Benfield House
Kapitel 2
Simon saß müde aber frisch gewaschen und rasiert am Frühstückstisch und trank einen Schluck Kaffee. Tilia packte sich gerade Rührei auf den Teller und schmierte danach etwas Marmelade auf einen Toast. Dunkle Ringe zeigten sich unter ihren Augen, die durch das schwarze Kleid, welches sie trug, noch hervorgehoben wurden. »Ich bleibe keine Sekunde länger in diesem Haus«, grummelte sie. »Noch so eine Nacht überstehe ich nicht. In Benfield gibt es eine Pension, dort werde ich mich einquartieren.« Sie sah auf und blickte Simon direkt ins Gesicht. Hektische Flecken standen auf ihren Wangen und ihre Augen schossen Blitze. »Ein Geist, Simon! Dieses Haus ist verflucht.«
Simon schmunzelte über Tilias Unmut. »Wenn es so etwas wie Geister überhaupt gibt. Vielleicht war es nur der Wind, der letzte Nacht um das Gemäuer gefegt ist und diese Geräusche verursacht hat. Lass dich doch von so etwas nicht gleich entmutigen.« Er war mittlerweile selbst nicht mehr sicher, was genau sich letzte Nacht abgespielt hatte. Ja, er hatte etwas gespürt, aber er konnte einfach nicht an Geister glauben. Die gab es nur im Märchen. Dieses Haus war alt und zugig, es konnte nur der Wind gewesen sein, der diese Geräusche verursacht und sie in Angst und Schrecken versetzt hatte. Eine ganz logische Sache.
»Das ist ja mal wieder typisch«, entgegnete Tilia hitzig. »Du leugnest das Offensichtliche. Ich habe die Tränen auf deinen Wangen gesehen, liebster Bruder. Du warst genauso verstört wie ich. Es gibt sehr wohl Geister. Stell dir vor, in London gibt es sogar ein Medium, das sich solcher Fälle annimmt. Mr. Cox ist sehr bekannt und wird oft zu Hilfe gerufen, wenn es Probleme dieser Art gibt. Er soll sehr versiert sein und hat schon vielen geholfen.«
Skeptisch hob Simon eine Augenbraue. »Ein Medium? Probleme dieser Art? An solchen Hokuspokus glaube ich tatsächlich nicht.«
»Dann werde ich nach dem Frühstück nach Benfield fahren und dort bleiben, bis ich eine Möglichkeit gefunden habe, zurück nach London zu gehen.« Sie sah sich im Speisezimmer um und verzog das Gesicht, als ob sie jeden Moment wieder dieses unheimliche Weinen erwartete. »Hier halte ich es nicht mehr aus. Ich wäre gestern Nacht beinahe gestorben vor Angst.«
»Du wirst nirgendwo hingehen, Ottilia. Ich bin dein Bruder und für dich verantwortlich, solange du unverheiratet bist. Du bleibst hier.«
Verärgert schlug Tilia mit der Handfläche auf den Tisch. »Du willst mich also zwingen?«
»Wenn ich keine andere Wahl habe«, entgegnete Simon.
»Gut«, meinte sie mit Nachdruck, stand dann auf und verließ mit rauschenden Röcken das Zimmer. Auf dem Weg nach draußen fauchte sie noch: »Wenn du darauf bestehst. Aber ich werde dieses Medium kontaktieren, er kann uns bestimmt helfen.«
»Das ist doch bloß ein Scharlatan, der einem nur das Geld aus der Tasche ziehen will«, rief Simon ihr nach, doch von Tilia kam keine Antwort. Sie war schon weg.
Eine Stunde später ritt er über die Wiesen und Felder von Benfield. Das Wetter an diesem Vormittag war klar aber kühl. Für Mitte September eigentlich etwas zu kühl, für Berkshire jedoch anscheinend Normalität. Was wohl daran lag, dass es auf dem Land generell immer ein paar Grad kühler war, als in der Stadt. Simon wünschte, die Sonne würde sich zeigen, er konnte ihre Wärme und Kraft gerade heute gut brauchen. Doch er fragte sich, ob die Sonne hier überhaupt jemals zum Vorschein kam. Simon fror, weswegen er über seiner Reithose und dem Jackett einen dicken Mantel trug, den Kragen aufgeschlagen, um den strengen Wind abzuhalten.
Irgendwann wurde sein Pferd langsamer und lief im Schritt weiter. Simon befand sich am Rande des Bracknell Forest und ein kalter Schauer lief ihm mit einem Mal den Rücken hinab. Er stoppte die rotbraune Stute und blickte in das Dickicht hinein. Nichts als undurchdringliche Dunkelheit war zu erkennen, als ob jedes bisschen Licht vom Wald einfach verschluckt wurde. Kein Vogel war zu hören, nur Stille und das Rauschen der Blätter im Wind. Eine Gänsehaut überzog ihn plötzlich, eine unnatürliche Kälte kroch aus dem Waldstück heraus und Simons Herz fing an zu klopfen. Genau wie letzte Nacht, dachte er und sofort stellte sich der Drang ein, wegzulaufen.
Simon blickte um sich, Benfield House thronte in der Ferne auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von diesem seltsamen Nebel und schloss direkt an den Waldrand an. Er lenkte sein Pferd um, stieß die Hacken in dessen Flanken und sofort fiel die Stute in Galopp. Nur weg von dieser gespenstischen Szene war alles, was Simon denken konnte. Vielleicht war Tilias Idee mit dem Medium gar keine so schlechte Idee. Irgendetwas unerklärliches ging hier in Benfield vor sich, und Simon wollte wissen, was es war. Und Tilia kannte ihn gut genug um zu wissen, dass sie mit dem, was sie vorhin gesagt hatte, recht hatte. Er besaß eine Gabe, sein Gefühl war untrüglich und auch wenn sein Verstand ihm oft mit Vernunftdenken kam und er deswegen vieles einfach abtat, sollte er doch selbst am besten wissen, dass seine innere Stimme immer Recht behielt.
Als er beim Stall angekommen war, nahm Mr. Baker sein Pferd in Empfang. Simon sah den großen und kräftigen Mann von der Seite an, der wieder die übliche Öljacke und die Schiebermütze trug. »Sagen Sie Mr. Baker«, fing er vorsichtig an. »Sind hier schon einmal ... nun ja ... seltsame Dinge geschehen?« Dabei studierte Simon das Gesicht des Mannes genau, damit ihm keine einzige Regung entging. »Haben Sie hier schon mal eine unnatürliche Kälte gespürt? Oder ... oder ungewöhnliche Geräusche gehört, irgendetwas in der Art?«
Baker sah ihn verwirrt an. »Wie meinen?«
Simon hatte das Aufflackern in Mr. Bakers Augen bemerkt, auch den harten Zug um seinen Mund - nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann war wieder das freundliche Lächeln auf dessen Gesicht erschienen. Baker wusste irgendwas. Ihm war ganz bestimmt schon einmal etwas aufgefallen, schließlich arbeitete er hier schon einige Jahre. »Wie lange sind Sie jetzt schon auf dem Anwesen tätig?«, wollte Simon wissen.
Baker räusperte sich und nahm der Stute den Sattel ab. »Das sind jetzt sechs Jahre, Sir.«
»Nur sechs Jahre, nicht lang genug«, murmelte Simon zu sich selbst, dann sah er wieder zu Baker. »Sind Sie zufrieden hier? Macht Ihnen die Arbeit Spaß und verdienen Sie auch genug?« Simon hatte keine Ahnung, warum er diese Fragen stellte, jedoch kamen sie über seine Lippen und er konnte nichts mehr daran ändern.
Erstaunt sah Joseph Baker zu ihm, als er das Halfter samt Trense vom Kopf der Stute entfernte. »Ähm ... ja. Ich kann mich nicht beschweren. Ihr Vater – Gott hab ihn selig – hat mir ein sehr gutes Gehalt eingeräumt. Mehr als doppelt so viel wie üblich für eine Verwaltertätigkeit. Dafür verlangte er nichts weiter, als Loyalität und Vertrauen.«
Simon nickte und senkte nachdenklich den Blick. Er entschied, dass er es vorerst auf sich beruhen ließ, setzte ein Lächeln auf und blickte Baker an. »Sehr schön. Ach bitte spannen Sie doch die Kutsche in einer Stunde an, Mr. Baker. Ich möchte nach Benfield fahren, da ich dort einen Termin mit Dr. Hutchins habe, dessen Praxis ich demnächst übernehmen werde.« Daraufhin ging er zum Haus um sich umzuziehen und noch ein paar Sandwiches zu sich zu nehmen, denn vor dem Abend würde er nicht zurück sein.
Gerade als er das Haus betrat, kam Tilia die Treppe hinunter. »Ah Simon, da bist du ja.« Ihre Stimme klang gepresst, sie war immer noch verärgert. »Ich werde mit dir nach Benfield fahren, wenn du einverstanden bist. Ich muss hier raus, diese drückende Atmosphäre schlägt mir aufs Gemüt. Immer ist es nur düster und dunkel, nicht ein Sonnenstrahl fällt durch die Wolken und den immerwährenden Nebel. Ich werde nicht einmal einen Spaziergang machen können nach dem Brunch. Und alleine will ich hier nicht bleiben.«
Simon ging zu ihr und legte die Hände auf ihre Schultern. In ihrem Blick sah er die Angst und das versetzte ihm einen Stich ins Herz. Er liebte seine Schwester, es tat ihm leid, dass sie mit dreiundzwanzig noch keinen Mann gefunden hatte und jetzt auch noch an ihn gebunden war, seit dem Tod ihres Vaters. »Natürlich kannst du mitkommen«, meinte er sanft. »Du bist ja schließlich keine Gefangene. Während ich mich mit Dr. Hutchins treffe kannst du dir ja Benfield ansehen. Vielleicht gibt es dort ein paar Läden, in denen du etwas Schönes findest.«
Brüsk nickte sie. »Auf jeden Fall gibt es dort ein Amt, wo ich telegrafieren und meine Korrespondenz abschicken kann. Ich werde Mr. Cox kontaktieren, dieses Medium. Er soll sich Benfield House einmal ansehen. Ich hoffe nur, er ist im Moment nicht allzusehr eingespannt und hat Zeit, sich der Sache anzunehmen.«
Simon ließ die Schultern hängen und seufzte. »Musst du dich wirklich an solch einen Scharlatan wenden? Ich halte nichts davon. Er wird uns finanziell schröpfen. Das tun solche von seinem Schlag immer.«
»Nathan Cox ist kein Scharlatan«, entgegnete sie empört. »Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Und wenn ich schon an dieses Haus hier gebunden bin - dank dir, liebster Bruder -, dann will ich nicht mit Geistern und Gespenstern zusammenleben. Er wird uns helfen können, diesen Spuk zu beenden.«
»Verdammt Ottilia«, fluchte Simon. »Wer weiß, was das letzte Nacht war. Ich glaube nicht, dass es ein Geist war.«
»Simon, du hast geheult wie ein kleines Baby und gezittert vor Angst. Also versuche nicht mir weis zu machen, das da nichts war.«
Ergeben seufzte er. »Tu, was du nicht lassen kannst.« Damit ging er zur Treppe und lief nach oben in sein Zimmer, um sich umzuziehen.
Dort angekommen zog er die Handschuhe von seinen Händen und öffnete die Knöpfe seines Mantels, dann ging er zum Fenster, um es zu schließen, denn es war empfindlich kühl im Raum. Simon fröstelte, im Kamin lagen nur noch glühende Kohlen, da das Feuer ausgegangen war. Simon blickte kurz aus dem Fenster in den Garten hinaus und sah dichten Nebel. Gerade als er es schließen wollte, bemerkte er eine Gestalt, die über den Rasen lief. Er lehnte den Kopf ein wenig hinaus, um einen besseren Blick auf die Figur zu erhaschen, doch sie blieb schemenhaft. Nur das weiße Kleid und langes, blondes Haar waren zu erkennen. Die Frau lief in Richtung der Mauer und war dann plötzlich verschwunden.
Was war das jetzt schon wieder gewesen? Simon blinzelte und schüttelte kurz den Kopf, dann sah er sich noch einmal im Garten um, doch da war nichts. Keine Frauengestalt, kein einziges Geräusch, nur der Nebel, welcher sich langsam ein wenig lichtete. Schnell schloss er das Fenster, ging zum Kamin und versuchte das Feuer wieder neu zu entfachen. Was auch immer er da draußen zu sehen gemeint hatte, wahrscheinlich war es nur seiner Fantasie entsprungen, oder es war der Nebel gewesen, der ihm einen Streich gespielt hatte. So etwas ähnliches gab es ja auch in den heißen Wüsten Afrikas – sogenannte Fatamorganas. Vielleicht war das eben ja so ein ähnliches Phänomen gewesen.
Oder aber Simon hatte ernsthafte Probleme.
Vielleicht verlor er aus irgendeinem Grund den Verstand? Als Arzt wusste er, dass die Psyche eines Menschen kompliziert war und einem zuweilen Streiche spielen konnte. Aber er war doch noch jung, Simon hatte keinerlei gesundheitliche Probleme, seine Psyche war so stabil, wie die alten und grauen Mauern von Benfield House. Also musste es der Nebel gewesen sein. Er war sicher nur übernächtigt, schließlich hatten er und Tilia nicht besonders gut geschlafen letzte Nacht.
Als er das Feuer im Kamin wieder zum brennen gebracht hatte, zog er sich eilig um und verdrängte all die dubiosen Gedanken aus seinem Gehirn. Er wollte ins Dorf fahren, Dr. Hutchins treffen und alles mit ihm besprechen, um die Praxis sobald wie möglich zu übernehmen. Dafür brauchte er einen klaren Kopf. Es war einfach nicht die rechte Zeit und auch kein Platz für Grübeleien und Hirngespinste.