat er mehr als fünf Jahre darüber nachgedacht, was der
Wink, den man ihm zeitweilig von »oben« gab, bedeuten mochte. Verstanden hat
er ihn freilich erst viel später, als das rastlose Winken höherenorts schon eine Art
von Sturm hervorgerufen hatte, welcher endlich den Herrn Obristen von dem
gefährlichen Gipfel eines Regimentskommandos sachte in das beschauliche Thal
des Ruhestandes herunterwehte, in dem er sich nun – nach wie vor sinnend –
erging. Er war ein Mann, der die Tiefen des Lebens nach den schauerlichen
Abgründen alter Kalendergeschichten bemaß und sich oft verwunderte, wie hoch
er, allen Fährlichkeiten zum Trotz, auf der irdischen Rangleiter emporgekommen
war. Seine gerechte Gesinnung teilte aber nicht nur ihm selbst rückhaltlose Anerkennung zu, er wußte jeden nach Wert und Würden zu behandeln. Seit er
erfahren hatte, daß der verstorbene Wanka fürstlicher Förster gewesen war und
daß auch Frau Josephine dann und wann im Schlosse Frauenberg die
Kammerfrau vertreten mußte, sah er die Witwe gerne in seinem Hause und
fühlte einen Hauch indirekter Fürstenhuld von dieser Familie ausgehen.
Wenn Frau Wanka an diesen Montagabenden endlich mit müden Augen aus
dem Thor des Meeringschen Hauses trat, küßte sie die Tochter, und die beiden
Frauen gingen, meist ohne ein Wort zu tauschen, durch die lebhaften Gassen der
Neustadt der steinernen Brücke zu. Erst wenn sie aus der lauten Brückengasse in
die schmalen, kaumbeleuchteten Zweiggäßchen eingelenkt waren, löste sich ihre
Stimme, und sie begannen leise und langsam von Zdenko zu reden, wie zwei
Spieluhren, die zaghafte Lieder träumen mitten in der Nacht. Über ihren
Gesprächen war eine treue, rührende Zärtlichkeit, die um so inniger klang, als
sie niemals in die Worte herunterstieg, aber die Frauen ganz erfüllte, ihre
Bewegungen verschönte und ihr Lächeln leuchtender machte. Seit jenem Abend,
da Luisas Augen sich so seltsam entzündet hatten an den heißen Worten des
Bruders, war er für sie ein Anderer geworden, ein Mächtiger; und wenngleich
die Liebe, die Frau Wanka ihrem Sohne bewahrte, tieferen Quellen entsprang, so
verstanden Mutter und Tochter einander doch in dieser lauschenden und leisen
Sprache und sagten einander darin mit vielen Worten etwa dieses: er ist ein
Anderer geworden.
Sie hatten recht damit. Eine freudige Erregung war über den jungen
Menschen gekommen. Die Freundschaft mit dem Wald und die rüstige Ruhe
seines Vaterhauses hatten ihn beschenkt, immer und immer wieder, und was man
dafür von ihm wollte, war so lächerlich gering gewesen. Wenn er die Jahre vor
des Vaters Tode überdachte, war er jetzt geneigt, zu glauben, er hätte eigentlich
nur einen einzigen Tag gekannt, der, zufrieden und satt, hinter jeder Nacht
immer wieder hervorkam – bis zu dem ersten schweren Schmerz: dem
gewaltsamen Tode des teuren Vaters. Hinter dem lag etwas lebloses und leeres,
das wie ein Ausruhen war oder wie ein Vergessen. Aber mitten drin – so
empfand er das, – war dann eine Thüre, ein Thor irgendwo aufgegangen, und
nun stürmten sie herein, lauter junge und bunte Tage, die ihm in ungeduldigem
Heischen die Hände hinhielten. Was war er ihnen dankbar für ihr Begehren! Wie
ein Heimgekehrter stand er da, der Gaben austeilt nach allen Seiten, und die
Dinge sind weither und jeder der Beschenkten weiß sie zu verwenden. Wanka
hatte das Gefühl, daß die ganze Welt aus seiner Tasche lebte, und es sollte ihr
nicht schlecht gehen dabei. Er war immer in einem Kreise junger Leute zu finden, denen er ernste und lose Einfälle in buntem Durcheinander hinwarf, und
sie fanden alle genug darin, um ihre Tage damit zu füllen und ihre Nächte. Er
bemerkte nicht das Ziellose in diesen jungen Köpfen; denn er hatte selbst kein
Ziel, weil er tausend hatte und heute dieses, morgen jenes zu greifen vermeinte.
Diese Art zu leben brachte ihn mit einer großen Menge Menschen in Berührung
und allen gab er sich mit derselben Treue hin, und wenn er sich einmal wieder
recht an einem eigenen neuen Gedanken begeistert hatte, so glaubte er es den
Menschen danken zu müssen, welche ihn mißtrauisch umstanden. Nach und
nach wurde er stiller, hörte nun auch die Gegenreden aufmerksam an und fand,
daß er eigentlich nicht im stande war, ihnen zu antworten. Langsam begann er
einzusehen, daß alle seine Begeisterungen Bruchstücke eines großen Monologes
waren und dieses Erkennen ernüchterte und vereinsamte ihn sehr.
Nächtelang saß er jetzt schweigend an dem Stammtisch des Nationalcafés,
an welchem Männer verkehrten, die älter und ernster waren als er und von denen
er glaubte, daß sie an der Spitze des Volkes ständen. Es waren Dichter und
Maler, Schauspieler und Studenten. Sie hatten alle etwas in ihrem Gehaben, was
ihn früher stark abgestoßen hatte, allein er suchte sich daran zu gewöhnen. Nach
dem Theater fanden sie sich müde und mürrisch zusammen und wenn sie sich
begrüßten, lächelten sie einander mitleidig zu. In ihren Kleidern war entweder
etwas übertrieben vornehmes oder eine grobe Vernachlässigung zu bemerken
und man konnte auf den ersten Blick schwer erkennen, was sie vereinte. Erst
einige Gläser Tschaj oder Budweiser Bieres machten begreiflich, daß die
Ähnlichkeit in den großen Worten liege, welche immer zahlreicher und
ungestümer von ihren Lippen kamen, je später es wurde. Ein Unterschied blieb
allerdings noch darin bestehen, daß die in den modernen Kleidern ihre Worte
gleichsam nur vor sich auf den Tisch legten mit der Warnung: nicht anrühren,
während die Anderen sie einfach in die Luft warfen, gleichviel wen sie treffen
mochten. Da hörte nun Wanka die Angelegenheiten der »Nation« verhandeln, er
erfuhr zum erstenmal von ihrer Bedrängnis und Not, von ihrer stillen und
innigen Sehnsucht. Eine Beschämung überfiel ihn plötzlich wie einen
Lachenden, der erfährt, daß ein Toter im Hause sei, und er dachte darüber nach,
wie es denn geschehen konnte, daß er von all diesem Drückenden gar nichts
gemerkt hatte alle Jahre lang. Er dürstete, recht viel davon zu erfahren, aber
wenn er sich den Männern wieder zuwandte, entdeckte er, daß sie ganz in
demselben Tone längst von anderen Dingen sprachen, von der Kunst und
ähnlichem. Und er sah mit einemmale, daß ihre Begeisterung nichts als
Heftigkeit war, und daß sie nichts Gemeinsames besaßen als ihre Einbildung. Da
zog er sich von ihnen zurück. Er blieb wieder die Abende zu Hause, widmete sich mit mehr Fleiß seinen Studien an der Universität und bildete sich eine
Zeitlang ein, es sei alles wie vordem. Bis ihm an solch einem Abend, wie
damals, als er Luisa bei ihren Gespenstern in der Küche fand, ganz von ungefähr
sein innerstes Nachsinnen zu Worten wurde. Seither wußte er auch, daß er den
Leuten auf der Gasse anders in die Augen sah, bemüht, in ihren Mienen die
Spuren jenes Leidens zu finden, von dem sein Volk heimgesucht sein sollte. Da
und dort glaubte er jetzt wirklich eine gedrückte, geknechtete Gestalt zu
bemerken, allein, wenn er näher zusah, erkannte er enttäuscht, daß es nur die
Last der Armut war oder des Elends, welche auf den fremden Schultern lag,
nicht das Joch der Knechtschaft. Und doch ließ es ihm nicht Ruhe. Er fühlte
immer noch Kräfte in sich und fragte bei jedem Tage an, ob sein Volk ihrer
bedürfe. Er wurde immer ratloser und unzufriedener, hielt es weder im Lehrsaal
noch in der Wohnstube aus, wo Luisa saß und ihn mit großen fragenden Augen
erwartete. So machte er weite Spaziergänge.
Einmal im Frühling war er den Podskal entlang gegangen, tief in Sinnen, und
als er aufblickte, ragte auf teilweise abgegrabenem Terrain ein graues,
einförmiges Gebäude vor ihm auf, dessen Fenster ihm leer, wie ausgebrannt,
entgegenstarrten. Wanka hielt es für eine einstige Kaserne, welche nun der
Demolierung preisgegeben war, und trat, da der Platz nicht weiter abgeschlossen
schien, durch eines der gähnenden Thore ein. Die Höfe waren mit Thürrahmen
und Thüren, Brettern und allerlei altem Gerümpel angefüllt, und diese Dinge
sahen ganz unglaublich traurig aus in dem glanzlosen, langsam verlöschenden
Licht des späten Nachmittags. Der Student wandte sich ab und, von irgend
einem Gefühl bestimmt, stieg er die ausgetretenen Holztreppen hinauf und ging
weite weiße Gänge entlang und durch viele geweißte Räume hin, deren Decken
niedrig, deren Dielen zum Teil aufgerissen waren. Und dann schritt er noch eine
Treppe hinan und stand wieder in einem Gang, dessen Schlußwand schon halb
eingerissen war, so daß der Wind breit hereinkonnte, aus dem grauen Tag. Er riß
Strohhalme von den Sparren der Decke los und trieb sie, wie Pfeile, dem
Fremden entgegen. Wanka trat gleich in eine der nächsten Thüren ein und fand
sich in einer engen, kaum drei Schritten breiten und nicht viel längeren: Zelle,
die ganz gleichmäßig erfüllt war mit dem spärlichen Licht, das durch eine
vergitterte Öffnung, nahe der Decke, hereinfloß. Die weißgrauen Wände waren
mit vielen Ritzen wie mit einem seltsamen, wirren Muster bedeckt, und erst nach
einem Augenblick erkannte der Student, daß dieses Muster sich in Worte und in
Bilder löste; Gebetsworte und Flüche, Namen und Orte las er, und alles
hineingeritzt in wilde, grinsende Fratzen, merkwürdig verschmolzen mit den
Linien ihrer Nasen und Augen, mehr wie beredte Falten und Runzeln, als wie Schriftzüge. Und ein Gesicht wuchs hinter dem anderen hervor, bleich und
bebend, wie ein Haufe Volkes drängte ihm die immer mehr erwachende Wand
entgegen, allen voran ein drohender zorniger Mann mit hohlen Augen. Und quer
über seine Stirne stand: »Jesus Maria«.
Da hörte Wanka, wie jemand seinen Namen sagte und in unbeschreiblichem
Grauen wandte er sich, als ob er flüchten wollte, und stieß heftig auf Rezek, den
blassen Studenten, der mit eigentümlichem und eingeweihtem Lächeln sagte:
»Das waren auch Künstler diese hier. Nicht?«
Wanka erkannte den Studenten und sah ihn verständnislos an.
»Nun ich meine, jeder in seiner Art,« lächelte der noch. Dann fügte er ernst
hinzu: »Glauben Sie mir, daß mir diese Bilder hier näher gehen, als das was
unsre Maler malen und unsre Dichter zusammenreimen. Wissen Sie, was das
hier ist? Volkslieder. Nicht vor tausend Jahren entstanden und nicht
unverständlich nach zehntausend Jahren. Gedichte in einer ewigen Sprache. Man
sollte diese Wände ebenso sorgsam ausnehmen, wie die Hieroglyphenmauern in
den Pyramiden. Man sollte sie in die Kirchen hängen; denn sie sind heilig. Sehn
Sie hier,« und er legte den schmalen harten Finger auf eine Zeichnung, welche
mit ungelenken Strichen ein kleines Haus darstellte; »das hat die Sehnsucht
gemacht und der Glaube hat ein Gebet drunter geschrieben und die Verzweiflung
einen Fluch und der Hohn hat mit wunden blutenden Nägeln um alles das herum
eine Fratze gezeichnet, in der das liebe kleine Haus aussieht wie ein gieriges,
weitgeöffnetes Maul. – Haben Sie jemals ein furchtbareres Gemälde gesehen?«
»Kommen Sie,« sagte Wanka von plötzlicher Furcht erfaßt.
Rezek folgte. »Ich komme oft her,« sagte er. »Es geht so langsam mit dem
Niederreißen. Ich lese in diesen Wänden wie im Buche der Offenbarung. Auf
viele Fragen habe ich da Antwort gefunden.«
Sie schwiegen. »Freilich,« fügte Rezek an, als sie aus dem Thor traten, »die
Antwort ist schließlich wieder eine Frage. Aber nur eine, immer dieselbe und das
ist nicht so schrecklich wie die vielen.« –
»Was ist das eigentlich für ein Haus?« fragte Wanka jetzt und wandte sich
zurück zu dem verlassenen Bau, der schwarz und groß mit seinen leeren
Fenstern vor dem Abend stand.
Rezek blickte auf: »Das alte St. Wenzels Strafhaus.« Er blieb stehen, um sich eine Cigarette anzuzünden. Dann gingen sie schweigend der Stadt zu.
Die beiden jungen Menschen, welche früher oft aneinander vorbeigegangen
waren, fanden sich jetzt beinahe jeden Tag. Es war aber mehr eine Macht über
seinem Willen als eigene Absicht, welche Wanka zu dem düsteren Kollegen
hinzog und was ihn dann festhielt, war der Umstand, daß Rezek alle Fragen,
welche ihn in der letzten Zeit gequält hatten, erriet und die unausgesprochenen
wie unwillkürlich beantwortete. Zdenko sah freilich nicht, wie weit diese
Antworten über seine Fragen hinausragten, und so konnte es geschehen, daß
seine Kraft und die naive Klugheit seiner reinen Jugend bald blind im Dienste
des energischen Agitators standen, dem sie sehr gelegen und günstig sein
mußten. Die verschärfte Strenge des Polizeidienstes, die Geschichte des »König
Bohusch« und andere halbpolitische Ereignisse hatten die jungen Leute
vorsichtig und ängstlich gemacht, und Rezek mußte sich zu manchem seiner
Zwecke des bezahlten Pöbels bedienen, der ihm dann bei nächster Gelegenheit
als Angeber gegenübertrat. So aber war der Traum des dunklen Mannes:
unverdorbene junge Leute guten Standes finden, welche überzeugt von dem
Recht ihres Beginnens, mit der ganzen blinden Bärenkraft ihrer Gesinnung einer
nationalen Befreiung entgegenstreben und in jugendlicher Unverzagtheit einem
Ziele nachgehen, das er selbst nicht immer glauben wollte.
Auf ihren gemeinsamen Wegen, an welchen Luisa lauschenden Anteil nahm,
hatten sie eine kleine, niebesuchte Gaststube entdeckt hoch auf dem Hradschin.
Von ihrem Runderker aus sahen sie oft, wie die schweren dunstigen
Frühlingsabende die Stadt zerstörten, wie ihr Feuer an den Kuppeln und Türmen
zehrte und da und dort wie Wahnsinn aus zwei sinnenden Fensteraugen schlug.
Und die ganze Last dieser ahnungsvollen Dämmerungen war auf den drei jungen
Menschen; da wandte sich der energische Rezek, der eine große Furcht vor
diesen leisen weiten Stunden hatte, wohl an das versonnene Mädchen und sagte
mit harter Stimme: »Loisinka, spiel sie uns etwas.« Und aus der Wandnische, wo
Luisa saß, rauschten wie Flügelschläge die langen Töne eines Harmoniums, und
die schlichten Volkslieder machten die Menschen noch leiser und einsamer. Es
wurde immer dunkler um sie her und sie mochten sich vorkommen wie
Abschiednehmende, die einander zuwinken und sich doch nicht mehr erkennen
. . . Bis das Lied mitten im Klange brach und das zitternde Verstummen des
Harmoniums verschmolz mit Luisas zaghaft ausbrechendem Weinen. Dann
befahl Rezek: »Spiel sie doch was heiteres . .«
Aber Luisa kannte nur ein paar Volkslieder und der Bruder sagte: Unser Volk
hat keine lustigen Töne. Seine liebsten Lieder sind wie vor dem Weinen.
Da begann Rezek mit heftigen Schritten in der kleinen Stube auf und ab zu
gehen und endlich blieb er im Erker stehen und sagte:
»Wie ein Kind ist unser Volk. Manchmal seh ich es ein: unser Haß gegen die
Deutschen ist eigentlich gar nichts Politisches, sondern etwas – wie soll ich
sagen? – etwas Menschliches. Nicht, daß wir uns mit den Deutschen in die
Heimat teilen müssen, ist unser Groll, aber daß wir unter einem so erwachsenen
Volk groß werden, macht uns traurig. Es ist die Geschichte von dem Kinde,
welches unter Alten heranwächst. Es lernt das Lächeln, noch ehe es das Lachen
gekonnt hat.«
Als aber die Kellnerin die Lampe angezündet hatte, setzte sich Rezek in den
großen, alten Lehnstuhl und begann, die gelben nervösen Hände vor die Augen
gepreßt, wie zu sich selbst zu reden: »Was hilft alles. Damals als man dem Volk
gesagt hat: du bist jung, haben sich die Gebildeten geschämt dafür. Und sie sind
schnell alt geworden statt älter zu werden. Statt sich jedes Tages zu freuen,
haben sie ein Gestern haben müssen und ein Vorgestern. Königinhofer
Handschrift, freilich! Damit nicht zufrieden, haben sie ihre Kultur in der Fremde
gesucht und gleich dort, wo sie am fertigsten ist – bei den Franzosen. Und so
kams: zwischen den gebildeten Tschechen und dem Volk sind Jahrhunderte. Sie
verstehen sich nicht mehr. Wir haben nur Greise und Kinder, was die Kultur
betrifft. Wir haben unsern Anfang und unser Ende zu gleicher Zeit. Wir können
nicht dauern. D a s ist unsere Tragödie, nicht die Deutschen.«
Luisa sah den Schrecken, welcher sich in den Zügen des Bruders ausprägte
während dieses Geständnisses. Er schien sich mühsam zurückzuhalten, alle seine
Sehnen waren wie zum Sprunge gespannt.
Rezek bemerkte es nicht mehr, er war wie aus einem bösen Traume erwacht,
und der strenge Accent seiner Stimme schien alles frühere zu widerrufen. Er
entwarf an diesem Abend die kühnsten Pläne und spürte mit dem ihm eigenen
Scharfsinn so rücksichtslos allen Mitteln und Möglichkeiten nach, schien sich so
klar über die Ziele seiner unermüdlichen Agitation, daß Zdenko wieder ganz in
seinem Einfluß unterging.
Dennoch bezeichnete dieser Abend für Wanka den Beginn eines harten
inneren Kampfes. Er hatte sich stolz und stark gefühlt in seiner Mission, so lange
er glaubte, für ein junges und gesundes Volk zu streben und nun hatte er
erfahren, daß dieses Volk an innerem Zwiespalt krankte und an sich selber
verzweifelte. Und er verlor alle Freude und allen Mut. Es geschah ihm wie dem tollkühnen Lieutenant, der vor seinen Scharen hineinstürzt in die feindliche
Übermacht. Da vernimmt er, daß die Niederlage der Seinen schon besiegelt ist;
und was im Augenblick noch eine freudige Heldenthat war, ist ihm ein nutzloses,
verzweifeltes Opfer. Der arme junge Mensch fühlt mit einemmale so viel Neues,
Unverbrauchtes, Einsames in sich, das nicht zu Ende gehen will und sich sehnt,
in einem andern stillen Frühling aufzublühen. – Die hohen und hellen Worte der
nationalen Begeisterung waren ihm erloschen, und mehr als einmal stürzte
Wanka aus den heißen heimlichen Versammlungen in die nächtlichen Gassen
hinaus, durch welche er, planlos, einem ungewissen Morgen entgegenirrte. Aber
so stark stand Rezeks Persönlichkeit über ihm, daß er mitten in seinen
Grübeleien immer wieder von ihm einen Ausweg erhoffte und nicht wagte, dem
finsteren Gesellen seine wachsenden Zweifel einzugestehen. Er schwieg gegen
alle davon. Er bemerkte die besorgte Frage in den Augen seiner schlichten
Mutter, und er glaubte sie zu übertönen durch seine heftige, hastige Zärtlichkeit.
Er neigte sich inniger seinem blassen Schwesterchen zu und suchte sich
gleichsam wiederzuerkennen in diesen flüchtigen Augenblicken einer reinen
Liebe.
Jetzt begann Luisa ahnungsvoll die Zerrissenheit in Zdenkos Seele zu
begreifen. Sie wußte ja nichts von der beginnenden Untreue an seinem Werke
und daß er seine übernommene Pflicht als Zwang empfand. Aber sie sah, daß er
an irgendwelchen Ketten zerrte und das schien ihr die eherne Macht des Rezek
zu sein, aus welcher er entfloh, um schwach und verzagt, immer wieder
zurückzukehren. Lange schon stand die Gestalt des bleichen Mannes auch über
ihr. Sie fand sein Bild in allen ihren Gedanken und war nicht mehr erstaunt
dabei. Ihr schien, er gehörte hinein wie der Gekreuzigte in die Klosterzelle. Und
sie konnte ihm nicht wehren, daß er auch in ihre Träume wuchs und endlich
eines wurde mit dem dunklen Prinzen des alten Maskentraumes und nun für sie
nicht mehr Rezek, sondern Julius Cäsar hieß. Und da geschah dem Mädchen
etwas Seltsames. Irgendwelche Scenen aus fernen Jahren und halbvergessene
Träume und Gestalten und fremde purpurne Worte, die sie von ihrem Bruder
vernommen hatte, und anderes, welches sie gar nicht zu erklären vermochte,
umdrängte sie wie eine neue phantastische Zeit, in der alle Gesetze anders
werden und alle Pflichten. Sie konnte zwischen Thun und Träumen nicht mehr
unterscheiden und schaute alle Geschehnisse des Alltags in den Farben jenes
Krummauer Blutfestes, ihrer tiefsten und erschütterndsten Erinnerung. Sie lebte
jetzt mitten unter den stillen, feierlichen Gestalten und fühlte immer deutlicher,
daß auch sie eine Rolle haben müsse in diesem heimlichen Reigen. Und tagelang
saß sie, eine vergessene Arbeit im Schoß, am Fenster, sah mit verlorenen Augen in die hohen kahlen Mauern der Maltheserkirche und sann: Welche nur, welche?
* * *
Die trägen, lässigen Sommertage gingen langsam dem Feste von Mariens
Himmelfahrt entgegen. Eine schwere Traurigkeit lag über Wankas. Das
Heimweh, welches die vier Menschen schon fast vergessen hatten, kam wieder
in einer anderen, unerwarteten Gestalt über sie. Sie sehnten sich nicht mehr nach
der Vergangenheit, sondern sie träumten in den heißen Stuben hinter
dichtverhangenen Fenstern von dem leichten, luftigen Dorfsommer, dem die
kühlen Wälder so nachbarlich sind. Von den hellen Feldwegen, über welche die
jungen Obstbäumchen ihre rührend dünnen Schatten legen, so daß man drüber
hin wie auf einer Leiter geht, von Strich zu Strich. Von den schweren, reifen
Feldern, die so breit und prächtig zu wogen beginnen gegen den Abend zu und
von den Hainen, in deren dunkelnder Stille die schweigsamen Teiche liegen, von
denen niemand weiß, wie tief sie sind. Und dabei dachte jeder von den vier
Menschen an irgend eine bestimmte unbedeutende Stunde, deren kleines Glück
man einst, ohne es zu werten, ebenso mitgenommen hatte. Und um so
schmerzlicher war dieses Sehnen, als es nicht ein Unwiderbringliches betraf, als
jeder fühlte, wie der heitere Heimatsommer ihn erwartete und traurig wurde,
wenn keiner kam. Um ihm wenigstens näher zu sein, machte man kleine
Ausflüge die Moldau entlang, und die Försterswitwe glaubte am leichtesten den
kleinen Wäldern hinter Kuchelbad ihre gutmütige ländliche Lüge und wurde von
jener unmerklichen Fröhlichkeit erfüllt, welche alten, arbeitsamen Leuten eigen
ist. Sie war still und in sich gekehrt und lächelte kaum, aber die Falten um die
Lippen waren vergangen und das gab ihrem Gesicht etwas Junges und Sonniges,
wie sie es vielleicht als Braut nicht besessen hatte. Sie bemerkte dann auch
kaum, wie selten Zdenko den Blick in die lichte Landschaft erhob von dem
Wurzelpfad, und wie schnell die Sommerblumen welkten in den heißen Händen
Luisas. Die alte Rosalka blieb ganz zu Haus und trotzte; sie sagte vom Sommer:
nein, wenn er nicht zu mir kommt, nachlaufen werd' ich ihm nicht; setzte sich
mit einem alten Gebetbuch ans Küchenfenster und schlief über der Frömmigkeit
ein.
Die staubigen Augusttage schienen nur auf einem nicht zu lasten: auf Rezek.
Er blieb von unermüdlicher Kraft, ja in jüngster Zeit war sogar eine übermütige
Lustigkeit in seinem Wesen, welche Wanka nicht verstehen konnte. Er wußte
nicht, daß Rezek stets so zügellos wurde, wenn die Gefahr nahe über ihm und seinem geheimen Streben aufstieg und nahm diese Veränderung eher als Zeichen
guter Erfolge hin.
Seine letzten Bedenken entschwanden, als Rezek bei einem Spaziergange,
den sie wieder nach alter Gewohnheit zu dritt unternahmen, vorschlug, in der
»Vikárka« (einem kleinen, uralten Gasthofe, dem St. Veitsdom gegenüber)
einzukehren. Sie saßen bei einem dunkeln Tische in der hintersten Stube und
stießen mit echtem Melniker an. Der Student kargte nicht mit dem Wein, und so
laut wurde seine Lustigkeit, daß die paar übrigen Gäste, es waren bischöfliche
Lakaien, daran teilnehmen mußten. Rezek erzählte die Sage von der Brotgräfin,
die im alten Czerninschen Palast umgehen sollte, knüpfte seinen tückischen
Spott an die spannendsten Stellen und veränderte so die Wirkung seiner Worte in
einer seltsamen und überraschenden Weise. Da und dort wurden andere
Geschichten wach (sie lauern in allen Ecken dieser dämmernden Stuben), und es
fügte sich, daß Zdenko die Krummauer Sagen, auch jene von Julius Cäsar zum
besten gab.
»Eigentlich wäre das deine Sache,« hatte er vorher zu Luisa gesagt.
Sie aber schüttelte nur stumm den Kopf, hob dann das Weinglas und hielt es
lange an die Lippen. Mit fast verschlossenem Munde begann sie zu saugen, und
ihre Augen schauten dabei groß in den Trank hinein, dessen purpurner
Widerschein über ihrem schmalen Gesichtchen lag.
Mit einemmale sagte Rezek: »Wie Sie das sagen. Merkwürdig. Ist nicht eine
Ähnlichkeit zwischen unserer Zeit und den Tagen vor dem dreißigjährigen
Kriege?«
Unter seinen Worten bebte etwas. Zdenko und andere lachten. Luisa aber hob
das Becherglas langsam von ihrem kühlen roten Munde und sah mit erschreckten
Augen zu dem Studenten auf.
Als man später auf dem Heimweg war, blieb Rezek nahe bei der alten
Schloßstiege vor einem Thor, über dessen Bogen ein schwarzes Ehewappen
prangte, stehen und fragte: »Waren Sie schon mal drin?«
Die Geschwister verneinten.
»So kennen Sie nicht einmal die Daliborka? Schämen Sie sich.«
Und schon trat Rezek durch den engen Thürrahmen des Thores ein und
Luisa, die nun bei ihm stand, erblickte einen reinlichen Hof, drin, von den lichten Mauern bewacht, die breiten, warmen Schatten des Nachmittags lagerten.
Eine kleine, alte Frau trat grüßend aus der Hausthüre, jagte einen Schwarm
Hühner vor sich her und winkte dann den Fremden, zu folgen. Zdenko ging
voran, dann kam Rezek und zuletzt Luisa, denn der Pfad war so schmal, daß
einer hinter dem anderen gehen mußte. Luisa zögerte ein wenig und schaute mit
glänzenden Augen umher: da war ein lächerlich kleiner Gemüsegarten, dessen
Kohlköpfe und Spargelstangen ein sechsjähriges Kind wohl hätte zählen können;
mitten drin aber ragte ein stämmiger Apfelbaum, welcher seine kleinen roten
Früchte der fern verschimmernden Stadt zu zeigen schien. Ein paar
dichtverwucherte Stufen lenkten in einen feuchten und dämmernden Teil des
Hanges hinab und dort standen viele Sträucher von wilden Rosen, deren Zweige
Luisa nicht vorbei lassen wollten. Da blieb Rezek stehen, und das Mädchen
vernahm die Stimme des Zdenko: »Also das ist der berühmte Hungerturm. Der
Ritter Dalibor hat da drinnen aus lauter Sehnsucht die Geige spielen gelernt. Das
war doch hier?«
»Ja,« erwiderte Rezek, »aber ich glaube immer, er hat das Geigen schon
früher getroffen. Die Sehnsucht singt selten.«
Und da standen sie schon vor der schwerbeschlagenen Pforte des grauen
Turmes. Luisa sah empor und bemerkte, daß die breiten Mauern nur teilweise
von einem neugezimmerten Dach überspannt wurden. Auf dem freien Rande der
Zinne ragte neben einer zerrauften Silberdistel eine schlanke, junge Akazie und
hob ihre blassen Blättertrauben mit zärtlicher Anmut in den lichten Himmel
hinein. Das war das letzte Bild vom Tage. Es wurde immer feuchter und
schwärzer, und die dumpfige Luft legte sich wie ein Schleier vor des Mädchens
Augen. »Findet sie uns nach?« hörte sie den Studenten mal fragen. Er hielt ihr
die Hand hin. Seine Stimme kam rauh und fremd aus den ungewissen Tiefen des
Gewölbes, und Luisa war nicht imstande zu antworten. Sie tastete mit
angehaltenem Atem, leise erschauernd, an den eisigen Wänden hin und fand sich
erst wieder, als ihr der rötliche Schein eines Lichtes, wie wärmend, aus der
nächsten Halle entgegenkam. Da fand sie die beiden Männer und die Frau
inmitten des Raumes über irgend etwas gebeugt, und eine schwehlende Kerze
schwankte an einem Strick gerade über ihren gesenkten Köpfen. Dann glitt das
Licht mit einem kreischenden Geräusch tiefer und tiefer an den drei Gesichtern
vorbei, welche eine Sekunde lang grell beschienen waren; es sank bis vor ihre
Füße und verschwand langsam in einer schwarzen runden Öffnung des Bodens,
über der nur noch ein letzter, löschender Glanz hin und herzuckte. Da neigte
auch Luisa sich vor und erkannte, wie die Kerze, klein, tief unten ankam in einem zweiten grauen Gemach, unter welchem noch ein drittes, schwarz, zu
beginnen schien.
»Oh,« sagte Luisa.
Zdenko faßte ihre feuchte, zitternde Hand: »Achtgeben, Luisa.«
Und dann erzählte die Alte etwas mit einer armen, monotonen Stimme, die
sich vor den feuchten Wänden zu fürchten schien und in scheuen Kreisen eng
um die vier Köpfe herumschwirrte. »Die neuen,« sagte sie gerade, leise und
heimlich, als wäre das eine liebe, eigene Erinnerung, die sie zum erstenmal
jemandem anvertraute, »die neuen, die hier herunterkamen, erhielten ein Stück
Brot und einen Krug Wasser. Ja, und mit dem Brot und dem Wasser mußten sie
sich erhalten und da an dem Loch mußten sie sitzen und zuschauen, wie der, der
schon eine Woche unten saß oder zwei, no je nachdem, (es haben manche
Menschen gar so viel zähe Kraft) sich langsam zu Ende hungerte. Na und dann,
wenn's in Gotts Namen zu Ende war, wurden sie hinuntergelassen . . .«
»An diesem Seil?« neckte Zdenko.
Die Frau ließ sich nicht stören: »Hinuntergelassen wurden sie und mußten
erst den Toten, nämlich den, welchen sie haben zu Ende hungern sehen,
hineinstoßen in das Loch am Boden dort – sehen Sie.« (Alle neigten sich vor.)
»Manchmal werden sie den Vorgänger wohl halb aufgefressen haben,« lachte
Rezek grausam.
»Kann schon sein,« murrte die Alte und fuhr dann in ihrer langgewohnten
Erklärung fort.
Luisa lehnte sich an den Bruder: »Es ist tief?« forschte sie.
»Sehr tief.«
»Und kann keiner wieder heraus?«
»Nein,« erklärte jetzt Rezek. »Das Ding ist wie eine Flasche; oben schmal
und immer weiter gewölbt nach seinem Grunde zu. Ein Zurückklettern giebt's da
wohl kaum. Übrigens wär' das das beste Heilmittel für Übersatte auch heute
noch.«
Luisa hörte ihn lachen. Die Beschließerin zog die Kerze halb herauf und trat
dann mehr in den Raum zurück. Die Männer folgten ihr. Jetzt eröffnete der
flüchtige, scheue Schein eines Zündholzes da und dort ungeahnte Nischen und
Gänge, welche im nächsten Augenblick lautlos wieder einzustürzen schienen.
Ein unbestimmtes Sich-rühren begann. Das Licht über dem Krater wurde
ängstlich, und das breite Dunkel ringsum schien zu erwachen, sich zu dehnen
und in wachsenden Gestalten an Luisa vorüberzufluten. Immer deutlicher
erkannte sie Paar und Paar. Und sie reihten sich zu einem taumelnden Tanz und
aus Reigen und Neigen kam endlich der Eine ihren staunenden Augen entgegen:
Julius Cäsar.
Er war stumm und schwarz. Ihr schlug das Herz in die Kehle hinauf und,
erschreckt, senkte sie den Blick und er fiel, fiel in eine endlose Tiefe. Sie wußte:
So stand sie am Rande des Turms. So war sie selber das blaue Fräulein. An
ihrem Frieren fühlte sie, daß sie ohne Kleider war, ganz ohne Kleider. Mit
bebenden Fingern tastete sie an ihrem Leib hin und sie empfand seine bloße
Glätte. Dann blickte sie auf: oben war Nacht, sternelos. Und dann stand er bei
ihr, fast vor ihr, nah am Abgrund. Das blaue Fräulein rächte sich: diesmal er. Und sie hob unwillkürlich die Hände und stieß sie gerade nach ihm hin – bis sie
an seine Schultern drängten, – dann aber, im Augenblicke der jähen Berührung,
packte sie ihn krampfhaft, riß ihn zurück, zu sich her, fühlte ihn, und in einer
neuen, tiefen, zitternden Seligkeit vergingen ihr die Sinne.
* * *
Und am Ende sollte gar, so scheint es, die grämliche Rosalka, welche
Zdenkos Streben und den ehrgeizigen Wunsch seiner Mutter, hoffärtig und
sündig fand, recht behalten haben. Denn es mußte doch etwas wie Hoffart sein,
was den jungen Menschen bewog, innerhalb drei Wochen dreimal Wohnung zu
wechseln; nämlich: aus seinem kleinen Kämmerchen, das in die Mauern der
Maltheser sah, in die Untersuchungshaft, von da in das Hospital und endlich gar
auf den VII. Friedhof des Wolschan, wo die Mutter ihm ein Stück Landes, drei
Schritte in der Länge und zwei breit kaufte. Mehr wollte er nicht. Und das alles
war so rasch gegangen, daß die Frau mit dem alternden Verstand sich gar nicht
finden konnte in diese unerwartete, plötzliche Standeserhebung, nur den Kopf
schütteln konnte und immerwährend unterwegs war nach dem seltsamen,
winzigen Landgut, als wollte sie nicht begreifen, daß es dem neuen Besitzer
draußen gefiele. Sie vergaß Arbeit und Essen und kehrte jeden dritten Tag zu
dem Spitalarzt zurück, der endlich ermüdete, der verstörten Mutter immer
wieder den traurigen Fall von Lungenentzündung mit letalem Ausgang zu
erklären und anzufügen, daß dies bei solchem infamen Herbstwetter nicht zu
verwundern sei. Wenn Frau Wanka dann, von dem ungeduldigen Arzt und den
wartenden Besuchern fast aus der Thüre gedrängt, in den perlgrau trüb
triefenden Tag hinaustrat, dann nahm sie sich jedesmal vor, sich das Wetter recht
genau zu betrachten um zum Verständnis des »traurigen Falles« zu gelangen.
Aber draußen hastete sie scheu an den Häusern und den Menschen vorbei und
kam atemlos in ihre Wohnung, wo sie Luisa fand, immer auf demselben Platz,
mit heißen, trockenen Augen und fiebernden Händen. Sie blieben dann einander
gegenüber sitzen, ohne die Lampe anzuzünden, ohne sich irgend etwas zu sagen,
ganz fern von einander, bis es so dunkel war, daß sie eine die andere vergaßen.
Von Zeit zu Zeit erhob sich eine der Frauen und ging auf den Zehen, als sollte
die andere nichts bemerken, hinaus, in Zdenkos langverlassenes, verstaubtes
Stübchen. Behutsam trat sie ein. Und erst wenn sie den leeren Schreibtisch fand
und das vernachlässigte, verdeckte Bett, erlosch das irre Lächeln einer wilden,
immer wieder gläubigen Hoffnung auf den zuckenden Lippen. Die Zurückgebliebene aber lauschte dann: Sie hörte die Thüre gehen. Und dann
begann in der verlassenen Kammer ein Weinen – bang und hoffnungslos. Bis die
alte Rosalka eines Sonnabends das kleine Hinterzimmer aufwusch und dann den
Schlüssel an sich nahm. Das Weinen aber hörte nicht auf; es füllte bei Tag die
beiden Stuben aus und schien in jeder Nacht suchend durch das ganze Haus zu
gehen, so daß die Kinder nicht einschlafen wollten. Und auch Erwachsene
brannten Licht bis in den Morgen hinein; denn jeder in dem alten Haus wollte
die Ecken seines Zimmers überschauen und war im stillen froh, wenn der
nächste graue Regentag an die Scheiben schlug. Denen, die sich darüber
beschwerten, schwor die Magd Rosalka bei Seele und Ehrlichkeit, man könne
nichts dagegen thun, als Weihwasser aufstellen und Vaterunser beten; denn so sei
es jedesmal, wenn einer stürbe mit vielen weltlichen Wünschen im Herzen und
ohne die richtige Ruhe und Ergebenheit. Und man betete beim Rübenschälen