Benfield House

Aileana Blair · Kapitel 4 von 4

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Benfield House

Kapitel 4

 

Simon verschluckte sich beinahe an seinem Portwein und sah Oliver völlig entgeistert an. »Sie scherzen doch wohl? Wenn Sie der Meinung sind, dass ich Ihnen das glaube, dann befinden Sie sich aber auf dem Holzweg.«

Oliver lachte leise und sah in das knisternde Feuer des Kamins. »Ich werde Sie nicht versuchen zu überzeugen, Mr. Butler. Dass Sie ein Skeptiker sind, merkt man.«

Simon blickte ihn an, antwortete aber nicht. Mr. Cox hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen, allein durch die ruhige und bestimmte Art, mit der er dies sagte.

»Nun, ich kann Ihnen jedoch versichern, dass wir in diesem Moment nicht alleine im Raum sind. Merklich wärmer ist es auch noch nicht geworden, das haben Sie sicher schon bemerkt.«

Jetzt wirkte Simon verunsichert und sah sich verstohlen im Zimmer um. »Was meinen Sie damit, wir sind nicht alleine hier? Natürlich sind wir alleine. Ich sehe hier nur Sie und mich. Und die Kälte kommt von den dicken Mauern dieses Hauses. Sie kriecht einfach hinein und setzt sich dort fest, das ist der Grund. Der Nebel tut sein Übriges dazu, da er die Sonne verdeckt. In Benfield House wird es wahrscheinlich niemals richtig warm.«

»Die Kälte kommt von der Anwesenheit des kleinen Jungen«, erwiderte Oliver seelenruhig und sah zu der Stelle, die er vorhin schon angestarrt hatte, als er den Raum betrat. »Ich sehe ihn schon seit meiner Ankunft hier. Er ist immer an Ihrer Seite, Mr. Butler.«

»Mumpitz. Was denn für ein kleiner Junge? Hören Sie auf damit Mr. Cox, oder ich werde Sie und Ihren Bruder des Hauses verweisen.« Ärger kroch in Simon hoch. Was redete der Mann da nur?

»Warum haben Sie uns dann erst eingeladen und um Hilfe gebeten?«

»Meine Schwester«, presste Simon hervor. »Sehen Sie, ich kann meiner Schwester einfach nichts abschlagen. Ich liebe sie und sie ist alles, was ich noch habe. Unsere Eltern sind tot, mein Vater ist erst vor drei Monaten von uns gegangen, andere Verwandte gibt es nicht. Ich möchte Ottilia einfach nur glücklich sehen.«

Oliver nickte verstehend. »Ah, deswegen tragen Sie Trauer. Mein herzliches Beileid.«

»Danke«, murmelte Simon und senkte den Blick. »Ich bin nun mal eher ein praktischer Mann, ich glaube nicht an Spukwesen und diesen ganzen Hokuspokus.«

Oliver nahm gedankenverloren einen Schluck aus seinem Glas. »Aber Ihre Schwester glaubt daran. Und Sie selbst haben eine kleine Gabe, Mr. Butler. Ich bin mir sicher, Ihr Gefühl hat Sie noch nie betrogen.«

Als Antwort brummte Simon nur missmutig.

Plötzlich stand Oliver auf, stellte sein Glas auf dem Beistelltisch ab, ging dann zu Simon und legte eine Hand auf dessen Schulter. »Schließen Sie die Augen.«

»Was? Wieso?« Simon blickte verwirrt zu Oliver auf. Er spürte die Wärme seiner Hand durch den Stoff seines Jacketts. Es war eine große, kräftige Hand, deren Berührung ihm eine wohlige Gänsehaut verursachte. Wärme strahlte davon aus, die sich langsam in ihm auszubreiten schien.

»Kommen Sie, schließen Sie die Augen«, bekräftigte Oliver ihn mit einem kleinen Lächeln und sanfter Stimme.

Simon konnte nicht anders und tat was er sagte. »Was haben Sie vor, Mr. Cox?«

»Ich werde es Ihnen zeigen. Aber erschrecken Sie nicht, wenn Ihnen schwindelig wird, das passiert immer.«

Plötzlich fühlte Simon sich irgendwie leicht und als ob er fiel. Erschrocken wollte er die Augen öffnen, doch er konnte nicht. Spürte nur Olivers Hand, dessen Finger sich nun förmlich in seine Schulter krallten. Und auf einmal sah er sich selbst, wie er hier im Raum vor dem Kamin stand und das Feuer in Gang brachte. Dann glitt sein Blick in die Mitte des Raumes, wo ein kleiner Junge saß, nicht älter als anderthalb oder zwei, und ihn mit traurigen Augen ansah. Der Junge trug einen dunkelblauen Matrosenanzug, hatte dunkle Augen und schwarzes Haar. Das Kind drehte den Kopf und bewegte die Lippen, doch kein Laut kam heraus. Dann sah Simon wieder sich selbst, wie er beim auftauchen von Oliver erschrak. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er sah die Szene von vorhin, nur aus Oliver Cox’ Sicht. Und der kleine Junge war da, genau wie er gesagt hatte.

Da nahm Oliver die Hand von Simons Schulter. Die Bilder vor seinem geistigen Auge verschwanden und er konnte sie daraufhin wieder öffnen. Nach Luft schnappend sprang Simon auf und sah Oliver hektisch an. »Wie haben Sie das gemacht?« Dann glitt sein Blick zu der Stelle, an der er das Kind gesehen hatte und er lief hin. Mit dem Finger zeigte er darauf. »Da. Ist dieser Junge immer noch da?«

Oliver nickte. »Er ist immer da, wo Sie sind.«

»Aber ... aber ...«, stammelte Simon und holte dann einmal tief Luft, um sich wieder zu beruhigen. Das konnte überhaupt nicht sein. Was auch immer Mr. Cox da mit ihm gemacht hatte, es hatte den gewünschten Effekt. Simon glaubte beinahe, was er eben vor seinem inneren Auge gesehen hatte. Es war so real, als ob er tatsächlich in Olivers Körper gewesen wäre und alles aus dessen Sicht gesehen hatte.

»Was auch immer Sie eben mit mir gemacht haben, das war ein ziemlich guter Trick. Beinahe hätte ich Ihnen geglaubt.« Er schüttelte ungläubig den Kopf und lief hinüber zum Kamin, um sich die klammen Hände zu wärmen.

»Es war kein Trick, Mr. Butler.« Simon zuckte zusammen, als Oliver direkt hinter ihm stand, seine raue Stimme so nah war. Simon wandte den Kopf um und blickte zu ihm. Olivers blaue Augen sahen ihn eindringlich an. »Und Sie wissen das. Sie spüren es doch, leugnen Sie es nicht.«

Simons Herz fing mit einem Mal an heftig zu klopfen, ihm wurde heiß unter diesem wilden Blick, in der Nähe dieses Mannes, den er nicht verstand. Wieder schaute er zu der Stelle, wo sich der Geist des kleinen Jungen befand. »Ist er wirklich da?«, wisperte er. »Immer noch?«

»Ja.« Oliver neigte den Kopf ein kleines Stück vor und seine dunkelblonden Locken fielen ihm dabei verwegen in die Stirn. So nah, viel zu nah. Wieso machte er das, was bezweckte er damit?

Auf einmal hörte Simon die Stimmen von Nathan und Tilia, die näher kamen. Oliver wandte sich hastig um und ging zurück zu seinem Sessel, wo er sich setzte.

Schon betraten Simons Schwester und Nathan den Raum, lächelnd und leicht außer Atem.

»Ein wunderschönes und faszinierendes Haus, in dem Sie da wohnen«, stieß Nate aufgeregt hervor und lächelte Simon mit diesen umwerfenden Grübchen an. »Wirklich. Und ich spüre ganz klar die Anwesenheit einer verlorenen Seele.«

»Nate - also Mr. Cox - wird uns helfen, Simon. Ist das nicht wunderbar?« Tilias Augen leuchteten und sie sprühte nur so über vor guter Laune.

»Ja, ganz wunderbar«, presste Simon zwischen den Zähnen hervor. »Ich frage mich nur, wie man da solch gute Laune bei haben kann.«

Er bemerkte den Blick zwischen Nathan und seinem Bruder, und wie dieser dann unmerklich nickte.

»Ganz einfach, Mr. Butler«, ergriff Nate das Wort. »Die Aussicht darauf, eine Seele zu erlösen und ihr ins Licht zu verhelfen ist ein Grund für gute Laune. Wir können bald mit der Arbeit beginnen.«

»Wieso können Sie denn nicht sofort damit anfangen?«

»Erst müssen wir etwas mehr über die Hintergründe herausfinden. Was können Sie uns über Benfield House sagen? Gab es in der Vergangenheit ungewöhnliche Ereignisse, ungeklärte Todesfälle, Mord? Irgendetwas in der Art?«

Ottilia schlug schockiert die Hand vor den Mund, Simon riss empört die Augen auf, dann zog sich wieder eine unangenehme Röte über sein Gesicht, bis hin zu seinen Ohren, welche daraufhin leuchteten, wie Tomaten. Er räusperte sich, straffte dann die Schultern und hob trotzig das Kinn. »Tut mir leid, aber davon weiß ich nichts. In meiner Familie gab es noch nie einen Vorfall dieser Art, schon gar keinen Mord. Und bis vor drei Monaten wusste ich noch nicht einmal etwas von der Existenz dieses Hauses.«

Nathan schnalzte mit der Zunge und legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. »Das ist nicht gut«, erwiderte er. »Das bedeutet, wir müssen bei Null anfangen.«

»Was soll das heißen, bei Null?«

»Wir müssen mehr über frühere Bewohner herausfinden.« Oliver sprach jetzt, er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel und nippte an seinem Portwein. »Wir sollten den Verwalter und seine Frau fragen, vielleicht können sie uns ja etwas mehr erzählen. Eventuell sollten wir auch an die Bewohner von Benfield wenden. Die sollten doch bestimmt Näheres wissen, schließlich wird immer getratscht und vor allem die älteren Bewohner sollten solche Dinge mitbekommen haben.«

»Außerdem könnten wir im Haus selbst suchen. Vielleicht finden sich ja Hinweise auf dem Speicher oder im Keller. Oder in alten Familienchroniken, falls von Ihrer Familie so etwas existiert.« Fragend blickte Nathan Simon an.

Dieser seufzte und ließ die Schultern dann hängen. »Nun gut. Dann werden wir morgen mit der Suche beginnen. Heute möchte ich nur noch meine Ruhe. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.« Damit verließ Simon das Kaminzimmer.

Tilia sah ihrem Bruder mit großen Augen nach.

»Ihr Bruder hat recht«, meinte Nathan, ergriff lächelnd Tilias Hand und hauchte einen Kuss darauf. »Es war ein langer Tag. Oliver und ich werden uns ebenfalls für die Nacht zurückziehen. Schlafen Sie gut, Miss Butler.«

Texte: Aileana Blair

 

Bildmaterialien: Aileana Blair/Bildquelle: pixabay Lektorat: Ein großer Dank an Shan O'Neall!

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 03.11.2017

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