Abendlied an die Natur

Gottfried Keller · Kapitel 1 von 1

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Abendlied an die Natur

Abendlied an die Natur

Gottfried Keller

 

Hüll' ein mich in die grünen Decken,

Mit deinem Säuseln sing mich ein,

Bei guter Zeit magst du mich wecken

Mit deines Tages jungem Schein!

Ich hab mich müd in dir ergangen,

Mein Aug' ist matt von deiner Pracht.

Nun ist mein einziges Verlangen, Im

Traum zu ruhn, in deiner Nacht.

Des Kinderauges freudig Leuchten

Schon fingest du mit Blumen ein,

Und wollte junger Gram es feuchten,

Du scheuchtest ihn mit buntem Schein.

Ob wildes Hassen, masslos Lieben

Mich zeither auch gefangen nahm:

Doch immer bin ich Kind geblieben,

Wenn ich zu dir ins Freie kam!

Geliebte, die mit ew'ger Treue

Und ew'ger Jugend mich erquickt,

Du einz'ge Lust, die ohne Reue

Und ohne Nachweh mich entzückt –

Sollt' ich dir jemals untreu werden,

Dich kalt vergessen, ohne Dank,

Dann ist mein Fall genaht auf Erden,

Mein Herz verdorben oder krank!

O steh' mir immerdar im Rücken,

Lieg' ich im Feld mit meiner Zeit!

Mit deinen warmen Mutterblicken

Ruh' auf mir auch im schärfsten Streit'

Und sollte mich das Ende finden,

Schnell decke mich mit Rasen zu;

O selig Sterben und Verschwinden

In deiner stillen Herbergsruh!

Tag der Veröffentlichung: 18.08.2011

 

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