Benfield House
Kapitel 1
England 1902
Die Kutsche hielt vor dem Herrenhaus nahe des Dorfes Benfield in der Grafschaft Berkshire. Simon Butler öffnete die Tür des Gefährts und stieg aus, streckte seine Glieder nach der langen Reise und würde das Gefühl der holpernden und wankenden Kutsche noch eine ganze Weile in seinen Knochen spüren. Gut, dass er seinen schwarzen Mantel trug, denn das feuchte und kühle Herbstwetter hier in Berkshire war unangenehm und kroch einem in die Glieder. Er sah zum Haus und begutachtete es mit einem prüfenden Blick. Nebelschwaden zogen durch die Luft, krochen am Boden entlang und hüllten das Haus und die Landschaft in undurchdringliches Grau.
Benfield House war nicht besonders groß, besaß nur zwei Stockwerke, ein Türmchen und Butzenfenster. Die Außenfassade war mit Efeu bedeckt und versteckte einen Teil des Gemäuers unter seinen saftigen Blättern. In der Eingangstür stand ein Mann in einer Öljacke und erwartete die Ankömmlinge schon. Die Schiebermütze hatte er tief in die Stirn gezogen, doch er lächelte freundlich. Joseph Baker, der Verwalter des Anwesens, welches Simon vor drei Monaten von seinem Vater geerbt hatte, erwartete sie schon.
»Du liebe Güte«, hörte Simon die Stimme seiner Schwester Ottilia neben sich. »Wäre ich nur in London geblieben. Was für ein trauriger Anblick.«
Simon seufzte und blickte zu seiner Schwester, die ebenfalls in Trauer gekleidet war. Tilia hatte recht. Dieses Haus sah wirklich nicht sehr einladend aus und ein Gefühl von Schwermut erfasste Simon, die irgendwie vom Haus selbst auszugehen schien und sich auf ihn übertrug. Sogar die Bäume und Sträucher um das Haus herum wirkten trist und grau, genau wie der Himmel über ihnen. »Nun, alleine wollte ich dich nicht in der Stadt zurücklassen. Wir werden sehen, ob wir aus diesem alten Kasten ein Zuhause für uns machen können.« Aufmunternd nickte er ihr zu. »Versuchen wir es wenigstens.« Damit setzte er sich in Bewegung und lief zum Eingang, um Mr. Baker zu begrüßen. Sie gaben sich die Hand und Simon lächelte den älteren Mann mit den Fältchen um die grauen Augen an. »Guten Tag. Sie müssen Mr. Baker sein. Schön Sie endlich persönlich kennenzulernen.«
»Sie sind dann wohl Mr. Butler. Willkommen in Benfield, Sir.«
»Danke.« Simon trat einen Schritt beiseite und machte Mr. Baker mit Ottilia bekannt. »Darf ich Ihnen meine Schwester vorstellen? Sie wird ebenfalls hier wohnen.«
Mr. Baker nahm Tilias Hand und verneigte sich. »Erfreut Sie kennenzulernen, Miss Butler. Auch ein herzliches Willkommen für Sie.«
In dem Moment erschien eine Frau in der Tür. Sie lächelte nicht, ihr braunes Haar war streng zurückfriesiert und sie trug ein schlichtes, dunkelblaues Kleid mit einer weißen Schürze. »Ah, da bist du ja Mary. Darf ich vorstellen: Meine Frau.« Mrs. Baker machte einen höflichen Knicks und senkte den Blick, sagte jedoch nichts. »Dies sind Simon und Ottilia Butler, die neuen Herren von Benfield House. Bitte führe Sie doch ein wenig herum und zeige ihnen ihre Zimmer, während ich mich um das Gepäck kümmere.«
Simon hatte das große Schlafzimmer direkt neben dem Turmzimmer bezogen, seine Schwester das Zimmer am anderen Ende des Ganges mit Blick auf den Garten und die Stallungen. Wie er erfahren hatte, war es Mrs. Bakers Aufgabe, sich um die häuslichen Arbeiten zu kümmern, wie putzen, kochen und die Wäsche. Mr. Baker verwaltete das Anwesen und war außerdem verantwortlich für anfallende handwerkliche Arbeiten, wie Reparaturen, Holz hacken, den Stall und die Pferde. Einmal in der Woche kam ein Mann aus Benfield, der sich um den Garten kümmerte und die dazugehörigen Gräber, welche sich in einem abgelegenen, mit einem schmiedeeisernen Zaun umgrenzten Teilstück des Gartens befanden. Simon blickte hinaus aus dem Fenster, wo Nebel über den feuchten Rasen waberte und der graue Himmel immer dunkler wurde. Der Bracknell Forest begann hinter der Mauer, welche das Anwesen umgab. Der Wald wirkte finster, kalt und nicht gerade besonders einladend für gemütliche Spaziergänge. Nebelfetzen stiegen daraus empor, die sich mit den tiefhängenden Wolken vermischten. Die Sonne ging gerade unter und in einer Stunde würde das Dinner fertig sein. Solange hatte Simon eigentlich vorgehabt, sich von den Strapazen der Reise auszuruhen, doch nachdem er das Haus gesehen hatte, war er innerlich unruhig und nervös. Das Gebäude war gut in Schuss, wenn es auch alt war und leider nicht alle Annehmlichkeiten bot. Es gab kein fließendes Wasser, Gasleitungen sowieso nicht und beheizt wurde Benfield House nur durch Kamine. Es war schade, dass er hier nicht den gewohnten Komfort wie in London genießen konnte, daran musste Simon sich erst einmal gewöhnen. Energisch zündete er einige Kerzen in einem Kandelaber an, um in diesem Zwielicht überhaupt etwas erkennen zu können. Simon würde mit Baker reden müssen, ob sich vielleicht ein paar Neuerungen realisieren lassen würden, wie zum Beispiel Gas- beziehungsweise Öllampen und eine Telefonleitung. Es wäre äußerst praktisch, wenn er bei einem Notfall schnellstens erreichbar wäre, schließlich war er Arzt und bei seiner Arbeit ging es oftmals um Leben und Tod.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Tilia stürmte ins Zimmer. »Wie soll ich denn so leben?«, wetterte sie los und ließ sich in einen Sessel vor dem Kamin plumpsen. Ihr schwarzes Haar war zu einem unordentlichen Zopf geflochten, aus dem sich ein paar widerspenstige Strähnen lösten. Anklagend blickte sie ihn mit ihren braunen Augen an. »Dieses Haus ist ein einziges zugiges Loch, es wird überhaupt nicht richtig warm und genügend Licht gibt es auch keins. Die Kerzen flackern die ganze Zeit, ich kann nicht einmal mein Buch genießen, weil mir davon die Augen wehtun. Oh Simon, hier muss etwas passieren, sonst gehe ich wieder zurück nach London.«
Simon seufzte, fuhr sich mit der Hand durch seine ebenso schwarzen Locken, ging zu ihr und setzte sich neben sie auf die Sessellehne. »Ich weiß, Benfield House ist nicht gerade fortschrittlich, aber ich werde sehen, was ich ausrichten kann. Geld sollte kein Problem sein, nachdem wir Vaters Vermögen geerbt haben, da sollte die ein oder andere Neuerung auf jeden Fall realisierbar sein.«
»Als erstes müssen die Lichtverhältnisse verbessert werden«, erwiderte Tilia. »Wie halten die Bakers das hier nur aus?«
Da schmunzelte Simon. »Die Bakers wohnen im Dorf. Sie kommen jeden Tag von Benfield hierher und abends gehen sie wieder nach Hause.«
»Aber das ist doch völlig unwirtschaftlich. Es wäre besser, sie würden hier wohnen. Es gibt ja schließlich das Gesindehaus, da ist genügend Platz. Ich fürchte sowieso, dass Mrs. Baker bald mit der Arbeit überfordert sein wird. Wir sollten noch ein Hausmädchen einstellen.«
Das war mal wieder typisch Ottilia, immer um das Personal besorgt. »Ich werde darüber nachdenken«, meinte er und stand dann auf, lehnte sich mit einer Hand gegen den Kaminsims und stocherte mit einem Schürhaken in den Scheiten herum, um das Feuer neu anzufachen. »Morgen früh muss ich sowieso nach Benfield, um die neue Praxis in Augenschein zu nehmen. Dabei könnte ich eine Anzeige in der Lokalpresse aufgeben, wenn du das möchtest.«
Tilia blickte Simon traurig an. »Warum mussten wir hierher ziehen Simon? Hätten wir nicht in der Stadt bleiben können? Vater hat uns genug Geld vererbt und von diesem Haus haben wir überhaupt nichts gewusst. Unser ganzes Leben lang haben wir geglaubt, dass er aus London stammt. Jetzt ist er tot und wir haben erfahren, dass er von hier stammt, es sogar einen Familienlandsitz gibt. Nur, wo ist der Rest seiner Familie? Wir wissen nichts, Vater hat nie von Geschwistern oder Tanten und Onkeln gesprochen. Seine Eltern sind schon lange tot. Ich weiß einfach nicht, was ich von all dem halten soll.«
Seufzend wandte sich Simon zu ihr um. »Ich kann dich sehr gut verstehen«, entgegnete er und seine dunklen Augen sahen sie mitfühlend an. »Aber ich bitte dich, dem hier wenigstens eine Chance zu geben.«
Ottilia wollte gerade protestieren, da hob Simon die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. »Aus einem ganz einfachen Grund«, fuhr er fort. »Ich stelle mir genau dieselben Fragen. Vielleicht können wir ja irgendetwas in Erfahrung bringen. Ich werde mir mal die Gräber anschauen, dort müssten einige unserer Verwandten ihre letzte Ruhe gefunden haben, wenn das hier schon der Landsitz der Familie Butler ist.«
Tilia stand seufzend auf, ging zu Simon und gab ihm einen Schmatzer auf die Wange. »Wie du meinst, Bruderherz. Dann gehe ich mal hinunter in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht kann ich Mrs. Baker ja zur Hand gehen. Wir sehen uns dann beim Dinner.« Damit verließ sie resoluten Schrittes das Zimmer.
Simon sah ihr nach und fühlte sich miserabel, weil er Tilia das antat. Er wusste, wie lebensfroh und fröhlich seine Schwester normalerweise war. Seit der Ankunft hier wirkte sie jedoch niedergeschlagen und ein wenig bedrückt. Dasselbe konnte er auch von sich selbst behaupten. Als ob dieses Anwesen einen negativen Einfluss auf ihn ausübte. Simon war schon immer sehr sensibel gewesen, nahm die Schwingungen seiner Umwelt wahr, die Gefühle und Launen der Menschen, in deren Gesellschaft er sich befand. Auch auf sein Bauchgefühl konnte er sich immer verlassen, und gerade jetzt sagte ihm dieses Bauchgefühl, dass es besser wäre mitsamt seinen Siebensachen wieder das Weite zu suchen. Doch fürs Erste blieb ihm nichts weiter übrig, als zu bleiben. Er war kein Mensch der vorzeitig das Handtuch warf, schließlich waren sie gerade erst in Benfield angekommen. Also schob er das mulmige Gefühl von sich, ging zu seinen Koffern und fing an auszupacken. Bis zum Dinner konnte er seine Zeit wenigstens sinnvoll nutzen, wenn er schon nicht zur Ruhe kam.
In der Nacht erwachte Simon von einem Geräusch. Zuerst wusste er nicht, was es war. Er setzte sich auf und lauschte, starrte in die undurchdringliche Dunkelheit des Zimmers. Ein leises Knarren war zu vernehmen, sonst nichts, außer seinem eigenen Herzschlag, der dumpf in seinen Ohren pochte. Es war kalt, das Feuer im Kamin schon lange erloschen. Die Kälte kroch ihm durch die Glieder und seine Zähne fingen an zu klappern, obwohl er in dicke Decken und Laken eingepackt war. Was war es nur, dass ihn geweckt hatte? Simon legte sich wieder zurück ins Kissen, da ertönte das Geräusch wieder. Deutlich und eindringlich war es zu hören und zerrte an seiner Seele. Es trieb ihm Tränen in die Augen und sein Herz pochte zum Zerspringen. Himmel, was war das nur? Konnte es vielleicht der Wind sein, der um das alte Gemäuer pfiff? Nein, es klang tatsächlich wie das Weinen eines kleinen Kindes, das nicht älter war, als ein oder zwei Jahre, praktisch noch ein Baby. Das Weinen wurde schwächer, schwoll wieder an und es kam Simon so vor, als ob dieses Geräusch durch die Mauern und Wände des Hauses wanderte. Er schluckte schwer und zog sich die Decke bis ans Kinn. Wann hörte das auf? Er hielt es nicht mehr aus, fing selbst an, still zu weinen.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine völlig verängstigte Ottilia stürzte in sein Zimmer. Sie hielt eine Kerze in der Hand, die sie auf dem Nachttisch abstellte und dann zu ihm ins Bett stieg. Sie zog die Decke über sich und klammerte sich an ihn. »Was ist das Simon?«, fragte sie atemlos. »Hörst du das auch oder werde ich verrückt?«
»Ich höre es auch«, antwortete er und zog seine Schwester an sich. »Es klingt wie ein kleines Kind. Ein sehr trauriges Kind.«
»Es soll aufhören. Da kann man ja nicht schlafen bei dem Krach.« Tilia klang, als ob sie ebenfalls kurz vor einem Tränenausbruch stand. Angst stand in ihren Augen, ihr dunkles Haar hing wirr um ihren Kopf und sie zitterte.
Simon wischte sich die Tränen von den Wangen und lauschte. Das Weinen wurde leiser und verstummte dann. Eine ganze Weile waren beide still und warteten darauf, ob das Geräusch wiederkam, doch die Minuten verstrichen und nichts passierte. Simon entspannte sich langsam. »Ich glaube es ist vorbei Tilia«, flüsterte er in die Stille hinein. Das Zimmer wurde von der Kerzenflamme nur spärlich erleuchtet und flackerte wild, Schatten waberten an Wänden und in den Ecken, die eisige Kälte war ebenfalls verschwunden. An ihre Stelle trat ein Frösteln, welches in Simons Innersten seinen Ursprung hatte. Sein Bauchgefühl hatte ihn ja vorgewarnt.
»Ich bleibe heute Nacht bei dir. Keine zehn Pferde kriegen mich jetzt da raus, Simon.« Tilias Ton war bestimmt und sie würde sich nicht davon abbringen lassen.
»Keine Sorge«, erwiderte Simon »Ich habe ehrlich gesagt auch keine Lust, heute Nacht alleine zu sein. Ich wäre sogar froh, wenn du hierbleibst.«
Sie machten es sich im Bett gemütlich und kuschelten sich aneinander. Die Kerze ließen sie brennen.
»Simon«, murmelte Tilia noch. »Ich glaube, wir haben ein Spukhaus geerbt.«