Zwischen Himmel und Erde
Zwischen Himmel und Erde
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.
Erzählung von Otto Ludwig
Das Gärtchen liegt zwischen dem Wohnhause und dem Schieferschuppen; wer
von dem einen zum andern geht, muß daran vorbei. Vom Wohnhaus zum
Schuppen gehend hat man es zur linken Seite; zur rechten sieht man dann ein
Stück Hofraum mit Holzremise und Stallung, vom Nachbarhause durch einen
Lattenzaun getrennt. Das Wohnhaus öffnet jeden Morgen zweimal sechs grün
angestrichene Fensterläden nach einer der lebhaftesten Straßen der Stadt, der
Schuppen ein großes graues Tor nach einer Nebengasse; die Rosen an den
baumartig hochgezogenen Büschen des Gärtchens können in das Gäßchen
hinausschauen, das den Vermittler macht zwischen den beiden größern
Schwestern. Jenseits des Gäßchens steht ein hohes Haus, das in vornehmer
Abgeschlossenheit das enge keines Blickes würdigt. Es hat nur für das Treiben
der Hauptstraße offene Augen; und sieht man die geschlossenen nach dem
Gäßchen zu genauer an, so findet man bald die Ursache ihres ewigen Schlafes;
sie sind nur Scheinwerk, nur auf die äußere Wand gemalt.
Das Wohnhaus, das zu dem Gärtchen gehört, sieht nicht nach allen Seiten so
geschmückt aus, als nach der Hauptstraße hin. Hier sticht eine blaß rosenfarbene
Tünche nicht zu grell von den grünen Fensterladen und dem blauen
Schieferdache ab; nach dem Gäßchen zu, die Wetterseite des Hauses, erscheint
von Kopf zu Fuß mit Schiefer geharnischt; mit der andern Giebelwand schließt
es sich unmittelbar an die Häuserreihe, deren Beginn oder Ende es bildet; nach
hinten aber gibt es einen Beleg zu dem Sprichwort, daß alles seine schwache
Seite habe. Hier ist dem Hause eine Emporlaube angebaut, einer halben
Dornenkrone nicht unähnlich. Von roh behauenen Holzstämmen gestützt, zieht
sie sich längs des obern Stocks hin und erweitert sich nach links in ein kleines
Zimmer. Dahin führt kein unmittelbarer Durchgang aus dem obern Stock des
Hauses. Wer von da nach der „Gangkammer“ will, muß aus der hintern Haustür
heraus und an der Wand hin wohl sechs Schritt an der Hundehütte vorbei bis zu
der hölzernen, hühnersteigartigen Treppe, und wenn er diese hinaufgestiegen, die
ganze Länge der Emporlaube nach links wandeln. Der letzte Teil der Reise wird
freilich aufgeheitert durch den Blick in das Gärtchen hinab. Wenigstens im Sommer; und vorausgesetzt, die der Länge des Ganges nach doppelt
aufgezogene Leine ist nicht durchaus mit Wäsche behängt. Denn im Winter
schließen sich die Läden, die man im Frühjahre wieder abnimmt, mit der
Barriere zu einer undurchdringlichen Bretterwand zusammen, deren
Lichtöffnungen über dem Bereiche angebracht erscheinen, den eine gewöhnliche
Menschenlänge beherrscht.
Ist die Zier der Baulichkeiten nicht überall die gleiche, und stechen
Emporlaube, Stall und Schuppen bedeutend gegen das Wohnhaus ab, so vermißt
man doch nirgends, was noch mehr ziert als Schönheit der Gestalt und
glänzender Putz. Die äußerste Sauberkeit lächelt dem Beschauer aus dem
verstecktesten Winkel entgegen. Im Gärtchen ist sie fast zu ängstlich, um lächeln
zu können. Das Gärtchen scheint nicht mit Hacke und Besen gereinigt, sondern
gebürstet. Dazu haben die kleinen Beetchen, die so scharf von dem gelben Kies
der Wege abstechen, das Ansehen, als wären sie nicht mit der Schnur, als wären
sie mit Lineal und Zirkel auf den Boden hingezeichnet, die
Buchsbaumeinfassung, als würde sie von Tag zu Tag von dem akkuratesten
Barbier der Stadt mit Kamm und Schermesser bedient. Und doch ist der blaue
Rock, den man täglich zweimal in das Gärtchen treten sehen kann, wenn man
auf der Emporlaube steht, und zwar einen Tag wie den andern zu derselben
Minute, noch sauberer gehalten als das Gärtchen. Der weiße Schurz darüber
glänzt, verläßt der alte Herr nach mannigfacher Arbeit das Gärtchen wieder —
und das geschieht täglich so pünktlich um dieselbe Zeit wie sein Kommen —
und in so untadelhafter Weise, daß eigentlich nicht einzusehen ist, wozu der alte
Herr ihn umgenommen hat. Geht er zwischen den hochstämmigen Rosen hin,
die sich die Haltung des alten Herrn zum Muster genommen zu haben scheinen,
so ist ein Schritt wie der andere, keiner greift weiter aus oder fällt aus der
Gleichmäßigkeit des Taktes. Betrachtet man ihn genauer, wie er so inmitten
seiner Schöpfung steht, so sieht man, daß er äußerlich nur das nachgetan, wozu
die Natur in ihm selber das Muster geschaffen. Die Regelmäßigkeit der
einzelnen Teile seiner hohen Gestalt scheint so ängstlich abgezirkelt worden zu
sein, wie die Beete des Gärtchens. Als die Natur ihn bildete, mußte ihr Antlitz
denselben Ausdruck von Gewissenhaftigkeit getragen haben, den das Gesicht
des alten Herrn zeigt und der in seiner Stärke als Eigensinn erscheinen mußte,
war ihm nicht ein Zug von liebender Milde beigemischt, ja fast von
Schwärmerei. Und noch jetzt scheint sie mit derselben Sorgfalt über ihm zu
wachen, mit der sein Auge sein kleines Gärtchen übersieht. Sein hinten
kurzgeschnittenes und über der Stirn zu einer sogenannten Schraube zierlich
gedrehtes Haar ist von derselben untadelhaften Weiße, die Halstuch, Weste,
Kragen und der Schurz vor dem zugeknöpften Rocke zeigen. Hier in seinem Gärtchen vollendet er das geschlossene Bild desselben; außerhalb seines Hauses
muß sein Ansehen und Wesen etwas Fremdartiges haben. Pflastertreter hören
unwillkürlich auf zu plaudern, die Kinder auf der Straße zu spielen, kommt der
alte Herr Nettenmair dahergestiegen, das silberknöpfige Rohr in der rechten
Hand. Sein Hut hat noch die spitze Höhe, sein blauer Überrock zeigt noch den
schmalen Kragen und die bauschigen Schultern einer lang vorübergegangenen
Mode. Das sind Haken genug, schlechte Witze daran zu hängen; dennoch
geschieht dies nicht. Es ist, als ginge ein unsichtbares Etwas mit der stattlichen
Gestalt, das leichtfertige Gedanken nicht aufkommen ließe.
Wenn die älteren Einwohner der Stadt, begegnet ihnen Herr Nettenmair, eine
Pause in ihrem Gespräch machen, um ihn respektvoll zu grüßen, so ist es jenes
magische Etwas nicht allein, was diese Wirkung tut. Sie wissen, was sie in dem
alten Herrn achten; ist er vorüber, folgen ihm die Augen der noch immer
Schweigenden, bis er um eine Straßenecke verschwindet; dann hebt sich wohl
eine Hand, und ein aufgereckter Zeigefinger erzählt beredter als es der Mund
vermöchte, von einem langen Leben mit allen Bürgertugenden geschmückt und
nicht durch einen einzigen Fehl geschändet. Eine Anerkennung, die noch an
Gewicht gewinnt, weiß man, wie viel schärfer einem nach außen
abgeschlossenen Dasein nachgerechnet wird. Und ein solches führt Herr
Nettenmair. Man sieht ihn nie an einem öffentlichen Orte, es müßte denn sein,
daß etwas Gemeinnütziges zu beraten oder in Gang zu bringen wäre. Die
Erholung, die er sich gönnt, sucht er in seinem Gärtchen. Sonst sitzt er hinter
seinen Geschäftsbüchern oder beaufsichtigt im Schuppen das Ab- und Aufladen
des Schiefers, den er aus eigener Grube gewinnt und weit ins Land und über
dessen Grenzen hinaus vertreibt. Eine verwitwete Schwägerin besorgt sein
Hauswesen und ihre Söhne das Schieferdeckergeschäft, das mit dem Handel
verbunden ist und an Umfang diesem wenig nachgibt. Es ist der Geist des
Oheims, der Geist der Ordnung, der Gewissenhaftigkeit bis zum Eigensinn, der
auf den Neffen ruht, und ihnen das Zutrauen erwirbt und erhält, das sie von weit
umher beruft, wo man zur Deckung eines neuen Gebäudes oder zu einer
umfassenderen Reparatur an einem alten des Schieferdeckers bedarf.
Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen Fensterläden.
Die Schwägerin, eine noch immer schöne Frau, wenig jünger als der Hausherr,
behandelt diesen mit einer Art stiller Verehrung, ja Andacht. Ebenso die Söhne.
Der alte Herr dagegen widmet der Schwägerin eine achtungsvolle Rücksicht,
eine Art Ritterlichkeit, die in ihrer ernsten Zurückhaltung etwas Rührendes hat,
den Neffen beweist er die Zuneigung eines Vaters. Doch steht auch hier etwas
zwischen beiden Teilen, das dem ganzen Verkehr etwas rücksichtsvoll
Förmliches beimischt. Das liegt wohl zum Teile in der schweigsamen Geschlossenheit des alten Herrn, die sich den übrigen Familiengliedern
mitgeteilt hat, wie denn alle seine Eigentümlichkeiten bis auf die
unbedeutendsten Einzelheiten, so in körperlicher Haltung und Bewegung, wie in
Urteil und Liebhaberei, auf sie übergegangen erscheinen. Wird in dem
Familienkreise weniger gesprochen, so scheint ein Aussprechen von Wünschen
und Meinungen des einen überflüssig, wo der andere mit so sicherem Instinkt zu
raten weiß. Und wie soll das schwer sein, wo alle eigentlich ein und dasselbe
Leben leben?
Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grünen Fensterladen.
Die Nachbarn wundern sich, daß der Herr Nettenmair die Schwägerin nicht
geheiratet. Es ist nun dreißig Jahre her, daß ihr Mann, Herr Nettenmairs älterer
Bruder, bei einer Reparatur am Kirchendache zu Sankt Georg verunglückte.
Damals glaubte man allgemein, er werde des Bruders Witwe heiraten. Sein
damals noch lebender Vater wünschte das sogar, und der Sohn selbst schien nicht
abgeneigt. Man weiß nicht, was ihn abhielt. Aber es geschah nicht, wennschon
Herr Nettenmair sich des Familienwesens seines Bruders und der Kinder
desselben väterlich annahm, auch sich sonst nicht verheiratete, soviel gute
Partien sich ihm auch anboten. Damals schon begann das eigene
Zusammenleben.
Es ist natürlich, daß die guten Leute sich wundern; sie wissen nicht, was
damals in vier Seelen vorging; und wüßten sie es, sie wunderten sich vielleicht
nur noch mehr.
Nicht immer wohnte die Sonntagsruhe hier, die jetzt selbst über die
angestrengteste Geschäftigkeit der Bewohner des Hauses mit dem Gärtchen ihre
Schwingen breitet. Es ging eine Zeit darüber hin, wo bitterer Schmerz über
gestohlenes Glück, wilde Wünsche seine Bewohner entzweiten, wo selbst
drohender Mord seinen Schatten vor sich her warf in das Haus; wo Verzweiflung
über selbstgeschaffenes Elend händeringend in stiller Nacht an der Hintertür die
Treppe herauf und über die Emporlaube und wieder hinunter den Gang zwischen
Gärtchen und Stallraum bis zum Schuppen und ruhelos wieder vor und wieder
hinter schlich. Damals schon war das Gärtchen der Lieblingsaufenthalt einer
hohen Gestalt, aber den Eigensinn des greisen Gesichts dämpfte nicht Milde;
wenn sie über die Straße schritt, hielten auch die Knaben im lustigen Spiele an;
aber die Gestalt sah nicht so freundlich auf sie nieder. Vielleicht, weil ihr
Augenlicht fast erloschen war. Wohl war auch der ältere Herr Nettenmair ein
geachteter Mann und verdiente die Achtung seiner Mitbürger, nicht weniger als
sein milderes Ebenbild nach ihm. Er war ein Mann voll strenger Ehre. Er war es
nur zu sehr!
Was dazumal die Herzen in dem Hause bis zum Zerspringen schwellen machte, was in den verdüsterten Seelen umging und zum Teile heraustrat in der
Selbstvergessenheit der Angst, oder zur Tat wurde, zur Verzweiflungstat: alles
das mag durch das Gedächtnis des Mannes gehen, mit dem wir uns bis jetzt
beschäftigt. Es ist Sonntag und die Glocken von Sankt Georg, die den Beginn
des vormittägigen Gottesdienstes verkündigen, rufen auch in das Gärtchen
herein, wo Herr Nettenmair nach hergebrachter Weise zu dieser Stunde auf
seiner Bank in seiner Laube sitzt. Seine Augen ruhen auf dem schiefergedeckten
Turmdach von Sankt Georg, das auch nach ihm zu schauen scheint. Heute sind
es einunddreißig Jahre, seit er nach längerer Abwesenheit auf der Wanderschaft
in die Vaterstadt heimkehrte. Ebenso riefen die Glocken, als er durch eine
Schnei[1] hindurch an der Straße den alten Turm zum ersten Male wiedersah.
Damals knüpfte sich seine nächste Zukunft an das alte Schieferdach; jetzt liest er
seine Vergangenheit davon ab. Denn — aber ich vergesse, der Leser weiß nicht,
wovon ich spreche. Es ist ja eben das, was ich ihm erzählen will.
So blättern wir denn die einunddreißig Jahre zurück und finden einen jungen
Mann statt des alten, den wir verlassen. Er ist hochgewachsen wie dieser, aber
nicht so stark. Er trägt die braunen Haare, wie der Alte, am Hinterkopfe kurz
geschoren, über der weißen hohen Stirn in eine sogenannte Schraube künstlich
gedreht. Auf seinem Gesicht erscheint noch nicht die Strenge des Alten, dem
gutmütigen Ausdrucke ist die Narbe erlittenen Seelenschmerzes noch nicht
eingeprägt. Keineswegs aber hat er die leichtsinnige Unbekümmertheit, die sonst
seinem Alter eigen, und auch nicht das bequeme, nachlässige Wesen, das dem
fahrenden Handwerksburschen so leicht zur Gewohnheit wird. Noch führt ihn
die hohe Straße durch dichten Wald, aber die Klänge der Sankt Georgenglocken
aus der tief unten liegenden Stadt steigen herauf zur waldigen Höhe und dringen
durch Baum und Busch unhemmbar wie eine Mutter, die dem kommenden
Liebling entgegenflieht. Heimat! Was liegt in diesen zwei kleinen Silben! Was
alles steht auf im Menschenherzen, wenn die Stimme der Heimat, der
Glockenton, dem aus der Fremde Kehrenden Willkommen ruft, der Ton, der das
Kind in die Kirche, den Knaben zur Konfirmation und zum ersten Genusse des
heiligen Mahles rief, der jede Viertelstunde zu ihm sprach! Im Gedanken Heimat
umarmen sich all unsre guten Engel.
Unserm jungen Wanderer drangen Tränen aus den ernsten und doch so
freundlichen Augen. Schämte er sich nicht vor sich selbst, er hätte laut geweint.
Er kam sich vor, als hätte er seinen Aufenthalt in der Fremde nur geträumt und
könne sich, nun er erwacht, auf den Traum kaum mehr besinnen, als hätte er nur
geträumt, er sei ein Mann geworden in der Fremde; als sei es ihm immer schon
im Traum gekommen, er träume nur in der Fremde, um, wenn er daheim erwacht sei, davon erzählen zu können. Es könnte auffallen, wie er bei alledem in diesem
Augenblicke seines ganzen Innern den Spinnenfaden nicht übersah, den die
grüßende Luft von der Heimat her gegen seinen Rockkragen wehte, und daß er
die Tränen vorsichtig abtrocknete, damit sie nicht auf das Halstuch fallen
möchten, und mit der eigensinnigsten Ausdauer erst die letzten, kleinsten Reste
des Silberfadens entfernte, ehe er sich mit ganzer Seele seinem Heimatsgefühle
überließ. Aber auch sein Hängen an der Heimat war ja zum Teile nur ein Ausfluß
jenes eigensinnigen Sauberkeitsbedürfnisses, das alles Fremde, das ihm
anfliegen wollte, als Verunreinigung ansah; und wiederum entsprang jenes
Bedürfnis aus der Gemütswärme, mit der er alles umfaßte, was in näherem
Bezuge zu seiner Persönlichkeit stand. Das Kleid auf seinem Leibe war ihm ein
Stück Heimat, von dem er alles Fremde abhalten mußte.
Jetzt machte die Straße eine Wendung; der Bergrücken, der vorhin die
Aussicht verengt hatte, blieb zur Seite liegen, und über jungem Wuchs stieg eine
Turmspitze auf. Es war die Spitze des Sankt Georgenturms. Der junge Wanderer
hielt den Schritt an. So natürlich es war, daß das höchste Gebäude der Stadt ihm
zuerst und vor den übrigen sichtbar werden mußte, seine Sinnigkeit vergaß es
über der innigen Bedeutung, die sie in den Umstand legte. Das Schieferdach der
Kirche und des Turms bedurfte einer Reparatur. Diese war seinem Vater
übertragen worden und sie war der Grund, wenigstens der Vorwand, warum der
Vater ihn früher aus der Fremde zurückrief, als er bei des Sohnes Abreise gewillt
gewesen. Vielleicht morgen schon begann er seinen Teil Arbeit. Dort, senkrecht
über dem weiten Bogen, durch den er die Glocken sich bewegen sah, war die
Aussteigetüre angebracht. Dort sollten die beiden Balken sich herausschieben,
um die Leiter zu tragen, auf der er emporklimmte, bis zur Helmstange, das Tau
seines Fahrzeugs daran anzuknüpfen für die luftige Fahrt um das Dach. Und wie
es seine Natur war, sich mit festen Herzensfäden an die Gegenstände
anzuspinnen, mit denen er in Arbeitsberührung kommen sollte, so sah er in dem
Auftauchen der Turmspitze einen Gruß und griff unwillkürlich in die Luft nach
dem Grüßenden hin, als gält’ es, eine freundlich dargebotene Hand zu drücken.
Dann beschleunigte der Gedanke an seine Arbeit seinen Schritt, bis ein Aushau
im Walde und die Ankunft auf der höchsten Kante des Berges ihm die ganze
Heimatsstadt vor seinen Füßen liegend zeigte.
Wieder blieb er stehen. Dort stand das Vaterhaus, dahinter der
Schieferschuppen; in derselben Vorstadt, nicht weit davon, das Haus, wo sie —
gewohnt hatte damals, als er in die Fremde ging, jetzt wohnte sie in seinem
Vaterhaus, war seines Vaters Tochter, seines Bruders Weib und er sollte von
heute an in demselben Hause leben und sie täglich sehen als seine Schwägerin.
Sein Herz schlug stärker bei dem Gedanken an sie. Aber keine von den Hoffnungen, die sich ihm sonst an ihr Andenken geknüpft, ließ es schwellen.
Seine Neigung war die eines Bruders zur Schwester geworden und was ihn jetzt
bewegte, sah mehr einer Sorge gleich. Er wußte, sie dachte mit Widerwillen an
ihn. Sie war die einzige im ganzen Vaterhause, die sein Kommen ungern sah.
Wie war das alles geworden? War nicht eine Zeit gewesen, wo sie ihm gut zu
sein schien? Wo sie ihm so gern zu begegnen schien, als später beflissen, ihm
auszuweichen? Da unten vor der Stadt in Gärten liegt das Schützenhaus. Wie
sind die Bäume um das Haus größer geworden, seit er von dieser Höhe herab
auch ihm den letzten Gruß zugewinkt hatte! Dort unter jener Akazie hatte er
kurz vorher gestanden — es war an einem schönen Frühlingsabend gewesen,
dem schönsten, meinte er, den er erlebt — am Pfingstschießen. Drin tanzte das
übrige junge Volk; er ging selig um das Haus herum, in dem er sie tanzend
wußte. Er fühlte sich jetzt noch im Umgang mit Mädchen und Frauen befangen,
und wußte nicht mit ihnen zu reden; das war er damals noch mehr gewesen als
jetzt. Wie gern hätte er ihr gesagt — wenn er allein war, wieviel hatte er ihr zu
sagen und wie gut wußte er es zu sagen, und führte es ein Zufall daß er sie allein
traf — und wunderbar, wie geschäftig der Zufall sich zeigte, ein solch
Zusammentreffen zu vermitteln — da trieb ihm der Gedanke, jetzt sei der
Augenblick da, alles Blut nach dem Herzen, die Worte von der Zunge in den
Versteck der tiefsten Seele zurück. So war es gewesen, wie sie, die Wangen vom
Tanze glühend, allein herausgetreten war aus dem Hause. Es schien ihr nur um
Kühlung zu tun; sie wehte sich mit dem weißen Tuche zu, aber ihre Wangen
wurden nur röter. Er fühlte, sie hatte ihn gesehen, sie erwartete, er sollte näher
treten und daß sie wußte, er verstand sie, das färbte ihr die Wangen röter. Das
trieb, da er zögerte, sie wieder hinein in den Saal. Vielleicht auch, daß sie einen
Dritten nahen hörte. Sein Bruder kam aus einer andern Tür des Saales. Er hatte
die beiden noch schweigend einander gegenüberstehen, vielleicht auch des
Mädchens Röterwerden gesehen. „Du suchst die Beate?“ fragte unser Held, um
seine Verlegenheit zu verbergen. „Nein,“ entgegnete der Bruder. „Sie ist nicht
zum Tanze und das ist gut. Es kann doch nichts werden; ich muß mir eine andere
anschaffen und bis ich eine finde, ist böhmisch Bier mein Schatz.“
Es war etwas Wildes in des Bruders Rede. Unser Held sah ihn verwundert und
zugleich bekümmert an. „Warum kann nichts werden?“ fragte er. „Und wie bist
du nur?“
„Ja, du meinst, ich soll sein wie du, fromm und geduldig, wenn nur kein
Federchen etwa an deinem Rocke sitzt. Ich bin ein andrer Kerl, und wird mir ein
Strich durch meine Rechnung gemacht, muß ich mich austoben. Warum nichts
werden kann? Weil der Alte im blauen Rock es nicht will.“
„Der Vater rief dich gestern in das Gärtchen —“
„Ja, und zog seine weißen Augenbrauen, die wie mit dem Lineal gemacht
sind, anderthalb Zoll in die Höh. Ich hatte mir’s wohl gedacht. ‚Du gehst mit der
Beate vom Einnehmer. Das hat aufgehört von heut an.‘“
„Ist’s möglich? Und warum?“
„Ja, hast du je gehört, daß der im blauen Rock ein Warum vorgebracht hätte?
Und hast du ihn je gefragt: warum denn aber, Vater? Ich möchte sein Gesicht
sehen, fragte ihn einer von uns: Warum? Er hat’s nicht gesagt, aber ich weiß es,
warum das aufgehört haben soll mit mir und der Beate. Ich hab’s die ganze
Woche her erwartet; wenn er die Hand aufhob, meint’ ich, er deutet nach dem
Gärtchen, und war bereit, wie ein armer Sünder hinter ihm her zu gehen. Da ist
ja der Ort, wo er seine Kabinettsbefehle austeilt. Mit dem Einnehmer soll’s nicht
gut stehn. Es geht eine Rede, er braucht mehr, als seine Besoldung hergeben
will. Und — nun du bist ja auch ein Federchensucher wie der im blauen Rock.
Aber was kann das Mädchen dazu? Was ich? Nun, aufgehört muß die Geschichte
haben, aber das Mädel dauert mich und ich muß sehn, wie ich sie vergesse. Ich
muß trinken oder mir eine andere anschaffen.“
Unser Held war des Bruders Art gewohnt; er wußte, daß seine Reden nicht so
wild gemeint waren, als sie klangen, und der Bruder bewies ja seine Liebe und
Achtung vor dem Vater durch die Tat seines Gehorsams; dennoch wäre es
unserm Helden lieb gewesen, der Bruder hätte sie auch im Reden gezeigt, wie
im Tun. Der Bruder hatte mit seiner Neckerei nicht ganz unrecht gehabt.
Apollonius war es, als läge etwas Unsauberes auf der Seele des Bruders und er
strich unwillkürlich mehrmals mit der Hand über den Rockkragen desselben hin,
als wäre es äußerlich von ihm abzuwischen. Vom Tanze hatte sich Staub darauf
gelagert; wie dieser entfernt war, kam ihm die Empfindung, als sei wirklich
entfernt, was ihn gestört.
Das Gespräch tauschte seinen Stoff. Sie kamen auf das Mädchen zu sprechen,
das vorhin sich Kühlung zugeweht; Apollonius wußte gewiß nicht, daß er die
Anregung dazu gegeben hatte. Wie das Mädchen das Ziel war, nach dem alle
Wege seines Denkens führten, so hielt es ihn, war er bei ihr angekommen,
unentrinnbar fest. Er vergaß den Bruder so, daß er zuletzt eigentlich mit sich
selbst sprach. Der Bruder schien all das Schöne und Gute an ihr, das der Held in
unbewußter Beredsamkeit pries, erst wahrzunehmen. Er stimmte immer
lebhafter bei, bis er in ein wildes Lachen ausbrach, das den Helden aus seiner
Selbstvergessenheit weckte und seine Wangen so rot färbte, als die des
Mädchens vorhin gewesen waren.
„Und da schleichst du um den Saal, wo sie mit andern tanzt und, zeigt sie sich,
so hast du nicht das Herz, mit ihr anzubinden. Wart’, ich will dein Gesandter
sein. Von nun soll sie keinen Reihen tanzen, als mit mir, damit kein andrer dir die Quere kommt. Ich weiß mit den Mädels umzugehen. Laß mich machen für
dich.“
Sie standen etwa zehn Schritt von der großen Saaltüre entfernt, Apollonius mit
dem vollen, der Bruder mit dem halben Angesichte derselben zugewandt. Unser
Held erschrak vor dem Gedanken, daß das Mädchen heute noch alles erfahren
sollte, was er für sie fühlte. Dazu kam die Scham über sein eigenes befangenes
ungeschicktes Wesen ihr gegenüber und wie sie davon würde denken müssen,
daß er eines Mittlers bedürfe. Er hatte schon die Hand erhoben, dem Bruder
Einhalt zu tun, als die Erscheinung des Mädchens selbst ihm alles andere
verdunkelte. Leise und allein wie vorhin kam sie aus der Tür geschritten. Unter
dem Tuche, mit dem sie sich Kühlung zuwehte, schien sie verstohlen um sich zu
sehen. Er sah wieder ihre Wangen röter werden. Hatte sie ihn gesehen? Aber sie
wandte ihr Gesicht nach der entgegengesetzten Seite. Sie schien etwas zu suchen
im Grase vor ihr. Er sah, wie sie eine kleine Blume pflückte, diese auf eine Bank
legte und, nachdem sie eine Weile wie zweifelnd gestanden, ob sie die Blume
wieder aufnehmen sollte, wie mit schnellem Entschluß sich wieder nach der Tür
wandte. Eine halb unwillkürliche Armbewegung schien zu sagen: mag er sie
nehmen; sie ist für ihn gepflückt. Wieder wogte es rot herauf bis an das
dunkelbraune Haar, und die Hast, mit der sie in der Tür verschwand, schien einer
Reue vorbeugen zu sollen, die die Sorge erzeugen konnte, wie ihr Tun
verstanden werden würde.
Der Bruder, der von alledem nichts zu gewahren schien, hatte noch in seiner
lebendigen, heftigen Weise fortgesprochen; seine Worte waren verloren; unser
Held hätte zwei Leben haben müssen, sie zu hören, denn das eine, das er besaß,
war in seinen Augen. Jetzt sah er den Bruder nach dem Saale stürmen. Zu spät
kam ihm der Gedanke, ihn zurückzuhalten. Er eilte ihm vergeblich nach bis zur
Tür. Dort nahm ihn wiederum die Blume gefangen, die das Mädchen für einen
Finder hingelegt, für einen glücklichen, fand sie der, dem sie zugedacht war. Und
unter den leisen, mechanisch fortgesetzten Zurufen seines Mundes an den
Bruder, der sie nicht mehr hörte, er solle schweigen, fragte er sich innerlich: bist
du’s auch, für den sie die Blume hierher gelegt? Hat sie die Blume für jemand
hierher gelegt? Sein Herz antwortete glücklich auf beides mit ja, während ihn
das Vorhaben des Bruders noch bedrängte.
War es ein Liebeszeichen von ihr und für ihn, so war es das letzte.
Zweimal sah er verstohlen in den Saal, wenn die Tür sich öffnete; er sah sie
mit seinem Bruder tanzen, dann im Ausruhen vom Tanze den Bruder in seiner
hastigen Weise auf sie hineinreden. Jetzt spricht er von mir, dachte er, über das
ganze Gesicht erglühend. Er stürzte in den Schatten der nahen Büsche, als sie
den Saal verließ. Der Bruder führte sie heim. Er folgte den beiden in so großer Entfernung, als er nötig hielt, von ihr nicht gesehen zu werden. Als der Bruder
von der Begleitung zurückkam, trat er von der Tür weg. Er war wie nackt vor
Scham. Der Bruder hatte ihn doch bemerkt. Er sagte: „Noch will sie nichts von
dir wissen; ich weiß nicht, ist es Ziererei oder ihr Ernst. Ich treffe sie schon
wieder. Auf einen Schlag fällt kein Baum. Aber das muß ich dir zugestehen,
Geschmack hast du. Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe seither.
Die ist noch ganz anders, als die Beate. Und das will viel sagen!“
Von da an hatte der Bruder unermüdlich mit Walthers Christianen getanzt und
für den Bruder gesprochen und jedesmal, nachdem er sie heimgeführt, dem
Helden Rechenschaft abgelegt von seinen Bemühungen für ihn. Lange noch war
er ungewiß, ob sie sich nur ziere, oder ob sie unserm Helden wirklich abgeneigt
sei. Er erzählte gewissenhaft, was er zu des Helden Gunsten ihr gesagt, was sie
auf seine Fragen und Versicherungen geantwortet. Er hatte noch Hoffnung, als
unser Held sie schon aufgegeben hatte. Und dieser hätte es aus ihrem Benehmen
gegen ihn erkennen müssen, hätte er auch ihre Antworten an den Bruder nicht
erfahren, seine Neigung habe keine Erwiderung zu erwarten. Sie wich ihm aus,
wo sie ihn sah, so angelegentlich, als sie ihn früher gesucht zu haben schien.
Und war er es denn gewesen, den sie damals suchte, wenn sie überhaupt jemand
gesucht hatte?
Der Bruder forderte ihn hundertmal auf, sie abzupassen und selbst seine Sache
bei ihr zu führen. Er bot seine ganze Erfindungskraft auf, dem Helden
Gelegenheit zu verschaffen, sie allein zu sprechen. Unser Held wies die
Aufforderungen ab, wie die Anerbieten. Es war doch unnütz. Alles, was er
erreichen konnte, war, sie nur noch mehr zu erzürnen.
„Ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wie du abmagerst und immer bleicher
wirst,“ sagte der Bruder eines Abends zu unserm Helden, nachdem er ihm
gemeldet, wie er heute wieder erfolglos für ihn gesprochen. „Du mußt fort eine
Zeitlang von hier, das wird nach zwei Seiten gute Folgen für dich haben. Wenn
ich ihr sage, du bist um ihretwillen in die Welt gegangen, wird sie sich vielleicht
bekehren. Glaub’ mir, ich kenne, was lange Haare trägt und weiß damit
umzugehen. Du schreibst ihr einen beweglichen Brief zum Abschied, den
bekommt sie durch mich und ich will ihr schon das Herz weich machen. Und
ist’s nicht zu erreichen, so wird dir’s gut tun, wenn du ein oder mehrere Jahre
von hier weg bist, wo dich alles an sie erinnert. Und zuletzt wird die Fremde
einen andern Kerl aus dir machen, der mit der Art, die Schürzen trägt, besser
umzuspringen weiß. Du mußt tanzen lernen, das ist schon der halbe Weg dazu.
Und der Alte im blauen Rock ist ohnehin vom Vetter in Köln angegangen
worden, einen von uns zu ihm zu schicken; ich las neulich in einem Brief, der
ihm aus der Tasche gefallen war. Sag ihm nur, du hättest aus seinen Reden so was gemerkt und wenn er’s haben wollte, so wolltest du gehn. Oder laß mich das
machen. Du bist zu ehrlich.“
Und er machte es wirklich. Es ist die Frage, ob sich unser Held freiwillig hätte
entschließen können, die Heimat zu verlassen, er, der nicht begriff, wie jemand
wo anders leben könne, als in seiner Vaterstadt, dem es immer wie ein Märchen
vorgekommen war, daß es noch andere Städte gäbe und Menschen drin wohnten,
der sich das Leben und Tun und Treiben dieser Menschen nicht als ein
wirkliches, wie die Bewohner seiner Heimat es führten, sondern als eine Art
Schattenspiel vorgestellt hatte, das nur für den Betrachter existierte, nicht für die
Schatten selbst. Der Bruder, der den alten Herrn zu behandeln wußte, brachte,
wie zufällig, das Gespräch auf den Vetter in Köln, wußte die Andeutungen, die
Herr Nettenmair in seiner diplomatischen Weise gab, als vorbereitende Winke
aufzufassen, faßte andere, die unsern Helden betrafen, damit zusammen. Nach
öfterem Gespräche schien er’s für den ausgesprochenen Willen des alten Herrn
zu nehmen, daß Apollonius nach Köln zu dem Vetter müsse. Dadurch war dem
alten Herrn der Gedanke gegeben, über dem er nun, da er für den seinen galt,
nach seiner Weise brütete. Es war wenig Arbeit vorhanden und auch für die
nächste Zeit keine Aussicht auf eine bedeutende Vermehrung derselben. Zwei
Hände waren zu entbehren und blieben die im Geschäft, so waren die Kräfte
desselben zu einem halben Müßiggang verdammt. Der alte Herr konnte nichts
weniger leiden, als was er leiern nannte. Es fehlte nur an einem Widerstande von
seiten unsers Helden. Dieser wußte nichts von des Bruders Plane. Der Bruder
hatte ihn weislich nicht darin eingeweiht, weil er ihn zu gut kannte, um Vorschub
von ihm zu erwarten bei einem Tun, das er als unehrlich und unehrerbietig
zugleich gegen den Vater verworfen haben würde.
„Du willst den Apollonius nach Köln schicken,“ sagte der Bruder eines
Nachmittags zu dem alten Herrn. „Wird er aber gehen wollen? Ich glaube nicht.
Du wirst mich auf die Wanderschaft schicken müssen. Der Apollonius wird nicht
gehen. Wenigstens heut oder morgen noch nicht.“
Das war genug. Noch denselben Abend winkte der alte Herr unseren Helden
sich in das Gärtchen nach. Vor dem alten Birnbaum blieb er stehen und sagte,
indem er ein kleines Reis, das aus dem Stamme gewachsen war, entfernte:
„Morgen gehst du zum Vetter nach Köln.“
Mit schneller Wendung drehte er sich nach dem Angeredeten um und sah
verwundert, daß Apollonius gehorsam mit dem Kopfe nickte. Es schien ihm fast
unlieb, daß er keinen Trotz zu brechen haben sollte. Meinte er, der arme Junge
denke trotzige Gedanken, wenn er sie auch nicht ausspreche und wollte er auch
den Trotz der Gedanken brechen? „Heut noch schnürst du deinen Ranzen, hörst
du?“ fuhr er ihn an.
Apollonius sagte: „Ja, Vater.“
„Morgen mit Sonnenaufgang machst du dich auf die Reise.“ Nachdem er so
eine trotzige Antwort fast erzwingen zu wollen geschienen, mochte er seinen
Zorn bereuen. Er machte eine Bewegung. Apollonius ging gehorsam. Der alte
Herr folgte ihm und kam einigemal auf das Zimmer der Brüder, um mit
milderem Grimme den Einpackenden an mancherlei zu erinnern, was er nicht
vergessen solle.
Und vom Georgenturme tönte eben der letzte von vier Glockenschlägen, als
sich die Tür des Hauses mit den grünen Fensterladen auftat und unser junger
Wanderer heraustrat, von dem Bruder begleitet. An derselben Stelle, von der er
jetzt auf die unter ihm liegende Stadt herabsah, hatte der Bruder Abschied von
ihm genommen und er ihm lange, lange nachgesehen. „Vielleicht gewinn’ ich dir
sie doch,“ hatte der Bruder gesagt, „und dann schreib’ ich dir’s sogleich. Und
ist’s mit der nichts, so ist sie nicht die einzige auf der Welt. Du bist ein Kerl, ich
kann dir’s wohl sagen, so hübsch wie einer, und legst du nur dein blödes Wesen
ab, kann dir’s bei keiner fehlen. Es ist einmal so, die Mädel können nicht um uns
werben und ich möchte die nicht einmal, die sich mir von selbst an den Hals
würfe. Und was soll ein rasches Mädel mit einem Träumer anfangen? Der Vetter
in Köln soll ein paar schöne Töchter haben. Und nun leb’ wohl. Deinen Brief
besorg’ ich noch heut’.“
Damit war der Bruder von ihm geschieden.
„Ja,“ sagte Apollonius bei sich, als er ihm nachsah. „Er hat recht. Nicht wegen
der Töchter vom Vetter oder sonst einer andern, und wär’ sie noch so hübsch.
Wär’ ich anders gewesen, jetzt müßt’ ich vielleicht nicht in die Fremde. War
ich’s, dem sie die Blume hingelegt hat am Pfingstschießen? Hat sie mir
begegnen wollen damals und früher? wer weiß, wie schwer’s ihr geworden ist.
Und wie sie das alles umsonst getan, hat sie sich nicht vor sich selber schämen
müssen? O, sie hat recht, wenn sie nichts mehr von mir wissen will. Ich muß
anders werden.“
Und dieser Entschluß war keine taube Blüte gewesen. Das Haus seines Vetters
in Köln zeigte sich keiner Art von Träumerei förderlich. Er fand ein ganz
anderes Zusammenleben als daheim. Der alte Vetter war so lebenslustig als das
jüngste Glied der Familie. Da war keine Vereinsamung möglich. Ein
aufgeweckter Sinn für das Lächerliche ließ keine Art von Absonderlichkeit
aufkommen. Jeder mußte auf seiner Hut sein; keiner konnte sich gehen lassen.
Apollonius hätte ein anderer werden müssen und wenn er nicht wollte. Auch im
Geschäfte ging es anders her als daheim. Der alte Herr im blauen Rock gab seine
Befehle, wie der Gott der Hebräer aus Wolken und mit der Stimme des Donners,
er hätte seinem Ansehen etwas zu vergeben geglaubt durch Aussprechen seiner Gründe, es gab kein Warum, und seine Söhne wagten nicht, nach Warum zu
fragen. Und selbst das Verkehrte mußte durchgeführt werden, war der Befehl
einmal ausgesprochen. Über Dinge, die das Geschäft nicht betrafen, redete er mit
den Söhnen gar nicht. Dagegen war es des Vetters Weise, ehe er selbst seine
Ansicht über einen Punkt des Geschäfts aussprach, seine Gehilfen um ihre
Meinung zu fragen. Es war dann nicht genug an der Meinung, er wollte auch die
Gründe wissen. Dann machte er Einwürfe; war ihre Meinung die richtige,
mußten sie dieselbe siegreich durchkämpfen; irrten sie, nötigte er sie, durch
eigenes Denken auf das Rechte zu kommen. So erzog er sich Helfer, denen er
manches überlassen konnte, die nicht um jede Kleinigkeit ihn fragen mußten.
Und so hielt er es auch mit andern Dingen. Es waren wenig Verhältnisse des
bürgerlichen Lebens, die er nicht nach seiner Weise mit seiner Familie — und
Apollonius gehörte dazu — durchsprach. Indem er zunächst nur darauf
auszugehen schien, das Urteil der jungen Leute zu bilden, gab er ihnen einen
Reichtum von Lebensregeln und Grundsätzen, die um so mehr Frucht
versprachen, da die jungen Leute sie hatten selbst finden müssen. Woran der
Vetter bei seinem Verwandten nicht tastete, das war dessen Gewissenhaftigkeit,
Eigensinn in der Arbeit und Sauberkeit des Leibes und der Seele. Doch ließ er es
nicht an Winken und Beispielen fehlen, wie auch diese Tugenden an Übermaß
erkranken könnten.
Apollonius erkannte deutlich, daß sein Glück ihn zu dem Vetter geführt. Er
verlor das träumerische Wesen immer mehr; bald konnte der Vetter die
schwierigste Arbeitsaufgabe in des Jünglings Hände legen, und er vollendete
jede ohne die Hilfe fremden Rates zu solcher Zufriedenheit des Vetters, daß
dieser sich gestehen mußte, er selbst würde die Sache nicht umsichtiger
begonnen, nicht energischer betrieben, nicht schneller und glücklicher beendet
haben. Bald konnte der Jüngling sich ein Urteil bilden über die Art, wie sie
daheim die Geschäfte geführt hatten. Mußte er sich sagen, daß sie nicht die
zweckmäßigste gewesen, ja daß manches, was der alte Herr angeordnet hatte,
verkehrt genannt werden mußte, dann warf er sich wohl seinen unkindlichen
Sinn bitter vor, strengte sich an, das Tun des Vaters bei sich zu rechtfertigen, und
zwang sich, war ihm das unmöglich gewesen, zu dem Gedanken, der alte Herr
habe seine guten Gründe gehabt und er selbst sei nur zu beschränkt, um sie zu
erraten.
Es kamen Briefe vom Bruder. Im ersten schrieb dieser, er sei nun so weit über
das Mädchen klar, daß ihre Härte gegen Apollonius von einer andern Neigung
des Mädchens herrühre, deren Gegenstand zu nennen sie nicht zu bewegen sei.
Aus dem nächsten, der kaum von dem Mädchen sprach, las Apollonius ein Mitleid mit ihm heraus, dessen Grund er nicht zu finden wußte. Der dritte gab
diesen Grund nur zu deutlich an. Der Bruder selbst war der Gegenstand der
verschwiegenen Neigung des Mädchens gewesen. Sie hatte ihm mancherlei
Zeichen davon gegeben, nachdem er nach des Vaters Willen seiner ersten
Geliebten entsagt. Er hatte nichts davon geahnt, und als er nun als Werber für
den Bruder aufgetreten, hatte Scham und Überzeugung, er selbst liebe sie nicht,
ihren Mund verschlossen.
Nun begriff Apollonius unter Schmerzen, daß er sich geirrt, als er gemeint,
jene stummen Zeichen gälten ihm. Er wunderte sich, daß er seinen Irrtum nicht
damals schon eingesehen. War nicht sein Bruder ihr so nah, als er, da sie die
Blume hinlegte, die der Unrechte fand? Und wenn sie ihm so absichtlich
unabsichtlich allein begegnete — ja, wenn er sich die Augenblicke, die
Eigentümer seiner Träume, vergegenwärtigte — sie hatte seinen Bruder gesucht,
darum war sie erschrocken, ihm zu begegnen, darum floh sie jedesmal, wenn sie
ihn erkannte, wenn sie den fand, den sie nicht suchte. Mit ihm sprach sie nicht;
mit dem Bruder konnte sie Viertelstunden lang scherzen.
Diese Gedanken bezeichneten Stunden, Tage, Wochen tiefinnersten
Schmerzes; aber das Vertrauen des Vetters, das durch Bewährung vergolten
werden mußte, die heilende Wirkung emsigen und bedachten Schaffens, die
Männlichkeit, zu der sein Wesen durch beides schon gereift war, bewährten sich
in dem Kampfe und gingen noch gekräftigter daraus hervor.
Ein späterer Brief, den er vom Bruder erhielt, meldete ihm, der alte Walther,
der des Mädchens Neigung entdeckt und der alte Herr im blauen Rocke waren
übereingekommen, der Bruder solle das Mädchen heiraten. Des alten Herrn Soll
war ein Muß, das wußte Apollonius so gut als der Bruder. Des Mädchens
Neigung hatte den Bruder gerührt; sie war schön und brav; sollte er sich dem
Willen des Vaters entgegensetzen um Apollonius willen, um einer Liebe willen,
die ohne Hoffnung war? Der Zustimmung Apollonius im voraus gewiß, hatte er
sich in die Schickung des Himmels ergeben.
Die ganze erste Hälfte des folgenden Briefes, in welchem er seine Heirat
meldete, klang die fromme Stimmung nach. Nach vielen herzlichen
Trostesworten kam die Entschuldigung oder vielmehr Rechtfertigung, warum
der Bruder zwischen diesem und dem vorigen Briefe zwei Jahre lang nicht
geschrieben. Darauf eine Beschreibung seines häuslichen Glückes; ein Mädchen
und einen Knaben hatte ihm sein junges Weib geboren, das noch mit der ganzen
Glut ihrer Mädchenliebe an ihm hing. Der Vater war unterdes von einem
Augenübel befallen und immer unfähiger geworden, das Geschäft nach seiner
souveränen Weise allein zu leiten. Das hatte ihn noch immer wunderlicher
gemacht. Wenn er eine Zeitlang die Zügel ganz den Händen des Sohnes überlassen, dann hatte ihn das alte Bedürfnis zu herrschen, durch die Langeweile
der gezwungenen Muße noch geschärft, sich wieder aufraffen lassen. Nun
kannte er die Sache, um die es sich eben handelte (und an die er sich bisher
nichts gekehrt) nur unzureichend; und wenn er sie kannte, so war ihm darum zu
tun, seinen Willen als den herrschenden durchzusetzen. Und schon deshalb
verwarf er den Plan, nach dem der Sohn bisher gehandelt. Was bereits
geschehen, Arbeit und Auslage waren verloren. Dabei mußte er doch wieder den
Sohn zu Hilfe nehmen und die beste Darstellung des Verhaltes ersetzte dem alten
Herrn den Mangel der eigenen Anschauung nicht. Zuletzt mußte er einsehen,
daß die Sache auf seinem Wege nicht ging. Geld, Zeit und Arbeitskraft war
vergeudet und, was ihn noch tiefer traf, er hatte sich bloßgegeben. Nach einigen
dergestalt mißlungenen Versuchen, die Zügel als blinder Fuhrmann wieder an
sich zu reißen, hatte er sich von den Geschäften zurückgezogen. Bloß als
beratender Helfer sich einem andern unterzuordnen und gar dem eigenen Sohne,
der bis vor kurzem noch der ungefragte und willenlose Vollzieher seiner Befehle
gewesen, das war dem alten Herrn unmöglich. Im Gärtchen fand er
Beschäftigung; er konnte sich neue machen, wenn ihm nicht genügte, was die
Pflege des Gärtchens bis jetzt seinen Besorgern von selbst abgefordert. Er
konnte das Alte entfernen, Neues ersinnen und wieder Neuerem Platz machen
lassen, und er tat es. Unumschränkt herrschend in dem kleinen grünen Reiche, in
dem von nun an kein Warum mehr laut werden durfte, wo neben dem Gesetze
der Natur nur noch ein einziges waltete, sein Wille, vergaß oder schien er zu
vergessen, daß er früher einen mächtigeren Zepter geführt.
Mehr aber als von dem Geschäfte und dem wunderlichen alten Herrn schrieb
der Bruder in seinen folgenden Briefen von den Festlichkeiten der
Schützengesellschaft der Vaterstadt und einem Bürgervereine, der
zusammengetreten war, sein Ergötzen von dem der niedriger stehenden
Schichten der Bevölkerung abzusondern. Aus allen den Beschreibungen von
Vogel- und Scheibenschießen, Konzerten und Bällen, als deren Mittelpunkt er
und seine junge Frau dastanden, lachte die höchste Befriedigung der Eitelkeit
des Briefstellers. Nur in einer Nachschrift war in dem letzten Briefe des
ernsteren Umstandes leicht Erwähnung getan, die Stadt wolle eine Reparatur des
Turm- und Kirchendaches zu Sankt Georg vornehmen lassen und habe ihn mit
Ausführung derselben betraut. Der im blauen Rocke dringe in ihn, Apollonius
aufzufordern, in die Vaterstadt und das Geschäft zurückzukehren. Der Bruder
war der Meinung, Apollonius werde die ihm liebgewordenen Verhältnisse in
Köln nicht um einer so geringfügigen Ursache willen verlassen mögen. Die
Reparatur werde mit den vorhandenen Arbeitskräften in kurzer Zeit zu vollenden
sein. Der schadhaften Stellen an Turm- und Kirchendach seien nur wenige. Überdies sehe er auch ab von dem Widerwillen seiner Frau gegen Apollonius,
den er seither so vergebens bekämpft, würde es diesem eine unnütze Quälerei
sein, alles das sich wieder aufzufrischen, was er froh sein müsse, vergessen zu
haben. Er werde leicht einen Vorwand finden, dem Gehorsam gegen einen
Befehl, den nur Wunderlichkeit eingegeben, auszuweichen. Den Schluß des
Briefes machte eine neckende Anspielung auf ein Verhältnis unseres Helden mit
der jüngsten Tochter des Vetters, von dem die Vaterstadt voll sei. Der Bruder ließ
sich ihr als seiner künftigen Schwägerin empfehlen.
Wenn auch ein solches Verhältnis nicht bestand, Apollonius konnte sich
sagen, es lag nur an ihm, es in das Leben zu rufen. Der Vetter hatte schon
manchen Wink fallen lassen, der dahin zielte; und das Mädchen, von dem die
Rede war, hätte sich nicht gesträubt. Unser Apollonius war ein Bursche
geworden, den so leicht keine ausgeschlagen hätte, deren Herz und Hand noch
zu ihrer Verfügung stand. Die Gewohnheit, nach seinem eigenen Ermessen zu
handeln und über die Tätigkeit einer Anzahl tüchtiger Arbeiter selbständig zu
verfügen, hatte seinem Äußern Haltung, seinem Benehmen Sicherheit gegeben.
Und was von seiner frühern Schüchternheit gegen Frauen und der Neigung, sich
träumend in sich selbst zu versenken, noch übrig geblieben war, erhöhte noch die
sichere Männlichkeit, deren Ausdruck es milderte.
Ja, er wußte, daß er des Vetters Schwiegersohn werden konnte, wenn er
wollte. Das Mädchen war hübsch, brav und ihm zugetan wie eine Schwester.
Aber nur als eine Schwester sah er sie an; es war ihm nie der Wunsch
gekommen, sie möchte ihm mehr sein. Die Neigung zu Christianen glaubte er
besiegt zu haben; er wußte nicht, daß doch nur sie es war, die zwischen ihm und
des Vetters Tochter stand und zwischen ihm und jeder andern gestanden hätte.
Als er erfuhr, Christiane liebte seinen Bruder, hatte er die kleine Blechkapsel mit
der Blume von der Brust genommen, wo er sie seit jenem Abende trug, da er sie
irrend als für ihn hingelegt aufgehoben. Als Christiane seines Bruders Weib
geworden war, packte er die Kapsel mit der Blume ein und schickte sie dem
Bruder. Wegwerfen konnte er nicht, was ihm einmal teuer gewesen, aber
besitzen durfte er die Blume nicht mehr. Besitzen durfte sie nur der, für den sie
bestimmt gewesen, dem die Hand gehörte, die sie gegeben hatte.
Der Vater rief ihn zurück; er mußte gehorchen. Aber es war mehr als der bloße
Gehorsam in ihm lebendig. Er ging nicht nur; er ging gern. Des Vaters Wort war
ihm mehr Erlaubnis als Befehl. Wenn die Frühlingssonne in ein Gemach dringt,
das den Winter über unbewohnt und verschlossen stand, dann sieht man, es war
schlafendes Leben, was wie vertrocknete Leichen auf der Diele lag. Nun regt es
sich und dehnt sich und wird zur summenden Wolke, und braust jubelnd hinein
in den goldenen Strahl. Nicht der Vater allein, jedes Haus der Vaterstadt, jeder Hügel, jeder Garten darum, jeder darin rief ihn. Der Bruder, die Schwester —
diesen Namen gab er Christianen — riefen ihn. Er fühlte sich sicher, daß es nur
die Schwester war, die ihn zu ihr zog. Doch sie rief ihn ja nicht. Sie trug einen
Widerwillen gegen ihn, hatte ihm der Bruder geschrieben; einen Widerwillen, so
stark, daß sechs Jahre lang der Bruder vergeblich gegen ihn gekämpft. Es war
ihm, als müsse er schon deswegen heim, damit er ihr zeigte, er verdiente ihren
Widerwillen nicht, er sei wert, ihr Bruder zu sein. Das schrieb er dem Bruder in
dem Briefe, der seinen Gehorsam meldete und den Tag angab, an dem der
Bruder ihn erwarten sollte. Er konnte ihn versichern, daß die Erinnerungen an
ehemals ihn nicht quälen würden, daß die Sorge des Bruders unbegründet sei.
So war es gekommen, daß der Gedanke an sie keine von den alten
Hoffnungen erweckte. Als er von der Höhe herabsah, fragte er sich: wird mir’s
gelingen, ihr Bruder zu werden, die mir jetzt eine Schwester ist?
Noch eine Weile stand er und sah hinab. Aber seine Haltung hatte sich
verändert und sein Blick war ein andrer geworden. In Gedanken hatte ich die
letzten sechs Jahre noch einmal durchlebt und war noch einmal aus einem
blöden, träumerischen Knaben zum Manne geworden. Als sein Blick wieder auf
den Turm und die Kirche zu Sankt Georg fiel, hob sich die Hand nicht wie
vorhin unwillkürlich, wie um eine unsichtbar ihm hingereichte zu drücken. Er
schalt sich über sein kindisches Gaffen. Er mußte sobald als möglich die Dinge
in der Nähe sehen, um sich ein Urteil zu bilden, was zu tun sei. Die Liebe zur
Heimat war noch so stark in ihm als je, aber es war nicht mehr die des Knaben,
dem die Heimat eine Mutter ist, die ihn hätschelnd in die Arme nimmt; es war
die Liebe des Mannes. Die Heimat war ihm ein Weib, ein Kind, für das es zu
schaffen ihn trieb.
Wer heute in das Haus hineinsehen konnte mit den grünen Fensterladen, etwa
eine Stunde vor Mittag, der merkte wohl, daß die Gedanken seiner Bewohner
nicht im gewöhnlichen alltäglichen Geleise gingen. Man konnte es sehen an der
Art, wie die Leute aufstanden und wie sie sich setzten, wie sie die Türen
öffneten und schlossen, wie sie Dinge anfaßten und wieder wegstellten, mit
denen sie weiter nichts taten, als sie nehmen und wieder hinstellen, und offenbar
auch weiter nichts tun wollten. Wer sich besinnt, in welcher Gemütslage er am
öftesten die Uhr aus der Tasche zog, und noch ehe er sie wieder in die Tasche
versenkt, schon vergessen hatte, welche Zeit es sei, und sie wieder hervorholte,
und da er nicht wußte, warum er das getan, sie an das Ohr hielt, und ohne gehört
zu haben, ob sie noch ging oder nicht, den Uhrschlüssel suchte und sie aufzog,
vielleicht zum dritten Male in Zeit von einer Stunde: der wird, falls er sich noch
besinnen kann auf das, was er schon damals nicht wußte, als er es tat, erraten
können, was die Leute zu aller der zwecklosen Tätigkeit verleitet. Auch der
junge Herr, der eben zum sechsten Male seit einer Stunde seine Uhr aufziehen
will, ist so wenig mit dem Bewußtsein bei diesem Geschäft, daß er es in der
nächsten Viertelstunde zum siebenten Male versuchen wird. Dann setzt er seine
wohlgenährte, kurze Gestalt auf den Stuhl am Fenster und ist ungewiß, ob er
hinaus auf die Straße sieht, oder ob er bei den Gedanken ist, die in derselben
zwecklosen Unruhe, die sein Äußeres zeigt, wie Wolkenschatten an seinem
Bewußtsein vorbeiflattern. Er sitzt in schwarzer Sonntagskleidung einer jungen
Frau gegenüber. Er hätte Zeit genug, zu sehen, wie schön sie ist, wie anmutig ihr
das zerstreute Wesen ansteht, — und es kleidet sie weit besser, als ihn. Zuweilen
scheint er es auch zu sehen, aber dann ist es, als wäre es ihm keine Freude. Dann
werden die Gedankenschatten auf seinem Gesichte tiefer und flattern nicht mehr
so schnell darüber hin. Er betrachtet die schönen Züge der jungen Frau genauer,
ja es ist, als ob er sie belauere, als ob er sich sorgenvoll frage, ob sie den
Ausdruck von Widerwillen, der über ihnen hängt, behalten werde, bis — und
klingt dann zufällig ein stärkerer Tritt von der Straße herein an sein Ohr, dann
schrickt er auf, aber er vermeidet ihre schönen, offenen Augen, die sie, vom
Klange des Tritts geweckt, nach ihm hin aufschlagen kann.
Im Gärtchen kann der alte Valentin einem ebenso alten Herrn im blauen Rock
nichts recht machen. Er ist zu aufgeregt und horcht und sieht viel durch den
Zaun nach der Straße, darüber tut er bald zu wenig, bald zu viel; und der alte
Herr schilt manchmal, scheint es auch nur, um seine Bewegung zu verbergen.
Die Hände zittern merklich, mit denen er untersucht, ob die
Buchsbaumeinfassung der kleinen Beete auch so eigensinnig gleichmäßig
geschoren ist, wie er sie geschoren haben würde, besäße er noch das scharfe Auge von ehedem. Der alte Valentin müßte eine Träne von den hohlen Backen
wischen, wie es so oft geschieht, über die Hilflosigkeit des alten Herrn und
tausend Vergleiche zwischen sonst und jetzt, die ihm der Anblick derselben
herbeiruft; aber seine Augen und seine Gedanken sind auf der Straße vor dem
Zaun.
Hinten am Ende des Ganges neben der Tür des Schuppens sitzt auf einem
Haufen Schieferplatten ein ungemütlicher Gesell in Hemdärmeln. Der Ausdruck
seines Gesichts wechselt ohne sichtbaren äußeren Anlaß zwischen widerwärtiger
Zutulichkeit und tückischem Trotz. Er kramt, scheint es, unter seinen Gesichtern,
wie ein Mädchen in ihrem Schmuck. Er hält beide bereit, um das rechte gleich
bei der Hand zu haben. Er weiß noch nicht, welches er brauchen wird.
Vorn durch den Spalt der wenig geöffneten Haustüre lauscht das
Dienstmädchen. Aber keine ihrer Bekannten geht vorbei. Bald wird sie auf einen
Vorwand sinnen, die erste beste vorüberwandelnde Gestalt anzuhalten, nur um
wie gelegentlich anzubringen, das Haus erwarte heute seinen jüngeren Sohn aus
der Fremde zurück. Einstweilen sagt sie es dem alten Hunde, der, bemüht, die
verschiedenen Gruppen durch sein Ab- und Zugehen in Verbindung zu erhalten,
eben bei ihr angekommen ist. Und sogleich wendet er sich nach dem Hofe
zurück, wie um weiter zu sagen, was er vernommen. Der alte Hund ist von der