Zwischen Himmel und Erde
Vorwort
Zwischen Himmel
und Erde
Erzählung von
Otto Ludwig
Illustriert von Paul Scheurich
1908
Buchverlag fürs Deutsche Haus
Berlin—Leipzig
„Wenn Bücher auch nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter
machen sie doch!“
(Jean Paul)
Vorwort
Otto Ludwig (1813-1865) gehört zu den drei Großen des Jahres 1813. Neben
dem titanischen Wesen Richard Wagners, neben Friedrich Hebbels grüblerischer
aber den großen Wurf nie verfehlender Art steht der Sohn des Bürgermeisters
aus dem thüringischen Städtchen Eisfeld wie einer, dem es nie recht gelingen
wollte, was er sich zum Ziel gesetzt hat. Otto Ludwig konnte sich nicht an die
Geschäftigkeit des neunzehnten Jahrhunderts gewöhnen und es plagte ihn doch
ein unseliger Ehrgeiz, seiner Zeit gerecht zu werden. Er ist ein Heimatdichter
von Grund aus und es trieb ihn doch in die großen Städte. Jahrelang versuchte er,
sich in Leipzig, dann in Dresden heimisch zu machen. Aber er kam nicht darüber
hinweg, daß die Leipziger Damen alle so übernächtigt aussehen, nicht wie
Geschöpfe der Natur, sondern wie Kunstfabrikate. Bis er endlich in dem
idyllischen Garsebach bei Meißen Linderung für seine seelische Unzufriedenheit
und seine körperlichen Leiden fand. Emilie Winkler schuf dem nervösen Dichter
das Heim, wie er es sich nur wünschen konnte.
Da setzten auch die ersten großen Erfolge ein. Sein Drama „Der Erbförster“
wurde in Dresden mit Erfolg aufgeführt und einige Jahre darauf erlebten seine
Dorf- und Kleinstadtgeschichten „Heiterethei“ und „Zwischen Himmel und
Erde“ schnell zahlreiche Auflagen. Das deutsche Volk war mit seinem Dichter
zufrieden, nur er selbst strebte immer nach Höherem, er konnte sich wie Hebbel
nichts zu Dank machen. Die Entwürfe häuften sich, viele davon hat er in einer
üblen Laune selbst verbrannt. Er sagte, ich muß sie vernichten, damit die
Gestalten meiner Pläne nicht mehr des Nachts an mein Bett kommen, mich zu
quälen, denn mir bleibt keine Zeit mehr, ihnen ihre Gestalt zu geben. Aus dem
schönen Jüngling, der mit vierundzwanzig Jahren in Hildburghausen und in
seiner Vaterstadt bewundert wurde, war ein mißvergnügter Dichter geworden,
aus dem jungen Musiker ein einsiedlerischer Denker, der des Nachts nach einem
Spaziergang in den stillen Wald über dichterische Probleme nachdachte, über
seinem Shakespeare träumte und in einer Welt lebte, die nicht die Welt seiner
Gegenwart war.
„Zwischen Himmel und Erde“ läßt sich nicht so leicht in die deutsche
Erzählungsliteratur einreihen. Der Reiz dieses Buches ist, wie Kleists „Michael
Kohlhaas“, so innig mit der Persönlichkeit des Dichters verknüpft, so stark
spricht uns aus dieser schlichten, im Tragischen wie im Idyllischen gleich vollendeten Erzählerkunst Otto Ludwigs Menschentum, seine Jugend und seine
abgeklärte Lebenserfahrung an, so eindringlich deutsches Wesen überhaupt, daß
wir uns schämen würden, danach zu fragen, aus welcher Schule heraus ist diese
Kunst entstanden. Hinter dem Schicksal der Menschen unserer Erzählung, mit
denen uns der Dichter schnell vertraut macht, als gehörten sie seit lange zu
unserem täglichen Verkehr, steht eine Gerechtigkeit, die keine alltägliche,
voreilig aburteilende und voreilig belohnende ist: Kehre dich nicht tadelnd von
der Welt, wie sie ist, suche ihr gerecht zu werden, dann wirst du dir gerecht.
Aus dem Hintergrunde des mit inniger Liebe ausgemalten
Schieferdeckerberufes heben sich zahllose Lichter und Schatten, außerordentlich
fein gesehene Einzelzüge, ab. Man sieht ihm bisweilen in seine Arbeit hinein,
empfindet die Mühe, aber auch die Sorgsamkeit und die Gewissenhaftigkeit des
Künstlers. Und wenn das sonst gerade kein Lob für ein Kunstwerk ist, so ist es
doch auch wieder in der deutschen Kunst, von Dürer angefangen, zu einem ihrer
Hauptcharakterzüge geworden. Nur verknöcherte Ästheten können darüber
nörgeln. Wir andern freuen uns, daß wir so Einblick in die Werkstatt der Liebe
erhalten, aus der heraus jener Eifer und diese absichtliche Genauigkeit geboren
ist. Mit den Werken unserer Dichter treten wir in eine Traumwelt von
wunderbarer Versonnenheit ein, einer Unbekümmertheit gegen die Forderung
des Fertigen und der Glätte des scheinbar Vollkommenen, wenn darüber die
Forderung der Liebe und des persönlichen Verantwortungsgefühls steht.
Der alte, trotzige und mürrische Dachdeckermeister ist eine solche spröde
Gestalt aus der Werkstatt Otto Ludwigs, ein Ebenbild des Erbförsters, eine
Erinnerung an seinen eigenen Vater. Sein starres Prinzip, von seinen Kindern nie
etwas zweimal und nie mit Angabe der Gründe zu fordern, aber auch nie etwas,
das nicht vorher bei ihm selbst wohl überdacht wäre, ist nicht zum mindesten
schuld an dem so verschiedenen Schicksal seiner beiden Söhne. Auch das
Häuschen und der Garten, in dem kein Buchsbaumblättchen über das andere
hinaussehen durfte, stimmen zu der sonderbaren Härte dieser Menschen, deren
Schicksal zum großen Teile aus ihrer Umwelt (Zola ist hier vorgeahnt) heraus-
und dann auch einen Augenblick wohl über sie hinauswächst.
Es sind des Menschen unausgesprochene Zweifel und geheime
Leidenschaften, die ihn bisweilen wie ein Gewitter mit Hagel und Blitz
überfallen. Dem Überwinder erst kommt die große neue Klarheit über den Wert
des Lebens, eine Ewigkeitsperspektive, die nicht nur einen Helden, sondern auch
einen Weisen aus ihm macht. Apollonius, der junge Träumer, ist eine der
herrlichsten Figuren deutscher Dichtung, ein moderner Parzival vom Lande, den
das trübste Schicksal nicht irre machen kann. An seiner reinen Leidenschaft für
Christiane — an der Wahrheit muß sich der Argwohn und die Frivolität seines Bruders verbrennen, kann sich die Ängstlichkeit eines so zarten Frauengemüts,
wie es in Christiane geschildert ist, aufrichten. Und dennoch bleibt eine Wehmut
des Unerfüllten im Leser zurück, die uns nicht so bald von den Menschen
scheiden läßt, wenn wir auch schon lange das Buch beiseite gelegt haben. Dann
wiederholen unsere Lippen wohl unwillkürlich die letzten Worte des Dichters:
„Der Mensch soll nicht sorgen, daß er in den Himmel komme, sondern daß der
Himmel in ihn komme. Und in diesem Sinne sei dein Wandel: Zwischen Himmel
und Erde.“
Dr. Wilhelm Mießner.